Große Freiheit am Starnberger See? - Doris Fuchsberger - E-Book

Große Freiheit am Starnberger See? E-Book

Doris Fuchsberger

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Beschreibung

Kulturhistorisches Kleinod am Starnberger See Hans Albers war der Prototyp eines Draufgängers von der Waterkant. Was zog ihn ausgerechnet an den Starnberger See und welche Rolle spielte dabei sein Kontrahent Joseph Goebbels? Diese Publikation beleuchtet den Ufa-Star mit seiner jüdischen Lebensgefährtin Hansi Burg und zeigt deren bislang der Öffentlichkeit vorenthaltene Villa mit Bootshaus und Park. Darüber hinaus illustriert dieser Band das Anwesen im Kontext der historischen Parklandschaft am Westufer des Starnberger Sees. Dort wirkten die besten Gartenkünstler ih­rer Zeit: Lenné, Effner, Kolb und der junge Ludwig Beißner. Die Lektüre lädt ein, sich selbst auf die Spuren prominenter Wittelsbacher, nicht zuletzt der Kaiserin Elisabeth von Österreich zu begeben - und sich von der kostbaren Schönheit dieses Landstrichs bezaubern zu lassen.

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Seitenzahl: 86

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Doris Fuchsberger ist freie Autorin. Ihr besonderes Interesse gilt historischen Gärten und der Kulturgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Den jüngsten Schwerpunkt ihrer Arbeit bildet die Geschichte Münchens während des Nationalsozialismus und deren Ausprägung als Kunst- und Feststadt. Im Allitera Verlag erschienen Publikationen zur »Nacht der Amazonen« (2017) sowie mit Albrecht Vorherr als Co-Autor »Schloss Nymphenburg unterm Hakenkreuz« (2014) und der Bildband »Schloss Nymphenburg: Bauwerke – Menschen – Geschichte« (2015).

INHALT

EINLEITUNG

VON POSSENHOFEN BIS GARATSHAUSEN: DIE HANS-ALBERS-VILLA IM KONTEXT EINER HISTORISCH BEDEUTENDEN PARKLANDSCHAFT

Frühe Nutzung

Die Schlösser Possenhofen und Garatshausen:

Adelssitze mit ambitionierten Nutzgärten

Die Parklandschaft der Herzogin Ludovika in Bayern

Königliche Nachbarschaft: Roseninsel und Lenné-Park

Garatshausen: der Kalvarienberg wird zum Villengarten

Schloss Garatshausen – Sitz des Exilkönigspaares beider Sizilien und sommerlicher Treffpunkt von »Sisis« Geschwistern

HANS ALBERS– VON DER WATERKANT AN DEN STARNBERGER SEE

Beobachtungen zur Person und Karriere des Filmidols

Frühe Jahre und Stummfilmzeit.

Tonfilm- und Schlagerkarriere

Die jüdische Lebensgefährtin Hansi Burg

»Extrawurst« in Bayern und die Bavaria Film AG

Zunehmende Schwierigkeiten in den Kriegsjahren

Kriegsende und Nachkriegszeit

DIE »HANS-ALBERS-VILLA«: IMPRESSIONEN VON HAUS UND PARK

Areal

Landhaus des Arztes Ludwig Loé

Dienstvilla des Garatshausener Schlossverwalters

Lois Welzenbacher: spektakulärer Entwurf eines Gebäudeensembles

Wohnhaus und Nebengebäude.

Bootshaus

Park

Drehort für den Film »Ein Mann auf Abwegen«

SCHLUSSBETRACHTUNG

ANHANG

Chronologie

Statistik der Hans-Albers-Filme und -Songs

Quellenverzeichnis

Dank

Bildnachweis

EINLEITUNG

Wer hat sich nicht schon einmal am Starnberger See kurz vor dem nördlichen Ortseingang von Tutzing über die Beschilderung einer Seitenstraße gewundert? »Hans-Albers-Straße« steht dort deutlich sichtbar. War das nicht der Ufa-Star aus Hamburg, der mit Filmen wie der »Der Blaue Engel« und »Große Freiheit Nr. 7« oder Liedern wie »La Paloma«, »Flieger, grüß mir die Sonne« und »Kleine Möwe, flieg nach Helgoland« bis heute als personifizierter Heldentyp von der Waterkant im kollektiven Gedächtnis blieb? Spaziergänger finden eine Informationstafel, die diese Vermutung bestätigt. Hier in Bayern – und nicht etwa in seiner Heimat – lebte der Hanseat jahrzehntelang bis zu seinem Tod.

