Goldener September - Yasmin Pistone Nascone - E-Book

Goldener September E-Book

Yasmin Pistone Nascone

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Beschreibung

Yasmin ist 4 Jahre alt, als sie die einzige Heimat verlassen muss, die sie kennt, und mit ihrer Familie von Deutschland in den Iran zieht. Ihr Vater hat ein dunkles Geheimnis, das zur Scheidung ihrer Eltern führt und Yasmin ihrer Kindheit beraubt. Es dauert 9 Jahre, bis es ihrer Mutter gelingt, mit Yasmin und ihrem Bruder zu fliehen. Das neue Leben in Deutschland ist voller Herausforderungen. Der Familie wird nicht erlaubt, an Yasmins Geburtsort zurückzukehren. So fangen sie noch einmal ganz neu an, in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen. Yasmin erlebt, dass sie nicht bei allen willkommen ist. Doch sie erkämpft sich ihren Platz an der Schule, findet Freunde und nach ihrem Abschluss einen Ausbildungsplatz. Als sie die Liebe ihres Lebens kennenlernt, scheint ihr Glück perfekt. Doch schon bald ziehen dunkle Wolken am Himmel auf und es beginnt ein Kampf um ihre Aufenthaltserlaubnis... Dies ist die packende und schonungslos ehrliche Autobiografie einer starken Frau, die sich nie hat unterkriegen lassen. Denn hinter jeder starken Frau steht ein Leben, das ihr keine Wahl gelassen hat. Yasmin inspiriert, nie den Mut zu verlieren und zeigt, wie Integration trotz Widrigkeiten gelingen kann.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Epilog

Prolog

September 1998, Iran/TeheranIch stand an der Balkontür und sah mir die riesigen Bäume an. So groß und so dicht, dass ich den Himmel nicht mehr sehen konnte. Es war ein heißer Nachmittag. Die Blätter fingen an, ihre Farben von Grün in Gelb, Orange und Rot zu verändern. Total bunt und wunderschön. Der Herbst kam. Ich konnte es riechen.

Ich war 11 Jahre alt und fragte mich: Wenn der liebe Gott in der Lage ist, die Farben der Blätter zu ändern, warum hört er meine Gebete nicht und lässt uns nicht unsere Mama wiedersehen?

Vor wenigen Tagen hatte meine Mama mich und meinen drei Jahre jüngeren Bruder Milad mit ein paar Kleidungsstücken und unseren Zahnbürsten vor der Tür meiner Oma abgesetzt, hatte geklingelt und war fortgegangen.

Sie hatte einfach keinen anderen Ausweg gesehen, um meinen Vater ausfindig zu machen. Wieder einmal war er einfach spurlos verschwunden. Als sie von uns fortging, weinte sie. Sie schaute zurück und blieb an der Ecke stehen, um sicherzugehen, dass wir auch reingelassen wurden.

Momente, die sich tief in Herzen graben. Eine Narbe, die nie wieder heilen wird, denn wir wussten nicht, was mit uns geschehen würde. Wie lange wir dortbleiben müssten und wann wir unsere Mama wiedersehen könnten. Zwei kleine Kinder in völliger Ungewissheit und Unsicherheit. Eine Erinnerung, die meine Augen heute noch feucht werden lässt.

Meine Oma öffnete die Tür und nahm uns freundlich auf. Sie tat so, als sei gerade das Normalste der Welt passiert. Sie sagte nur: „Kommt rein, Kinder, alles wird gut.“

Für uns war nichts gut. Für uns war es der Weltuntergang.

1

Meine Eltern heirateten im September 1983 in Teheran in dem wunderschönen Garten meiner Großeltern. Kurz darauf wurde meiner Mutter schwanger.

Im Iran herrschte bereits seit einigen Jahren Krieg – der Erste Golfkrieg zwischen dem Iran und Irak. Als er 1980 begonnen hatte, fanden nur Gefechte an der Grenze statt. Aber inzwischen rückte der Krieg immer näher. Da mein Vater aus einer wohlhabenden Familie stammte, konnte er sich vom Dienst in der Armee freikaufen. Außerdem galt er seit dem Tod seines Vaters, der früh verstorben war, als der große Sohn, der die Rolle des Familienoberhauptes übernehmen musste. So konnten meine Eltern trotz des Krieges zusammen sein.

Die Menschen blieben, wenn möglich, in den Häusern und verließen sie nur, wenn sie es unbedingt mussten. Wenn in der Stadt der Alarm losging, wurde der Strom ausgeschaltet und alle mussten sich in die Keller begeben. Aufgrund der angespannten Lage und der ständigen Angst erlitt meine Mutter eine Fehlgeburt und verlor ihr erstes Baby.

