Gottes Handwerk - Katrin Pirc - E-Book

Gottes Handwerk E-Book

Katrin Pirc

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Beschreibung

Wenn die Wunschvorstellung gegenüber dem "Leben" nahezu einer Selbstverständlichkeit gleicht, dann kann die Lehre daraus recht erschütternd sein: Ein Alltag in Zyklustagen in Verbindung hormonell gesteuerter Selbstwahrnehmung zur Erfüllung heranwachsenden Lebens im Reagenzglas. Eine Schwangerschaft mit Hilfe der künstlichen Befruchtung endete nach bloß 22 errechneten Wochen. Eine Handvoll Leben erkämpfte sich gegen jede Erwartung einer Überlebenschance den Weg eines Wunders. Zwischen Glück und Albtraum der Frühgeburt forderte das Wunder seinen Tribut: Hepatoblastom.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Katrin Pirc

Gottes Handwerk

Das Wunder meines Lebens

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Vorwort

2 Prolog

3 Kinderwunsch

4 Künstliche Befruchtung

5 Schwangerschaft

6 Wehen

7 Glücksgefühle

8 Intensivstation

9 Das letzte Treppchen

10 Zu Hause

11 „Ich mach‘ Dich gesund, sagte der Bär“(Janosch)

12 Onkologie

13 Die Therapie

14 Operation

15 Abschluss der Therapie

16 Isolierstation

17 Gottes Handwerk

18 Epilog

19 Danksagung

Impressum neobooks

1 Vorwort

In diesem Buch stehen meine Erinnerungen im Vordergrund. Ich bin keine Ärztin. Deshalb basieren die medizinischen Details lediglich auf meinem Wissen, meinen Erfahrungen –vor allen von dem, was nach der langen Zeit noch bei mir hängengeblieben ist.

Zu schreiben war für mich meine Zuflucht, Gedanken und Gefühle auszudrücken oder Unausgesprochenes zu entladen.

Der Weg zur Entscheidung, dieses Manuskript zu schreiben, wurde von unterschiedlichen Impulsen begleitet.

2 Prolog

Ich habe das Leben immer als große Herausforderung betrachtet. Als Teenager war ich sehr damit beschäftigt, in allem und jedem einen Sinn zu sehen oder zumindest zu suchen. Ich war früh auf mich allein gestellt.

Meine Eltern trennten sich und das Kind in mir war schon mit 14 Jahren gezwungen, erwachsen zu werden.

Als meine Mutter auszog, entschied ich mich zur großen Überraschung aller Beteiligten, bei meinem Vater und meinem Bruder zu bleiben – eine altersuntypisch adäquate Entscheidung, die ich rational, aber ebenso aus Empathie meinem Vater gegenüber, getroffen hatte.

Mein analytisches Wesen hat mir Fallen und Umwege beschert, die nicht immer ganz einfach zu bewältigen waren. Eine pflichtbewusste Romantikerin, ordnungsliebend und leidenschaftlich anstrengend, auf der Suche zu sich selbst. Ich glaube, dass sich aus dieser lästigen Suche letztlich der tiefe Wunsch entwickelt hat, irgendwann ein ganz gewöhnliches Leben führen zu wollen. Eine Sehnsucht, die mit den Jahren immer größer wurde. Das Maß kurzlebiger Abenteuer, Beziehungen eben ohne Zukunftsaussichten, war voll. Die bekehrenden Versuche, aus anderen bessere Menschen machen zu wollen, war restlos ausgeschöpft.

Meinen Mann habe ich mit 26 Jahren kennengelernt: ein Mann mit Kind aus einer kürzlich gescheiterten Ehe. Auf den ersten Blick entsprach das nicht gerade meiner Vorstellung einer unkomplizierten Voraussetzung, aber meine Gefühle konnte und wollte ich letztlich nicht ignorieren.

Ich wollte niemals Teil einer Schlammschlacht werden. Es stand mir nicht zu, eine Ex-Frau oder einen Fünfjährigen als Konkurrenten zu betrachten. Ich habe viel Energie und Zuwendung investiert, eine verständnisvolle, liebevolle „Frau an Papas Seite“ zu sein.

Die Kehrseite dieser Medaille habe ich anfangs völlig unterschätzt.

