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Anfang der 60-er Jahre verliebt sich Dirk Jakobs, ein siebzehn-jähriger Gymnasiast unsterblich in die gleichaltrige Linda Hansen. Linda, klug und musisch gebildet, ist ihm zwar zugetan, stört sich aber an seiner Oberflächlichkeit und lehnt eine unverbindliche "Liebelei", wie sie sich Dirk wünscht, ab. So bleibt Dirk lange nur ihr ständiger Begleiter und Gesprächspartner. Zwar sehnt sich bald auch Linda insgeheim nach mehr Nähe, beide finden aber nie den Mut, einander ihre Zuneigung zu gestehen. Da begegnet Dirk der 15-jährigen frühreifen und triebhaften Pia, deren freizügiger und ungehemmter Sexualität er rettungslos verfällt. Er beginnt ein Doppelleben, bis Linda davon erfährt und ihn tief enttäuscht verlässt. Auch in den folgenden Jahren vermag Dirk sich nicht von Pias lasziven Erotik zu lösen, obwohl auf ihre Treue kein Verlass ist. Trotz ihres stetig zunehmenden Alkoholkonsums glaubt Dirk daran, dass sich alles zum Besseren wenden werde, sobald er sie aus ihrem lieb- und freudlosen Elternhaus befreit habe. Beide heiraten schließlich. Auf einem Ball trifft er Linda wieder, die inzwischen auch verheiratet ist. Beide spüren, was sie versäumt haben, wissen aber auch, dass es keinen Weg zurück gibt. Pia, die inzwischen alkoholabhängig geworden ist, verliert in den folgenden Jahren unter dem Einfluss ihrer Sucht immer häufiger die Kontrolle und betrügt Dirk schließlich mit einem Freund der Familie. Der gemeinsamen Kinder wegen nimmt Dirk das ohne Konsequenzen hin, auch weil ihn Pia immer noch sexuell zu fesseln vermag. Zugleich quälen ihn wieder die Sehnsucht nach Linda und der Schmerz über ihren unwiederbringlichen Verlust. Auch kurze Beziehungen zu anderen Frauen bringen ihm nur wenig Trost. Doch eines Tages und ganz unerwartet ändert sich alles, als ihm überraschend klar wird, dass eine ganz anderer Frau die Liebe seines Lebens ist, eine Frau, die er schon seit langem kennt...... Eine ganz neue Phase seines Lebens beginnt, geprägt von Hoffnung, Glück und Schmerz.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2022
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April 1960
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
April 1960
Roderich Merten war ein mittelgroßer, mäßig beleibter Mann, der sich aber trotz seiner wohl fünfundfünfzig Jahre leicht und geschmeidig zu bewegen wusste. Er betrieb gemeinsam mit seiner Frau in einem alten Bürgerhaus, nahe dem Stadtwall, eine Tanzschule. Diese Institution, die einzige in der Stadt, hatte eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Die heranwachsende Generation der Sechzehn- bis Siebzehnjährigen, soweit sie der gehobenen Bürgerschicht angehörte, nicht nur mit den Standardtänzen vertraut zu machen, sondern die jungen Menschen an jene Umgangsformen heranzuführen, die damals noch mit dem Wort »Lebensart« bezeichnet wurden. Das Angebot zu einem solchen Kurs wurde von Roderich Merten alljährlich an die Leitungen der beiden höheren Lehranstalten, das Heinrich-Heine-Gymnasium und das Lyzeum, herangetragen.
Für die Gymnasiasten war das gesellschaftliche Ziel des Tanzkurses allerdings eher von nachrangiger Bedeutung. Für sie gab es nur einen Grund, sich zur Teilnahme zu melden: Hier bot sich die oft erste Gelegenheit, Kontakte zum anderen Geschlecht aufzunehmen. Denn es gab noch wenig Koedukation; das Gymnasium am Goetheplatz war eine reine Jungenschule, während das Lyzeum im Wallensteinweg den Mädchen vorbehalten war.
Natürlich hatten schon einige Schüler dieses Alters eine Freundin, was jedoch meist vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten wurde und zudem von der Schulleitung nicht gern gesehen wurde.