Die Literatur zu Hans Albers (1891–1960) beschäftigt sich bisher nur flüchtig mit dessen Wohnsitz in Garatshausen am Starnberger See. Haus und Garten wurden bestenfalls schemenhaft skizziert. Sämtliche Autoren waren nie vor Ort. Selbst Evelyn Steinthaler, deren 2018 erschienenes Buch »Mags’s im Himmel sein, mag's beim Teufel sein. Stars und die Liebe unter dem Hakenkreuz« ein fundiertes Kapitel der Beziehung von Hans Albers und der Jüdin Hansi Burg (1898–1975) widmete, geht davon aus, dass Albers »ein Leben in der Provinz« pflegte. Dort habe er mit seiner Lebensgefährtin Hansi Burg unbehelligt Zusammenleben und sich damit der »Kontrolle Berlins« entziehen können. Allerdings beträgt die Entfernung von Albers’ Villa in Garatshausen zum Münchner Stadtzentrum (Marienplatz) gerade einmal 40 Kilometer. Das nahe Feldafing – Garatshausen ist davon ein Ortsteil – liegt an der Bahnstrecke München–Garmisch-Partenkirchen und verfügt bereits seit 1865 über eine Bahnstation. Als Albers das Anwesen 1935 erwarb, war diese Zugverbindung bereits elektrifiziert und wurde in Hinblick auf die 1936 ausgetragene Winterolympiade in Garmisch-Partenkirchen weiter ausgebaut.

Meine Arbeit setzt sich erstmals mit der Frage auseinander, warum der Hamburger Hans Albers ausgerechnet von Berlin nach Bayern wechselte. Die politische Einflussnahme auf sein Privatleben mit der rassistisch geächteten Hansi Burg musste er im gesamten Deutschen Reich befürchten. Als gefeierter Film- und Theaterstar wäre er wohl nirgendwo – jedoch erst recht nicht im Dunstkreis Münchens – unbehelligt ins Privatleben entglitten. Schließlich hatte Hitler die Metropole im Oktober 1933 zur »Hauptstadt der Deutschen Kunst« erklärt. Zudem sollte München nach Hitlers Intention zum politischideologischen Zentrum des Nationalsozialismus ausgebaut werden, was den 1935 verliehenen Titel »Hauptstadt der Bewegung« nach sich zog.

Die Kreisstadt Starnberg wiederum konnte sich mit einer der ersten NSDAP-Ortsgruppen brüsten, die bereits in der Frühzeit der Partei außerhalb Münchens entstanden. Im nahen Feldafing war zudem am 1. April 1934 die »Nationalsozialistische Deutsche Oberschule« durch Ernst Röhm eröffnet worden. Als militärisch strukturierte Eliteschule unterstand sie finanziell und verwaltungsmäßig dem Zentralamt der Obersten SA-Führung. Nach Röhms Ermordung wurde sie dem »Stellvertreter des Führers« Rudolf Heß persönlich unterstellt, der sie 1939 in »Reichsschule der NSDAP Feldafing« (RSF) umbenannte.

