Grüße aus der Psychiatrie - Sophie Blau - E-Book

Grüße aus der Psychiatrie E-Book

Sophie Blau

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Beschreibung

«Weit hast du es gebracht, Sophie. Du bist 27 und sitzt in der Psychiatrie.» Statt weiter die Karriereleiter zu erklimmen, landet Sophie in der Psychiatrie. Diagnose: Erschöpfungszustand mit Depression und Angststörung - kurz: Burn-out. Was sich anfangs anfühlt wie eine Diagnose aus heiterem Himmel, hat sich lange unerkannt angebahnt, stellt Sophie im Lauf der Therapie fest. Aufgeben kommt jedoch nicht eine Sekunde in Frage. Sie kämpft gegen das Eingesperrtsein in der Psychiatrie, die Angst, die immer mehr Raum einnehmen will, gegen gut verdrängte Erlebnisse, die plötzlich wieder ins Bewusstsein treiben, aber vor allem gegen den eigenen Kopf. «Aber genau davon bin ich bisher ausgegangen: Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich. Der Kopf ist das Haupt, ist das Wichtigste. Alles, was darin passiert, bin ich. Aber ich bin viel mehr, habe ich gemerkt. Ich bin auch mein Herz, meine Seele, mein Bauch und mein ganzer Körper, bis in die Finger- und Zehenspitzen. Ich bin meine Emotionen, mein Verstand, meine Erfahrungen, mein Wissen, meine Wünsche, Träume, Sehnsüchte.» Während des dreimonatigen Aufenthalts in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken lernt Sophie so einiges: wie unendlich tief der innere Abgrund ist, hard facts über psychische Gesundheit, aber auch zahlreiche alltagstaugliche Tipps und Tricks für den Umgang mit Stress und Angst. Die Suche nach der eigenen Identität fördert verschiedenste Denkanstöße zu Tage - nicht nur für andere Betroffene und Angehörige, sondern für jeden, der die Antwort auf die Frage «Wie geht's?» mit «Eigentlich ...» beginnt.

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Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über die Autorin:

Sophie Blau ist keine Psychologin, keine Psychiaterin, keine Coachin und heißt eigentlich ganz anders. Unmittelbar und sehr direkt erzählt sie ihre persönliche Geschichte – und ist doch leider alles andere als ein Einzelfall.

Inhaltsverzeichnis

Absturz

Psychiatrie

Psychosomatik

Zurück

Quellennachweise und Literatur

Burn-out? Ich? – Lächerlich!

Ich habe schließlich immer Energie für drei gehabt. So viele Termine, wie ich – ganz easy – an einem Wochenende unterbrachte, hatten andere in einer ganzen Woche nicht. „Geht nicht“ gab es nicht. Ich war immer unterwegs, beruflich wie privat. Aber Stress? Hatten die anderen.

Weit habe ich es gebracht mit dieser Einstellung. Bis in die Psychiatrie. Und hier sitze ich nun seit über einer Woche. Immerhin sitze ich überhaupt noch irgendwo. Das allein ist ein großes Glück. Und ich starre mittlerweile auch nicht mehr nur regungslos aus dem Fenster, sondern ich schreibe, denn: Alle sollen wissen, wie scheiße so ein Burn-out ist. Dass das kein dreimonatiger Erholungsurlaub ist, weil man mal ein bisschen zu viel gearbeitet hat, sondern dass man ganz schnell, schneller als man bis drei zählen kann, tatsächlich mit seinem Leben spielt.

Aus dem Stegreif kann ich mindestens zehn Personen aus meinem engeren Bekanntenkreis aufzählen, die in den letzten fünf Jahren an einem Burn-out oder einer Depression gelitten haben. Seit wann ich das weiß? Seit ich selbst krankgeschrieben bin. Die Leute wissen jetzt, sie sprechen mit einer, die selbst betroffen ist, die sie deswegen also nicht komisch anschaut oder anders behandelt.

Hätte nur einer von ihnen offen darüber gesprochen – vielleicht hätte ich mich mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Vielleicht wäre ich wachsamer gewesen. Vielleicht hätte ich meiner Familie, meinem Ex, meinen Freunden und Kollegen, aber vor allem mir selbst diese Katastrophe erspart.

Vielleicht aber wäre ich trotzdem weiter mit Vollgas gegen die Wand gerannt, denn ich war schließlich jung und strotzte geradezu vor Energie: einen Burn-out? Ich? – Lächerlich!

Sophie Blau, 22. August 2015

ABSTURZ

Februar 2014 bis August 2015

Ich verlauf mich hier ausschließlich auf zu oft gegangenen Wegen. (Reise, Ansa Sauermann)

Vergangenes Jahr war ich, mal wieder, genervt von der Arbeit. Durch reinen Zufall hatte sich nach dem Studienabschluss vor vier Jahren dieses Job-Abenteuer mit all seinen Möglichkeiten aufgetan: Abwechslungsreich, herausfordernd und aufregend – genau das, was ich mir in der Uni vorgestellt hatte. Klar, hin und wieder gab es auch stressige Phasen, aber ich hatte den Eindruck gehabt, dass ich diesen Stress geradezu brauchte, um das Beste aus mir herauszuholen. Lange Zeit hatte ich die Arbeit gern gemacht, ich liebte meinen Job, erzählte stolz davon. Über die Jahre hinweg veränderte sich die Atmosphäre jedoch klammheimlich, kaum wahrnehmbar: Die Firma war übernommen worden, der Druck wurde stetig größer, die To-do-Listen immer dichter. Zwei unglückliche Missverständnisse hatten sich dazugesellt, und plötzlich waren Wertschätzung und Rückhalt aus meinem Arbeitsalltag verschwunden. Langsam und leise schlich sich im Frühling 2014 ein Gedanke in meinen Kopf: Dieser Job, das ist nicht meine Zukunft.

Dieser Job, das war nicht mehr ich, vielleicht war ich das sogar nie gewesen, ich wollte etwas anderes tun. Allerdings hatte ich keine Ahnung, was. Also blieb ich, ließ mich gelegentlich am Telefon anschreien und versuchte, mich nicht noch weiter in firmenpolitische Machtspielchen verstricken zu lassen, die ich, jung und naiv, viel zu spät erkannt hatte. Etwa zu dieser Zeit bekam ich zum ersten Mal diese Hüftschmerzen, so stark, dass ich keine zweihundert Meter mehr laufen konnte – dabei war ich gerade mal sechsundzwanzig, fast ein ganzes Lebensalter von Arthrose entfernt. Das MRT brachte kein Ergebnis und der Arzt erklärte mir, er könne nichts für mich tun. Ich war wütend und verwirrt, als er mich wegschickte.

Hilflos begann ich, mit Schmerztabletten zu jonglieren, und stieg auf Fahrradfahren um, selbst kürzeste Strecken radelte ich; einfach nicht mehr zu gehen war schließlich keine Option. Ein Vierteljahr später, immer noch jonglierend, erwischte mich eine Kehlkopfentzündung, schon die zweite innerhalb weniger Monate. Diesmal legte sie mich über zwei Wochen lahm. Ich war erschöpft, ratlos und irgendwann regelrecht verzweifelt – weshalb war ich plötzlich ständig krank, was war nur mit mir los?

