Griechisches Licht - Serge Mangin - E-Book

Griechisches Licht E-Book

Serge Mangin

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Beschreibung

Enttäuscht von seinem Heimatland, entdeckt ein junger Franzose aus Paris in den 1970er-Jahren Deutschland für sich. Serge Mangin macht eine glänzende Karriere als Bildhauer. Er porträtiert Helmut Kohl, George Bush sen., Michail Gorbatschow und andere große Persönlichkeiten. Auf Kreta werden ihm der griechische Geist und das griechische Licht zur Inspiration. Doch die Entwicklung Europas im 21. Jahrhundert empfindet er schmerzlich als Verlust abendländischer Traditionen. Serge Mangin zeichnet ein Panorama aus bewegenden Erinnerungen und nüchterner Zeitgeistkritik. Ein fesselndes Buch, das einlädt, unser Leben mit offenen Augen zu betrachten und auch in Zeiten der Not die Hoffnung nicht zu verlieren.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Für Michèle und Sybille

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Ins Deutsche übertragen von Hertha Schwarz.

© 2023, LMV, ein Imprint der Langen Müller Verlag GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Sabine Schröder

Umschlagmotiv: Serge Mangin

Satz und E-Book Konvertierung: Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-7844-8444-0

www.langenmueller.de

Die Wasser des Abendlandes sind faulig, doch die Quelle ist rein.

*

Gegen die heutige Welt konspirieren wirksam nur die, die insgeheim die Bewunderung der Schönheit verbreiten.

Nicolás Gómez Dávila

Inhalt

Einleitung

I Kindheit & Jugend

Kindheit in Frankreich

Jugend in Paris

Der Mai 1968

Bei der Armee

II Die ersten Jahre als Bildhauer

Auf nach Deutschland: München, Köln & Hamburg

Die ersten Schritte als Bildhauer

Griechenland & erste Arbeiten als Steinbildhauer

Entdeckung der Weiblichkeit in der Kunst

Erste Erfolge

III Erfolge & Niederlagen

Die deutsche Wiedervereinigung

Sparta!

Unterstützung aus Paris – Kohl, Gorbatschow & Bush senior

IV Wie steht es um das Abendland?

Mein Kreta verändert sich

Die Coca-Cola-Republik

Quo vadis Abendland?

Dank

Vita

Einleitung

Ich habe nicht die Absicht, hier eine aus Memoiren zusammengesetzte Biographie zu schreiben. So wenig wie ein Künstler oder Fotograf die Natur wiedergeben kann, mit all ihren Entfernungen, Geräuschen, Düften, also ihre tatsächliche Erscheinung, so wenig kann selbst ein aufrichtiger Mensch den Verlauf seines Lebens wahrheitsgetreu nacherzählen. Memoiren und andere Bekenntnisse sind voller bewusster und unbewusster, in Teilen sicherlich sogar gefälschter Illusionen. Dem gegenüber kann man bescheiden versuchen, sich an einige auffällige Fakten zu erinnern und diese in die plausible Logik eines Schicksals einzuordnen. Vielleicht kann man dann, wenn überhaupt, von der Wiederentdeckung der eigenen Seele sprechen, wenn diese sich uns als der intimste und somit einzig wahre Teil unseres Wesens offenbart. Georges Bernanos schrieb sehr treffend: »Diese Einfachheit der Seele – wir geben unser Leben hin, um sie zu erwerben oder wiederzufinden, wenn wir sie gekannt haben, denn sie ist ein Geschenk der Kindheit. Man braucht sehr lange, um hier heimzukehren, so wie man ganz am Ende der Nacht eine Morgenröte wiederfindet.«

Mit meiner Erzählung verfolge ich zwei Absichten: Zunächst möchte ich – soweit wie möglich – den Pfad zurückverfolgen, den ich durch den unentwirrbaren Dschungel des Lebens und der Ereignisse geschlagen habe, bis ich zu meiner großen Verwunderung die wunderbare Lichtung der künstlerischen Kreativität entdeckte. Diese Befreiung – und eine solche war es – konnte für mich nur im Deutschland der 1970er-Jahre stattfinden. Heute lebe ich immer noch in diesem einst so geliebten Land. Ich lebe immer noch mit ihm, so wie ein Mann seit fünfzig Jahren mit einer Frau zusammenlebt, die zwischenzeitlich zu einer schrecklichen Megäre geworden ist. Er liebt sie nicht mehr, bleibt aber aus Schwäche und dank einiger Fotos in seiner Brieftasche, auf denen sie als junges Mädchen zu sehen ist, immer noch mit der Frau zusammen. Von Zeit zu Zeit betrachtet er diese und es gelingt ihm nicht, sich von ihr zu trennen … Ist das schlichtweg Treue oder gibt es in dieser globalisierten und überall bedrohten Welt einfach nichts Besseres als dieses arme Deutschland? Wahrscheinlich beides …