Nachdem nun Roderich Merten in der ersten Stunde den je vierundzwanzig männlichen und weiblichen Eleven, die sich in dem karg möblierten, parkettierten Saal gegenübersaßen, Sinn und Historie der Standardtänze erläutert hatte, beendete er seine Ausführungen schließlich mit den Worten:
»Fordern Sie auf, meine Herren!«
Dirk Jakobs wohnte mit seinen Eltern im drittletzten Gebäude des ›Petersberger Weges‹, einem zweigeschossigen Haus mit vier Wohnungen, das im Eigentum der städtischen Wohnungsgenossenschaft stand. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag der Petersberg, ein Waldstück, das gekrönt wurde vom »Bismarck-Stein«, einem unförmigen und stillosen Bau, von dem man aber eine schöne Aussicht auf die alte Universitätsstadt hatte.
Dieser Stadtteil, das sogenannte Ostviertel, galt als bevorzugtes Wohngebiet. Viele der ruhigen, meist baumbeschatteten Straßen waren gesäumt von beeindruckenden Villen aus der Zeit der Jahrhundertwende und von mehreren stattlichen, fahnengeschmückten Verbindungshäusern. Wer hier wohnte, zählte entweder zur akademischen Elite der Stadt oder gehörte der alteingesessenen Kaufmannschaft an.
Aber schon vor dem Krieg war es der städtischen Wohnungsgenossenschaft gelungen, freie Flächen zwischen dem alten Baubestand und Teile des sich zum Petersberg hinaufziehenden Hanges zu erwerben und mit Mehrfamilienhäusern zu bebauen, deren Wohnungen sich auch der Normalbürger leisten konnte. Dirk Jakobs Vater, der nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft einen Brennstoffhandel gegründet hatte, war es vor einigen Jahren gelungen, eine Wohnung im ›Petersberger Weg‹ für sich, seine Frau und den zwei Jahre vor Kriegsende geborenen Dirk zu mieten.
Dass sich Dirk von seiner Mutter dazu bewegen ließ, sich beim Tanzstudio Roderich Merten anzumelden, hatte nur einen Grund: Er hatte erfahren, dass auch Linda Hansen an diesem Kurs teilnehmen würde.
Linda Hansen besuchte die Untersekunda des Lyzeums und war Dirk schon mehrfach begegnet, weil die Straße ›Im Kreuz‹, wo sie wohnte, und der ›Petersberger Weg‹ auf den ›Dunkle Buchenweg‹, ihren gemeinsamen Schulweg, mündeten. Linda war etwa 1,65 m groß, schlank und hatte dunkelbraune Haare, die ihr in einer Art Pagenschnitt bis kurz unterhalb der Ohren und als ›Pony‹ knapp über die sanft geschwungenen Augenbrauen reichten. Sie hatte ein schmales, ebenmäßiges Gesicht, große braune, ernste Augen und um den Mund einen leisen Anflug von Spott. So schien es Dirk jedenfalls immer, wenn er ihr zufällig begegnete. Und obwohl er sie einfach hinreißend fand, hätte er schon aus diesem Grunde nie gewagt, sie auf der Straße anzusprechen. Hier nun bot sich die unerwartete Gelegenheit, vielleicht auf »offiziellem Wege« mit ihr näher bekannt zu werden.
Nun saß er also gemeinsam mit seinen Mitschülern auf einer Stuhlreihe an der Längsseite des Saales, zehn Meter entfernt von den Mädchen, auf die sie nun zugehen und sie mit einer Verbeugung zum Tanz auffordern sollten. Zu Dirks großer Enttäuschung saß Linda Hansen ihm allerdings nicht gegenüber, sondern ganz am rechten Ende der Mädchenreihe, so dass es ihm unmöglich war, sie aufzufordern, ohne gegen die von Roderich Merten soeben vorgetragenen Anstandsregeln zu verstoßen.
Während er noch so unschlüssig und zögernd dasaß, hatten bereits alle seine Nachbarn ihre Wahl getroffen, und auch Linda Hansen war schon von seinem Klassenkameraden Max Huber auf die Tanzfläche geführt worden. Dirk war als einziger noch ohne Partnerin, sehr zum Missfallen des Tanzlehrers, der ihn nachdrücklich anwies, sich der letzten auf der Stuhlreihe verbliebenen jungen Dame zuzuwenden. Auch diese hatte offenbar nicht den Herrn ihres Gefallens gefunden und war daher, als sie aufgefordert wurde, einfach sitzen geblieben. Agnes Duval – so hieß die junge Dame- war groß, schlank und hatte strohblonde Haare, die sie locker bis knapp über ihre Schultern fallen ließ. Sie war ungeschminkt, aber sonnengebräunt, und ihre blauen Augen waren wach und aufmerksam auf ihr jeweiliges Gegenüber gerichtet. Ihre Zähne waren etwas schief, ihre Lippen voll, die sanft aufwärts geschwungenen Mundwinkel gingen über in zwei senkrechte Wangengrübchen. Nach einem kurzen Zögern und mit den Worten »Na, dann wollen wir mal« begleitete sie Dirk auf die Tanzfläche.
