Goethe in Leipzig - Helmar Kloss - E-Book

Goethe in Leipzig E-Book

Helmar Kloss

0,0

Beschreibung

Hartnäckig hält sich die Mär, dass Charlotte Buff Goethes erste große Liebe und das Modell für Lotte in dem Roman Die Leiden des jungen Werther gewesen sei, und was Äußerlichkeiten und Lebensumstände betrifft, ist sie wohl auch tatsächlich das wichtigste Vorbild für Werthers Lotte gewesen. Doch die Gefühle, die Werther Lotte entgegenbringt, entsprechen nicht den Gefühlen, die Goethe für Charlotte Buff gehegt hat. Der gefühls- und erlebnismäßige Hintergrund für die Darstellung im Werther-Roman beruht auf Ereignissen, die während Goethes Aufenthalt in Leipzig stattgefunden haben. In der Zeit zwischen April 1766 und März 1768 unterhielt er eine Beziehung zu Käthchen Schönkopf. Wenn es daher in Dichtung und Wahrheit, im dreizehnten Buch, heißt: Die erste Liebe, sagt man mit Recht, sei die einzige: denn in der zweiten und durch die zweite geht schon der höchste Sinn der Liebe verloren. Der Begriff des Ewigen und Unendlichen, der sie eigentlich hebt und trägt, ist zerstört, sie erscheint vergänglich wie alles Wiederkehrende so ist nicht Charlotte Buff gemeint, sondern Käthchen Schönkopf. Dieses Buch soll das anhand von Dokumenten aufzeigen, die der psychologisch geschulte Autor einfühlend deutet.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



"Jeder ist seines Glückes Schmied," sagt der Volksmund.

Vom Unglück lässt sich leider oft dasselbe sagen.

Vorwort

Hartnäckig hält sich die Mär, dass Charlotte Buff Goethes erste große Liebe und das Modell fur Lotte in "Die Leiden des jungen Werther" gewesen sei, und was Äußerlichkeiten und Lebensumstände betrifft, ist sie wohl tatsächlich das wichtigste Modell für Werthers Lotte gewesen. Doch die Gefühle, die Werther Lotte entgegenbringt, entsprechen nicht den Gefühlen, die Goethe für Charlotte Buff gehegt hat. Der gefühls- und erlebnismäßige Hintergrund für die Darstellung im "Werther" beruht auf Ereignissen, die während Goethes Aufenthalt in Leipzig in der Zeit zwischen April 1766 und März 1768 stattgefunden haben, während der er eine Beziehung zu Käthchen Schönkopf hatte, die der junge Goethe in Leipzig kennen- und liebengelernt hat. Wenn es daher in "Dichtung und Wahrheit", im dreizehnten Buch, heißt: "Die erste Liebe, sagt man mit Recht, sei die einzige: denn in der zweiten und durch die zweite geht schon der höchste Sinn der Liebe verloren. Der Begriff des Ewigen und Unendlichen, der sie eigentlich hebt und trägt, ist zerstört, sie erscheint vergänglich wie alles Wiederkehrende" ist nicht Charlotte Buff gemeint, sondern Käthchen Schönkopf. Dieses Buch soll das anhand von Dokumenten aufzeigen, die der psychologisch geschulte Autor einfuhlend deutet.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Goethes Briefe aus Leipzig

2.1 Briefe an Schwester und Freunde

2.2 Käthchen in Goethes Briefen aus Leipzig

Käthchen in "Dichtung und Wahrheit"

Auszüge aus später an Käthchen gerichteten Briefen

Schluss

1. Einleitung

Ich habe mich mit Goethes Persönlichkeit beschäftigt, um herauszufinden, weswegen er als junger Mensch in Leipzig eine Krise hatte, die lebenslang nachgewirkt hat; was mit tiefenpsychologisch geschulter Optik sowohl an seinem Leben als auch an seinem Werk abgelesen werden kann.