Zweitens möchte ich mit dieser Schrift erklären, warum mein Werk als Bildhauer ein Plädoyer für das alte Abendland war und ist. In dieser abscheulichen postkapitalistischen Zeit ist Europa, das noch während meiner Jugend mit so vielen Hoffnungen verbunden war, zu einem grotesken merkantilen Kindergarten verkommen. »Wenn der Tyrann das anonyme Gesetz ist, fühlt sich der Moderne frei«, um noch ein weiteres Mal Nicolás Gómez Dávila zu zitieren. In der Tat hat sich in diesem Europa alles ins Lächerliche verkehrt. Und unsere Gesellschaft denkt nicht im Traum daran, sich dagegen aufzulehnen. Direkt an der zentralen Ankunft des Münchner Flughafens steht vor einem Werbeplakat für eine Autovermietung ein aus Autoreifen geformtes Gummimännchen. Es soll ein »Denkmal« sein. In meinen Augen ist es eher das passende Symbol für das gegenwärtige Deutschland und das Europa der Krämerseelen. Meine Werke standen hingegen immer sinnbildhaft für die Freiheit und das Recht, im Abendland so zu leben, wie man will. In dieser Welt, in der nur von Kontrollen, Tests, Standardniveaus und Experten dahergeredet wird, habe ich mich als Autodidakt behauptet und mit meiner Kunst verteidigt, was ich weiterhin als Abendland bezeichnen möchte. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich vor jemandem zu rechtfertigen. Ich schreibe für diejenigen, die meine Weltanschauung teilen, denn »wo eine Anspielung nicht genügt, erübrigt sich der Dialog« (Nicolás Gómez Dávila).

****

Meine Liebe zu Europa ist eine sentimentale Form der Loyalität und Treue zu den Erinnerungen an meine Kindheit, an ein Europa, das damals noch sich selbst treu blieb und sich nicht wie heute dem kommerziellen Globalismus anpassen musste. Das europäische Abendland zu lieben, bedeutet nicht, ihm zwangsläufig eine Form kultureller oder biologischer Überlegenheit zu verleihen, wie es die kranken Ultranationalisten des 20. Jahrhunderts taten. Natürlich gibt es eine europäische Architektur, Musik und Kunst, aber wie auch immer ihre Qualität war, Europa hatte kein Monopol darauf. Was die Europäische Einigung betrifft, so waren wir ihr während des Baus der Kathedralen am nächsten. Die damaligen Europäer sprachen zwar nicht die gleiche Sprache, d. h. schlechtes Englisch, und hatten auch nicht die gleiche Währung, aber sie hatten den gleichen Glauben, den gleichen Sinn für das Schöne und die gleiche Art zu lieben und zu respektieren. Die heutigen europäischen Nationen erinnern eher an die namenlosen Passagierschiffe der internationalen Beutelschneider, die eine liberianische, maltesische oder andere Flagge als Deckmantel haben, um weniger Steuern oder Abgaben für den Aufenthalt in diesem oder jenem Hafen bezahlen zu müssen. Das heutige Europa ist das Opfer dessen, was es einst selbst geboren hat. Das sind der amerikanische Westen und der Marxismus, beides Erzfeinde des alten Europas. Aber abgesehen von meiner kindlichen Liebe und meiner Loyalität zu dem Europa unserer Märchen, unserer Traditionen und der Menschen, die ich geliebt habe, kann ich mein Herz nicht für unsere Geschichte und Bräuche erwärmen. Die bürgerliche Ehe, die galante Liebe des Mittelalters, das Elend der Leibeigenen, die feuchte Dunkelheit der Burgen, die Disziplin der Kasernen und der nationalen Flotten, die Anzüge mit engem Kragen oder die Korsetts der Frauen, die modernen Zuchthäuser, die man heute Büros nennt, das alles deprimiert mich damals wie heute.