Im September 1986 entschieden sich meine Eltern, gemeinsam mit meinem Onkel (dem Bruder meines Vaters) und seiner Frau nach Deutschland auszuwandern. Meine Mutter war wieder schwanger und befürchtete, ein weiteres Kind zu verlieren, wenn sie blieben. Zu dieser Zeit waren bereits viele Menschen aus dem Iran geflüchtet und man hörte, dass Deutschland viele von ihnen aufnahm. So machten sie sich zu viert auf die lange Reise. Über die Türkei, wo sie einen Monat bleiben mussten, um sich Visa zu besorgen, flogen sie nach Rumänien. Dort stiegen sie in einen Bus, der sie schließlich nach Deutschland brachte.

Zunächst kamen sie für drei Wochen in ein Flüchtlingsheim in Berlin. Dann verteilte man sie auf unterschiedliche Städte: Meine Eltern schickte man nach Euskirchen, meinen Onkel und seine Frau nach Aachen. Da sie als Kriegsflüchtlinge galten, bekamen sie von den deutschen Behörden alles zur Verfügung gestellt, was man sich vorstellen kann: eine Wohnung inklusive kompletter Ausstattung, ein Auto, Geld, Hilfe bei der Arbeitssuche, einfach alles. Aufgrund ihres Herkunftslandes erhielten sie auch sofort einen deutschen Pass. Davon träumten zu jener Zeit viele Iraner.

***

Im März 1987 kam ich in Euskirchen zur Welt und drei Jahre später im April 1990 mein Bruder Milad. Mein Vater hatte sich einen Sohn gewünscht und somit ging sein Wunsch in Erfüllung. Unsere Namen durfte unsere Mutter aussuchen, denn er sagte: „Die Frau trägt neun Monate lang das Kind und bringt es zur Welt, also darf sie als Mutter auch die Namen vergeben!“

Bereits bei meiner Geburt wurde uns vom Sozialamt alles zur Verfügung gestellt, was man als frischgebackene Familie benötigte: ein Kinderwagen, ein Babybett und sogar Windeln für die erste Zeit. Alles schien perfekt und was wünschte man sich mehr. Mein Vater besuchte einen sechsmonatigen Sprachkurs und begann danach eine Ausbildung als Schweißer.

Mit uns waren viele weitere Familien aus dem Iran nach Deutschland gekommen und meine Familie freundete sich mit etlichen von ihnen an. Mit ca. 3 Jahren kam ich in den Kindergarten und lernte dort auch meine ersten deutschen Wörter, da wir zu Hause nur Persisch sprachen.

***

Aber mein Vater war nicht glücklich. Er fühlte sich nicht integriert und nicht heimisch. Er zog sich immer mehr zurück und fand keinen Anschluss. Die Ausbildung zum Schweißer brach er ab. Mein Vater war zu stolz, zu stolz darauf, „Perser“ zu sein. Er vermisste seine Mama und die Heimat, das Essen und seine Freunde.

Dann platzte eines Tages die Bombe. „Wir gehen zurück in den Iran“, verkündete er. Wir waren fassungslos. Warum? Von unserem Leben träumte doch jeder im Iran. Hier in Deutschland gab es Arbeit, Freiheit, Lebensmittelgeschäfte mit prall gefüllten Regalen – alles. Aber der Entschluss meines Vaters stand fest. Kein Wenn und Aber. Keine Diskussionen. „Wir gehen zurück. PUNKT.“

Alles brach zusammen. Wir hatten einfach alles und gaben alles wieder auf. Mit zwei kleinen Kindern blieb meiner Mama nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Also packten wir das Nötigste, gaben alles auf, nahmen Abschied und kehrten im September 1991 in die Heimat zurück.

***

Ich kann mich noch an den Moment im September 1991 erinnern, als wir ins Haus unserer Oma, der Mutter meines Vaters, kamen. Für uns Kinder war alles neu und aufregend. Alle waren da, um uns zu begrüßen und willkommen zu heißen. Wir lernten unsere Tanten und Onkel kennen, sahen unsere Cousinen und Cousins zum ersten Mal. Alle sprachen unsere Sprache.

Ich ging dann zusammen mit meiner Cousine, die mit ihrer Familie auch in dem Haus lebte, in den Kindergarten. Sie besaß viele schöne Kleider und meine Tante nähte mir eines ihrer schönsten Kleider nach. Somit hatten wir das gleiche Kleid, nur in einer anderen Farbe. Das war so schön und ich bin froh, dass ich noch immer ein Foto besitze, auf dem wir beide glücklich mit unseren schönen Kleidern zu sehen sind.

Oft durfte ich auch bei meiner Cousine übernachten. Bei ihr war es immer wie in einem Kinderparadies. Sie hatte so viele Barbies und so viele schöne Klamotten. Ich war so gern bei ihr. Nachts standen wir immer heimlich auf, schalteten die Alarmanlage aus und nahmen uns Eisbecher aus dem Gefrierschrank. Kichernd tauten wir sie ein paar Sekunden in der Mikrowelle auf, aßen das leicht geschmolzene Eis und gingen dann wieder ins Bett.