Ohne sich besonders auf die Tanzschritte zu konzentrieren, begann sie gleich ein lockeres Gespräch, fragte Dirk nach seinem Elternhaus, seinen Freunden und Freizeitinteressen, so dass dieser schnell seine anfängliche Schüchternheit überwand. Unbefangen und humorvoll erzählte sie von sich und ihren Schulkameradinnen, denen sie sich ganz offenbar überlegen fühlte.
»Die sind doch alle recht brav und bieder«, lachte sie, »Alles Provinzlerinnen aus Akademikerfamilien. Ohne die Uni wäre das hier doch ein Dorf!«
Dirk erfuhr auch, dass ihre Vorfahren Hugenotten waren, die sich nach ihrer Flucht aus Frankreich in Potsdam niedergelassen hatten. Doch schon der Großvater, ein Kunsttischler, war nach dem Ersten Weltkrieg hierhergezogen und hatte ein Bestattungsunternehmen eröffnet, das ihr Vater übernommen und fortgeführt hatte.
Die lebhafte Unterhaltung wurde auf dem Heimweg fortgesetzt, denn die Herren waren gehalten, ihre Damen nach Hause zu geleiten. Agnes Duval wohnte im ›Bernsdorfer Weg‹, im weniger feinen westlichen Teil der Stadt, nahe dem alten Stadtwall, wo sich auch das Unternehmen ihres Vaters befand. Vorn zur Straße das Wohnhaus, ein alter Fachwerkbau. Im Hof Büro, Werkstatt und Sarglager. Jetzt, gegen Abend, hatte der Betrieb natürlich bereits geschlossen.
»Komm, hier gibt’s was zu trinken, und wir können uns von dem Heimweg etwas ausruhen. Du hast doch noch ein wenig Zeit?«, sagte sie und schob Dirk durch das Hoftor in das Lager. Sie setzten sich auf einen Sarg, und Agnes holte aus dem Büro zwei Flaschen Limonade. Dirk fragte sich, ob der Sarg wohl leer war. Agnes schien seine Gedanken zu erraten und lachte:
»Wir haben hier keine Kühlräume. Die Toten sind in der Leichenhalle auf dem Friedhof. Dort werden sie auch eingesargt.«
Dirk spürte, dass ihm dieses Gespräch und dieser Ort Unbehagen verursachten, vor allem irritierte ihn die lockere Art, in der sich Agnes über dieses Thema ausließ. Gleichzeitig ärgerte ihn jedoch seine eigene Verkrampftheit, und er fühlte sich ihr gegenüber plötzlich unreif und »spießig«. Seine heitere Stimmung wich einer nervösen Ernüchterung. Ein Zustand, der ihn nicht überraschte, denn er hatte das schon öfter an sich festgestellt: Ein plötzlicher Stimmungsumschwung, ein Absinken seines Zuwendungs- und Einfühlungsvermögens, vergleichbar dem Absinken der Quecksilbersäule eines Thermometers beim Einsetzen kühlerer Temperaturen. Ein Zustand, der ihm allerdings erst viele Jahre später bewusst werden sollte.
Er verabschiedete sich etwas überstürzt unter einem vagen Vorwand und dachte schon auf dem Heimweg wieder an Linda Hansen, mit der er bisher noch kein Wort geredet hatte.
Aber jedes Mal, wenn er sie an den folgenden Tanzstunden mit Max Huber auf der Tanzfläche erblickte, stockte ihm der Atem. So blieb es bis zum »Mittelball«.
Einige Tage vor dem Abschlussball verriet ihm Max Huber auf dem Schulhof, dass ihm von allen Mädchen des Kurses Agnes Duval bei weitem am besten gefiele. Linda Hansen dagegen sei doch recht zurückhaltend, kühl und etwas »schwierig«, wie er es ausdrückte. Dirk bemühte sich, ihn seine Überraschung nicht spüren zu lassen.