Ich warte immer noch auf eine Erklärung, was die berühmten europäischen Werte sein könnten. Natürlich respektiere ich das Heldentum der europäischen Soldaten und finde oftmals auch Gefallen an Militärparaden, welche die Präsenz einer kollektiven Seele ausdrücken. Nein, meine Liebe zum Abendland bleibt einfach, fast kindlich: Sie besteht darin, eine bestimmte Art von Männern und Frauen oder Kameraden aus der Kindheit zu lieben. Sie ist auch darin begründet, durch unsere kleinen Kirchen oder die großen Kathedralen zu streifen sowie bestimmten Musikstücken oder Volksweisen zu lauschen, die mich in meinen frühen Jahren umgaben. Damals gab es noch das Europa der Vaterländer, so wie es Charles de Gaulle und später die ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland im Sinn hatten.

Von Anfang an waren meine Skulpturen geprägt von einer Haltung des Widerstands gegen den heutigen Wirtschaftsmenschen, zu dem sich der gemeine Europäer entwickelt hat, nämlich zu einem anonymen, fast asiatischen Lohnsklaven aus Tokio oder Peking. Mein Werk als Bildhauer beginnt mit dem griechischen Menschen, der vor etwa 2800 Jahren an den Ufern und in den Bergen Griechenlands geboren wurde, und wird einst auch mit einem solchen stehenden Menschen, dem Säulenmenschen, dem freien Bürger, dem Menschen im Licht, dem ersten abendländischen Menschen zu Ende gehen.

Ich spreche von den ersten griechischen Statuen, die »Kouroi« genannt werden. Der griechische stehende Mann, der Kouros, blickte laut Oswald Spengler bis zur Horizontlinie, welche gleichzeitig auch die Grenze seiner Heimatstadt, seiner Insel oder seines Territoriums war. Er war vor allem ein strikter Isolationist und zudem stand er außerhalb der Zeit. Was sein Licht betrifft, das berühmte griechische Licht, so erleuchtete und beruhigte es seinen Geist. Die Sonne war die Sonne des Lebens und die Hölle war für ihn das Reich der Schatten. Heute hat der moderne Mensch die Sonne zur Hölle gemacht: Er liefert sich ihr aus, so wie man Würstchen nebeneinander auf einen Grill legt, der Strand genannt wird. Die Sonne ist zu einem Hautkrebsspender geworden! Vor allem: Statt zu stehen, liegt der heutige Mensch außerhalb der Arbeit hingestreckt wie ein Sklave. Ja, meine Leidenschaft für Tempelsäulen als Symbol für den stehenden Menschen war und ist die Vision meines Lebens, meine Vision als Bildhauer, denn die Säule wird durch ihre eigentliche Funktion bezeichnet: die Funktion, den Globus zu tragen, man selbst zu sein, für seine Mission verantwortlich zu sein. Der Mensch, der Säulen errichtet, sei er Tahitianer, Azteke, Ägypter oder Grieche, ist ein Mensch, der im Chor singt. Eine Säule gleicht einem vertikalen Gesang, weil die menschliche Stimme im Chor zum Himmel aufsteigt. Ein Volk, das nicht mehr singen kann, ist ein totes Volk. Es besteht nur noch aus Büroleichen, wie es heute leider üblich ist.

Aber es gibt noch eine weitere Lektion, die wir vom griechischen Menschen lernen können. Wir können sie Salamis, Thermopylen oder Marathon nennen. Ich meine den Sieg der Griechen im Verhältnis 1:1000 gegen die eindringenden Perser. Der Mut der Griechen veränderte den Lauf der Dinge und damit das Gesicht der Welt für fünfundzwanzig Jahrhunderte. Bemerkenswerterweise taucht nach dem Sieg über Asien der klassische griechische Mann auf: Er steht zwar noch aufrecht, lächelt aber nicht mehr. Es ist unser dummes Lachen, das von der Werbung für Kuchen, Zigaretten und BHs benutzt wird, das uns vom klassischen oder vorklassischen griechischen Menschen trennt.

