Gott sei Dank Helgoland - Anke Ratajczak - E-Book

Gott sei Dank Helgoland E-Book

Anke Ratajczak

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Beschreibung

Anke Ratajczak stammt aus der hessischen Rhön nahe der Stadt Fulda. Mit 20 Jahren legte sie ihr Staatsexamen als Physiotherapeutin ab. Durch einen Kurzurlaub auf der Insel Helgoland, lernte sie die unbeschreibliche Schönheit der Felseninsel in der Nordsee kennen. Die exponierte Lage, eingebettet in die urwüchsige Nordsee, die reine Luft und die friedlich wohltuende Atmosphäre hat ihr Herz im Sturm erobert. Ihr Buch gibt Einblick in diese Schönheit samt einem spannenden, authentischen und humorvollen Weg von Hessen nach Helgoland. Durch die Freude am Schreiben und die Begeisterung Geschichten zu erzählen ist ihr Erstlingswerk 'Gott sei Dank Helgoland' mit viel Herzblut entstanden. Ein Buch, das man nicht zur Seite legen kann bis man die letzten Seite gelesen hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dieses Buch widme ich meiner Freundin Kerstin. Ohne sie wäre dieses Buch nicht entstanden und mein Leben um einiges ärmer.

Impressum:

© 2020 Anke Ratajczak

Layout: Angelika Fleckenstein, Spotsrock

ISBN

978-3-347-21238-1 (Paperback)

978-3-347-21239-8 (Hardcover)

978-3-347-21240-4 (e-Book)

Verlag & Druck:

Tredition GmbH

Halenreie 40–44

22359 Hamburg

Die Personen und die Handlung dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Anke Ratajczak

Gott sei Dank Helgoland

Die Autorin ist in Fulda geboren, in der hessischen Rhön aufgewachsen. Mit zwanzig Jahren legte sie ihr Staatsexamen als Physiotherapeutin ab. Ein paar Jahre später ging sie als christliche Streetworkerin ins Ausland (Kirgisien/USA) und kehrte wieder nach Deutschland zurück. Inspiriert von ihrer Mutter entstand die Idee, ein Buch zu schreiben.

Inhalt

Urlaubsbedarf, aber kein Geld

Zum ersten Mal auf Helgoland

Der Urlaub ist vorbei, der Alltag ist zurück

Zweiter Urlaub auf Helgoland

Klinikalltag

Familienleben

Ich glaube schon!

Träume sind Schäume

Mein Stuhl wackelt

Spaß im Bewegungsbad

Wer so eine Mutter hat, kann sich glücklich schätzen

Schwieriges Fahrwasser

Alles vorbei, und jetzt?

Abschied

Es geht los. Ein Traum wird wahr.

Endlich angekommen

1

Urlaubsbedarf, aber kein Geld

Gestern rief ich meine gute alte Freundin Christin an und erzählte ihr, was mir gerade passiert war. Ich war zu einer Lesung gegangen, bei der eine Autorin aus ihrem Buch vorlesen sollte. Groß angekündigt im Internet und als Aushang auf der Insel Helgoland, meinem Zuhause. Aber leider saßen wir Zuhörer mutterseelenallein da. Kein Autor, keine Info, niemand von der Touristik, nicht mal ein Zettel an der Tür.

Schweigend warteten wir, dann tauschten wir unsere Irritation aus und kamen allmählich miteinander ins Gespräch. Dabei ergab es sich, dass ich meine Geschichte erzählte, wie ich nach Helgoland gekommen war. Am Ende meinte ein Zuhörer, ich solle das aufschreiben.

Ein wenig mahnend in der Stimme, fragte mich Christin am Telefon: „Wie viele Personen haben dich bis jetzt darauf angesprochen, ein Buch zu schreiben?“

Genervt hielt ich dagegen: „Du stellst manchmal die falsche Frage“, denn ich wollte nicht zugeben, dass es in Wirklichkeit viele waren.

