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Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) war der letzte Universalgelehrte, der diesen Namen verdient. Als Mathematiker und Physiker, als Historiker und Sprachwissenschaftler stand er an der Spitze der Wissenschaften seiner Zeit. Die vorliegende Monographie gibt einen Überblick zu Leben und Werk dieses großen Denkers, dem die Verbindung von Theorie und Praxis, die Anwendung der Wissenschaft zum Nutzen aller Menschen oberste Maxime war. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2016
Reinhard Finster • Gerd van den Heuvel
Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) war der letzte Universalgelehrte, der diesen Namen verdient. Als Mathematiker und Physiker, als Historiker und Sprachwissenschaftler stand er an der Spitze der Wissenschaften seiner Zeit. Die vorliegende Monographie gibt einen Überblick zu Leben und Werk dieses großen Denkers, dem die Verbindung von Theorie und Praxis, die Anwendung der Wissenschaft zum Nutzen aller Menschen oberste Maxime war.
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Reinhard Finster, geb. 1955. Studium der Philosophie, Germanistik und Politischen Wissenschaften an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken und an der Universität Trier. 1981–1982 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Trier. 1984 Forschungsaufenthalt an der University of Toronto. 1985 Promotion an der Universität Trier; 1985–1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Leibniz-Archiv der Niedersächsischen Landesbibliothek, Hannover.
Gerd van den Heuvel, geb. 1954. Studium der Geschichte, Germanistik und Politischen Wissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. 1979–1983 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bamberg. 1984 Promotion an der Ruhr-Universität. Seit 1985 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Leibniz-Archiv der Niedersächsischen Landesbibliothek, Hannover.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2016
Copyright © 1990 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Covergestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt
Coverabbildung Umschlagabbildung: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek - Niedersächsische Landesbibliothek, Hannover (Leibniz. Porträt eines unbekannten Künstlers)
ISBN 978-3-644-57542-4
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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«21. Junii am Sontag 1646 ist mein Sohn Gottfried Wilhelm … ¼ uff 7 uhr abents zur welt gebohren».[1] So vermerkte Friedrich Leibnütz, Aktuar und Professor der Moral an der Universität Leipzig, in der Familienchronik die Geburt seines ersten Kindes aus dritter Ehe, die er 1644 mit Catharina Schmuck, der Tochter eines angesehenen Leipziger Juristen, geschlossen hatte. Eine Schwester, Anna Catharina, wurde 1648 geboren. Deren Stiefsohn Friedrich Simon Löffler (geb. 1669) wird später Leibniz’ Universalerbe.
Leibniz’ Eltern, zu deren Vorfahren Beamte, Lehrer, Theologen, Bergtechniker und Gewerbetreibende zählten, konnten sich dem gelehrten Bürgertum der bedeutendsten sächsischen Universitäts- und Handelsstadt zurechnen. Leipzig hatte als lohnende Beute aller kriegführenden Parteien die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs schmerzlich erfahren müssen, und die Hauptaufgabe des Vaters war es neben seiner Tätigkeit als Notar gewesen, den Bestand der Universität in diesen unruhigen Zeiten zu sichern.
