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Ich lebe! Sie lebt! Wir leben zusammen in einem Körper, in meinem Körper. Ich lerne sie schätzen, lieben und ernenne sie zu meiner besten Freundin. Ich schenke ihr all meine Kraft und Zuneigung, so lange bis ich merke, dass sie sich "Magersucht", "Anorexia Nervosa" oder auch kurz "Ana" nennt. Sie erobert mein Leben ganz für sich alleine, bis ich fast vernichtet, ausgerottet und tot bin. Ich beginne zu kämpfen, gegen meine beste Freundin. Ich kämpfe, scheitere, gebe auf, stehe auf, so lange, bis ich den Kampf gewinne. Ich gewinne die Auseinandersetzung gegen diese tödliche Krankheit. Ich, aber kaum ein anderer. In dem Buch "Glücklich auf ihre Weise" wird der heilende Weg aus der psychischen Störung beschrieben. Ein Kampf zurück in ein glückliches Leben.
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Seitenzahl: 472
Veröffentlichungsjahr: 2017
Lina Kröger, geboren 1999 in Bad Oldesloe in Schleswig Holstein.
Ihr bisheriges Leben verbrachte sie in dem kleinen Dorf, am Rande des Geburtsortes.
Das schreiben hat sie schon im Kindesalter begonnen, woraus nun ein ganzes Buch entstanden ist, dem sie all ihre Aufmerksamkeit und Anerkennung widmet.
Lina Kröger
Mein Kampf gegen die Magersucht
© 2017 Lina Kröger
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7346-8719-1
Hardcover
978-3-7346-8720-7
e-Book
978-3-7346-8721-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bevor meine Geschichte ihre ersten Züge an nimmt, möchte ich euch über meinen viel zu stark ausgeprägten Perfektionismus informieren.
Nicht jeder kann alles perfekt. Nein, jeder hat Fehler, auch ich.
Deshalb habe ich mein Buch nicht korrigieren oder die Rechtschreibung überprüfen lassen. Alles ist so wie ich es selbst geschrieben, ohne darauf zu achten, welche Fehler oder Dummheiten ich gemacht habe. Ich habe gelernt, mit meinen Fähigkeiten zufrieden zu sein und das bin ich. Wem von euch, meine Art von Rechtschreibung aufregen, oder gar zum Ausrasten bringt, sollte dieses Schriftstück als erste Therapieform ansehen.
Nur die Auseinandersetzung hilft einem seine Probleme zu lösen und ich hatte definitiv genug davon!
Mein Leben ist ihr Leben. Das Leben meiner besten Freundin bestimmt meinen Alltag, meine Gefühle und mein Verhalten. Sie hat die Kontrolle über mein ganzes „ich“ oder bin ich es doch? Tue ich das alles nur, weil ich es will? Ich weiß es nicht. Ich hab die Wahrnehmung über mich selbst verloren und vor allem über meinen Körper.
Entweder ich oder sie befielt mir immer weniger zu essen, mich nur glücklich fühlen zu können, wenn ich es geschafft habe zu widerstehen, so dass eine noch niedrigere Zahl auf der Waage aufblinkt. Nur dann denke ich, dass es sich gelohnt hat die Tage voller Schmerz und Erschöpfung zu überstehen.
Es ist ein Gefühl von Erfolg, gut genug für etwas zu sein und zu wissen das ich, das mit meiner eigenen Kraft geschafft habe, obwohl ich kaum noch welche mehr besitze, aber ich habe keine mehr, weil sie meine haben wollte. Sie wollte mich ganz für sich allein, so dass am Ende nichts mehr von mir übrig bleibt, außer Knochen und ein Herz voller Verzweiflung.
Dies ist die eine Seite. Ich weiß, dass sie mich auf dem Boden liegen sehen will und mein Leben nach und nach zerstört. Trotzdem gibt es da auch die andere Seite, denn es ist meine beste Freundin und ich fühle mich gut, wenn ich das erreicht habe, was sie von mir erwartet und mir hilft jeden einzelnen Tag zu überstehen.
Ich meine, wer steht denn nicht auf der Seite seiner besten Freundin und würde alles dafür tun, um diese glücklich zu machen? Daher lebe ich jeden Tag so. wie sie es will, denn es ist die leichtere beider Seiten, bei der ich keine Kraft benutzen muss, um gegen meine Freundin anzukämpfen. Sie gibt mir die ganze Zeit genügend Zuwendung, um mein eigenes Leben auszuhalten, sie ist für mich da, wenn es niemand anderes ist.
Da ist nur dieses eine Problem, das meine beste Freundin sich „Magersucht“, „Anorexia Nervosa“ oder auch kurz „Ana“ nennt.
Genau deshalb ist die Entscheidung für sie die Falsche, denn ich möchte mein Leben und nicht mehr ihr Leben irgendwann einmal wieder leben dürfen. Jedoch wäre dieser Wunsch das Ende meiner Geschichte, die erst vor einem halben Jahr begonnen hat.
Fest umschloss ich ihre Hüfte, ein paar Haarsträhnen wehten in mein Gesicht und der Geruch des benutzten Shampoos weckte Sommergefühle in meinem Kopf. Langsam zog ein kräftiger Windstoß an mir vorbei und ich begann zu frieren, gleichzeitig wachte ich aus meinen Gedanken auf und spürte die Tränen, die über meine Wange liefen, aber auch die Arme, die langsam meinen Rücken verließen. Es war Zeit um Abschied zu nehmen, von meiner einzigen, besten und wundervollen Freundin Dana. Wir gingen bis zu diesem Tag in eine Klasse. Sie war die Person, die mir die Freude am Leben gab. Jeden Moment den ich mit ihr verbrachte habe ich genossen, mich wohl und geborgen gefühlt. Ununterbrochen haben wir zusammen gelacht, uns über Kleinigkeiten mehr als gefreut und einfach nur Spaß gehabt. Es war eine wunderschöne Zeit, so dass alles sich wie eine Verabschiedung für immer anfühlte, obwohl Dana und ich uns wann immer wir wollten treffen konnten. Trotz dieses Wissens, das meine Freundin immer an meiner Seite sein würde, entstand ein Gefühl der Leere. Schon am nächsten Schultag, saß ich alleine auf meinem Platz, ohne eine Sitznachbarin an meiner Seite. Es war niemand mehr da, mit dem ich im Unterricht die Mathe Hefte voll schreiben oder die Lehrer mit unserem ständigen Gelächter ärgern konnte.
Daraufhin wurde von Tag, zu Tag die Einsamkeit die ich ertragen musste größer!
Am Anfang trafen wir uns mehr mal in der Woche, bald nur noch einmal zum gemeinsamen Basketballtraining, irgendwann kaum noch. Sie konnte sich ein neues Leben, mit neuen Freunden aufbauen! Was war mit mir? Ich blieb alleine und ohne neue Freundschaften zurück. Oft habe ich versucht Anschluss bei den anderen eigentlich netten Mädchen, die in meiner Klasse waren, zu finden. Dadurch, dass ich so viel mit Dana gemacht hatte, kümmerte ich mich in der vergangenen Zeit, kaum noch um andere Beziehungen, außerhalb der Schule. Es hatte mich nicht gestört, denn mit Dana an meiner Seite, ging es mir gut, ich war zufrieden, nur jetzt nicht mehr!
Immer wieder wurde ich von meinen Mitschülern abgewiesen. So lange, bis ich keine Lust mehr hatte mich mit deren Anwesenheit auseinander zu setzen, egal wie sehr ich mich bemühte, es veränderte sich nichts, außer meine Leere, sie wuchs immer weiter.
>> Die Erinnerungen sind die Sehnsüchte,
nach dem was mich glücklich macht.<<
Oft saß ich mit traurigen Blick im Unterricht. Niemand machte auch nur den Anschein mich zu fragen, was mit mir los war. Selbst meine Lehrer nicht!