»Das trifft sich ja ganz gut«, erklärte er ihm, »Für mich wäre Linda als Partnerin natürlich viel passender. Sie wohnt doch bei uns ganz in der Nähe, und so hätte ich einen kürzeren Heimweg.« Er versprach Max, sich bei Agnes für ihn einzusetzen. Das war nicht ganz einfach, denn er mochte ihre spontane Herzlichkeit und wollte sie auch nicht kränken. Aber er hatte sie in seiner Unbedarftheit unterschätzt.
»Glaubst du, ich hätte keine Augen im Kopf?«, unterbrach sie seine ersten zaghaften Worte, »Tu, was Du nicht lassen kannst. Viel Glück dabei!«
Und schon hatte sie ihm den Rücken zugedreht und war gegangen. Dirk blieb nachdenklich zurück und fühlte sich elend.
Die Straße ›Im Kreuz‹ verlief schmal und ohne Bürgersteig parallel zum ›Petersberger Weg‹. Unmittelbar an der Kreuzung zur ›Tannenbergstraße‹ hatten die Hansens eine Wohnung gemietet. Linda war, wie Dirk, ein Einzelkind – das hatte er schon herausgefunden.
Nach dem Gespräch mit Max Huber suchte er nach einer Gelegenheit, sie zu treffen und noch vor der nächsten Tanzstunde ihr Einverständnis zu dem »Partnertausch« zu erreichen, eine – wie ihm klar war – etwas heikle Aufgabe. Schon häufig war er heimlich, meist in der Abenddämmerung, an dem Haus vorbei gegangen oder geradelt, ohne sie jemals gesehen zu haben, weder vor der Haustür noch an einem der Fenster. Es gelang ihm auch nicht, sie auf dem Schulweg allein abzupassen, und so musste er versuchen, sie telefonisch zu erreichen. Er nahm also eines Nachmittags allen Mut zusammen, wählte aus einer Telefonzelle die Nummer ihrer Eltern und hatte das unerwartete Glück, sie selbst am Apparat zu haben.
»Hansen«, hörte er eine dunkle Stimme, die er noch nie vernommen hatte, von der er aber sofort wusste, dass es die ihre war.
»Ja, hier spricht Dirk Jakobs. Wir sind zusammen in der Tanzstunde – falls du Dich erinnerst …«
»Natürlich weiß ich, wer du bist«, erwiderte sie etwas ungeduldig, »was gibt’s denn?«
»Ich möchte dich fragen, ob du mit mir auf dem Abschlussball gehen würdest. Wir sind doch fast Nachbarn und hätten denselben Weg. Wäre doch ganz praktisch … Dann müsste man aber schon bald gemeinsam trainieren.«
Keine Antwort.
»Hallo?« fügte er zaghaft hinzu.
»Naja, das kommt jetzt aber etwas überraschend. Und nur wegen des Heimwegs? Wirklich sehr praktisch!«
Er hörte ein leises Lachen.
»Und was ist mit Agnes?«
»Agnes hat sich schon mit Max Huber verständigt. Ist also alles o.k.« log Dirk.
Wieder eine Pause.
»Na gut«, hörte er sie schließlich sagen, »wenn das so stimmt, bin ich einverstanden. Dann hol mich bitte zum nächsten Termin ab. Eine halbe Stunde vor Beginn hier vor unserer Haustür. Bis dann!«
Und schon hatte sie aufgelegt.
Die letzten Tanzstunden waren beherrscht vom nahenden Abschlussball, der schließlich für die Tanzschule von Roderich Merten wieder einmal ein großer gesellschaftlicher Erfolg wurde. Alle Paare boten in ihrer festlichen Kleidung ein schönes Bild; vor allem die abschließende Quadrille erntete den begeisterten Applaus der anwesenden Eltern. Dirks Konfirmandenanzug hatte noch leidlich gepasst, und Linda Hansen war in einem schwarzen Seidenkostüm erschienen, in dem sie ausnehmend hübsch aussah und Dirk noch reizvoller als sonst erschien. Am Ende des Balls war Linda mit ihren Eltern nach Hause gefahren, hatte aber zuvor Dirk gefragt, ob man nicht auch künftig ab und zu einen Ball gemeinsam besuchen sollte oder auch mal einen Film ansehen könnte.
»Wäre doch ganz praktisch, oder?«, hatte sie noch mit einem Augenzwinkern hinzugefügt. Natürlich hatte Dirk begeistert zugestimmt und sich fast am Ziel seiner Wünsche gefühlt. Denn ein solches Angebot konnte ja nur bedeuten, dass er Linda nicht ganz gleichgültig war.