Den Familiennamen führte Leibniz bei späteren Sprachforschungen auf slavische Ursprünge zurück; Orts- und Flussnamen wie Lipnice, Lübnitz, Lipnita finden sich in weiter Streuung von Bayern bis zur Ukraine und in größerer Zahl auch zwischen Elbe und Saale, wo die Familie beheimatet war. Die uns vertraute Namensform gebrauchte Leibniz seit 1671. Zu seinen Vorfahren zählte auch der Hauptmann Paul von Leubnitz, der für seine Dienste im Jahre 1600 nobilitiert worden war und ein Wappen führen durfte. Der kinderlos gestorbene Vorfahre konnte diesen Adel nicht weitergeben; allerdings blieb sein Wappen im Gebrauch der Familie, und auch Leibniz hat es als Siegel – mit leichten heraldischen Änderungen – seit 1676 benutzt. Für eine Verleihung des Adels an Gottfried Wilhelm Leibniz gibt es keinen Nachweis, auch wenn zahlreiche Publikationen späterer Zeit dem «Freiherrn von Leibnitz» dieses Prädikat zusprachen. Er selbst hat sich aber seit 1700 bisweilen im Briefwechsel mit fürstlichen Personen und Beamten und in offiziellen Urkunden, wie der Ernennung zum Präsidenten der Berliner Akademie der Wissenschaften, des Adelsprädikats bedient, wobei Eitelkeiten des geschätzten Gesprächspartners und Beraters von Königen und Fürsten sowie das Ringen um Einfluss und Gewicht des bürgerlichen Gelehrten in der höfischen Gesellschaft zum Nutzen seiner zahlreichen Projekte gleichermaßen als Motiv gedient haben mögen.
Über Leibniz’ Kindheit besitzen wir nur wenige Nachrichten durch Selbstzeugnisse aus späterer Zeit. Besonders in Erinnerung geblieben war ihm die frühe Lektüre, die der Vater noch vor der Schulzeit förderte. Als ich heranwuchs, so berichtete er Jahrzehnte später, fand ich am Lesen von Geschichten ein außerordentliches Vergnügen. Die Histori und poesin auch notitiam rei literariae haben ich als noch ein Knabe anstatt des Spiels geliebet.[2] Kaum sechsjährig verlor Leibniz im September 1652 seinen Vater; die Mutter, von der wir nur wenige Charakterzüge der frommen, treusorgenden Frau aus den Stereotypen der zeitgenössischen Leichenpredigten kennen, starb 1664.
Im Juli 1653 begann Leibniz seine Schulzeit in der Nicolaischule, die er bis Ostern 1661 besuchte. Die gleichzeitig mit dem Schulbeginn erfolgte Immatrikulation an der Leipziger Universität war ein Privileg, das ihm als Professorensohn zustand. Der Unterricht konnte den lernbegierigen Schüler nur wenig fesseln, und so begann er, kaum achtjährig, als Autodidakt mit der Lektüre lateinischer Texte. Ein neueres historisches Werk erschloss sich ihm leicht, weil er die Materie aus deutschen Texten kannte. Das klassische Latein des Livius bereitete ihm anfangs einige Schwierigkeiten, weil es aber eine alte Ausgabe mit Holzschnitten war, so betrachtete ich diese eifrig, las hier und da die darunterstehenden Worte … und was ich gar nicht verstand, übersprang ich. Als ich dies öfter getan, das ganze Buch durchgeblättert hatte … verstand ich viel mehr davon. Darüber hocherfreut, fuhr ich ohne irgendein Wörterbuch fort, bis mir das meiste ebenso klar war, und ich immer tiefer in den Sinn eindrang.[3] Auf Anraten eines Freundes der Familie öffnete sich dem Knaben 1654 die bislang verschlossene väterliche Bibliothek, die er gleichsam verschlang und die ihm die lateinischen Klassiker ebenso vertraut werden ließ wie die Kirchenväter, die Grundlagen der aristotelischen Logik und die Metaphysik der Scholastiker. Das Lateinische beherrschte er in Wort und Schrift bald in solcher Perfektion, dass er 1659 anlässlich einer Schulfeier ein Pfingstgedicht von 300 Hexametern anstelle eines erkrankten Mitschülers in nur einem Vormittag niederschrieb und unter dem Beifall der Lehrer vortrug.
