Gleichzeit - Sasha Marianna Salzmann - E-Book

Gleichzeit E-Book

Sasha Marianna Salzmann

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Beschreibung

Unmittelbar nach dem Terroranschlag der Hamas auf Israel beginnen Sasha Marianna Salzmann und Ofer Waldman eine Korrespondenz über eine erschütterte Welt – die Welt nach dem 7. Oktober. In Briefen und Chats, mit Gedichten und Musik, die sie einander schicken, versuchen sich die beiden Autor:innen an einer Beschreibung und Benennung dessen, was sie gerade sehen und erleben – jenseits des tagespolitischen Geschehens. Ofer Waldman erzählt von seinem Alltag in Israel. Er sitzt Shiva, unterhält sich mit seinen Kindern, geht auf Mahnwachen, hört auf die Klänge des Nahost-Krieges. Sasha Marianna Salzmann verdichtet ihre Erlebnisse und Beobachtungen in unterschiedlichen Städten Mitteleuropas. Sie sitzt am Mahnmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden an der Donau in Budapest, streitet sich in Wiener Kaffeehäusern und schaut dem Blaulicht der Polizeikonvois am Berliner Hermannplatz zu.

Was ist noch übrig von alten Gewissheiten nach dem 7. Oktober, was hat Bestand im Strudel der Meinungen, Behauptungen und Positionierungen? Und was scheint in der Folge des Nahostkonfliktes und des furchtbaren Krieges im Nahen Osten unwiederbringlich verloren? Im Versuch, sich diesen Fragen erzählerisch zu nähern, entsteht ein Dialog, der immer mehr zum berührenden Dokument einer Freundschaft wird: Ich sehe dich, sagen diese Briefe, ich kann nichts tun, aber ich bin da.

»Du schreibst meinen Namen, und die Zeit verklebt sich, Vergangenheit und Gegenwart. Die Zukunft, in die wir schauen, wird zum Spiegel. Ein Trost, immerhin: Ich sehe dich darin.« Ofer Waldman an Sasha Marianna Salzmann, 22. Oktober 2023

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Cover

Titel

Sasha Marianna Salzmann 

Ofer Waldman

Gleichzeit

Briefe zwischen Israel und Europa

Suhrkamp

Impressum

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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2024

Der vorliegende Text folgt der zweiten Auflage 2024.

Originalausgabe© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2024

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Nick Teplov

Umschlagfoto: Laura Nádvornik

eISBN 978-3-518-78013-8

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Gleichzeit . Briefe zwischen Israel und Europa

Eine Geschichte für Sasha am Vorabend des Krieges

Sasha an Ofer — 15. Oktober 2023

Ofer an Sasha — 22. Oktober 2023

Sasha an Ofer — 1. November 2023

16. November 2023

Ofer an Sasha — 18. November 2023

Sasha an Ofer — 20. November 2023

Ofer an Sasha — 26. November 2023

Sasha an Ofer — 5. Dezember 2023

Jehuda Amichai . Gott voller Erbarmen

Sasha an Ofer — Chanukkah, ein Jahr später

Ofer an Sasha — 9. Dezember 2023

Sasha an Ofer — 12. Dezember 2023

Ofer an Sasha — 13. Dezember 2023

Sasha an Ofer — 15. Dezember 2023

Ofer an Sasha — 18. Dezember 2023

Sasha an Ofer — 20. Dezember 2023

Ofer an Sasha — 30. Dezember 2023

Sasha an Ofer — 1. Januar 2024

Ofer an Sasha — 5. Januar 2024

Sasha an Ofer — 7. Januar 2024, drei Monate danach

Ofer an Sasha — 12. Januar 2024

Sasha an Ofer — 14. Januar 2024

Ofer an Sasha — 18. Januar 2024 

I

II

III

IV

V

Sasha an Ofer — 21. Januar 2024

Nachwort. Schreiben heißt, zu handeln

Dank

Zitatnachweise

Informationen zum Buch

Gleichzeit

Gleichzeit

Briefe zwischen Israel und Europa

Das Wichtigste ist, der Zeit standzuhalten: Die Zeit wird Druck auf dich ausüben.

Aber der Sinn der ganzen Sache ist, dass die fremde Zeit sich nicht mit der eigenen vermischt, die du zu und in dir selber trägst.

Polina Barskova

Die Moral wird zum Hobby in einer Welt, in der der Mensch entbehrlich ist.