In jenem Sommer lief, zugegeben, jedoch nicht alles schlecht: Ich lernte jemanden kennen. Jan lebte zwar in der Nähe von Stuttgart, alles andere aber passte wunderbar und wir verliebten uns Hals über Kopf. Ich war überglücklich, schon Anfang September waren wir ein Paar. Die Glückseligkeit währte jedoch nicht lange: Zwei Wochen später eskalierte mein Leben in allen anderen Bereichen gleichzeitig. Seit einigen Monaten schon suchte ich nach einer eigenen Wohnung, die ständig wiederkehrenden Diskussionen um Putzpläne, Lautstärken und Übernachtungsgäste in der Vierer-WG waren kaum noch auszuhalten. Da kündigte Christian plötzlich seinen Auszug an – schon fürs nächste Wochenende, er konnte die Wohnung eines Bekannten übernehmen. Fast über Nacht ließ mich damit mein einziger Verbündeter in diesem hochexplosiven Krisengebiet im Stich. Wie erwartet schwenkte die Kommunikation in der WG am Tag des Umzugs vollständig auf Türenknallen und Schreien um, es war, als wäre der letzte Blauhelmsoldat abgezogen worden, ein offener Krieg brach aus. Als ob das nicht schon gereicht hätte, stieg der Stresspegel in der Arbeit auf ein neues Allzeithoch. Neben dem doppelten Alltagsgeschäft – mein Kollege war zu der Zeit im Urlaub – stapelten sich urplötzlich fünf Projekte, die drei Vollzeitkräfte beschäftigt hätten, auf meinem Tisch, alle mit fixen Deadlines für die nächsten drei Wochen. Der Kehlkopfentzündung hatte ich doch mehr Tribut zollen müssen als erwartet, ich war gerade erst wieder richtig fit, aber arbeitete, arbeitete, arbeitete – in einem Tempo, das ich selbst nicht für möglich gehalten hatte: hochkonzentriert, stundenlang, mit Herzstechen. Mir war sonnenklar, dass das alles andere als gesund war – aber ich sah keine Alternative. Und das Ende der Stressphase war absehbar, drei Wochen würde ich das durchhalten.

Währenddessen knallten die Türen in meiner WG immer lauter. Als ich schließlich an einem Sonntagvormittag um halb zehn nach einem Streit um zu laute Beats und weitere Geräusche einer nächtlichen Wiesnverlängerung aus dem Nachbarzimmer mit Herzstechen im Bett lag, setzte ich dieser Kriegs-WG ein Ende. Fluchtartig zog ich aus. Keinen Tag länger wollte ich bleiben, hier zu wohnen machte mich krank! Lieber kam ich übergangsweise bei meinen Eltern auf dem Land unter und würde zur Arbeit pendeln.

Wenige Tage später war die letzte Deadline geschafft und ich – Überraschung – wieder krank. Die dritte Kehlkopfentzündung in diesem Jahr. Heulend saß ich beim Hausarzt und diesmal wurde ausführlich an mir herumgedoktert. Schließlich diagnostizierte eine unfreundliche Internistin Hashimoto, eine autoimmun bedingte Schilddrüsenentzündung, die für die Erschöpfung verantwortlich sein sollte. Ein Osteopath entdeckte endlich die Ursache für meine Hüftschmerzen, nämlich eine tief liegende Muskelverspannung, und eine feinfühlige HNO-Ärztin schickte mich zu einer Logopädin, die mit mir an der Stabilität meiner Stimmbänder arbeitete. Mit dem Gefühl, endlich zu wissen, was mit mir los war, und zur Abwechslung mal wieder etwas für mich zu tun, kam ich Mitte Oktober nach acht Tagen im Krankenstand zurück ins Büro.

Viel zu früh, wie ich spätestens mittags feststellte. Mein Kopf war schwer geworden und ich fühlte mich fiebrig. Ein paar wichtige Punkte meiner To-do-Liste wollte ich nach der Mittagspause noch abhaken und dann vielleicht ein wenig früher gehen, beschloss ich erschöpft, ich hätte doch noch einen Tag zu Hause bleiben sollen.

Gerade als ich im Begriff war, meinen Schreibtisch für den Tag zu räumen, zitierte mein Chef mich zu einem Vier-Augen-Gespräch. Ich war zu überrumpelt, um eine gute Ausrede parat zu haben, also folgte ich ihm wenig später widerwillig in sein Büro.

Die Intention hinter dieser Unterredung war gewiss gut; mir jedoch vorzuwerfen, ich würde mich nicht um meine Gesundheit kümmern, während man mich gleichzeitig mit einem Arbeitspensum für drei zuschüttete, machte mich sprachlos. Ich saß meinem Chef gegenüber und fand trotz meiner Empörung nicht mehr die Kraft, den Mund aufzumachen und Partei für mich selbst zu ergreifen, ich war erledigt. Ich hätte mittags einfach heimgehen sollen, dachte ich, aber das half mir nun auch nichts mehr. Wehrlos ließ ich das Gespräch über mich ergehen, vermied jeden Blickkontakt, in der Hoffnung, möglichst bald nach Hause ins Bett zu können. Aber es gab kein Entrinnen. Je weniger ich reagierte, desto mehr redete sich mein Chef in Rage. Das, was neben dem Fieber für den restlichen Tag in mir brannte und noch heute in mir brennt, war der letzte Satz dieses Gesprächs: „Deine Leistung hat stark nachgelassen. So, wie wir ursprünglich mit dir geplant hatten, wird es nicht weitergehen.“

Der Dank dafür, dass ich wochenlang den Job von drei Leuten geschmissen und alle Fristen eingehalten hatte: Die anstehende Beförderung war geplatzt.

Ich schlief wie tot, ging am nächsten Tag ins Büro, wie es sich gehörte. Aber ich hatte Konsequenzen aus dem gestrigen Gespräch gezogen. Keinen Finger mehr als nötig würde ich zukünftig rühren. Und bei der ersten Gelegenheit gehen.

In den nächsten Monaten pendelte sich mein Leben langsam wieder ein. Keinem fiel auf, dass ich nur noch Dienst nach Vorschrift verrichtete – zumindest sprach mich niemand darauf an. Bei der Logopädin und beim Osteopathen verbrachte ich viel Zeit. Die entspannten Wochenenden bei meinem Freund taten mir gut und ich fand eine neue, wunderschön gelegene Wohnung. Schließlich bekam ich von der Abteilungsleitung sogar die Möglichkeit angeboten, für zwei Monate, von Anfang Februar bis Ende März, zum Mutterkonzern nach London zu gehen. Der frischen Beziehung würde das nicht wirklich gut tun und es bedeutete auch, dass ich mindestens bis zum Frühjahr in der Firma bleiben müsste. Trotzdem wollte ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Zu lange schon hatte ich davon geträumt, noch einmal im Ausland zu leben, mein Auslandssemester war schon viel zu lange her. Februar und März verbrachte ich also – gemeinsam mit meiner Schwester, die gerade in London studierte – weit, weit weg von meinem Münchner Leben. Aber der lange, ruhige Winter und die knapp tausend Kilometer zwischen London und München reichten nicht aus.

IRGENDETWAS STIMMT NICHT

An einem ganz normalen Donnerstagnachmittag Ende Mai, nach einer Dienstreise, war da plötzlich ein Tornado in meinem Kopf, ohne jede Vorankündigung. Tausend Gedanken stoben wild durcheinander, wirbelten in einem Karussell, das vollkommen außer Kontrolle geraten war. Ich fand weder Ruhe, noch konnte ich klar denken, egal was ich tat.