Mit den Grundlagen des Fachs bestens vertraut, begann Leibniz im April 1661 das Studium der Philosophie an der Universität seiner Heimatstadt. Daneben hörte er Vorlesungen über Mathematik, griechische und lateinische Poesie. Im vierten Semester zum Baccalaureus promoviert, verteidigte er 1663 unter dem Vorsitz von Jakob Thomasius seine erste akademische Schrift, die Disputano metaphysica de principio individui, in der die Grundlagen seiner späteren Metaphysik bereits anklingen. Im Sommer 1663 wechselte Leibniz für ein Semester zur Universität Jena, wo der Mathematiker und Philosoph Erhard Weigel, der mit mathematischer Beweisführung die Widersprüche der Scholastiker aufdeckte, besonderen Einfluss auf die weitere intellektuelle Entwicklung des Studenten gewann.
Zurück in Leipzig begann Leibniz im Wintersemester des Jahres 1663 ein juristisches Fachstudium. Von der ihm bekannten Theorie eher gelangweilt, wurde er durch einen Assessor am Leipziger Hofgericht mit der juristischen Praxis vertraut, während er gleichzeitig seinen übrigen wissenschaftlichen Neigungen nachging, über nichts glücklicher, als daß ich meine Studien nicht nach der Meinung anderer, sondern nach meinem eigenen Willen gestaltet hatte[4]. Aber trotz weiterer hervorragender Veröffentlichungen blieb ihm letztlich die Anerkennung der Universität Leipzig versagt. Die Promotion zum Doktor beider Rechte wurde dem kaum Zwanzigjährigen nicht gestattet, weil ältere Bewerber sich übergangen fühlten. Mehr als 40 Jahre später, auf dem Gipfel seiner Reputation, wird Leibniz ohne Groll, aber mit etwas Ironie und offener Genugtuung über die Wende, die sein Leben damit nahm, auf diese Episode zurückblicken. Ich liebe Leipzig, so schreibt er 1708 dem Leipziger Theologen Adam Rechenberg, wie es sich für die Heimat geziemt, und habe nicht das Gefühl, daß sie gegen mich undankbar war. Ich habe keinen Grund zur Klage darüber, daß ich als junger Mann und fast noch ein Knabe unter so vielen Männern, die an Alter und Gelehrsamkeit hervorragten, nicht auffiel. Dennoch reut mich meine Ungeduld nicht. Die Irrtümer der Menschen werden durch die göttliche Vorsehung gelenkt, so daß oft schlechte Entschlüsse zum Guten führen.[5]
Ohne lange zu zögern verließ Leibniz seine Vaterstadt, brennend vor Begierde, größeren Ruhm in den Wissenschaften zu erwerben und die Welt kennenzulernen[6]. Er wechselte zur nürnbergischen Universität Altdorf und erwarb dort unter dem größten Beifall der juristischen Fakultät mit der Disputado de casibus perplexis in jure den Doktorgrad. Die glänzende universitäre Karriere, die sich Leibniz nun mit 21 Jahren durch das Angebot einer Professur an der Universität der Reichsstadt eröffnete, schlug er aus. Bestimmend für diesen Entschluss war wohl die Einsicht, dass die Entfaltung und praktische Anwendung seiner Fähigkeiten in den verkrusteten Strukturen einer Universität kaum gelingen würde. Noch ein halbes Jahr blieb er in Nürnberg, gewann dort Zugang zu einer alchimistischen Gesellschaft, über deren Obskurantismus er sich in späteren Jahren zwar mokierte, an deren Laboratoriumsversuchen er aber doch einige Zeit wohl selbst teilgenommen hat. Im Herbst des Jahres 1667 verließ Leibniz Nürnberg, zunächst mit dem Ziel Holland.