Thomas Brasch

Eine Geschichte für Sasha am Vorabend des Krieges

Wenige Tage vor dem Krieg habe ich einen Freund besucht, einen Künstler, der manisch-depressiv ist und gerade – wie er selber sagte – durch die Nacht geht. Er hat sich selbst eingewiesen, in der Psychiatrie gab es aber noch keinen Platz, und so musste er die Nacht in der Notaufnahme des Krankenhauses verbringen. Er ist ein großer Mann, ein Deutscher, seine großen Füße in grauen, abgenutzten Socken schauten aus dem Bett, er versuchte, sich in die fahlblaue Wolldecke mit dem Emblem des Krankenhauses zu wickeln, er zog die Decke über seinen Kopf, offenbar sind die Decken hier für kleinere Menschen gemacht, für Nahostler, nicht für Teutonen, und so schauten seine Socken auch unter der Decke heraus.

Er habe Angst vor der Nacht im Krankenhaus, sagte er. Die Tür der Station knackte komisch, jedes Mal wenn sie geöffnet wurde. Eine alte Frau schrie alle drei Minuten – beinahe auf die Sekunde genau –, wobei ihre Schreie fast perfekt aufstiegen und wieder abebbten, es klang wie ein Alarm oder wie Gesang. Ich schlug meinem Freund vor, es als Künstler wahrzunehmen, um Abstand davon zu kriegen, er sagte nichts dazu.

Auf dem nächsten Bett, hinter einem Vorhang, lag ein junger Mann. Er rief immer wieder nach der Krankenschwester, laut auf Hebräisch, leise auf Russisch. Auch das habe ich versucht meinem Freund als Ablenkung anzubieten, laute Sprachen und leise Sprachen, auch dazu schwieg er. Also schwieg ich auch und schaute in den dunklen Flur, wo ein junger Hassid, ein Ultraorthodoxer, stand und schaukelnd betete. Er betete offenbar vor dem Bett eines älteren Rabbi, den konnte ich nicht sehen (nur seine mit einer Decke umhüllten Füße, die Decke war also rabbinerkonform, oder der Rabbi war deckenkonform). Der junge Hassid betete, hob seinen Kopf, berührte seinen Hut mit der Hand, ging ein wenig hin und her, unentschlossen, dann blieb er wieder stehen und betete weiter.

Ich werde hier die Nacht nicht überleben, wie soll ich hier schlafen, sagte mein Freund, und ich, da ich ihm die Kunst nicht als Lösung oder zumindest als Ablenkung verkaufen konnte, ging in den Drogeriemarkt des Krankenhauses, um ihm Ohrstöpsel zu kaufen. Der nette arabische Verkäufer sinnierte mit mir über die verschiedenen Ohrstöpsel im Sortiment. Die blauen fürs Schwimmen kamen nicht in Frage, auch die, die man für Schießübungen verwendet, waren nicht adäquat. Die guten, die ich aus Deutschland kenne, hatte er nicht, schließlich verständigten wir uns auf milchige Silikonstöpsel, in Watte gehüllt.

Ein Krankenhaus wirkt sonderbar in der Nacht, die Zeit fließt da anders, der Gang der Dinge, man kann sich auch schnell verlaufen. Zum Glück haben die klugen Menschen, die das Krankenhaus gebaut haben, farbige Streifen als Wegweiser auf dem Boden angebracht. Man muss nur den richtigen farbigen Streifen finden und ihn entlanglaufen – schnell fand ich jenen, der die Notaufnahme mit dem Ausgang verbindet, folgte ihm in entgegengesetzter Richtung, bis ich das Knacken der Tür und die melodischen Schreie hörte, dann die hebräischen Rufe, dann die russischen, dann das murmelnde Beten, dann fand ich meinen Freund. Er war von den Stöpseln nicht sehr beeindruckt, steckte sie aber artig in die Ohren, nahm die Pillen, die die Krankenschwester ihm reichte, und hüllte sich wieder in die zu kurze Decke. Wie soll ich …, sagte er noch einmal, machte eine vage Geste mit der Hand und schwieg wieder. Es war schon nach Mitternacht, ich wusste, er musste endlich schlafen. Also legte ich mich neben ihn in sein Bett, sodass mein Kopf neben seinem war (meine Füße reichten bis hinter seine Kniekehlen), ich umarmte ihn und sang in seine israelischen Ohrstöpsel deutsche Wiegenlieder, Brahms, La-Le-Lu, bis er einschlief (vielleicht war es aber auch die Pille, das werde ich nie erfahren).