Wie ein Mensch im Leben zurechtkommt, hängt stark vom Einfluss ab, der von anderen Menschen ausgeht, insbesondere natürlich von den Eltern. Es entsprach den Wünschen des Vaters, dass der junge Goethe in Leipzig Jurisprudenz studiert hat, und nicht in Göttingen Altertumswissenschaft, wie er selbst gewollt hätte. Der alte Goethe schreibt darüber: Es ist ein frommer Wunsch aller Väter, das was ihnen selbst abgegangen, an den Söhnen realisiert zu sehen, so ungefähr als wenn man zum zweitenmal lebte und die Erfahrungen des ersten Lebenslaufes nun erst recht nutzen wollte. Kurz darauf behauptet er: Meinem Vater war sein eigener Lebensgang bis dahin ziemlich nach Wunsch gelungen; ich sollte denselben Weg gehen, aber bequemer und weiter. Obwohl er offen lässt, was dem Vater abgegangen war, widerspricht das der an anderer Stelle zu findenden Aussage, dass dem Vater [...] sein eigener Lebensgang bis dahin ziemlich nach Wunsch gelungen war. Und wer sich mit Vater Goethes Lebensweg beschäftigt, hat auch keineswegs den Eindruck, dass ihm der ziemlich nach Wunsch gelungen war. Die Zwiespältigkeit in den Äußerungen über den Vater findet sich allenthalben. Offensichtlich hat Goethe dem Vater vorgeworfen, dass dieser ihn nicht seinen eigenen Weg hat gehen lassen. Folglich kam es immer wieder zu Abweichungen, Aufsässigkeiten oder sogar kleineren und größeren Rebellionen. Deren größte war Goethes Abgang nach Weimar. Eine etwas kleinere lag in dem Umstand, dass er in Leipzig nicht nur Student sein wollte, sondern auch Dichter.

Solche Rebellionen gegen ein bewundertes, aber zugleich konkurrent nachgeahmtes und bekämpftes Vorbild haben unausweichlich seelische 'Kosten' zur Folge. 'Bezahlt' hat der Sohn seinen Ungehorsam zumindest auf zweierlei Weise: Zum einen hatte er oft nicht immer bewusste, ihn aber ständig belastende Schuldgefühle, wenn er von den Verfügungen des Vaters abwich. Zum anderen blieb er lebenslang dem väterlichen Vorbild in konkurrenter Weise verhaftet, denn sein Interesse an klassischer Bildung, an Sprachen, Italien, am Zeichnen, an Malerei, bildender Kunst und sogar für Jura, die Sammelleidenschaft und Ordnungsliebe, die Lust, sich zu verkleiden, die Idee für einen Roman mit fiktivem Briefpartner sowie seine Vorstellungen von den 'richtigen' Beziehungen zwischen Mann und Frau hat er vom Vater übernommen. Zwar hat der Sohn den Vater auf fast allen diesen Gebieten übertroffen - und das oft sehr weit - doch steckte hinter seinem Ehrgeiz, gleichgültig, auf welchen Gebieten, letztlich die in frühem Kindesalter vom Vater übernommene Antwort auf die Frage, die sich ihm durch das Verhalten der Mutter gestellt hatte: 'Was macht liebenswert?' Die kindlich-naive Antwort, die der kleine Goethe aufgrund seiner Beobachtungen in der Herkunftsfamilie auf diese Frage gab, aber auch später nicht korrigierte, lautete: Bildung und Wissen. Und das, was dem jungen Goethe in Leipzig widerfahren ist, beruht nicht zuletzt darauf, dass diese Antwort sich als falsch erwies. Vater Goethe wurde nicht seiner Bildung wegen geliebt. Er wurde respektiert, vielleicht auch gefürchtet, aber kaum geliebt. Und die Art und Weise, in der sich der junge Goethe aufgrund der aus dem Bildungsstreben resultierenden Vorstellungen um Frauen bemüht hat, war ungeeignet, diese von seiner Brauchbarkeit als Liebhaber oder Ehemann zu überzeugen.

Gemeinhin wird angenommen, dass Goethes erste Liebe mit dem Sommer zusammenhängt, den er 1772 in Wetzlar verbracht hat. Zumindest liegen die Personen und Örtlichkeiten, die er dort kennengelernt hat, dem Szenario des "Werther"-Romans zugrunde, den wahrscheinlich mehr Menschen kennen als Goethes Biographie. Aber auch in diesem Punkt hat Goethe die eher hässliche Wahrheit dichterischer Schönheit geopfert. Zwar dürfte Charlotte Buff das wichtigste Modell für Werthers Lotte gewesen sein, was Äußerlichkeiten, die Lebensumstände und das Umfeld betrifft, doch die Gefühle, die Werther für Lotte hegt, entsprechen nicht den Gefühlen, die Goethe für Charlotte Buff empfand. Der gefühls- und erlebnismäßige Hintergrund für den "Werther"-Roman beruht auf Ereignissen, die zwischen 1766 und 1769 in Leipzig stattgefunden haben, deren weibliche Protagonistin Käthchen Schönkopf hieß.