Einmal in der Geschichtsstunde sollten wir eine Gruppenaufgabe über den Nationalsozialismus machen und einen Text mit unseren Worten zusammenfassen. Ich erledigte die Aufgabe alleine, weil niemand mit mir zusammen arbeiten wollte. Zum Ende der Stunde, als jede Gruppe ihren Text vorlesen sollte, fragte mein Klassenlehrer mich, mit wem ich den Text bearbeitet hätte, ich warf ihn einen stummen Blick zu und stotterte ein beschämtes: „Mit niemanden.“ vor mich her. Bevor ich meine Ausarbeitung überhaupt vorlesen durfte, machte er mit dem Unterricht weiter. Er tat so, als wären alle anderen wichtiger und ich gar nicht da. Nach einigen Minuten war es mir einfach zu viel, ich konnte das alles nicht mehr aushalten. Ich lief heulend aus dem Klassenzimmer und kam erst zur nächsten Stunde wieder in den Raum herein. Dabei tat ich so, als ob nichts gewesen war. Hauptsache es wusste niemand, was mit mir los war. Ich setzte mich an meinen alten Platz und starrte wie immer gerade aus in die Leere. Ein anderes Mädchen, war eine ähnliche Außenseiterin wie ich. Sie setzte sich ab und zu in meine Nähe und begann mit mir eine Konversation zu führen. Ich war froh, aber gleichzeitig machte es alles nur noch schlimmer. Meine Mitschüler starrten mich an, tuschelten vor sich hin und ich bekam Panik. Ich wollte das Gespräch so schnell es ging beenden. Aus Angst, dass es alles noch schlimmer machen konnte. Ich versuchte wieder und wieder in den Mittagspausen, meinen Klassenkameraden hinterher zu gehen, ihnen zu folgen, um den Anschein zu erwecken, dazu zu gehören. Es dauerte nicht lange, denn nach 2 Minuten waren die anderen mich meist wieder los geworden. Ich blieb alleine zurück. Genauso, wie an jedem anderen Tag.
Es war mein Alltag. Den es hieß zu überleben!
15. Juni 2014
Liebes Tagebuch!
Macht es einen Unterschied, ob ich existiere oder nicht?
Ich war verzweifelt, von meinen Gedanken und dem inneren Hass. Mein Körper teilte sich in zwei Hälften. Es gab eine zuversichtliche, die mit Hoffnung und Freude gefüllt war, genauso wie die andere, welche ängstlich und unsicher der Zukunft entgegen stand. Ich begann nach einem Grund zu suchen. Einem Grund, auf die Frage. „Warum mich niemand mag, wieso keiner bei mir, an meiner Seite steht!“
Schon bald war ich fest entschlossen das ich der Fehler war. Ich war ekelig, zu hässlich und vor allem zu dick, so dass keiner etwas mit mir zu tun haben wollte, aus Angst meinetwegen runter gemacht oder genauso ausgeschlossen zu werden. Meine Verzweiflung wurde größer und mächtiger. Ich begann im Internet nach „10 Kilo weniger in 2 WochenDiäten“ oder so etwas in der Art zu suchen. Es blieben mir noch genau 4 Wochen, bis der erste Schultag anstand. Es war unvorstellbar für mich, sich den ganzen Tag nur von Tomaten ernähren zu müssen, um in so kurzer Zeit so viel abzunehmen. Es war also schon vorher gesagt, dass es nichts bringen würde, zumindest mir nicht! Ich suchte weiter, bis ich auf einer „Pro Ana“ Seite landete. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was dieser Name oder viel mehr diese Abkürzung bedeuten sollte. Daher ließ ich mir interessiert den Blog genau durch. Regenbogen-Diät, Schokoladen-Mono-Diät, ABC-Diät, Model-Diät und unter der genauen Erklärung zu diesen Abnahmeweisen stand das man alles schaffen konnte, mit genügend Disziplin. Ich las mir die Diäten genauer durch und bemerkte das diese extrem streng waren, 200 Kalorien am Tag. Unvorstellbar! Ich googelte nach Lebensmitteln, die dieser Kalorienmenge entsprachen. Nach gründlicher Auseinandersetzung mit zahlreichen Nährstoffen, Kohlenhydraten, Stoffwechseln, Körperstrukturen und dem Wasserhaushalt, verglich ich diese Zahl mit zwei eineinhalb Äpfeln. Wie sollte man von zwei einhalb Äpfeln sich am Tag ernähren. Vielleicht war es auf irgendeine Art und Weise möglich, aber ganz bestimmt nicht, wenn meine Eltern nichts mit bekommen sollten. Nach meinen Vorstellungsvermögen war es mehr als undenkbar. Ich wusste nicht wieso, ich auf meine Eltern und nicht auf meinen Wunsch dünn zu sein achtete. Ich hatte Angst, das sie sich Sorgen machten, das sie es nicht gut fanden, ich mal wieder nicht das tat, was sie für richtig hielten.
Der erste Schultag kam immer näher und die ständigen Gedanken um das Essen führten dazu, das ich die Ängste vor diesem einen Tag vergessen konnte. Auf einmal, ganz plötzlich, war er da. Dieser Tag, den ich verdrängte. Der Tag, der alles verändern würde, oder eben auch nicht. Es war der Tag, der über meine Zukunft bestimmte. Der Tag von dem mein restliches Leben abhing.
Es war soweit gekommen, mein Neuanfang stand im Wahstensinne des Wortes vor der Tür. Ich hatte Panik herauszugehen, es würde sich alles ändern, es war die Entscheidung, über mein Leben, über mich, über mich selbst!
Der Tag war gekommen und ich suchte verzweifelt nach etwas zum Anziehen.
Ein blaues T-Shirt mit einer zerrissenen Shorts – Nein meine Beine waren zu dick. Ein Spitzentop, mit einer grauen Strickjacke und einer Jeans – Der Knopf der Jacke würde noch nicht mal zu gehen, das ging so nicht. Ein enges Langarmshirt mit einer dunkelblauen Skinny Jeans – Die Abdrücke meines schwabbeligen Fettes, an den Oberschenkel konnte ich schon auf den ersten Blick sehen. Egal was ich machte, ich fühlte mich nicht wohl.
Zu dem stieg die Angst vor den neuen Leuten, vor deren Reaktion, wer wollte schon eine Kuh in seiner Klasse haben, jemanden der aussah wie ein Stück Scheiße? Ich, nicht! Ich zweifelte und entschied mich für ein weißes, kurzes Spitzentop, dazu eine graue Strickjacke, mit einer hellen Highway Jeans. Ich konnte es aushalten, entweder weil ich verstanden habe, dass ich sowieso nichts Besseres fand oder nur dadurch, dass beides Markenartikel und somit ziemlich teuer waren. Es musste wenigstens einiger Maße gut ankommen. Selbst wenn sie mein Aussehen abscheulich fanden, mochte jeder meine Kleidung.
Schnell packte ich die restlichen Sachen für die Schule in meine Tasche, sprang hektisch zu meiner Mutter ins Auto, die schon seit gefühlten Stunden vor der Haustür wartete, damit wir endlich los fahren konnten. Die Fahrt im Auto verursachte eine Denkblockade in meinem Kopf. Ich dachte ausschließlich daran, wie ich gleich, in wenigen Minuten hilflos in der Klasse stehen würde, alle so taten, als ob es mich nicht geben würde und keiner auch nur ein Wort mit mir wechselte.
Nachdem ich mich von meiner Mom verabschiedete und sie mir alles Gute wünschte, ging ich den restlichen Weg alleine. Mir liefen Tränen über mein Gesicht, Tränen der Wut, der Verzweiflung, der Einsamkeit, der Angst. Zum ersten Mal war ich sauer darauf, was die anderen Leute mit mir gemacht hatten. Ich war nur ich und ich konnte nichts dafür, das mich alle ignorierten. Ich verstand, das nicht ich, sondern sie der Fehler waren. Ich höchstens falsch mit dem Gedanken lag, das ich so sein wollte wie sie und das nur um allen möglichen Menschen zu gefallen. Ich brauchte nur mir selbst zu gefallen und nicht ihnen. Ich hätte diese Worte viel früher an mich heran lassen und auf der alten Schule bleiben sollen, doch dazu war es nun zu spät. Diese Einsicht hätte ich früher erlangen müssen, was ich nicht. Wie so oft oder besse rgesagt, wie immer suchte ich die Schuld bei mir. Ich selbst hätte lieber auf dem Tag warten sollen, bis jemand zu mir kam und mit mir redete. Ich hätte warten solen, bis ich genügend Mut angesammelt hatte, bis ich stak genug war. Wäre ich, ich geblieben wäre es bestimmt anders geworden und meine Gedankengänge unterschieden sich. Mal wieder suchte ich den Fehler bei mir. Schließlich hatte ich die Entscheidung getroffen, somit war auch ich dafür verantwortlich und vor allem schuldig!
<< Ich möchte so sein, wie ihr seid, wenn ich nun genauso bin wie ihrmöchte ich noch mehr.
Der Charakter stimmt, also fehlt noch das Aussehen, die coolen Sprüche und der Style.