Meine Tante fuhr, solange ich mich erinnern kann, einen SUV. Meine Cousine und ich kletterten immer hinten in den großen Kofferraum und tanzten für die Leute, die hinter uns fuhren. Ich bekam Ohrlöcher gestochen und freute mich sehr über meine neuen Ohrstecker. Das sind die wenigen schönen Erinnerungen, die ich noch an meine Kindheit besitze.

2

Meine Mama erzählte mir einmal, als ich schon erwachsen war, dass sie bereits in der Hochzeitsnacht wieder zu ihren Eltern zurückwollte.

Sie war gerade erst 19 Jahre alt. Mein Vater war sechs Jahre älter. Doch da alle um sie herum heirateten, dachte sie, sie müsste es auch tun. Sie wollte so gerne Prinzessin spielen, aber in dieser Nacht wurde ihr bewusst, dass sie nun verheiratet war und es keinen Weg zurück gab.

Schnell merkte sie, dass mit meinem Vater irgendetwas nicht stimmte, und wollte sich scheiden lassen. Sie sprach ihre Eltern darauf an, aber was sollten sie schon sagen? Eine Scheidung? Im Iran? Direkt nach der Hochzeit? Und dann auch noch auf Wunsch der Frau? So eine Schande! Das würde nur Gerede geben. Also sagten sie: „Mädchen, geh zurück zu deinem Mann und lebe damit. Du wolltest heiraten.“

Also fand sie sich damit ab und hoffte auf ein Kind, das ihr das Leben leichter machen und eine Aufgabe schenken würde. Sie war so froh, als ich geboren wurde, wollte jedoch eigentlich danach keine Kinder mehr. Doch auch da stieß sie bei ihren Eltern auf taube Ohren: „Das geht nicht“, hieß es, „du musst deinem Mann und der Familie einen Sohn schenken.“

3

Nachdem wir ein Jahr bei meiner Oma gelebt hatten, wurde ihr der ganze Trubel mit zwei kleinen Kindern allmählich zu viel. Sie machte meiner Mama das Leben auch nicht gerade leicht. So schaltete sie z. B. immer wieder den Strom aus, wenn meine Mama staubsaugen wollte. Es war ihr zu laut. Mama dachte sich natürlich nie etwas dabei, wartete, bis der Strom wieder da war, und wunderte sich, warum es immer passierte, wenn sie saugen wollte.

Als sie schließlich dahinterkam und mit meinem Vater darüber sprach, glaubte er ihr kein Wort. Er sagte nur: „Ach, du kannst meine Mutter einfach nicht leiden.“ Er war glücklich, wieder in seiner Heimat zu sein, und war ständig unterwegs.

Hilfe erhielt meine Mutter von ihrer Schwägerin, die eine Etage über uns wohnte. Durch ihre Vermittlung fanden meine Eltern eine Wohnung, die nicht allzu weit entfernt war, sodass wir weiterhin Kontakt zu allen Verwandten haben konnten. Mamas Schwägerin übernahm die Kaution und auch die ersten paar Monatsmieten, da mein Vater sich gerade mit einem Möbelgeschäft selbstständig gemacht hatte.

Unsere erste eigene Wohnung war klein, aber gemütlich. Hier hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, nun richtig im Iran zu leben und nicht mehr nur „zu Gast“ zu sein. Wir hatten nur ein Schlafzimmer, in dem wir alle gemeinsam schliefen, und es gab einen Kamin. Ich erinnere mich daran, wie wir Kinder einmal mit meiner Mutter zusammen vor dem Kamin lagen. Mein Bruder hatte zu derZeit noch einen Schnuller. Unsere Mutter legte ihn an den Rand des Kamins und ließ ihn dann unauffällig verschwinden. Als Milad später danach fragte, erklärte sie ihm, das Feuer habe seinen Schnuller mitgenommen. Ab da war er dann schnullerfrei.

Wie alle Kinder im Iran wurde ich mit 7 Jahren eingeschult. Immer bewusster bekam ich mit, dass meine Eltern sich ständig stritten. Sie schrien sich an und mein Vater wurde auch ab und zu handgreiflich. Anschließend verschwand er dann immer für mehrere Tage.

***

Meine Mama versuchte immer, für uns alles schön zu machen. Wir picknickten zu dritt in Parks, fuhren ans Meer, gingen spazieren, besuchten Freunde und Familie (in erster Linie die meiner Mutter), schlenderten durch Geschäfte und über Basare, als wäre die Welt in Ordnung. Wenn wir nicht zu dritt unterwegs waren, war oft meine Tante, die Schwester meiner Mutter, mit meiner Cousine dabei.

Mamas Augen konnten aber nicht lügen, sie sahen immer traurig aus, auch wenn sie uns zuliebe lächelte. Viele konnte sie zwar mit ihrer glücklichen Fassade täuschen, auch meinen Bruder. Doch ich mit meinen gerade mal 7 Jahren erkannte die Traurigkeit in ihren Augen.