Das Verständnis für diese griechische Lektion bedeutet jedoch keineswegs, dass man sie kopieren muss, um dem modernen Menschen wieder eine Seele zu verleihen. Der neue Mensch hat einen ersten Schritt getan, der zwar unheimlich, aber unerlässlich ist: Er ist bereits durch den Tod gegangen, die einzige notwendige Bedingung für seine Wiedergeburt. Ja, man muss sich zuerst verlieren, um sich wiederzufinden. Genau das verstand Ernst Jünger unter »die Grenze überschreiten müssen«, um in den Wald des Rebellen einzutreten. Der neue Mensch wird vielleicht den griechischen Kouros kennen, aber er wird ihn nicht nachahmen. Nach der allgemeinen Zerstörung wird er sein eigenes Licht finden und auf seine eigene Art aufrecht sein. Er wird weiter nach dem suchen, was schon der griechische Mensch gesucht hatte.

Schließlich überbrachte uns der griechische Mensch noch eine weitere Botschaft: die Schaffung der antiken Stadt. Die antike Stadt hatte sich nämlich diesem neuen Element der Menschheit verschrieben, welches man wahre Politik nennt, jener Politik, die den heutigen Parteien zur Farce geworden ist.

Man kann sich vorstellen, wie gerührt ich war, als ich kürzlich auf folgende Zeilen aus meinem Tagebuch aus den 1980er-Jahren stieß: »Niemals vergessen: Trotz der obligatorischen Tricks, der Sorgen, des Elends, der Zugeständnisse wird mein einziges Ziel bleiben, den letzten Aufschrei des Abendlands auszustoßen …«. Ich höre schon, wie einige sich, über meine Art zu kämpfen, lustig machen. Können Skulpturen die Welt verändern oder sogar eine Form des Widerstands ausdrücken? Jedenfalls kann eine einfache Flötenspielerin aus Bronze ein furchteinflößendes kulturelles Bollwerk sein. Denn jede authentische Statue hat die Aufgabe, eine ernsthafte Botschaft zu übermitteln. Ich möchte hinzufügen, dass die Darstellung des stehenden Menschen in der Kunst notwendigerweise einer politischen Leidenschaft entspricht! Denn die Darstellung eines stehenden Menschen offenbart den Wunsch, in Erfahrung bringen zu wollen, ob unsere Seele intakt geblieben ist. Eine authentische, echte Statue ist der Ausdruck einer kollektiven Seele. Es ist jene Seele des griechischen Menschen, die mit sanfter und ruhiger Kraft aus dem Kouros und der Kore, den stehenden und lächelnden Jünglingen und Mädchen, leuchtet.

Dass eine Statue Ausdruck einer kollektiven Seele sein kann, lässt sich anhand der Handlungen des Siegers nach einem gewonnenen Krieg erkennen: Als erstes werden die Statuen des Besiegten zerstört. Das taten die ersten Christen mit den heidnischen Statuen der Griechen. Es geschah ebenso beim Terror der Französischen Revolution mit den Porträts der französischen Könige und erst kürzlich bei den von Amerikanern befreiten Irakern … ganz zu schweigen von den Statuen des kommunistischen Regimes nach dem Fall der Mauer. Allerdings sind meine Statuen nicht unmittelbar politisch (ich habe noch nie in meinem Leben gewählt!), sondern Ausdruck meiner Seele, die dem Abendland wie einer Familie treu geblieben ist. Und gerade das macht sie glaubwürdig. Ernst Jünger bemerkte sehr subtil: »Je weniger die Kunst politisiert und aktualisiert wird, desto stärker wirkt sie politisch.«

Neben meinen Statuen bin ich unwiderstehlich ein überzeugter Porträtist geblieben. Denn ein solcher ist immer Zeuge seiner Zeit. Jeder Mensch trägt trotz seiner einmaligen Einzigartigkeit die charakteristischen Züge eines Landes und einer Epoche in sich, egal ob es sich um ein Straßenkind oder den Präsidenten der Vereinigten Staaten handelt. Ein Künstler kann nicht außerhalb seiner Zeit leben. Er kann seine Zeit verurteilen, er kann sie sogar ignorieren, aber er kann nicht vor ihr fliehen und schon gar nicht Zuflucht in der Vergangenheit suchen. Er ist dazu verurteilt, sie zu verteidigen oder zu bekämpfen, es sei denn, er betreibt die sogenannte moderne Kunst im verachtenswerten Dienst der Banken. Jedes Porträt ist daher ein aktives und mutiges Zeugnis.