Sobald ich das alles verändert habe, fängt es wieder von vorne an, denn irgendwie bin ich doch nicht so geworden wie ihr! >>
Unbewusst achtete ich auf die Baumkronen der Allee, auf die schon rötlich, braunen Herbstfarbenden Blätter, den Himmel, der keine einzige Wolke besaß und das Zwitschern der Vögel, welches unter dem Gekreische und Gelächter von hunderten Schülern unterging, dennoch hörte ich es und nahm es wahr. Einen Moment lang war ich so vertieft in der Umgebung, dass ich mein Ziel vergaß und nicht mehr wusste, wo ich eigentlich war. Bis mir ein paar alte Klassenkameraden entgegen kamen. Mir wurde bewusst, dass nicht mehr denselben Weg vor mir lag, wie sie ihn hatten.
Schon wieder ging alles viel zu plötzlich, zu schnell, so das nicht anährend mit meinen Gedankenstößen hinterher kam. Ich suchte das Sekretariat, erzählte das ich neu auf der Schule war und mich hier melden sollte. Daraufhin wurde ich zu meiner Klassenlehrerin Frau Klamm gebracht, die mich freundlich begrüßte und anschließend durch einen Strudel voller Menschen mit in den Klassenraum nahm. Alle saßen auf ihren Plätzen und es herrschte eine wahnsinnige Lautstärke und Unruhe. Sie verwies mich auf einen Platz ganz vorne, fast neben der Tafel, wo ich mich hinsetzen sollte oder viel mehr musste. Es war kein anderer Platz übrig, von daher musste ich mich, ob gewollt oder nicht dort breit machen. Jetzt war ich angekommen. In einer Klasse voller fremden Personen, die mich nach und nach betrachteten. Ich kam mir, wie eine Schaufensterpuppe vor die irgendwas besonders an sich hatte. Es war ganz bestimmt keine Designer Jacke, sondern eher ein dunklen, riesigen, abartigen, Leberfleck im Gesicht. Ich fühlte mich wie auf dem präsentieren Teller. Es war unangenehm all die gaffenden Blicke wahrzunehmen und keinerlei Worte oder Zeichen mit denen ich etwas wahrnehmen konnte. Ich wusste nicht, was sie dachten, sich fragten oder in ihren Köpfen herum schwebte. Aus meiner Sicht waren sie alle damit beschäftigt meinen Körper und meine Figur wahrzunehmen, wie breit und dick ich war. Wie hässlich sie mich fanden oder wie unattraktiv, das sie meine Kleidung nicht mochten, die ich trug und somit selbst die Marke keinerlei Stellenwert mehr nahm. Meine neue Klassenlehrerin berichtete das ich Lina hieß, ab heute in diese Klasse ging und mir ein paar Leute, in der Pause mir bitte einmal die Schule zeigen sollten. Gleich danach begann sie mit dem Unterricht. Das Ferien-Feeling war sofort verflogen und die Schulzeit war wieder in vollen Zügen. Nachdem alle anderen sich gegenseitig über deren Ferien ausgetauscht hatten, begann auch ich die einzelnen Mädchen und Jungen genauer zu betrachten. Mir fiel auf, dass eine in meine alte Parallelklasse ging. Ich hatte gar nicht mitbekommen, das sie die Schule gewechselt hatte. Mit einer anderen war ich gemeinsam in einer Grundschulklasse gewesen. Wiederum kannte ich jemand anderen von meiner Oma, welche ihre Nachbarin war. Schnell schlossen mich die anderen in ihre Gespräche ein oder ich redete einfach mit, als wäre es, das normalste was es gab.
Wenn ich zu Hause war, betrachtete ich mich Stunden lang im Spiegel. Zuerst war es mein Bauch der mir viel zu dick und breit vorkam, die Einkerbungen der nicht übersehbaren Rettungsringen, waren, auch wenn ich gerade, mit beiden Beinen auf dem Boden stand nicht zu übersehen. Dazu kamen später meine Oberschenkel. Sie berührten sich und das Fett quoll an den Seiten heraus. Am aller schlimmsten waren meine Fettpolster zwischen den Armen und Oberkörper. Mit jedem Blick ekelte ich mich mehr vor meinem eigenen Körper. Es machte mich wütend, traurig, verständnislos, warum ich nicht so wunderschön wie alle anderen sein konnte. Warum war ich kein angesagtes und beliebtes Mädchen? Es konnte doch alles viel einfacher sein. Viel besser!
Als die Schule wieder begann, wurde ich von all meinen positiven Erwartungen enttäuscht. Ich freute mich auf die Leute, auf den Unterricht, auf das lernen, auf die Arbeiten und die Hausaufgaben. Meiner Meinung waren diese Wochen der perfekte Start um als richtige Klassenkameradin anerkannt zu werden. Es hatten sich alle einige Zeit nicht gesehen, womit ich nicht mehr alt zu neu dastehen sollte.
Diese Hoffnung zerplatze in nur ein paar Sekunden.
Es waren der schlimmste Augenblick meines ganzen Lebens, naja vielleicht einer der schlimmsten zu dieser Zeit. Auf einmal stand ich ganz allein in der Klasse und hatte niemanden, an den ich mich halten konnte. Alle anderen schienen wichtiger als ich, selbst die Leute, mit denen ich zuvor viel zu tun hatte, sprachen nur noch wenige Worte mit mir. Vor ein paar Sekunden, Minuten, vielleicht auch Stunden ging es mir so gut wie schon lange nicht mehr. Von nun an wurde ein Tag schlimmer als der andere. Es war der Beginn eines Alptraums, welcher aus meinem größten Traum entstanden war. Es waren nicht die Leute an sich, viele waren total nett und hilfsbereit. Es war meine innere Einstellung, der Gedanke, meine Ausgangssicht, dass sich niemand für mich interessieren würde. Somit begann ich immer abweisender zu reagieren. Zwischendurch kamen ein paar Mädchen oder auch Jungen auf mich zu, ich gab aber nur einzelne Wörter von mir preis. „Was hast du am Wochenende gemacht?“, „Ich hatte ein Basketballspiel!“ und drehte mich weg. Ich konnte niemanden vertrauen und erst Recht niemanden den ich nicht ein mal kannte. Ich hatte Angst, ausgenutzt und missbraucht zuwenden. Ich hatte Angst vor fremden Leute, vor bekannten Leuten und vor allem, vor mir selbst!
<< Die schlechten Erfahrung, Erinnerungen,
Ereignisse und Erlebnisse,
sind die Dinge die uns Angst machen.
Angst vor unserem Selbstbewusstsein,
vor unserer Selbstliebe,
vor unsrem Selbstvertrauen
und vor unserer Selbstachtung.
Angst vor uns. Angst vor uns selbst! >>
Schon wieder wuchs die Leere in mir und ich brauchte etwas, was alles andere unwichtig erscheinen ließ. In demselben Moment, während ich diesen Gedanken dachte, war es auf einmal wieder da, das Essen! Hinter dem sich viel mehr, als die alltägliche Nahrungsaufnahme befand. Hinter diesem Wort, versteckte sich Kontrolle, Mut, Hoffnung und vor allem Liebe!
Mein momentanes Wohlbefinden hatte sich verändert, die Traurigkeit ist verschwunden, statt dessen machte sich eine Endgültigkeit in mir breit, eine Entschlossenheit und ein einziger Gedankenkreis, der mich einnahm und keinen Raum für überflüssige Probleme bot.
Das morgendliche wiegen nach dem Aufstehen, wurde zu einem festen Ritual. Wenn die Zahl auf der Waage kleiner wurde, bekam ich Kraft geschenkt, wenn sie es nicht tat, wurde ich schwach und schwächer. Ich brauchte die fehlende Stärke, den Mut und tat alles dafür, diesen zu erlangen.
Meine Schulzeit verbrachte ich nun mit Essensplänen über die gesamte Woche zu erstellen. Ich schrieb ein Zettel nach dem anderen, mit Zahlen, Mengenangaben und Auswahlmöglichkeiten, ich schrieb all das auf, was ich niemals essen würde. Die Pläne waren mit tausenden von Fragen überseht. „Was passiert wann? Wann muss ich essen? Nehme ich davon zu? Wie kann ich welches Essen umgehen? Welche Ausrede klingt real? Wie kann ich ständige nachfragen verhindern? …“, zu viele Fragezeichen tauchten in meinem Kopf auf. Es ließen sich allerdings nur wenige beantworten! Dies nahm so viel Zeit in Anspruch, dass ich für kaum etwas andere mehr Platz hatte. Ich war mit mit mir selbst beschäftigt, ich war beschäftigt und aus diesem Grund fühlte ich mich nicht mehr alt zu sehr alleine. Ich hatte keine Zeit mehr daran zu denken, wie ich mich fühlte. Außerdem hatte ich alles, was ich brauchte. Ich hatte das Essen auf meiner Seite. Das Essen war mehr als Essen. Das Essen wurde lebendig. Das Essen konnte reden. Das Essen füllte mich mit Liebe, es gab mir Zuneigung und Vertrauen. Das Essen wurde zu meiner besten Freundin. Das Essen war das wonach ich suchte, dass was mir fehlte, das was ich mir so sehr wünschte und genau deshalb wurde ich von Tag zu Tag glücklicher.
