Grado im Dunkeln - Andrea Nagele - E-Book

Grado im Dunkeln E-Book

Andrea Nagele

4,6

Beschreibung

Eine junge Frau wird nach einer Autopanne verschleppt und vergewaltigt. Sie ist nicht das erste Opfer. Commissaria Maddalena Degrassi steht unter Druck. Bisher wurde der Täter immer gestört, doch was, wenn ihm beim nächsten Mal mehr Zeit bleibt? Als wenig später eine Sechzehnjährige tot am Strrand von Grado gefunden wird, werden Maddalenas schlimmsten Befürchtungen war. Dabei war der Mord erst der Anfang....

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Andrea Nagele, die mit Krimi-Literatur aufgewachsen ist, leitete über ein Jahrzehnt ein psychotherapeutisches Ambulatorium. Sie betreibt auch heute noch in Klagenfurt eine psychotherapeutische Praxis. Mit ihrem Mann lebt sie in Klagenfurt am Wörthersee/Österreich und in Grado/Italien. »Grado im Dunkeln« ist ihr fünfter Kriminalroman. Neben den erfolgreichen Krimis stammt auch der Kultur-Reiseführer »111

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2017 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: fotolia.com/Barbara Lechner Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Marit Obsen eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-190-1 Ein Adria Krimi Originalausgabe

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Einem unbekannten rumänischen Lkw-Fahrer

1

»Ich habe kaum noch Benzin!« In Violettas Stimme schwang Sorge. »Ich fürchte, so schaffen wir es nicht mehr auf die Autobahn.«

»Dann lass uns gleich tanken. Hier ist es ohnehin günstiger.« Olivia bemühte sich, den oberlehrerhaften Ton aus ihrer Stimme zu nehmen. Leicht fiel es ihr nicht.

Was dachte diese dumme Kuh sich dabei, mit halb leerem Tank loszufahren? Immerhin wusste Violetta, dass sie nicht bloß ein paar lächerliche Kilometer in die Pineta unterwegs waren, sondern nach Tarvis und nun von da auch wieder zurück nach Grado mussten.

»Schau, da!«, rief Olivia so schrill, dass Violetta fast das Lenkrad verriss. »Eine Tankstelle. Halt an.«

Mit quietschenden Reifen schafften sie gerade noch die Einfahrt.

»Die ist ja zum Selbertanken.«

Wieder war Olivia über Violetta erstaunt. In der Nacht war das üblich. Kaum eine Tankstelle war in der Nacht besetzt, außer jenen neben den Raststätten auf der Autobahn. Sie verzog spöttisch ihren Mund. »Was hast du denn erwartet?«

Den ganzen Abend hatte sie sich über ihre Kollegin geärgert, die, kaum dass sie Grado verlassen hatten, zum durchgedrehten Teenager mutiert war. Violetta hatte kreischend ein flackerndes Feuerzeug geschwenkt, lauthals die Songs mitgegrölt und dazu Alkohol getrunken, obwohl sie beide noch einen langen Rückweg vor sich hatten. Okay. Es war ein einziges Bier gewesen. Dennoch.

»Ich kenne mich damit nicht aus. Wie funktioniert das bescheuerte Ding?« Violetta warf ihr einen hilfesuchenden Blick zu, so als wäre Olivia die Erfinderin des automatischen Tankens. Nervös blies sie ihr dunkles Haar aus der Stirn und drückte dabei hektisch auf die verschiedenen Schaltflächen. »Ich brauche Diesel. Verdammt.«

Wiederholt presste sie den Hebel des Zapfhahns. Kein Tropfen Sprit war zu sehen.

»So wird das nichts. Lass mich mal.« Olivia schob die Kollegin unsanft zur Seite. Nach einem leichten Antippen des BuchstabensD für den gewünschten Treibstoff begann der Hahn zu tropfen. »Na, siehst du.«

Ihre Stimme klang sogar in ihren eigenen Ohren selbstgefällig. »Manchmal spinnen diese Apparate. Ich hatte einfach Glück«, schwächte sie ab.

»Danke, ich dachte schon, wir müssten die Nacht im Freien verbringen. Dabei war ich felsenfest davon überzeugt, noch genug im Tank zu haben. Ich verstehe das nicht.«

Das ganze Abenteuer war Violettas Idee gewesen.

»Hey, wollen wir nicht morgen Abend zum No-Borders-Festival nach Tarvis fahren? Ist nur ein Katzensprung. Stellt euch vor, Muse, die Muse, spielen dort. Einzigartig.« Zwischen zwei Bissen der obligatorischen Jause war ihre Frage laut im Konferenzzimmer verhallt.

Verwundert hatte Olivia um sich geblickt, unsicher, an wen der Vorschlag gerichtet war. Ausgerechnet an sie, an die trockene Chemielehrerin, deren Experimente von den Schülern teilweise geliebt und vom anderen Teil gehasst wurden? Doch auch einige der anderen Lehrkräfte hatten die Köpfe gehoben.

»Tarvis ist gut hundertvierzig Kilometer von Grado entfernt. Das kann man wohl kaum einen Katzensprung nennen.«

Anders als sonst reizte der pedantische Kommentar des Geografielehrers Paolo diesmal keinen der Kollegen zum Widerspruch.

»Na, sagt schon was!«

Fabrizios Entgegnung bereitete Olivias Verwirrung ein Ende. »Ich würde gern hinfahren. Mit euch beiden. Aber es wäre unfair meiner Frau gegenüber. Unsere Kleine kräht die Nacht durch, und Bibiana findet seit Wochen keinen Schlaf. Da sollte ich sie wohl besser unterstützen, statt einen auf Berufsjugendlicher zu machen.«

Violetta kicherte in ihre Serviette.

Fabrizio war Olivias liebster Lehrerkollege, auf ihn hielt sie große Stücke. Im Unterschied zu den anderen ließ er sich gern auf ein Schwätzchen mit ihr ein, war interessiert an ihren politischen Ansichten und den fachlichen Beurteilungen derjenigen Schüler, die sie beide unterrichteten. Außerdem lud er sie und Toto, ihren Bruder, hin und wieder zum Abendessen ein und kam manchmal sonntags bei ihnen zum Kaffee vorbei. Erst vor Kurzem hatte seine Frau ein Baby bekommen; die freudige Neuigkeit hatte sich eingestellt, als sie gerade aufgehört hatten, auf Nachwuchs zu hoffen. Wochenlang war das Strahlen nicht aus seinem blassen, rundlichen Gesicht gewichen.

»Dann eben zu zweit. Abgemacht?« Violettas Gesicht war Olivia zugewandt, sie sah sie direkt an.

Da erst hatte Olivia begriffen, dass tatsächlich sie gemeint war.

Um sie ging es also, um die farblose, ziemlich langweilige Olivia. Verlegen hatte sie sich der aufsteigenden Röte ihrer Wangen geschämt und wie ferngesteuert Violettas ihr entgegengestreckte Handfläche abgeklatscht.

»Abgemacht, Violetta. Aber du fährst.«

»Das versteht sich von selbst.«

Einen Moment lang hatte Olivia sich jung gefühlt. Um einiges jünger zumindest, als sie es mit ihren achtunddreißig Jahren war.