Es war nicht leicht, in eine Rolle zu schlüpfen, in der man allen gerecht zu werden versucht. Ich wurde zwar mit offenen Armen empfangen, stand aber auf einer Vergleichsebene, an der ich gar nicht gemessen werden wollte: die Neue an der Seite eines Vaters, Ex-Mannes, Sohnes, Bruders oder Freundes, ständig im Visier, anderen gefallen und alles richtig machen zu müssen.

Ich war nicht der Typ, der irgendwelche Eifersuchtsdramen inszenierte. Dass aber Gefühle der Eifersucht in einer Mutter aufflammen, wenn eine andere Frau einen Platz im Herzen ihres Kindes einnimmt, ist und war für mich völlig nachvollziehbar. Aus heutiger Sicht kann ich mich in die Gefühle einer Mutter noch ganz anders hinein versetzen, aber auch schon zu jener Zeit habe ich stets versucht zu verstehen, zu schlichten und mein Verhalten entsprechend anzupassen – oft unter größter Zurückhaltung und auf Kosten meiner eigenen Gefühle. Unter diesen Umständen kann man unendlich viel falsch und nichts wirklich richtig machen.

Das Verhältnis zur Ex-Frau war gespalten. Wir waren uns nicht gänzlich unsympathisch, trotzdem gestaltete sich die Konstellation als äußerst schwierig. Ich saß zwischen den Stühlen des Verständnisses und der Betrachtung, in vergleichbare Fußstapfen meiner Vorgängerin getreten zu sein. Ich empfand große Toleranz und Akzeptanz für ihre gemeinsame Vergangenheit, ganz gleich welche Früchte und Missernten diese Beziehung eingebracht hatten.

Neben großem Zuspruch entwickelte sich viel Gerede mit eigener Dynamik. Was dem einen imponierte, war dem anderen ein Dorn im Auge. Und je nach Betrachtung oder Stimmungsschwankung manchmal auch beides.

Die Ex-Frau projizierte Angst und Eifersucht, aber auch Anerkennung und Dankbarkeit in meine Person. Ich war dadurch eine Zielscheibe mannigfaltiger Emotionen.

Die Spannungen wurden von einer Ungerechtigkeit getragen, die je nach Gemütslage sehr variabel ausgelegt werden konnten.

Ich war gelegentlich kleinen Sticheleien und zynischen Anwandlungen ausgesetzt. Statt jedoch in direkte Konfrontation zu gehen, lächelte ich gekonnt und auf Bitten meines Mannes – auch mit Rücksicht auf den Jungen – jede Unverschämtheit einfach weg und überließ ihm die Auseinandersetzung, die er auf seine Weise zu regeln versuchte. So manches Mal wurde es auch einfach unkommentiert dabei belassen. Ich stand im Abseits und in einer gefühlten fürsorglichen Verantwortung unter starkem Beschuss.

Ich möchte niemanden kompromittieren; ich kann aber auch nicht schweigend all jene Momente unter den Teppich kehren, an die man sich heute nicht mehr gern erinnern möchte. Zwischen Zuckerbrot und Peitsche gestanden zu haben, hat mich viele wütende und traurige Momente durchleben lassen.

Ich habe mit meinem Lächeln ein System bedient, das mich nachhaltig beeinflusst und sehr verändert hat.

Das Leben hat mich in all seinen Facetten von Sonnen- und Schattenseiten geprägt.

Gern erinnerte ich mich an glückselige Zeiten und an meine Großeltern, deren Miteinander mir stets ein Vorbild gewesen war. Da knüpfte ich an. Und obwohl oder vielleicht auch gerade weil meine Eltern es nicht geschafft haben, diesem Vorbild gerecht zu werden, habe ich mich eben an das Glück meiner Großeltern gehalten: zwei Menschen, die immer für die Familie gelebt haben und sich nach über 60 Ehejahren noch so verliebt anschauen konnten, dass ich mir diesen Zauber bewahren wollte. Menschen, die auf der Flucht alles zurücklassen mussten und sich durch harte Arbeit ein glückliches Leben aufbauen konnten.

Ich verdanke meinen Großeltern unendlich viel Weitsicht und einen Wegbereiter in Richtung eines erfüllten Lebens in Liebe.