In Frankfurt, das er Ende November 1667 erreichte, besuchte Leibniz einen entfernten Verwandten. Bei ihm stellte er, wie schon in Leipzig und Nürnberg, einen Schuldschein auf das ererbte elterliche Vermögen aus; es war wohl die einzige Einnahmequelle, über die der gerade promovierte Jurist zu dieser Zeit verfügte. So mag auch seine finanzielle Lage ihn bewogen haben, zunächst in Frankfurt zu bleiben und von dort aus Möglichkeiten für eine Anstellung zu sondieren, was dem kontaktfreudigen und eloquenten jungen Mann leichtfiel. Bekanntschaften mit einflussreichen Persönlichkeiten, die Leibniz wahrscheinlich von Frankfurt aus knüpfte, sollten seinen weiteren Lebensweg zwischen Wissenschaft und Politik wesentlich mitbestimmen. Nur sehr beiläufig schildert er aus der Erinnerung diese Zeit. Als ich aber durch Maynz passiret, der meinung nach Holland und weiter zu gehen, bin ich bey dem dahmaligen berühmten Churfürsten Johann Philipp in Kundschafft kommen, der mich bey sich behalten … und habe alda angefangen mit den gelehrtesten Leuten in und außer Teutschland zu correspondiren.[7]
Die Aufgaben, für die sich Leibniz in Mainz empfahl, waren jedoch kaum zufällig an ihn herangetragen worden. Von Frankfurt aus besuchte er im Herbst 1667 den Mainzer Hofrat Lasser, der den Auftrag erhalten hatte, eine Neufassung des «Corpus juris» zu entwerfen. Leibniz gelang es, seine eigenen Vorstellungen zur Systematisierung des Rechts überzeugend zu entwickeln, und zwar nicht nur im Gespräch, sondern auch in seiner eilends, ohne Handbibliothek und nach eigenen Angaben in Wirtshäusern verfassten Reformschrift Nova Methodus discendae docendaeque jurisprudentiae, die er umgehend drucken ließ und dem Mainzer Kurfürsten widmete. Leibniz erhielt wenig später bei wöchentlicher Bezahlung eine Anstellung bei Lassers Unternehmen.
Etwa zur Zeit, als er diese Reformschrift zur Rechtslehre schrieb, lernte Leibniz den Mann kennen, der ihm die Welt der großen Politik eröffnete, zu der er sich als Berater bis zu seinem Lebensende immer wieder hingezogen fühlte, auch wenn Erfolg und Anerkennung ihm meist versagt blieben. Der zum Katholizismus konvertierte Diplomat Johann Christian von Boineburg, bis 1664 kurmainzischer Minister, dann wegen grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten über die Anlehnung an Frankreich in Ungnade gefallen, traf Leibniz gerade zu dem Zeitpunkt, als sich eine Aussöhnung mit dem Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn anbahnte. Leibniz wurde persönlicher Berater Boineburgs und entwarf in seinem Auftrag unter Pseudonym eine Denkschrift, die dem Diplomaten helfen sollte, die anstehende Königswahl in Polen für den Pfalzgrafen Philipp Wilhelm von Neuburg zu entscheiden. Die more geometrico, d.h. mit mathematischer Beweisführung für den Kandidaten als einzig möglichem König plädierende Schrift gelangte allerdings erst zum Druck, als die Wahl bereits zugunsten eines polnischen Bewerbers entschieden war.
Schon in den ersten Monaten in Mainz wird ein Grundzug von Leibniz’ universalistisch ausgerichteter, damit oftmals aber auch sehr sprunghafter Arbeitsweise deutlich: An allen theologischen, wissenschaftlichen und politischen Fragen seiner Zeit Anteil nehmend, entwirft er Abhandlungen zu religiösen Streitfragen, philosophischen, philologischen, physikalischen, mathematischen und historischen Problemen, widmet sich weiterhin der Justizreform, ist für die Familie Boineburg als Anwalt unterwegs, macht Eingaben an den Kaiser, um ein Privileg für eine wissenschaftliche Zeitschrift zu erwerben, und knüpft innerhalb kurzer Zeit ein weitverzweigtes Korrespondentennetz, das ihn am Ende seines Lebens mit mehr als 1100 Briefpartnern aus sechzehn Ländern in gedanklichen Austausch gebracht haben wird.