Sie entgegnete: „Nein, das finde ich nicht! Ich dachte, du benutzt deinen Urlaub dazu, ein Buch zu schreiben?“

Widerwillig verteidigte ich mich: „Ich habe gerade Urlaub! Da darf ich mich ausruhen, das machen die anderen auch. Das ist Erholungszeit.“

„Aber es gibt dir etwas, wenn du schreibst und es macht dich glücklich“, entgegnete sie schlagfertig und flüsterte leise: „Außerdem hörst du dich nicht gut an. Kannst mir halt nix vormachen. Ich kenne dich.“

„Ja“, maulte ich, wie ein unwilliges Kind.

Ach, sie hat aber auch eine Art, mir die Wahrheit aufs Brötchen zu schmieren! Sie redet mir nicht nach dem Mund, dennoch kann sie gut trösten und Mut machen. Oder eben den nötigen ‚Tritt in den Hintern‘ geben, das kann sie auch gut.

Am nächsten Tag, wenn auch im Urlaub, setzte ich mich ans Meer und fing an zu schreiben.

Wie ich nach Helgoland kam? Alles fing mit einem Gebet an …

Ich arbeitete als leitende Physiotherapeutin in einer Klinik in Hessen und bekam trotz der Verantwortung, die ich zu tragen hatte, ein sehr kärgliches Gehalt. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. An einen Urlaub war nicht zu denken, unbezahlbar! Ich war mir aber bewusst, dass ich einen großen Gott im Himmel habe und mir deshalb Wünsche unabhängig von meinem Kontostand leisten konnte.

Ich faltete also meine Hände und betete ernstlich im Glauben: „Herr Jesus, du weißt, dass ich mir keinen Urlaub leisten kann, aber ich weiß, dass dies kein Problem für dich ist. Ich möchte gerne Ebbe und Flut sehen, am Meer entlang Inline skaten, aber dafür nicht ins Ausland reisen müssen. Ich will die Ruhe des Meeres genießen und ganz abschalten können. Dafür bedanke ich mich von ganzem Herzen und glaube, dass du es mir schenken wirst. Amen.“

Danach hatte ich so ein Gefühl im Bauch. Ungefähr so: Wenn Gott dir das Radieschen zuwirft, dann musst du es auch fangen. Also besser die nächste Zeit innerlich aufmerksam sein, wenn die richtige Gelegenheit kommt.

Und sie kam!

In meinem ganz normalen Arbeitsalltag. Ich beendete gerade eine Gruppengymnastik, da sprachen mich ein paar Patienten an. Das passiert häufig, und ich muss mich schnell von ihren Liebenswürdigkeiten oder Fachfragen loseisen, weil ein strammer Zeitplan abgearbeitet werden muss.

Freundlich kam ein unverkennbar norddeutsches Ehepaar, Ina und Oke Hain, auf mich zu. Sie hätten mich ins Herz geschlossen und wollten mich gerne zu sich nach Hause einladen. So etwas ist mir schon öfter passiert. Gerade wollte ich freundlich absagen, da schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: ‚Frage doch erst mal, wo die wohnen.‘

„Das ist aber lieb“, entgegnete ich „Wo wohnen Sie denn?“

Er antwortete: „In Cuxhaven!“

„Liegt das am Meer? Gibt es da Ebbe und Flut? Kann man da Inline skaten?“, fragte ich neugierig.

„Aber ja! Hier ist meine Karte, wir sprechen uns später noch mal. Sie sind in Eile, und der nächste Patient wartet sicher schon auf Sie.“

Ich steckte die Visitenkarte ein und lief schnell zum Aufzug. Auf dem Weg kam mir mein Chefarzt Dr. Jansen entgegen. Er meinte: „Haben Sie das Ehepaar Hain schon kennengelernt? Bitte behandeln Sie beide in Einzeltherapie“, wobei er mir die Diagnose erläuterte. „Die haben mich nach Cuxhaven eingeladen, ich kenne die aber nicht.“

„Ach, da können Sie ruhig mitfahren, die sind in Ordnung.“

Am nächsten Tag behandelte ich die beiden und schlug ihnen einen Deal vor.