2. Goethes Briefe aus Leipzig

2.1 Briefe an Schwester und Freunde

Bei seiner Ankunft in Leipzig am 3. Oktober 1765 war der 16-jährige Goethe in Hochstimmung und scheint sich in der neuen Umgebung zunächst auch gut behauptet zu haben. Am 12.10. schrieb er an die Schwester: Liebes Schwestergen,

Es wäre unbillig wenn ich nicht auch an dich dencken wollte. id est es wäre die größte Ungerechtigkeit die jemahls ein Student, seit der Zeit da Adams Kinder auf Universität gehen, begangen hätte; wenn ich an dich zu schreiben unterließe.

Was würde der König von Holland sagen, wenn er mich in dieser Positur sehen sollte? Rief Herr von Bramarbas aus. Und ich hätte fast Lust auszurufen: Was würdest du sagen Schwestergen; wenn du mich, in meiner jetzigen Stube sehen solltest? Du würdest astonishd ausrufen: So ordentlich! so ordentlich Bruder! -da! - thue die Augen auf, und sieh. - Hier steht mein Bett! da meine Bücher! dort ein Tisch aufgeputzt wie deine Toilette nimmermehr seyn kann. Und dann - Aber -ja das ist was anders. Eben besinne ich mich. Ihr andern kleinen Mädgen könnt nicht so weit sehen, wie wir Poeten. Du must mir also glauben daß bey mir alles recht ordentl. aussiehet, und zwar auf Dichter Parole. Genug! Hier schick ich dir eine Meße. - Ich bedancke mich schön! - Gehorsamer Diener, sie sprechen davon nicht. - Küße Schmitelgen und Runckelgen von meinetwegen. Die lieben Kinder! denen 3 Madles von Stocküm mache das schönste Compliment von mir. Jfr Rincklef magst du gleichfalls grüßen. Sollte Mademoisel Brevillier dich wieder kennen? So weit von Mädgen. Aber noch eins. Hier habe ich die Ehre keines zu kennen dem Himmel seye Danck! Cane pejus et angue turpius.

Mit jungen schönen W— doch was geht das dich an. Fort! fort! fort! Gnug von Mädgen.

Denck eine Geschichte vom Hencker.! - Ha! Ha! Ha! - lache! - Herr Claus hat mir einen Brief an einen hiesigen Kaufmann mitgegeben! - Ich ging hin es zu bestellen. Ich fand den Mann und sein ganzes Haus ganz sittsam! - schwarz und weiß. die Weibs leute mit Stirnläppgen! so seitwärts schielerlich. Ach Schwestergen ich hätte bersten mögen. Einige Worte in sanfter und demühtiger Stille gesprochen, fertigten mich ab. Ich ging zum Tempel hinaus. Leb wohl.

Abgesehen von der übermütigen Ausgelassenheit interessiert uns an dem Brief vor allem zweierlei: Zum einen, dass er sich sowohl als Student wie als Dichter bezeichnet, zum zweiten, dass er - noch - kein Mädchen kennt, aber nach Mädchen Ausschau hält.

In einem Brief an Johann Jacob Riese vom 20.10. 1765 herrscht derselbe ausgelassene Ton vor:

Leipzig den 20 Ocbtr 1765

Morgends um 6.

Riese, guten Tag!

d. 21. Abends um 5.

Riese, guten Abend!

Gestern hatte ich mich kaum hingesezt um euch eine Stunde zu wiedmen, Als schnell ein Brief vom Horn kam und mich von meinem angefangenen Blate hinweg riß. Heute werde ich auch nicht länger bey euch bleiben. Ich geh in die Commöedie. Wir haben sie recht schön hier. Aber dennoch! Ich binn unschlüßig! Soll ich bey euch bleiben? Soll ich in die Commödie gehn? Ich weiß nicht! Geschwind! Ich will würfeln! Ja ich habe keine Würfel! Ich gehe! Lebt wohl! -

Doch halte! nein! jch will da bleiben. Morgen kann ich wieder nicht da muß ich ins Colleg, und besuchen und Abends zu Gaste. Da will ich also jetzt schreiben. Meldet mir was ihr für ein Leben lebt? Ob ihr manchmahl an mich denckt. Was ihr für Professor habt. & cetera und zwar ein langes & cetera.