Albers erwarb 1935 das erhöht gelegene Anwesen mit ausgedehntem Park, direktem Seezugang und Alpenblick und ließ es nach seinen Bedürfnissen zeitgemäß anpassen. Dieses Buch zeigt die Geschichte des Besitzes auf, charakterisiert Hans Albers und Hansi Burg, setzt das Anwesen als herausragenden Siedlungspunkt in einen topografischen sowie historischen Kontext und bietet eine ausführliche Beschreibung von Haus, Bootshaus und Garten. Es erschien zunächst in einer Sonderedition für politische Entscheidungsträger, die über die künftige Nutzung bestimmen werden. Aufgrund regen Interesses seitens der Öffentlichkeit liegt es nun in abgewandelter und erweiterter Form als broschierte Ausgabe vor.

Das Anwesen ist in staatlichem Besitz. Hansi Burg hatte es nach Albers’ Tod geerbt und 1971 an den Freistaat Bayern veräußert. An den Verkauf war der von Zeitzeugen bestätigte Wunsch gekoppelt, dass der Besitz fortan der Allgemeinheit dienen solle. Burgs Verhandlungspartner war die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen. Konkret ist zu belegen, dass der Freistaat Bayern in der notariellen Kaufurkunde erklärte, dass der Erwerb »für öffentliche Erholungszwecke« erfolge. Diese notarielle Erklärung ignoriert der Freistaat bis heute. Der Leerstand des Gebäudes lud zu Vandalismus ein. Nach einer aufwändigen Renovierung wurde dort schließlich 1978 die Versuchs- und Ausbildungsstation für Seenfischerei der Bayerischen Landesanstalt für Fischerei einquartiert. Noch vor deren Auszug 2009 berichteten die Medien von Veräußerungsabsichten des Staates. Eine Petition des Kulturvereins Garatshausen e. V. gegen den Verkauf war sicherlich dabei behilflich, das Verfahren zu stoppen. Über das Denkmalnetz Bayern fand sich ein Team zusammen, das zur Thematik forschte. Ich untersuchte die Viten von Hans Albers und Hansi Burg sowie die Einbindung der Villa in die historische Parklandschaft entlang des Starnberger Sees, Dr. Reinhard Mößmer befasste sich mit Historie und Denkmalfähigkeit des Parks und der Architekt Arne Schacht forschte zum Gebäudebestand und zur Baugeschichte des Landhauses.

Die Studienergebnisse wurden im November 2019 mit drei Vorträgen im Spiegelsaal von Schloss Garatshausen dargelegt. Ich stellte Hans Albers und dessen jüdische Lebensgefährtin als Persönlichkeiten der Zeitgeschichte dar. Arne Schacht erbrachte den Nachweis, dass in der heutigen Villa noch der ursprüngliche Gebäudebestand von 1865 steckt und erläuterte den derzeitigen Zustand. Dr. Reinhard Mößmer zeigte auf, dass sich der Park im »Gemischten Stil« erhalten hat, wie er zur Erbauungszeit in Mode kam. Er ist Bestandteil der sich von Niederpöcking bis Bernried erstreckenden Parklandschaft aus dem 19. Jahrhundert. Damit bilden Villa und Park eines der letzten noch vorhandenen Ensembles aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Fünf-Seen-Land.

Diesen vorgelegten Studienergebnissen und persönlicher Vorsprache im Landesamt für Denkmalpflege ist maßgeblich zu verdanken, dass das Ensemble tatsächlich im Januar 2020 in die Denkmalliste eingetragen wurde. Dabei sind es drei Kriterien, die als schützenswert erachtet wurden: Albers/ Burg als Personen der Zeitgeschichte, die Villa samt Bootshaus und der historische Park.

Die beim Vortrag anwesende Vorsitzende des deutsch-jüdischen Vereins Respect & Remember Europe e. V., Gabriella Meros, erkannte den ideellen Wert des Anwesens. Sie setzte sich ebenfalls für dessen Eintrag in die Denkmalliste ein und unterbreitete der Bayerischen Staatsregierung ein Konzept für die Öffnung des Anwesens. Danach soll die Garatshausener Villa von Hans Albers und Hansi Burg in deren Sinne wiederbelebt, über Themen wie Demokratie, Antisemitismus, Liebe und Zivilcourage diskutiert und informiert werden sowie Kunst und Kultur einen Platz finden.