„Ich würde gerne vier Tage bei Ihnen übernachten und Ihnen täglich eine Massage als Gegenleistung anbieten.“

Sie schlugen ein, und der Deal war gemacht.

Da war er, mein Sommerurlaub mit Ebbe und Flut, wie gewünscht! Da sag noch einer, Gott hört kein Gebet. Sollte der, der das Ohr gemacht hat nicht hören? Natürlich hört er – und das sehr gut.

Wenige Wochen später ging es los. Ankunft abends in Cuxhaven, am nächsten Morgen nach dem Frühstück die beiden massieren, und dann wollten sie mit mir eine Rundfahrt durch Cuxhaven machen.

Ich war so müde von der Klinikarbeit und sehnte mich nach Ruhe. Außerdem interessiere ich mich überhaupt nicht für Sightseeing. Ich willigte dennoch ein. Wer kann schon so viel Freundlichkeit widerstehen? Zunächst fuhren wir zum Hafen.

„Aussteigen!“, rief er.

Wir standen am Pier und schauten in die Hafenbrühe.

„Und jetzt musst du ins Wasser spucken!“

„Was? Ich spucke doch nicht ins Wasser, igitt!“

„Doch“, kam es mit fester Ansage von Oke.

Als ich merkte, dass er darauf bestand, spuckte ich widerwillig in die Hafenbrühe.

„Gut“, meinte er zufrieden. „Jetzt kommst du wieder. Wer ins Wasser spuckt, kommt wieder. Jetzt kannst du wieder einsteigen“, sagte er mit Schalk in den Augen.

Ich stieg mit süßsaurem Lächeln ins Auto. Naja, ist ja süß von den beiden, die wollen, dass ich wiederkomme. Dann ging es weiter durch den Hafenbereich mit ausführlicher Erklärung, besser als ein Stadtführer. Wenn es mich auch nicht interessierte und ich trotzdem mein freundliches Sonntagslächeln aufsetzte. Schön, Hafenbereich, schön Fischkutter, schön Fischrestaurant, schön Hafenkneipe …

Dann zeigte er mir ein weißes Passagierschiff mit den Worten: „Das ist die ‚Atlantis‘, damit kannst du eine Butterfahrt nach Helgoland machen. Aber da willst du nicht hin auf den Fuselfelsen, da läufst du nur im Kreis und wirst irre. Bleib du lieber hier. Wir haben hier eine orthopädische Klinik, da fahren wir dich jetzt hin. Vielleicht haben die eine Stelle frei, dann kannst du hierherziehen. Außerdem wird auf Helgoland ‚ausgebootet‘, da musste vom Schiff metertief in ein kleines Boot springen und dazwischen geht es weit runter, und wenn du zwischen Schiff und Boot gerätst, bist du tot“, erklärte er mit dramatisch übertriebenen Gesten.

Ich war plötzlich wach.

„Da kann man nach Helgoland fahren?“, rief ich erstaunt. In meinem Herz dachte ich. ‚So eine Chance bekommst du nur einmal.‘ „Ähm, ich habe mein Geld zu Hause liegenlassen, könnt ihr mir ein Ticket kaufen, ich gebe es euch heute Abend sofort zurück.“

Unwillig schaute er seine Frau an.

„Hm, ja gut, aber erst morgen. Wir holen dich dann abends vom Schiff ab.“

Am selben Abend lag ich glücklich und erwartungsvoll in meinem Bett. „Morgen geht es nach Helgoland“, gluckste ich fröhlich.