Ich lebe hier, wie - wie - ich weiß selbst nicht recht wie. Doch so ohngefähr

So wie ein Vogel der auf einem Ast

Im schönsten Wald, sich, Freiheit ahtmend, wiegt,

Der ungestört die sanfte Lust genießt,

Mit seinen Fittigen von Baum zu Baum,

Von Busch auf Busch sich singend hinzuschwingen

Genug stellt euch ein Vögelein, auf einem grünen Aestelein in allen seinen Freuden für, so leb ich. [...] Ich mache hier große Figur! - Aber noch zur Zeit bin ich kein Stutzer. Ich werd es auch nicht. - Ich brauche Kunst um fleißig zu sein. In Gesellschaften, Concert, Comoedie, bey Gastereyen, Abendessen, Spazierfahrten so viel es um diese Zeit angehet. Ha! das geht köstlich. Aber auch köstlich, kostspielig. Zum Hencker das fühlt mein Beutel. Halt! rettet! haltet auf! Siehst du sie nicht mehr fliegen? Da marschierten 2 Louisdor. Helft! da ging eine. Himel! schon wieder ein paar. Groschen die sind hier, wie Kreutzer bey euch draußen im Reiche. - Aber dennoch kann hie einer sehr wohlfeil leben. [...]

Das klingt recht unbeschwert. Doch die Freude über die neugewonnene Freiheit scheint bald verflogen zu sein. Ein Sechzehnjähriger, der erstmals für längere Zeit von zuhause fort ist, hat natürlich Probleme mit dem Alleinsein, mit der ungewohnten Umgebung und dem anderen Menschenschlag. Und die Formulierung: Ich mache hier große Figur! beruhte auf einem Mißverständnis, wie wir gleich aus "Dichtung und Wahrheit" erfahren werden, wo es um das Thema Kleidung geht. Es war wohl eher so, dass sich die Leipziger köstlich über den seltsam gekleideten Vogel aus Frankfurt und seinen Dialekt amüsiert haben. Auch in dem gerade zitierten Brief gibt es Anzeichen dafür, daß sich der Schreiber einsam fühlte. Heute werde ich nicht länger bey euch bleiben, heißt es z.B., und im folgenden, 10 Tage später datierten Brief, schreibt er noch deutlicher: Die Versicherung daß ihr mich liebt, und daß euch meine Entfernung leid ist, würde mir mehr Zufriedenheit erweckt haben; wenn sie nicht in einem so fremden Tone geschrieben wäre. Sie! Sie! das lautet meinen Ohren so unerträglich, zumahl von meinen liebsten Freunden, daß ich es nicht sagen kann.

Beide Formulierungen lassen erkennen, dass er über das Briefeschreiben versucht hat, sich die ihm fehlende Geselligkeit mit den alten Freunden in der Heimat zu ersetzen. Im übrigen verwendet er des öfteren "du" und "Sie" durcheinander, so z.B. in den Briefen an seinen Freund Behrisch.

Die Probleme, die er als junger Mensch in Leipzig gehabt hat, schildert Goethe auch in "Dichtung und Wahrheit", und trotz des langen zeitlichen Abstandes werden diejenigen Empfindungen deutlich, die er damals gehegt hat, sofern sie nicht seiner Zensur anheimfallen. Zum Teil handelt es sich um Folgen des väterlichen Einflusses und der väterlichen Erziehung, die in Leipzig nachwirken. So stellt der junge Mann z.B. an der Universität - neben anderen Mängeln dieser Einrichtung - fest, dass ihm weder philosophische noch juristische Kollegien viel zu bieten haben, [...] denn ich wußte gerade schon so viel, als uns der Lehrer zu überliefern für gut fand. Der wohlmeinende Vater hatte ihn bereits alles gelehrt. Mein erst hartnäckiger Fleiß im Nachschreiben wurde nach und nach gelähmt, indem ich es höchst langweilig fand, dasjenige nochmals aufzuzeichnen, was ich bei meinem Vater [...] oft genug wiederholt hatte, um es für immer im Gedächtnis zu behalten.