Ein Popkonzert. Und noch dazu eines von Muse. Zu solchen Events gingen üblicherweise ihre Schüler.

Aufgeregt hatte sie einen Espresso und ein Wasser aus dem Automaten gezogen. Violetta, die neue Kollegin an der Schule, brachte eindeutig Schwung in das verstaubte Gemäuer. Sie war witzig, unbeschwert und hatte vom ersten Tag an einen guten Draht zu den Jugendlichen und den Lehrerkollegen gehabt. Ihr Kunst- und Musikunterricht galt als originell, sie konnte ihre Schüler mit Hintergrundgeschichten berühmter Maler und Komponisten in Begeisterung versetzen. Gerade mal ein halbes Jahr hier, hatte die junge Frau mit dem wachen Blick unter dem dunklen Pagenkopf, der ihr feines, beinahe porzellanartiges Gesicht mit dem hellen Teint umrahmte, hinsichtlich der Leistungen ihrer Schüler mehr Veränderung bewirkt als die meisten ihrer alteingesessenen Kollegen in all den Jahren zuvor.

Und diese quirlige Violetta hatte sich an sie gewandt.

Ausgerechnet an sie. An Olivia, die graue Maus.

Das hatte sie nun davon: einen anstrengenden Abend mit einer viel zu lauten Popgruppe, jaulenden Betrunkenen und einer überdrehten Violetta, die sich schlimmer aufführte als ihre pubertierenden Schüler. Und die zudem nicht imstande war, selbstständig zu tanken. Olivias verklärtes Bild von der jüngeren Kollegin hatte sich innerhalb weniger Stunden komplett gewandelt.

Es war kühl geworden. Wolkenfetzen jagten über einen blassen Mond hinweg. Fröstelnd zog Olivia die dünne Strickjacke enger um ihre Schultern.

»Soll ich fahren?«, bot sie halbherzig an.

»Wieso das denn? Jetzt ist doch alles wieder in Ordnung.«

Träum weiter, dachte Olivia und beschloss, ihre Kollegin von nun an mit anhaltendem Schweigen zu strafen. Eine Methode, die bei ihrem Bruder Toto gut funktionierte.

Violetta startete ihren Fiat und plapperte unbekümmert auf Olivia ein. Dass ihre Beifahrerin stumm blieb, schien sie nicht zu bemerken.

Die mühsame Fahrt durch die unendlich scheinende Tunnellandschaft auf der Autobahn begann. Eine schwarze Höhle ging fast übergangslos in die nächste über.

Olivia trat kalter Schweiß auf die Stirn. Tunnel, Aufzüge und enge Räume bereiteten ihr Unbehagen.

Wieder wurden sie von einem weit aufgerissenen Tunnelmaul verschluckt.

Und Violetta stieß neben ihr einen Schrei aus.

»Das Auto reagiert nicht mehr! Es bleibt stehen. Was soll ich tun?« Hektisch schnappte sie nach Luft. Ihre Finger krampften sich um das Lenkrad, bis die Knöchel weiß hervortraten.

»Gib doch Gas!«, herrschte Olivia sie an.

Violetta drückte das Gaspedal durch, doch der Wagen wurde langsamer.

»Starte noch mal.«

Es gab ein knirschendes Geräusch, als Violetta den Zündschlüssel drehte. Jedoch keine Reaktion. Unerbittlich rollte das Fahrzeug mitten im Tunnel aus.

Sie blieben stehen. Auf der rechten Fahrspur. Neben ihnen donnerten in unregelmäßigen Abständen blinkende und hupende Autos vorbei. Einen Pannenstreifen gab es nicht.

Olivia blies die Wangen auf und ließ zischend die Luft entweichen. Sie spürte, wie ihr Herz zu hämmern begann. Sekundenlang hielt Furcht sie umklammert, trieb alle Farbe aus ihrem Gesicht, verhinderte jeden vernünftigen Gedanken.

Neben ihr zitterte und weinte Violetta hemmungslos. »Wir werden sterben.«

Das Weinen wurde lauter, wurde erst schmerzhaft, dann unerträglich und löste Olivia aus ihrer Schockstarre.

»Notruf. Wir müssen Hilfe holen. Sofort!«, schrie sie und fingerte mit bebenden Händen nach ihrem Smartphone.

Sie wählte die Nummer.113.

»Euronotruf, wie können wir Ihnen helfen?«

»Wir stehen im Tunnel. Das Auto fährt nicht weiter.« Ihre Stimme klang rau.

»Wo? Bezeichnen Sie Ihre Position.«

Ehe Olivia antworten konnte, entriss Violetta ihr das Telefon.

»Wir werden sterben. Holen Sie uns hier raus!«, rief sie panisch. Mit schreckgeweiteten Augen fuhr sie Olivia an: »Wie heißt dieser verdammte Tunnel? Schnell, sag!«

»Ich weiß es nicht, ich habe nicht darauf geachtet«, gab Olivia ratlos zurück, und Violetta schien endgültig die Fassung zu verlieren.

»Keine Ahnung, irgendwo!«, brüllte sie in den Hörer. »Ein Tunnel ist wie der andere. Gleich kracht es, und wir sind tot!« Weinend warf sie das Smartphone nach hinten auf die Rückbank und drückte die Finger an ihre blutleeren Wangen.

Olivia war innerlich wie erstarrt. Sie nahm jede Kleinigkeit überdeutlich wahr. Ihre Tunnelphobie war allem Anschein nach berechtigt, aber sie empfand keine Genugtuung.

»Es ist sinnlos.« Violetta klammerte sich wimmernd an das Lenkrad wie an einen Rettungsring. »Die finden uns nicht rechtzeitig. Wir überleben das nicht.«

Beim nächsten dicht neben ihnen vorbeidröhnenden Vierzigtonner begann Olivia, ihre Kollegin hart an der Schulter zu rütteln. »Wir müssen hier raus«, erklärte sie nachdrücklich. »Sonst gehen wir wirklich drauf. Der Wagen ist eine tödliche Falle.«

Sie stieß die Beifahrertür auf und sprang aus dem Wagen.

»Los, mach schon!«, brüllte sie und beugte sich wieder ins Wageninnere, um Violetta am Ärmel zu packen. »Nicht auf der Fahrerseite, bist du lebensmüde?«

Draußen wichen sie an die Tunnelwand zurück, quetschten ihre zitternden Körper eng an den rauen Beton.

»Wir müssen zu einer der Nischen, zu den Notrufsäulen.«

Violetta war völlig aufgelöst vor Angst. Erbarmungslos zog Olivia die sich heftig sträubende Kollegin mit sich. Unter dem Hupen und Blinken der vorbeirauschenden Autos hasteten sie an der Tunnelwand entlang.

»Wir haben nicht mal Warnwesten an«, jammerte Violetta, die hinter ihr lief und immer wieder gegen Olivia stolperte, unter heftigem Schluchzen.

»Das spielt jetzt keine Rolle. Reiß dich zusammen.«

Ganz bewusst hatte Olivia während der letzten Minuten auf Lehrerinnen-Modus umgeschaltet. Es war die einzige Möglichkeit, nicht vollständig die Kontrolle zu verlieren.