Die nächste Verabredung kam schon früher als erwartet. Denn Dirks Klassenkamerad Ralf Zinngräber traf sich häufig mit Lindas bester Freundin Inge Müller-Lemberg. Auch sie hatten sich in der Tanzstunde kennen gelernt. Man verabredete sich zu einem gemeinsamen Kinobesuch. Im »Starpalast« lief der Film »Orphée«
Als ihm Max Huber einen Tausch der Tanzpartnerinnen angeboten hatte, war Dirk Jakobs nicht auf den Gedanken gekommen, ihn nach den Gründen zu fragen. Viel zu glücklich war er über die unerwartete Gelegenheit gewesen, Linda Hansen endlich näher kommen zu können. Jetzt, als er sie nach Haus begleitete und sie sich über den gerade gesehenen Film unterhielten, begann er zu ahnen, was Max Huber an Linda irritierte: Heiteres, unverbindliches Geplauder an der Oberfläche, ein »smalltalk«, fand bei ihr ganz offenbar keine Resonanz. Sie reagierte darauf mit Schweigen und einem kurzen prüfenden oder spöttischen Blick, mitunter auch mit einer knappen Bemerkung, etwa »Findest du?«
Dirk hatte sich angewöhnt, schwierige Themen (»Problemfelder«, wie er sie nannte) und auch Ansätze zu ernsthaften Diskussionen mit einem Scherz oder lockerem Aperçu zu umschiffen. So konnte man den Eindruck gewinnen, er sähe einer Sache zwar durchaus auf den Grund, halte sie aber im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht für erörterungsreif. »Ein weites Feld« war in solchen Situationen einer seiner Lieblingssätze. In Wahrheit verbarg er damit Unsicherheit und mangelnde Kenntnisse. Selbst manchen seiner Lehrer konnte er mit dieser Taktik täuschen. Bei Linda Hansen gelang ihm das nicht.
Kaum hatten sie das schützende Dunkel des Kinos verlassen, konfrontierte ihn Linda mit der Frage:
»Wie hat der Film denn auf dich gewirkt?«
Dirk war zwar vage bewusst, dass er da ein filmisches Meisterwerk gesehen hatte. Da ihn aber die vielschichtige Handlung eher verwirrt hatte, antwortete zaghaft:
»Naja, die antike Geschichte von Orpheus und Eurydike kenne ich aus dem Griechisch-Unterricht. Und das hat Cocteau versucht in die Gegenwart zu übertragen. War schon interessant.«
»Das ist aber nun wirklich etwas dünn!«
Linda blieb stehen und schaute ihn streng an.
»Die alte Story kennt natürlich Jeder. Das Faszinierende an dem Film ist doch das Labyrinth von mythologischen Anspielungen in dieser Szenerie voller Halbschatten und Rätsel. Die zeitlose Problematik von Liebe und Tod, dazu die vielen kritischen Assoziationen zur Situation des Künstlers in der Gegenwart!«
Mein Gott, dachte Dirk und spürte, wie er in Panik geriet, ich bin an eine Intellektuelle geraten.
»Ja, du hast ganz recht. Das war einfach großartig gemacht, sehr beeindruckend.«
Dirk rettete sich mühsam aus den philosophischen Untiefen auf sichereres Terrain, indem er sich über die technischen Tricks des Films ausließ: Die beiden Motorradfahrer als Todesboten auf BMW (wie im Werbefilm, haha!) oder die Spiegel als Eingänge zum Jenseits, wahrscheinlich wurde da mit Quecksilber gearbeitet. Und dass der Tod hier eine Frau war, wo er doch sonst immer als Gerippe dargestellt wird …
Linda nickte ihm zu, war also wohl mit seinen Äußerungen halbwegs einverstanden, und Dirk gelang es, den restlichen Heimweg mit einer fröhlichen, nicht allzu tiefgründigen Konversation zu überstehen. Er nahm sich aber vor, auf ähnliche Situationen besser vorbereitet zu sein, denn da Linda anspruchsvolle Filme liebte und über das aktuelle Programm der örtlichen Lichtspielhäuser immer gut informiert war, gewöhnte sich Dirk an, einige Tage vor jedem gemeinsamen Kinobesuch an der Kasse ein Programmheft der »Illustrierten Filmbühne« zu kaufen, um sich mit der Handlung, den gesellschaftlichen oder historischen Hintergründen und den Darstellern vertraut zu machen.