Noch verheerender wirken sich die Folgen einer anderen Eigenheit des Vaters aus: Mein Vater, dem nichts so sehr verhaßt war, als wenn etwas vergeblich geschah, wenn jemand seine Zeit nicht zu brauchen wußte, oder sie zu benutzen keine Gelegenheit fand, trieb seine Ökonomie mit Zeit und Kräften so weit, daß ihm nichts mehr Vergnügen machte, als zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er hatte deswegen niemals einen Bedienten, der nicht im Hause zu noch etwas nützlich gewesen wäre. Da er nun von jeher alles mit eigener Hand schrieb und später die Bequemlichkeit hatte, jenem jungen Hausgenossen in die Feder zu diktieren, so fand er am vorteilhaftesten, Schneider zu Bedienten zu haben, welche die Stunden gut anwenden mußten, indem sie nicht nur ihre Livreien, sondern auch die Kleider für Vater und Kinder zu fertigen, nicht weniger alles Flickwerk zu besorgen hatten. Mein Vater war selbst um die besten Tücher und Zeuge bemüht [...] so daß wir, dem Stoff nach, uns wohl hätten dürfen sehen lassen; aber die Form verdarb meist alles: denn wenn ein solcher Hausschneider allenfalls ein guter Geselle gewesen wäre, um einen meisterhaft zugeschnittenen Rock wohl zu nähen und zu fertigen, so sollte er nun auch das Kleid selbst zuschneiden, und dieses geriet nicht immer zum besten. Hiezu kam noch, daß mein Vater alles, was zu seinem Anzuge gehörte, sehr gut und reinlich hielt und viele Jahre mehr bewahrte als benutzte, daher eine Vorliebe für gewissen alten Zuschnitt und Verzierungen trug, wodurch unser Putz mitunter ein wunderliches Aussehen bekam. [...] Ich, diese Art von Aufzug schon gewohnt, hielt mich für geputzt genug; allein es währte nicht lange, so überzeugten mich meine Freundinnen, erst durch leichte Neckereien, dann durch vernünftige Vorstellungen, daß ich wie aus einer fremden Welt hereingeschneit aussehe. Soviel Verdruß ich auch hierüber empfand, sah ich doch anfangs nicht, wie ich mir helfen sollte [...]

Erst als der junge Mann im Theater mitansah, wie eine ähnlich gekleidete Figur auf der Bühne herzlich belacht wurde, tauschte er seine sämtliche Garderobe gegen eine neumodische dem Orte gemäße aus, wodurch sie aber freilich sehr zusammenschrumpfte.

Wenn er also im ersten Brief an Riese schrieb: Ich mache hier große Figur! so erscheint das nun in einem etwas anderen Licht. Aufgrund seiner Frankfurter Erfahrungen nahm der junge Goethe Interesse an seiner Person zunächst ganz naiv und selbstverständlich als positives Interesse wahr. Erst infolge der Hinweise von Freundinnen wurde ihm allmählich klar, dass die Leute sich über sein Aussehen lustig machten. Man kann sich denken, wie kränkend und verunsichernd diese Erfahrung war. Und der Punkt 'Aussehen' hat nachhaltige Folgen, denn nach Aussagen von Zeitgenossen hatte Goethe - nach dem Garderobenwechsel - sogar einiges von einem Stutzer, neigte also dazu, sich besonders modebewusst und auffällig zu kleiden, womit er zwar auf die Kleiderordnung der Leipziger einging, sie aber zugleich herausforderte.

Nach dieser überstandenen Prüfung sollte abermals eine neue eintreten, welche mir weit unangenehmer auffiel, weil sie eine Sache betraf, die man nicht so leicht ablegt und umtauscht.

Denn ein weiteres, noch viel ernsteres Problem hing ebenfalls mit seiner Herkunft zusammen, nur ließ es sich nicht dem Vater anlasten. Auch mit seinem oberdeutschen Dialekt und seiner ganzen Art, sich zu geben und Konversation zu treiben, erregte Goethe in der Leipziger Gesellschaft Anstoß, mit dem Ergebnis, dass er sich im Innersten paralysiert fühlte und kaum mehr wusste, wie er sich über die gemeinsten Dinge zu äußern hatte. [...] Daneben hörte ich, man solle reden wie man schreibt und schreiben wie man spricht, da mir Reden und Schreiben ein für allemal zweierlei Dinge schienen, von denen jedes wohl seine eigenen Rechte behaupten möchte.

Eine sicher leicht nachzuvollziehende Folge der Nichtakzeptanz seines Gebarens, seiner Sprache und seines Aussehens war eine starke Verunsicherung, der er zwar durch Abwertung "der Leipziger" entgegenzuwirken suchte, die ihn aber trotzdem - zumindest zeitweilig - in Vereinsamung und melancholische Verstimmung trieb, aus der er sich durch Arbeit an dichterischen Versuchen und durch Briefeschreiben zu befreien suchte. Das Ergebnis war eine stimmungsmäßige Berg- und Talfahrt, und sein Selbstwertgefühl schwankte zwischen arroganter Überhebung und totaler Niedergeschlagenheit. In einem Brief an die Schwester vom Ende März 1766 heißt es beispielsweise:

erster Osterabend. 1766. [30. März.]