Es wurde mir immer mehr egal, was für einen Stand ich in der Klasse hatte, wie beliebt oder eher unbeliebt ich war. Denn ich hatte meine Gedanken ganz für mich alleine, es war mein Eigentum, mein ein und alles!
Meine beste Freundin war nur für mich ganz alleine da. Niemand konnte sie sehen oder spüren, dennoch beschützte sie mich. Genau deshalb war meine beste Freundin etwas ganz besonderes. Niemand konnte mir meine beste Freundin wegnehmen. Auf jeden Fall nicht, wenn niemand meine beste Freundin sah oder wiedererkannte. Es war die engste Freundschaft die ich je hatte und das, obwohl sie erst so frisch, neu und unbekannt war.
<< Ich brauchte mein Leben lang,
jemanden der mich hält.
Ich suchte, durchsuchte und verfluchte die ganze Welt.
Bis zu diesem Augenblick, in dem ich dich fand
und wir verbunden waren durch ein
inniges Herzensband! >>
In den Mittagspausen saß ich mit allen anderen an einem großen Tisch in der Mensa. Alle kauften sich etwas zu Essen und aßen ein oder auch zwei, viel zu überfüllten Teller in wenigen Minuten auf. So schnell haben sie hunderte von Kalorien zu sich genommen und es nicht einmal genossen! Ich hockte brav daneben, ließ mir nicht anmerken wie abwertend meine Gedanken waren. Ich knabberte verlegen an ein paar Gurkenscheiben und einem Stück Paprika.
Ein Mädchen aus meiner Klasse sprach mich an: „Möchtest du dir nicht auch etwas zu Essen holen?“ „Nein, das reicht mir, ich habe gerade keinen Hunger!“ erwiderte ich. Sie schaute mich ungläubig an, lachte und sprach: „Pass aber auf, dass du nicht magersüchtig wirst!“ Ich grinste sie an, mein Blick sank noch in demselben Moment auf den Boden und das Wort „Magersucht … Magersucht“ schrie in meinem Kopf umher. „Warum hat sie das gesagt, sieht sie nicht das ich schon längst magersüchtig bin? Sieht sie es mir nicht an? Sehe ich normal aus, so wie jeder andere auch? Ich möchte nicht normal sein, ich bin anders, ganz anders! Ich bin nicht so wie ihr, ich möchte nicht so wie ihr sein!“, sprachen meine Gedanken und liefen weiter.
Ich dachte an die Zahl auf der Waage heute Morgen. 48,3 Kilo bei 170 cm, das ist ein BMI von 16,7. Mit der Erinnerung, das ich noch vor den Sommerferien 64 Kilo gewogen habe, war ich nicht mehr ganz so enttäuscht. Es war mittlerweile Anfang November und ich habe in den dreieinhalb Monaten knapp 16 Kilo abgenommen. Zuerst war ich davon überzeugt, dass es viel war. Jedoch war ich immer noch enttäuscht, denn das Ziel von der magischen 47 Kilo hatte ich noch nicht erreicht. Ich wusste nicht wieso, aber diese Zahl, wäre wie ein Geburtstagsgeschenk für mich, eine bestätigung, etwas gut gemacht und beendet zu haben, dann durfte uafhören, dann durfte ich so beiben, wie ich war, aber erst dann!
Nach der Schule ging ich wie fast jeden Tag zum Basketballtraining. Es machte mir Spaß, allerdings nicht mehr, wenn ich über meine Grenzen hinaus spielte, ich lief und lief und lief, solange bis ich nicht mehr konnte und dann, lief ich weiter. Ich tat alles dafür, um so viele Nährstoffe wie möglich zu verbrennen. Ich übte keine simplen Würfe mehr. Ich übte Fast Breaks, ich denen ich nichts anderes tat, außer zu laufen, welches ich mit ein paar unterschiedlichen Skills verband. Ich hielt es nicht aus, auf der Stelle zu stehen. Zu dieser Zeit, sprang ich höher, als es ging und war so gut wie noch nie! Ich war die Motivierte und Kraftvolle in meinem Team, was ich leider auch mit der Zeit meinen Mitspielern zudenken gab. Ich wurde überheblich, wollte nur das Beste für mich. Ich wollte die gut genug sein und das ohne mich mit ihnen auseinanderzusetzen! Ich tat das was ich für richtig hielt, ohne auf meine Mitspieler zu achten, denn das Ziel, Sport zu machen, um dünn zu werden, stand an erster Stelle. Anschließend fuhr ich mit dem Bus nach Hause. Ich lag in meinem Bett, hörte Musik und lernte nebenbei Kalorientabellen der Nahrungsmitteln auswendig. Dies tat ich solange bis ich Abends, meist hungrig dabei einschlief.
Mit meinen Eltern wollte ich ebenso wenig zu tun haben. Jeder Moment unter Leuten könnte eine neue Essenssituation hervor rufen. Es könnte einen Moment geben in dem ich nicht flüchten konnte, so dass ich einen gemeinsamen Umgang von vorneherein vermied. Ich würgte jedes Gespräch so schnell es ging ab und mein Leben baute weiterhin auf vielen unterschiedlichen positiven Lügen auf. Wenn ich erzählte, wie gut die Schule war, wie nett die ganzen Leute mich behandelten, ich mal wieder eine 1 ohne Fehler geschrieben hatte, blieben keine Fragen mehr offen. Ich brauchte nicht noch mehr Wörter von mir geben, dann habe ich mehr Zeit für mich und meine neuebeste Freundin. Meinebeste Freundinwar das Essen, die Magersucht oder die Essstörung, wieAußenstehende es beschrieben würden, aber nicht ich. Für mich war meinbeste Freundin, alles was ich brauchte und somit hatte meinebeste Freundin, ihren Namen verdient. Dadurch das ich an kaum einer Mahlzeit mehr teilnahm, wurde das erbrechen weniger, mein Magen jedoch täglich kleiner. Wenn ich Frühstückte war es höchstens 1 EL Müsli und 3 EL fettarme Milch , wenn zum Abendessen da war, aß ich eine halbe Scheibe Brot mit fettarmer Salami, welche pro Scheibe 11 Kalorien hatte. Falls ich einmal Mittag essen musste, lag nie mehr als 1 Löffel Gemüse und etwas Soße auf meinem Teller. Ich wusste das es wenig war, zu wenig um sich gesund zu ernähren, aber es war genau, das was ich wollte, das wofür ich kämpfte. Ich wollte dünn sein, dünner als alle anderen. Ein einziges Mal die schönste, die begehrteste, die attraktivste. Ich mochte mich keines Weges und genau das sollte sich ändern.
Ich wollte mich in meinen eigenen Körper wohlfühlen und das konnte ich nur durch die Unterstützung meinerbesten Freundin. Meinebeste Freundinopferte sich für mich, damit ich genauso werden konnte wie meinebeste Freundin. Ich habe noch nie meinebeste Freundin ,in der Realität gesehen, das würde ich auch niemals. Denoch wusste ich, das meinebeste Freundingenauso aussah, wie ich immer sein wollte. Außerdem gab meinebeste Freundinmir die Freundschaft, die ich immer gebraucht hatte. Meinebeste Freundinwar für mich da, an meiner Seite und jeder Zeit zur Stelle. Das war der Grund, warum ich alles für meinebeste Freundin tun würde, alles!
<< Ich werde geliebt und ich liebe.
Ich werde verstanden und ich verstehe.
Ich werde gebraucht und ich benutze.
Ich habe dich und Du hast mich.