***

Nach zwei Jahren zogen wir wieder um, und zwar zurück in das Haus, in dem meine Oma und Tante bei unserer Rückkehr gelebt hatten. In der Zwischenzeit hatten sie ein neues Haus für sich gebaut und somit war eine Wohnung in dem alten Haus für uns frei.

Alles geschah spontan und auch nur, weil mein Vater auf einmal eine seiner Blitzideen hatte. Er sagte, wir bräuchten mehr Platz und würden dann wieder näher bei der Familie leben. Es sei besser für uns. Recht hatte er.

Es war ein sehr schönes und großes Haus. Wir hatten zwei Wohnzimmer– eins für jeden Tag und eins für besondere Anlässe. Bei uns zu Hause war immer alles blitzeblank. Mamas größtes Hobby war und ist nämlich das Putzen.

Milad und ich bekamen jeweils ein eigenes Zimmer, worüber wir uns sehr freuten. Ich hatte nun jede Menge Spielzeug und Barbies. Außerdem stand in meinem Zimmer ein riesiger Schreibtisch, wahrscheinlich ein Überbleibsel meines Onkels. Er war L-förmig und hatte an einer Seite eine große Tür. Diesen Raum baute ich zu meinem Barbie-Haus um und spielte jeden Tag stolz damit. Für mich war die Welt in Ordnung.

***

An den Wochenenden gingen wir als Familie oft gemeinsam zum Stöbern auf Antikmärkte. Meine Eltern kauften sich gern das ein oder andere schöne antike Stück für die Wohnung. Vordergründig war alles sehr harmonisch.

Meine Eltern benutzten immer das deutsche Wort für Eis, wenn einer der beiden vorschlug, mit uns Eisessen zu gehen, damit wir es nicht mitbekamen. Irgendwann verstanden wir es aber und sprangen dann direkt vor Freude auf und zogen uns an.

Aber der Schein trog. Leider hielt diese gute Phase nicht lange an. Schon bald stritten meine Eltern sich noch häufiger als vorher, immer heftiger, immer lauter. Ich wusste nicht, worüber. Wenn es ganz schlimm wurde, jagte Vater unsere Mama durch die ganze Wohnung. Ich versuchte immer, Milad in diesen Momenten abzulenken. Wir liefen in solchen Situationen schnell in unsere Zimmer und spielten. Es war schrecklich. Mama weinte danach immer viel und mein Vater war wieder verschwunden.

***

Inzwischen ging auch Milad in die Schule. Eines Tages bekam ich mit, wie mein Vater auf der Bettkante saß und weinte. Unser Nachbar, der ein guter Freund von ihm war, saß daneben. Ich versteckte mich hinter dem Türrahmen, um zu lauschen.

Mein Vater erzählte weinend, dass meine Mama die Scheidung wolle. „Sie möchte gehen“, sagte er. „Sie möchte uns verlassen. Sie liebt mich nicht mehr. Sie kann mich nicht mehr ertragen.“ Dann wurde er ruhiger und sagte in einem ernsten Ton, der mir einen Schauer über den Rücken jagte: „Aber sie wird es noch sehen. Ich werde dafür sorgen, dass sie die Kinder nie wiedersehen wird. Sie wird es noch richtig bereuen.“

Als ich das hörte, blieb mir fast das Herz stehen. Ich verstand gar nicht, was er damit meinte. Für mich waren meine Mama, mein Bruder und ich eine Einheit. Wir gehörten zusammen, untrennbar. Mein Vater war ja fast nie da. In meinem kindlichen Denken waren wir keine normale Familie zu viert. Wir waren immer zu dritt.

4

Ich verdrängte den Gedanken an das, was ich belauscht hatte. Doch bald schon wurde ich von der Realität eingeholt.

Ohne uns einzuweihen, hatten meine Eltern den Entschluss gefasst, sich scheiden zu lassen. Wie meine Mutter mir viele Jahre später erzählte, hatten sie eine Abmachung getroffen. Trotz der Scheidung würde sie weiterhin bei uns wohnen und für uns sorgen, damit wir keine Veränderung bemerkten und unsere Versorgung gewährleistet sei. In diesem Glauben ging sie mit meinem Vater zu dem Gerichtstermin. Mir hatte sie vorher erzählt, sie müssten dorthin, um einige Formulare auszufüllen.

Als sie anschließend wieder nach Hause kamen, wollte meine Mutter ihrer täglichen Arbeit nachgehen und anfangen zu kochen. Doch da sagte unser Vater auf einmal zu ihr: „Pack deine Sachen und geh.“

Schockiert fragte sie: „Was? Wohin? Wir haben doch eine Abmachung und ich muss jetzt für die Kinder kochen. Sie kommen doch gleich von der Schule!“

Er erwiderte: „Nein, ich habe mich umentschieden. Du musst weg sein, bevor die Kinder nach Hause kommen.“

Bestürzt und voller Angst gehorchte meine Mutter ihm. Sie wusste, dass sie als geschiedene Frau im Iran keinerlei Unterstützung vonseiten der Behörden zu erwarten hätte. Weinend packte sie zwei kleine Taschen. Mit kalter Stimme schob er hinterher: „Den Rest holst du noch heute Nachmittag, sonst bestelle ich einen Transporter und kippe alles vor die Haustür deiner Eltern.“ Sie versicherte ihm, alles holen zu kommen. Da ihr Vater herzkrank war, wollte sie ihm jede zusätzliche Belastung ersparen.