Sechs Wochen waren seit meiner Rückkehr aus London vergangen, und die hatte ich genutzt: den Lebenslauf aktualisiert, die ersten Bewerbungen verfasst und verschickt. Ich würde so bald wie möglich das Unternehmen wechseln, dazu war ich nach wie vor fest entschlossen. Entsprechend zeigte ich beruflich wieder mehr Engagement, schließlich benötigte ich ein gutes Zeugnis. Dieser Donnerstag mit der Dienstreise war der erste Tag seit Monaten gewesen, an dem es ein bisschen stressig zuging – überhaupt kein Vergleich allerdings zu dem, was ich aus dem vergangenen Jahr kannte.

Am Tag danach, es war der Freitag vor dem langen Pfingstwochenende, ging nichts mehr. Ich hatte nicht ins Büro gehen wollen. Wirklich nicht. Es fühlte sich nicht an wie das Gefühl, einfach keine Lust mehr auf diesen ganzen Scheiß zu haben, das ich nur zu gut kannte. Stattdessen war da einfach gar nichts mehr, außer Leere. Ich ging trotzdem ins Büro. Natürlich. Saß dort an meinem Schreibtisch. Starrte den Computer an, wusste gerade noch, wie man ihn anschaltete, alles andere war weg. Mechanisch vollführte ich ein paar Handgriffe, versuchte, irgendwie wieder wach zu werden, mich aufzurütteln aus diesem seltsamen Zustand. Je mehr ich das allerdings versuchte, desto mehr sackte mein Kreislauf weg. Ich kämpfte mich durch ein Meeting, konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Schließlich klappte ich völlig zusammen und lag, tapfer betreut von einem Kollegen, auf der Couch im Konferenzraum. Nach etwa einer Stunde hatte ich mich immerhin wieder etwas gesammelt und fühlte mich imstande, mit dem Bus nach Hause zu fahren.

Ich fiel ins Bett. Schlief 48 Stunden beinahe durch. Schaffte es nicht einmal, meinen Freund auch nur kurz anzurufen. Er würde enttäuscht sein und natürlich hatte ich deshalb ein schlechtes Gewissen, aber mehr als eine Whatsapp-Nachricht war nicht mehr drin. Pfingstmontag ging es mir wieder gut. Kein Grund also, am Dienstag der Arbeit fernzubleiben.

Ab diesem Tag war etwas anders. Ich spürte es, aber es war nicht greifbar. Irgendetwas lief ganz und gar falsch. Aber was? Immer öfter verhielt ich mich launisch, ungehalten, war unkonzentriert, hatte kurze oder lange Black-outs, meine Energie schwand zusehends. Ich nahm einen Gleittag. Doch selbst während dieses entspannten, erholsamen verlängerten Wochenendes konnte ich nicht genug Energie tanken, um die darauffolgende Woche gut zu überstehen. Schon am Mittwoch war ich wieder völlig erledigt. Abends, beim Beach-Volleyball, stand ich völlig neben mir. Ich war entweder komplett überdreht und aggressiv oder viel zu ruhig und abwesend. Auch die Aussicht auf zwei Wochen Urlaub Mitte Juli – ich wollte mit meinem Freund ans Meer – half nicht. Vier Wochen waren es nur noch bis dahin, aber ich konnte nicht einmal mehr dieses Licht am Ende des Tunnels sehen.

Je mehr ich mich an meinem Leben festkrallte, desto mehr entglitt es mir. Trotzdem lebte ich es weiter, so gut es eben ging. Arbeitete oder tat im Büro zumindest so, als würde ich arbeiten, schrieb Bewerbungen. Traf Freunde, wenn auch immer seltener, machte Sport, exzessiver. Und ich sabotierte die Fernbeziehung, unabsichtlich. Meldete mich weniger und weniger, sagte meine Besuche bei Jan ab. Ich hatte dafür keine Kraft mehr.

Vier Wochen dauerte es, bis ich langsam realisierte, dass sich da etwas aufgebaut hatte, das ich nicht einordnen, geschweige denn aufhalten konnte. Es passierte irgendetwas Beängstigendes mit mir, aber ich hatte keine Ahnung, was.

Auf die Idee, dass ich mitten in einem Burn-out steckte, kam ich gar nicht erst – und auch sonst sprach mich niemand darauf an. Es traute sich niemand, den Mund aufzumachen.

Mitte Juni war ich mit einer Freundin, die im selben Unternehmen arbeitete, zum Mittagessen auswärts. Die ganze Pause lang weinte und jammerte ich herum. Ich wusste weder ein noch aus, und auch nicht, wohin. Nach diesem Mittagessen schickte Karina mir einen Link. Mein Arbeitgeber kooperierte mit dem Burn-out-Zentrum München – davon hatte ich noch nie etwas gehört. Jeder Mitarbeiter durfte dort jährlich kostenfrei drei Termine wahrnehmen. Ich schrieb den angegebenen Kontakt umgehend an und sagte für den nächsten freien Termin in zwei Wochen zu, Ende Juni.

Zwei unendlich lange Wochen, in denen ich immer schneller immer weiter abwärts rutschte. Auf dem Weg zur Arbeit wünschte ich mir, ein anderer Radfahrer – oder besser, ein Lastwagen – würde mich umfahren, sodass ich für ein paar Wochen im Krankenhaus landete. Alles wäre besser als mein gegenwärtiges Leben, dachte ich. Abends, wenn ich mich allein in meinem Bett wälzte, weil ich nicht schlafen konnte, kam ich mir selbst so fremd und leer, so völlig ohne jede Emotion, so dermaßen verschwunden und verloren vor, dass ich plötzlich nachvollziehen konnte, warum man sich ritzt. Dann würde ich wenigstens den körperlichen Schmerz spüren. Als ich am Wochenende neben meinem Freund aufwachte – er hatte darauf bestanden, mich zu besuchen –, spürte ich keine Liebe mehr, keine Geborgenheit, keine Anziehungskraft, auch keine Abscheu oder Genervtheit, ich spürte einfach nichts mehr. Verzweifelt versuchte ich, irgendwelche Emotionen zu provozieren, und schlief mit ihm – aber nichts. Da war einfach nichts mehr.

Jan trennte sich in der darauffolgenden Woche von mir. Ich registrierte es: eine Last, die man mir endlich abnahm.

DIAGNOSE BURN-OUT

Am 26. Juni 2015, dem Freitag, an dem ich spätnachmittags endlich den Termin im Burn-out-Zentrum hatte, ging es mir verhältnismäßig gut. Es war einer der besseren Tage im Büro gewesen, ich hatte meine Aufgaben wie gewohnt erledigen können. Kurz überlegte ich sogar, den Termin sausen zu lassen, so dramatisch war das alles doch gar nicht.

Das BOZM befand sich mitten in der Stadt. Während der Fahrt dorthin wurde ich immer unruhiger. Was sollte ich sagen? Was erwartete mich dort?