Du bist meine beste Freundin! >>
Bald waren Herbstferien, auf die ich schon lange wartete, während die Tage in der Schule immer unerträglicher wurden. Ich freute mich endlich wieder Zeit für mich zu haben, ein paar Wochen zum Nachdenken und mich selbst zu überdenken! Dazu suchte ich mir Dinge die mir Spaß machten, laufen, Fahrrad fahren, spazieren gehen, aber auch Rezepte lesen, Essen abwiegen, das Internet nach neuen Lebensmitteln durchsuchen, Kalorien ausrechnen … Es waren allerdings alles Dinge die nicht mein eigentliches „Ich“ als entspannt oder lustig ansahen, sondern diese unbewusste Stimme in mir. Manchmal merkte ich sie gar nicht, aber sie war immer da, sie hatte ein Stück von mir übernommen und bot mir alles, was ich alleine nicht erreichen konnte. Sie gab mir Kraft, sie war immer für mich da, sie war die einzige Freundin die ich hatte, sie war meinebeste Freundin!
Aus diesen Ideen, welche meinebeste Freundinmir in den Kopf setzte, wurde immer mehr ein Zwang und, oder ein Versagen. Ich schaffte nur 7 von den 10 geforderten Kilometern und deshalb war meine beste Freundin sauer auf mich. Meinebeste Freundinließ es mich spüren, so sehr, dass ich an mir selbst zweifelte, mich hasste und mich verfluchte. Ich wollte all den Anforderungen meiner besten Freundin nachkommen und gerecht werden. Zum ersten Mal hatte ich den Anspruch gut genug zu sein, unter einer machbaren Forderung.
Meine Eltern arbeiteten in dieser Zeit durchgängig. Sie waren erst am späten Nachmittag wieder zu Hause, somit hatte ich genügend Zeit, um mich mit genau diesen Sachen zu beschäftigen. Mit den Dingen, die meine beste Freundin von mir verlangte. Ich lief also die meiste Zeit durch das Haus, suchte nach Rezepten, die ich eventuell einmal zubereiten konnte, selbst wo ich ganz genau wusste, dass es diesen Moment niemals geben würde und den gab es auch nicht. Es war, als würde ich die Rezepte und nicht das fertige Essen zu mir nehmen. Ich aß die Wörter, die Bilder, die Gramm Zahl der Lebensmittelangaben. Das tat ich solange, bis ich schließlich keine Lust mehr auf bestimmt Nahrungsmittel oder Gerichte hatte. Es war, als hätte ich mich satt gelesen. Abgesehen davon, dass ich in der gesamten Zeit nie mehr als 250 Kalorien zu mir nahm. Es war eine feste Grenze, die meine beste Freundin für die Erhaltung unsere Freundschaft stellte. In dem Moment, in dem ich mehr aß, als meine beste Freundin mir sagte, brachte ich mich in das Risiko, meinebeste Freundinzu verlieren.
Einmal sind unsere Cousins am Nachmittag zu uns gekommen. Es gab Schokoladenmuffins zum Kaffee. 346 kcal pro Stück stand auf der Verpackung, viel mehr als ich sonst am ganzen Tag zu mir nahm. Es wäre das einzige, mit dem Abendessen zusammen, was ich am Tag hätte essen müssen. Trotzdem war es zu viel, viel zu viel, mehr als sonst. Ich habe alles versucht, um nicht anwesend zu sein. Ich konnte es nicht aushalten zu wissen, das ich so viel essen musste, obwohl ich meine Cousins über alles liebte. An der kurzfristigen Absage meiner Freundin, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte, scheiterte mein Fluchtversuch. Ich saß mit den zwei kleinen Jungs am Tisch und aß Stück für Stück diese Kalorienbombe. Ich tat so, als störte es mich nicht, während innerlich meine Wut weiter stieg. So lange, bis ich das Gefühl hatte, ich würde Platzen. Ich lief hoch in mein Zimmer, Tränen strömten über mein Gesicht, sie waren nicht mehr zu stoppen, so groß war der Hass auf mich selbst. „Wie konnte ich nur? Wieso habe ich nicht wieder standen? Wieso habe ich nicht mehr versucht, um aus der Situation zu entfliehen? Ich hätte es ändern können, ich habe versagt, ganz allein ich!“ sagte meinebeste Freundin. Schon wieder war ich Mitten in dem Gedankenkreis, aus dem es kein Ausweg gab. Ich verzweifelt, ich weinte, ich schlug gegen die Wände und ekelte mich vor mir selbst, vor meinem eigenen Körper.
<< Gefangen in meinem eigenen Körper.
Verraten durch meine eigene Stimme.
Festgehalten durch die eigene Haut.
Verurteilt durch mich selbst! >>
Mit jedem Tag nahmen diese Gedanken von Selbsthass und die Angst vor dem Versagen zu, somit wurde auch mein Gewicht immer niedriger.
Am Ende der Ferien leuchtete eine schwarze 45,1 Kilo, auf der Waage auf. Ich hatte es geschafft, endlich. Ich war an meinem Ziel angekommen. Ich hatte das erreicht, was meinebeste Freundinvon mir verlangte. Obwohl welches Ziel? Die 47 Kilo auf die ich immer ansteuerte, die 46 Kilo die ich genauso liebte oder einfach nur das Ziel, eine kleinere Zahl zu sehnen, mein Gewicht nicht stieg und ich immer dünner wurde? Welches Ziel war es? Es gab kein Ziel! Es gab nie ein Ziel, es gab ein Weg oder eine Lebensart die„Abnehmen“ hieß. Für Außenstehende sieht es vielleicht eher wie verhungern oder sich selbst zerstören aus. Ich konnte diese Meinung jedenfalls nicht teilen. Ich verfluchte meinen Körper immer noch genauso sehr wie mich selbst. An meinen Beinen sah ich nur Fett, trotz der großen Lücke zwischen meinen Oberschenkeln. Es fühlte sich immer noch so an, als würden meine Beine, sich bei jedem einzelnen Schritt berühren und aneinander reiben. Meine Knochen konnte ich fühlen, aber nicht sehen. Alles was ich sah, waren Fettpolster, die sich über meinen ganzen Körper verteilten. Was mich besonders störte, waren immer noch die Fältchen zwischen Arm und Oberkörper, sie sind kleiner geworden, aber sie gingen nicht weg. Sie sind genauso ekelerregend wie ich. Ich war hässlich, dumm und ekelerregend!
Die Schule wurde mittlerweile viel anstrengender, als in der verfangenden Zeit. Ich konnte nicht still sitzen, mich nicht konzentrieren, ich fror ununterbrochen das, obwohl ich jeden Tag mindesten 3 Pullover übereinander und immer eine Strumpfhose, Leggings und Jeans angehabt hatte. Meine dummen Mitschüler mussten natürlich auch bei Minusgraden das Fenster aufreißen, es war nicht so. Als ob es Winter, bzw. Herbst war, nein es war anscheinend zu stichig im Klassenraum, als ob!
Sie wollten mich nur ärgern, weil jeder mitbekam wie sehr ich mich darüber aufregte und es kein bisschen verstand, wie stark ich fror. Noch viel schlimmer war, dass ich viel zu erschöpft war, um den Weg vom Auto bis zur Klasse zu gehen. Meine Beine taten weh, zwischenzeitlich spürte ich sie kaum, sie waren wie taub. Ich ruhte mich auf den geschätzten 500 Metern immer öfters aus, zu schwach war ich. In der Klasse blieb ich nur auf meinem Platz sitzen, ich redete mit niemanden, ich war so still, dass man denken konnte ich war taub. Alle von meiner Tischgruppe verließen zwischenzeitlich den Raum und ich saß wie so oft alleine am Tisch. Bis auf mir standen alle hinten im Klassenzimmer in der Ecke, tuschelten und schauten immer wieder zu mir herüber und dann lachten sie. Sie lachten über mich über mein Verhalten. Was hatte ich getan? Ich redete kaum mehr, ich saß doch nur da, ich tat nichts! Was hatte ich falsch gemacht, wenn ich nichts tat. Worüber zerrissen sie sich ihre Mäuler? Ich wollte es wissen! Ich wollte wissen, was an mir falsch war, was ich ändern musste, damit ich ihnen gefiel! Ich ging nur noch zur Schule, wegen dem Zwang und dem Druck. Wenn ich mich krank stellte, ich nicht zum Unterricht ging, dürfte ich auch nicht zum Basketballtraining, dies war alles wofür ich noch lebte. Schon länger brachte es mir kaum noch Spaß, genauso wenig wie shoppen oder Hausaufgaben. Ich wusste allerdings, das irgendwann der Tag kommen würde, an dem die Freude zurück kehrte und darauf würde ich warten. Ich hatte Hoffnung, viel Hoffnung, vielleicht zu viel Hoffnung, oder zu viel Ergeitz. Eventuell spielte meinebeste Freundinbei dieser Entscheidung und diesem Willen, eine weit aus starke Rolle. Meinebeste Freundinverlangte von mir, dass ich Sport trieb und mich möglichst viel bewegte. Nur so konnte ich genügend abnehmen, nur so konnte ich meinerbesten Freundingerecht werden! Ich tat alles für meinebeste Freundinund somit war auch das, nur eine Kleinigkeit die ich gerne für meinebeste Freundinauf mich nahm.