***

Als wir nach Hause kamen, war unsere Mama fort. Einfach so. Es gab keine Erklärung dazu. Unser Vater sagte einfach nur: „Eure Mama ist weg.“ Wir hatten Angst vor ihm und stellten keine Fragen. Es war der schlimmste Tag unseres bisherigen kurzen Lebens. Wie sollten wir ohne unsere Mama überleben? Wir weinten und weinten. Nachmittags kehrte sie mit einem kleinen Transporter zurück und holte ihre restlichen Sachen, um sie bei ihrer Schwester im Gästezimmer zwischenzulagern. Milad und ich hatten inzwischen so viel geweint, dass unsere Augen dick angeschwollen waren und wir kaum noch sprechen konnten. Doch sie konnte nicht bleiben, auch wenn es ihr das Herz zerriss.

Im Iran ist es üblich, dass die Kinder im Falle einer Scheidung dem Vater zugesprochen werden. Egal wie er ist, egal was die Gründe der Scheidung sind. Egal ob er ein Schläger oder sogar ein Mörder ist. Das spielt keine Rolle. Es gab also nichts, was wir hätten unternehmen können.

***

Mit gerade mal 9 Jahren war ich nun stellvertretend zur Mutter meines Bruders geworden. Mein Vater gab mir Geld und die Haustürschlüssel. Das war ein deutliches Signal – von nun an war ich auf mich allein gestellt.

Unsere Mutter besuchte uns heimlich in der Schule und brachte uns Pausenbrote. Die Lehrer wussten Bescheid, was bei uns los war, und wir durften sogar einige Minuten später in den Unterricht kommen, damit wir diese kostbare Zeit mit unserer Mama hatten.

Zu diesem Zeitpunkt war ich in der 4. Klasse. Bisher war ich eine der Besten gewesen, aber nun wurden meine Noten immer schlechter. Milad und ich litten unsäglich unter der Situation. Ich gab mein Bestes, um zu Hause den Haushalt einigermaßen am Laufen zu halten, aber wir sahen zunehmend ungepflegt und vernachlässigt aus. Mein Vater ebenso. Es war nun mal keine Frau mehr im Haus, die kochte, putzte und Wäsche wusch.

Ständig kamen wir zu spät zur Schule. Ich erinnere mich noch daran, dass mein Vater uns einmal hinbrachte, weil wir den Schulbus verpasst hatten. Er sah extrem ungepflegt aus und war sehr schlecht gelaunt. Wie er uns hastig an den Armen über die Straße zerrte, werde ich nie vergessen. Es war mir so peinlich, und als eine Freundin mich später fragte, wer dieser Mann gewesen sei, antwortete ich: „Unser Hausmeister.“ Wir wohnten nämlich in einer eher wohlhabenden Gegend, in der Geld keine große Rolle spielte. Man hatte es einfach. Dementsprechend war es nichts Besonderes, wenn man einen Gärtner, eine Hausdame oder einen Hausmeister hatte.

***

In der Schule trugen wir alle die gleichen Schuluniformen. Oft kam unser Vater nach dem Wochenende gar nicht oder nur kurz nach Hause. So mussten wir zu Beginn der neuen Schulwoche am Samstag (im Iran ist Freitag Ruhetag und man geht von Samstag bis Donnerstag zur Schule) morgens unsere Uniformen entweder dreckig wieder anziehen oder nass aus der Waschmaschine nehmen und so zur Schule gehen. Meine Lehrerin zog sie mir immer voller Mitgefühl aus und legte sie auf die Heizung zum Trocknen. So viel Mitleid konnte ich fast nicht ertragen. In der iranischen Kultur ist es sehr wichtig, das Gesicht zu wahren. Es war sehr schlimm für uns, dass für alle sichtbar war, wie es um unser Zuhause stand. Ich schämte mich abgrundtief.

Nach der Schule spielten wir den ganzen Tag draußen. Unsere Straße war eine Sackgasse und es lebten noch sechs weitere Kinder in unserer Nachbarschaft, mit denen wir uns gut verstanden. Sobald wir unsere Hausaufgaben erledigt hatten, trafen wir uns draußen und spielten, bis es dunkel wurde. Das machte die Zeit ohne Mama viel erträglicher.