Der erste Eindruck war überraschend angenehm: Die Örtlichkeiten machten einen sehr freundlichen und aufgeräumten Eindruck und auch die Psychologin, eine angenehm ruhige Frau um die vierzig, war mir auf Anhieb sympathisch. Sie bat mich in dem kleinen, gemütlichen Raum, auf einem Sessel ihr gegenüber Platz zu nehmen, und wollte wissen, wie es mir ging. Mit einem Schlag war die Kraft, die mich bis dahin durch den Tag getragen hatte, dahin. Die folgenden neunzig Minuten heulte ich. Schluchzend fasste ich zusammen, was in den vergangenen anderthalb Jahren passiert war, die Worte sprudelten wirr, ich erzählte, was mir gerade einfiel.

Als ich ein wenig zur Ruhe kam, erklärte die Psychologin bestimmt und ohne jede Umschweife, ich müsse sofort rausgenommen werden aus dem System. Das war kein Vorschlag, das war eine, wenn auch in freundlichem Tonfall vorgetragene, unmissverständliche Ansage: „Ich könnte Sie auf der Stelle in eine Klinik einweisen. Sie haben einen Burn-out und ich rechne nicht damit, dass Sie in diesem Kalenderjahr noch mal arbeiten werden.“

Als Psychologin durfte sie mich nicht krankschreiben, daher empfahl sie mir eine Allgemeinärztin, die sich auf solche Fälle spezialisiert hatte. Ich sollte mich dort direkt im Anschluss melden und mir den nächstmöglichen Termin geben lassen, sie würde mich in der Praxis ankündigen. Wenn ich das Gefühl haben sollte, in ein Loch zu fallen, sollte ich mich umgehend bei ihr melden, gab sie mir zum Abschied mit auf den Weg. Schließlich durfte ich noch zwei Termine auf Firmenkosten nutzen.

Draußen strahlte die Sonne, es war ein traumhafter Sommertag. Trotzdem zitterte ich vor Kälte und Erschöpfung, als ich das BOZM verließ. Ich hatte registriert, was die Psychologin gesagt hatte, es aber nicht wirklich realisiert. Dafür war ich viel zu müde. Ich wollte einfach nur schlafen, alles andere interessierte mich nicht. Meine Kraft reichte gerade noch, um nach Hause zu fahren und einen Termin bei der Allgemeinärztin für den folgenden Dienstagmittag zu vereinbaren, montags war die Praxis geschlossen. Schließlich schickte ich noch eine kurze Whatsapp-Nachricht in die Familiengruppe und berichtete, dass ich bei einer Psychologin gewesen war und wohl ab Dienstag länger krankgeschrieben werden würde. Trotz allem wollte ich am nächsten Tag wie geplant nach London fliegen, wo ich am Montag ein Fotoshooting betreuen sollte. Das war der einzige Arbeitstermin gewesen, auf den ich mich seit Wochen freute. Vor allen Dingen aber würde ich bei der Gelegenheit meine Schwester Caro endlich wiedersehen, die gerade die letzten Wochen ihres Masterstudiums in London genoss. Sie fehlte mir ziemlich. Zu diesem Termin zu fliegen war nicht vernünftig. Das war mir bewusst. Aber ich wollte unbedingt weg.

Als ich am Samstagnachmittag am Münchner Flughafen den langen Gänge zu meinem Gate folgte, war ich nicht mehr wirklich anwesend. An der Sicherheitskontrolle hatte ich einen nervigen Passagier angeschnauzt. Mir fehlte die Kraft, mich zusammenzureißen, mit dem Anschnauzen allerdings war ich irgendwie verpufft. Ich kam mir vor, als steckte ich in einem Roboterkörper. Die Reste meines Ichs schwebten in einer kleinen Wolke irgendwo über mir, von dort aus kommandierte ich meine Beine, sie hatten schließlich zu gehen. Alles war viel zu laut, sogar das Surren der Rolltreppen.

In London aber, mit fast tausend Kilometern Distanz zwischen mir und meinem Leben, ging es sofort deutlich besser. Wirklich gut fühlte ich mich trotzdem nicht, deshalb unternahmen Caro und ich nicht viel. Eine Stunde in einem Restaurant war okay, aber länger hielt ich es nicht aus: Alles war zu laut, der Raum zu eng und mich auf ein Gespräch inmitten der Geräuschkulisse zu konzentrieren empfand ich als sehr anstrengend. Aber London ist groß, es fanden sich Lösungen. Den kompletten Sonntag verbrachte ich dann allein draußen, während Caro an ihrer Abschlussarbeit feilte. Ich spazierte durch den Regent’s Park und auf Primrose Hill, genoss den Blick über die Skyline und sah stundenlang einfach nur den grauen Eichhörnchen zu. Der Abstand von zu Hause und die Ruhe im Park, das Alleinsein, das Nichtstun taten so gut! Das ständige Karussell in meinem Kopf drehte sich langsamer, verschwand sogar für kurze Zeit.

Auch der Termin am Montag lief super. Tatsächlich entwickelte sich dieser Arbeitstag zu einem der angenehmsten und lustigsten, die ich je gehabt hatte. Nur kurz gab es einen Moment, an dem sich mein Kopf meldete und ich unruhig wurde: als wir nach dem Shooting in einem ziemlich dunklen Restaurant zum Interview zusammensaßen. Aber ein paar Globuli von meiner Mutter, die ich seit dem Kreislaufzusammenbruch kurz vor Pfingsten immer mal wieder einnahm, brachten die Ruhe sofort wieder zurück. Sie blieb schließlich sogar, bis ich wieder zurück in München in meinem eigenen Bett einschlief.

Am Dienstagvormittag, vor dem Termin bei der Allgemeinärztin, wollte ich im Büro alles so weit regeln und übergeben, dass ich, endlich krankgeschrieben, erst mal nicht wieder zurückmusste. Das war zumindest mein Plan, schließlich wusste noch niemand, dass ich demnächst ausfallen würde. Doch dazu kam ich nicht mehr. Es war eigentlich ein völlig normaler, eher entspannter Vormittag. Für mich aber war es die Hölle. Zwei Meetings überstand ich nur, indem ich mich mit aller Macht aufs Aus-dem-Fenster-Starren konzentrierte – und darauf, den Mund zu halten. Nicht einfach zu explodieren und alle um mich herum anzuschreien kostete mich unbändige Kraft. Ich wollte kein neues Projekt, selbst wenn ich nicht krankgeschrieben würde, hätte ich bereits genug zu tun, und ich sah auch nicht ein, fünfzig Euro für das Geburtstagsgeschenk eines Kollegen zu investieren. Warum bestimmten andere ständig über mein Leben? Zwanzig Minuten später, ich hatte gerade die ersten Zeilen einer Übergabemail an meine Kollegin verfasst, trat mein Chef an meinen Schreitisch und stellte mir eine Frage zu besagtem neuen Projekt. Statt zu antworten, brach ich heulend zusammen.

Zwei Stunden später saß ich bei der Ärztin. Sie schrieb mich für vier Wochen krank, „damit die gleich merken, dass das länger dauert“. Diagnose: Erschöpfungszustand.

ANS BLACKBERRY GEHST DU ABER SCHON NOCH?