Nicht, dass meine Eltern in ihrer Aufgabe versagt hätten – aber als Paar trennten sich ihre Wege und ich musste zu gegebener Zeit lernen, damit selbst irgendwie fertig zu werden.

Ich gönne es ihnen von Herzen, dass sie heute mit anderen Partnern glücklicher sind, besonders meinem Vater. Das bedeutet nicht, Glück unterschiedlich aufzuwiegen. Aber die Freude, dass mein Vater seinen Platz gefunden hat, hat für mich doch einen besonderen Stellenwert.

Mit dem Verständnis eigener Erfahrung fiel es mir nicht schwer, meine Rolle gegenüber dem Jungen anzuerkennen. Diese Rolle jedoch und all meine weiteren Bemühungen brachten mich später an die Schmerzgrenze des Ertragens.

3 Kinderwunsch

Ich habe in meinem Mann gleich den Vater meiner Kinder gesehen. Ein Bild, das sich so selbstverständlich und richtig anfühlte. Ein Bild, das mir den Kinderwunsch mit den Monaten immer nähergebracht hat.

Wir sind beide Menschen, die zwar bedacht, aber auch sehr aus dem Bauch heraus Entscheidungen treffen. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und ein Bewusstsein uns und der kleinen Familie gegenüber, hat uns gegenseitig so sehr gefestigt, als wäre es nie anders gewesen.

Unser gemeinsames Leben verlief in sehr geregelten Bahnen, modern und zugleich konservativ angehaucht. Eine Rarität heutigen Werteverständnisses.

Die Entscheidung, familienorientiert auf Verhütung zu verzichten, war eine Bauchentscheidung, die wir nach einigen Monaten des Zusammenlebens getroffen hatten.

Wir sind nicht davon ausgegangen, dass sich auf Anhieb Nachwuchs anmelden wird; gewünscht habe ich es mir aber sehr, auch ohne Trauschein. Ich fühlte mich mit dieser Entscheidung und den damit verbundenen Gefühlen angekommen: eine Suche, die zu Ende ging, und eine große Liebe, die begonnen hatte.

Schon nach kurzer Zeit bemerkte ich Veränderungen meines Körpers: angespannte Brüste, Unwohlsein und Übelkeit, Ziehen im Unterleib und ein Ausbleiben der Regelblutung. Die Teststreifen mit negativen Ergebnissen und die verspäteten Monatsblutungen bremsten jedoch meine Vorfreude wieder aus.

Ähnlich verlaufende Zyklen mit plötzlichen Kreislaufproblemen, Hitzewallungen und spürbar auftretenden Stimmungsschwankungen reihten sich aneinander und führten dazu, mich rundum unwohl in meiner Haut zu fühlen. Die Blase der Vorfreude schien erneut zu platzen.

Ich wusste damals schon, dass meine Eierstöcke männliche Hormone produzieren – eine Tatsache, die dem Kinderwunsch möglicherweise im Weg stehen würde. Meinem Gynäkologen war dieser Umstand bereits vor einigen Jahren aufgefallen. Die Symptome begleiteten mich seit der Pubertät. Es war ein wunder Punkt für mein Ego. In meiner Familie gab es durchaus ähnliche Veranlagungen, die aber bei niemandem Auswirkungen auf ihre Gebärfähigkeit hatten.

Ein Trugschluss meiner Erwartungen.

Ich ging nach ein paar Monaten zum Arzt, um mich zu vergewissern, ob mein Befinden in Zusammenhang mit dem Absetzen der Pille stehen könnte. Was ich stattdessen nach der Untersuchung erhielt, war eine der häufigsten Diagnosen bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch: Polyzystisches Ovar-Syndrom oder PCO-Syndrom, kurz PCOS, zu Deutsch: eine Stoffwechselstörung der Eierstöcke.

