Glückskind - Christina Latoschinski - E-Book

Glückskind E-Book

Christina Latoschinski

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Beschreibung

1920 schrieb mein Großvater seine Liebesgeschichte nieder. Inspiriert davon greife ich hundert Jahre später nicht mehr zu Feder und Tinte, sondern mein PC begleitet mich durch die Blütenfülle meiner Erinnerungen: kleine Geschichten aus vielen Jahren bisher gelebten Lebens unendlichen Glücks, der Liebe, der Freuden und des Leids. "Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern." (André Malraux)

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Christina Latoschinski

Glückskind

Deutsche Erstauflage 2022

© 2022 by Christina Latoschinski

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung – auch auszugsweise – ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Alle Rechte, auch die der Übersetzung des Werkes, liegen bei der Autorin.

Herausgeber: Christina Latoschinski,Langstädter Straße 31, 64850 Schaafheimwww.cms-lato.de

Lektorat & Buchsatz & Covererstellung: Petra Weymar, lektorat-ps.com

Bildquellen: Christina Latoschinski

Diese Lebens- und Liebesgeschichten widme ich von Herzen meinem geliebten Jürgen, Nico und Vio mit Julien, Mia und Louise, Kristian und Olivia mit Noë

Vorwort

Juni 1910 – hier beginnt die Liebesgeschichte unseres Großvaters Berthold Schlothauer, die 1920 auf sehr tragische Weise endete. Diese Geschichte hat er 1920 in Bad Nauheim für seineKinder Anna-Marie und Hanna in einem kleinen Lederbüchlein in Sütterlinschrift niedergeschrieben.

Hundert Jahre später, im Juni 2010 greife ich nicht mehr zu Feder und Tinte, sondern mein PC begleitet mich durch die Seiten. In Dubai steht mein Schreibtisch, die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel und auf unserem Balkon beschenkt mich unsere rosa-weiße Bougainvillea über und über mit einem Blütenmeer.

Das ist pure Inspiration, denn so umfangreich wie diese Blütenfülle sind meine Erinnerungen der letzten fünfundsechzig Jahre, die ich auf dieser erlebnisreichen, wunderbaren Welt bisher verbringen durfte. Höhen und Tiefen haben mich begleitet und so hat mich das kleine Büchlein meines Großvaters motiviert und inspiriert, einfach aufzuschreiben, was ein einziges, kleines Leben erleben darf und durfte.

Unendlich viel und in rasender Geschwindigkeit hat sich in diesem Jahrhundert fast alles verändert.

Mein Cousin Mathias wurde 1949 und ich 1945 in eine glückliche Zeit hineingeboren. Seit fünfundsechzig Jahren herrscht Frieden in Mitteleuropa. Dafür muss man große Dankbarkeit zeigen und auch den Menschen Anerkennung und Respekt zollen, die dies vollbracht und erhalten haben.

Die Technik hat sich in solch einer Windeseile entwickelt, dass es einem fast den Atem raubt. Man steigt ganz selbstverständlich in ein Flugzeug, benutzt das Auto, ist fast nicht mehr „lebensfähig“, wenn Mobiltelefone, TV oder PCs streiken.

Diese Entwicklungen haben die Menschen fest im Griff, immer noch schneller, keine Zeit. Wo bleibt der Mensch als Mensch?

So erzähle ich aus meiner Sicht kleine Geschichten aus fünfundsechzig Jahren bisher gelebten Lebens, Geschichten unendlichen Glücks, der Liebe, der Freuden, des Leids.

„Du kannst die Uhr deines Lebens nicht eine Sekunde zurückdrehen. Verabschiede dich heute von allen Gefühlen über Vergangenes und lebe den Tag.“

(Dubai, im Juni 2010)

Seit 2006 leben meine Söhne Nicolas und Kristian mit ihren Familien in Dubai.

Am 19. Februar 2020 flogen mein Mann Jürgen und ich nach Dubai, um dort bei unserer Freundin „Camel Uschi“ meinen fünfundsiebzigsten Geburtstag in der Wüste zu feiern. Mit der Familie und Freunden, das war mein ganz großer Wunsch – und er wurde erfüllt. Kamelreiten, Uschis geliebtes Essen und liebenswerte Gäste.

Das Schönste an diesem Tag war die freudige Nachricht, dass unsere kleine zauberhafte Enkelin Noë ein Geschwisterchen bekommt. Nicht nur Mama Olivia und Papa Kristian waren überglücklich.

Am 04. März 2020 flogen wir nachhause, zwei Tage später wurden weltweit alle Flüge gestoppt und die Welt versank im „Corona-Lockdown-Irrsinn“. 

Im Mai 2020 motivierte mich mein Sohn Kristian von Dubai aus, an meiner angefangenen Geschichte von 2010 weiterzuschreiben.

Immer wieder, wenn ich die herzergreifende Liebesgeschichte meiner Großmutter Hanna, geb. Tellgmann, und meines Großvaters Berthold Schlothauer lese, kann ich vor Rührung meine Tränen nicht zurückhalten. So viele Eigenschaften finde ich bei mir wieder, die unendliche Freude an Blumen und vieles mehr.

Mein Glück

geschrieben 1920 von meinem Großvater Berthold Schlothauer in Bad Nauheim

Noch jung an Jahren war ich, als ich zum ersten Mal das Elternhaus verließ. Hinaus in die Welt sollte ich, um für diese erzogen zu werden. Schon damals war es eine Lust und Freude, meine Wege zu wandeln, gute Menschen fand ich allerwärts, die mir helfend zur Seite standen. Inmitten Andersgläubiger fand ich mich ab und wurde den Leuten zum Freunde.

Am Weihnachtsfest rief mich mein Vater zurück, um nach wenigen Tagen nach England zu gehen. Ein guter Bekannter nahm mich mit und dort war ich nur unter fremden Menschen mir selbst überlassen.

Doch bald fand ich mich zurecht. Große Gelder standen mir nicht zur Verfügung. Mit 120Mark monatlich musste ich auskommen. Davon betrugen allein meine Pension und der Lehrer 100Mark. Trotzdem erlebte ich in England ein Jahr, wie es nur ein Mensch erleben kann, den es schon als Jungen hinauszog in die weite Welt.

Denn hinter unserem engen Ruhlaer Tal mit seinen umgrenzenden Bergen, da musste noch mehr Welt sein – so dachte ich es mir immer wieder als Kind.

Das schöne englische Familienleben hatte es mir besonders angetan. So verlebte ich eine schöne Zeit, verträglich mit Engländern und Franzosen. Ohne Heimweh, jedoch Sehnsucht nach meiner schönen Heimat.

Zurückgekehrt aus fremdem Land, musste ich nach kurzer Tätigkeit im Geschäft meiner Dienstpflicht genügen. Auch hier gab es prächtige Leute, die mir gut gesonnen waren und mir sogar manches Leid erspart haben. Freundlichkeit und schnelles Zufassen haben mir dabei viel geholfen.

Manch schönen Erfolg konnte ich seinerzeit mit nach Hause nehmen, zur Freude meiner Vorgesetzten und zum nicht geringen Stolz von mir selbst.

Die kommenden Jahre waren eintönig für mich, insofern eintönig, als ich keine Bekanntschaften in Ruhla hatte. Meine Arbeit machte mir wohl viel Spaß, aber außer dem Geschäft fand ich keine Freizeitbeschäftigung.

Einen lieben Freund muss ich allerdings erwähnen: Albert Pfützner, ein lieber Freund und lieber Kamerad. Alles Freud und Leid haben wir geteilt. An Heirat dachte ich nicht. Vor dem 32. Jahr wollte ich nicht heiraten. Das Leben war ja so schön. Ich lebte in den Tag hinein – sorgenlos, wie man nun einmal in dem lieben Elternhaus war.