Mit der Krankschreibung in der Hand saß ich mitten in der Stadt, am Marienhof, auf einer Bank in der Mittagsonne. Es war absurd. Um mich herum blühte alles vor Leben, ein paar Touristen fotografierten, Verkäuferinnen, die offensichtlich gerade Mittagspause machten, saßen lachend und ratschend neben mir. Und ich saß, benommen und verloren, mittendrin. Vier Wochen krankgeschrieben. Und sie hatte wiederholt, was bereits die Psychologin gesagt hatte: Sie ging nicht davon aus, dass ich in diesem Kalenderjahr wieder arbeiten würde. Das waren sechs Monate! Ich weigerte mich, den Gedanken anzunehmen oder weiterzuspinnen, und saß einfach auf der Bank. Erschöpft. Hundemüde. Aber: Vier Wochen nicht arbeiten hieß vier Wochen Luft zum Atmen.

Ich durfte und sollte einfach tun, wonach mir der Sinn stand, hatte die Ärztin gesagt. Mich ausschlafen und so viel Zeit wie möglich draußen verbringen: spazieren gehen, keinen Leistungssport treiben, aber mich auf jeden Fall bewegen. Für die Folgewoche hatte ich wieder einen Termin bekommen. Sie wollte mich komplett durchchecken, mit großem Blutbild und allem Drum und Dran.

Irgendwann hockte ich wieder allein auf der Bank, die Mittagspause war wohl vorüber, die Verkäuferinnen weg. Eigentlich war ich nicht verpflichtet, mich überhaupt noch mal in meiner Abteilung zu melden, hatte ich erfahren. Die Krankschreibung sollte ich an die Personalabteilung schicken, das würde reichen. Mich aber einfach nicht mehr zu melden, das wäre in erster Linie den Kollegen gegenüber unfair gewesen. Ein jeder von ihnen hatte auch so genug zu tun, mich plagte ohnehin schon das schlechte Gewissen, ihnen nun auch noch meine Arbeit aufzuhalsen. Schließlich zog ich mein Blackberry aus der Tasche und schickte eine Mail ins Büro. Ich fasste mich kurz und schrieb, dass ich vorerst vier Wochen wegen eines Erschöpfungszustands ausfallen würde. Morgen Nachmittag wollte ich zur Übergabe vorbeikommen.

Eine andere Erkrankung vorzutäuschen zog ich keine Sekunde in Erwägung. Sollten sie ruhig wissen, dass ich einen Burn-out hatte, sonst würden sie mich ohnehin nicht in Ruhe lassen. Und in dem riesigen Lügengeflecht, das ich ansonsten stricken müsste, würde ich mich nur selbst verheddern. Dass ich mir mit dieser Offenheit möglicherweise die eigene berufliche Zukunft verbaute, war mir da schon egal. Viel zu tief war ich schon gefallen.

Ich schaltete mein Blackberry aus. Die Sonne schien immer noch, nach wie vor flanierten Touristen fröhlich lachend an meiner Bank vorbei. Das Leben ging weiter, wie immer. Nur meines erst mal nicht.

Immer noch komplett neben der Spur, fast schon in Trance, stand ich schließlich auf, ging zu meinem Fahrrad und fuhr gedankenverloren nach Hause. Dort antwortete ich einigen meiner Kollegen, die mir Nachrichten auf mein privates Handy geschickt hatten. Den Heulanfall hatten schließlich alle mitbekommen, in einem Großraumbüro blieb nichts verborgen. Unverblümt schrieb ich den engsten, die eigentlich mehr Freunde als Kollegen waren, dass ich wegen eines Erschöpfungszustands aka Burn-outs erst mal raus sei. Dann legte ich mich ins Bett und schlief sofort ein.

Als ich aus einem traumlosen Schlaf erwachte, war es bereits Abend. Ich kochte mir ein paar Nudeln – aus purer Gewohnheit und weil mir die Vernunft sagte, dass ich schließlich etwas essen musste, auch wenn ich keinen Hunger hatte. In der Wohnung war es mucksmäuschenstill, nicht einmal Musik konnte ich ertragen. Nach dem Essen ging ich draußen ein wenig spazieren. Ich genoss die frische Luft, die Isar und den Englischen Garten, sah zwei, drei Radfahrern hinterher, beobachtete ein paar Hunde, die den geworfenen Stöckchen bis ins Wasser nachsprangen, und die Enten. Stundenlang. Den Enten in dieser manchmal fast einsamen Ecke im Englischen Garten zuzusehen, war der ideale Zeitvertreib. Die Tiere beschäftigten mein Hirn so sehr, dass das Karussell stillstand, strengten es aber nicht an.

Wieder zu Hause, schaltete ich mein Blackberry an, ich musste schließlich wissen, wann ich zur Übergabe erscheinen sollte. Mein Chef hatte mir nur knapp auf meine Mail geantwortet. Während ich die Nachricht las, stieg Ärger in mir hoch. Ich spürte, wie das Stechen in der Brust wieder anfing. Eiskalte Hände quetschten mein Herz. Nach einer kurzen Rückantwort, in der ich den vorgeschlagenen Nachmittagstermin bestätigte, schaltete ich das Blackberry wieder aus. Ich bemühte mich, die Gedanken an die Arbeit zu verdrängen. Das gelang mir zwar nach einiger Zeit, die Hände ließen mein Herz wieder los. Das Stechen aber blieb.

Am nächsten Tag fuhr ich nach meinem wöchentlichen Termin bei der Logopädin zu meinen Eltern. Was sollte ich auch sonst tun. Die beiden waren überrascht, mich zu sehen. Als sie wissen wollten, wie es mir ging, erzählte ich von der Krankschreibung und dem kommenden Termin bei der Ärztin. Damit hakte ich das Thema ab und ging weiteren Nachfragen aus dem Weg. Ich genoss die Ruhe und das Mittagessen auf der Terrasse meiner Eltern und fuhr dann zurück in die Stadt. Je näher der Übergabetermin rückte, desto angespannter wurde ich. Mein Brustkorb schnürte sich zusammen, die Angst hatte mich im Griff. Innerhalb von Minuten wurde ich zu einer kleinen Maus. Von meinem früheren Selbstvertrauen war sowieso schon ziemlich lange keine Spur mehr zu entdecken.

Als ich im Büro ankam, war die Übergabe bereits in vollem Gange – man hatte früher angefangen, nicht einmal mehr auf mich gewartet. Eine quälend lange halbe Stunde verbrachte ich im Konferenzraum. Schließlich wollte sich dann auch noch jemand versichern, ob ich mein Blackberry aber schon noch weiter an hätte. Ich war – wieder einmal – sprachlos. Mehr als ein knappes Nein brachte ich nicht hervor.

Zwei Stunden verbrachte ich im Büro. Es war schön, die Kollegen zu sehen, es tat gut, ihre Anteilnahme, ihre Umarmungen zu spüren. Trotz ihrer guten Wünsche hielt ich es kaum aus. Mein Kreislauf machte allerlei Faxen, mir versagte die Stimme, wann es ihr beliebte, meine Knie gaben immer wieder nach. Bereits in den vergangenen Wochen war es mir schwergefallen, zu priorisieren. Jetzt strengte es mich unwahrscheinlich an, für die Übergabemail zu sortieren, was wichtig war und was nicht. Ich war heilfroh, als ich schließlich alles geschafft hatte, und verabschiedete mich von den Kollegen. Wenn ich Lust hätte, mich mit ihnen zu treffen, auf ein Bier oder zum Beachen, sollte ich mich doch einfach melden, gaben sie mir noch mit auf den Weg.

Schließlich schritt ich im Erdgeschoss durch das Foyer. Als ich das Gebäude durch die Drehtür verließ, drehte ich mich noch mal um: War das nun mein Abschied gewesen?