Serge Mangin, im Juli 2022

I Kindheit & Jugend

Kindheit in Frankreich

Ich wurde 1947, zwei Jahre nach der deutschen Kapitulation, im 14. Arrondissement von Paris geboren. Es ist eine schicksalhafte Frage von Glück oder Pech, in dieser oder jener Epoche geboren zu werden. Etwas früher und ich wäre inmitten eines Weltkrieges zur Welt gekommen mit Gott weiß welchen Folgen, und außerdem hätte ich später als Soldat an dem schrecklichen Algerienkrieg teilnehmen müssen, der 1962 mit fatalen Folgen für Europa, ja sogar für die ganze Welt endete. Ein weiteres Schicksal der Geburt ist es, ob man einen jüngeren oder älteren Bruder beziehungsweise Schwester oder gar mehrere Geschwister hat. Meine Schwester Michèle ist vier Jahre älter als ich, und wenn man bedenkt, wie viel mehr ein kleines Mädchen beobachtet und zudem schlauer ist als ein Junge in gleichem Alter, kann man sich vorstellen, dass sie für mich wie eine zweite Mutter war. Als solche beschützte und beriet sie mich viele Jahre lang, und selbst heute kann ich unseren Altersunterschied immer noch nicht ausblenden. Diese glückliche Konstellation führte auch dazu, dass die Frau in meinen Augen eine beschützende Autorität symbolisiert. Ich werde dennoch wenig über sie und meine Mutter sprechen, weil die Rolle, die sie in meinem Leben spielten, für mich über jede überflüssige Beschreibung erhaben bleibt.

Im Paris der 1950er-Jahre hatte ich das Glück, schon mit vier oder fünf Jahren auf der Straße spielen zu können, in einer Stadt, die fast noch autofrei war. Ich erinnere mich, dass wir mit Streichhölzern in den Rinnsteinen Wettrennen veranstalteten, und wir auf den Bürgersteigen leidenschaftlich Murmeln spielten. Etwas später nahmen wir an kleinen, freundschaftlichen Straßenbandenkämpfen teil. Wir waren mit Blasrohren bewaffnet, mit denen wir mit tadelloser Präzision Pfeile aus zusammengerolltem Papier bis zu zwanzig Meter weit schossen! Jungen und Mädchen spielten in diesen Zeiten getrennt und ihrer Natur entsprechend. Die Spiele der Mädchen waren menschlicher, vernünftiger und weniger aggressiv. Manchmal frage ich mich, ob die Männer im Grunde genommen nicht die Krankheit dieses Planeten sind.

Kleine Läden, die von alten Leuten mit einem weichen Herz für Kinder geführt wurden, säumten die Straßen. Wir bekamen Süßigkeiten und andere Leckereien, gerade weil wir Kinder waren. Die Arbeiter von damals, Arbeiter aller Art, trugen ihre Baguettes unter dem Arm mit einer Zigarette im Mundwinkel und man hätte schwören können, dass es ihre Vorfahren waren, die Notre Dame gebaut oder an der Französischen Revolution teilgenommen hatten. Vor allem sprachen wir damals diesen Pariser Slang, den Argot, der eine Sprache des Volkes war und ursprünglich die Funktion hatte, von den Vertretern der Ordnung nicht verstanden zu werden! Das zeigt, wie revolutionär die Pariser Bevölkerung von Anfang an gestimmt und wie ironisch und skeptisch sie war! Wir Kinder hatten diese Eigenschaften geerbt: Wir zweifelten an allem, außer daran, dass wir einem Vaterland namens Frankreich angehörten! Ich bin mir sicher, dass der Argot eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Revolution von 1789 spielte, denn der Pariser Argot war ein Codewort für Eingeweihte und stellte ein Symbol für die Solidarität des Volkes dar. Meine Eltern, die aus der Auvergne und aus Korsika stammten, lachten liebevoll, wenn sie mich nicht verstanden! Heute stelle ich traurig fest, dass diese so bildreiche Slangsprache bei den Kindern in Paris verschwunden ist. Damit hat man ihnen einen Teil ihrer Seele geraubt, diese kollektive Seele, die ich am Anfang dieses Buches erwähnt habe. Im Übrigen sind die heutigen Kinder von Paris nicht verantwortlich, sondern Opfer eines entschieden globalen und antinationalen Systems. Damals, in den 1950er-Jahren in Paris, war Fremdenfeindlichkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen übrigens nicht vorhanden. Unter uns gab es Spanier, Griechen, Araber, Schwarze, kurzum eine Minderheit von Ausländern aus der ganzen Welt, aber die Tatsache, dass sie wie wir Argot sprachen, gab ihnen einen authentischen französischen Pass: Sie sprachen Argot, also gehörten sie ohne jeden Hintergedanken zu uns! Wir waren alle Kinder von Paris! Ein Südfranzose mit seinem typischen Akzent hätte dagegen Schwierigkeiten gehabt, einer unserer Kameraden zu werden. Seit Jahrzehnten hat die Vermischung der Nationalitäten nicht nur zum Verschwinden des Argots geführt, sondern leider auch zur Ausbreitung eines allumfassenden Rassismus, der früher nicht existierte.