Das Blutbild erklärte eine Reihe von Symptomen, mit denen ich bereits seit Jahren konfrontiert war, ohne zu wissen, am PCOS zu leiden: Zyklusstörungen, Gewichtsschwankungen mit einer Tendenz zum Übergewicht und eine ausgeprägte Behaarungsform, die für Frauen sehr unangenehm sein kann. Die Zyklusstörungen wurden durch die Einnahme der Anti-Baby-Pille kontrolliert. An Gewicht hatte ich in den letzten zwei Jahren schleichend zugelegt. Eine andere Erklärung als in meinem Fortbewegungsmittel hatte ich anfangs jedenfalls nicht gesehen: Mit dem Wechsel beruflicher Perspektive fuhr ich statt mit dem Rad seither 40 Kilometer mit dem Auto auf der Autobahn zur Arbeit. Eine Veränderung, die in zwei Jahren vier Kilogramm ausgemacht hatte. So hatte ich jedenfalls geglaubt, die Ursache zu kennen.

Ich war mit meinem Gewicht nie wirklich zufrieden.

Heute wäre ich mit den vier Kilo und somit insgesamt 74 Kilogramm Körpergewicht bei 163 Zentimetern Körpergröße, die ich zu Beginn des Kinderwunsches auf die Waage gebracht habe, mehr als zufrieden.

Die starke Behaarung, besonders am Hals, habe ich lange aus Schamgefühl tabuisiert und entzündete Haarwurzeln als Folge der fast täglichen Rasur kaschiert. Ich habe viel Hoffnung in eine Laserbehandlung gesetzt, die jedoch leider keine Wirkung zeigte. Erst als ich diesen Komplex weniger in mich hineinzufressen begann, verstand ich dieses Übel besser zu akzeptieren. Mit der Diagnose waren die Ursachen plötzlich klar. Das trug dazu bei, den Umgang damit anders an mich heranzulassen.

Mit hormoneller Unterstützung und minimalem Gewichtsverlust ist es trotz PCOS sogar recht wahrscheinlich, Erfolge in Sachen Kinderwunsch zu erzielen. Zumindest bedeutet ein solches Syndrom nicht, gleich in Verzweiflung verfallen zu müssen, obwohl in manchen Fällen eine künstliche Befruchtung notwendig werden kann. Für einige Frauen bedeutet die Diagnose eine lange Zeit mit Hormonen, zerschlagenen Hoffnungen und wachsenden Enttäuschungen.

Das Körpergewicht hat großen Einfluss darauf, wie sich die PCOS-Symptome ausprägen. Dass es im umgekehrten Fall genauso das Gewicht beeinflusst, wusste ich zum damaligen Zeitpunkt leider noch nicht.

Ein Teufelskreis.

Mich im Spiegel zu betrachten und die Frau in mir zu sehen, die hinter ihrer starken Persönlichkeit eine komplexe Sensibilität nach innen kehrt, entfachte anfangs noch Wut und verursachte schmerzliche Gefühle.

Ich musste mich oft mit Gegebenheiten auseinandersetzen, die mir Tiefgang und Selbstzweifel abverlangt haben. Obwohl ich inzwischen zu der Erkenntnis gelangt war, dass mein Zutun seinen Anteil daran genommen hatte, fand ich mich schmunzelnd in der Spirale des Lebens wieder. Ich bin sehr selbstkritisch und mit einem Hang zum Perfektionismus ausgestattet, mit dem ich mir oft selbst im Weg stehe.

Ich schaffe es aber auch, in jeder Hürde eine Herausforderung zu sehen, und gräme mich viel zu ungern, als mich darin verlieren zu können. Ich habe eine recht hohe Belastungsgrenze und weiß, dass Selbstzweifel und Unmut einen nicht wirklich weiterbringen.

Also stürzte ich mich mit großen Erwartungen in die neue Aufgabe.

Zu Beginn der Behandlung wurden meine Eierstöcke mit einer Tablette hormonell stimuliert. Die unregelmäßigen Zyklen waren ein Indiz dafür, dass mein Hormonhaushalt die Heranreifung der erforderlichen Eizellen behinderte. Die Hormone sollten die Entwicklung nun anregen.

Es begann ein Marathon von Besuchen beim Frauenarzt. Alle paar Tage rannte ich noch vor Arbeitsbeginn wegen etlicher Ultraschalluntersuchungen in die Praxis.

Am Anfang zeigten sich zwei bis drei kleine vielversprechend heranwachsende Eizellen.