KOPF GEGEN BERG I

In dem Moment, in dem ich das Firmengebäude verließ, brach der Tornado wieder über mich herein. Ich hatte Mühe, mich beim Radfahren auf den Verkehr zu konzentrieren. Eigentlich hatte ich den restlichen Tag daheim bleiben wollen, mich nach der anstrengenden Übergabe ausruhen. Aber das Kopfkarussell würde mich wahnsinnig machen, wenn ich nun allein in der Wohnung bliebe. Also packte ich nur kurz ein paar Badesachen ein – es war einer der ersten Tage dieses langen, heißen Sommers, Schwimmen würde mir bestimmt guttun – und fuhr ins Ungerer-Bad.

Kaum angekommen, hatte ich schon keine Lust mehr auf Wasser. Also beobachtete ich von der Liegewiese aus einfach das Treiben um mich herum. Das Kommen und Gehen am Eingang. Die Kinder, die hingebungsvoll ihr Eis schleckten. Hin und wieder spürte ich die warme Sonne auf meiner Haut. Das Gewimmel hatte einen ähnlichen Effekt wie die Enten und Hunde im Englischen Garten: Mein Kopf war beschäftigt und der Tornado legte sich langsam.

Die folgenden Tage genoss ich so richtig: Vier Wochen lang würde ich nicht arbeiten müssen! Mit der Krankschreibung war mir eine riesige Last von den Schultern gefallen. Alle meine Handys lagen ausgeschaltet in der Ecke. Ich wollte für nichts und niemanden erreichbar und stattdessen einfach nur allein sein, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit einfach nur das tun, worauf ich gerade Lust hatte. Ich ging schwimmen, lag im Englischen Garten und las, manchmal schaute ich aber einfach nur zu, wie der sanfte Wind die Zweige der Bäume über mir wiegte, oder unternahm lange Spaziergänge an der Isar. Zum ersten Mal in meinem Leben ging ich abends allein essen und war dabei sogar froh darüber, niemandem gegenüberzusitzen. Ziellos radelte ich durch Schwabing und sog alles in mich auf. Es war herrlich, ich fühlte mich so frei und so lebendig wie schon lange nicht mehr. Und ich schlief so viel wie schon lange nicht mehr. Ich ging um zehn ins Bett, wachte erst am späten Vormittag auf und machte in der Regel nachmittags noch ein mehrstündiges Schläfchen.

Am Samstag war ich mit ein paar Freunden zum Baden verabredet. Obwohl ich es eigentlich genoss, in der Sonne am See zu liegen und zu quatschen, merkte ich, wie mich das locker dahinplätschernde Gespräch in der Runde immer mehr anstrengte. Ich ging früher nach Hause, ich wollte lieber alleine sein.

Am nächsten Tag wachte ich so richtig unleidig auf. In meiner kleinen Dachgeschosswohnung war es kaum auszuhalten, seit meiner Krankschreibung hatte das Thermometer täglich über 40°C gemessen. Genervt fuhr ich zu meinen Eltern, aber auch in dem großen, gemauerten Einfamilienhaus war es zu heiß. Ich konnte mich gerade einmal dazu motivieren, eine Matratze in den Keller zu tragen. Darauf blieb ich den ganzen Tag liegen und schnauzte alles und jeden an, der es wagte, mir zu nahe zu kommen. Selbst die Katze.

Schließlich raffte ich mich doch noch auf und traf mich wie verabredet mit einer guten Freundin, die ich seit der Grundschule kannte. Nicht lange, nur kurz, auf ein Eis. Plötzlich war die Welt wieder in Ordnung, ich lechzte geradezu nach Schwimmen. Also fuhr ich ins Freibad und diesmal schwamm ich tatsächlich. Es tat so gut, das kühle Wasser zu spüren, wie viel Kraft ich doch noch in den Armen und Beinen hatte! Wieder zu Hause, schaukelte ich mit einem Glas Wein in der Hängematte, bis die Sonne untergegangen war. Ich muss in die Berge, beschloss ich.

Also stand ich am nächsten Tag um halb sechs auf und machte mich auf den Weg. Ich wollte zur Tegernseer Hütte hinauf, die Strecke kannte ich, das ging auch allein gut an einem heißen Vormittag.

Ich genoss den Aufstieg und den morgendlichen Waldduft. Beobachtete, wie sich die Wolken langsam verzogen und die Berge ringsum aus ihrem Nebelgewand auftauchten. Nach gut zweieinhalb Stunden stand ich auf dem Gipfel. Ein traumhaftes Bergpanorama breitete sich vor mir aus, die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel. Tief im Tal lag der Tegernsee, blau und ruhig in die Voralpen eingebettet, und fast direkt unter mir thronte die Tegernseer Hütte wie ein Adlerhorst zwischen Roß- und Buchstein. Es war so schön dort oben!

Aber das Gefühl, das zu dieser optischen Wahrnehmung gehörte und das ein solcher Gipfelmoment eigentlich sonst in mir auslöste, wollte sich nicht einstellen. Ich spürte die Schönheit nicht, auch nicht die Freude, den Aufstieg und die Kraxelei auf den letzten Metern gemeistert zu haben. Also setzte ich mich hin, blickte lange hinein in die Bergwelt und hinunter auf den See, versuchte, mich von der Schönheit des Augenblicks zu überzeugen. Aber ich spürte nichts, die Gipfelstürmergefühle blieben aus. Stattdessen wurde ich unruhig. Missmutig trank ich meine Apfelschorle aus und machte mich an den Abstieg.

Bereits nach wenigen Metern brannten meine Oberschenkel. Der Steig war nicht gerade eben, ich musste höllisch auf den Weg aufpassen. Nach einer Stunde fühlte ich mich bereits ziemlich erschöpft, dabei lagen zwei Drittel des Weges noch vor mir. Irgendwie kam ich einfach nicht voran, der Waldrand befand sich immer noch ein gutes Stück entfernt. Mittlerweile stand die Sonne hoch am Himmel. Ich trank ein paar Schlucke aus meiner letzten Wasserflasche, ging weiter. Es war nicht mehr lang, eine halbe Stunde vielleicht, und der letzte Abschnitt führte durch den Wald, das würde also schön kühl und schattig.

Gleich war ich unten, redete ich mir Mut zu.

Pustekuchen.

Meine Beine wurden immer unzuverlässiger. Ich trat auf eine Wurzel, die ich eigentlich hätte sehen müssen, und knickte um.

Konzentrier dich, ermahnte ich mich stumm.

Immer wieder stolperte ich, meine Fußgelenke taten weh. Ich schaffte es einfach nicht mehr, mich auf den Weg zu konzentrieren, mein Kopf streikte. Ich hatte Hunger, aber kein Essen mehr. Ich hatte Durst, aber kein Wasser mehr. Ich wollte heulen, mich auf den Boden legen, keinen Meter weitergehen, doch es half ja nichts, irgendwie musste ich diesen verdammten Berg hinunterkommen. Im Auto lag noch eine Wasserflasche. Und dann würde ich an den Tegernsee fahren, in eins der Seebäder, und mir etwas zu Essen besorgen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken: Trinken. Essen. Schlafen. Und fiel über die nächste Wurzel.