Mein Vater war ein gebürtiger Auvergnat aus Clermont-Ferrand mit hellblauen Augen und einem geraden Blick. Er hatte eine hohe Position bei der Geheimpolizei. Er war streng, gleichzeitig aber auch sehr großzügig. Nur in Bezug auf die großen Prinzipien war er unnachgiebig. Er konnte auch über das Unglück anderer weinen und war zutiefst zugänglich für Mitleid. Während des Zweiten Weltkriegs war er Kadett von Saumur gewesen, einem Regiment von Eliteoffizieren, das bei der deutschen Offensive vor der Loire zu 80 Prozent gefallen war.

Seltsamerweise ließ er mir eine Erziehung angedeihen, die die Deutschen in ein eher günstiges neutrales Licht stellte. Eines Tages erfuhr er, dass wir unter meinem Kommando als Bandenführer einen kleinen Deutschen in der Schule drangsalierten, weil ich verstanden hatte, dass die Deutschen meinen Vater töten wollten … Seine Mutter kam zu meinen Eltern, um sich zu beschweren. Ich muss etwa acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Er empfing sie sehr freundlich und versprach ihr, dass er alles wieder in Ordnung bringen würde. Zu meiner Überraschung sprach er sogar ein wenig auf Deutsch mit ihr. Er bemühte sich, mir ruhig zu erklären, dass die Deutschen genauso Menschen wie wir seien und dass sie mir helfen würden, wenn ich in Deutschland wäre. Am nächsten Tag ging er mit mir in die Schule und lud den kleinen Deutschen zu uns nach Hause zum Dessert ein. Ich nahm ihn unter meinen persönlichen Schutz und wir wurden Freunde. Zwei Jahre später hatte er Französisch gelernt und sprach Argot wie wir. Er war einer von uns geworden. Diese Anekdote hat, ohne dass ich es damals ahnte, vielleicht mein Leben geprägt.

Eine zweite, die auch mein Leben geprägt hat, betrifft ebenfalls Deutschland. Ich war 16 Jahre alt und die deutsch-französische Freundschaft unter der Führung von de Gaulle und Adenauer war in vollem Gange. Zwei Freunde meines Vaters waren gekommen, um sich die Mittagsnachrichten im Fernsehen anzusehen. Es war Wochenende und ich kam wie jeden Samstag aus dem Internat nach Hause. Die beiden Freunde waren keine Chorknaben: ein sehr bekannter Arzt und ein Geschäftsmann, der französische Parfums in die ganze Welt verkaufte. Alle drei stammten aus der Auvergne und waren natürlich Kriegsveteranen. Die Bilder zeigten deutsche Panzer, die die Grenze in Straßburg überquerten, Blumen und Geschenke in die Menge der französischen Zuschauer warfen und selbst kleine französische Fahnen trugen. Die Marseillaise und die deutsche Nationalhymne wurden gespielt. Plötzlich überraschte mich das Schweigen meines Vaters und seiner Freunde. Für einen Moment dachte ich, sie hätten das Zimmer verlassen, ohne sich von mir zu verabschieden. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass sie still und leise große Tränen der Freude, ja des Glücks, weinten. Der deutsche Alptraum ist vorbei, wir sind Freunde für immer. Auch diese zweite Anekdote sollte sich in mein Herz und mein Gehirn einbrennen.