Im Sommer 1670 erhielt Leibniz die Anerkennung für seine Leistungen im Dienste des Kurfürsten. Obgleich Protestant, wurde er zum Revisionsrat am Oberappellationsgericht des Erzbistums ernannt. Neben diesem Brotberuf, der ihn finanziell sicherte, aber in keiner Weise ausfüllte, verstärkte er noch seine übrigen Aktivitäten. Für Boineburg arbeitet er dessen Vorstellungen aus zu einem Reichsbund deutscher Fürsten zwischen den Großmächten Frankreich und Österreich (Bedenken welchergestalt Securitas publica interna et externa und Status praesens im Reich auf festen Fuß zu stellen), er legt die Grundzüge einer universell ausgerichteten Akademie zur Wissenschaftsplanung dar, für deren Verwirklichung er später in Berlin, Dresden, Wien und beim russischen Zaren unermüdlich wirbt, und schließlich entwickelt er – wiederum in enger Konsultation mit dem Freiherrn von Boineburg – einen politischen Plan zur Ablenkung des französischen Expansionsdrangs in Europa, den Ägyptischen Plan.
Angesichts der französischen Besetzung Lothringens im September 1670 und die Bedrohung Hollands vor Augen, erhielt Leibniz den Auftrag, persönlich am französischen Hof eine Denkschrift zu übergeben, die Ludwig XIV. nahelegte, statt eines Kriegs in Europa eine Art Kreuzzug gegen das reiche moslemische Ägypten durchzuführen. Als Leibniz Ende März 1672 in Paris eintraf, war der Plan durch die politischen Ereignisse bereits überholt; der Einmarsch nach Holland stand unmittelbar bevor, und auch eine Audienz bei Ludwig XIV., in der der Mainzer Gesandte – ohne Leibniz’ Begleitung – einen neuen Heiligen Krieg vorschlug, konnte den französischen König von seinen Kriegszielen nicht mehr abbringen. Die zahlreichen Entwürfe und Umarbeitungen des Ägyptischen Plans wurden nicht mehr veröffentlicht. Eine lange Zeit gehegte Vermutung, Napoleon sei durch ein Leibniz’sches Manuskript zu seinem Ägypten-Feldzug von 1798 angeregt worden, gehört ins Reich der Legende. Allerdings erfuhr Napoleon nachträglich von Leibniz’ Plan.
War die politische Mission, zu der Leibniz nach Frankreich aufgebrochen war, auch auf der ganzen Linie erfolglos, so eröffnete doch Paris als Zentrum europäischer Kultur und Wissenschaft dem jungen Gelehrten Entfaltungsmöglichkeiten, wie sie wohl an keinem anderen Ort – außer vielleicht in London – zu dieser Zeit gegeben waren. Noch 1672 macht er Bekanntschaft mit den Mathematikern Pierre de Carcavy und Christiaan Huygens, gewinnt Zugang zu mehreren gelehrten Zirkeln, und über Jean Gallois, den Sekretär der Académie des Sciences, werden erste Kontakte zu dieser prestigeträchtigsten Vereinigung der Wissenschaften in Frankreich geknüpft.
Noch immer in Diensten des Mainzer Kurfürsten nahm Leibniz im Januar 1673 an einer Gesandtschaft nach England teil. Im Gepäck hatte er bereits ein erstes Modell seiner Rechenmaschine, die er unter den kritischen Augen der Mitglieder der Royal Society mit solchem Erfolg vorführte, dass er im April desselben Jahres zum Mitglied dieser berühmten wissenschaftlichen Gesellschaft ernannt wurde. Während dieses nur gut einmonatigen England-Aufenthalts gewann er Einblick in die chemischen Experimente von Robert Boyle und wurde durch den Kreis um Newton mit dem neuesten Kenntnisstand der Physik und Mathematik vertraut, den er, zurück in Paris, vor allem im Gespräch mit Christiaan Huygens vertiefte und in der Mathematik bis hin zur eigenständigen Entdeckung des Infinitesimalkalküls fortentwickelte.