Ich war an und für sich sehr optimistisch, dass sich die vermuteten Hindernisse zerschlagen würden. Ich hatte keinen ernsthaften Grund dafür, davon auszugehen, dass mich der Kinderwunsch vor eine der größten Herausforderungen meines Lebens stellen könnte.

Doch bei meinem nächsten Kontrollbesuch kam der Doktor mächtig ins Schwitzen: elf sichtbar reife Eizellen, mehr als das Vierfache von dem, was er angestrebt hatte! Es war eine Dimension, die mein Arzt mit der Reproduktionsmedizin – das ist das medizinische Fachgebiet der künstlichen Fortpflanzung – verglich.

Er erläuterte mir das Risiko, unter diesen Voraussetzungen auf natürliche Weise schwanger zu werden, und riet eindringlich davon ab.

„Elflinge sind hoffentlich nicht in Ihrem Sinne!“, fasste er, etwas scherzhaft betont, zusammen.

Die Gefahr einer Mehrlingsschwangerschaft war sehr groß, ja sogar bedrohlich.

Wirklich traurig war ich darüber aber nicht. Ein solches Ergebnis mit nur einer einzigen Tablette erzielt zu haben, weckte vielmehr meine Zuversicht, überhaupt eine Schwangerschaft erzielen zu können, vielleicht sogar ohne langwierige Prozeduren.

Mit dem zweiten Anlauf und diesmal lediglich einer Vierteltablette waren die Voraussetzungen optimal. Für meinen Mann und mich war das der Startschuss, unseren Part zu erfüllen. Kleine Vernarbungen an den Eierstöcken zeigten den Sprung der gereiften Eizellen an.

Die Hoffnung wuchs mit jedem Tag – ohne allerdings erfüllt zu werden!

Mit dem Scheitern des zweiten Versuches schlichen sich neben dem Ausbleiben der Regelblutung aufflammende Enttäuschungen ein. Mein Frauenarzt probierte unterdessen, meinen Zyklus mit einer Art Antibaby-Pille hormonell in ein besseres Gleichgewicht zu bekommen.

Der erhoffte Erfolg weiterer Versuche blieb jedoch weiterhin aus.

Beruflich war ich als kaufmännische Angestellte in einer kleinen Filiale eines landwirtschaftlichen Unternehmens tätig, das mehrere Zweigstellen im Münsterland hatte. Die vielen Arztbesuche habe ich dort nicht mit der Überschrift „Kinderwunsch“ erklärt. Andere körperliche Beeinträchtigungen standen offiziell im Vordergrund. Bislang fielen die Termine ja auch nicht zum Nachteil meiner Arbeitszeit oder -leistung aus.

Die Behandlung setzte monatsweise aus: Zyklusstörungen und eine Blinddarm-OP schoben sich dazwischen. Ich stürzte mich in die Arbeit und übernahm nach Verlängerung meines Vertrags, für mich ziemlich überraschend, die Leitung des kleinen Standortes.

Während sich meine berufliche Perspektive stark veränderte, versank ich emotional in erhebliche Unzufriedenheit.

Mein Leben war nie darauf ausgerichtet gewesen, Karriere machen zu wollen; meine endgültige Berufswahl hatte einen rein pragmatischen Ursprung, eine Entscheidung, die sich gegen meine eigentlichen Vorstellungen richtete. Ich sah mich nie in einem kaufmännischen Beruf, fand aber genau darin, überraschenderweise, mein Arrangement mit mir selbst.

Einen Großteil meiner Freizeit widmete ich meinen häuslichen Verpflichtungen, meiner Familie und vor allem dem Sohn meines Mannes. Mein Mann war beruflich sehr eingespannt und viel unterwegs. Meinen Urlaub und Überstundenausgleich richtete ich nach den Tagen oder Wochen, die sein Sohn bei uns sein wollte. Er war so gern bei uns, dass es mir eine große Freude war, meinen Anteil daran zu haben. Mein Mann bekundete sogar scherzhaft, dass sein Sohn offenbar lieber mich als ihn besuchen käme.

Wir Frauen sind uns inzwischen auf einer Toleranzebene begegnet, an der wir stetig arbeiten mussten – jede auf ihre ganz eigene Weise.