Irgendwie schaffte ich es die restlichen Meter den Berg hinab. Ich hatte beinahe vier Stunden gebraucht, fast doppelt so lange wie für den Aufstieg. Wie ich mit dem Auto die zehn Kilometer zurück zum Tegernsee kam, weiß ich nicht. In einem kleinen, ruhigen Seebad kaufte ich mir ein Paar Wiener mit Brot, verschlang alles regelrecht und fiel auf der Liegewiese in einen Erschöpfungsschlaf. Erst zwei Stunden später wachte ich wieder auf. Ich sprang noch kurz in den See, nicht einmal dafür hatte meine Kraft vorher gereicht.

Am Auto klemmte ein Strafzettel: Ich hatte vergessen, den Parkschein zu ziehen. Den Automaten, der direkt vor der Kühlerhaube stand, hatte ich bei meiner Ankunft nicht einmal wahrgenommen.

Tags darauf, beim zweiten Termin mit meiner Ärztin, lagen die Ergebnisse der Laboruntersuchung vor. Ein deutlicher Eisen- und Vitamin-D-Mangel, gegen den mir Tabletten verschrieben wurden, erklärte die körperliche Schwäche zum Teil. Ansonsten aber hieß es: Patientin Blau offiziell topfit und kerngesund.

EGAL

Irgendwann um den zehnten Juli herum, kurz nach meinem Ausflug zum Tegernsee, kippte ich schließlich: vom Erschöpfungszustand in eine Erschöpfungsdepression.

Tagsüber konnte ich nicht mehr schlafen, das Gedankenkarussell in meinem Kopf fand keine Haltestelle mehr. Nachts lag ich stundenlang wach und die vierzig Grad im Schatten, die seit meiner Krankschreibung tagsüber alles ausdörrten, machten es nicht besser. Wenn mich dann doch in den Morgenstunden irgendwann der Schlaf übermannte, plagten mich furchtbare Albträume, in denen ständig jemand starb. Oder ich starb. Oder beides. Oder ich war schuld am Tod anderer. Die Schuldgefühle, die Panik und die Trauer, die mich heimsuchten, wenn ich aus diesen Träumen erwachte, quälten mich. Da war mir selbst das Karussell lieber, das mich tagsüber fast um den Verstand brachte.

Von einem Tag auf den anderen verschwand es plötzlich und mir war alles egal.

Warum überhaupt morgens aufstehen, dachte ich – ich hatte ja nichts zu tun. Scheißegal, dass draußen die Sonne scheint.

Lesen? Keine Lust.

Fernsehen? Vielleicht eine Doku über Moschusochsen. Alles andere ist zu laut, zu schnelle Schnitte.

Kochen? Zu anstrengend, zu viele Dinge gleichzeitig zu erledigen.

Lieber Schnitzel oder Spinatknödel zum Mittagessen? Ich weiß es nicht, Mama. Ich weiß wirklich nicht, was ich gerade lieber mag.

Ich war nicht mehr imstande, Entscheidungen zu fällen. Selbst Freunde zu treffen erschien mir sinnlos. Ich löschte sämtliche Gruppenchats, alle Messengerdienste und deaktivierte E-Mail-Benachrichtigungen. Ignorierte Anrufe. Antwortete nur noch mit mehreren Tagen Verspätung auf Nachrichten, wenn überhaupt. Dann hörte ich auf zu sprechen. Mir war einfach alles egal.

Wenn man mir eine Million Euro geschenkt hätte?

Egal.

PANIK!

Trotz der Hitze war ich so oft es ging in München. Dort hatte ich meine Ruhe. Niemand nervte. Auch wenn ich kaum noch Appetit hatte oder Hunger verspürte, zwang ich mich, weiter dreimal täglich zu essen – also musste ich nach zwei Wochen schließlich doch Lebensmittel einkaufen gehen.

Ausführlich schrieb ich mir einen Einkaufszettel. Ich vertraute nicht mehr darauf, dass ich mir wie üblich bis zum Tengelmann merken konnte, was ich brauchte. Dann radelte ich bis zu dem kleinen Supermarkt ein paar Ecken weiter. Der Laden war nicht sehr voll, nur ein paar Senioren tratschten gerade neben der Tiefkühltruhe. Ich steuerte direkt die Reihe mit den Cerealien und Nüssen an. Mein Müsli stellte ich mir immer selbst aus verschiedenen Zutaten zusammen – so konnte ich sicher gehen, dass definitiv keine Rosinen ihren Weg in mein Frühstück fanden. Geschlagene zehn Minuten stand ich vor diesem Regal und konnte mich für nichts entscheiden. Immerhin, eine Packung Walnüsse hatte ich schon im Korb, da hatte es nur zwei Alternativen gegeben. Die älteren Herrschaften sprachen unnatürlich laut. Entnervt nahm ich irgendwann einfach von allem das Erstbeste, das mir in die Hand fiel, schnappte mir im Eilverfahren noch ein bisschen Obst, Gemüse und Joghurt, zahlte und verließ den Laden.

Auf halber Strecke heimwärts blieb mir plötzlich die Luft weg. Ich spürte einen unwahrscheinlichen Druck auf der Brust, konnte kaum noch atmen. Was war das? Ich fuhr doch nur geradeaus und das ziemlich langsam, auf der Straße war kaum Verkehr.

Intuitiv besann ich mich der Atemübungen, die ich bei der Logopädin oft gemacht hatte, und konzentrierte mich darauf, langsam und tief ein- und auszuatmen. Das sanfte Fahrradfahren erschien mir wohltuender als abzusteigen, also radelte ich weiter. Nach einigen tiefen Atemzügen legte sich der Druck und ich konnte wieder normal atmen. Komisch. So etwas war mir noch nie passiert.

Ein paar Tage danach ging ich mit meiner Mutter zum Einkaufen, ich hatte keine Lust, aber ich brauchte ein Kleid für die Hochzeit meiner Cousine, die in sechs Wochen stattfinden sollte. Eine Freundin hatte mir eine kleine Boutique empfohlen. Der Laden war wirklich sehr klein, viel zu dunkel und vollgestopft. Die Kleider entsprachen so gar nicht meinem Stil und die stark geschminkte Verkäuferin war mir unsympathisch. Ihren Job machte sie jedoch zu gut: Ohne Unterlass redete sie auf meine Mutter und mich ein. Sie ließ mich nicht aus den Fängen und schließlich schob sie mich mit ein paar Kleidern in die Umkleidekabine.

Keines davon gefiel mir, ich fand die Auswahl zu rüschig, zu mädchenhaft. Es war mir jedoch zu anstrengend, das zu sagen. Missmutig öffnete ich hinter dem dunklen Vorhang den Reißverschluss eines lilafarbenen Taftkleids. Auf halber Höhe, gerade als ich mit dem Kopf mitten im Kleid steckte, verhakte sich das Stoffungetüm in seiner eigenen Spitze. Ich schaffte es nicht, es weiter nach unten oder wieder nach oben zu ziehen.

Plötzlich bekam ich keine Luft mehr. Von einer Sekunde auf die andere war meine Kehle wie zugeschnürt, mein Herz raste, mein ganzer Brustkorb stach, so fest wie noch nie zuvor.

Atmen! Ich muss atmen! Sonst ersticke ich!