Ich erinnerte mich an meine Kindheit. Ich war etwa 5 Jahre alt und mein ältester Bruder Fred war die ganzen Sommerferien weg gewesen. Ich hatte ihn vermisst, weil er so schön mit mir spielen konnte. Als er wieder da war, schlich ich leise in sein Zimmer. Er zog sich gerade einen Wollpullover über und sagte dabei zu unserem Bruder Heinrich: „Es ist schön da auf Helgoland.“ Sein Gesicht strahlte, seine Begeisterung war groß, er sah so erholt und glücklich aus. Ich dachte ‚Da will ich auch mal hin‘.

Und morgen wird es so weit sein! Oh, ich war so schrecklich aufgeregt. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich einmal in meinem Leben diese Insel sehen werde. Es war ein Wunsch in meinem Herz, von dem ich immer dachte, dass er niemals in Erfüllung gehen würde. Das wäre zu schön, um wahr zu sein!

2

Zum ersten Mal auf Helgoland

Mit einer Flasche Wasser, einem Apfel und einer EC-Karte ging ich aufs Schiff. Herrliches Wetter, raus auf See. Ich beobachtete das Schiffspersonal, diesen norddeutschen Menschenschlag, der mir so fremd war. Unfreundlich und kühl wirkten sie auf mich.

Das Schiff war eine Weile gefahren, bis kein Land mehr in Sicht war. Das Wasser wurde langsam klar, und aus diesem duftenden, blauen, berauschenden Meer erhob sich ein wunderschöner roter, majestätischer Felsen aus der Nordsee. Ich hatte diese Insel noch nie gesehen, nicht mal auf einem Foto. Wie fasziniert stand ich da, Mund offen, sprachlos und überwältigt von dieser Schönheit. Währenddessen zogen zwei ältere Männer direkt neben mir über die Insel her. Ihre Worte prallten an mir ab, wie ein Fußball am Torpfosten.

Endlich, der Anker fiel, und lauter weiße Boote kreisten um das Schiff. Darin standen Männer, die scheinbar mit den schwankenden Booten verwachsen waren. Seitliche Türen am Schiff wurden geöffnet, und jeder Passagier wurde in eines der weißen Boote gesetzt.

Aus einem Lautsprecher ertönte die Ansage vom Schiffspersonal: „Um 16:00 Uhr legen wir wieder ab, sollten Sie bis dahin nicht auf dem Schiff sein, sehen wir uns morgen wieder.“

Was? Nur bis 16:00 Uhr?! Ich fahre doch nicht den langen Weg für läppische dreieinhalb Stunden? Dann sehen wir uns morgen wieder! Auf jeden Fall fahre ich heute nicht zurück, das steht fest.

Ich hüpfte freudig ins Boot.

Mein erster Weg ging ins Büro der Reederei, um das Ticket umzubuchen, danach zur Touristik wegen einem Zimmer. Die Dame schaute mich an und sagte „Sie sehen aus, als hätten Sie schon umgebucht, ohne ein Zimmer zu haben?“

„Ja, sieht man das?“

„Sie wissen schon, dass wir Hochsaison haben und die Insel ausgebucht ist? Hm, da ist noch ein Doppelzimmer frei, kostet bisschen mehr, ist aber das einzige.“

„Nehme ich.“

Prima, wer sagt‘s denn. Ich hätte auch auf einer Bank gepennt oder mir die Nacht um die Ohren gehauen, aber zurück wäre ich an diesem Tag bestimmt nicht gefahren.

Oben auf dem Felsen angekommen, eröffnete sich mir ein herrlicher Blick aufs Meer. Diese Insel hat eine einzigartige Atmosphäre. Die Luft so sauber und weich, das Wasser glasklar. Diese tiefe heilsame Ruhe, kein Stress, kein lärmender hektischer Autoverkehr, niemand hetzte sich oder rannte mit ernster Miene, wie getrieben. Ich machte einen Inselrundgang und kam an der westlichen Klippe an. Dort brüteten Seevögel auf dem wunderschönen roten Felsen.

Dieser weite Blick über das blaue Meer. Es glitzerte in der Sonne, als sei es mit Diamanten bestreut. Weit, weit über das Meer ließ ich meinen Blick schweifen. Dieses Blau, dieses wunderschöne, beruhigende, wohltuende Blau. Der Blick darauf tat meinen Augen gut.