Die nächsten Versuche scheiterten ebenfalls trotz nahezu perfekter Bedingungen: ein halbwegs geregelter Zyklus, Aufbau der Gebärmutterschleimhäute, heranwachsende Eizellen und zu beobachtende Eisprünge.

Es wurde zunehmend schwieriger für mich, einem Kind, das nicht meins war, Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken, ohne ein Gefühl der Traurigkeit zu verspüren. Es zu umarmen und zu Bett zu bringen, herumzutollen und zu toben, zu lachen und zu kuscheln: Das alles wurde von einem lachenden und einem weinenden Auge begleitet.

Es mag sein, dass ich insgesamt dünnhäutiger wurde.

Ich ärgerte mich zusehends über einzelne Personen, die meine Fürsorge und Verantwortung mit Dreck beschmutzten. Der Klatsch und Tratsch ging mir sehr nah. Eine Schleife mit System, die ich anfangs nicht einzuschätzen wusste. Im Grunde genommen hätte es mir eigentlich gleichgültig sein müssen, weil es an unserer Beziehung nichts änderte und ich einen Großteil Menschen um mich herum hatte, die meine Zuwendung sehr zu schätzen wussten. Aber ich bin ein Mensch der Harmonie und Fairness. Auf Ungerechtigkeiten und Machenschaften reagiere ich sehr sensibel und revolutionär.

Die Kehrseite der Medaille!

Ein Disput, der nie offen mit mir ausgetragen wurde.

Das Innehalten meiner Wut verwandelte sich in überflüssige Streitigkeiten zwischen mir und meinem Mann. Ich hatte das Gefühl, dass mein Mann sich nicht so positionierte, wie er es mir als Partner an meiner Seite schuldig gewesen wäre. Ich solle doch das Gerede nicht so wichtig nehmen. Jeder Widerstand wäre ein weiterer Anlass, Öl ins Feuer zu gießen. Ich würde mit meiner Offensive nur das Gegenteil von dem erzielen, was ich beabsichtigte. Mein Kopf konnte seine Zurückhaltung nachvollziehen, aber meinen Emotionen hätte es manchmal gutgetan, wenn er lauter und bestimmter Stellung bezogen hätte. Der persönliche Anspruch mir selbst gegenüber, mich auf das Wesentliche zu besinnen, war stärker, als mich unterkriegen zu lassen. Ich versuchte, mich darüber hinwegzusetzen und eine überlegenere Haltung einzunehmen.

Die Unzufriedenheit mit meinem Körper, der in keiner Weise mehr so funktionierte, wie ich es gern wollte, war wie eine Hülle, in der ich mich gefangen fühlte.

In meinem Freundeskreis gewann das Thema Kinderkriegen immer mehr an Präsenz. Vielleicht war es ein Selbstschutz, mir, meinen Freundinnen und anderen gegenüber nicht eingestehen zu wollen, dass sich Eifersucht in mich hineinfraß. Ich fand Gründe dafür, unseren Treffen aus dem Weg zu gehen, und suchte nach Ausreden, mit denen ich mich besser fühlte.

Die Arbeit war ein Ort des Rückzugs. Doch als meine Kollegin, die eigentlich gar keine Kinder haben wollte, plötzlich schwanger wurde, traf mich diese gefühlte Ungerechtigkeit mitten ins Herz. Wir sprachen offen darüber, denn ausgerechnet ihr hatte ich mich anvertraut.

Meine glückliche Arbeitssituation war Geschichte: ein Kollege gerade gekündigt, meine Kollegin schwanger und in absehbarer Zeit im Mutterschutz.

Eine andere Zweigstelle sollte generalüberholt und mein neuer Arbeitsplatz werden.

Ich fand keinen Ort der Zuflucht mehr, außer in meinen Gedanken. Mir ist erst sehr viel später bewusst geworden, dass mich diese Phase bereits sehr verändert hat.

Sex verlor immer mehr von der Bedeutung körperlicher Leidenschaft und Anziehung. Den perfekten Zeitpunkt zu erwischen, nach Kalender und Befruchtungsphase, mehr Muss als Lust. Ein verheizter Akt der Begierde, weil nur noch der Kinderwunsch im Vordergrund stand.