Diese Methode führte dazu, dass er bei den anschließenden Diskussionen gut mithalten konnte, und Linda ihn dabei immer öfter mit anerkennenden Worten und Blicken belohnte.
Wenn sich Dirk damit aber schon auf der sicheren Seite glaubte, hatte er sich getäuscht, denn als er sie an einem Montagnachmittag zu einem Stadtbummel abholte und fragte, wie sie das Wochenende verbracht habe, erhielt er die Auskunft:
»Ich war mit meinen Eltern im Tannhäuser.«
Dirk Jakobs suchte nach einer Antwort und erinnerte sich, dass ihm sein Großvater vom Kaiser Barbarossa erzählt hatte, der im Kyffhäuser, einem Berg in der »Ostzone«, auf seine Wiederkehr warte. Also wohl ein Ausflug ins Grüne, vermutete er.
»Musstet ihr denn weit fahren?«, fragte er.
»Na, bis zum Theater ist es ja nun wirklich nicht weit«, lachte sie.
Offenbar befand er sich also auf der falschen Fährte.
»War nur ein Scherz«, versuchte er sich zu retten, was zum Glück auch gelang, denn sie erwiderte nur:
»Wirklich …?«, sah in etwas skeptisch an und erzählte ihm dann ausführlich, was ihr an der Aufführung besonders gefallen hatte.
Es war nun nicht etwa so, als hätte Dirk keinerlei Beziehung zur klassischen Musik. Denn schon seit seinem zwölften Lebensjahr erhielt er Klavierunterricht. Seine Lehrerin »Oma« Franke, die äußerlich der berühmten Pianistin Ella Ney sehr ähnelte, nahm ihn auch regelmäßig mit zu den Konzertabenden des örtlichen Symphonieorchesters. Die Oper gehörte allerdings nicht zu den Favoriten seiner Lehrerin. Und dem Komponisten Richard Wagner stand sie sogar äußerst kritisch gegenüber, was sicher auch daran lag, dass sie (wie Dirks Mutter es nannte) »jüdisch versippt« war. So hatte Dirk Jakobs also von der Opernliteratur so gut wie keine Ahnung. Das sollte sich aber nach und vor allem infolge seiner Blamage nach dem »Tannhäuser«-Besuch der Familie Hansen ändern. Denn auch auf diesem Feld wollte er vor Linda bestehen. Hinzu kam, dass er einige Monate später während eines Ferienaufenthaltes in Bayern durch Zufall den amerikanischen Tenor Mario Lanza in dem Film »Der große Caruso« erleben konnte. Dieser Film war für ihn wie der Blick aus einem bislang verschlossenen Fenster in eine neue, faszinierende Welt. Der Zauber des Musiktheaters nahm in so gefangen, dass die Oper von da an der »Soundtrack« seines Lebens werden sollte.
Linda Hansen war, das wurde Dirk mit jedem Tag deutlicher, ein kluges und vor allem kulturell sehr aufgeschlossenes Mädchen. Das löste bei ihm zwiespältige Gefühle aus. Zum einen war sie für ihn das schönste und liebenswerteste Geschöpf, und er sehnte sich nach mehr Nähe zu ihr. So, wie sie es aus manchen der gemeinsam besuchten Filme ja kannten, also eine innige Umarmung etwa oder gar ein Kuss. Aber ihre Beziehung bewegte sich inzwischen auf der Ebene eines angeregten Dialogs, eines Austausches von Gedanken über Film, Theater und Literatur. Denn auch auf letzterem Gebiet hatte Dirk seine Kenntnisse erheblich erweitert: Linda hatte ihn dazu angeregt, die Werke von Theodor Fontane und Thomas Mann zu lesen und mit ihr darüber zu diskutieren. Denn – das hatte sie ihm inzwischen anvertraut – nach dem Abitur wollte sie Germanistik studieren. Diese zwischen ihnen entstandene intellektuelle Vertrautheit stand einem »Flirt« zunehmend im Wege, und für Dirk rückte der Wunsch, sie bei der Verabschiedung vor ihrer Haustür einfach zu umarmen, in immer weitere Ferne.