Einmal hatte ich wie immer zum Basketballtraining ein enges Top an, welches mittlerweile etwas rutschte und zu groß war, eine weite Basketballhose, die ich kaum noch fest geschnürt bekam, ohne das sie sich wieder von meinen Hüften verabschiedete und meine Beine wirkten viel zu schmal für die Hyperdunk Schuhe. Als ich in der Halle stand, mich gerade auf dem Weg machte meinen Ball zu holen, sprach mein Trainer mich an. Er war über 60 und somit schon ziemlich alt. Trotzdem verstand er viel von der Sportart und war noch immer in höchst Form!
“Dich kann ich ja gar nicht mehr anfassen, willst du nicht mal etwas mehr Pasta essen?“ sagte er zu mir erwartungsvoll. Es war ein Schock, ich war sauer, überrascht und glücklich das er mich sah, sich Sorgen machte. Ich wusste nicht, was ich auf diese Worte antworten sollte und sagte mal lieber wieder einfach gar nichts. Ich sagte nie etwas, wenn mich jemand auf mein Aussehen ansprach. Ich wollte das jeder sah, wie hübsch ich war, dennoch konnte ich mit so welchen Kommentaren auf keine Art und Weise umgehen. Was war angebracht und was nicht? Bevor ich etwas falsch machte, machte ich lieber gar nichts. Das war nicht so falsch, wie etwas falsch zu machen! Da war ich mir ganz sicher!
Kurz darauf sollten wir Freiwürfe werfen, normalerweise ging fast jeder meiner Würfe rein, nur diesmal nicht. Einer nach dem anderen flog daneben, kein einziger kam auch nur in die Nähe von dem Ring. Ich schaffte es nicht mal mehr den Ball zu werfen. Ich hatte schon viel zu viele Muskeln abgebaut, um noch genügend Kraft in den Armen zu haben. Ich wusste es, dennoch wollte ich es mir nicht eingestehen und war lieber wütend auf mich, das ich so schlecht geworden war.
Als Nächstes folgten Passübungen und ich trabte langsam und unsicher hinter meinem Ball her, während mich alle anderen überholten. Ich war immer die Beste und schnellste, nur ein anderes Mädchen konnte mit mir mithalten. Ich wollte mich damit nicht selbst loben, allerdings war es so, bis zu dem heutigen Tag oder besser gesagt bis zu den letzten paar Wochen! Für mich wollte nie jemand die Defensive übernehmen, nicht weil sie mich nicht mochten. Nein, nur weil jeder dabei versagen würde und alle meiner Körbe rein gingen.
Sobald ich an diese Zeit zurück dachte, verstand ich nicht, was mit mir los war. Klar, wenn ich etwas mehr essen würde hätte ich mehr Kraft, aber allein daran konnte es nicht liegen. Ich war schuld, dass ich so schlecht war, ich hatte mal wieder versagt. Nach diesem Training, war ich nicht erneut in der Halle, niemanden wusste den Grund ,warum ich nicht mehr kam, ich war einfach nicht mehr da. Weg, verschwunden!
Die Enttäuschung das ich nicht mal mehr diese einfach Übungen hinbekam, war zu groß. Ich konnte den Selbsthass nicht aushalten und mich nicht weiter belasten. Statt dessen aß ich noch weniger und lag dafür nur noch in meinem Bett. Schließlich durfte ich nur die Kalorien die ich nicht mehr verbrannte, nicht mehr zu mir nehmen, so dass meine Tagesration aus einem rohen Gemüse und einem Apfel bestand.
<< Die Kraft verabschiedete sich,
der Mut verließ mich.
Stark war ich noch nie gewesen.
Die Ausdauer ging zu ende und ich?
Ich konnte nicht mehr! >>
Mein Tag hatte von nun an keine Abwechslung mehr. Ich ging zur Schule, fuhr nach Hause und lag in meinem Bett. Dabei begann ich mich mit dem Essen oder dem Sinn des Lebens auseinanderzusezten und wenn ich das nicht tat, dann schlief ich. Manchmal wenn ich etwas besser drauf war, ging ich spazieren, aber das gehörte zu den seltenen Ausnahmen. Aus meinem starken Bewegungsdrang ist ein „bloß nicht anstrengen, du könntest versagen“ geworden. Ich war zu schwach, ich hatte keine Lust, ich sah ein das ich keine Kraft hatte und innerlich brauchte ich welche, deshalb ließ ich das sein, was ich sein lassen musste. Auf eine Art und Weise sorgte ich für mich selbst, auch wenn ich das nicht wahrnahm. Ich war nur mit meinerbesten Freundinbeschäftigt, so beschäftigt, dass ich mich vergaß.
Das sollte nicht heißen, das ich es schlimm fand, eher im Gegenteil. Ich war froh mich nicht mehr um mich kümmern zu müssen, jemanden zu haben, der rund um die Uhr bei mir war. Ich tat alles für meinebeste Freundin.Ohne meinebeste Freundinhätte ich nun, in diesem Augenblick immer noch mit der Leere in mir zu kämpfen. Meinebeste Freundinwar meine Rettung, ohne meinebeste Freundinkönnte ich mittlerweile meinen Namen sicherlich nicht mehr kennen, geschweige denn würde ich noch leben. Ich durfte ein Teil von ihr ab haben und genau das machte meinebeste Freundinso wunderbar. Meinebeste Freundinließ mich an ihrem gesamten Leben Teil haben und genau dafür war ich ihr mehr als dankbar!
Meine Mutter sprach mich eines Abends darauf an, ob ich mich nach dem Essen übergeben würde, aber ich sagte überzeugt „Nein“ und erklärte meine Mom für verrückt. Wie konnte sie das plötzlich denken, jetzt wo ich es schon seit Wochen nicht mehr tat. Jedes Mal hatte ich danach starke Kopfschmerzen und meine Lippen rissen auf, dass ich irgendwann selbst die Kraft hatte diese Möglichkeit loszulassen. Von dem Moment an, aß ich allerdings noch weniger als zuvor. Ich fühlte mich erneut dick und hässlich. Meine Mutter sah, das ich dünner wurde, aber gleichzeitig dachte sie, ich esse genug, ich esse viel, ich esse zu viel, um so auszusehen! Ich war erschrocken. War das Gemüse am Abend und ein Stück Obst zu viel? Ja? Es war zu viel? Ok, weniger geht immer! Ihr habt es so gewollt! Es war hart jedes Mal bevor ich nach Hause kam mir neue Lügen zu überlegen, eine Möglichkeit zu finden zu den Mahlzeiten woanders zu sein, genauso wie das aufgezwungene Lächeln. Keiner sollte erfahren, was in mir los war, womit ich kämpfte, was mein Leben war. Niemand durfte wissen, wer ich war, ich versteckte mich hinter viel zu viele Fassaden, zu viele um sie aufrecht zu erhalten, zu viele um mich dabei noch wieder zu erkennen!
Es war spät am Abend vielleicht elf, vielleicht auch schon halb zwölf. Ich hörte meine Eltern im Wohnzimmer reden, mein Name viel in jedem zweiten Satz. Ich wurde neugierig und wollte hören, was sie sagten, ich schlich mich zur Treppe und lauschte: „Hast Du Dir Lina mal angeschaut? Sie wird immer dünner! Schon seit dem Sommer habe ich sie nichts mehr süßes Essen sehen! Was ist mit Lina los? Haben wir etwas falsch gemacht? Was sollen wir tun? …!“ Es waren Fragen, Antworten, Äußerungen, die viel zu plötzlich für mich kamen. Ich dachte es hätte niemand mit bekommen, ich hatte doch alles versucht das es niemand bemerkte, niemand außer ich!
Schon wieder machte sich ein Gefühl von Versagen in mir breit. Es wurde stärker und stärker, ich fühlte mich hilflos, wusste nicht mehr was Richtig und was Falsch war. „Ich rief morgen bei meiner Ärztin an, mache ein Termin und sie wird schon heraus bekommen, was mit unserer Tochter los ist!“ flüsterte meine Mutter mit einer verzweifelten Stimme. Daraufhin folgte Stille.