Meine Mutter kam aus dem Süden, eine Mischung aus korsischem, sizilianischem und maltesischem Blut. Sie war sanftmütig und ihr Herz war immer offen für einen Kummer. Außerdem war sie sehr schön. Wenn sie mich in ihrem Pelzmantel und den besten Parfums Frankreichs vom Kindergarten abholte, waren alle Blicke bewundernd auf sie gerichtet. Ich war verlegen und beschämt. Ich hätte es vorgezogen, wenn sie hässlich gewesen wäre. Dann hätten wir beide unbemerkt bleiben können.

Ein anderes »Ereignis« aus dieser Zeit hat sich in meinem Gedächtnis festgesetzt und hilft mir heute dabei, abzuwägen, was Verrat in jeglicher Form bedeutet. Es war der Tag, an dem sie mich zum ersten Mal in den Kindergarten brachte und mich den Händen der Erzieherinnen inmitten fremder Kinder »aussetzte«. Das Gefühl, von der Frau, die ich über alles liebte, verraten zu werden, zerschnitt mir die Seele wie mit einem Messer. Ich muss vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Ich erinnere mich sogar noch an die Farbe meines Wollschals, mit dem ich mir an diesem Tag die Tränen abwischte. Etwa 60 Jahre später stieß ich auf den Satz von Dávila: »Weder Niederlage noch Unglücksschläge nehmen die Lebenslust. Nur der Verrat löscht sie aus.«

Diese Wahrheit erstreckt sich auf alle Bereiche. So kann zum Beispiel auch die Auslieferung des geliebten Europas der Vaterländer an die internationalen Banken und Konzerne zu schwerem Kindheitskummer führen … In meiner Kindheit war ich zwischen meiner vier Jahre älteren Schwester, ihren Freundinnen, meiner Mutter und ihren Nachbarinnen nahezu ausschließlich von weiblicher Präsenz umgeben, d. h. von Frauen, die mich anbeteten und verhätschelten. Wenn ich jedoch abends hörte, wie mein Vater den Schlüssel ins Schloss steckte, um einzutreten, war mein sorgenfreies Leben vorbei, oder sagen wir besser, mein Zustand der Gnade. Heute zweifle ich nicht mehr daran, dass es gut war, so wie es war. Auf jeden Fall hat die weibliche Präsenz in meinem Leben immer dazu beigetragen, mich zu beruhigen und die Frau als vertrauenswürdig zu betrachten, zumindest wenn es mir schlecht ging. Da kommen mir die Worte von Chateaubriand in den Sinn: »Nichts ersetzt die Anhänglichkeit, das Feingefühl und die Hingabe einer Frau; man wird von seinen Brüdern und Freunden vergessen; man wird von seinen Gefährten verkannt; von seiner Mutter, seiner Schwester oder seiner Frau wird man nie verkannt.« Ich bezweifle die absolute Wahrheit dieser Zeilen, aber die Tendenz stimmt.

Auch hier spreche ich, wenn ich von Frauen spreche, von Europa, wenn auch unbewusst, denn Frauen repräsentieren nach meiner absoluten Überzeugung die Identität einer Nation oder einer Kultur im Allgemeinen und nicht die Männer. Ich erinnere mich an eine kurze Reise mit der ganzen Familie nach Algerien, das damals noch ein französisches Departement war, um Verwandte, sogenannte Siedler, zu besuchen. Ich war noch ganz klein. Die schreckliche Angst, ja der Schrecken, den der Anblick dieser verschleierten arabischen Frauen mit ihren Tätowierungen auf der Stirn und den Händen in mir auslöste, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren! Nichts an ihrem Blick war beruhigend: Ihre Kinder und sie selbst lebten in schwarzen Löchern mit den Hühnern unter demselben Dach. Es gab keine Blumen oder Gärten und keine Spur von Zärtlichkeit. Ich hatte ständig Angst, dass sie mich in ihren Slums verschwinden lassen würden. Diese Frauen waren definitiv nicht die armen Opfer der französischen Kolonialherren, sondern nur ihrer eigenen Mentalität. Genau den gleichen Eindruck hatte ich etwa 60 Jahre später in der Hauptstadt des Jemen. Als ich im Hafen an Land ging, begegneten mir nur Blicke, die wie bedrohliche Pistolen aussahen. Ich versuchte, mich zu besinnen, und probierte, die Märkte zu erkunden, aber es half nichts. Ich rannte zum Boot zurück, weil ich Angst hatte, überfallen oder entführt zu werden. Ich war nicht der Einzige unter den Passagieren, der so reagierte. An diesem Tag fehlte mir Europa sehr.