Aber es gab ja auch noch die Tanzabende, die sie regelmäßig gemeinsam besuchten. Studenten und Schüler der Abiturklassen hatten mit Unterstützung der Lehrer- und Elternschaft den sogenannten »Vier-Stunden-Ball« ins Leben gerufen. Das waren Tanzveranstaltungen eigens für die Schüler und Schülerinnen von Gymnasium und Lyzeum, die zweimal im Monat stattfanden, um 19 Uhr begannen und um 23 Uhr endeten. So konnten die Eltern der teilnehmenden Schülerinnen erwarten, dass ihre Töchter vor Mitternacht wieder zu Hause waren.
Diese Bälle fanden entweder im »Berghof«, einem oberhalb des Ostviertels, im Hagenholz gelegenem Ausflugslokal statt oder im »Akademischen Viertel«, einem Studentenwohnheim nahe dem Universitätsklinikum. Der Eintritt war dank einiger großzügiger Sponsoren mit dreißig Pfennigen sehr niedrig. Die Musik kam von Plattenspieler oder Tonband. Alkoholische Getränke gab es offiziell nicht, was nicht ausschloss, dass im Laufe des Abends dennoch die eine oder andere Flasche mitgebrachten Weins auf den Tischen landete.
Dort trafen sich regelmäßig die Absolventen der Mertenschen Tanzschule, und auch Dirks Klassenkameraden waren meist zugegen. Etwa Thorsten Zander mit seiner Freundin Uta Maler, natürlich Ralf Zinngräber mit Lindas bester Freundin Inge Müller-Lemberg, Dirks guter Freund Martin Kampe mit Uschi Voß. Auch Max Huber und Agnes Duval waren regelmäßig dabei. Nur Björn Onken kam immer allein zu den Bällen, und Dirk Jakobs war schon seit langem klar, dass er ganz offensichtlich an Linda Hansen sehr interessiert war. Nicht nur aus diesem Grunde mochte Dirk ihn nicht. Björn hatte etwas Hinterhältiges, Lauerndes an sich; auch in der Klasse war er nur wenig beliebt.
Dirk hatte jedoch keinen Grund, sich wegen Linda Sorgen zu machen, denn sie tanzte grundsätzlich nur mit ihm. Aufforderungen von anderen jungen Männern lehnte sie stets mit einem freundlichen Lächeln ab. Und auch Dirk führte natürlich ausschließlich Linda auf die Tanzfläche, abgesehen von einigen Tänzen mit Agnes Duval, die ihm seinen »Verrat« offenbar nicht mehr nachtrug und zu der sich eine Art kameradschaftlicher Beziehung entwickelt hatte.
»Na, hast du schon Fortschritte bei Linda gemacht?«, fragte sie ihn eines Abends.
»Ach, das ist ein weites Feld …«, wich er auf eine seiner Lieblingsphrasen aus.
»Dirk, mir kannst du nichts vormachen. Du bist ein Eskapist. Wenn es ernst wird und du Farbe bekennen sollst, weichst du aus. Das wird dir noch Probleme machen. Entscheidungen zu treffen ist wohl nicht deine Stärke. Aber wenn du Beistand brauchst, frag mich ruhig. Schließlich war ich doch deine erste Tanzstunden-Flamme!«, lachte sie und wirbelte ihn herum.
Es stimmte: Er kam Linda nicht wirklich näher, obwohl er sich nichts sehnlicher wünschte und Tag und Nacht an sie dachte. Auch ihre Umarmungen beim Tanzen führten zu keiner wirklichen gegenseitigen Berührung. Dirk vermied es, eng zu tanzen, wie die meisten anderen Paare, z.B. Lindas Freundin Inge und Ralf Zinngräber. Es wäre ihm unendlich peinlich gewesen, wenn Linda seine Zuneigung möglicherweise »gespürt« hätte. Ob Linda sich einen innigeren Kontakt gewünscht hätte, blieb ungewiss. Initiativ wurde sie jedenfalls nicht. Auch die Musik führte bei ihnen zu keiner intensiveren körperlichen Vertrautheit, denn sie hatten sich angewöhnt, Schlagertexte wie »Rote Lippen soll man küssen« oder »Steig in das Traumboot der Liebe« während des Tanzes ironisch zu kommentieren. So blieb ihr Tanz in Wahrheit nicht viel mehr als eine sportliche Übung. Und Dirk fand einfach nicht den Mut, ihr zu zeigen oder gar zu sagen, wie sehr er sich danach sehnte, mehr als nur ihr ständiger Begleiter zu sein. Später fragte er sich oft, ob es wohl Linda ähnlich ergangen sei. Eines Tages würde er sie danach fragen, nahm er sich vor.