Ich hörte mein Atem, fühlte mein Herz pochen, es war so schnell wie noch nie, es tat weh, mein ganzer Körper tat weh. Ich schloss die Tür in meinem Zimmer und fing an zu weinen. Ich stellte mich vor meinen Spiegel und schaute in meine Augen. Ich sah die einzelnen Tränen, die mir übers Gesicht liefen, aber vor allem diese Leere, sie machte mir Angst. Ich wollte schreiend weg laufen, was natürlich nicht möglich war! Statt dessen schlug ich gegen die Wände, immer wieder bis meine Finger rot waren und ich sie kaum noch spürte. Ich betrachtete mich wieder im Spiegel, ich sah meine Beine an, meine Arme, zog mein T-Shirt hoch und blickte auf meinen Bauch. Zum aller ersten Mal sah ich für einen kurzen Moment, das ich dünn war, dünn genug um nicht weiter abnehmen zu müssen. Ich stand Fuß, an Fuß auf dem Boden und realisierte eine reale Lücke zwischen meinen Beinen, ich sah die Adern an der Oberfläche von meinen Füßen, ebenso wie an meinen Händen. Mein Blick ging weiter nach oben. Mir fiel auf das ich so gut, wie keine Brust mehr hatte, dass ich ohne Bemühungen unter meine Rippen fassen konnte. Ich drehte mich zur Seite, sah meine Wirbelsäule, Knochen für Knochen auf meinen Rücken sich abzeichnen. Ich musste wieder Anfangen zu weinen, dieses mal aus Hass auf mich selbst, warum ich es so weit kommen lassen hatte. Ich wollte doch nur abnehmen bis ich mich wohlfühlte, bis ich glücklich war. Ich war weder glücklich, noch fand ich mich schön. Ganz im Gegenteil. Ich konnte es nicht mehr aushalten weiter mein Spiegelbild an zusehen. Ich setzte mich auf mein Bett und schlug auf mein Kissen ein. Ich verstand, wieso sich meine Eltern Sorgen machten, ich verstand das jeder es um mich herum mitbekamen. Alle sahen, wie abgemagert ich war, nur ich nicht! Auf jeden Fall nicht bis zu diesem Augenblick!
Ich wollte wieder essen, es schmecken und genießen können. Die ganze Zeit dachte ich, ich könnte aufhören, wenn ich wollte und jetzt, was ist jetzt? Jetzt wollte ich aufhören, aber ich konnte nicht, ich wusste das es jetzt zu spät war, zu spät um meinerbesten Freundinzu sagen, das ich nicht mehr, mit ihr befreundet sein möchte. Ich liebte meinebeste Freundinüber alles, aber ich wusste, dass meinebeste Freundinkein guter Umgang für mich war.Es war zu spät und genau das verstand ich in diesem Moment. Ich war in dem Kreislauf, über den ich so viel im Internet gelesen hatte. In der Gefangenschaft die ich nicht realisieren wollte. In dem Zwiespalt zwischen mir und meinerbesten Freundin.
<< Ich dachte die ganze Zeit ich könnte auf hören.
Bis zu dem Moment, in dem ich es versuchte! >>
Nächsten Nachmittag rief meine Mutter mich in die Küche, ich sollte mich zu meinen Eltern setzen, sie müssten einmal mit mir reden. Ich wusste worüber die beiden mit mir reden wollten, warum sollte ich das alles mir noch einmal anhören, schließlich wusste ich jeden einzelnen Gedanken aus ihrer Sichtweise!
„Ich weiß, dass du nicht darüber reden willst!“ begann meine Mutter zu erzählen. „Aber wir denken das es nicht mehr gesund ist, wie du aussiehst, das ist nicht mehr normal. Ich habe am 17. Dezember einen Arzt Termin bei meiner Ärztin gemacht, vielleicht tut es dir ganz gut einmal mit jemand anderen zu reden.“ sprach sie weiter. Alle waren leise, bis mein Vater die Stille durchbrach! „Ist das für dich in Ordnung, Lina?“, fragte er. Ich antwortete mit „Ja.“ und ging wieder auf mein Zimmer.
Was sollte ich in dieser Situation noch großartig sagen, der Termin war gemacht und wissen wollen, was eigentlich los war, wollte niemand. Na gut, ich würde niemals meinen Eltern die Wahrheit erzählen! Dennoch konnten sie es wenigstens hinterfragen und mich nicht sofort, vor vollendete Tatsachen stellen!
Ich starrte gegen die Decke und dachte nach. Wie sollte ich meinebeste Freundinjetzt noch verstecken, es brachte nichts mehr, wenn ich so tat als, wenn alles in Ordnung wäre. Ich bin auf geflogen, wir sind aufgeflogen, meinebeste Freundinwar aufgeflogen. Ich wollte so weiter machen, ich wollte nicht jetzt, wo ich schon so dünn war wieder aufgeben, ich wollte weiter machen, so dass jeder, wenn er an mir vorbeiging mich ansah und dachte, dass ich wunderschön und PERFEKT sei. Genau das war mein Ziel, was ich erreichen wollte, wofür ich lebte!
Das Leben lohnte sich. Es ist dazu, da um es so zu gestalten wie ich es möchte und ich möchte, es schmal, eintönig und exakt.
In meinen Gedanken schmiedete ich einen Plan. Die nächsten zwei Wochen würde ich so wenig essen wie es mir möglich war. Ich würde vor meiner Ärztin stehen. Sie wird ihre Augen nicht mehr von mir abwenden können. Ihr Blick wird gefesselt an meinen Körper, an meine Schönheit, sie wird denken, dass sie noch nie so ein wunderschönes jugendliches Mädchen gesehen hat wie mich. Von dem allem konnte ich nur träumen, wenn ich in diese zwei Wochen noch mehr abnahm.
Ich merkte selbst wie sich meine Gedanken, von denen gestern Abend widersprachen. Was für ein Müll ich gerade erzählte und merkte das sie kein Sinn ergaben. In dem einem Moment begriff ich, dass ich keine Kontrolle mehr über mein Essverhalten, mich selbst und über die Macht, welche meinebeste Freundinauf mich ausgeübt hatte. Andererseits glaubte ich daran mich mit ein paar weiteren Kinoverlusten, schöner und glücklicher zu sein. Jetzt gerade war ich nicht glücklich, das konnte ich sagen. Von daher war die Wahrscheinlichkeit groß, dass es besser werden würde, sehr groß sogar.
Meinebeste Freundinhielt schon wieder meine Hand, sagte mir, das es genau die richtige Entscheidung war, weiter abzunehmen. Ich würde allen beweisen, wie gut ich aussehen konnte. Meinebeste Freundinwürde mich auf diesem Weg begleiten, an meiner Seite stehen, so lange bis ich mein Ziel erreicht hatte. In diesem Moment war ich so dankbar wie noch nie. Ich war mehr als motiviert mindestens noch zwei Kilo in der Zeit bis zum Arztbesuch abzunehmen.
Mein Frühstück viel meistens ganz und gar aus, Mittags gab es ein bisschen Gemüse und Abends 1/3 einer Brotscheibe, an guten Tagen aß ich außerdem noch die Schokolade meines Adventskalenders. 20 Kalorien hatte ein Stück. Ich aß es, ohne nachzudenken, jeden Tag aufs neue. Es gehörte dazu, zur Weihnachtszeit. Sekunden später machte sich ein schlechtes Gewissen in mir bereit und ich hasste mich für den Kontrollverlust, für die falsche Entscheidung!
„Es ist unnötig was du da gerade gegessen hast. Dein Körper braucht es nicht. Das einzige was er braucht ist mich, deine beste Freundin. Lass die Finger davon und esse so was nie wieder … nie wieder … nie wieder!“
Jedes dieser Wörter die mein Inneres zu mir Sprach nahm ich Ernst. Es nahm ein kleines Stück mehr Platz in mir ein, bis ich irgendwann wusste, dass ich „Nie wieder Schokolade essen werde!“ und dies versuchte zu akzeptieren. Ich war machtlos gegen meine Entscheidung. Na gut, es war die Entscheidung meiner besten Freundin ich tat es für sie, das war mir bewusst, dennoch tat ich es gerne und war froh ihr mit dieser Geste, Anerkennung und Fürsorge zu zeigen!
<< Mein Spiegelbild, zeigt nicht mich.
Es lässt mir meine Gedanken
und Ängste bewusst werden,
es lässt mich spüren,
was ich nicht fühlen möchte,
das ansehen,
vor dem ich schreiend weglaufen will.
Es ist mein größter Feind,
meine Gedanken sind meine größter Feinde
und mein Körper lässt sich auf diesen Feind ein.
Mein Körper glaubt diesen Feinden,
diesen Stimmen, diesen Enttäuschungen,
diesem Selbsthass.