Da kam im Sommer 1909 eine Einberufung zu einer Übung beim Heer für vierzehn Tage. Ich rückte ein und sollte wegen Überzähligkeit wieder entlassen werden. Das war jedoch nicht in meinem Sinn, denn ich hatte mich mit meinen Geschäften bei C. & F. Schlothauer danach gerichtet und der Kürze wegen wollte ich auch gern die Übung, die ja durchgeführt wurde, hinter mich bringen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Es gelang mir auch. Ein anderer Mann ging gerne wieder nach Hause und ich kam zur 3. Kompanie, obwohl ich gerne zur 4. gegangen wäre, in der mein Bruder Walter gerade diente und ich daher auch den Feldwebel kannte. Beim Abmarsch hörte ich, wie ein Mann aus der 4. meinte, er sei gerne in der 3. gewesen. Ehe er sich’s versah, befand er sich schon an meinem Platz.

Dort fand ich nun einen sehr lustigen Kameraden namens Hans Tellgmann und mit diesem verlebte ich manch schöne und angenehme Stunde, die uns zu guten Freunden machte.

*

Einige Zeit verging nach Beendigung dieser Übung. Das Wiedersehen wollten wir nicht vergessen und so rief ich auch bald meinen Freund Tellgmann an. Er meinte, ich möchte ihn doch mal in Langensalza besuchen – und zwar per Auto, was ich natürlich gern zusagte. Ich machte mich sofort auf.

In Langensalza angekommen war zufällig die Schwester meines Freundes Hans zugegen, die damals für ihn die Bücher in Ordnung brachte. Ich lud Fräulein Hanna Tellgmann mit ihrem Bruder kurzerhand zu einer Autofahrt nach Erfurt ein.

Zugesagt wurde natürlich allzu gern, denn seinerzeit gehörte Autofahren noch zu einer Seltenheit. Eine frohe, fröhliche Fahrt war es und auf der Rückfahrt gab es in Gotha traurige Gesichter, als Fräulein und Herr Tellgmann mit der Bahn zurücksollten, denn mir war es zu spät geworden, um noch über Langensalza fahren zu können.

Eine Woche verging, als mich mein Freund Hans wieder nach Langensalza einlud und mich am Abend mit nach Mühlhausen nahm. Niemand war anwesend im elterlichen Hause. Mein Freund ließ nicht nach, die Eltern mussten herbeigerufen werden. Liebe Menschen waren es. Ich fühlte mich sofort wie daheim und hätte mich am liebsten noch länger in dem gastlichen Hause aufgehalten. Fräulein Hanna kam auch zum Abendessen. Ganz anders erschien sie mir als seinerzeit in Langensalza. Zu einer Hochzeit war sie gewesen, zu einer Katerpartie sollte es gehen. Alles lebte an dem Fräulein, sie fieberte förmlich, das Leben zu leben.

An mir hatte sie scheinbar wenig Interesse, war aber sehr freundlich zu mir. Und angenehm fiel mir der freundliche und angenehme Ton auf, der in der Familie herrschte. So ganz anders, als ich es gewohnt war. Das machte mir die Familie noch trauter. Es kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass dies doch eigentlich ein ganz nettes Fräulein sei. Wie eine Rose stand sie im Geiste vor mir, denn inzwischen war sie ja wieder zur Katerpartie gegangen. Mit ihrem Tischherren wollte sie sich treffen, von dem sie erzählt hatte.

*

Von der Stunde an wollte mir das alles nicht mehr aus dem Kopf. Ich suchte Gelegenheiten, diese liebgewonnenen Menschen und Stätten wiederzusehen. Eine willkommene Gelegenheit bot das Brunnenfest in Langensalza.

Hans hatte inzwischen auch eine Braut, die anwesend war, und ich traf mich dort mit Fräulein Tellgmann und ihrer Mutter. Herrliche Stunden waren es.

Ich blieb in Langensalza und am nächsten Tag bat ich meinen Vater, mir sein Auto zu schicken. Dieser willigte ein, ich fuhr nach Mühlhausen und machte mit Frau und Fräulein Tellgmann eine herrliche Tour.

Glücklicher denn je schlug mein Herz, wenn ich in der Nähe dieses lieben Wesens sein durfte. Ich entsinne mich genau, wie ich gelegentlich bei solch einer Fahrt die Hand des Fräuleins Tellgmann berührte. Wie ein elektrischer Stoß durchlief es meinen Körper und Fräulein Tellgmann wusste nicht, ob sie mit mir lachen oder ob sie böse mit mir sein sollte. Aber schön war es.

Auf einer anderen Fahrt mit Fräulein Hanna, ihrem Bruder Hans nebst Braut nach Wanfried wurde unterwegs am Wiesenrand gehalten. Hans ging mit seiner Braut in die Wiese, die am Bach entlangführte. Ich blieb mit Hanna am Wagen. So standen wir nun lange Zeit beisammen, nicht wissend, was wir miteinander sollten. Und doch gehörten wir scheinbar zusammen.

*

Kurze Zeit später trat plötzlich in Ruhla, offenbar durch Zutun von Verwandten, ein anderes Fräulein zwischen uns beide. Beinahe hätte dieses unser junges, so schön begonnenes Glück zerstört. Als ich im richtigen Moment die Gefahr erkannte, fuhr ich geschäftlich nach England, um der Sache den Boden zu entziehen, was mir auch glückte.

Von meinem Freund Hans hatte ich gehört, dass seine Schwester Hanna mit ihren Eltern auf Wangerooge im Seebad sei und ich bangte. Kannte ich die Gefahr zu gut, die ein Seebad für ein schönes, lustiges Menschenkind birgt. Wenn auch nicht aus eigener Erfahrung, so hatte ich aber doch viel darüber gehört.

Ich schrieb kurzerhand von London eine Postkarte an Fräulein Tellgmann mit freundlichen Grüßen. Das konnte ja nicht weiter auffällig sein. Und siehe da, als ich nach einigen Tagen heimkam, oh, ich kann mich noch heute glücklich preisen, kam eine Postkarte an, mit wenigen Worten des Dankes und freundlichen Grüßen, die mir aber mehr sagten – viel mehr. Sie verrieten, dass inzwischen der Entschluss gefasst war.

Und nun begannen lange, lange Tage für mich, denn Ungewissheit umgab mich ja immer noch. Wir machten dann so manche schöne Tour mit dem Auto. Fräulein Hanna durfte schon mal neben mir sitzen, ich immer am Steuer. Tage des Glücks waren es stets und nie verlöschende Erinnerungen. Wie wir so dahin fuhren, immer nebeneinander, uns gegenseitig auf alles Schöne aufmerksam machend.

Wie empfand ich schon damals so manche schöne Veranlagung; wie wir uns in so vielem ergänzten und verstanden. An Energie fehlte es aber bei dem lieben Fräulein Tellgmann auch nicht.

So vergaß ich einige Male, „Fräulein Tellgmann“ zu sagen, sofort machte sie mich darauf aufmerksam:

„Ich bin nicht jedes Fräulein, Herr Schlothauer“, meinte sie.

Das gefiel mir noch mehr, denn etwas Entschlossenheit muss eine liebe Frau auch haben. Und es wurde mir immer mehr klar: Dieses schönste aller Mädchen musst du erobern.

Ich machte kleine Annäherungsversuche, die mir gar nicht leichtfielen. Ich berührte erneut die schöne Hand der lieben Kleinen.

Eine kleine Verlegenheit beiderseits folgte. Zu sagen brauchten wir uns nichts, wie später immer im Leben. Wir merkten schon, wenn wir uns etwas zu sagen hatten. So ging es noch manch schöne Tour weiter. Der Entschluss stand fest bei mir. Aber wie anfangen? Das war zu schwer.