Keine Nische, keine Notrufsäule. Keine Möglichkeit, Schutz zu finden, sich irgendwo unterzustellen. Die Tunnelwand zog sich ohne Unterbrechung schier endlos dahin, und es stank unerträglich nach Abgasen und Benzin.

»Ich kann nicht mehr«, wimmerte Violetta und blieb ruckartig stehen.

Da, wie aus dem Nichts: grelles Blaulicht, Sirenengeheul.

»Die Polizei, Gott sei Dank!« Violetta taumelte und glitt schluchzend zu Boden.

Neben ihnen blieb ein Einsatzfahrzeug stehen, ein weiteres hatte die Spur mit ausreichend Sicherheitsabstand zum Fiesta rund dreihundert Meter entfernt blockiert. Zwei Polizisten sprangen heraus.

»Wie… wie haben Sie… uns gefunden?«, stammelte Olivia.

»Durch die Webcam«, lautete die knappe Antwort.

»Wir müssen sofort Ihren Wagen aus dem Tunnel schleppen. Er blockiert die Fahrbahn. Ein Wunder, dass noch keiner hineingekracht ist.« Die Stimme des zweiten Polizisten klang schroff.

Das Glück der späten Stunde, dachte Olivia und bekreuzigte sich dankbar, als sie zurückhasteten. Im Wagen warf sie einen Blick auf die Uhr. Seit ihrem Notruf waren läppische sieben Minuten vergangen. Sieben Minuten, die ihr wie Stunden vorgekommen waren.

Während die Polizisten das Abschleppseil zwischen den beiden Fahrzeugen spannten und die Karabiner einhakten, versuchte sie, ihre bebende Kollegin zu beruhigen. Leicht fiel es ihr nicht, viel lieber hätte sie Violetta durchgerüttelt und ihr eine geklebt, ihr buchstäblich Besinnung eingehämmert. Was erlaubte sich das dumme Ding, sich derart gehen zu lassen? War ihrer Kollegin keinen Augenblick der Gedanke gekommen, dass die Situation im Tunnel auch ihr an die Nieren ging? Durch Violettas Aussetzer war Olivia in die Rolle der Beschützerin gedrängt worden. Dabei hätte sie jetzt selbst Zuspruch gebraucht.

Der jüngere der beiden Autobahnpolizisten trat an die Beifahrerseite und sprach ruhig, aber bestimmt durch das geöffnete Fenster mit der heulenden Violetta. »Wir verlassen jetzt gemeinsam den Tunnel.«

Nach seiner Anweisung legte Violetta den Leerlauf ein und löste die Handbremse. Der Polizist lief nach vorn und stieg bei seinem Kollegen ein, der langsam losfuhr. Mit einem Ruck spannte sich das Abschleppseil, und der Fiat rollte nach vorn.

»Der Trottel rast wie ein Formel-1-Pilot«, jammerte Violetta aufgelöst, »gleich krachen wir in ihn hinein.« Ihre Zähne knirschten hörbar, und die Finger ihrer rechten Hand umklammerten den Griff der Handbremse.

»Immer mit der Ruhe. Die wissen schon, was sie tun.« Zu Olivias eigener Überraschung klang ihre Stimme gelassen. Beruhigend legte sie ihre Hand auf Violettas Arm.

Dann spuckte das Tunnelmaul sie aus, und die dunkle Nacht nahm sie auf.

»In Sicherheit. Endlich.« Olivia seufzte tief und überging Violettas Fluch, als der Fiat Stoßstange an Stoßstange mit dem Einsatzfahrzeug auf dem Pannenstreifen zum Halten kam. Erleichtert kletterte sie aus dem Wagen und stellte mit Verwunderung fest, wie schnell Violetta wieder in ihr altes kokettes Ich schlüpfte, sobald die Gefahr überwunden schien und sie den Carabinieri gegenüberstanden.

Der Wagen parkte nun knapp hinter der Tunnelausfahrt. Inzwischen war das zweite Polizeiauto mit Blaulicht und Folgetonhorn hinzugekommen. Die Alarmblinkanlage sendete ein flackerndes Hellrot in die Dunkelheit, das sich mit dem sich drehenden Blaulicht der Einsatzfahrzeuge mischte. Insgesamt ein unruhiges Farbenrauschen.

Geblendet schloss Olivia für einen Moment die Augen. Die grellen Abbilder auf ihrer Netzhaut waren unangenehm, doch allmählich beruhigte sich ihr Atem, und ihr Herz schlug wieder regelmäßiger.

Drei Carabinieri sprachen mit Violetta, die jetzt ein wenig abseits stand. Olivia meinte, sie zwischendurch kichern zu hören. Erst als der vierte Polizist sich ihr näherte, bemerkte sie, dass es sich um eine Frau handelte. Freundlich sprach die Beamtin auf sie ein. Sie wirkte übermüdet und hatte dunkle Augenringe. Ihr Tonfall war beruhigend, aber auch eine Spur belehrend, als sie Olivia darüber aufklärte, dass sie beide haarscharf einem Unfall entgangen waren, der tödlich hätte enden können.

All das wusste Olivia natürlich. Sie war jedoch immer noch viel zu geschockt und vor allem viel zu erleichtert, um patzig zu reagieren. Sie hörte einen der Polizisten auflachen und schämte sich plötzlich ihrer Aufmachung.

Violetta hatte einen Mini an, Stiefel, die über die Knie reichten, und ein weit ausgeschnittenes ärmelloses Top. Ihre Lederjacke lag auf der Rückbank des Autos. Olivia trug enge graue Jeans– extra für das Popkonzert erstanden–, hohe Ankleboots und unter der dünnen Wolljacke ein schwarzes Leibchen mit der glitzernden Aufschrift »Amuse«, worüber ihre sechzehnjährige Cousine Emilia und deren Freundin Nicola sich vor Lachen die Bäuche gehalten hatten. Die hellen Haare hatte sie am Hinterkopf zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden. Albern kam sie sich in diesem Partyoutfit vor, richtiggehend deplatziert. Sie hätte einiges darum gegeben, der Polizei in ihrer üblichen konservativen Kleidung gegenüberzustehen.

Als einer der Polizisten Violetta eröffnete, den falschen Treibstoff getankt zu haben, war sein leicht belustigter Tonfall nicht zu überhören. Violetta verneinte mit heftig schwingendem Bob. »Diesel stand auf der Zapfsäule, Diesel haben wir getankt«, erwiderte sie trotzig.

Olivia war sich da nicht mehr so sicher, außerdem stieß ihr das kollektive »Wir« unangenehm auf.

»Also, Ladys, wir fahren dann los. Der Abschleppwagen ist verständigt und muss jeden Moment hier sein.«

»Wie bitte? Sie lassen uns allein zurück? Mitten in der Nacht? Das kann nicht Ihr Ernst sein!«

»Auf uns warten zu Hause auch schöne Frauen.«

Mit der Unverschämtheit des Polizisten, ihre Situation mit einer leichten Anzüglichkeit ins Lächerliche zu ziehen, kam ein Anflug von Angst zurück. Olivia wandte sich an die Beamtin. »Sie als Frau verstehen sicher, warum wir nicht ohne Ihren Schutz auf den Abschleppdienst warten können. Nicht wahr?«

»Machen Sie sich keine Sorgen, der junge Mann, der den Abschleppwagen fährt, ist zuverlässig und wird in wenigen Minuten bei Ihnen sein. Er kommt aus Pontebba und macht das nicht zum ersten Mal.« Ihre Worte wirkten besänftigend, doch Olivia war der Hauch Gleichgültigkeit darin nicht entgangen.

Funkgeräte schnarrten. Einer der Polizisten antwortete und winkte die anderen zu sich. »Unfall auf der Autobahnauffahrt Carnia Tolmezzo. Wir müssen absichern.«

»Bitte lassen Sie uns hier nicht allein.« Violettas Stimme kippte. »Es ist dunkel und die vielen Lkws und… Zwei von Ihnen könnten doch mit uns warten.«

Olivia erkannte sofort die Zwecklosigkeit dieser Bitte.

»Es ist sinnlos, wir müssen uns fügen«, sagte sie zu ihrer Kollegin. »Außerdem sind ja schon wieder einige Minuten vergangen, seit sie den Abschleppservice verständigt haben, es wird sicher jeden Moment jemand auftauchen.«

»Richtig«, bekräftigte der ältere Polizist, »setzen Sie sich ins Auto und steigen Sie nicht mehr aus. Es kann nicht mehr lange dauern, das versichere ich Ihnen.«

Gemeinsam marschierten sie die paar Schritte zurück zum Auto. Violetta kletterte umständlich über den Beifahrersitz. Olivia setzte sich verkrampft neben sie und spürte vom Nacken aufsteigende Kopfschmerzen. Sie fühlte sich grauenhaft. Vor sich die Schlusslichter der abfahrenden Einsatzfahrzeuge, neben sich die schon wieder weinende Violetta.

Längere Zeit saß Olivia einfach nur da und bemühte sich, gleichmäßig ein- und auszuatmen, um die im Hintergrund in ihr lauernde Panik in Schach zu halten. Allmählich versetzten die monotonen Geräusche der vorbeirauschenden Autos und das gleichmäßige Aufleuchten der Warnblinker sie in einen schläfrigen Zustand, und sie schloss erschöpft die Augen.

Das Schniefen neben ihr setzte jäh aus und ging abrupt in einen Schrei über. »Ich halte es nicht mehr aus. Schau doch. Schau!«

Olivia öffnete die Augen wieder und sah, was ihre Kollegin so aus der Fassung brachte. Im Wageninneren war es dunkel geworden, das flackernde Rot hatte aufgehört zu leuchten.

»Jetzt hat die Warnblinkanlage auch noch den Geist aufgegeben«, stellte Olivia erschrocken fest. »Das hat uns gerade noch gefehlt.« Sie spürte, wie ihre Beine unkontrolliert zu zittern begannen.

Diesmal war es Violetta, die das Kommando übernahm. »Raus. Keine Sekunde länger dürfen wir hier sitzen. Wir sind ein ungesichertes Geschoss.«

Hastig stiegen sie aus dem Fahrzeug. Violetta, die der Mut bereits wieder verlassen hatte, klammerte sich an Olivia, und gemeinsam brachten sie ein paar Schritte Sicherheitsabstand zwischen sich und den Fiat.

Es war kühl geworden. Der Mond hatte sich hinter dichten Wolken verborgen.

Hand in Hand standen sie da, die scharfen Kanten der Leitplanken im Rücken. Hinter ihnen ein gähnender Abgrund, um sie herum Dunkelheit, die nur von den Scheinwerfern sich nähernder Fahrzeuge durchbrochen wurde.

Immer wieder wandten sie sich von scharfen Lichtkegeln geblendet ab.

In jedem größeren Auto, das aus der Tunnelröhre rauschte, meinten sie, den Abschleppwagen zu erkennen, doch jedes Mal wurde ihre Hoffnung enttäuscht, jedes Mal verzagten sie mehr.

»Da hat einer das Licht ausgeschaltet, als er eben an uns vorbeigefahren ist. Das ist doch nicht normal.« Violettas Stimme klang ängstlich.

Olivia schüttelte unwillig den Kopf. »Hör auf, uns zusätzlich Angst zu machen. Das hast du dir eingebildet. Ich habe nichts gesehen.«

Ausufernde Phantasien mussten im Keim erstickt werden, sie machten die ohnehin kaum erträgliche Situation nur noch schlimmer.

»Wahrscheinlich hast du recht.« Violetta stimmte ihr halbherzig zu und nahm erfreulicherweise Abstand davon, das Thema zu vertiefen.

Sofort kam ihnen ihr Zeitgefühl abhanden. Bald schon hatten sie genug vom stetigen Donnern der Schwertransporter, die viel zu nahe an ihnen vorbeidröhnten, genug von Benzin und Dieselgestank.

»Dürfen die so spät überhaupt noch unterwegs sein? Gibt’s da nicht so etwas wie Nachtruhe?« Violettas Stimme klang dünn.

»Keine Ahnung«, antwortete Olivia und wich vom Sog eines vorbeibretternden Porsches zurück.

Immer wieder wurden sie von den unterschiedlich heftigen Luftwellen der Fahrzeuge erfasst, die sie und ihr etwas entfernt stehendes Auto erzittern ließen.

»Wir warten schon ewig. Jetzt reicht’s endgültig«, sagte Olivia mit einem Mal scharf und sehr laut, um sich selbst Mut zu machen. »Ich rufe jetzt die Polizei an und mache denen ordentlich Dampf. Wenn der Abschleppwagen nicht innerhalb von zehn Minuten bei uns ist, dann steht das übermorgen im ›Il Piccolo‹. Genau das werde ich denen sagen. Dann schauen wir mal, wie schnell wir von der Straße herunter sind.«

Dass mir das nicht schon früher eingefallen ist, dachte sie zornig und fummelte in den Hosentaschen ihrer engen Jeans.

»Wo ist mein Handy? Ich muss es verloren haben«, stellte sie gleich darauf irritiert fest. »Gib mir deines. Beeil dich.«

»Ich habe es zu Hause gelassen«, antwortete Violetta, eingeschüchtert von Olivias strengem Ton, und fügte zerknirscht hinzu: »Deins liegt im Auto. Ich habe es nach hinten geworfen, im Tunnel, als wir mit der Polizei telefoniert haben und die uns mit Fragen löcherten.«

»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Hysterische Ziege«, murmelte Olivia und stapfte zornig die wenigen Meter auf den Wagen zu. Wieder wurde sie von einer Druckwelle erfasst und drehte sich weg vom Luftstrom. Rasch öffnete sie die Tür und kroch ins Wageninnere. Wo war das Ding? Auf der Rückbank lag nur Violettas Jacke.

Sie bückte sich und tastete den Boden unter den Sitzen ab.

Ihr Kopfschmerz war inzwischen beinahe unerträglich, und Olivia ärgerte sich, keine Tabletten mitgenommen zu haben. Endlich spürten ihre suchenden Finger das Smartphone. Sie schälte sich aus dem Wagen.

»Ich habe das Handy gefunden!«, rief sie und machte sich auf den kurzen Rückweg.

Doch der Pannenstreifen vor ihr war leer.

Von Violetta keine Spur.

»Violetta, wo bist du?«

Erschrocken beugte Olivia sich über die Leitplanken und starrte in die Tiefe. Gähnende Dunkelheit schlug ihr entgegen.

War sie abgestürzt?

»Violetta!« Immer ängstlicher schrie sie den Namen ihrer Kollegin.

Irgendwann hielt sie atemlos inne. Sie begann haltlos zu zittern.

Violetta war fort, hatte sich in Luft aufgelöst, war einfach verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt, von der Bildfläche wegradiert.

Wie war das möglich?

Sie war so konzentriert auf der Suche nach ihrem Handy gewesen, hatte außer ihren Kopfschmerzen nichts wahrgenommen.

Ganz allein, ungeschützt und mitten in der Nacht hilflos einer Situation ausgeliefert, die sie nicht verstand, stand sie da und spürte, wie Tränen ihre Wangen benetzten.

Warum hatte sie nichts bemerkt, nichts gesehen?

Und dann, schlagartig, breitete sich ein eisiges Gefühl in ihr aus. Violettas ängstliche Worte klangen in ihren Ohren: »Da hat einer das Licht ausgeschaltet, als er eben an uns vorbeigefahren ist. Das ist doch nicht normal.«

War da etwa was Wahres dran gewesen? War der Typ wiedergekommen und hatte Violetta geholt?

Langsam ließ Olivia sich, die Leitplanke im Rücken, zu Boden gleiten. Mit bebenden Fingern stellte sie die Verbindung zur Polizei her.

»Euronotruf, wie können wir Ihnen helfen?«

2

Violetta schlug die Augen auf.

An den Rändern geriet die Landschaft aus den Fugen, zerfloss im nächtlichen Blau. Es war gespenstisch still. Alles schien unwirklich. Verzerrt. Der Alptraum, aus dem sie hochgeschreckt war, hielt sie noch immer umfangen.

Ein kalter Luftzug ließ sie frösteln.

Sie versuchte, ihre Arme zu heben, doch die gehorchten ihr nicht. Ein Gewicht lastete auf ihr, presste die Luft aus ihrer Lunge. Fügte ihr Schmerzen zu.

Ganz ruhig. Gleich bist du wach. Ein Glas Wasser, ein Aspirin, um die dröhnenden Schmerzen in Kopf und Hals zu bändigen, und danach wieder einschlafen. Diesmal ohne verstörenden Traum.

»Schlampe«, höhnte eine kratzige Stimme. Speicheltropfen landeten in ihrem Gesicht. Glühende Augen schwebten über ihr.

Ein tiefes Röcheln. War sie das?

Violetta öffnete ihre Lippen zu einem Schrei. Bog ihren Körper. Sie musste aufwachen.

Ein heftiger Schlag traf ihre Wange, dann legte sich ein scharf riechender Pelz auf ihre Nase und ihren Mund.

Dunkelheit erfasste sie, ein ohnmächtiger Schlaf.

Irgendwann schreckte sie wieder hoch.

Ein Rütteln, ein Zerren.

Spinnenbeine wischten über ihr Gesicht. Käfer krabbelten auf nackter Haut. Ihre Augenlider begannen zu flattern. Ein zentnerschwerer Druck lastete auf den Augen. Es gelang ihr kaum, sie einen Spaltbreit zu öffnen, und auch dann sah sie nur verschwommen. Tränen bildeten kleine Seen, durch die sie erst tauchen musste.

Helles, lautes Rufen.

Ein Engel beugte sich über sie. Wunderschönes Blondhaar floss an zarten Wangen entlang. Der rosa Mund bewegte sich, formte Worte, deren Sinn sie nicht erfassen konnte.

Hoch über ihr stand ein fahler Mond hinter wogenden Baumwipfeln.

Autogeräusche einer nahen Straße drangen zu ihr durch.

»Sie muss trinken.« Ein dunkler Lockenkopf zeichnete sich scharf hinter dem Engelsgesicht ab.

Ihr Nacken wurde von einer starken Hand gestützt, und durch ihre halb geöffneten Lippen floss kühles Wasser in ihren Mund. Sie verschluckte sich und begann zu husten. Ihre Kehle tat weh. Wie zugeschnürt. So eng.

War sie im Himmel? War das der sagenumwobene Nektar?

Keuchend versuchte sie, sich aufzusetzen. Um sie herum verwischten die Konturen. Sie musste sich anstrengen, fokussieren. Musste klarer werden. Es gelang ihr nicht.

Stimmen, eine helle, eine raue, redeten auf sie ein, forderten etwas von ihr, das sie nicht verstand.

Instinktiv hob sie die Hände und legte sie schützend vor ihr Gesicht.

Die Stimmen sprachen jetzt miteinander, hatten von ihr abgelassen.

Einzelne Wörter erreichten sie.

Ambulanz. Polizei. Hilfe.

Langsam, ganz langsam nur, verflüchtigte sich die Benommenheit, langsam wich auch der Druck von ihren Augenlidern, langsam öffnete sich die Kehle. Es gelang ihr, die Flüssigkeit zu schlucken und danach durchzuatmen.

Sie wurde hochgehoben, stand einen Moment lang auf wackeligen Beinen, die gleich darauf unter ihr nachgaben. Hätten die Arme der Engel sie nicht umschlungen, sie wäre gefallen.

»Wir müssen sie ins Krankenhaus bringen.«

»Nein!« Ihr Schrei war nicht mehr als ein Krächzen.

Violetta bäumte sich auf.

Träge hob sich der Nebel in ihrem Kopf.

Das hier war kein Alptraum. Von ihrem Bett, ihrem Schlafzimmer keine Spur.

»Olivia?«

War die nicht eben noch hier gewesen?

Wo aber war sie selbst?

Erschrocken blickte sie an sich hinab.

Ihre Beine waren bis auf die Stiefel nackt, der Mini über die Hüften geschoben, kein Slip. Ihre Finger tasteten unter ihr Top. Ein Stück Stoff war eng um ihren Hals geschlungen. Sie zog und riss daran und hatte schließlich ihrenBH in der Hand.

Violetta begann zu weinen.

»Gut. Alles wird gut«, murmelte die raue Stimme durch ihr Schluchzen hindurch.

Immer noch musste sie von starken Armen gehalten werden, war nicht in der Lage, selbstständig zu stehen.

»Bitte«, stammelte sie, und ihre Zähne klapperten, »bitte. Was ist passiert?«

Die schönen Augen des blonden Engels sahen sie eindringlich an. »Wir müssen dich ins Krankenhaus bringen. Du stehst unter Schock.« Die Stimme klang sanft, doch ein fester Unterton ließ keinen Widerspruch zu. »Vorn ist eine Bank. Wir setzen uns kurz.«

Violetta wurde mehr getragen, als dass sie lief. Von ihr abgewandt, ergänzte die Stimme leise: »Sie kann sich kaum auf den Beinen halten und friert. Ich hole die Decke aus dem Auto.«

Erst als sie eine Flasche mit Wasser geleert hatte, kam sie ein wenig zu sich. Jeder Schluck kostete Überwindung und tat doch so gut. Die beiden besorgten Gesichter vor ihr waren jetzt deutlicher zu erkennen.

»Was ist geschehen? Wie komme ich hierher?«

»Kannst du dich an gar nichts erinnern?« Die Frage kam vom dunklen Lockenkopf.

»Da ist nichts. Mein Gehirn fühlt sich an wie in Watte gewickelt. Ich bekomme keinen klaren Gedanken zusammen. Mir ist schwindlig und schlecht.« Sie räusperte sich. »Wo sind wir?«

»Auf einem Parkplatz.«

»Bei einer Raststätte?«

»Nein. Carnia Ovest. Ein paar Kilometer dahinter. Das hier ist Claire, meine Frau, ich bin Maurizio. Wir haben einen Ausflug gemacht. Auf dem Rückweg haben wir hier angehalten, weil wir die Plätze tauschen wollten.«

Also doch keine Himmelserscheinungen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut.

»Violetta«, stellte sie sich mit schwacher Stimme vor.

Ein Nachtvogel flog an ihnen vorbei. Mein Gott, war ihr kalt.

Ihre Gedanken drehten sich.

»Wo ist Olivia? Ich verstehe das nicht. Eben war sie noch da. Daran erinnere ich mich.« Violetta zog die kratzende Decke enger um ihre Schultern. Sie roch nach feuchtem Hundehaar.

»Olivia?« Die beiden sahen sich ratlos an.

»Sie ist meine Kollegin an der Schule.«

Violetta stockte. Das Konzert in Tarvis. Die Tankstelle. Der Tunnel. Die Panne. Das nicht enden wollende Warten auf der unheimlichen Autobahn.

All das fiel ihr jetzt wieder ein, stand deutlich vor ihren Augen. Sie konnte sich an jedes Detail erinnern. Olivia hatte die Polizei rufen wollen.

Und dann nichts mehr.

Als hätte jemand das Licht ausgeknipst.

»Panne. Wir hatten eine Panne. Die Polizei war bei uns. Olivia und ich haben auf den Abschleppdienst gewartet. Es hat so unerträglich lange gedauert. Stunden. Sie ging zum Auto, um ihr Handy zu holen. Ich sehe noch ihren Rücken vor mir und weiß, dass ich dachte, der Pferdeschwanz steht ihr gut, sie sollte das Haar öfter so tragen. Es macht sie weniger streng, lässt sie jünger wirken.«

Die blonde Claire beugte sich zu ihr. »Was geschah dann?«

»Nichts. Ab da weiß ich nichts mehr.« Violetta begann wieder zu weinen. Ihr Hals schmerzte bei jedem Wort. »Wo habt ihr mich gefunden?«

Die beiden wechselten einen Blick.

»Wir haben da vorn angehalten«, Maurizio deutete auf einen Wagen mit geöffneten Türen, »und sind ausgestiegen. Plötzlich sahen wir einen Mann aus der Wiese springen, zu einem Auto laufen und ohne Licht davonrasen. Wir waren erstaunt, dachten uns zuerst aber nicht viel dabei. Dann hörte Claire ein Wimmern. Wir vermuteten ein Tier, das ausgesetzt oder angefahren wurde, und sahen nach. Dann fanden wir dich.«

Claire nahm vorsichtig ihre Hand. »Du warst nicht bei Bewusstsein. Anscheinend haben wir jemanden gestört. Hast du Schmerzen?«

»Ja. Überall.« Violetta sah verstohlen an sich hinab. War sie vergewaltigt worden? Sie wusste es nicht.

»Wir bringen dich jetzt nach Udine ins Krankenhaus. Du musst durchgecheckt werden.«

»Nein, ich geh da nicht hin.«

Die beiden sahen sich hilflos an und redeten leise miteinander.

»Okay. Wir leben in Grado, und dort kennt Claire eine Commissaria. Wir bringen dich zu ihr. Alles andere wäre unverantwortlich.«

»Ich wohne auch in Grado«, sagte Violetta erleichtert. »Ja, bringt mich bitte nach Hause.«

Sie wollte nichts anderes als eine heiße, endlos lange Dusche und einen Cognac. Und schlafen. Schlafen und vergessen. Auch das, woran sie sich nicht mehr erinnern konnte.

Morgen. Ja, vielleicht würde sie morgen zur Polizei gehen. Aber das wollte sie dem besorgten Pärchen erst sagen, wenn sie Grado erreicht hatten.

Als sie auf wackeligen Beinen mit den beiden zu ihrem Wagen ging, zog Violetta den Saum ihres Minis hinunter. Der Slip blieb verschwunden.

3

Maddalena Degrassi schreckte, vom schrillen Klingeln ihres Telefons geweckt, aus einem traumlosen Schlaf.

Benommen rieb sie sich die Augen. Wieder einmal war sie viel zu spät ins Bett gekommen, um dann noch lange wach zu liegen. Zu viele ungelöste Probleme kreisten in ihrem Kopf.

»Ja?«, murmelte sie heiser.

»Zoli hier. Commissaria, Sie sollten herkommen.« Er hielt inne und fügte ein ergebenes »Bitte« hinzu.

Typisch Piero Zoli, dachte Maddalena. Bloß keine Details am Telefon verraten. Wenigstens bekam sie von ihm einen ordentlichen Espresso serviert. Der Kollege hatte stets eine chromfarbene Thermoskanne, gefüllt mit herrlich duftendem starken Kaffee, bei sich. »Von Mama, frisch gemahlen und aufgebrüht«, wie er stolz behauptete.

»Ich mache mich auf den Weg«, brummte sie und sprang aus dem Bett. Der Steinboden unter ihren nackten Füßen machte ihr wieder bewusst, dass sie sich in einer neuen Behausung befand, und sie seufzte.

Wann immer sie durch die großen, leeren Räume wanderte, den Staub in den Ecken aufwirbelte und den Geistern der Vergangenheit lauschte, beschlich sie ein unangenehmes Gefühl. Das Gefühl, nicht hierherzugehören. Immer noch fühlte sie sich hier fremd. Erst vor Kurzem war sie in die alte, verwinkelte Villa an der Meerpromenade gezogen. Zuerst überrascht und glücklich darüber, dieses wundervolle Haus von der verstorbenen Angelina Maria Cecon geerbt zu haben, hatte sich schnell Unbehagen eingestellt.

Insgeheim vermisste Maddalena ihre alte Wohnung. »Mein Schuhkarton mit Aussicht« hatte sie die winzige Unterkunft mit dem Minibalkon liebevoll genannt.

Wollte sie sich in diesem Haus je heimisch fühlen, musste sie schon bald beginnen, einiges zu ändern. Sie würde die Holzböden in den Dielen abschleifen und neu versiegeln, die Wände streichen, ausmisten und nach und nach die Zimmer neu einrichten müssen.

Neben ihrer Arbeit auf dem Kommissariat war dies eine gewaltige Herausforderung. Helfer würde sie brauchen und eine Menge Geld. Ihre Kollegen konnte sie allerdings schwerlich zu Arbeiten in ihrer Villa einteilen. Oder gar ihren nächsten Vorgesetzten, den Polizeichef? Sie musste grinsen, als sie sich den grimmigen Commandante auf einer wackeligen Leiter vorstellte, mühsam, mit einem Pinsel in der Hand, die Balance haltend.

Kurz dachte sie an Franjo und daran, dass sie das gemeinsam in Angriff hätten nehmen können. Sie wischte über ihre Augen, um die aufkeimende Traurigkeit zu vertreiben.

Seit Monaten hatte sie nichts von ihm gehört, sich auch monatelang nicht bei ihm gemeldet.

Nach einer kurzen Dusche, hastig geputzten Zähnen und einem schlampig aufgetragenen Make-up beschloss sie, sich trotz der Dringlichkeit in Zolis Stimme eine Zigarette zu gönnen. So viel Zeit musste sein.

Mit einem Glas Leitungswasser stand sie kurz darauf barfuß in Jeans und Kapuzenjacke auf der Terrasse und rauchte. Unter ihr wogte das dunkelgraue Meer. Weit draußen am Horizont glommen die silbernen Lichter vereinzelt dümpelnder Boote.

Maddalena mochte das leise Plätschern der Wellen bei Ebbe, mehr noch gefiel ihr, sie bei starkem Wind laut rauschend an den Felsen brechen zu hören und sehen zu können, wie die weißgraue Gischt sprühte.

Das Glas ließ sie auf der Terrasse stehen, den Zigarettenstummel kickte sie in Richtung Wasser. Eine Unart, sie wusste das. Obwohl sie schon häufig die Promenade, die hier »Diga« genannt wurde, getroffen hatte, konnte sie von dieser Marotte nicht lassen. Selbstverloren folgte ihr Blick der glühenden Spur.

Drinnen schlüpfte sie rasch in ihre Lederstiefel, verknotete ihre dunklen Locken lose am Hinterkopf und machte sich auf den Weg.

Eigentlich war es bereits früher Morgen. Bald würde der Tag grauen. Und doch war es viel zu früh, um geweckt zu werden, viel zu früh, um zur Arbeit zu gehen. Insbesondere für einen Sonntag. Aber Verbrechen nahmen keine Rücksicht auf Tageszeiten.

Maddalena schwang sich aufs Rad und strampelte durch die noch ruhige Innenstadt in Richtung Polizeistation. Nur ein paar schimpfende Möwen durchbrachen weit vorn im Parco delle Rose, der großen Parkanlage der Stadt, die frühmorgendliche Stille. Sie fuhr parallel zum jetzt menschenleeren Strand, trat dabei kräftig in die Pedale. Der herbe Geruch des Meeres vermischte sich mit dem würzigen der gepflanzten Bäume und Sträucher.

Grado beschenkte die im kargen Karst geborene Maddalena reich: ein wenig Wald, Rosen, Salz, die Lagune und dazu das Meer. Sie sollte zufrieden sein und damit aufhören, sich kleinlich darüber zu ärgern, zu dieser frühen Stunde ihren Dienst antreten zu müssen.

Am Ende des Parks, schräg gegenüber vom Sportplatz, tauchte unvermittelt der hässlich gelbe Bau ihrer Dienststelle vor ihr auf. Sie stellte ihr Rad außerhalb des Zaunes ab, der das an einen Hochsicherheitstrakt erinnernde Gebäude umgab. Automatisch tippte sie den Code ein, die Gittertür schwang auf, und Maddalena fuhr mit der Karte über den Sensor des Haupteingangs.

Erst vor Kurzem waren diese elektronischen Hürden installiert worden.

»Da derzeit die ganze Welt um uns herum explodiert, müssen wir uns in diesem Gebäude besser schützen. Auch vor Grado machen Terroristen nicht halt. Erledigen wir also unsere Hausaufgaben«, hatte der Polizeichef, der cholerische Commandante Scaramuzza, händereibend gemeint. Die meiste Zeit mit anderen wichtigen Staatsbeamten in offizieller Mission unterwegs, hatte das »Wir« wohl eher denen, die hier täglich ihrem Dienst nachgingen, gegolten.

Zu Beginn ihrer Tätigkeit als Commissaria der Polizeistation war Maddalena häufig mit ihrem Vorgesetzten zusammengekracht, doch in letzter Zeit gelang es ihr, über die Aussagen und Anweisungen ihres Chefs zu lächeln und sie, so gut es ging, zu ignorieren, statt aus Ärger über ihn die Wände hochzuklettern. Wahrscheinlich war sie inzwischen abgeklärter, älter, verwittert von Sand und Wind.

Im Gebäude atmete sie tief den vertrauten, muffigen Geruch ein und fand sich augenblicklich in einer anderen, altmodischen Welt wieder, die sich komplett vom Äußeren des Gebäudes unterschied. Die Holzdielen knarrten bedrohlich unter ihren raschen Schritten.

Noch bevor sie ihr Büro erreichte, spürte sie die Anwesenheit eines anderen hinter sich.

»Zoli, Sie haben mich erschreckt.«

Im künstlichen Licht des Flurs kam ihr sein Gesicht noch schmaler und die Nase noch gekrümmter vor als sonst. Er wirkte schuldbewusst.

»Ist schon gut«, beruhigte sie ihn. »Also, was gibt es so verdammt Dringendes?«

Zoli begann zu berichten, und gemeinsam marschierten sie zu ihrem Büro.

»Claire«, begrüßte Maddalena kurz darauf ihre Besucherin, eine flüchtige Bekannte mit wunderbar blonden Haaren, die sie vor wenigen Monaten im Pilateskurs kennengelernt hatte.

Sie mochte die junge Frau, die ihren französischen Namen stolz vor sich hertrug wie eine Bourbonenlilie, zudem wie ein Engel aussah und vor Witz und Charme nur so sprühte. Sie und ihr Ehemann Maurizio, ein sympathisch wirkender Endzwanziger mit dunklen Locken, der jetzt ein wenig verloren neben ihr saß, hatten im Winter in der Innenstadt ein Papierwarengeschäft übernommen und kämpften nun mit den Anfangsschwierigkeiten jeder Neugründung.

»Maddalena, gut, dass du da bist«, sagte Claire aufgeregt, »wir haben vermutlich einen Vergewaltiger vertrieben.« Sie holte aufgeregt Luft und ergänzte: »Die Frau dort haben wir auf einem Parkplatz gefunden.«

Claire wies mit ihrem mit hellrosa Nagellack versehenen Zeigefinger auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer. Die bleiche Frau mit dem dunklen Pagenkopf, die dort mit einer Wolldecke um die Schultern zusammengesunken auf einem Plastiksessel kauerte, hatte Maddalena nicht gleich bemerkt. Eine Beamtin in Uniform stand an den Schreibtisch gelehnt und sprach mit ihr.

»Einen Moment.« Maddalena, die von Zoli bereits über die Umstände informiert worden war, ging ins benachbarte Büro, das sich Zoli und sein Kollege Lippi teilten. »Danke, Beltrame«, sagte sie an die Polizistin gerichtet. Rita Beltrame, die Tochter eines Allgemeinmediziners hier aus der Stadt, war erst vor Kurzem zu ihnen gestoßen. Aufgeweckt und unkompliziert, hatte sie sich in Maddalenas Team schnell unentbehrlich gemacht. Gut, dass sie sich heute mit Zoli die Nachtschicht teilte.

»Commissaria, das ist Signora Violetta Capello. Sie ist Lehrerin und lebt hier in Grado, allein, wie sie sagt«, entgegnete Beltrame. »Ich wollte ihre Angehörigen verständigen, aber die sind in Turin. Sie möchte ihre Eltern lieber nicht beunruhigen und es ihnen später persönlich erzählen«, fuhr sie fort. »Ich habe einen Wagen mit einer weiteren Kollegin angefordert, sie müsste jede Minute hier sein.«

Maddalena nickte anerkennend. Genau das gefiel ihr so an Beltrame, sie dachte mit und wusste, wie wichtig bei Vergewaltigungsopfern weibliche Betreuung war.

»Signora Capello«, Maddalena beugte sich vor und verlieh ihrer Stimme ein weiches Timbre, »bevor ich Sie befrage, werden meine Kolleginnen Sie zur Untersuchung ins Krankenhaus bringen.«

»Nein, dort will ich nicht hin.« Die Panik in Signora Capellos Stimme war unüberhörbar. »Ich möchte nach Hause und endlich unter die Dusche. Es ist grauenvoll, widerlich, ich fühle mich beschmutzt. Versteht hier denn niemand, was ich gerade durchmache?« Sie begann zu weinen.

»Doch, wir verstehen Sie. Sehr gut sogar«, sagte Maddalena freundlich. Sanft, aber bestimmt legte sie eine Hand auf ihren Unterarm. »Es ist dennoch wichtig, dass Sie untersucht werden, nicht nur wegen der Spurensicherung. Sie wurden vermutlich betäubt. Möglicherweise benötigen Sie Medikamente oder eine Infusion. Das Ganze wird nicht lange dauern, das versichere ich Ihnen, und die Ärztinnen, die sich um Sie kümmern werden, sind sehr erfahren und äußerst vorsichtig. Glauben Sie mir, ich kann mir vorstellen, wie furchtbar das alles für Sie sein muss, doch man wird es Ihnen so angenehm wie möglich machen.«

»Der Kollege Zoli hat uns bereits in Monfalcone angemeldet, Signora Capello. Ihre Untersuchung wird ohne Wartezeit erfolgen.« Beltrame reichte der zitternden Frau eine lila Wolljacke. Wahrscheinlich von Zolis Mama, dachte Maddalena.

Violetta Capello nickte widerwillig.

»In Ordnung. Gleich nach der Untersuchung beginnen wir mit der Einvernahme.«

»Wenn ich im Krankenhaus fertig bin, will ich nach Hause gebracht werden. Ich bin erschöpft und kann mich ohnehin an nichts erinnern. Das habe ich den beiden, die mich gefunden haben, auch schon gesagt. Und mir ist schwindelig«, wandte Violetta matt ein.

Maddalena wandte sich unbeeindruckt an Beltrame. »Fahrt am besten gleich los.«

Während die Polizistin Violetta Capello mit einem sanften Druck ihrer flachen Hand an deren Schulter zur Tür hinausgeleitete, kam Zoli in den Raum, das Telefon in der Hand. Eine blaue Ader, die Maddalena inzwischen gut kannte, trat auf seiner Stirn hervor. »Ich habe eben die Meldung erhalten, dass eine Lehrerin aus Grado, eine Olivia Merluzzi, Signora Capello beim Euronotruf als entführt gemeldet hat. Die Kollegen aus Tolmezzo haben die Suche jetzt abgeblasen und bringen Signora Merluzzi zu uns.«

»Sehr gut. Vielleicht haben wir in ihr eine Zeugin. Rufen Sie Lippi an und sagen Sie ihm, er soll sich schleunigst auf den Weg machen. Ich brauche ihn bei den Befragungen.«

»Schon geschehen«, entgegnete Zoli eifrig.

»Brav.« Maddalena lächelte ihn an, und Zoli wurde rot.

»Sobald Signora Merluzzi ankommt, bringen Sie sie in mein Büro und sprechen mit den Kollegen aus Tolmezzo. Und dann würde ich mich über einen kleinen Kaffee freuen. Aus Ihrer Thermoskanne.«

Zoli grinste und salutierte. »Wird gemacht, Chefin.«

Zufrieden ging Maddalena zurück in ihr Büro. »So, Claire, jetzt zu euch beiden.«

Das junge Ehepaar saß mit hängenden Schultern auf den unbequemen Stühlen.

Maddalena setzte sich ihnen gegenüber an ihren Schreibtisch und sah sie aufmerksam an. »Wollt ihr etwas trinken?«

Beide verneinten, und Claire zog mit einem dankenden Lächeln eine Wasserflasche aus ihrer Umhängetasche.

In diesem Moment betrat der stets etwas atemlose, übergewichtige Lippi mürrisch grüßend den Raum und rückte einen Stuhl an die Breitkante des Schreibtisches. Anders als Zoli begegnete er seiner Chefin seit jeher mit Vorbehalten.

»Lasst uns beginnen.« Maddalenas Stimme hatte einen festen Klang. Lippi schaltete das Diktiergerät ein. Zudem zog er sein Heft, das er überallhin mit sich führte, aus der Tasche und nahm einen Kuli aus dem Köcher auf Maddalenas Schreibtisch. »Woher seid ihr gekommen?«

Maurizio räusperte sich. »Wir fahren alle paar Monate nach Österreich ins Casino. Wir mögen die Spannung und beobachten gern die anderen Leute. Und auch wenn wir nur den Eintritt verspielen, Velden ist schön und das Essen dort gut. Diesmal ist es spät geworden, ich war müde. Claire wollte mich ablösen und den Rest der Strecke fahren. Deshalb hielten wir an.«

»Warum auf dem Parkplatz Carnia Ovest und nicht auf der Raststätte Campiolo, die knapp davorliegt?«

»Da ist es doch viel zu voll. Wir wollten nur kurz stehen bleiben, da wären uns die Menschenmassen und Riesenansammlungen von Bussen, Lkws und Pkws bloß lästig gewesen. Auf den Raststätten geht’s, egal, zu welcher Stunde, immer lebhaft zu.«

Lippi nickte verständnisvoll. Und Maddalena dachte, dass der Täter das wohl auch so gesehen hatte.

»Wir hielten an, stiegen aus und ließen die Türen offen, da wir nur die Plätze tauschen wollten. Im nächsten Moment sahen wir einen Mann von der Wiese zu seinem Auto laufen. Er sprang hinein und fuhr davon. Es ging alles sehr schnell.«

Maurizio sah zu seiner Frau, die bestätigend nickte und ergänzte: »Das war irgendwie eigenartig, aber wir dachten zuerst nicht weiter darüber nach. Dann dachte ich, ich hätte ein Tier gehört, und wurde neugierig. Es hätte ja angefahren worden sein können. Die Vorstellung, unser Volpone liegt verletzt neben der Straße und keiner hilft, hat mich dazu veranlasst, die Wiese dort, wo wir den Mann gesehen hatten, abzusuchen. Und da fanden wir dann die Frau. Sie lag wimmernd auf dem Boden, und wir fürchteten, dass sie schwer verletzt wäre. Ihr Unterleib war entblößt.«

Lippi starrte sie fragend an. »Volpone?«