***

Mama war wieder bei ihren Eltern eingezogen. Gelegentlich arbeitete sie bei einem Friseur. Was sie dort verdiente, gab sie meist für uns aus. Immer wieder kaufte sie uns Küken. Im Frühling kann man sie an jeder Ecke im Iran kaufen. Sie wurden sehr zutraulich und liefen uns überall hinterher. Wenn sie groß wurden, gaben wir sie jemandem, der Hühner hielt.

Ich weiß noch, wie Milad einmal losrannte und mein Küken ihm hinterherlief. Ich schrie meinem Bruder nach, er müsse auf mein Küken aufpassen. Da drehte er sich ruckartig um und zerquetschte dabei mein Küken. Für mich brach eine Welt zusammen. Mein Küken, das meine Mama mir gekauft hatte, war nicht mehr da. Ich weinte und schimpfte lange mit Milad.

Schließlich beerdigten wir Kinder mein Küken in dem Blumenbeet an unserer Straße. Dann rief ich, immer noch weinend, unsere Mama an. Sie war gerade auf der Arbeit, ließ aber alles stehen und liegen und brachte mir heimlich ein neues Küken. Das tröstete mich.

Ein anderes Mal hatte ich ein Küken, das nicht mehr fit war und nicht mehr herumlief. Ich baute ihm in meinem Schrank ein Bettchen und legte es dort hinein. In der Hoffnung, dass es ihm helfen würde, wieder gesund zu werden, löste ich eine Paracetamol-Tablette auf und flößte sie ihm ein. Tja, was passiert ist, kann man sich wohl denken. Wenn ich diese Geschichten heute erzähle, wird darüber geschmunzelt und gelacht. Doch für uns Kinder waren die Küken damals nicht einfach nur Küken, sondern Küken, die wir von unserer Mama geschenkt bekommen hatten. Alles, was von Mama kam, war uns heilig und wertvoll. So halfen uns die Küken sehr dabei, die Zeit ohne Mama zu ertragen oder besser gesagt zu „überleben“.

***

Milad hatte große Schulprobleme. Er war ständig unkonzentriert und die Lehrer berichteten meiner Mutter, er würde immer abwesend auf einen Punkt ins Leere starren. Dabei war er gerade mal 7 Jahre alt. Zudem waren seine Augen ständig entzündet. Er weinte so viel und das war natürlich Gift für seine entzündeten Augen. Unsere Mutter kümmerte sich darum, dass er eine Brille bekam, was die Situation etwas verbesserte.

Ich versuchte, weiterhin sehr gut in der Schule zu sein, aber es gelang mir einfach nicht mehr. Ich war ja die große Schwester, die sich um alles kümmern musste, aber letztlich doch völlig überfordert mit allem. Eines Tages konnte ich nicht mehr. Also setzte ich mich in den Linienbus und fuhr zu meiner Mama. Ich wollte einfach bei ihr sein. Ich wollte nicht mehr nach Hause zurück und das Elend mitmachen.

Am nächsten Morgen hatte mein Bruder aus unerklärlichen Gründen in der Schule einen Unfall mit einer Glastür. Beobachter erzählten, er sei einfach geradeaus gelaufen, obwohl vor ihm eine Glastür war. Dabei war sie zu Bruch gegangen und hatte ihn verletzt. Unser Vater fuhr ihn auf einem Motorrad ins Krankenhaus. Er musste am Kopf genäht werden.

Meine Mama durfte nicht zu ihm. Sie sagte zu mir: „Du musst zurückgehen, dein Bruder braucht dich jetzt. Du musst für ihn die Mama sein.“

Und was ist mit mir? Brauche ich denn niemanden?, dachte ich.

Aber ich hatte keine andere Wahl und ging zurück. Milad war so erleichtert, mich wiederzusehen. Mein armer kleiner Bruder hatte einen riesigen Kopfverband und seine Augen waren rot und geschwollen. Er war so glücklich, mich wiederzusehen. Das war die Hauptsache. Ein Augenblick, den ich nie vergessen werde.

5

Drei Monate, nachdem unsere Mutter ausgezogen war, holte ich wie jeden Tag nach Schulschluss Milad ab und wir gingen zu Fuß nach Hause. Da ahnte ich noch nicht, dass dieser Tag einer der schönsten meines Lebens werden würde.

Ich öffnete die Haustür und war sofort überwältigt. Diese Klänge! Dieser Geruch! Das Radio war an und es roch nach Sauberkeit und unserem Lieblingsessen, das bereits fertig auf dem Herd stand. Unsere Mama war wieder da!

Sie begrüßte uns und wir weinten vor Freude. Endlich waren wir drei wieder vereint! Es gibt nichts Schöneres, als eine Mama zu haben, die da ist, wenn man von der Schule kommt. Die Welt war wieder in Ordnung.

Es war wie ein Wunder. Offenbar hatten sich unsere Eltern wieder vertragen.

***

Doch diese schöne Zeit hielt leider nur kurz an. Mein Vater verschwand wieder nächtelang, ohne jemandem von uns zu sagen, wohin er ging und wie lange er wegbleiben würde. Er hinterließ uns keinen Cent und einen leeren Kühlschrank.