Immer, wenn wir losfuhren, nahm ich mir vor: Heute fragst du das liebe Fräulein Tellgmann. Und wenn wir dann abends in Mühlhausen zurückwaren, war ich so weit wie zuvor. Ich quälte mich den ganzen Tag, aber weiter kam ich nicht, ich fand nicht den richtigen Anfang.

Dann folgte einmal ein Tag, schöner als alle anderen. Jetzt musste es einmal sein. Das Herz wollte mir zerspringen. In diesem Moment kam mir ein kleines, neues, schönes Häuschen zur Hilfe.

„Fräulein Hanna, möchten Sie wohl mal ein solch schönes, kleines Häuschen bewohnen und besitzen?“ Und nun kam es: „Fräulein Hanna, könnten Sie wohl für ewig mein sein und mit mir gehen nach dem kleinen, stillen Ruhla?“

Eine Pause trat ein, ich sah, wie das kleine Herzchen arbeitete. Mit der Ruhe war es vorbei, auch bei mir.

Wir blickten nur noch auf die Chaussee, die schöne Natur sahen wir beide nicht mehr. Da fuhren wir auch schon wieder in Mühlhausen ein. Einige kurze Worte erhielt ich dennoch:

„Herr Schlothauer, ich kann Ihnen nicht so schnell Antwort geben, ich muss erst mit meiner Mutti sprechen.“ Aber ein Händedruck, ungesehen von aller Welt, und die lieben blauen Augen sagten mehr als ich wissen wollte. 

Herr Tellgmann verabschiedete sich unterwegs, um zur Loge zu gehen, mit lieben, herzlichen Worten, wie sie nur diesen guten, prächtigen Menschen eigen sind.

„Keine Ursache“, meinte ich, „Herr Tellgmann, es wird noch viel schöner.“

Gab mir doch alles bisher Erlebte die beste Berechtigung dazu, und ich sollte auch recht behalten, wie die Zukunft lehrte.

*

Eine Blinddarmentzündung kündigte sich wenig später an und der Arzt empfahl mir eine sofortige Operation. Kurz entschlossen wollte ich mich auch operieren lassen. An einem Montag wollte ich es ausführen lassen.

Der Zufall führte mich am Sonntag vorher mit meinen Eltern und meinem Bruder nach Gotha. Ich bat meinen Vater, einen Abstecher nach Mühlhausen zu machen, und traf auch die lieben Tellgmanns zu Hause an. Nett war es wie immer, die kurzen Stunden.

Beim Abschied merkte ich schon, wie schwer das wurde. Mehr lag zwischen uns als nur ein bloßes Interesse. Der Abschied wurde so schwer, dass wir uns kaum trennen konnten. Da gab mir Fräulein Tellgmann plötzlich einen Kuss auf meine Wange, als Antwort auf meine kürzliche Frage. Ich wagte nicht, diesen Kuss zu erwidern. Das Wesen war mir heilig. Ich küsste sie auf die Hand und trennte mich nach vielen, guten, herzlichen Wünschen für die Operation.

Viel war eben vorgefallen, ich fühlte mich direkt schuldbewusst. Aber ich konnte es nicht ändern, so gefangen war ich von dem goldenen Strick.

Am nächsten Tag begab ich mich ins Krankenhaus nach Eisenach, um am Dienstag erfolgreich operiert zu sein. Kurzerhand schickte ich an Fräulein Tellgmann ein Telegramm:

„Operation glücklich verlaufen, Gruß Berthold.“

Eine Frechheit meinerseits war dies, aber ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr anders. Das Telegramm hatte jedoch Wunder bewirkt. Hatte ich die Familie Tellgmann schon als die besten Menschen kennengelernt und geschätzt, jetzt nahm die Liebe und Güte überhaupt kein Ende.

Alle denkbar schönen Sachen bekam ich und Wünsche. Ja, sogar Blumen, Rosen und, welches Glück, auch Briefe von dem lieben Wesen, dem Fräulein Hanna. Die Worte,die darinnen standen,waren Balsam und die kleinen Blümchen, die in den Briefen lagen, waren mehr als das. Sie redeten eine Sprache, die man nicht in Worten ausdrücken kann.

Das erste traute „DU“ schlich sich auch bei dieser Gelegenheit in die Briefe ein. Das Kissen mit dem großen Hundertmarkschein wird immer ein Andenken an jene Zeit bleiben. So nahm es kein Wunder, dass ich schnell gesund wurde.

*

Als ich nach vierzehn Tagen nach Mühlhausen kam, nahm die Freude kein Ende. Die Folge war, dass wir uns sofort heimlich verlobten. Ich gedenke dabei ganz besonders meines lieben Schwiegervaters, wie er mir die Brücke baute über den Strom, der sich bei solchen Gelegenheiten jungen Menschen wohl immer entgegenwälzt.

Selige Stunden, längst seid ihr vergangen, nie werde ich euch vergessen, und gerne haben Hanna und ich uns später daran erinnert.

Acht Tage später sollte die öffentliche Verlobung stattfinden. Schnell schickte ich ein Telegramm nach Hause: „Habe mich soeben verlobt.“

Dies überraschte daheim wohl noch mehr, trotzdem meine Eltern genau wussten, wie es um mich stand.

Nun begann für uns wieder ein neuer Abschnitt, wohl der allerschönste, den man im Leben hat.

Ich fuhr nach Hause. Abschied im Sinne des Wortes gab es nicht mehr. Wir waren ja uns. Ich besorgte die Ringe.

Stunden wurden zu Tagen, und als ich am Sonnabend wieder nach Mühlhausen kam, im stillen Eckchen meinem Schatz den Ring an den Finger steckte, hatte ich noch nie größeres Glück und Dankbarkeit zugleich gesehen. Ein Gefühl war es, das uns beide beseelte. Wir wollen uns ganz gehören bis in alle Ewigkeit. Eitel Lust und Freude war es, die strahlenden, treuen Augen meines lieben Hannchens zu sehen. Einen Ring hatte sie bekommen, einen Bund hatte sie soeben eingegangen und es bedurfte keines Schwures, um die Bedeutung des Ringes zu bekräftigen. Im treuen Herzen dieser schönsten Blume lag die Bestätigung. Die Augen sagten mir alles, und als ich meinem Gold noch einen herrlichen Rosenstrauß aus dunkelroten Rosen und einen kleinen Edelstein am Kettchen schenkte, konnte ich das Glück kaum mehr ermessen.

Das Glück ihrer Eltern zu sehen an jenen Tagen, machte mich stolz und doch ehrerbietig, denn noch niemals im Leben war ich jemandem dankbarer gewesen als den lieben Schwiegereltern für all ihre Güte und Liebe. Ein Juwel wollten sie mir anvertrauen. Ich fand seinerzeit nicht genug Worte des Dankes, um nur einigermaßen etwas dagegen zu leisten. Mit dürren Worten versprach ich ihnen, ihr Nesthäkchen einst glücklich zu machen.

Eine schöne Verlobung feierten wir. Dank den Eltern nochmals für all ihre Mühe und Aufbietung in ihrer reinsten Liebe. Ich lebte auf in dieser Umgebung, ich empfand Wärme und Sonnenschein. Das Glück steigerte sich und ich musste immer wieder an die Worte denken, die ich früher zu meinem Schwiegervater gesagt hatte: „Es wird noch viel schöner.“

Unser Leben und Tun bekam nun Inhalt. Von der Stunde an war es mir klar: Für das liebe Geschöpf musst du ein Häuschen bauen. So schön wie für eine Prinzessin.