Das Stadttheater nahm seit einigen Jahren eine Sonderstellung unter den deutschsprachigen Bühnen ein. Seit es unter der Leitung des gefeierten Regisseurs Harry Hendriks stand, reichte sein Ruf weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Erstmals standen Stücke von Bertold Brecht auf dem Spielplan, was vor allen bei den konservativen Kreisen der Stadt und in einigen studentischen Verbindungen auf Unwillen stieß. Vor der Premiere der »Mutter Courage« gab es sogar Pläne, die Aufführung durch massive Störungen zu einem vorzeitigen Abbruch zu bringen. Was glücklicherweise nicht gelang, da die überwiegende Mehrheit des Publikums von der Inszenierung und der Leistung des Ensembles begeistert war. Auch Dirk und Linda hatten als Abonnenten der »Jugendvolksbühne« eine der Vorstellungen besucht und danach lange über das Stück diskutiert.
Dr. Heinrich Körber, Dirks Deutschlehrer am Gymnasium, hatte vor seinem Germanistikstudium eine Schauspielschule besucht, sich seinen Berufswunsch jedoch wegen einer Lungenerkrankung nicht erfüllen können. Möglicherweise inspirierte ihn das unmittelbar benachbarte Stadttheater dazu, eine Schüleraufführung auf die Bühne der Aula zu bringen. So begannen die Vorbereitungen und Proben zu Sophokles’ »Antigone«.
Die beiden männlichen Hauptdarsteller stammten aus dem Abiturjahrgang des Gymnasiums, für die Rollen der Antigone und Ismene hatte man zwei Mädchen aus den Oberklassen des Lyzeums ausgewählt.
Dirk Jakobs hatte sich für eine Rolle im Chor beworben und war – obwohl Körber seine Leistungen in Deutsch für »wenig tiefschürfend« hielt – nach einem strengen Vorsprechtermin als einer von zehn Choristen aufgenommen worden.
Der Chor, in den griechischen Dramen meist gleichzeitig die Versammlung der Ältesten, bewertet und kommentiert die Handlung zwischen den einzelnen Szenen, hat also im Stück eine durchaus zentrale dramatische Funktion. Überwiegend wurde vereint gesprochen; Körber hatte aber einigen Choristen auch »Soli« zugedacht. So hatte Dirk Jakobs gleich zu Beginn des Eingangschores »Strahl des Helios« die Worte zu rezitieren
»Endlich nun glühst du und steigest herauf
über der Dirke flutenden Lauf.
Du Auge des nahenden Morgens!«
Körber hatte diese Stelle wohl wegen der phonetischen Nähe des Flussnamens zu Dirks Vornamen ausgewählt, was natürlich für spöttische Bemerkungen seitens der Klassenkameraden sorgte. Ein weiteres kurzes Solo war ihm in der zweiten großen Chorszene zugedacht. Nach der berühmten Eingangsstrophe
»Viel Gewaltiges lebt. –
Nichts ist gewaltiger als der Mensch«
hatte er fortzufahren:
»Überall weiß er Rat,
Ratlos trifft ihn nie das Künftige.
Nur nicht den Tod ward zu fliehen ihm vergönnt.«
An dieser Stelle wurde Dirk schmerzhaft bewusst, wie ratlos er sich doch Linda Hansen gegenüber oft fühlte.
Die Premiere wurde ein großer Erfolg, vor allem dank der Leistung des männlichen Hauptdarstellers, Hagen Seiler, der später selbst ein namhafter Schauspieler werden sollte.
Zur dritten und letzten Aufführung waren auch die Schülerinnen des Lyzeums eingeladen worden. Dirk war schon Tage zuvor von starkem Lampenfieber geplagt und hatte sich seinen Solopart unzählige Male wiederholt. Ein Versprecher unter Lindas Augen wäre einer Katastrophe gleichgekommen.
Besonders stolz war er auf seine Bühnengestalt: Der Maskenbildner des Stadttheaters hatte ihn mit einem Kinnbart ausgestattet, sein Gesicht wirkte dank der Schminkschattierungen besonders männlich.
Alles ging gut. Dirks Solopart klang eindrucksvoll durch die Aula, und obwohl er Linda im Dunkel des Raumes nicht sehen konnte, war er überzeugt, dass sie von seiner Leistung beeindruckt war.