Durch den Tod seines Gönners und Freundes Boineburg Ende 1672 und des Mainzer Kurfürsten Anfang 1673 verschlechterte sich unterdessen Leibniz’ persönliche Situation. Ohne feste Besoldung vermochte er sich nur eine Zeitlang durch juristische Gutachten finanziell über Wasser zu halten, doch reichte dies nicht aus, auf Dauer in Paris zu bleiben, zumal der Bau der Rechenmaschine, den er auch in Paris von einem französischen Mechaniker fortführen ließ, erhebliche Kosten verursachte. Seit 1673 sondierte er deshalb Angebote verschiedener Fürstenhäuser, in ihre Dienste zu treten, betonte dabei jedoch stets, dass es ihm nicht darum gehe, so viel Geld wie möglich anzuhäufen … sondern meinen Geist zufriedenzustellen, indem ich etwas Greifbares und Nützliches für das allgemeine Wohl leiste. Ich gestehe auch, so charakterisiert er bei dieser Gelegenheit seine eigene Person, daß ich einen Fehler habe, der in der Welt als schwerwiegend gilt: nämlich häufig gegen das Zeremoniell zu verstoßen und bei der ersten Begegnung keinen allzu guten Eindruck zu machen. Wenn man auf diese Dinge großes Gewicht legt … und wenn es gilt zu trinken, um zu gelten, so wissen Sie selbst, daß ich dann fehl am Platze bin.[8]
Der Versuch, durch Ämterkauf in Frankreich an ein gesichertes Einkommen zu gelangen, scheiterte ebenso wie die ersehnte Aufnahme in die Académie des Sciences; und auch die Hoffnung, daß ich ein amphibisches Wesen sein werde, das bald in Deutschland, bald in Frankreich lebt[9], ein Gelehrter, der in freier Selbstbestimmung die selbstgesteckten wissenschaftlichen Aufgaben zum Nutzen der Allgemeinheit verfolgt, erfüllte sich nicht. So entschloss sich Leibniz 1676, das mehrmals wiederholte Angebot des hannoverschen Herzogs Johann Friedrich, als Hofrat und Bibliothekar in seine Dienste zu treten, anzunehmen. Vom Herzog mehrfach gedrängt, nach Hannover überzusiedeln, verließ Leibniz im Oktober 1676 Paris, hielt sich noch einmal für zehn Tage in London auf, wo er Einblick in die Papiere Newtons nahm, nutzte die Rückfahrt durch Holland u.a. zu philosophischen Gesprächen mit Spinoza im Haag und traf endlich Mitte Dezember 1676 in Hannover ein, das für die ihm verbleibenden 40 Jahre seines Lebens zur hauptsächlichen Wirkungsstätte werden sollte.