Ich bin naiv und glaube das was ich sehe.
Was ich nicht in meinem Augenwinkel wahrnahm,
existiert nicht.
Es ist Wahr was mein Spiegelbild mir zeigt,
auch wenn es nicht die Wahrheit ist,
wie ich eigentlich weiß! >>
Ich war alleine zu Hause, freute mich darüber meine Ruhe zuhaben und besonders nichts essen zu müssen, niemanden anzulügen. Es war mitten in der Woche, ein kühler Wintertag, mit leichtem Schneeregen. Mal wieder hatte ich drei dicke Pullis über einander angezogen und fror noch immer! Ich hatte viele Hausaufgaben auf, setze mich eifrig, motiviert an meinen Schreibtisch und löste eine Aufgabe nach der anderen, einfach so ohne großartig darüber nachzudenken!
Ich war stolz auf mich selbst. Zum ersten Mal konnte ich mich wieder über etwas freuen, was ich aus eigener Kraft geschafft hatte. Auf jeden Fall abgesehen vom nichts essen! Somit hatte mir für heute eine Kleinigkeit von Nahrung verdient.
Den gesamten Tag hatte ich noch nichts gegessen. Ich schaute in der Küche, in der Tiefkühle, im Hauswirtschaftsraum, im Wohnzimmer und in meinem Zimmer nach Nahrungsmittel. Es waren viele Möglichkeiten. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden.
Ich las und las die Kalorienangaben: „Was hat die wenigsten Fette, wie viel Gramm kann ich wovon essen, was schmeckt mir am besten?“ Die ganzen Fragen überforderten mich, bis ich irgendwann heulend in meinem Bett lag und nichts mehr aß.
Normalerweise, sollte ich mich gut und stark fühlen. Das Gegenteil war der Fall, ich war enttäuscht. Ich wusste, dass ich genauso unglücklich darüber gewesen wäre, hätte mein Mund die furchterregenden Kalorien auch nur annähernd berührt.
Ich schlief wie immer eine Weile, um von den kreisenden Gedanken loszukommen.
Als ich aufwachte, war es 19 Uhr und dunkel draußen. Meine Mutter wollte schon um 15 Uhr zu Hause gewesen sein. Ich rief sie an, immer wieder, aber niemand nahm ab. Ich machte mir Sorgen, was war passiert, ist sie ohnmächtig geworden und lag jetzt im Krankenhaus, hatte sie einen Autounfall, war mit meinem Opa etwas zugestoßen? Bis mir der klärende Gedanke kam: „Sie wollte nicht zu mir. Sie hatte keine Lust mehr auf ihre Tochter, auf das Kind welches nur Probleme bereitete!“
Genau in diesem Moment klingelte mein Handy und meine Mutter war am Telefon. „Hallo Lina?“, sagte sie mit zitternder Stimme. Sie klang traurig allein, hilflos, so wie ich! „Dein Bruder hatte einen Motorradunfall, ich war bei ihm im Krankenhaus und wir fahren jetzt erst nach Hause, bis gleich! Tut ,tut, tut, …!“
Ich machte mir unheimlich Sorgen, obwohl mein Bruder und ich uns regelmäßig stritten, so dass wir nie wirklich viel miteinander etwas machten, dennoch schmerzte die Ungewissheit. Als die beiden spät Abends nach Hause kamen, war ich mehr als erleichtert. Mein Bruder war noch einmal ganz glimpflich davon gekommen! Er hatte sich die gesamte Fußsohle aufgerissen und musste nun ein paar Wochen mit einem Stützschuh und Krücken zu Recht kommen.
Seit langer Zeit konnte ich etwas Echtes spüren, etwas Reales, was mich erleichterte und schon wieder hatte es nichts mit dem Essen zu tun.
Ich fühlte mich schlecht, traurig, hilflos, anschließend erleichtert und behütet, das alles, weil etwas vorgefallen war zu dem genau diese Gefühle und Gedanken passten. Ein Selbstverständnis machte sich in mir breit, welches sich erstaunlicherweise gut an fühlte, sehr gut!
Kurz darauf kam der nächste Schock, mein Opa hatte ein Schlaganfall, lag im Krankenhaus und kämpfte um sein Leben. Ich hatte Opa schon lange nicht mehr gesehen, obwohl er nur ein Dorf weiter wohnte und meine Mom fast zweimal in der Woche bei ihm war. Die Ungewissheit vor dem was auf mich zukam mich ab. So sehr ich meinen Opa auch liebte, ich schaffte es nicht zu ihm zu gehen, ich hatte nicht den Mut, keine Motivation und vor allem nicht mehr genügend Kraft, um mich zu bewegen! Dazu kam die Eigenschaften meiner Großeltern, sie fragten viel, kommentierten alles und nahmen kein Blatt vor dem Mund, so dass die Angst vor spontanen Aktivitäten oder unangebrachten Gesprächsthemen viel zu stark war!
Meine Eltern besuchten meinen Großvater jeden Tag im Krankenhaus, die restliche Zeit kümmerten sie sich um meinen Bruder, brachten ihn zum Arzt, fuhren mit ihm zum Anwalt um den Unfall klären zu lassen, waren somit rund um die Uhr beschäftigt. Diese ganzen Vorkommnisse verursachten noch mehr Streit und Auseinandersetzungen wie zuvor. Diskussionen warum mein Opa nicht in ein Heim wollte, meine Oma nicht auszog oder die Frage, ob mein Bruder eine Teilschuld bekam, liefen außer Kontrolle. Ich konnte nichts ändern, so gerne ich es auch wollte. Statt dessen beobachtete ich die Streitereien, um sicher zu gehen, das keine dieser Ausarten könnte. Aushalten, ist mal wieder ein Begriff, welcher in Relation gestellt werden könnte. Es war auf jeden Fall niemand davon gelaufen, Gegenstände waren auch nicht beschädigt nur die Tür litt ein wenig, wahrscheinlich genauso sehr wie ich!
Ich fühlte mich so, als würde ich nicht mehr existieren! Jeder Tag spielte sich ohne mich ab, was nicht schlimm war, denn in diese Art von Diskussionen wollte ich auf keinen Fall mit herein gezogen werden!
Ich war ständig alleine zu Hause, niemand fragte mich wie es mir ging und falls doch sagte ich nichts. Ich verstummte, dieses Mal, nicht nur innerlich, sondern auch nach außen. Ich war in meiner ganz eigenen Welt, in meiner gedanklichen Welt und in dieser Welt, war ich vereint mit meinerbesten Freundin.
Ich hatte das Gefühl alleine zu sein, in einer Umgebung voller Menschen. Egal ob zu Hause oder in der Schule, über all waren Leute die mir helfen könnten, zu mir stehen, mich an der Hand nehmen! Niemand wollte etwas mit mir zu tun haben. Ich war wie Luft und schwebte einsam und alleine hinter einer riesigen Regenwolke.
An diesen Tagen, war es so einfach wie noch nie! Ich konnte so wenig wie möglich essen und abnehmen, das alles ohne darauf aufmerksam gemacht zu werden. Kein einziges Auge wurde zu mir geworfen, kein einziger Blick verschwendet! Niemand unterhielt sich mit mir. Niemand kümmerte sich um mich. Niemand war für mich da. Ich war ein Niemand! Dieser Niemand bestand genauso lange, bis zu dem Arzt Termin. Es war der Punkt, an dem sich mein momentanes Leben wendete, bis meine innere Welt zerbrach, bis ich auf dem Boden der Tatsachen auftraf, bis ich im Vordergrund stand. War es das was ich wollte? Dass, was ich bezweckt hatte?
Meine Mutter merkte vor sich hin: „Die Auffahrt ist viel zu eng um hier parken zu können, wie soll ich hier nur wieder raus kommen, ich fahre mir doch mein Auto nicht kaputt …“ Es dauerte so lange an, bis sie es endlich geschafft hatte einen Parkplatz auf einer dicht gelegenen Wiese zu finden. Ich ging mit ihr zusammen zu dem Arzt herein. Ich hatte Angst vor dem Gespräch, vielleicht war Angst sogar untertreiben, vielleicht war es auch Panik oder ein noch schlimmeres Gefühl, welches mir nicht in den Sinn kam. Ich wusste nicht was auf mich zu kommen würde, was für Argumente ich mir innerlich zurechtlegen könnte. Ich war hilflos in der Wüste ausgesetzt ohne ein einzigen Schluck Wasser. Alles was mir blieb, war das Wissen, das ich Trinken zum Überleben benötigte!