Die kurze Reise in meiner Kindheit nach Algerien liegt 70 Jahre zurück, und noch heute bereitet mir die Anwesenheit jeder verschleierten Frau ein Unbehagen. Gewiss, ich halte den Monotheismus für ein großes Übel, die bornierte Intoleranz der Christen inbegriffen (unsere grausamen Religionskriege wären bei den Griechen nicht denkbar gewesen). Auch flößt mir die Disziplin der Muslime mehr Respekt ein als unsere gegenwärtige degenerierte Konsum- und Spaßgesellschaft.

Viele große Autoren bestätigen, dass Frauen den Charakter einer Nation wiedergeben und nicht die Männer. Céline schuf mit den Porträts einiger Amerikanerinnen ein gelungenes Abbild von Amerika, Henry Miller von Griechenland, Maurras von Südfrankreich und Stendhal von Deutschland. Cicero in Athen und Cäsar bei den Germanen taten das Gleiche.

Ich stelle mit Dankbarkeit und Erleichterung fest, dass meine Kindheit ohne Fernsehen verlief. Wir unterschätzen die dämonische Kraft von bewegten Bildern und sogar von Farbfotos. Ich erinnere mich an ein Werbeplakat für einen damals laufenden Film. Darauf war der Kopf einer blonden Frau zu sehen, der das Blut an den Haaren herunterlief. Auch hier muss ich fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Ein Schwert steckte bis zum Heft in ihrem Kopf. Ohne es klar zu verstehen, spürte ich die fatale Präsenz einer schrecklichen Realität: die des Bösen in der Welt. Ich wurde von einer tiefen Depression erfasst, die mich tage- und nächtelang nicht mehr losließ. Das Bild des Menschen war für immer getrübt, ja zerrissen. Die Schlussfolgerung war ebenso schmerzhaft wie zerstörerisch für das Gehirn eines Kindes. Ich sehe hier den typischen Fall eines Verbrechens an der Seele eines Kindes. Ich möchte mir nicht vorstellen, was in Kindern vorgeht, die regelmäßig Vergewaltigungs- oder Folterszenen im Fernsehen sehen.

Die Kinder im Jahr 1955 erhielten, was sage ich, verschlangen keine fertigen bewegten Bilder, sondern schufen sie sich selbst. Was war das für ein Unterschied hinsichtlich Kreativität und Vorstellungskraft! Mit Plastikfiguren von Indianern und Cowboys konnte ich mir eine Welt erschaffen, in der ich still und leise verschwand. Ich war frei und Herr über meine Untertanen, die mir bedingungslos zur Verfügung standen. Oft musste man mich suchen, weil ich so still und in meine Spielzeuge vertieft war. Ich bemerke zwei interessante Details: Das erste ist, dass ich immer die Indianer gegen die Cowboys gewinnen ließ, weil sie in meinen Augen »wild« und somit frei waren, während die weißen Cowboys mich an die väterliche Disziplin erinnerten.

An dieser Stelle muss ich unweigerlich an die heutigen radikalen Feministinnen denken. Ihr Hass auf den Mann und insbesondere auf den weißen Mann kann nur durch einen vulgären, unbewussten Konflikt zwischen ihnen und ihren Vätern erklärt werden. Denn an der bewussten oder unbewussten Gesinnung dieser Frauen besteht kein Zweifel: Nur der weiße Mann hat in ihren Augen das Monopol auf das Verbrechen und das Böse im Allgemeinen.

Damals machte ich mir über die Hautfarbe meiner Figuren noch keine großen Gedanken. Ich dachte jedoch bereits daran, ihre Formen zu verändern, und möglicherweise machte der Bildhauer in mir seine ersten Versuche. Da meine Eltern damals eine Gasheizung hatten, hielt ich die Plastikfiguren an die Flamme eines Heizkörpers, um sie zu erwärmen. So konnte ich sie formbar machen und ihre ursprünglichen Bewegungen verändern. Ich führte auch imaginäre Schlachten zwischen meinen Indianer- und Cowboytruppen, aber eines Tages machte meine Fantasie ohne Vorwarnung einen entscheidenden Schritt in Richtung Erotik!