So berühmt und geschätzt Leibniz schon zu Lebzeiten war, so wenig erfahren wir von den Zeitgenossen über Persönlichkeit und Charakter des Universalgelehrten. Die meisten Aussagen dazu gehen auf Leibniz selbst zurück, der sich zu Beginn seiner hannoverschen Tätigkeit so sieht: Er ist hagerer mittelmäßiger Statur, hat ein blasses Gesicht, sehr oft kalte Hände, Füße, die wie die Finger seiner Hände nach Verhältniß der übrigen Theile seines Körpers zu lang und zu dünn sind, und keine Anlage zum Schweiß. Er hat bräunliches Haar auf dem Haupte, am Leibe ist er nur sparsam damit versehen. Er hatte von Kindheit an kein scharfes Gesicht, seine Stimme ist schwach und mehr fein und hell als stark … Er hat schwache Lungen, eine trockene und hitzige Leber und Hände, die mit unzähligen Linien durchkreuzt sind. Er liebt das Süße z.B. den Zucker, womit er auch den Wein zu vermischen pflegt … Sein nächtlicher Schlaf ist ununterbrochen, weil er spät zu Bette geht und das Nachtsitzen dem Arbeiten am frühen Morgen bei weitem vorzieht. Schon seit seinem Knaben-Alter führte er eine sitzende Lebensart und machte sich wenig Bewegung … Sein Hang zur Gesellschaft ist schwächer als derjenige, welcher ihn zum einsamen Nachdenken und zur Lectüre treibt. Befindet er sich aber in einer Gesellschaft, so weiß er sie ziemlich angenehm zu unterhalten, findet aber seine Rechnung mehr bei scherzhaften und heiteren Gesprächen als bei Spiel oder Zeitvertreiben, welche mit körperlicher Bewegung verbunden sind. Er geräth zwar leicht in Hitze, sein Zorn ist aufbrausend, geht aber schnell vorüber. Man wird ihn nie weder ausschweifend fröhlich, noch traurig sehen. Schmerz und Freude empfindet er nur mäßig. Das Lachen verändert häufiger seine Mine, als es seine innern Theile erschüttert.[10]
Die Stadt, in der Leibniz nun eine Anstellung fand, hatte kaum 10000 Einwohner und war erst 40 Jahre zuvor nach den welfischen Erbteilungen 1636 von den Herzogen von Braunschweig-Lüneburg calenbergischer Linie zur Residenz gewählt worden. Sie vermittelte noch wenig vom Glanz barocker Pracht, die nach 1680 mit dem Ausbau der Oper und der Errichtung der Sommerresidenz Herrenhausen im Rahmen der Möglichkeiten eines mittelgroßen absolutistisch regierten Staates zur Geltung kommen sollte. Leibniz trat in den Dienst eines Fürsten, der, Kunst und Wissenschaft gegenüber aufgeschlossen, aus persönlicher Frömmigkeit zum Katholizismus übergetreten war, die in großer Mehrheit protestantische Bevölkerung seines Landes in Glaubensfragen aber unbehelligt ließ. Johann Friedrich prägte damit eine Atmosphäre der Toleranz und gegenseitigen Verständnisses, die sich mit dem Leibniz’schen Grundsatz deckte, dass jede Lehre einen Kern der Wahrheit enthalte und es darauf ankomme, aus allen Theorien und Meinungen das Richtige zu nehmen und in Harmonie zu verbinden. Das galt sowohl für Fragen der Wissenschaft wie für religiöse Anschauungen, die Leibniz in Hannover vor allem zusammen mit dem Loccumer Abt Gerhard Wolter Molanus in den Reunionsgesprächen mit der katholischen Kirche wie in den Unionsbemühungen von Calvinisten und Lutheranern auszugleichen suchte.
Leibniz wohnte zunächst im herzoglichen Schloss an der Leine in den Räumen der Bibliothek, die er in den nächsten Jahren systematisch erweiterte. Als Hofrat war er in die Arbeit der obersten Justizbehörde des Landes eingebunden, doch brachte der Herzog genug Verständnis auf, wenn Leibniz sich anderen Aufgaben widmete. Tatsächlich, so schreibt er 1678, möchte ich nicht verurteilt sein, einzig und allein die Sisyphusarbeit der Gerichtsgeschäfte wie einen Felsblock zu wälzen.[11] Ihm blieb genügend Zeit für das philosophische Gespräch, für seine weiter wachsende Korrespondenz und für die Lösung mathematischer und naturwissenschaftlicher Probleme.