Unbemerkt pustete mir die frische salzige Meeresbrise den Kopf frei. Ich setzte mich auf eine Bank und verweilte dort. Am Horizont konnte ich Frachtschiffe beobachten. Wegen der Entfernung hatten sie die Größe von Matchboxautos. Erst nach langem Hinschauen bemerkte ich, dass sie sich bewegten.

Egal, wohin ich sah, überall Wasser. Dieses Inselgefühl überkam mich. Abgeschieden, eingeinselt, erreichbar, aber nicht greifbar. Schön war das!

Mit dem Abstand zum Festland ging mir meine Arbeitsstelle durch den Kopf. Drei Patienten in der Stunde behandeln, zweimal die Woche eine Stunde Waldlauf mit Herzpatienten, danach nahtlos ins Bewegungsbad, um Übungen vorzuturnen. Oft war ich um 9:00 Uhr schon das zweite Mal komplett nass geschwitzt. Nicht mal Zeit ,die Wäsche zu wechseln oder die Toilette aufzusuchen. Wer sich verspätet, brachte den strammen Terminplan durcheinander und musste ohne Bezahlung nacharbeiten, während man sich den ganzen Tag das Gemaule über die Unpünktlichkeit anhören durfte.

In dem Stress hielt mich mein Chefarzt auch noch mit Patientenbesprechungen auf. Wenn ich ihm wie Daniel Düsentrieb davonsausen wollte und mit einem Augenaufschlag raunte wie: ‚Bitte, bitte, ich muss jetzt weiter!‘, dann erinnerte er mich daran, dass er der Chef ist und wenn er mit mir spricht, nichts anderes wichtiger ist.

Jeden Abend zog ich die weiße Klinikmontur waschmaschinenreif von der Haut. Berge von Wäsche, die irgendwann wieder gebügelt am Start sein mussten. Immer mit Terminplan und Handy bewaffnet, spurtete ich durch die Klinikflure. In all dem Stress baute manchmal ein Patient in der Herzrehabilitation ab. Dann ging es erst richtig rund. „Hilfe“, schrie dann jemand, „der kriegt keine Luft mehr und verliert das Bewusstsein. Schnell, schnell!“ Dann rannten alle gleichzeitig.

In kürzester Zeit muss der Arzt gerufen, schnell, besonnen und trotzdem ruhig gehandelt werden. Mancher Notfall kam mir wieder vor Augen. Der Einsatz meines Physiotherapeuten-Teams, der nicht gewürdigt und grottenschlecht bezahlt wurde. Die Herausforderung, das stramme Pensum abzuarbeiten und gleichzeitig eine qualifizierte, gute Arbeit abzuliefern, wovon der Therapieerfolg abhing. Die erfreulichen Momente, wenn Patienten sich verabschiedeten und wieder sichtlich gebessert die Klinik verließen. Diese Dankbarkeit war die viele Mühe wert und kehrte den Stress in Freude um.

Um meine eigene Gesundheit stand es nicht gut. Mal schmerzte mein Bauch, mal hatte ich nässende, juckende Haut, mal aufgerissenen Hände, mal fühlte ich mich den ganzen Tag wie erschlagen. Wie lange wird das noch gut gehen?

Kein Arzt hatte bis jetzt die Ursache gefunden. Und ich war bei einer Menge Ärzten gewesen. Ein junger Arzt, frisch von der Uni, meinte, ich würde mir das einbilden. Hm, wenn das funktionieren würde, dann bilde ich mir einen Urlaub auf den Malediven ein und ein gut gefülltes Bankkonto. Müsste dann eigentlich funktionieren, wenn er recht hatte.

Privat wohnte ich in einem kleinen Fachwerkhaus in Trautheim, das ich mir mit der liebevollen, vitalen, älteren Dame teilte, die Siglinde hieß. Sie wohnte oben, ich unten. Wir kamen gut klar.