Mit der Umgestaltung der neuen Arbeitssituation wurde mein Arbeitsvertrag entfristet. Doch ein sehr tragisches Ereignis, das sich binnen kürzester Zeit, nachdem ich die Zweigstelle gewechselt hatte, aufgetan hatte, brachte bald wieder eine berufliche Veränderung: Der Chefbuchhalter war an Leberkrebs erkrankt und starb nach wenigen Wochen – eine Dramatik, auf die ich besonders empathisch regierte, weil der Krebs meine Mutter erst kurz zuvor zur Witwe gemacht hatte. Ich wurde ins Büro der Hauptstelle eingebunden und fand meinen Platz unter Kollegeninnen und Kollegen in der Buchhaltung. Es war eine Position, an der ich mehr Gefallen finden konnte als an der vorigen. Es ging lustig zu, eine Atmosphäre, die mir wieder sehr gut tat. Umso wichtiger war es, nun mit offenen Karten zu spielen. Ich wollte nicht riskieren, dass die vielen Arztbesuche einen Eindruck vermittelten, der sich leicht fehlinterpretieren ließ.

Auf Anraten meines Frauenarztes unterzog ich mich nach fast anderthalb Jahren Behandlung einer Gebärmutter- und Eileiterspiegelung.

Mein Mann hatte sich kurz zuvor untersuchen lassen, ob das Ausbleiben einer Schwangerschaft vielleicht auch an ihm liegen konnte, allerdings ohne Befund. Demnach war der Eingriff, der unter Narkose in der Praxis vorgenommen werden würde, unumgänglich.

Insgeheim hoffte ich, dass sich eine Ursache finden ließe, damit diese ewige Ungewissheit endlich ein Ende finden würde. Völlig in der Luft zu schweben und nicht zu wissen, was mit einem ist oder woran man ist, konnte und kann ich mit mir schlecht vereinbaren. Ich bin ein Mensch der Antworten braucht. Mit schmerzlichen oder unangenehmen Antworten kann ich besser leben, als mir irgendetwas zusammenreimen zu müssen, das eine Antwort ersetzen soll.

Es stellte sich heraus, dass beide Eileiter verschlossen waren. Nur bei einem gelang es, mit erheblichem Nachdruck die Kontrastflüssigkeit minimal durchzuspülen. Der zweite war dermaßen aufgequollen und regelrecht entstellt, dass ein Durchkommen hier vollkommen unmöglich war.

Die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, war zwar nicht hundertprozentig auszuschließen, aber doch so gering, dass ich an Spezialisten der Reproduktionsmedizin überwiesen werden musste. Ich nahm diese Erkenntnis zunächst erstaunlich gut auf.

Denn ich war gewissermaßen froh, dass innerlich etwas Ruhe eingekehrte, dass sich der Zustand zwischen meinem Mann und mir wieder entspannen konnte.

Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto unwohler wurde mir. Ich wusste nicht viel über künstliche Befruchtung. Wollte ich diesen Schritt überhaupt gehen?

Im Rückblick betrachtet, habe ich nie ernsthaft erwogen, diesen Schritt nicht zu wagen.

Informationsbroschüren oder Erfahrungsberichte schilderten die hohe Belastung, physisch wie auch psychisch. Sich darüber bewusst zu sein, einer künstlichen Befruchtung entgegenzugehen, war ein Einschnitt, den ich – trotz sehnlichstem Wunsch – kritisch betrachtete.

Kann ich das Risiko und die ethischen Aspekte mit mir vereinbaren? Habe ich den Mut, auch die Konsequenzen und Risiken, die mit einer künstlichen Befruchtung behaftet sind, zu tragen?

Ein Informationsabend für betroffene Paare in der Kinderwunschpraxis gewährte mir und meinem Mann einen Einblick in die Methoden, in finanzielle Aspekte und Erfolgsquoten. Das anschließende Beratungsgespräch mit einer Ärztin stimmte mich sehr nachdenklich. Denn in der Theorie mag das alles recht wissenschaftlich-vielsagend klingen, aber in der Praxis wird es eine ganz andere Betrachtung finden.

Ich hatte einen ungeheuren Respekt, in Gottes Handwerk zu pfuschen. Ein Gedanke, der zwangsläufig in mir aufkam, dann aber wieder verschwand.