Wie bereits Jahre zuvor reichte der Kulturverein Garatshausen e. V. fin Dezember 2019 zusammen mit dem Ersten Bürgermeister der Gemeinde Feldafing eine erneute Petition im Landtag ein, um Villa und Park der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit trat er in Konkurrenz zum Verein Respect & Remember. 2021 entschied jedoch der Haushaltsausschuss des Bayerischen Landtags, dem vom Wissenschaftsministerium angemeldeten Bedarf einer Tagungsstätte für die »Junge Akademie« der Technischen Universität München (TUM) nachzukommen und damit für die institutionelle Versperrung des Anwesens. Mit dieser Entscheidung ist jedoch ein Großteil der Bürgerschaft nicht einverstanden. Zwei Tutzingerinnen, Lucie Vorličková und Stefanie Knittl, nahmen sich des Bürgerwillens an, gründeten die Bürgerinitiative Albers für alle und reichten noch im Dezember 2021 eine Petition im Bayerischen Landtag ein. Sie möchten die Öffnung des Seegrundstücks durch die Bayerische Schlösserverwaltung zu üblichen Tagesöffnungszeiten bewirken und beschweren sich davon unabhängig über den intransparenten politischen Prozess der unrechtmäßigen Staatsbedarfsanmeldung. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist die Kontroverse noch nicht gelöst.

Eine historische Ansichtskarte zeigt den Starnberger See. Mit einer Uferlänge von 49 km ist er der fünftgrößte See Deutschlands. Eingebettet in die hügelige Voralpenlandschaft bietet er eine sehr hohe Wasserqualität. Überregionale Bekanntheit verschaffte ihm König Ludwig II. von Bayern, der dort unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Am Ufer reihen sich malerische Orte, Schlösser und Parks aneinander. Hans Albers’ Wohnort Garatshausen mit dem gleichnamigen Schloss wurde bereits 1818 in die Gemeinde Feldafing eingegliedert.

Schloss Garatshausen zwischen See und Kalvarienberg, dem Standort der späteren Hans-Albers-Villa (Lithografie um 1850).

VON POSSENHOFEN BIS GARATSHAUSEN: DIE HANS-ALBERS-VILLA IM KONTEXT EINER HISTORISCH BEDEUTENDEN PARKLANDSCHAFT

Mitte der 193oer-Jahre entschloss sich der Filmstar Hans Albers (1891–1960) zur Verlagerung seines Wohnsitzes von Berlin nach Bayern. 19351 erwarb er unweit von Schloss Garatshausen ein 1865 erbautes Haus mit einem parkähnlichen Grundstück. Auf einem Hügel gelegen, bot es einen traumhaften Blick auf den Starnberger See und die Alpenkette. Wusste er von der geschichtlichen Bedeutung dieses Siedlungspunktes?

Frühe Nutzung

Nördlich von Garatshausen, nahe des Ufers, befindet sich die einzige Insel im Starnberger See: die Roseninsel. Aufgrund ihrer fast 6 000 Jahre alten Pfahlbauten wurde sie 2011 von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft. Daneben zeugen Reste einer Kirche aus dem 7. Jahrhundert von einer weiteren frühen Besiedelung. Garatshausen ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Feldafing. Der Ort wird bereits im 8. Jahrhundert urkundlich erwähnt und ist damit erheblich älter als Feldafing. Im 15. Jahrhundert gehörte der wasserreiche, aus zwei Mühlen und einem ausgedehnten landwirtschaftlichen Gutsbetrieb bestehende Besitz dem bayerischen Herzog Albrecht IV. (1447–1508), der ihn 1494 an den wohlhabenden Münchner Patrizier Hans Weiler veräußerte. Dessen Sohn, Kaspar Weiler, ließ sich um 1550 Schloss Garatshausen zum Sommeraufenthalt errichten.

Der gekreuzigte Christus vom Garatshausener Kalvarienberg hat sich erhalten. Er ziert nun die Kapelle der Evangelischen Akademie im Schloss Tutzing.