Liebe Schwester

It is ten a clok:

Thus may we see, how the world wags:

'T'is but an hour ago since it was nine;

And after an hour 'twill be eleven;

And so from hour to hour we ripe and ripe,

And then from hour to hour we rot and rot.

Bin ich nicht ein einzigartiger Mensch!? Ich habe dir schreiben wollen, daß es zehn Uhr ist; aber da kommen mir Verse von Shakespeare in den Sinn, und ich bringe sie zu Papier. [...]

Im Mai desselben Jahres reimte er in offenbar ganz anderer Stimmung ein Gedicht über 'mangelndes Selbstvertrauen', das er Johann Georg Schlosser - seinem zukünftigen Schwager - widmete:

A song

over

The Unconfidence towards my self. To Dr. Schlosser.

Thou knowst how heappily they Freind

Walks upon florid Ways;

Thou knowst how heavens bounteous hand

Leads him to golden days.

But hah! a cruel ennemy

Destroies all that Bless;

In Moments of Melancholy

Flies all my Happiness.

Then fogs of doubt do fill my mind

With deep obscurity;

I search my self and cannot find

A spark of Worth in me.

When tender freinds, to tender kiss,

Run up with open arms;

I think I merit not that bliss,

That like a kiss me warmeth.

Hah! when my child, I love thee, sayd,

And gave the kiss I sought;

Then I - forgive me tender maid -

She is a false one, thought.

She cannot love a peevish boy,

She with her godlike face.

O could I, freind, that t[h]ought destroy

It leads the golden days.

An other t[h]ought is misfortune,

Is death and night to me:

I hum no supportable tune,

I can no poet be.

When to the Altar of the Nine

A triste incense I bring;

I beg let Poetry be mine

O Sistres let me sing.

But when they then my prayer not hear,

I break my whispring lire;

Then from my eyes runns down a tear,

Extinguish th' incensed fire.

Then curse I, Freind, the fated sky,

And from th' altar I fly;

And to my Freinds aloud I cry,

Be happier then I.

Are they not beautifull sister? Ho yes! Ohne Zweifel. [...]

Deutlich gibt das Gedicht das stimmungsmäßige Auf und Ab wieder, dem der junge Goethe unterlag. Als Ursache nennt er Selbstzweifel: I search my self, and cannot find/A spark of Worth in me. Doch die Ursachen des Selbstzweifels bleiben ungenannt. Aber sie gingen so weit, dass er sogar Liebesbezeugungen infragestellte, Falschheit witterte, weswegen auch sie die Zweifel nicht mindern konnten: Then I [thought]/She is a false one. [Wer diese "She" war, wird gleich klar.] Das einzig wirksame Gegenmittel war die Dichtkunst. Infolgedessen galt ihm als schlimmste aller Ängste die, auch als Dichter zu versagen. Schließlich sehen wir an dem Nachsatz - Are they not beautifull sister? Ho yes! Ohne Zweifel. - dass die Verse, weil sie ihm gelungen schienen, die Melancholie und Selbstunsicherheit, von der sie handeln, überwinden halfen. Ganz so, als ob er sich wie Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zöge.

Doch ist die zeitweilige Verunsicherung auch in diesem Bereich in Leipzig so weit gegangen, dass er aus Frankfurt mitgebrachte alte Arbeiten und neue Entwürfe größtenteils vernichtet hat:

Ich hatte von meinen Jugendarbeiten was ich für das Beste hielt, mitgenommen, teils weil ich mir denn doch einige Ehre dadurch zu verschaffen hoffte, teils um meine Fortschritte desto sicherer prüfen zu können; aber ich befand mich in dem schlimmen Falle, in den man gesetzt ist, wenn eine vollkommene Sinnesänderung verlangt wird, eine Entsagung alles dessen, was man bisher geliebt und für gut befunden hat. Nach einiger Zeit und nach manchem Kampfe warf ich jedoch eine so große Verachtung auf meine begonnenen und geendigten Arbeiten, daß ich eines Tages Poesie und Prose, Plane, Skizzen und Entwürfe sämtlich zugleich auf dem Küchenherd verbrannte.

Die näheren Umstände dieser Krise schilderte er der Schwester ungefähr ein Jahr nach seiner Ankunft in Leipzig, nachdem er sich bereits wieder erholt zu haben scheint: