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Der autobiografische Roman erzählt mit der Lebensgeschichte eines Nachkriegsgeborenen einer Flüchtlingsfamilie den Weg in eine bessere Zukunft in der Grenzstadt Furth im Wald. Der Autor zeichnet ein Bild der Nachkriegszeit von 1947 bis Mitte der 60er Jahre. Es war eine Zeit, die erst von Kriegsfolgen und Armut geprägt war und danach den Aufbruch in das Wirtschaftswunder Deutschland erlebte. Eine liebevoll erzählte Familiengeschichte im Herzen einer bayerischen Grenzstadt zu Tschechien, humoristisch und ernsthaft zugleich, ohne Ressentiments und Vorurteile. Nicht durch Vergleiche mit aktuellen Ereignissen, sondern durch Beschreibung damaliger Verhältnisse überlässt der Autor dem Leser die Möglichkeit, die gegenwärtige Flüchtlingssituation daran zu messen und selbst zu reflektieren.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2017
Josef Franz Kaspar, 1947 in einer Flüchtlingsbaracke der Grenzstadt Furth im Wald geboren, erzählt in diesem autobiografischen Roman die Lebensgeschichte eines Nachkriegsgeborenen einer Flüchtlingsfamilie. Er zeichnet ein Bild der Nachkriegszeit von 1947 bis in die Zeit des Aufbruchs in das Wirtschaftswunder Deutschland. Mit dem Abschied von seiner geliebten Heimatstadt begann er eine Ausbildung zum Chemielaboranten, studierte danach an der Fachhochschule Rheinland-Pfalz Textiltechnik und anschließend an der UNI Darmstadt Pädagogik für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen. Mit der Pensionierung beendete er seine pädagogische Laufbahn und entdeckte seinen literarischen Forschungsdrang.
J.F. Kaspar
Von der Flüchtlingsbaracke in die Villa
Autobiografischer Roman
Mit Rezepten bayrisch-böhmischer Mehlspeisen
1.Auflage 2017
Verlag und Druck: tredition GmbH,
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
ISBN:
978-3-7439-7391-6 (Paperback)
978-3-7439-7392-3 (Hardcover)
978-3-7439-7393-0 (e-Book)
©Josef Franz Kaspar
„Wenn man an der Grenze lebt, ist man immer arm und nie seiner Heimat sicher…“
(Zitat aus dem Drachenstich-Festspiel nach Josef Martin Bauer.)
Die größte Flüchtlings- und Vertriebenenflut mit 12 Millionen Menschen erlebte Deutschland in den Jahren 1945-1948. Diese Menschen verloren ihr gesamtes Hab und Gut und suchten in Westdeutschland eine neue Heimat.
Der vorliegende autobiografische Roman erzählt mit der Lebensgeschichte eines Nachkriegsgeborenen einer Flüchtlingsfamilie den Weg in eine bessere Zukunft in der Grenzstad Furth im Wald. Der Autor zeichnet ein Bild der Nachkriegszeit von 1947 bis Mitte der 60er Jahre. Es war eine Zeit, die erst von Kriegsfolgen und Armut geprägt war und danach den Aufbruch in das Wirtschaftswunder Deutschland erlebte.
Eine liebevoll erzählte Familiengeschichte im Herzen einer bayerischen Grenzstadt zu Tschechien, humoristisch und ernsthaft zugleich, ohne Vorurteile und Ressentiments.
Nicht durch Vergleiche mit aktuellen Ereignissen, sondern durch Beschreibung damaliger Verhältnisse überlässt der Autor dem Leser die Möglichkeit, die gegenwärtige Flüchtlingssituation daran zu messen und selbst zu reflektieren.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden ca. 12 Millionen Deutsche und Deutschstämmige aus ihrer Heimat in den Siedlungsgebieten Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas vertrieben. Diese Menschen verloren außer ihrer Heimat auch die materiellen Grundlagen ihrer Existenz und mussten im kriegszerstörten Deutschland eine neue Bleibe finden. Dabei hatte dieses Nachkriegsdeutschland selbst genug damit zu tun, die einheimische Bevölkerung mit Lebensnotwendigem zu versorgen.
Zur Bewältigung der Flüchtlingsflut wurden Durchgangslager an zentralen Grenzübergängen geschaffen. Die Vertriebenen und Flüchtlinge wurden hier aufgenommen, registriert und mit Lebensmitteln versorgt. Die Durchgangslager wurden für diese Menschen zur ersten Station auf dem Weg von der verlorenen Existenz in eine unbestimmte Zukunft.
Die Konferenz der Außenminister der vier Siegermächte USA, UdSSR, Großbritannien und Frankreich scheiterte Ende 1947. Die Siegermächte konnten sich nicht auf gesamtdeutsche Wahlen einigen, stattdessen entschlossen sich die USA und Großbritannien für einen westdeutschen Teilstaat mit westlicher Orientierung. Dies führte letztlich zur Teilung Deutschlands, da in der Sowjetischen Besatzungszone der Volkskongress als Vorläufer der Deutschen Demokratischen Republik unter Leitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gebildet wurde.
Auch im Nahen Osten schien die Welt in Bewegung.
Am 30. November, dem 1. Advent im Nachkriegsjahr 1947, begann ohne formale Kriegserklärung mit ersten lokalen Kämpfen zwischen jüdischen Militärorganisationen und arabischen Milizen der Palästinakrieg und Winston Churchill, der bedeutende britische Staatsmann und Stratege des Zweiten Weltkrieges feierte seinen 73. Geburtstag.
In den frühen Morgenstunden dieses bewegenden Tages wurde ein Knabe im Bayerischen Wald in einer Holzbaracke des Flüchtlingslagers Furth im Wald geboren. Man nannte ihn „Pepperl“, eine bayerische Verniedlichung, abgeleitet von Josef. Josef war auch der Name seines Vaters, der ihm diesen würdevollen biblischen Namen vererbte. Im gesamten Auffanglager vernahm man seinen ersten Schrei, der nicht enden wollte. Mit dieser lautstarken Präsenz erhielt Pepperl aber nicht die Aufmerksamkeit, die er sich mit seinem Stimmvolumen vielleicht verdient hätte. Es wurde nicht die frohe Botschaft „HÖRT, HÖRT, ER IST DA!“ verkündet, sondern eher die Bemerkung „Oh Gott, der ist nicht zu überhören!“ geäußert.
Mit seinen Eltern und fünf Geschwistern, eigentlich Halbgeschwistern, teilte sich der kleine Josef einen Raum, den er mit seiner kräftigen Stimme beschallen konnte. Dieser Raum wurde auch noch von einer anderen Familie als Durchgang zu ihrer eigenen Behausung genutzt. Der kleine Josef schrie nicht selten aus Hunger. Hunger war der ständige Wegbegleiter in den Flüchtlingsbaracken der Nachkriegszeit.
Sein Vater, von Beruf Schneider, war Sudetendeutscher und konnte nach dem Kriegsende nicht mehr zurück in das Haus seiner Familie in Vollmau, weil die Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei in den Jahren 1945 und 1946 unter Androhung und Anwendung von Gewalt zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen wurden. Die Siedlung Vollmau (heute Folmava), die von Siedlern aus Furth im Wald im 17. Jahrhundert gegründet wurde, erlebte ein schreckliches Kapitel der Vertreibung. Sogenannte „Revolutionsgarden“, wie sie sich selbst nannten, meist junge tschechische Soldaten, töteten bei der Vertreibung am Ortsrand von Vollmau durch Gewehrfeuer Männer, Frauen und Kinder in einem Racheakt. Vater Josef war Kriegsgefangener in Frankreich, als dessen Bruder Franz im Garten seines Hauses mit einem Schuss in den Rücken getötet wurde.Josef‘s drei Töchter Ida, Nannerl (Verniedlichung von Anna) und Kathi waren vorübergehend bei seinen Geschwistern untergebracht, da ihre Mutter in Kriegszeiten verstorben war.
In Handwagen und Kinderwagen schleppten die vertriebenen Menschen aus Vollmau das, was sie gerade noch mitnehmen konnten über die tschechische Grenze nach Furth im Wald. Hier fand der Vater nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft eine Unterkunft für sich und seine drei Töchter in einer Flüchtlingsbaracke im Auffanglager. Seine zweite Frau Anna, Pepperl’s Mutter, auf einem ärmlichen, kleinen bayerischen Bauernhof nahe der tschechischen Grenze aufgewachsen, brachte selbst zwei uneheliche Kinder, „Fritz“ und „Annerl“, von im Krieg gefallenen Männern mit in die Ehe.
In jener Nachkriegszeit, umgeben von Armut und kriegsgeschädigten Menschen, war Nahrung die wichtigste Voraussetzung zum Überleben und Nahrungsmangel ein Grund für Pepperl‘s Dauerbeschallung der bescheidenen Unterkünfte.
Mit dem handwerklichen Geschick eines Schneiders baute der Vater aus Steinen und Lehm einen Ofen, auf welchem auch gekocht werden musste. Die gestalterische Phantasie zur Einrichtung des Barackenraumes war schnell erschöpft: Stockbetten Marke Eigenbau von Vater Josef. Die Flüchtlingsbaracken in Furth im Wald standen auf Holzpfählen, dazwischen befanden sich hölzerne Tafeln aus doppelter Bretterlage mit zwischenliegender Pappe und einfach verglasten Fenstern, Fußbodenplatten, Dachplatten mit Dachpappe ohne Zwischendecken, was nur geringen Schutz gegen Kälte bot. Das Trinkwasser war von Zapfstellen außerhalb der Baracken zu holen und das Schmutzwasser musste nach draußen getragen werden. Als Toilette gab es gemeinsam für alle Insassen ein Plumpsklo, das außerhalb der Behausungen stand. Der einzige „Luxus“ war elektrisches Licht.
Mutter Anna startete mehrmals einen Fluchtversuch mit Koffer und ihren Kindern hin zum Hof ihrer Eltern. Sie fand jedoch immer wieder zurück in die Flüchtlingsbaracke; Menschen gab es bereits genug, die von diesem kleinen Hof leben mussten, und der kleine Josef sollte ja nicht auch noch ohne Vater aufwachsen, wie Annerl und Fritz.
In jener Zeit litten viele Kinder an Mangelerscheinungen und ungesunden Wohnverhältnissen, so auch der kleine Josef, der schon in seinem ersten Lebensjahr Rachitis und Lungenentzündung durchzustehen hatte. Die Sterberate bei Kleinkindern und Säuglingen war relativ hoch und die Heilungschancen bei Tuberkulose und Lungenentzündung waren aufgrund der Arzneimittelknappheit gering.
Dabei hatte Pepperl seine Lungen doch schon frühzeitig lautstark trainiert. Außerdem schien er sich zu einem Sprachgenie zu entwickeln, als er mit seinen ersten gestammelten Lauten „Dadda“ schon die böhmische Bezeichnung für Vater aussprechen konnte. Darauf folgten die komplizierten Laute „Mama“, die seine Sprachbegabung unterstrichen. Überhaupt waren die böhmischen Bezeichnungen für Verwandte leicht zu erlernen: Dadda’s Bruder hieß nicht Onkel, sondern „Veda“, Dadda’s Schwester hieß nicht Tante, sondern „Doda“ und die Frau vom Veda hieß „Basl“.
„DaddaMamaDodaVedaBasl“ und schon war die ganze Verwandtschaft begrüßt.
Nach dem Kriegsende hatte die deutsche Reichsmark nur noch geringe Kaufkraft, da das Geldvolumen nicht mehr mit entsprechenden Sachwerten gedeckt war. Der Krieg hatte eine irrsinnige Ausweitung des Geldvolumens verursacht und die enormen Kriegszerstörungen reduzierten die verbleibenden Sachwerte. 1948 wurde in den westlichen Besatzungszonen mit der Währungsreform die Reichsmark abgeschafft und die Deutsche Mark eingeführt. Die Reichsmark in Geldscheinen hatte nur einen Nennwert und dieser lag weit unter dem gehandelten Wert von Münzen oder Sachwerten. Bis zur Währungsreform war es an der Tagesordnung, sich den Arbeitslohn in Sachleistungen oder Nahrungsmitteln bezahlen zu lassen.
Mit fleißiger Arbeit an der Nähmaschine „erkämpfte“ Vater Josef Lebensmittel für die kinderreiche Familie. Kreativität war nicht selten der Koch in der Nahrungsknappheit. Was heute eine Fastenspeise ist, war für viele Deutsche der Nachkriegsjahre die Basisernährung.
Zum Beispiel die „Einbrennsuppe“ (Siehe Rezept Nr. 1), auch Mehlsuppe genannt, ist ein sehr einfaches Gericht aus Mehl und Wasser. Dazu wird das Mehl in der Pfanne mit Schweineschmalz oder Öl goldbraun angeröstet bis eine blond-braune Mehlschwitze entsteht, die dann mit Wasser aufgekocht und mit Salz, Gewürzen, Kräutern und Gemüse angereichert wird.
Wer auf der „Brennsuppn daherschwimmt“, ist in der bayerischen Redensart ein armer und unbedeutender, beschränkter Mensch. Auf der Rückseite der Baracke baute Vater Josef ein eigenes Plumpsklo für die Familie, auf bayerisch „Scheißhäusl“ genannt. Im Umfeld dieses Scheißhäusls fand er das gut gedüngte Terrain für ein Kräuter- und Gemüsegärtchen in der Fläche von ein auf zwei Metern, quasi ein Recyclinggärtchen. Dies bewies eben, dass er nicht auf der „Brennsuppn dahergschwumma“ war.
Im Flüchtlingslager konnten die menschlichen Ausscheidungen nicht ausreichend kanalisiert werden und fanden daher stellenweise auch an der Erdoberfläche in einem Graben den Weg zur Entsorgung. Pepperl’s Schwestern hatten nicht immer Lust, den kleinen Schreihals im Kinderwagen zu beaufsichtigen und überließen ihn dem leicht abfallenden Gelände in Richtung Graben. Dieser Exkremente-Graben, also offenliegende Kanal, war der natürliche Stopp für den Kinderwagen, und das Sonntagskind küsste den Inhalt dieses Grabens. Da kam das Gerücht auf, dass dies die Geburtsstunde eines Feinschmeckers sein musste.
Vier Jahre nach Kriegsende wurde 1949 mit der Verabschiedung des Grundgesetzes auf den Trümmern des Krieges ein neuer Staat gegründet, die Bundesrepublik Deutschland. Damit begann auch eine Phase wirtschaftlichen Aufschwungs.
In jenem Jahr verließ die älteste Schwester Ida die Flüchtlingsunterkunft und fand einen Arbeitsplatz in einem Haushalt in Wiesbaden. Der Durchgangsverkehr durch die „Ein-Raum-Behausung“ der Familie Kaspar war nach drei Jahren auch vorbei und somit wieder Platz für einen weiteren Nachwuchs, Schwester „Roserl“. Eigentlich Rosamunde, aber wem sie diesen Namen schuldete, blieb ein Geheimnis. Vielleicht von der Polka, deren Text lautet: „Rosamunde schenk mir dein Herz und sag ja“. Herzen zu verschenken, war in dieser Armut die einzige Möglichkeit, Geschenke zu machen. Auch an Weihnachten blieb nicht viel, um Geschenke zu machen: Vater‘s Selbstgeschneidertes oder Mutter’s Selbstgestricktes und als Süßigkeit „Schmalzkugeln“ (Siehe Rezept Nr. 2).
Roserl entwickelte sich dank ihrer Vorliebe für Süßigkeiten schnell zu einem pausbäckigen Wonnepropen und Pepperl durfte sie ab und zu im Kinderwagen schaukeln. Nicht selten stand er mit dem Kinderwagen vor dem Exkremente-Graben und überlegte, ob er Roserl auch einem Feinschmeckertest unterziehen sollte. Im Gegensatz zu Roserl’s Pausbacken magerte Mutter Anna’s Statur zunehmend ab. Sie hatte einen Wurm in ihrem Körper, einen Bandwurm, der als hungriger Mitesser für sie selbst nicht viel übrig ließ. Pepperl machte sich Sorgen um seine Mutter, wenn er ansehen musste, wie sie sich unter den schwierigen Lebensverhältnissen mit einer Sauerkraut-Kur herumquälte. Mit dieser Wurmkur zwang sie das Untier schließlich zur Kapitulation.
Die letzte große Aussiedlungsaktion mit ca. 20 000 Sudetendeutschen fand im März 1950 statt. Die Stadt Furth im Wald war mit Menschen überbelegt und so wurden die Transportzüge aus der Tschechoslowakei noch vor dem Einlaufen in den Bahnhof verstärkten Grenzkontrollen unterzogen. Eine zwiespältige Erfahrung für die Kontrolleure, wenn sie mit ansehen mussten, wie Kinder in den Eisenbahnwaggons vor Erschöpfung und Hunger weinten, aber trotzdem strenge Kontrollen durchgeführt werden mussten.
Einige Further Bürger fühlten sich in ihrer Sicherheit bedroht und die Angst, noch mehr Menschen aufnehmen zu müssen, sollte durch eine Grenzsperre gemindert werden. Dass Furth der am stärksten belastete Ort des Regierungsbezirks war, wurde durch ein Anwachsen der Bevölkerung von 6 000 auf 11 000 Einwohner und durch eine bedrückende Wohnungssituation mit 12 Elendsquartieren belegt.
Die Behausung der Patchwork-Familie Kaspar bot für „deine-meine-unsere Kinder“ bald mehr Lebensraum, als auch die zweitälteste Schwester Anna (Nannerl) ihrer Schwester Ida nach Wiesbaden folgte.
„Mama, kimmt des Nannerl eyzt nimma?“ 1)
waren Pepperl‘s traurige Worte nach dem Abschied von seiner Schwester.
Die sogenannte „Dobnerbaracke“, in der die Familie Kaspar lebte, war nicht weit vom Bahnhof entfernt, und so konnte er das Pfeifen der Dampfloks immer gut hören. Dieses Geräusch drückte sich wie ein Brandzeichen schmerzhaft in seine kindliche Psyche. Angst, verlassen zu werden.
Diese einfache Behausung einer Holzbaracke bot eine Vielfalt akustischer Reize, die nicht alle beruhigend waren: Lautstarker Streit, Schreie, Hilferufe, Hundegebell und –Gewinsel, Stöhnen, Fluchen, Husten, Seufzen usw. Selbst einen lauten Furz aus der Nachbarschaft konnte man durch diese dünnen Holzwände vernehmen. Geheimnisse mussten lautlos sein.
So war es schon bald kein Geheimnis mehr, dass hier eine Familie lebte, in welcher Hunde geschlachtet und verspeist wurden.
„Do geyhst ma net zum Essn umme!“2)
war Mutter Anna’s Anweisung an Pepperl, diesen Ort zu meiden. Nicht selten gab es Streit zwischen den so eng aufeinander lebenden Menschen mit unterschiedlicher Herkunft.
Die damaligen Zustände in der Dobnerbaracke wurden schließlich als menschenunwürdig und unhaltbar wegen akuter Seuchengefahr bezeichnet. Auchwenn sich die Versorgung mit Nahrung gebessert hatte, so blieben doch die hygienischen Zustände noch dieselben: Plumpsklo, kein Bad, Wasser von draußen holen, Abwasser nach draußen bringen, kochen auf primitiven Einrichtungen. Hände, Körper oder Geschirr unter fließendem Wasser zu reinigen, war nicht möglich.
1953 wurde endlich eine Lösung für die Räumung der Unterkünfte gefunden, und Pepperl wurde ein Leben in einer Villa in Aussicht gestellt.
1) „Mama, kommt Anna jetzt nicht mehr?“
2) „Dort nimmst du kein Essen an!“