*

Kurz entschlossen machte ich Pläne, die auch bald Formen und Gestalt bekamen. Nicht ohne Schwierigkeiten ging dies ab. Mein Vater war nicht ganz einverstanden damit. Ich musste seine Einwilligung aber haben. Ich hatte wohl schöne Ersparnisse, die aber bei Weitem nicht ausreichten. Ein Ausweg wurde gefunden und mein Plan wurde zur Wirklichkeit.

Ich kam jeden Sonntag zu meinem lieben Schatz, blieb über Nacht und fuhr am Montag früh 4 Uhr zurück, um nichts im Geschäft zu versäumen.

Was war das für ein Glück, das Wiedersehen mit all den Freunden. Die Tage hätten am besten Wochen dauern mögen, so viel hatten wir uns immer zu erzählen. Und der Abschied, der nicht enden wollte und die Mutti immer rufen musste:

„Nun komm aber endlich, mein Hannchen, wir wollen auch schlafen gehen.“

Das waren sonnige Tage. Und wenn ich dann schlafen ging, fand ich regelmäßig auf dem Nachttischchen ein kleines Zettelchen mit lieben, kosenden Worten. Die Thermosflasche erfrischte mich regelmäßig an den kalten Morgen mit ihrem warmen Inhalt. Und im Frühstück fand ich noch liebe Grüße und Küsse von meinem Liebling.

Gebaut wurde jetzt jeden Tag. Am Telefon und auch beim Zusammensein erwies jetzt mein Gold ihre praktischen Seiten. Woher hatte sie nur all die Kenntnisse. Ihre tiefe Bildung und viel Gelerntes und Gelesenes kamen ihr zur Hilfe. Ich erstaunte manchmal.

Ein Stückchen wurde zum anderen getragen, um mit Geschmack und viel Liebe verwendet zu werden.

In dieser Zeit erfolgte der erste Besuch meiner lieben Braut mit ihrer Mutti in Ruhla. Unvergesslich sind mir die Stunden und Tage. Liebe und Sonnenschein verbreitete sie mit ihrem lieben Wesen, wohin sie nur kam. Meine Eltern gewannen sie sehr lieb und mir war damit ein Stein vom Herzen gefallen, denn wir mussten noch zusammen auskommen. Ich wurde stolz und stolzer auf meine kleine schöne Braut.

Ein Frühjahr mit selten viel Sonnenschein und Wärme brach an, als wollte uns der Himmel mithelfen. Der Bau konnte schnell ausgeführt werden. Und wenn wir dann durch Wald und Felder fuhren, flüsterten wir uns ins Ohr: Wenn die Felder wieder gelb sind und das reife Korn heimgebracht wird, dann wollen wir uns die Hände reichen am Altar fürs Leben. Oh, du herrliche, himmlische Zeit.

Es war so schön mit meiner süßen Braut in Ruhla, wo die tiefe Zuneigung zur Natur wundervoll zur Geltung kam, wenn wir nach Mühlhausen oder zurück allein reisen durften. Wenn uns die Eltern in Mühlhausen nach Tisch im kleinen Esszimmer allein ließen und Vater immer noch mal nach uns sah.

Die schöne Laube im Garten und überhaupt das Paradies, der Garten. Wie konnte ich das alles so liebgewinnen? Nur durch die Menschen, die es erst zur Stätte der Liebe machten. Manch schöne Stunde ist an diesem Platz verronnen, die noch zehnmal hätte so lang sein können. Und wie oft habt ihr uns gestört, liebe Eltern – nicht mit böser Absicht –, wenn wir uns einig waren, wenn wir Hand in Hand oder auch mal, meinen Schatz auf meinem Schoß, innig umschlossen uns unsere Herzen ausschütteten. Aber es musste wohl so sein. Es ist hier nicht Raum genug, um alles zu beschreiben, was mir im Hause Tellgmann geboten wurde.

Aber auch praktische Seiten des Lebens traten nun in Erscheinung.

„Hannchen, in die Küche, die Liebe geht durch den Magen“, meinte die gutmeinende Mutti.

Wie ich dir dankbar bin, liebe Mutter, für die vielen schönen Gaben, die du deiner liebsten Tochter mitgegeben hast. Ich lernte seinerzeit so vieles verstehen und empfinden, wenn die Liebste im Hause, wie auf Schwingen getragen, umherschwebte, immer einen lieben Blick übrig, immer ein freundliches Wort, immer Freudestrahlen in den hellen Augen, die so blau wie der Himmel. Da wurde das Herz so leicht und die Brust so weit. Auch später blieb sie so und verscheuchte mir damit manch täglichen Kummer.

Wenn sie den Tisch herrichtete, wie flog sie da. Die Wünsche las sie von den Augen ab, und ehe der Wunsch ausgesprochen, war sie schon fort und auch wieder zur Stelle. Was haben wir geknutscht in jenen Tagen. Ich glaube es Vater gerne, wenn er manchmal in die Loge ging. Es war auch sonst eine Freude, im Hause Tellgmann zu sein und zuzusehen, wie mein Hannchen allerlei gelernt bekam von der besorgten Mutter und wie es aber auch von dem Kinde angenommen wurde. Wie trug sie seinerzeit ein Stück zum anderen in den Hamsterkasten, und welcher Stolz erfüllte dann die liebe Kleine, wenn ich mir das eine oder andere ansehen durfte. Dann waren wir immer ihrer Meinung: Das ist wieder etwas für uns.

*

So vergingen Monate im Glück und Wonne. Das Haus wurde fertig, ich arbeitete fast die ganzen Nächte im Häuschen – wie wir es nannten. Das Korn wurde gelb und die Zeit kam heran, zu der wir uns die Hand reichen wollten. Da kam kurz vorher eine alarmierende Nachricht: Mein Liebling war krank, es konnte der Blinddarm sein. Ich eilte sofort an die Krankenstätte, bessere Medizin gibt es wohl nicht für kranke Verlobte. Mutti war so rücksichtsvoll und ließ uns kurz allein. Die Minuten fühlten sich an wie Sekunden. Vom Augenblick an wurden die lieben Augen heller, und ich konnte am nächsten Tag von einer gesunden Braut zurückfahren. Oh, seliges Glück, könntest du je wiederkommen.

Wir konnten nun die Zeit kaum mehr erwarten, bis der Tag kam, an dem wir eins sein sollten. Und dieser Tag kam mit all seiner Pracht. Worte vermögen nicht, all das erlebte Schöne wiederzugeben. Schon am Tag vorher wurden wir standesamtlich getraut. Die eigentliche Hochzeit war ein großes Fest.

Wie dankten wir es euch, liebe Eltern. Eine Pracht war es, eine Erinnerung fürs ganze Leben.

Ein kleiner Zwischenfall soll hier bemerkt werden: Als wir gingen, um uns für die schönen und vielen Geschenke bei unseren Gästen zu bedanken, kam mein Frauchen – denn das war sie nun – mit dem Brautschleier dem brennenden biblischen Leuchter (7-armig, jüdisch) zu nahe, und im Nu brannte der ganze Schleier. Durch schnelles Zufassen wurde unsagbares Unglück verhütet. Ich deutete seinerzeit diesen Zwischenfall als günstig für unser ferneres Leben, was wohl noch dunkel, aber nicht mehr als Finsternis vor uns lag.

Als die Zeit zum Aufbruch für unsere Reise nahte, gab es einen rührenden Abschied von der lieben Mutti. Fräulein Kupsch (Fotogehilfin von Opa Tellgmann) begleitete uns noch mal in das schöne Mädchenstübchen zum Umziehen. Es flossen viele Tränen zum Abschied aus dem schönen Jugendleben, aus dem Jugendstübchen, wo Glück und Sonne gewohnt hatten, wo so manche Gedanken durch den kleinen Kopf gegangen waren – und zum Abschied aus dem über allem lieben Elternhaus.

Hannas Mutti hatte noch für alle möglichen Aufmerksamkeiten gesorgt. Und nun sollte es einem noch unbekannten Leben entgegengehen. Freude und Wehmut gruppierten sich um den Mund meines lieben Frauchens, dann noch ein paar liebe Worte auf einen Zettel an die lieben Eltern, besonders an die liebe Mutti, einen herzlichen Abschied von Fräulein Kupsch. Die Tränen rannten in Strömen.

Noch ein letzter Blick in alle Gemächer – und hinaus ging es mit leuchtenden, freudigen Augen dem Leben entgegen. Zunächst auf die Hochzeitsreise. Hier muss ich zunächst noch etwas ergänzen: Kurz vor der Hochzeit, ehe wir uns ganz banden, musste ich erst meinem Schatz mein Herz ausschütten. Ich war in meiner Jugend auch gerade kein Engelein gewesen, und darum wollte ich meiner Braut noch Gelegenheit geben, über Ja und Nein zu entscheiden, bevor es dann zu spät war. Einige kleine Tränchen wurden wohl sichtbar, aber bald konnte ich in zwei klare, helle Augen schauen, die mir nicht allein sagten, dass nun alles vergessen war, nein, noch mehr sagten sie mir: Eine schneeweiße Blume stand vor mir und ließ das Herz eines Menschen vor Freude erzittern, dem die Ehre der Frau mehr wert ist als sein eigenes Leben.

*

Nun konnten wir getrost und mit ruhigem Gewissen unseren Weg antreten, der, wie wir später erfuhren, für viele Menschen so dornenreich, für uns aber zur Freude wurde. Zu schnell vergingen die schönen Tage der Hochzeitsreise. Schönes, herrliches Wetter begünstigte uns.

Für mich war die Reise landschaftlich nichts Neues. Ich kannte die Städte und Länder, aber das gerade machte die Reise so interessant. Was ich wusste und kannte, das sollte auch mein Frauchen kennen.

Von Kassel ging es über Köln, Bonn-Drachenfels, Brüssel, Ostende, London, Paris und zurück. Was waren wir glücklich, aber was machte mein Gold auch für große Augen. Ich konnte mich nicht satt genug sehen an meinem naiven Hannchen, an den dankbaren Augen, wie sie alles in sich aufnahm. Wie sie manchmal erschrak, besonders in Paris, über viel Unbekanntes für ein biederes Bürgermädchen. Die fragenden Blicke manchmal. Ich zeigte ihr alles und dies kam ihr im späteren Leben zugute.

Aber auch selbstständig trat sie auf, sie konnte sich unterhalten, sowohl in England als auch in Frankreich. Jetzt traten ihre gute Erziehung und ihre guten Schulkenntnisse in Erscheinung. Stolz waren wir beide darauf, ich umso mehr, einen solchen Edelstein zu besitzen.

Wir kehrten zurück, voll von allem Schönen und Erlebten. Als wir im Garten ankamen, war unser Häuschen ganz erleuchtet, als kämen wir in ein kleines Schlösschen. Feenhaft war der erste Eindruck, den wir hatten. Die gute Mutti hatte in der Zeit unserer Abwesenheit alles eingerichtet – wunderschön. Wir mussten uns nun erst einmal an unseren eigenen, herrlich gedeckten Tisch setzen, strahlenden Auges musste erzählt werden. Man glaubte den Himmel auf Erden – und Worte findet man nicht zur Beschreibung, als wir dann unser Nestchen aufsuchten.

Nun kommen Jahre des Glückes. Mein Hannchen entpuppte sich als eine Hausfrau ersten Ranges, ja, ich muss sagen als eine Seltenheit. Trotz ihrer Jugend freundlich allezeit, sauber und pünktlich, sparsam und mit dem zufrieden, was uns der Alltag in einer kleinen Stadt brachte. Das war wohltuend für ein Männerherz.

Am frühen Morgen stand sie mit mir auf, trank mit mir Kaffee, geschniegelt und gebügelt, in unserem so trauten Erker. Sonnenschein herrschte in unserem Häuschen. Wenn wir am frühen Morgen im Erker saßen und Kaffee tranken oder zu Tisch oder am Abend im Herrenzimmer oder wo es auch immer war, da wurde geschäkert. Und wenn ich daheim war, auch nur für fünf Minuten, da war mein Frauchen nur für mich da, und alle häuslichen Sorgen waren augenblicklich vergessen.

Arbeit war für sie Spielerei. Dabei entging ihrem scharfen Auge nicht die geringste Unordnung. Es war eine Lust, mit einer solchen Frau zu leben. Zank und Streit kannten wir nicht.

Kinder wollten wir noch nicht, sondern erst einige Jahre ganz für uns leben. Das Glück, das ich empfand, kann man nicht wiedergeben. Ich hatte eine Frau bekommen, wie man sie sich nicht besser wünschen kann.

Im Haus und Garten lebte sie, überall merkte man ihre persönliche Note. Auf den Tischen kleine Blumen. Sie war wie eine Biene fleißig und dabei so lieb. Zu allen Bekannten verträglich und freundlich war sie zu allen Leuten, dass es eine Freude war, das alles zu beobachten. Ich war glücklich, wie nur ein Mensch glücklich sein kann. Wir erzählten uns lange Stunden von unserer Jugend. Und wie recht ich gehabt hatte, um sie zu bangen, während des Aufenthaltes in Wangerooge.

Wie immer auf ihrem Zimmer rote Rosen gestanden hatten, wie sich ein Herr um sie beworben hatte und beinahe Erfolg gehabt hätte, wenn ich nicht gerade im rechten Augenblick meine Karte aus London geschickt hätte. Erst ganz allein war sie sich einig geworden, dann hatte mein Gold die Mutti befragt, und für mich war der Würfel gefallen. Es war zu schön, wenn sie erzählte von ihrer Pensionszeit, was für ein Strick sie gewesen, wie sie einen kleinen Liebhaber gehabt hatte, wie sie sich in Hamburg und Mühlhausen amüsiert hatte und so manchen Gefahren durch eigenen Willen entgangen war.

Oh, du herrliche Frau. Alles war an der schönen Frau nur Leben und Liebe. Aber Liebe brauchte auch sie mehr als alles andere. Schöne Kleider hatte sie gerne, konnte aber sehr sparsam damit sein. Schöne Wäsche liebte sie, die sie dann mit Würde und zur rechten Zeit zu tragen wusste. Ihr Ankleideraum war ihr Heiligtum. Mehrmals am Tage zog sie sich mit einer Schnelligkeit von 0,0 um, um sich mir immer wieder frisch zu zeigen. Mir ihre ganze Schönheit zu schenken, war ihr allerhöchstes Glück.

Kochen konnte mein Schatz großartig und mit einer Abwechslung, dass auch der verwöhnteste Mann zufrieden sein musste. Für die Küche und Haus zu sorgen, war eine besondere Gabe dieser guten Frau. Dabei hatte sie viel Zeit übrig für Kunst und Musik sowie für Körperpflege.

Ich reiste oft. Jeden Tag bekam ich einen köstlichen Brief. Und bald kam dann immer mein lieber Schatz selbst. Wie viele schöne Wiedersehensstunden sind mir da noch in Erinnerung. Wir reisten dann zusammen und genossen so alles Schöne zusammen, wie wir überhaupt fortan nur noch Schönes erleben konnten und Genuss daran hatten, wenn wir zusammen waren. Und immer freuten wir uns dann wieder auf unser Häuschen und unsere schöne Heimat.

Nicht genug kann ich schreiben über die großartige Frau, wie sie alles praktisch anfasste. Nie kam sie in Verlegenheit, wenn ich mal kurz vor Mittag anrief:

„Lieber Schatz, kannst du jemand zu Gast gebrauchen?“

„Jawohl“, war die kurze Antwort und „lieber Schatz“ kam noch hinterher – und schon war alles fertig, und mein Schatz erschien wie ein guter Geist, immer sauber, immer frisch und immer guter Laune. Schon das allein war etwas, was einem eine Frau liebzugewinnen zwang.

Was war ein Glück im Hause, wenn die lieben Eltern kamen, Sang und Jauchzen den ganzen Tag. Immer herrschte Feststimmung. Und wenn es zu Tisch ging, war die Tafel immer noch schöner und stimmungsvoller als sonst. Gäste fielen meinem Frauchen nie zur Last. Mein Hannchen hatte immer vorgesorgt. Und ich glaube daher wohl, dass jeder, der bei uns zu Gast gewesen ist, nur den Eindruck der Gastfreundschaft mitgenommen hat.

Wenn ich mal schnell mit dem Auto fortmusste, nahm ich natürlich meinen Schatz mit. Nie brauchte ich dann auf sie zu warten. Sofort, in Minuten, stand sie fertig vor mir und freute sich, dass sie bei mir sein konnte. Wie sie überhaupt immer am liebsten in meiner Nähe war, mochte ich im Haus, Hof oder Garten sein und arbeiten, sie war immer bei mir, die liebe Frau, und half, wo es nur ging. Und sollte es beim Zaunbau sein, sie trug mir alles herbei ohne Murren, mit glücklichem, freudestrahlendem Gesicht. Nur bei mir wollte sie sein, stets besorgt, dass mir ja nichts passiere.

Für alle meine Arbeiten hatte sie Interesse, aber stets eine gewisse Zurückhaltung, damit sie mir nicht lästigfallen wollte. Eine bewunderungswürdige Kenntnis hatte sie über alles in der Welt. Politik lag ihr fern, war aber darin bewandert. Am Haushalt lag ihr mehr. Aus Nichts konnte sie etwas machen. Ging es nicht mehr und es war nicht mehr schön genug, dann konnte sie mich bitten, nicht betteln. Bestimmt, aber bescheiden trat sie auf, wo sie nur erschien. Freude und Sonnenschein waren stets in ihrer Begleitung. Energisch konnte sie sein und ausdauernd, wo es nur galt, etwas durchzusetzen. Spazieren fuhr mein Hannchen gern mit mir. Dahin, wo es schön war. Für ab und zu ein schönes Essen mit Wein und netter Gesellschaft war sie mir besonders dankbar. Und wenn wir dann nach Hause fuhren, musste ich mir gar manchen Kuss mit heißem Dank gefallen lassen.

Wir liebten die Natur, gern zogen wir hinaus und labten uns an aller Pracht, nichts entging uns, wir sahen alles, auch die kleinste Mücke. Nicht achtlos wanderten wir an der Pracht Natur vorbei. Dort war auch unser Gotteshaus, wo wir unserem Schöpfer dankten für alles Gute.

Fromm war mein Schatz und immer kam es ihr über die Lippen, wenn wir so recht glücklich waren oder das viele Unglück unter den Menschen sahen.

„Lieber Peti, denkst du auch immer daran, wie glücklich wir sind und wie gut es der liebe Gott mit uns meint?“

Wir wurden bestaunt und bewundert wegen unseres Glückes. Manch schöne Reise machten wir zusammen. Im Juli 1914 fuhren wir nach Ostende. Da kam gerade am Sonntag, als wir im Zug saßen, die Nachricht von dem schrecklichen Mord in Sarajewo. Von Krieg wurde sofort geschrieben und gesprochen, jedoch glauben wollte es kein Mensch. Bis Brüssel kamen wir und dort wurden wir bald eines anderen belehrt. Nach Ostende kamen wir nicht. Ich wollte nur meinen Schatz nach Köln bringen, um sie wenigstens in Deutschland zu wissen. Als wir aber dort ankamen, wurde bereits die Mobilisierung ausgesprochen.

Nie war ich trauriger als an jenem Tag, wusste ich doch ganz genau, was das bedeutete für mich und meinen lieben Schatz: scheiden. Und das schöne Leben hatte doch eben erst so kurz begonnen. Ich fürchtete sogar das Schlimmste, denn zu gut konnte ich mir die Schrecknisse des kommenden Krieges bereits damals ausmalen. Und darum tat mir der Gedanke an das Scheiden von meiner Liebsten so weh. Noch hatte ich keinen Gestellungsbefehl.

Wir fuhren heim. Ich beruhigte meinen Liebling, so schwer es mir auch fiel, vergesse nie den Morgen, als wir in Eisenach im Auto abgeholt wurden und nach Ruhla kamen gegen 4 Uhr früh. Das Morgenrot, in seiner Pracht herrlich anzusehen, stimmte mich noch trauriger.

Am nächsten Tag fuhr ich nach Gotha, um mir den Gestellungsbefehl zu holen. Am 6. Mobilmachungstag einrücken in Gotha zum Reserve-Infanterie-Regiment No. 83, lautete er. Oh, Schreck, auch noch zur Infanterie. Ich glaubte, zu den Kraftfahrern zu kommen, weil ich mich im Frieden dahin gemeldet hatte. Also fing es nicht gut für mich an.

Die Tage vergesse ich nie in meinem Leben. Wir gingen nur noch und weinten und erzählten uns von unserem jungen, so kurzen Glück. Am Abend wollten wir unsere Blicke nach dem Mond richten, um eine Stelle zu haben, wo wir in den kommenden schweren Zeiten zumindest vereint sein wollten. Das gab uns Hoffnung und Zuversicht und half uns etwas über die nahenden Abschiedsstunden hinweg.

Viele Menschen konnten sich noch keine Vorstellung machen von den Schrecknissen des Krieges und schrien: „Hurra.“. Wir waren still wie nie zuvor.

Der Abschied kam, es war schrecklich, von Haus und Hof zu gehen. Ich lieh mir bei einem Nachbarn eine gewöhnliche Uhrkette und versprach, sie ihm wiederzubringen nach dem Krieg. Oh, heilige Einfalt. Gott sei Dank konnte ich das Versprechen einhalten.

Dann kam das Schwerste. Der Abschied von Vater und Mutter, Geschwistern und Nachbarn. Aber erst von meinem so lieb gewonnenen Frauchen. Dass das Herz nicht brach, wunderte mich immer wieder. Viele gute Wünsche begleiteten mich auf dem schweren Wege zum Tode. Mein Schatz sorgte noch für allerlei, wie immer, nähte noch einige Goldstücke in den Brustbeutel. Man konnte nicht wissen, wie man sie brauchen konnte.

*

Ich kam nach Gotha und nach wenigen Tagen sollte es schon losgehen. Ich versuchte alles, um nicht mitzumüssen wegen meinem guten Frauchen. Da, in letzter Stunde gelang es mir, wegen meiner Blinddarm-Operation wurde ich garnisonsverwendungsfähig geschrieben. Ein Jauchzen ging durch mich. Nun glaubte ich schon allem Leid entronnen.

Ich rief meinen Schatz an, sofort Zivilkleidung zu bringen, denn diese war schon heimgeschickt. Nach einer Stunde kam sie zu mir und wir feierten Wiedersehen. Die Freude kann man sich kaum vorstellen, wie mir mein Lieb in den Armen lag und vor Freude weinte.

Jetzt fuhr mein Schatz, nachdem sie im Häuschen alles gut verwahrt hatte, zu ihren Eltern nach Mühlhausen, und ich kam zunächst zum Inf. Reg. N0. 59 in Gotha.

Wieder war es eine höhere Fügung, ich wurde durch Vermittlung eines Bekannten zur Brandschutzwache nach Mühlhausen kommandiert und bei meinen lieben Schwiegereltern einquartiert. 

Das Glück war wieder da. Unverdrossen kam nun mein Schatz und brachte mir täglich die Mahlzeiten. Schon ganz früh den Kaffee. Was bot die Mutti seinerzeit nicht alles auf und machte uns das Leben zum Paradies. Die schönen belegten Brote, die Thermosflasche, schöne Spaziergänge an den freien Tagen, das Birnenpflücken, überhaupt die sechs Wochen im Hause Tellgmann bleiben mir immer in Erinnerung, zumal ich mit meinem Frauchen zusammen sein konnte.

„Manch schöner Sieg unseres stolzen Heeres wurde in der Zeit gemeldet. Jedoch ich war nicht Soldat und war auch nicht dazu geboren.“

Nach sechs Wochen wurde ich zurückgerufen und sollte noch am gleichen Tag ins Feld. Ich zögerte meine Abreise hin und hatte dadurch auch richtig erwartet, dass der Transport bei meiner Ankunft fort war. Nun galt es, wieder aus der Klemme zu kommen.

Am anderen Morgen kam ein Auto auf den Kasernenhof. Sofort sprang ich hin, fragte den Mann, ob man nicht auch dazukommen könnte. Dieser bejahte und nach kaum einer halben Stunde war ich beim Kommando – und auch schon angenommen. Ein bisschen Glück muss der Mensch im Leben haben.

Sofort rief ich mein Hannchen an und brachte ihr die Nachricht – zu ihrer und meiner großen Freude. Durch schnelles Handeln und sofortiges Zupacken hatte ich mich wieder einmal gerettet. Das alles aus der großen Liebe zu meiner Frau, die es aber auch wert war.

Einige Wochen vergingen und wieder wurden mir rechtzeitig die Augen geöffnet. Der Autopark in Gotha hatte keine Zukunft. Kurz entschlossen ließ ich mich von meinem Schwager Hans nach Frankfurt/M. zum Autopark anfordern. Es glückte und nun war es mir schon wohler, schon deswegen, weil ich nicht mehr bei der Infanterie war, wo die Gefahr, erschossen zu werden, eine viel größere war.

Ich musste doch meinem Hannchen erhalten bleiben. Ein kurzer Abschied – und nun wagte man schon, mit etwas mehr Hoffnung das schöne und seinerzeit so bedeutungsvolle Wort „Auf Wiedersehen“ zu sagen.

In Frankfurt fand ich ein schönes Quartier in der Schumannstraße und das richtige Betätigungsfeld beim mobilen Kraftwagendepot N0. ¾, I.K.D. ¾ genannt, in den Adlerwerken.

Nach 14 Tagen besuchte mich mein Liebling noch mal, denn ich konnte doch täglich ins Feld kommen. Und wir wollten doch zusammen sein, solange es nur ging. Wir wohnten in einer Pension Bitton am Hohenzollernplatz. Mein Schatz blieb, der Besuch wurde länger und länger. Es vergingen Tage, Wochen, Monate – und sogar Jahre sind daraus geworden. In der Pension wohnten wir beinahe vier Jahre in einem Zimmer, aber Platz war auch im kleinsten Raum für ein glücklich liebend Paar.

Nie kann man die schönen Zeiten in Frankfurt vergessen. Mein Schatz sorgte wieder für mich mit einer Rührseligkeit. Ein Kleiderschrank enthielt alles nur Wünschenswerte vom Kleid bis zum Kochtopf.

Ich musste immer den Kopf schütteln, wie und mit welcher Geduld sich die kleine Frau einrichtete. Alles war zur Stelle und gar oft musste ich fragen:

„Ja, woher hast du nur das alles und wo bringst du nur alles unter?“

Aber eine Frau wie mein Hannchen konnte alles spielend. Dabei war immer alles sauber und adrett.

Wir gingen nicht viel aus, schon wegen der Geschäftigkeit der Leute in jenen Zeiten, die nicht sehen konnten, wenn noch jemand nicht im Felde war. Aber die Natur war unser Aufenthalt. Der schöne Stadtwald war fast täglich unser Ziel. Die schöne Umgebung von Frankfurt, der Taunus, Homburg, Soden, Wiesbaden, der Rhein und besonders das schöne Bad Nauheim waren Plätze, die wir da genossen.

Du glückliche Zeit, so recht angetan für ein Menschenherz, wie mein Hannchen, die alles Schöne so verstand und es von der richtigen Seite mit Wehmut im Herzen für die armen tapferen Kameraden, die da draußen duldeten und ihr Leben ließen für das schöne, geliebte Vaterland.

Manch Paketchen schickte die gute Frau hinaus ins Feld aus Dankbarkeit. Besonders meinem lieben Freund Pfützner, dem sie eine wahre Mutter geworden war. Viel liebe Freude machten wir in Frankfurt, besonders durch mein Hannchen, die von allen Seiten geehrt und geachtet war wegen ihrer Einfachheit, Bescheidenheit und Freundlichkeit. Besonders bemutterte mein lieber Schatz in den Zeiten, in denen ich im Dienst war, die Frau Arndt, eine gute, liebe Frau, der ich so viel zu danken habe.

Aber auch andere Seiten lernten wir kennen: gute Freunde, die mit ihren Frauen nicht glücklich lebten. Wie hässlich wir das fanden, sodass wir uns immer, wenn wir nach Hause kamen, gelobten, nie solle uns so etwas passieren.

Der Krieg dauerte, und wir wurden älter. So nahm es nicht wunder, dass auch bei uns der Wunsch hervortrat: Wir wollen nicht mehr alleine sein.

Da kam ein herrlicher Tag am Rhein in Assmannshausen. In der Krone trafen wir uns mit Mutti, Hans und Käthe als Braut und Franz Schmidt mit Sofie. Lustig war es wie selten zuvor. Gezecht hatten wir und gelacht, wie man es eben nur kann mit einer glücklichen Frau in lustiger Gesellschaft am schönen deutschen Rhein.

Wir kehrten zurück, noch lange der schönen Stunden gedenkend. Da wurde es auch zur Gewissheit, wir sollten nicht mehr allein sein.

Oh, könnte ich jemand das Glück meiner lieben Hanna beschreiben. Ein neues Leben begann. Viel gab es zu besorgen. In dieser schweren Zeit (1917) war fast nichts mehr zu haben. In unserer Pension konnten wir nicht mehr bleiben, weil sie aufgelöst wurde. Und wir mussten ja nun auch eine Wohnung haben. Die liebe Frau, was mag sie sich manchmal gesorgt haben. Ich konnte täglich ins Feld kommen. Bei der großen Knappheit an Esswaren, was ist da mein Gold gesprungen, um mir nur alles recht zu machen. Gar nicht zu reden davon, dass sie täglich im Gasthaus das schlechte Essen essen musste, und was war sie da nicht allein allem ausgesetzt. Aber nie kam eine Klage. Wenn sie nur bei mir sein durfte. Zunächst zogen wir ins Hotel Savoy und bald fanden wir bei einem lieben Kameraden im Hause eine Wohnung, Justinianstr. 4. Die Zeit verging nun schnell.

*

Unser liebes Muttchen kam zu uns. Wir gingen (13.06.18) mit unserem Hannchen in das Rote-Kreuz-Krankenhaus (Hospital) und am zweiten Morgen (15.06.18) bekamen wir die frohe Nachricht, dass in der Nacht ein kleines Mädel angekommen sei. Freudestrahlend fuhren wir sofort hin. Und nun das Glück. Da lag die strahlende Mutti – und bald wurde die Anna-Marie gebracht. Das Herzen und Küssen wollten gar kein Ende nehmen. Schöne Blumen brachte ich meinem Glück mit und einen schönen Ring.

Wenige Tage vergingen und wir fuhren mit unserer kleinen Anna-Marie glückselig nach Hause, d. h. in unsere Wohnung in Frankfurt. Jetzt kam eine wonnige Zeit. Die Mutti zeigte sich wieder von einer neuen, guten Seite. Mit welcher Befriedigung sah ich der lieben, guten Mutti zu, wie sie besorgt war und wie sie strahlte, wie sie überhaupt die Kleine hegte und pflegte bei Tag und bei Nacht.

Manch schönes Bild aus jener Zeit gibt Aufschluss darüber und möge euch allezeit erinnern an die für euch so treusorgende Mutti. Ich trat dabei nicht in den Hintergrund bei meinem Hannchen, wie bei so vielen Ehepaaren. Nein, ich meine, ich wurde nun noch mehr in ihren Bann hineingezogen und Glück und Sonne waren unsere täglichen Gäste.

Ein schönes Freundschaftsverhältnis war inzwischen entstanden mit unseren lieben Friederichs. Er, mein Kamerad im Depot, und sie, eine liebe, gute Frau. Wir wohnten zusammen im Hause und lebten miteinander, als wären wir ewig dicke Freunde gewesen. Das war aber so ganz nach dem Charakter meines lieben Hannchen, mit allen Leuten in Freundschaft zu leben.

Es wurde Herbst und immer tobte der entsetzliche Krieg weiter. Ich wurde immer besorgter, was es wohl mit meinem Hannchen und Anna-Mariechen werden sollte, wenn ich ins Feld kommen sollte, denn wir bekamen keine Ruhe mehr. Es stand wohl schlimm um uns und da wurde ein jeder Mann gebraucht. Ich hatte mich gut eingearbeitet und hatte wohl auch durch Pünktlichkeit und Gerechtigkeit das Wohlwollen meiner Vorgesetzten auf meiner Seite, wodurch ich immer zur größten Freude unseres lieben Muttchens nicht bei denen war, die ins Feld kamen.

Da trat in Deutschland eine große Epidemie, die Grippe, auf. Unser Mädchen hatte sie zuerst. Eine scheußliche Krankheit. Unter vielen Schwierigkeiten brachte ich das Mädchen in ein Krankenhaus, die alle überfüllt waren. Schon am nächsten Morgen war ich auch von der Krankheit befallen, mit einer großen Heftigkeit. Treu sorgte mein Hannchen mit aller Aufopferung für mich und Kind. Aber nach wenigen Tagen war auch sie von der Krankheit angesteckt. Nun war guter Rat teuer. Die kleine Anna-Marie, die doch trinken musste und behandelt sein wollte.

Kein Mensch, der uns etwas einholte oder gar kochen konnte. Wir waren allein in einer fremden Stadt. Die Krankenhäuser waren alle überfüllt und eine Pflegerin bekam der Arzt nicht, da alle zu sehr in Anspruch genommen waren. Ich hörte noch im Fieber, wie der Arzt sagte:

„Frau Schlothauer, legen Sie sich nur sofort ins Bett.“

Da baute die gute Frau die Wäsche für die Kleine um sich her ins Bett, ohne mich auch nur etwas von ihren Sorgen merken zu lassen. Wir waren allein und kein Mensch in der Nähe, der uns helfen konnte. Es war rührend, die Frau zu sehen, wie sie trotz ihrer Krankheit die Kleine im Bettchen besorgte. – Da fanden sich in höchster Not wieder Menschen und ich glaube, dies nicht zuletzt der Freundlichkeit und Liebe unserer guten Mutti zuschreiben zu können.

Die gute Frau Friedrichs kam trotz der gefürchteten Krankheit zu uns und besorgte uns mit einer Aufopferung, die es nur unter richtigen Freunden gibt. Nicht ruhte sie, bis sie für uns eine Pflegerin gefunden hatte, und zwar die spätere Nenna, Frl. Wirsing. Glücklicherweise war die Mutti nicht schwer erkrankt. Ich hatte dagegen sehr lange mit der Krankheit zu tun. Noch war ich nicht ganz wiederhergestellt, da brach die unselige Revolution aus. Damit kam bald das langersehnte Kriegsende. Allerdings anders, als wir es uns immer ausgemalt hatten.

*

Bald sollte ich auch aus dem Dienst entlassen werden. Vier und ein halbes Jahr hatte ich wieder den bunten Rock getragen. Manche ängstliche Stunde lag hinter uns. Schön waren die Zeiten in Frankfurt aber doch gewesen, hatte wenigstens mein Hannchen die ganze Zeit bei mir sein können.

Was hatten wir alles gelernt in der Großstadt. Gute und schlechte Menschen lernte man erkennen.

Manch schöne Sachen brachten wir mit heim für unser schönes Häuschen, denn die lange Zeit hatte mein Schatz weitergebaut an unserem lieben Nestchen. Ihr Geschmack war durch die schönen Läden und Sachen nicht schlechter geworden.

Die Nahrungssorgen hatten meinem Schatz manche Kopfschmerzen gemacht. Nun sollte es wieder anders werden. Wie freute sie sich darauf, dass sie nun wieder selbstständig werden sollte. Aber die Erinnerungen waren ja auch schön.

Wenn ich z. B. nach Hause kam und meinte: „Komm Schatz, mach dir heute keine Sorgen um das Essen, wir essen mal außerhalb“, oh, welche Freude konnte ich damit machen, liebte sie es ab und zu, mal aus dem vollen Kelch des Lebens zu schlemmen. Dann zehrten wir lange Zeit davon. Aber freuen konnte ich mich immer schon im Voraus auf die dankbaren Augen meines Goldes und die glücklichen Stunden voller Wonneglückseligkeit.

Die Abreise kam und dem schönen Frankfurt sagten wir gerne Adieu und auch zugleich „auf Wiedersehen“. Kaum glaubten es unsere Freunde, dass wir gerne wieder nach dem stillen Ruhla gingen. Dann kamen sie aber unschön bei meinem lieben Hannchen an.

„Mein schönes Ruhla, meine Berge und meine Wiesen. Mit nichts vertausche ich es in der Welt, denn dort habe ich ja mein Lieb und mein Häuschen.“

In der Tat war es auch so, noch nie habe ich jemanden so von seiner Heimat schwärmen hören wie meinen Schatz. Ihr schönes Ruhla, ihre liebgewonnenen Berge und ihr Häuschen und Garten. Mit einer wahren Verehrung hing sie daran. Eine jede Pflanze und jeder Strauch waren ihr ans Herz gewachsen.

Die Abreise war nicht leicht. Mit Kind und Kegel musste gereist werden. Die Bahnen waren überfüllt mit den zurückflutenden Truppen und zeitweise ganz gesperrt.

Da kam uns ein Gedanke. Ich hatte für Vater ein Krankenauto für die Ruhlaer Gemeinde bauen lassen, was inzwischen fertig war. Damit wollten wir die Heimreise antreten. Sofort besorgte ich Bereifung.

Wir verstauten die kleine Anna-Marie im Kinderwagen und das Fräulein Wirsing sowie Kisten und Koffer im Auto – und los ging es nach schwerem Abschied. Nicht ohne Tränen, mit den besten Wünschen und mit vielen neuen Hoffnungen der alten Heimat entgegen.

Zuerst hatten wir eine wunderschöne Fahrt an unseren tapferen Kameraden vorbei, alle freudigen Gesichter, dass es wieder der geliebten Heimat entgegenging, die sie so lange hatten missen müssen. Sie konnten das große Unglück noch nicht erfassen, was uns getroffen hatte. Alle waren geschmückt mit der roten Fahne, das Zeichen der Revolution.