Mama lieh sich immer wieder Geld bei ihren Schwestern und Eltern und wir fuhren mit dem Bus einkaufen. Sie lieh sich auch Geld, um uns neue Klamotten zu kaufen, damit wir einigermaßen wie die anderen Kindergekleidet waren. Es war ihr immer sehr peinlich, ständig ihre Familie um Geld zu bitten, obwohl wir nicht arm waren.

Wenn mein Vater mal nach Hause kam, schickte mich meine Mama vor, um ihn nach Geld zu fragen. Er sagte eiskalt: „Du bist genauso eine Schlampe wie deine Mutter, ihr wollt nur mein Geld“, und gab mir nichts.

Am 21. März feiert man im Iran Nowruz, das Neujahrsfest. Da ist es üblich, sich neue Kleider anzuziehen. Diese Tradition finde ich sehr schön und lebe sie heute noch. Trotz unserer schwierigen Situation ermöglichte uns meine Mama, auch daran teilzuhaben, indem sie sich Geld lieh oder dafür sorgte, dass wir neue Klamotten von der Familie geschenkt bekamen.

Innerhalb der Familie wurden wir immer freundlich behandelt. Alle hatten Mitleid mit uns. Wir waren immer die „Armen“. Ich verstand das nicht und schämte mich dafür. Ich dachte mir: Ich will euer Mitleid nicht, wir sind doch eigentlich gar nicht arm. Meinen Vater interessierte das nicht. Ihm war einfach alles egal.

Mein Vater kam nie mit zu irgendwelchen Feierlichkeiten oder wenn wir eingeladen wurden. Er mochte nur seine eigenen Freunde. Bei ihnen war er der Held, der immer gut aussah und lustig drauf war. Wenn er zu Hause war, ging er nie ans Telefon, geschweige denn an die Tür, wenn einer klingelte. Er lief immer mit zerzausten Haaren und im Schlabberlook herum. Zurecht machte er sich nur, wenn er wegging, wohin auch immer.

Nach außen wirkten wir immer glücklich und perfekt. Auf Fotos sahen wir immer aus wie die perfekte Familie. Die Scheinwelt für die Außenwelt. Wir arbeiteten hart daran, diesen Schein aufrechtzuerhalten. Doch egal, wie viel wir logen, um unser Gesicht wahren zu können, unsere Umgebung merkte, dass bei uns einiges nicht in Ordnung war. Manches ließ sich eben nicht verbergen. Aber zum Glück stellte keiner irgendwelche Fragen.

***

Im Sommer 1996 brach ich mir das Bein. Ich hatte die Schuhe meiner Mama angezogen und lief kurz zu einer Freundin über die Straße. Es war schon dunkel. Auf dem Weg zurück bekam ich auf einmal Angst vor Geistern. Schnell rannte ich los und knickte dabei mit den viel zu großen Schuhen um. Es folgten Krankenhaus, Röntgen und Gips für drei Wochen. Ich war somit an zu Hause gebunden.

Bald darauf kam es zu einer ersten Situation, in der ich sexuell belästigt wurde. Meine Mama schickte mich ein bisschen vor die Tür, damit ich wenigstens etwas an die frische Luft kam. Es war sehr heiß und ich hatte kurze Sachen an. Ein Pick-up fuhr an mir vorbei. Er wurde langsamer, fuhr dann ein Stück zurück und hielt an. Ein junger Soldat stieg aus und kam in meine Richtung. Er schaute auf die Klingeln unseres Hauses, als würde er jemanden suchen. Ich fragte ihn, ob ich behilflich sein könne. Daraufhin zog er auf einmal seine Hose runter, spielte mit seinem Geschlechtsteil und sagte: „Ja, kannst du.“

Ich schrie, so laut ich konnte, und er rannte weg. Meine Mama war sofort da, aber er war schneller und entkam. Ich hatte sehr lange mit Angstzuständen zu tun und schlief nachts bei meinen Eltern im Bett.

Einige Zeit danach kam es zu einem zweiten Zwischenfall dieser Art. Neben unserem Haus hatten wir einen sehr großen weißen Maulbeerbaum. Im Haus hielten wir Raupen, die sich von diesen Blättern ernährten. Jeden Tag ging ich vor die Tür und pflückte einige davon, soweit ich herankam.

Als ich eines Tages gerade dabei war, kam ein Mann zu mir und sagte: „Komm, ich hebe dich hoch. Da oben wachsen frischere Blätter.“ Bevor ich überhaupt reagieren konnte, hob er mich schon hoch, indem er mir zwischen die Beine fasste. Genau in dem Moment kam Mama aus dem Haus, um nach mir zu schauen. Schnell warf er mich von sich und lief weg. Meine Mama lief ihm noch hinterher und beschimpfte ihm, aber er war fort. Danach schlief ich wieder für eine Weile bei meinen Eltern im Bett, weil ich Angst und Albträume hatte. Ich hielt die Hand meines Vaters ganz fest, bis ich einschlief.

