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Frisch und frech erzählt Paula Charles ihr turbulentes Leben, das für viele schwarze Frauen in der Fremde gezwungenermaßen typisch ist. Paula - das ist zunächst ein schwarzes, schüchternes Mädchen, das zur Großmutter auf die Karibikinsel St. Lucia zurückgebracht wird; zu ungewiß ist für die Mutter das Leben in London. Fünfzehn Jahre später steht Paula vor der gleichen Situation. Nachdem sie ihre Tochter einer fremden Obhut im fernen Afrika anvertraut hat, entschließt sie sich, in Deutschland einen Neuanfang zu wagen - und landet als Gogogirl namens Josephine in der Schweiz. Mit unbestechlichem Blick, manchmal wütend und verletzt, manchmal ironisch und mit Witz, beschreibt sie ihre zermürbenden Tingeltouren durch die allgegenwärtige männliche Vergnügungswelt, die Zürcher Bars und die Lokale auf dem Land, die Launen der Bosse und Kunden, die Konkurrenzkämpfe unter den "Mädchen". Sie weiß, daß ihr Körper ihr einziges Kapital ist, und begehrt dagegen auf, kämpft um Anerkennung und Liebe, um Respekt für ihre Persönlichkeit. Doch im Gogobusiness ist das ebenso illusorisch wie die Hoffung auf Karriere; der Ausstieg wird zum Neubeginn.
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Seitenzahl: 370
Veröffentlichungsjahr: 2021
Über dieses Buch
Frisch und frech erzählt Paula Charles ihr turbulentes Leben, das für viele schwarze Frauen in der Fremde gezwungenermaßen typisch ist.
Paula – das ist zunächst ein schwarzes, schüchternes Mädchen, das zur Großmutter auf die Karibikinsel St. Lucia zurückgebracht wird; zu ungewiß ist für die Mutter das Leben in London. Fünfzehn Jahre später steht Paula vor der gleichen Situation. Nachdem sie ihre Tochter einer fremden Obhut im fernen Afrika anvertraut hat, entschließt sie sich, in Deutschland einen Neuanfang zu wagen – und landet als Gogogirl namens Josephine in der Schweiz.
Mit unbestechlichem Blick, manchmal wütend und verletzt, manchmal ironisch und mit Witz, beschreibt sie ihre zermürbenden Tingeltouren durch die allgegenwärtige männliche Vergnügungswelt, die Zürcher Bars und die Lokale auf dem Land, die Launen der Bosse und Kunden, die Konkurrenzkämpfe unter den »Mädchen«. Sie weiß, daß ihr Körper ihr einziges Kapital ist, und begehrt dagegen auf, kämpft um Anerkennung und Liebe, um Respekt für ihre Persönlichkeit. Doch im Gogobusiness ist das ebenso illusorisch wie die Hoffung auf Karriere; der Ausstieg wird zum Neubeginn.
«Wer von ihr handfeste Erotik erwartet, wird allerdings ebenso enttäuscht wie Leser, welche die Autorin auf Grund von Hautfarbe, Geschlecht und Tätigkeit als ein von vornherein verdammtes Opfer der Gesellschaft beklagen möchten. Charles' Ton ist trocken und sachlich, selbstsicher, gelegentlich kalt: die gerade in ihren Härten glaubwürdige Verteidigung einer nie (an)erkannten Integrität.-» Neue Zürcher Zeitung Neue Zürcher Zeitung
«Von einer wütenden schwarzen Frau, die als Gogo-Girl zum Abschaum der Menschheit gezählt wurde, die sich nun schreibenderweise von den tausendfach erlebten Demütigungen zu lösen vermochte.»Tele
Foto Gertrud Vogler
Paula Charles, 1956 geboren in London, aufgewachsen in der Karibik auf der Insel St. Lucia und in London, Sängerin in einer Soulband, arbeitete als Gogo-Girl in der Schweiz und setzt sich für die Sache der Schwarzen in Zürich ein.
Paula Charles
Go, Josephine, go
Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Chudi Bürgi
Limmat Verlag
Zürich
Dieses Buch ist Michelle gewidmet
Ich danke meiner Schwester Diana, meiner Grossmutter,Alex und meinem verstorbenen Vater
Wer bin ich? In meinem Leben gab es viele Momente, in denen ich ein Buch schreiben wollte über diese Frage. Nur wusste ich in diesen Momenten gar nichts, ich wusste nur, es gab mich.
Aber etwas in mir war falsch, sehr falsch, ich verstand es nicht, konnte es nicht verstehen. Ich wollte an mein Innerstes, mein Eigentliches herankommen, aber ich konnte mir nicht helfen.
Ich vermute, ich wartete auf jemanden, der die Verantwortung übernehmen würde. Aber meine Freunde, meine Familie kannten mich nicht, für sie war ich mysteriös, verrückt, verwirrt, bescheuert, anmassend oder gar dramatisch; ich war entweder gut oder schlecht, aber nicht wirklich ich. Ich selbst hielt mich für die dümmste, beschissenste, untalentierteste Person, die je ihren Fuss auf die Erde gesetzt hatte. Ich wollte, dass alle mich liebten, deshalb spielte ich die Rollen, die von mir erwartet wurden; es war einfach zu Beginn, aber es wurde ernst, sehr ernst. Diese schüchterne, unsichere Person, die nie an sich glaubte, wurde eine Sängerin und eine Gogotänzerin und lebte ein Leben voller Zerstörung.
Ich beschloss, dieses Buch zu schreiben und mich dabei nackt auszuziehen. Das war hart. Ich fürchtete mich vor der Begegnung mit diesem andern Teil von mir. Beim Schreiben aber wurden Josephine und Paula eins.
Ich, Paula Annette Charles, wurde 1956 in einer warmen Julinacht im Park Royal Hospital in Paddington, London, geboren.
Meine Eltern waren ein halbes Jahr zuvor von der kleinen sonnigen Karibikinsel St. Lucia nach London gekommen. Auf der Überfahrt hatte mein Vater zu seiner Überraschung erfahren, dass Mutter mit mir schwanger war. Diesmal sollte er also nicht so leicht davonkommen. Ich habe Glück gehabt.
Vater war immer ein Frauenheld gewesen, überall im Dorf hatte er Kinder, was für viele schwarze Männer so normal ist wie Teetrinken. Natürlich waren Mutter und er auch nicht verheiratet, und er war zwanzig Jahre älter.
Sie stammte aus einer recht wohlhabenden Familie mit zehn Kindern, die Land und einen Rum-Shop besass. Sie habe zu Hause immer die schwersten Arbeiten machen müssen, sagte sie mir später einmal: den Hof wischen, Holz sammeln, auf die Kokospalmen klettern, ja sogar die Schweine füttern, was eigentlich die Arbeit der Jungs war, und sie habe nur abgetragene Kleider besessen. «Ich hasste meine Mutter. Sie war grausam zu mir.» Sie weinte, als sie das erzählte. Sie schien nicht zu bemerken, dass sie sich mir gegenüber nicht anders verhielt.
Mein Vater hatte eine gute Stellung gehabt. Er war im Staatsdienst gewesen, war «Aufseher», wie man das in St. Lucia nennt, das heisst, er war Vorsteher auf der Bananenplantage. Er wurde rausgeschmissen, Neid und Intrigen waren dabei im Spiel. Danach war er zu stolz, um noch länger im Land zu bleiben. Zusammen mit meiner Mutter und wenigen Habseligkeiten verliess er so schnell wie möglich St. Lucia. Ihr bezahlte die Familie einen Teil der Reisekosten; die Mutter war sichtlich froh, ihre ungeliebte Tochter loszuwerden – «sie wusch ihre Hände», wie man in St. Lucia sagt.
Ich weiss nicht viel darüber, wie meine Eltern ihre erste Zeit in London erlebt haben. Mum sprach nicht gerne davon, es war wohl zu schmerzhaft und zu beschämend. Jedenfalls, es war Winter und sehr kalt. Davon hatten sie in St. Lucia schon viel gehört – dass man zwei Mäntel übereinander tragen müsse und dass die Hände fast erfroren und die Strassen voll Schnee seien und der Atem vor Kälte dampfe. Doch dies beunruhigte sie nicht wirklich; was ihnen Sorgen machte, war, dass sie niemanden kannten und nicht wussten wohin.
Ich stelle mir vor, dass sie die erste Nacht in London auf einer Bank sitzend geschlafen haben. Aber ich werde nie wissen, wie sie sich durchgeschlagen haben in diesen Tagen und Nächten, und ob ihnen jemand weitergeholfen hat.
Sie hatten nicht mehr viel Geld, aber schliesslich fanden sie ein Zimmer, ziemlich schäbig, aber besser jedenfalls, als in Sommerkleidern im Schnee herumzulaufen. Mutter hat später mal erzählt, dass sie ihren Schlafrock als Mantel getragen habe, weil sie nichts anderes besass. Während Vater Arbeit suchte, blieb sie im Zimmer. Alleine auf die Strasse zu gehen, getraute sie sich nicht. Alles um sie herum machte Angst. Ich bin ziemlich sicher, wenn sie gewusst hätten, auf wieviel Hass und Schikanen sie stossen würden, wären sie sofort umgekehrt – falls sie noch Geld für die Rückreise gehabt hätten.
Es war damals schlimmer als heute: Für die Briten war es neu, dass die Schwarzen aus den Kolonien plötzlich Anspruch auf ihr Mutterland erhoben und dort leben und arbeiten wollten, wo scheint's die Strassen mit Gold gepflastert waren. Die Schwarzen wurden in England nicht willkommen geheissen, sie fanden keine Wohnung, wurden in Restaurants nicht bedient, und auf der Strasse mussten sie damit rechnen, angepöbelt, ja geschlagen oder gar getötet zu werden. Sie bekamen in den Spitälern und bei den Londoner Verkehrsbetrieben nur die übelsten Jobs. Diesen Rassismus hatten meine Eltern nicht erwartet, sowas kannte man auf St. Lucia nicht. Für jemanden, der das nicht kennt, ist es sehr beleidigend, als «Nigger», «Blackie» oder «Monkey» bezeichnet zu werden. Sie verstanden nicht, warum die Briten sie so sehr hassten; diese gebildeten Leute, die sich «zivilisiert» nannten, benahmen sich wie im Busch.
Vater fand Arbeit. In einer Arzneimittelfabrik machte er Tabletten. Er verdiente neun Schilling die Woche, was viel war, damals. Nachts studierte er medizinische Bücher, um später bei einem Apotheker arbeiten zu können. Seine Ausbildung entsprach nicht europäischem Standard, aber er war ein sehr intelligenter Mann. Diese akademische Seite habe ich nicht geerbt von ihm, eher schon seine Liebe zum Nachtleben, zu den Frauen und zum Rum, da bin ich fast wie er – bloss trinke ich nur halb soviel und ziehe Männer den Frauen vor. In der Fabrik arbeitete er sich rasch hoch, was ihn bei den andern Arbeitern unbeliebt machte. Er wurde ihr Boss. Er war ein schnell und hart arbeitender Mann, und er war ehrgeizig.
Dann fand auch meine Mutter eine Arbeit. In einem Snack-Shop putzte sie und wusch Geschirr. Mit dem gebratenen Zeugs, das sie da verkauften, fütterte sie uns. Es war ihr nicht erlaubt, weisse Kunden zu bedienen; der Besitzer wollte auch nicht, dass sie sich im Lokal zeigte, aus Angst, seine Kundschaft zu verlieren.
Noch immer konnte sich meine Mutter nicht daran gewöhnen, früh am Morgen in dem eisigen Zimmer aufzustehen und nach draussen zu gehen, wo es noch kälter war. Anfangs brachte Vater sie zur Arbeit. Er musste stark sein, wenn sie zitternd zusammenbrach; aber seine zukünftige Ehefrau auf einmal so schwach zu sehen, verletzte und demütigte ihn.
Mit ihrem ersten Lohn kaufte Mutter Vorhänge, Bettwäsche, Lebensmittel und einige Sachen für das Baby. Sie versuchte in dem miefigen Zimmer, das sie mit Pflanzen und Blumen verschönerte, nicht an St. Lucia zu denken, wo sie in einem Haus mit mehreren Zimmern gelebt hatte. Es gab keine Dusche, und die Toilette war ausserhalb. Waschen mussten sie sich im Abwaschbecken; heisses Wasser gab es nicht.
Mutter war eine grossgewachsene Frau, fast gleich gross wie Vater. Sie hatte eine schöne dunkle Haut. Sie war damals etwa einundzwanzig Jahre alt. Als sie eines Nachts Schmerzen bekam, dachte sie, es seien Magenkrämpfe. Sie war jung und naiv, Vater hatte da mehr Erfahrung, auch wenn er sich um die sechs Kinder, die er in der Karibik zurückliess, nicht viel gekümmert hatte. Ich bin ja glücklicherweise kein Bastard geworden; meine Eltern haben noch vor meiner Geburt geheiratet.
Er holte die Nachbarin von nebenan. Sie war eine Weisse, die einzige weisse Frau, die mit meinen Eltern sprach. Sie sagte: «Mary, du kommst in die Wehen, du musst sofort ins Spital.» Wann genau ich meinen Weg in die Welt gemacht hatte, weiss Mutter nicht mehr, so um Mitternacht, meinte sie.
Die Nachbarin wurde meine Patin. Sie hiess Ive, war schon Anfang Sechzig und hatte keine Kinder. «Sie war eine wundervolle Frau», sagte meine Mutter immer wieder. Sie hatte ein Herz aus Gold, und ich war ihr Augapfel. Wenn Mutter an der Arbeit war, passte sie auf mich auf. Das war eine grosse Erleichterung, denn Mutter konnte es sich nicht leisten, nicht arbeiten zu gehen.
Es war 1959, ich war drei Jahre alt und mein Bruder Ben zwei, als meine Eltern entschieden, dass sie nicht auf Dauer für uns sorgen könnten. Für viele Schwarze, die im Ausland Kinder bekamen, war es normal, dass sie diese zu ihren Eltern oder Schwestern nach Hause schickten. Ich denke, es ist für alle Eltern hart, sowas zu tun, ich habe das später selber erlebt.
Die Frage war, ob ihre Mutter uns aufnehmen würde, da Mum und sie ja nie gut miteinander ausgekommen waren. Im schlimmsten Fall war da noch Vaters Mutter; die lebte alleine.
Jetzt musste jeder Schilling zur Seite gelegt werden, nicht nur, um Sachen für uns zu kaufen, sondern auch für die Familie und Freunde zu Hause. Was von London kam, war wichtig, und wer in London lebte, war ein Star und musste das mit grosszügigen Geschenken beweisen.
Meine Mutter wechselte die Stelle, arbeitete im Krankenhaus. Da verdiente sie ein paar Schilling mehr, aber sonst war die Arbeit nicht besser. Zu dieser Zeit liessen sich viele Weisse nicht von Schwarzen berühren. Man bezeichnete sie als schmutzig, einige rannten gar vor ihnen weg oder weigerten sich, von ihnen etwas zu essen und zu trinken anzunehmen, sogar wenn sie todkrank waren. Freundlich lächelnd, mussten die schwarzen Frauen diese Beleidigungen über sich ergehen lassen.
In dieser Zeit hatten meine Eltern ein grösseres Zimmer gefunden, nicht weit vom alten Ort entfernt, an der Shurland Road. Dieses Zimmer wurde für viele Leute die erste Anlaufstelle in London, unter anderem für zwei meiner Onkel und Mutters jüngste Schwester. Sie hatten es besser als meine Eltern: Mutter nahm sie bei sich auf, bis sie Zimmer im obern Stock bekamen, sie gab ihnen zu essen und Taschengeld und half ihnen, sich in London zurechtzufinden. Es machte ihr Spass, von ihren Geschwistern Geschichten von zu Hause zu hören. Aber eigentlich hatte sich dort nichts verändert; sie kämpften immer noch um das bisschen Land, ihre Mutter trank immer noch und fluchte über ihre Tochter.
In London mussten die Geschwister versuchen, miteinander auszukommen. Doch bald fingen die Streitereien an, vor allem zwischen Mum und ihrem Bruder Run. Schon zu Hause hatten sie sich nicht gemocht. Er trank und brachte jede Nacht eine andere Frau nach Hause, was irgendwann zum Eklat führte. Der Streit war wüst, da wurde mit allem gekämpft, was sie zur Hand hatten, auch mit Messern.
Die Vorbereitungen für unsere Reise waren endlich abgeschlossen. Mutter ging mit Ben und mir aufs Schiff. Damals konnte ich nicht wissen, dass ich Vater nie wiedersehen würde. Ich erinnere mich, dass ich nur ungern ohne ihn wegfuhr.
Wir waren zwei Wochen auf See. Eines Nachts brach auf dem Schiff Feuer aus. Der Kapitän war beunruhigt genug, um die Passagiere auf die Rettungsboote evakuieren zu lassen. Panik brach aus, alle schrien und stolperten übereinander, während der Kapitän über Lautsprecher zur Ruhe mahnte.
Meine Mutter hatte wahnsinnig Angst, weil sie nicht schwimmen konnte. Sie liess alles auf dem Schiff zurück, während die Europäer ihre Diamanten, ihr Gold und ihre Kleider aufs Boot mitzunehmen versuchten.
Irgendwie schafften sie es, das Feuer zu löschen. Die Boote konnten wieder an Bord gezogen und die Schwimmwesten versorgt werden. In dieser kurzen Zeit hatte die Hautfarbe keine Rolle gespielt.
Es gab eine auffällige Frau an Bord: eine weisse, blonde, sehr britische Frau. Die Haare hatte sie, mit viel Haarspray behandelt, am Hinterkopf hochgesteckt. Sie trug oft ein tief ausgeschnittenes rosa Kleid, das sehr kurz war und ihre Rundungen zeigte. Wenn sie vorbeistöckelte, zog sie alle Blicke auf sich. Die Männer in der Küche mit ihren schmutzigen Overalls rannten, das Fleischmesser noch in der Hand, zum Fenster, wenn sie vorbeiging, oder verbrannten sich aus Unachtsamkeit die Finger. Es war ein britisches Schiff mit viel ausländischer Besatzung. Diese Männer waren bereit, Miss Sara jeden Wunsch jederzeit zu erfüllen. Sie stritten sich, wer sie als erster haben dürfe. Sie wussten, was sie wollte; es war ja nicht das erste Mal, dass sie solche Angebote erhielten. Sara hatte es auf den dunklen, hübschen Spanierjungen abgesehen. Er war jung und noch unerfahren; sie war älter, so um die Dreissig.
Mutter war nicht gerne auf See und konnte es kaum erwarten, bis wir wieder an Land waren. Sie war keine Mutter, die uns mit Liebe überschüttete, sie tat ihre Pflicht, und das war's. Es gab keine liebevollen Berührungen und erst recht keine Küsse, aber manchmal brachten wir sie zum Lachen. Vor dem Frühstück und Dinner wusch sie uns und zog uns sauber an. Mir band sie Schleifen ins Haar, was ich hasste. Ich war neugierig, aber schüchtern. Ich hatte grosse Augen, lächelte aber nur, wenn ich von Fremden Aufmerksamkeit erhielt. Wenn ich die anschaute, gab mir Mutter eins auf die Finger.
Saras Kabine war auf unserem Korridor. Ich begegnete ihr oft. Wenn sie zum Frühstück oder Dinner ging, streichelte sie meine Wangen mit ihrer sehr weissen Hand mit der geschmeidigen Haut. Einmal fragte ich sie: «Miss Sara, was ist das für ein feiner Duft?» Sie beugte sich zu mir und sagte mit ihrer samtigen englischen Stimme: «Das ist Christian Dior. Magst du es?» Ich nickte. «Du heisst Paula, nicht?» «Ja», antwortete ich und fühlte mich ungezogen, weil ich mit einer Fremden sprach. Mein Bruder stand in seinen ausgebeulten Shorts daneben – er heulte jeden Morgen, wenn er die anziehen musste. Er rief laut: «Und ich bin Ben!» Immer war er vorlaut und musste auf sich aufmerksam machen. Er hatte sehr schöne Zähne, klein und weiss. Miss Sara erhob sich, tätschelte mir beim Weggehen die gefetteten, geflochtenen Haare und tänzelte zu Männern und Tee.
Eines Nachmittags hatte uns Mutter rausgeschickt, sie wollte ein Nickerchen machen. Wir spielten im Korridor, mein Bruder sprang auf und ab und fiel immer wieder auf den Hintern, wenn er nach den Murmeln zu grapschen versuchte. Da hörte ich am Ende des Korridors Geräusche, ich wusste nicht, was es war. «Es weint jemand, Ben», sagte ich. Ich rannte den Korridor entlang zu Miss Saras Kabinentür, die halb offenstand. Ich sah einen Mann auf dieser Lady liegen, er machte Geräusche, ich schaute hin, lachte, die Hände vor dem Mund. Die beiden waren nass und bewegten sich sehr schnell, sie hatte ihre Beine in der Luft und hielt sich an seinen Haaren fest. «Fester», sagte sie. Ich drehte meinen Kopf von einer Seite zur andern. «Tiefer», sagte sie, und das Kajütenbett bewegte sich wild. Dann lautes Geschrei und Stille. Mein Bruder war nun auch herbeigerannt, wir standen in der Tür und lachten, da hörte sie uns. Sie stand auf, wickelte sich in ein Laken und kam auf uns zu. Ihre Haare sahen jetzt nicht mehr ordentlich aus, ihr Gesicht war rot und nass. Sie schien mir nicht mehr so hübsch zu sein, sie wirkte erschöpft und roch auch nicht mehr gut. «Geht weg», sagte sie und schloss die Tür vor unseren Nasen.
Wir stürmten lachend in Mutters Kabine. Sie war wütend, weil wir sie weckten, und hätte uns am liebsten geschlagen. «Nicht mal ein wenig schlafen kann man», sagte sie. Sie war fünfundzwanzig, fühlte sich aber viel älter. Zwischen ihren Vorderzähnen hatte sie einen schmalen Spalt.
Als wir zum Dinner kamen, sass Miss Sara schon an ihrem Tisch. Normalerweise war sie die letzte, die ihren Platz einnahm, weil sie noch an Deck herumtrödelte, an der Sonne lag, Bücher las oder aufs Meer starrend vor sich hinträumte. Sie roch wieder gut, das nahm ich von weitem wahr. Sie sah auch wieder hübsch aus, in einem weissen Häkelkleid, mit langen rotlackierten Nägeln und Lippenstift von hellerem Rot als sonst. Sie schaute uns nicht an, sprach mit andern Gästen und zündete sich in ihrem Zigarettenhalter eine Zigarette an. Ich zeigte mit meinen Händen auf sie und erzählte meiner Mutter: «Sie hat geschrien, und ein Mann lag auf ihr.» Ich versuchte, die Bewegung nachzumachen. Mutter verstand nicht, schlug mir auf die Hände: «Du sollst nicht mit dem Finger auf andere Leute zeigen», sagte sie und lächelte Miss Sara zu, die an einem bessern Tisch sass als wir. Er war mit Blumen schön dekoriert. Wir teilten den Tisch mit einem schwarzen Paar und dessen halbwüchsiger Tochter, einer Inderin und einigen andern Leuten von verschiedenen Karibikinseln.
Mums Mutter weigerte sich, uns aufzunehmen. Dabei hatte Mum alles getan, um sich mit ihr gutzustellen, hatte ihr Sachen geschickt aus London und ihr auch das Geld zurückbezahlt, das sie für die Reise bekommen hatte – aber die Wunden waren nicht verheilt. Nicht mal wir, die Enkelkinder, die den ganzen Weg von London gekommen waren, konnten daran etwas ändern. Mum weinte und flehte, aber es war nichts zu machen.
Mum blieb nichts anderes übrig, als uns zu Vaters Mutter, zu «Gran», zu bringen. Die beiden Frauen waren sich nur einmal kurz begegnet, bevor meine Eltern damals aufs Schiff gegangen waren. Mum hatte keine Ahnung, wie Gran auf diesen «Gefallen» reagieren würde. Es gab kein Telefon, also musste Mum hinfahren und sie mit uns konfrontieren. Gran lebte in einem kleinen Dorf mit etwa hundert Einwohnern; es hiess Gadet. Alle kannten einander, nichts blieb dort lange ein Geheimnis. Weil wir aus London kamen, waren wir ein Ereignis. Nur wenige hatten Kinder in Übersee, höchstens auf den benachbarten Inseln. Alle wussten, dass wir kommen würden, aber sie dachten, wir wollten nur einen Besuch machen. Sie fanden es schon etwas eigenartig, die Frau mit den zwei kleinen Kindern, dem Kinderwagen und einem Koffer zu sehen. Meine Mutter schaute nicht allzu glücklich drein – aber nicht lange. Denn Vaters Mutter wusste, was Liebe ist, und sie war allein. Bis an ihr Ende war sie im Dorf sehr angesehen, vor allem, weil sie einen Sohn hatte, denn ein Sohn ist für die Frauen ein Geschenk Gottes. Sie war ausserdem ziemlich fromm und arbeitete hart.
Mutter mochte Gran nicht sehr; sie verdächtigte sie der Zauberei. Aber sie liess uns bei ihr und kehrte zu Vater nach London zurück.
Durch Granma habe ich einiges über meinen Vater erfahren. Er war ihr einziger Sohn, und sie liebte ihn sehr, auch wenn sie gar nicht glücklich war über sein Leben. Er sei nie erwachsen geworden, sagte sie, er habe nur spielen, trinken und Frauen lieben wollen.
Aber zu ihr war er immer gut gewesen. Am Wochenende brachte er ihr Esswaren aus der Stadt, manchmal auch ein Stück Stoff für ein Kleid und ein wenig weissen Rum, denn auch sie trank gerne von Zeit zu Zeit ein Glas. Manchmal zog er bei seinen Besuchen die alten Kleider an, die er bei ihr zurückgelassen hatte, ging Holz sammeln, holte Wasser, kochte und sprach von seiner Arbeit. Sie schimpfte mit ihm wegen seinem unsteten Leben, aber er lächelte nur, packte sie, während sie ihn mit allem, was sie zur Hand hatte, abzuwehren versuchte. Dabei musste sie das Lachen verbeissen; insgeheim liebte sie dieses Spiel und liebte sie ihn.
Das Dorfleben war nichts für ihn gewesen. Schon am frühen Nachmittag genehmigte er sich auf nüchternen Magen ein paar Gläser Rum. Es schmerzte Gran sehr, ihr einziges Kind sich so jung selbst zerstören zu sehen. Seine Arbeiter waren neidisch, die Frauen flogen auf ihn, auch wegen seiner Stellung, und machten ihm Probleme; sie wollten ihn nicht freigeben. Wenn er die üblichen Besuche bei seinen vielen Freundinnen machte, hörte er überall Klagen und Beschimpfungen: «Warum besuchst du deinen Sohn nie, Oliver!» «Warum kümmerst du dich nie um Giny!» Beschämt, mit hängendem Kopf und leeren Taschen ging er weg. Er wollte nie Kinder, er wollte nur Sex, und schon war wieder ein Baby unterwegs. Er fürchtete, diese Frauen könnten ihn eines Tages töten, sie hatten es auch einige Male versucht, mit Voodoo und Gift.
Zweimal die Woche war der Nachtclub sein Zuhause; nichts, ausser vielleicht eine hübsche Frau, konnte ihn davon abhalten. Er war höflich und respektvoll, wenn er nüchtern war, aber wenn der rauhe weisse Rum in seinem Blut floss, wurde er ein Monster. Meist trank er, bis er nicht mehr wusste, wo er war. Meine Mutter sagte einmal, es sei beschämend, einen erwachsenen Mann zu sehen, der sich wie ein Kind benehme – einen liebenswerten Mann sich so erniedrigen zu sehen.
Ich habe, wie meine Mutter, Vater sehr geliebt. Aber ich kannte ihn nicht. Als ich erfuhr, dass Vater so viel getrunken hatte, fühlte ich mich hilflos, ich wusste damals nicht, dass es eine Krankheit war. Das hat Auswirkungen auf mein späteres Leben gehabt. Ich machte Frauen für Vaters Trinkerei verantwortlich, ich traute ihnen nie und mochte sie nicht. Die meisten meiner Freunde sind Männer, mit ihnen komme ich besser klar.
Er starb einige Jahre nach unserer Ankunft in St. Lucia. Ich konnte nicht recht glauben, dass er tot war; irgendwie war ich überzeugt, dass er noch lebte. Es hiess, er habe sich zu Tode getrunken. Es ging auch das Gerücht, dass er mit einem langsam wirkenden Gift getötet worden sei.
In ihrem kleinen, aus Schindeln gebauten Haus lernte Granma mit Sechzig wieder, Mutter zu sein. Es war nicht einfach für sie, denn anders als Ben wollte ich immer zurück nach London, zu meiner Mutter. Gran wollte nicht, dass wir weggingen, nicht solange sie lebte. Ich war zu selbstsüchtig, um zu realisieren, wieviel meine Grossmutter opfern musste, um uns eine bessere Zukunft zu geben. Ich dachte, dass das Leben in London viel einfacher wäre und dass dort meine Träume wahr würden. Ich war gerne englisch, ich hasste es, barfuss im Dreck herumzulaufen.
Alle vierzehn Tage mussten wir Bananen verkaufen gehen, eine halbe Stunde zu Fuss, die Bananen auf dem Kopf. Der Schweiss floss an meinem jungen Körper herunter. Ich fürchtete diese Tage, denn ich erhielt nur dann einige Dollars für die Staude, wenn die Früchte die richtige Grösse hatten und keine Druckstelle. Sonst wurden sie zurückgewiesen, und ich war den Weg vergebens gegangen, hatte vergebens die ganze Woche zu den Früchten Sorge getragen.
Manchmal waren wir zu erschöpft, um die Bananen den ganzen Weg wieder nach Hause zu tragen – und sie zu essen, gekocht oder gebraten, war mir auch verleidet. So überliessen wir sie andern, die ein Transportmittel hatten. Die nahmen sie mit, kochten sie und verfütterten sie den Schweinen. Wenn wir ohne Geld und Bananen zurückkamen, sah ich jeweils den Schmerz und die tiefen Furchen in Granmas Gesicht.
Wann immer sie konnte, schickte uns Mutter Geld und manchmal ein Paket. Sie sandte uns alles, was ihr in den Sinn kam: Süssigkeiten, Puppen, Murmeln, Höschen, Schuhe, Strümpfe, Haarspangen, Seifen – aber genug war es nie. Grossmutter blieb arm. Hunger litten wir jedoch nie, weil da die beiden Tanten waren, die nebeneinander wohnten und einen kleinen Laden besassen. Die eine mussten wir «Auntie» nennen, obwohl sie nicht wirklich eine Tante war, sondern einfach eine gute Freundin von Gran. Sie hatte auch zwei englische Mädchen, und sie mochte uns sehr. Unserer richtigen Tante, einer Halbschwester meines Vaters, standen wir nie sehr nah. Sie grüsste uns, gab uns manchmal einen Keks, aber sie war ziemlich geizig. Sie hatte elf Kinder. Meine «falsche» Tante war älter und intelligenter; meine richtige Tante war nur Bäckerin.
Es gefiel mir, mit Auntie und den beiden Mädchen, die etwas älter waren, im Laden Kunden zu bedienen. Neben der Bartheke gab es eine Ecke mit Esswaren, wo gesalzener Trockenfisch oder je nach Saison auch frischer Fisch verkauft wurde, in gesalzenes Wasser eingelegtes Rinds- oder Schweinefleisch, Reis, Büchsenfleisch, Öl und Butter, die in einer grossen Plastiktonne fast schmolz.
Am schönsten war es, wenn in dem dunklen kleinen Dorf mit seinen zwei Laternen meine Gran alles stehen- und liegenliess, um, mit etwas Rum intus, zu den Trommeln zu tanzen. Niemand wollte die Samstagnacht im Rum-Shop verpassen. Kaum zehn Leute konnten in dem Laden stehen oder sitzen. Männer und Frauen tanzten zusammen und machten Musik mit Trommeln und Gitarre. Jemand führte den Blinden her; er war der einzige, der die Gitarre richtig spielen konnte. Die Lieder handelten von den Leuten im Dorf, von Liebenden, die heimliche Affären hatten. Die Betrogenen erfuhren manchmal erst durch die Lieder davon, und der Streit zwischen Mann und Frau ging los. Es gab ein Lied, das hatte nur zwei Zeilen: «Bumsen ist süss, aber Schwangersein gar nicht.» Das wurde natürlich in Patois gesungen, da klingt es viel hübscher.
Einmal im Monat war Tanznacht in der Dorfhalle, die für alles mögliche, Politik, Hochzeit, Versammlungen, benutzt wurde. Viele konnten sich den Eintritt nicht leisten, aber von ganz St. Lucia kamen die Leute. Ich ging auch hin, um meine Schulkameraden zu sehen und vor allem meine Boyfriends. Ich war etwa acht damals; ja, in diesem Alter hatte ich schon Liebe im Kopf.
Ich erinnere mich an einen Film. Es war der einzige Film, den ich in den zehn Jahren auf St. Lucia gesehen habe. Er hiess «Samson und Delila». Diese Delila war für mich die schönste Frau der Welt. Sie hatte einen wunderschönen Körper und wunderschöne Brüste. Sie war vollkommen, mit ihren schwarzen Haaren, sie war geheimnisvoll, und ich wollte sein wie sie, wollte, dass Männer meinetwegen den Kopf verloren.
Nachdem sie meine Heldin geworden war, konnte ich monatelang nicht richtig schlafen. Ich wollte Brüste wie sie, nur grösser. Ich hatte immer was übrig für grosse Brüste, nicht so gross wie eine ausgereifte Wassermelone, aber so, dass es eine Handvoll hergibt. Ich glaubte den Altweibergeschichten, die meine Freundinnen erzählten, und so gingen wir zum Fluss, versuchten Flusskrebse zu fangen und sie an unseren kleinen Brüsten zu reiben. Dann standen wir in einer Reihe über den Fluss gebeugt, um zu schauen, ob sie wuchsen.
Dabei wurden wir einmal von meiner Cousine Ilin beobachtet, die immer im falschen Moment auftauchte. Sie war älter als wir, hatte ein Kind und war wie üblich nicht verheiratet. Ihr Freund war ein Frauenheld, der sie nur gerade zum Liebemachen ein paarmal pro Woche besuchte. Sie war noch nicht so alt, ich weiss nicht, wie alt. Das Alter interessiert auch heute noch kaum jemanden in St. Lucia, das scheint eher eine europäische Krankheit zu sein.
Ilin war entrüstet, als sie uns sah, sie rief meinen Namen. Ich kriegte einen mächtigen Schrecken, zitterte am ganzen Körper vor Scham und begann zu weinen. Sie sagte höhnisch: «Was würde Grossmutter von all dem denken – Krebse an deinen Brüsten zu reiben, du schmutziges kleines Mädchen!» Ich hoffte, sie würde nichts erzählen, aber sie tat es doch.
Gran war oft im Spital, doch wusste ich nicht, wie krank sie war. Sie sprach nie über ihre Krankheit; nur wenige merkten, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie ging kaum mehr irgendwohin, sogar der Kirchgang, den sie nie versäumen wollte, war zur Qual geworden.
Sie, die Heilerin, hatte vielen Kindern das Leben gerettet, aber sich selber konnte sie nicht helfen. Ich wusste nicht, wie sie heilte, ich sah nur, dass neugeborene und etwas ältere Babys zu ihr gebracht wurden. Sie benutzte keine Medizin, keine Tabletten, nur ein besonderes Fett, das beim Erhitzen zu Öl wurde und nach Muskat roch. Sie verrieb es auf dem Bauch der Babys und schloss dabei die Augen. Wir konnten sie nicht fragen, warum sie das tat, wir durften die Küche auch nicht betreten, wenn die Prozedur stattfand. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie immer im selben Stuhl sass und das Ritual wiederholte.
Eines Tages besuchten wir Gran im Krankenhaus. Das kam selten vor, weil es keine Fahrgelegenheit gab. Ben und ich waren aufgeregt, nicht nur weil wir Gran besuchten, sondern weil wir in einem Auto fahren und das Dorf für einen Tag verlassen durften. Für mich wurden dann drei Tage daraus, denn als wir ankamen und ich Gran sah, kreideweiss, wo sie doch eine rothäutige Frau ist, da fühlte ich mich auf einmal komisch und bekam Angst. Ich habe Krankenhäuser nie gemocht; der Geruch bringt mir den Magen durcheinander. Mir wurde übel und schwindlig, und als ich wieder zu mir kam, fand ich mich in einem Spitalbett wieder. Ich hatte das eigenartige Gefühl, dass Gran sanfte Magie auf mich ausübte. Und heute denke ich auch, dass sie etwas von ihren magischen Kräften an mich weitergegeben hat.
In den Tagen, da ich mit ihr zusammen war, habe ich sie zum ersten Mal – und vielleicht zum letzten Mal – richtig wahrgenommen. Ich war etwa zehn damals. Ich war schüchtern und rannte vor allen und allem davon. Ich lebte in meiner alten Welt, wollte zurück nach London. Granma fand, ich sei herzlos und würde sie nicht so lieben wie mein Bruder. Aber sie wusste, dass ich ehrlich und sanft war. Sie war eine starke Frau, religiös, mit magischen Kräften, und ich war das komplette Gegenteil. Ich war wild, wild auf Jungs auch. Sie sagte einmal zu mir, ich würde eine jamet werden, ein Mädchen, das mit allen Jungs im Dorf was haben würde, sehr irdisch, mit nichts als Sex im Kopf. Sie brachte es nicht direkt in diesen Zusammenhang, aber ich glaubte zu verstehen, was sie meinte. Im Grunde genommen konnte sie Mädchen nicht ausstehen, sie fand, sie seien schmutzig und eitel und brächten nur Babys nach Hause. Sie verhehlte nicht, dass sie Jungs vorzog; ich war nie so gut wie Ben.
Granma lag auf ihrem Krankenbett. Sie sah müde und ausgelaugt aus. Ihre Hände und Füsse waren von der harten Arbeit gezeichnet, wie von einem Gitter. Sie beschwerte sich nie, borgte nie etwas, erwartete nie Mitleid. Diese Art von Stolz, vermute ich, erwartete sie auch von mir. Sie lag da und schaute mich an. Ihre langen schwarzen, zu Zöpfen geflochtenen Haare waren grau geworden. Sie trug ein Spitalhemd über ihrer sehr hellen, faltigen Samthaut – ein richtiges Nachthemd hatte sie sich nicht leisten können. Sie hatte ja immer nur für uns gelebt, und ich hatte es nicht verstanden. Ich sah sie jetzt als schwache, zerbrechliche Frau, die mich auf ihre Art liebhatte. Sie war sehr besorgt, was mit uns geschehen würde.
Einer meiner älteren Brüder, der Sohn einer der vielen Frauen meines Vaters, kam sie besuchen. Er war einer ihrer Lieblingsenkel, und ich liebte ihn auch. Bevor ich mit ihm wegging, sagte sie zwei Dinge zu mir: «Paula, du bist die ältere. Wenn ich nicht mehr da bin, dann geh mit Ben zur Familie deiner Mutter und nicht zu meiner Schwester. Und passt aufeinander auf! Ihr habt nur euch.» Tränen liefen mir übers Gesicht, auch mein älterer Bruder musste sich zusammenreissen, um nicht zu weinen.
Gran blieb eine weitere Woche im Spital. Jetzt, wo ich sie um mich haben wollte, schien es Jahre zu dauern, bis sie sich wieder gut genug fühlte, um nach Hause zu kommen. Der ältere Bruder brachte uns zur Schule, und Ilin kochte für uns. Das ganze Dorf half uns, aber ich hasste es, alleine mit meinem Bruder in Grans Haus zu schlafen.
In der Schule unterrichtete einer meiner Halbbrüder. Er war nicht sehr oft da, weil er viel in die andern Teile der Insel reiste, aber wenn er da war, war es keineswegs lustig für mich. Alles, was ich tat, war falsch, und er hatte das Recht, mich nach Lust und Laune zu prügeln. Es kommt mir vor, als sei ich die ganze Schulzeit hindurch nur verprügelt worden. Ben war gut in der Schule, und das wurde von ihm auch erwartet – weil er ein Junge war. Von mir, einer «Englischen» aus einer gebildeteren Familie, wurde natürlich auch erwartet, dass ich mehr Hirn hatte als andere; das setzte mich ziemlich unter Druck. Ich fühlte mich immer als schwarzes Schaf, weil ich oft die altmodischen Wertvorstellungen nicht respektierte und nicht verstand.
Als Gran wieder zu Hause war, freute sich das ganze Dorf; sie war ja eine Mutter für alle, wusste immer Rat, wenn es in den Familien Probleme gab. Sie war jetzt ans Bett gefesselt und konnte kaum etwas tun. Andere mussten für sie kochen, und sie war sehr von mir abhängig. Ich fühlte mich freier, weil sie mich nicht mehr erwischen konnte, wenn ich spät von der Schule kam oder an Schulparties ging, um Freunde zu treffen. Sie lag im Bett oder im Schaukelstuhl und glaubte immer noch, sie könne mich verprügeln. «Bevor ich sterbe, werde ich dich noch kriegen!» sagte sie einmal und machte dabei ein richtig hexisches Gesicht. Junge, hatte ich Angst! Sie hatte das Gefühl, dass ich ihr immer etwas verheimlichte, dass ich viele Fehler hatte und zu verschlossen war für ein Kind.
Granma litt noch einige Monate, aber sie klagte nie. Viele Nächte konnte ich nicht schlafen, hörte sie stöhnen und wimmern. Manchmal raffte sie sich zu einem Spaziergang im Garten auf oder zu einem Bad.
Wir badeten in einer silbernen Wanne, die draussen stand. Wir mussten drei-, viermal zum Fluss gehen, um sie zu füllen. Dann schnitten wir etwas Hibiskus, aus dessen Blättern wir seifigen Schaum machten. Man musste die Blätter etwa eine halbe Stunde reiben, und man bekam wunde Hände davon. In Europa kannst du das Zeugs teuer kaufen, aber für uns war es etwas Alltägliches; das Bad war sehr erholsam, und nachher duftete man frisch.
Nacktheit war nichts Unanständiges, auch nicht etwas zum Anstarren. Es war ganz natürlich für mich, mit meiner Gran zu baden, wenn auch nicht immer angenehm, weil die Wanne zu klein war. Wir bedeckten uns nicht, wenn kleinere und grössere Kinder zusammen waren; wir kamen gar nicht auf die Idee, dass etwas daran falsch sein könnte.
Auch die Wäsche wurde vor dem Haus gemacht, und wenn Gran guter Laune war, gingen wir zum Fluss. Es brauchte Stunden, um nur ein Kleid zu waschen. Alle waren mit nackten Brüsten am Fluss, es wurde getratscht, eine richtige Waschparty. Einige brachten ihren Lunch mit. Alle konnten die Kleider und Panties der andern begutachten; man trug handgemachte Unterhosen, die wie Long Johns aussahen. Die Wäsche wurde auf dem Gras ausgebreitet und von Zeit zu Zeit wieder angefeuchtet. Manche spuckten auf die Wäsche, weil sie glaubten, sie werde dadurch seifiger. Und mit Hilfe der natürlichen Kraft der Sonne wurde die Wäsche weiss, verschwanden die letzten Flecken.
Mutters St. Lucia
Eines Nachts, als ich auf den Kleiderfetzen, die unser Bett waren, schlief, hörte ich plötzlich Stimmen nebenan – Weinen, Reden, Schreien –, und dann sah ich Tanten, Freundinnen und ältere Leute auf uns zukommen. Sie sagten: «Granma ist gestorben.» Ich weiss nicht, warum sie es gewusst hatten und wie sie hergekommen waren, ohne dass ich sie gehört hatte. Ich war wie betäubt, wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Das einzige, was ich wahrnahm, war, dass jemand mich in den Armen wiegte.
Dass Granma tot war, schien unmöglich. Es schmerzte mich, dass ich nicht bei ihr gewesen war, um ihre letzten Worte zu hören. Man erzählte mir, sie habe meinen und Bens Namen gerufen. Ich fand es gemein, dass man uns nicht geweckt hatte.
Ein bisschen war ich auch erleichtert, dass es vorbei war, doch ich wusste, was als nächstes kommen würde: Schon begannen sich alle um Grans Wertsachen zu streiten. Sowas wie ein Testament kannte man nicht. Diese Leute, für die Gran immer ein gutes Wort gehabt hatte, kämpften um Dinge, die eigentlich uns gehörten – die Möbel meines Vaters, der goldene Ring und die Gläser, die sie kaum je benutzte, waren ihre einzigen Besitztümer, die sie für wertvoll hielt, sonst waren da nur ein paar Dollars, die sie immer in ein Tuch knüpfte.
Gran besass auch Land, aber bis heute haben Ben und ich nie Anspruch darauf erhoben; es gab zuviel Schwarze Magie, und wir wollten nicht von diesen Leuten in den Wahnsinn getrieben werden. Es waren ja auch sie, die Gran getötet haben. Man hat mir erzählt, dass Gran mit einer grünen Schlange im Magen gestorben sei. Ihr Stuhl hatte eine seltsame grünliche Farbe, und sie musste ständig auf die Toilette.
Für mich war klar, dass Mutter uns nun holen musste. Wir blieben noch einige Wochen in Grans Haus, aber in dem Haus spukte es, es war unheimlich, und während Tagen war da dieser eigenartige Geruch. Was die Leute im Dorf mit Grans Leiche gemacht haben, weiss ich nicht; uns sagten sie nur, man habe sie begraben.
Es ist Brauch in St. Lucia, das Haus einer Toten auszufegen. Als sie sich bei uns an die Arbeit machten, wusste ich, dass ich jetzt schnell überlegen musste, ich musste mich rühren, sogar die Bäume sahen aus wie tot, alles war tot, da war keine Fröhlichkeit mehr, und Granmas Stimme, die mich gerufen hatte, wenn ich mit meinen Freunden zu weit vom Haus weggegangen war, war verstummt. Der ganze Ort machte mich krank, und ich wollte für immer weit weg rennen. Jedesmal, wenn ich ein Flugzeug am Himmel sah, begann ich zu weinen. «Flugzeug, bitte, bring mir meine Mutter», bat ich. Ich fühlte mich alleine und heimatlos. Granma würde nicht wiederkommen; sie war für immer gegangen.
Ich erinnerte mich deutlich an ihre Worte: «Geh zur Familie deiner Mutter.» Ich wusste nicht, wie ich dieses Versprechen halten konnte, denn alle wollten ein Stück von uns. Grans Schwester, eine nette Tante ohne Kinder, nahm uns in Obhut, und ich wusste, dass es ihr grösster Wunsch war, uns bei sich zu haben. Aber wir gingen ihr schnell auf die Nerven; sie hatte keine Ahnung von Kindererziehung, sie konnte nicht mal meine Haare flechten und fühlte sich als Versagerin. Ben lachte sie aus. Er war zu dieser Zeit ein schwieriger Junge, wollte nicht gehorchen und stellte dauernd Unfug an.
Wir blieben nur so lange bei Grans Schwester, bis Auntie Elle, Mums Schwester, sich bereit erklärte, uns aufzunehmen. Ich war glücklich. Wenigstens würde ich dort schon etwas näher bei Mum sein.
Ich war verblüfft, dass Auntie Elle neun Kinder hatte, aber sie waren wohlhabend. Ich war erst zweimal dort gewesen, einmal, als Mums Mutter starb. Granma hatte die Familie nicht gemocht; sie waren Städter, hielten sich für etwas Besseres.
Wir wurden wie Dienstmädchen behandelt. Sie liessen uns schuften wie Esel. Nach einigen Monaten begann ich mich deprimiert zu fühlen. Ich hasste das Kochen, Putzen, Waschen und das Bügeln, was ich nie vorher gemacht hatte. Ich hatte Granma immer bitten müssen, dass ich auch waschen durfte; hier war es meine tägliche Arbeit.
Ein Mädchen, das ich hasste, war Cilla. Sie war gemein und grausam. Wenn ich tat, was sie mir befahl, durfte ich mit ihr in die Stadt gehen – nur um zuzuschauen, wie sie mit ihrem Boyfriend schmuste. Und Auntie Elle durfte ich nichts erzählen. Cilla war drei Jahre älter als ich und besser gebildet. Sie machte immer Bemerkungen über mein Aussehen, nannte mich Glühbirne, weil ich immer alles sah.
Hier konnten uns alle schlagen, es gab keine Kontrolle. Eines Tages war mein Bruder wieder mal in Form und wollte auf niemanden hören. Cillas nächstjüngere Schwester Mandy befahl ihm, den Hof zu wischen. Als er sich weigerte, warf sie ein grosses Messer, eine Machete, nach ihm. Es hätte ihn fast am Fuss getroffen. Da rastete ich aus, brüllte, bis ich keinen Ton mehr herausbrachte, und begann auf sie loszuschlagen. Ich war keine gute Kämpferin, sie gewann. Aber einige meiner Wörter trafen auch.
Obwohl Mandy zwei Jahre älter war als ich, schimpfte Auntie mit mir. Ich war das schwarze Schaf. Ich erwartete nichts anderes. Sie hatten eine grosse Plantage, die eigentlich allen Nachkommen der Grossmutter gehörte, aber ich durfte nicht mal eine Kokosnuss pflücken.
Auntie Elle war eine widerliche Person. Sie war unglaublich dick, und das einzige, wozu sie fähig war, war schlafen, essen und auf dem Balkon hocken und den Leuten zuschauen, die vorbeigingen – dies zwölf Monate im Jahr. Auntie Elle hatte nie wirklich gearbeitet. Sie verliess sich auf ihren Mann, die Kinder, die Arbeiter auf der Plantage und auf Dienstboten, wie Ben und ich es nun waren. Wenn es zwischen ihre Balkonsitzungen passte, raffte sie sich auf, um in der Stadt etwas für besondere Anlässe einzukaufen. Aber nie hat sie uns, den Kindern ihrer Schwester, etwas aus der Stadt mitgebracht.
Ihr Mann war fast nie zu Hause, er verbrachte soviel Zeit wie möglich mit jüngeren und schlankeren Frauen. Zu uns war er freundlich; er brachte uns ins Dorf, damit wir die Tanten und Schulfreunde besuchen konnten. Ich vermisste diese sehr, aber es war schwierig, sie ausserhalb der Schule zu treffen, denn sie lebten in verschiedenen Dörfern.
Ich hatte kein eigenes Bett und musste bei einem der Mädchen schlafen. So schlief ich manchmal bei Mandy, die sich nichts dabei dachte, wenn sie meine Brüste berührte und sie zu küssen versuchte. Es brachte mich ganz durcheinander und machte mich wütend, doch ich konnte mich nicht wehren. Ich lebte ja in ihrem Haus, schlief auf ihrer Matratze. Sicher, ich war auch neugierig, wollte mehr über Sex herausfinden, aber nicht auf diese Art, das war nicht richtig. Sie versuchte mich überall zu berühren, sogar an den Geschlechtsteilen. Es widerte mich an, aber insgeheim dachte ich auch, ich sei vielleicht selber schuld. Und ich dachte mit Angst an die Konsequenzen; wenn meine Mutter das erführe, würde sie mich womöglich nicht mehr holen kommen. Ich machte Mandy klar, dass sie das nicht wieder tun dürfe. Trotzdem hat sie es wieder versucht, und diesmal wehrte ich mich.
Ich hatte aber nichts dagegen, wenn Jungs mich anmachten. Ich wollte ja herausfinden, wie die Leute «es» machten, war neugierig und auch ziemlich reif für mein Alter, mit meinen Brüsten. Auch Mum begann sich damals Sorgen zu machen, wie ich erfuhr; es gab viele Mädchen, die schon mit vierzehn ein Kind hatten. Von der Freundin ihres Bruders, einer Weissen, hatte sie erfahren, dass ich schon fast eine Frau sei.
Ich betete, dass Mum uns holen lassen würde. Auf dem Weg von der Schule nach Hause ging ich stets bei der Post vorbei und fragte nach Briefen aus London. Meistens wurde ich enttäuscht. Selten mal erhielt ich einen Brief, den ich aber nicht öffnen durfte, sondern nach Hause bringen musste. Über das, was drin stand, erzählten sie uns, was sie wollten. «Alles in Ordnung», sagte Cilla. «Sie hat ein wenig Geld geschickt.» Einmal fand ich einen Brief von meiner Mutter mit einem Foto meiner jüngsten Schwester. Ich fand, sie gleiche mir, und fragte mich, ob ich sie wohl je sehen würde. Ich wusste, dass meine Mutter zum zweitenmal geheiratet hatte; er war Jamaikaner, hatte sie mit vier Kindern sitzengelassen und war nach Amerika gegangen. Und ich wusste auch, dass sie eine grössere Operation hinter sich hatte und kaum mehr einen Löffel heben konnte.
Es ging die Geschichte um, sie wolle uns zurück, weil wir nun gross genug seien, um auf die vier Kinder aufzupassen. Aber in diesem Moment konnte mich das kaum kümmern – ich wollte nur weg von diesem schrecklichen Ort.