Am Wochenende übernahm ich die Sonntagsschule für die Kinder in einer kleinen freikirchlichen Gemeinde. Ich liebte die Kleinkinder mit ihrer einfachen Welt, aber auch die Teenager in ihrer Rebellionsphase. Eine Kinderfreizeit stampften wir als Gemeinde aus dem Boden und waren danach wie müde, aber glückliche, Krieger nach Hause geschlurft. Die Kinder sahen aus, als hätten sie den Dschungel durchquert und mussten schnurstracks in die Badewanne. Sie quasselten aufgeregt auf ihre Eltern ein und erzählten von all ihren Erlebnissen. Ich genoss es einfach, und es erfüllte mich mit tiefer Zufriedenheit.

Mein Blick schweifte weiter übers Meer. Gedankenverloren saß ich da. Klinik, Kinder, Freunde, meine Eltern und Geschwister, für alle war ich gerne da. Auch in meiner Wohnung war Besuch an der Tagesordnung. Manchmal hätte ich gerne die Tür zugenagelt und ein Schild drangehängt – ‚Katholische Männerbadeanstalt! Der Papst ist zu Besuch, wir baden gerade.‘ – Als Scherz gemeint! In der Hoffnung, dass keiner klingelt.

Ich war froh, wenn ich zeitig ins Bett kam, schließlich ging um 7:00 Uhr der Klinikalltag los. Diese ständige Erreichbarkeit, immer war irgendwas. Und jetzt saß ich hier, fühlte mich weit weg von allen Verpflichtungen, nicht greifbar, weil viel, viel Wasser dazwischen war. Großartig war das. Ich konnte mich nicht schnell ins Auto setzen und rüberfahren. Geht nicht!

Ich stellte mir vor, wie die Klinik nach mir rief. Geht nicht, bin auf Helgoland! Innerlich lachte ich mich schlapp und freute mich, dass niemand, aber auch niemand nach mir greifen konnte.

Jetzt das Handy mit ganzer Kraft über die Klippe werfen. Sich frei fühlen von allen Pflichten, Erwartungen und Verbindlichkeiten. Ich genoss diesen Gedanken wie ein kleines Mädchen, das einen riesigen bunten Lolly mit einem breiten Lächeln lutschte.

Die Seevögel flogen in großer Schar über meinen Kopf hinweg. Sie hatten kein Auto, keine Wohnung, keine Kosten. Sie spielten mit der Meeresbriese und flogen genießerisch in den Abendwind, ließen sich emporheben von der Thermik. Einfach nur die Flügel spreizen und sich in den warmen Luftstrom fallen lassen. Mal eine Runde um die Insel drehen und ins Meer eintauchen. Sie brauchten für einen Kopfsprung kein Dreimeterbrett, sie schossen wie ein Pfeil ins Wasser, fingen sich ihr Abendbrot und genossen den Sonnenuntergang. Sie sorgten sich um nichts. Ein Bibelvers streifte mein Herz:

‚Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?‘

Ja, kostbar und wertgeschätzt von Gott zu sein. Wie gut das tat! Und dabei hatte ich nur für Ebbe und Flut gebetet. Ich fühlte mich, als hätte ich um ein Glas Wasser gebeten und die Niagarafälle erhalten. Wie ein Baby zur Ruhe gebracht, stand ich noch lange an der Klippe und sah den Seevögeln bei ihren Flugkünsten zu. Berauscht von all den Eindrücken und Erlebnissen fiel ich abends ins Bett. Frei und so sehr glücklich.

Ich hatte erholsam und tief geschlafen. Diese himmlische Ruhe hier! Mein Fenster war weit geöffnet. Ich mag es, wenn die Gardine nachts im Wind weht. Eine frische Meeresbrise und ein Sternenhimmel, der die eigenen Augen erstrahlen ließ.