6

Ich bekam nie mit, weshalb meine Eltern sich stritten, wenn mein Vater überhaupt mal nach Hause kam. Sie wurden dann immer sehr laut, beschimpften sich und er lief ihr durch das ganze Haus hinterher, um ihr wehzutun. Milad und ich ergriffen dann schnell die Flucht, gingen auf unser Zimmer oder nach draußen.

Wenn unser Vater zu Hause war und schlief, durften wir nicht laut sein. Er durfte auf gar keinen Fall gestört werden, egal zu welcher Tageszeit. Deshalb unternahm Mama viel mit uns, damit wir zu Hause nicht zu laut werden konnten. Nach wie vor spielten wir auch viel draußen.

Einmal spielten wir mit mehreren Kindern Fangen mit geschlossenen Augen. Als ich dran war, lief ich unglücklicherweise gegen eine Metalltür und verlor dabei eine große Ecke meiner beiden Schneidezähne. Ich spürte nur noch die Reste in meinem Mund, mit Blut vermischt, und spuckte alles aus. Ich sah schrecklich aus. Meine Lippe war sofort dick angeschwollen und es sah aus, als hätte ich vorn keine Zähne mehr.

Meine Mama gab meinem Vater die Schuld, weil wir draußen spielen mussten, als er in Ruhe schlafen wollte. Ob es am Ende wirklich so war, kann ich nicht sagen. Aber es gab einen großen Streit, weil sie befürchtete, dass ihre Tochter nun ein Leben lang entstellt sein würde. Verzweifelt suchte sie mit mir im Sand nach den Zahnecken, die ich ausgespuckt hatte. Natürlich ohne Erfolg, und selbst wenn wir sie gefunden hätten, hätte das auch nichts verändert.

Am nächsten Tag ging ich nicht zur Schule. Mein Vater fuhr mit mir zu seinem Onkel, der Zahnarzt war. Er füllte mir die abgebrochenen Zähne mit etwas Künstlichem aus, sodass ich am Ende wieder normal aussah. Es muss alle paar Jahre erneuert werden und es ist auch schon ein paar Mal vorgekommen, dass eine Ecke oder beide unerwartet abgebrochen sind. Ich träume oft davon, dass ich meine Zähne verliere. Seitdem habe ich den Tick, dass ich, sobald es dunkel wird, meine Zunge über meine Zähne lege, damit ich sie im Fall der Fälle durch meine Zunge schütze, z. B. wenn ich in der Nacht mal auf die Toilette gehen muss.

***

Ich bin als Kind oft hingefallen, was sicher normal war. Immer wieder fiel ich mit dem Fahrrad hin und schlug mir dabei die Knie auf, wovon ich noch heute eine Narbe trage.

Eine weitere Narbe habe ich im Gesicht. Sie ist ziemlich groß und tief. Als ich gerade mal 1 Jahr alt war und wir noch in Deutschland lebten, stieß ich mit meinem Kopf gegen das Gitterbett und meine Augenbraue platzte auf, sodass ich mit acht Stichen genäht werden musste. Meine Mama erzählte mir später davon. Ich blutete so stark, dass sie erst gar nicht wusste, woher das ganze Blut kam. Sogar die Polizei kam nach dem Vorfall zu uns, um Gewalt auszuschließen. So geht heute eine tiefe Narbe durch meine rechte Augenbraue und dort wachsen keine Haare.

Ein weiteres Mal fiel ich mit dem Fahrrad sehr unglücklich in ein tiefes Loch und kam mit der Nase an eine Kante. Deshalb habe ich eine Narbe an einer Stelle, wo viele Frauen eine Narbe wegen einer operierten Nase haben, weil das bei persischen Frauen sehr üblich ist. Aber ich habe von Natur aus eine schöne Nase. Witzig.

***

Wir waren sehr oft bei meinen Großeltern, also den Eltern meiner Mama. Dort versammelten wir uns mit meinen Tanten und Cousinen und verbrachten sehr schöne Zeiten miteinander, abgelenkt von dem ganzen Mist zu Hause.

Meine Großeltern hatten einen riesigen Garten mit einem großen, tiefen Schwimmbad. Da jedoch Wassermangel herrschte, durften sie es nach behördlicher Anordnung nicht mehr befüllen. Wir Kindern spielten sehr gern darin, gingen die Treppen runter und fegten immer wieder den blauen Boden, der immer voller Tannennadeln war.

Im Garten gab es sehr viele und schöne Blumen, die wir hingebungsvoll gossen. Um die Spitzen der groß gewachsenen Bäume zu sehen, mussten wir unseren Kopf weit in den Nacken legen. Der ganze Garten war außerdem voller weißem Marmor. Überall fand er sich wieder–in den Bodenplatten, den Mauern, den Treppen.