Als ich sicher war, dass mein Freund tief und fest schlief, löste ich mich vorsichtig von ihm, stand vorsichtig auf und schlich mich weg – der Hassid schlummerte auf einem Stuhl neben seinem Rabbi, der junge Mann murmelte Unverständliches aus dem Schlaf, nur die Tür und die alte Frau knackten und sangen weiter in ihrem Takt. Ich ging den farbigen Streifen entlang zum Ausgang, aber mir schien, als würde er sich unter meinen Füßen immer weiter erstrecken, bis unter mein Auto, längs der Straße, durch die Stadt, über die Landstraße, durch meine Haustür, durch das Wohnzimmer, bis an mein Bett, sich in meinen Schlaf hinein in alle Richtungen ausbreitend, endlos.

Sasha an Ofer — 15. Oktober 2023

An dem Freitag, an dem zum Dschihad aufgerufen wurde und jüdische Einrichtungen angegriffen werden sollten, spazierte ich in der Sonne die Donau entlang, war auf dem Weg zu den Schuhen, wie es in Budapest heißt – zu dem Mahnmal für die am Ufer des Flusses Erschossenen und ins Wasser Geworfenen, damals, 1944 –, als ein Freund aus Charkiw per Videocall anrief.

»Bist du okay?«

»Ja, klar, und du?«

»Ja, klar, und du?«

»Ja, sicher. Meine Frau steht gerade vor der Fraenkelufer-Synagoge in Berlin Mahnwache. Ein paar Freundinnen sind mit ihr dort. Bist du okay?«

»Ja, sicher. Die eine Hälfte meiner Familie ist hier, in der Ukraine. Die andere in Israel. Ich bin super okay.«

Wir wechselten Sätze, als wären wir Klangschalen, die aneinanderstoßen. Ich zeigte meinem Freund die Aussicht von Pest nach Buda, redete darüber, wie warm es immer noch war – Mitte Oktober, ich im Shirt. Ich hielt die Kamera auf mich, er sprach mich auf meinen Davidstern an, ob ich ihn auch jetzt weiter so offen tragen würde. Ich stand am Ufer zwischen zwei Brücken, schwitzte, fingerte an der Kette herum, bis ich zu singen anfing, mir fiel einfach nichts Besseres ein.

»Weißt du noch, du hast doch dieses Lied geschrieben, wie ging nochmal die Strophe?« Ich trällerte den Refrain, Gypsy, Jewish and Gay, das brachte ihn zum Lachen.

Die Schuhe am Ostufer der Donau sind aus Metall gegossen, gemacht für kleinere Füße, längliches, edles Schuhwerk, man muss sich akkurat angezogene Menschen vorstellen. In Kleidung, die vielleicht zum Flanieren gedacht war. Manche Schuhspitzen ragen über den Rand der Quaimauer, manche stehen noch auf der Promenade, zwischen ihnen abgebrannte Teelichter und abgerissene Blumenköpfe. Eine frische Nelke wand sich aus einem der Schuhe heraus. Eine Kinderzeichnung war halb unter den Absatz eines anderen Schuhs geklemmt, darauf der sechszackige Stern, Herzen mit Buntstift gemalt, das Wort Israel. Ich setzte mich auf einen Stein und sah statt der Nelke eine Wade aus dem Schuh wachsen. Aus allen Schuhen wuchsen jetzt vor meinen Augen Beine, in Nylonstrümpfen oder in Hosen mit Bügelfalte, ich sah die Hüften, Bäuche, Oberkörper, die herunterhängenden Arme. Ich sah die Ringe an den Fingern, die Uhren an den Handgelenken, die Muttermale auf den Handrücken, die Narben, die Falten. Nur die Gesichter dieser Menschen konnte ich nicht denken. Sie waren allesamt hellschimmernd, oval, blieben leer.

Ich saß auf dem Stein und wartete, bis mein ungarischer Übersetzer auftauchte. Er setzte sich zu mir, zeigte mit dem Finger auf das Mahnmal und sagte: »Das hätten meine Eltern sein sollen. Sie wurden abgeführt und waren schon auf dem Weg hierher. Dann gab es einen Luftalarm, und sie konnten fliehen. Zufall.« Er zog die Schultern hoch. »Zufall.« Da bekamen vor meinen Augen all die Menschen, die ich in den Metallschuhen imaginiert hatte, das Gesicht meines Übersetzers. Breite Stirn, schmale, gerade Nase, Bart. Die, die Röcke trugen, und die in Anzughosen, sie alle sahen jetzt aus wie László. Sie sahen aus wie László und wie du, Ofer, und wie ich.

Auf dem Weg zu meinem Vortrag im Soros-Center fragte ich meinen Übersetzer, wie es sich hier in Budapest mit dem Aufruf zum Dschihad verhielt. Gebe es einen Grund zur Sorge? Habe der Aufruf überhaupt eine Resonanz?

László winkte ab. »Die Ungarn brauchen keine Dschihadisten, um die Juden fertigzumachen. Das machen sie ganz allein. Die hören nicht auf den Ruf der Hamas.«

Wir überquerten die Straße, und ich sah, dass auch wir – so wie du im Krankenhaus bei deinem Freund – Orientierungslinien auf dem Boden folgten. Sie verliefen quer über die Tramschienen, über die vierspurige Allee, vorbei an dem Mahnmal, dem Vergnügungspark mit seinem Riesenrad, der Basilika. Auch als wir das Soros-Gebäude betraten, fanden sich diese Wegweiser auf dem Boden. Die Hallen und Korridore standen leer, die Cafeteria verkaufte noch Wasser und Kaffee, und nur in dem Raum, in dem ich auftreten sollte, saßen Studierende, drehten ihre Köpfe zu mir.

Nach meinem Vortrag folgte ich den Wegweisern auf die Dachterrasse, von der aus man auf Orbáns Palast blickt. Prunkvoller Bau, drum herum Baukräne. Ich ging die Treppen hinunter, folgte den Farbstreifen so lange, bis es dunkel wurde und ich das Piepen der Krankenhausmaschinen vernahm, dann ein Gebet auf Hebräisch und ein Murmeln auf Russisch, und jemand schrie, und etwas knackte im Takt. Ich stand am Bett deines Freundes und schaute ihn an. Ich konnte dich hinter ihm nicht ausmachen (du viel kleiner als er), aber ich erkannte den Freund – wusste genau, wer er ist – an den grauen, abgenutzten Socken. Ich ging um das Bett herum, sah jetzt euch beide, hörte dich ihm ein Lied ins Ohr singen. Ich legte mich hinter dich, drückte meine Hände auf deine Ohren und summte.

Eine weitere Person betrat den Raum, ich erkannte eine Freundin, ich spürte ihr Gewicht auf der Matratze, als sie sich hinter mich legte. Ihre Hände waren kalt auf meinen Ohren, ich verstand nicht, was sie sang, aber spürte die Vibration ihrer Stimme in den Handflächen. Dann kam eine weitere Person in den Raum, die Matratze ächzte, die Federn gaben nach. Noch eine Freundin kam in den Raum und noch eine und noch eine und noch eine und noch eine. Eine hinter der anderen. Wir sind eine unendliche Kette. Wir singen, wir summen, wir rezitieren Gedichte, bis die Vordere endlich schlafen kann.

Ofer an Sasha — 22. Oktober 2023

Wo sind die Oliven geblieben, denke ich, während ich an der Baumreihe vorbeilaufe, die die Felder von einem der sanften Hügel trennt, die sich zwischen meinem Wohnort und dem Carmel-Berg erstrecken. Die Bäume hier gehören einem Freund, letztes Jahr waren sie schwer von Oliven, eine ganze Woche haben wir für ihre Ernte gebraucht und über eine Tonne von ihnen geholt, das Öl davon verwende ich heute noch. Und jetzt – eine, zwei einsame Früchte hängen an einem der Äste, sonst nichts. Haben sie ohne mich geerntet? Kann nicht sein, die Erntezeit ist jetzt, der Freund hat sich aber gleich wenige Tage nach Kriegsausbruch mit seiner Familie ins Ausland abgesetzt, die Bilder der Pogrome aus den Kibbuzim im Süden haben ihn in einen Schockzustand versetzt.

Ich bin zu weit gelaufen, merke ich plötzlich, eigentlich ist es verantwortungslos, was soll ich machen, falls es wieder Luftalarm gibt (ich weiß es genau: mich auf den Boden werfen, 10 Minuten mit beiden Händen über dem Kopf liegenbleiben. Das habe ich schon mal gemacht – anderer Krieg, gleiche Übung – und kann mich an den Klang erinnern, im einen Ohr das Rascheln zertretener Grashalme, im anderen die dumpfen Schläge der Luftabwehr). Als ich G. sagte, ich muss raus, ich kann die flimmernden Bildschirme nicht mehr sehen, die bleichen Gesichter, darunter das eigene im Spiegel, zog sie mich ins Nebenzimmer (die Kinder könnten ja …, na klar) und sagte, das sei verantwortungslos. Ich wollte sie beruhigen und sagte, ich laufe ja an der antiken Nekropolis vorbei, die in den weichen Kalkstein unter unserem Ort gegraben wurde, um jüdischen Gelehrten und sonstigen Würdenträgern eine letzte Ruhestätte zu sein. Ich springe einfach in eine der Höhlen rein, sagte ich. Die Idee, beim Alarm neben Rabbi Yehuda HaNasi, der die Mishna besiegelt hat, zu liegen, fand ich fast lustig.

Später werde ich erfahren, dass es dieses Jahr im ganzen Land keine Oliven gibt. Nicht in den Hainen Galiläas, nicht auf den Hügeln hinter der Küste, nicht auf den Bergen Jerusalems, Hebrons und Ramallahs, nicht entlang der langen Alleen die in die Wüste führen. Kein Öl fürs Kochen, kein Öl fürs Leuchten, kein Öl fürs Salben, als ob die Erde selbst eine Vorahnung davon hatte, was kommt.

Wieder zu Hause lese ich deinen Brief, Sasha, gehe mit dir und mit László die farbigen Streifen entlang durch Budapest. Durch die Stadt also, in der Alexander, der Vater meiner Mutter, geboren wurde. Aus der er auszog, noch bevor die Deutschen kamen, zu Fuß, über Bukarest, Sofia, Istanbul, Damaskus bis nach Haifa. Er war ein imposanter Mann, der Alexander. Ich spüre heute noch meine alte Furcht vor ihm, wenn ich an ihn denke, wie er in einem weißen Unterhemd auf seinem Balkon in Haifa saß, unkoschere Würste aß, die er sich aus den Läden der Christen besorgte, und Fernsehsendungen aus dem Libanon auf Englisch schaute. Mein Bruder, der meiner Mutter eine Zärtlichkeit erweisen wollte, gab seinem jüngeren Sohn den zweiten Namen Alexander. Nun sitzt Alexander der Zweite in einem Militärlager im Norden und hofft, nichts aus dem Libanon empfangen zu müssen.

In deinem Brief schreibst du, du stehst vor den Schuhen, dem Mahnmal am Ostufer der Donau »für die Erschossenen und ins Wasser Geworfenen«. Zuerst fehlte mir etwas am Ende deines Satzes, wie die fehlenden Gesichter der Figuren, die vor deinen Augen entstehen. Dann aber, so schreibst du, bekommen sie Gesichter, von dir, von László, auch von Alexander dem Großen und Alexander dem Bangenden, von mir. Ich lese deinen Brief, du schreibst meinen Namen. Du schreibst meinen Namen in Budapest am Mahnmal für die Erschossenen und ins Wasser Geworfenen, ich schreibe das Wort Pogrome in Israel. Mein Atem stockt, ich spüre, wie die Erde kippt, ich rutsche den farbigen Zeitstreifen zurück, versuche, mich in der Erde festzukrallen (zertretenes Gras, Schläge in der Luft), Haifa Damaskus Istanbul Sofia Bukarest Budapest, das Israelische droht von mir abzublättern, wie aufgeplatzte Farbe, die das Jüdische unter sich preisgibt, mit Gedanken an Pässe und Sprachen. Ich rutsche weiter, du schreibst meinen Namen in Budapest, und die Zeit verklebt sich, Vergangenheit und Gegenwart. Die Zukunft, in die wir schauen, wird zum Spiegel. Ein Trost, immerhin: Ich sehe dich darin.

Sasha an Ofer — 1. November 2023

Das Licht floss warm, wie durch die dünne Schale einer Orange, auf die noch grüne Wiese in der Hasenheide. Junge Menschen im Schneidersitz, ich hörte ihre Bierflaschen gegeneinanderstoßen. Ich hörte ihr Lachen, als ich an ihnen vorbeilief auf dem Weg ins Jüdische Museum. Eine Freundin hatte ein paar Leute zusammengerufen. Ich war dagegen, dass wir uns im Jüdischen Museum treffen, das weißt du. Nicht weil ich den Ort nicht liebe (ich liebe ihn sehr), sondern weil ich das Gefühl hatte, damit sind wir genau dort, wo uns die anderen sehen wollen. Im Museum. Unsere Kultur und unser Leben: ein Relikt. Darum hätte ich die anderen lieber in einer Kneipe oder einem Club getroffen, aber ich ging natürlich trotzdem hin und freute mich darauf, sie zu sehen.