Ganz früh am Morgen stand ich auf und lief zur Klippe. Vereinzelt Spaziergänger und der Himmel voller Seevögel. Ihr lauter, freudig krächzender Ruf weckt sicher jeden noch schlafenden Vogel, dachte ich. An der Klippe war richtig was los. Die Basstölpel mit ihrer großen Spannweite, schneeweiß glänzendem Gefieder und schwarzen Flügelspitzen erhoben sich in Scharen und schwebten wie schwerelos über mir. Ich quietschte vor Freude. „Ist das schööön“, platzte es aus mir raus, Freudentränen liefen mir über die Wangen, meine Arme hoch zum Himmel gestreckt. Ich konnte diese überwältigende Freude und Begeisterung nicht zurückhalten. Unmöglich!

Zurück in der Pension, saß ich im Frühstücksraum. Einige Gäste waren schon zugegen. Schweigen, keiner sagte ein Wort. Eine Frau, so um die vierzig sah mich die ganze Zeit an. Sie sah genauso aus wie Friesen in Kinderbüchern dargestellt werden. Die dünnen blonden Haare als Dutt ganz oben auf dem Kopf zusammengerollt. Mit kleinen blauen Augen, blasser Haut und einem strengen, verkniffenen Blick schaute sie mich wortlos an. Und sie hatte Ausdauer! Sie wich meinem Blick nicht aus und verzog keine Miene. Ich fühlte mich wie im Zoo, nur auf der anderen Seite des Zauns. Ich schwieg, verputzte mein Brötchen, bezahlte meine Rechnung und verließ die Pension. Es waren nur noch wenige Stunden bis zur Abreise. Daran wollte ich noch gar nicht denken.

Genüsslich schlenderte ich durch die kleinen Geschäfte, bis ich an der östlichen Felsenkante ankam. Da schlängelte sich ein gepflasterter Weg an einer roten Mauer entlang wie eine Promenade auf der Klippe. Die rote Mauer hatte genau die richtige Höhe, um sich gemütlich anzulehnen. Das lud zum Verweilen ein.

Es war ein schöner Sommertag, und noch war kein Schiff in Sicht. Die Insel lag wie im Dornröschenschlaf. Einen herrlichen Blick hatte man von da oben auf den Südhafen, das Nordostland, das Unterland und die Düne. Lustig, wie hier alles benannt wurde: Oberland und Unterland, der Rest geht nach Windrichtung. Ich schmunzelte in mich hinein. Hier ist wohl alles anders.

Ich hatte nicht gewusst, dass Helgoland eigentlich aus zwei Inseln besteht. Dem schönen roten Felsen und der weißen Düne, zusammen ein Kleinod. Alle Schönheiten auf kleinstem Raum. Der ‚Ayers Rock‘ in der Nordsee! Badeinsel, Hafen, Schwimmbad und sogar einen Fußballplatz haben die hier. Eine kleine Fähre verbindet die beiden Inseln. Ich schaute ihr nach und dachte, es ist noch genug Zeit bis zur Abfahrt.

Ob man um die Düne herumlaufen kann? Sie sah so einladend aus. Ein Strandspaziergang wäre jetzt genau das Richtige.

In ein Geschäft bummelte ich noch hinein und fragte die Verkäuferin: „Wie kommt man rüber auf die Düne? Und kann man einmal herumlaufen?“

Sie schaute tiefenentspannt über ihre halbe Lesebrille durch das Schaufenster auf die Düne und sagte: „Heute ist ein guter Dünentag. Davon gibt es nicht viele im Jahr. Fahren Sie mit der kleinen Fähre rüber, Sie können ganz um die Insel herumlaufen.“ Dann vertiefte sie sich wieder friedlich in ihre Arbeit.

Boot fahren macht Spaß, ich genieße das immer sehr. Selbst der kurze Weg von der Hauptinsel zur Düne. Der salzige Duft der Nordsee, das erfrischende prickelnde, klare Meerwasser. Was auf dem Wasser schnell fährt, kommt an Land einer Ente gleich. Super, diese Entschleunigung per Boot!