Seine juristische Kompetenz machte sich der Herzog, um Rangerhöhung und Ansehen seines Landes im Konzert der europäischen Mächte bemüht, vor allem in politischen und staatsrechtlichen Grundsatzfragen zunutze. Leibniz’ wichtigste Denkschrift auf diesem Gebiet unter Johann Friedrich, mit der er unter dem Pseudonym Caesarinus Fürstenerius das Gesandtschaftsrecht des Hauses Hannover auf dem Friedenskongress von Nimwegen 1679 gegen den kaiserlichen und kurfürstlichen Alleinvertretungsanspruch begründen wollte, löste mit der These von der doppelten, in Harmonie einander ergänzenden Souveränität von Kaiser und Reichsfürsten auch an den Universitäten erhebliche Diskussionen aus. Das aufgrund seiner verworrenen Herrschafts- und Rechtsverhältnisse von dem Staatsrechtler Samuel Pufendorf als «einem Monstrum ähnlich» apostrophierte Deutsche Reich besaß in den Augen von Leibniz durchaus die Voraussetzungen, föderale Strukturen und Reichsidee zum beiderseitigen Nutzen von Kaiser und Territorien zu erneuern.
Rastlos entwickelte Leibniz Pläne zur Reform der Staatsverwaltung, zur Verbesserung von Ackerbau und Manufakturwesen, zur Prüfung und Anwendung technischer Neuerungen – Vorschläge, mit denen er stets auch eine Aufwertung seiner eigenen Stellung in der Hierarchie der Hofgesellschaft anstrebte. Nacheinander brachte er sich mit Denkschriften als Direktor des Archivwesens, als Verwalter des säkularisierten Klosterguts oder als technischer Direktor des Harzer Bergbaus ins Gespräch, ohne dass allerdings dieses Feuerwerk von Projekten, die damit verbunden waren, große Beachtung fand. Einzig die Vorschläge zur Entwässerung der Harzer Bergwerke mittels Windkraft führten 1679 zwischen dem Herzog, dem Bergamt und Leibniz zu einem Vertrag, durch den Leibniz, mit Gewinn und Verlust an diesem Unternehmen beteiligt, Gelegenheit gegeben wurde, seine technischen Neuerungen in der Praxis zu erproben. Leibniz verband damit die Hoffnung, sich Geldquellen für seine weitgesteckten Ziele der Wissenschaftsförderung und -anwendung zu erschließen.
Während einer Reise erreichte Leibniz Anfang Januar 1680 die Nachricht vom plötzlichen Tod seines Landesherrn. Für einen Moment erschien die Zukunft ungewiss, denn Amt und gegenseitige Treuepflicht waren im Verständnis der Zeit an die Person des jeweiligen Herrschers gebunden. Es ist kein Zufall, dass Leibniz in dieser Zeit der Ungewissheit damit beginnt, sich intensiv mit der Geschichte des Welfenhauses zu beschäftigen, wohl in der Absicht, auch auf dem Gebiet der Historiographie dem Haus Braunschweig-Lüneburg seine Dienste anbieten zu können. Im Februar suchte Leibniz den Nachfolger Johann Friedrichs, dessen Bruder Ernst August auf, der als protestantischer Fürstbischof zu dieser Zeit noch in Osnabrück residierte und Leibniz in seinen Ämtern bestätigte. Von den sporadischen Aufgaben in der Justizverwaltung weitgehend entbunden, wird Leibniz’ juristischer, politischer und historischer Sachverstand vom neuen Herrscher vor allem eingesetzt, um Erbansprüche, Standeserhöhungen und Glorie des fürstlichen Hauses in Denkschriften und Gutachten, Gedenkmünzen und geistreichen Glückwunschgedichten zu fürstlichen Hochzeiten zu untermauern. Für die wissenschaftlichen Projekte seines Hofrats hat der machtbewusste und repräsentationsfreudige Alleinherrscher wenig Verständnis. Der großzügige Etat, der Leibniz als Bibliothekar unter Johann Friedrich zur Verfügung stand, wird von ehemals 1500 Reichstalern pro Jahr auf weniger als 100 Taler zusammengestrichen, die Bibliothek selbst ist wegen Umbauarbeiten im Schloss für Jahre nicht benutzbar.