Panisch schnappte ich unter dem dicken Gewebe nach Luft, bekämpfte den Impuls, das teure Kleid zu zerreißen, und schrie stattdessen leise nach Hilfe. Meine Mutter hatte offenbar direkt vor der Kabine gestanden und reagierte schnell. Mit einem Ruck zog sie mir das Kleid vom Kopf. Mit dem ersten freien Atemzug brach ich zusammen, hyperventilierte fast. Mein Körper kontrollierte das Geschehen, ich konnte nicht mehr denken, drückte mich reflexartig in die hinterste Ecke. Doch die Panik ließ mich nicht los, ich zitterte, eiskalt. Da spürte ich ein sanftes Rütteln an der Schulter.

„Was ist denn los, Sophie? Sag doch was!“

Die Angst in der Stimme meiner Mutter riss mich aus meiner Panik heraus. Mit einem Mal kam ich zu mir, nahm das Kleid in ihrer Hand und auch die Kabinenwände wieder wahr. Binnen Sekunden sprang ich in meine Jeansshorts und das Shirt und stürmte wortlos aus dem Laden. Die Verkäuferin starrte mir verdattert hinterher.

Draußen lehnte ich mich gegen die sonnenwarme Mauer und sank zu Boden. Meine Beine hätten mich kaum länger getragen, sie zitterten zu sehr. Ich atmete tief in den Bauch ein, betont langsam wieder aus und versuchte so, wie vor wenigen Tagen auf dem Fahrrad, die Kontrolle über mich zurückzugewinnen.

Langsam wurde ich ruhiger und konnte wieder klare Gedanken fassen. Was zum Teufel war da eben passiert? Klar, ich hatte in dem lila Taftungetüm festgehangen. Aber es war vermutlich trotzdem unmöglich, in einem Kleid zu ersticken.

Bevor ich eine Antwort fand, eilte auch meine Mama aus dem Laden. Sie kniete sich zu mir, umfasste meine Hände fest und versuchte noch einmal, herauszufinden, was geschehen war.

„Weiß nicht“, murmelte ich zurückhaltend. „Das Kleid hat geklemmt.“ Immerhin, das war nicht gelogen. Dass ich Todesängste ausgestanden und vollkommen die Kontrolle verloren hatte, behielt ich jedoch für mich. Auch ohne diese zusätzliche Information sorgte sich meine Mutter genug, das war ihrem Blick und ihrer Reaktion deutlich zu entnehmen. Normal, so, wie sie es von mir gewöhnt war, verhielt ich mich schließlich schon lange nicht mehr.

Erst Stunden später, als ich ruhig und friedlich mit der schnurrenden Katze auf dem Bauch auf dem Sofa meiner Eltern lag, schwante mir, dass das vermutlich eine ausgewachsene Panikattacke gewesen war.

VERLOREN

Selbst in diesen drei Juliwochen war meine Stimmung nicht immer schlecht: Abends fühlte ich mich meist besser als morgens. Manchmal konnte ich mich dann sogar noch dazu aufraffen, eine Runde schwimmen oder spazieren zu gehen, das tat mir gut. Ganze zwei Mal lachte ich sogar. Ich erschrak beinahe darüber, so ungewohnt und fremdartig war diese Regung mittlerweile. Aus irgendeinem Grund gab es sogar ganze Tage, an denen ich mich gut fühlte. Dann begann ich sogar zu planen: Dieses Jahr würde ich nicht mehr arbeiten, hatte die Ärztin gesagt, also würde ich auch nicht fit genug für Dinge sein, die mir mehr Spaß machten. Ab Januar könnte ich dann aber auf Reisen gehen. Die Durchquerung der Uyuni-Wüste von Chile nach Bolivien stand noch immer auf meiner Liste. Ich wollte endlich wieder nach Brasilien, nach Rio. Nächstes Jahr sollten dort die Olympischen Spiele stattfinden, dieses Sportereignis in dieser fantastischen Stadt mitzuerleben, das wäre unglaublich! Ich wollte auch so gerne nach Kanada – oder vielleicht zum ersten Mal nach Asien: Japan, Korea, auf die Philippinnen … Und unbedingt ans Meer. In diesen Momenten begann ich zu träumen und zu planen, checkte sogar Flugpreise. Abgesehen von diesen vereinzelten Ausrutschern hatte mich die Depression aber fest im Griff.

Ich sprach nicht mehr. Lachte nicht mehr. Starrte stundenlang regungslos vor mich hin. Ich, die „still sitzen“ sonst nicht einmal buchstabieren konnte.

Ich weinte oft, ohne Anlass, meine Augen brannten. Keiner konnte mir helfen, keiner verstand, wie ich mich fühlte! Jeder meinte, ich sollte einfach den Sommer genießen und in ein paar Wochen wäre ich wieder fit. Dabei konnte ich doch nichts mehr genießen! Ich erinnerte mich sehr wohl an alles, was ich eigentlich gern machte, wie sehr ich es liebte, zu wandern, zu tanzen, zu lesen oder zu kochen. Aber das erschien mir wie aus einem anderen Leben.

Fast drei Wochen lang dämmerte ich so umher. Zeit spielte überhaupt keine Rolle mehr, ich hatte jedes Gefühl dafür verloren. Die Tage verschwammen ineinander, ohne dass ich es mitbekam, sie verwehten im Nichts. Ich hing fest: abwechselnd im Egal oder im grauen Schleier. Anfangs war dieser Zustand, in dem mir alles gleichgültig war, beinahe schon eine Erleichterung im Vergleich zu dieser unendlich tiefen, grundlosen Traurigkeit. Bis ich feststellte, dass mir das Egal nun auch das Allerletzte, was mich als Mensch noch ausmachte, genommen hatte: meine Gefühle. Selbst das Gefühl der Leere.

Im Egal spürte ich keinen Hunger. Keine Liebe. Keine Lust. Keine Trauer. Ich spürte mich nicht mehr, Gefühle waren aus.

Ich spürte nicht einmal mehr, dass ich nichts spürte. Von all den Dingen, die seit dem Frühjahr mit mir passiert waren, machte mir dieses Nichts am meisten Angst.

WAS WILLST DU TUN?

Mein Leben stand still. Ich war raus. Die Welt hingegen drehte sich weiter, wie immer, und die Zeit verrann. Es war mittlerweile fast Ende Juli.

Meine Eltern stellten mir immer mehr Fragen, auf die ich keine Antworten wusste: wie es weitergehen sollte, was ich tun wollte? Sie fragten, was ich mich selbst fragte: Meine Krankschreibung würde in wenigen Tagen ablaufen. Was, wenn sie nicht verlängert würde?

Die Angst löste nun immer öfter mein „Egal“ ab und so wurde ich aktiv. Ich hatte schließlich wirklich keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Wie es überhaupt weitergehen konnte, was die Krankheit eigentlich bedeutete. Außer dem, was mir die Ärztin bei meinem ersten Besuch erklärt hatte, wusste ich immer noch rein gar nichts.

Da meldete sich ein sehr guter Schulfreund bei mir, der über meine Eltern mitbekommen hatte, was mit mir los war: „Sophie, da war ich auch schon. Schau, dass du schnell gute professionelle Hilfe findest. Das ist echt wichtig. Du brauchst einen Psychiater und einen Psychotherapeuten.“ Der Psychiater, der Nervenarzt, würde die Behandlung koordinieren und war in der Regel, was Psychopharmaka betraf, besser ausgebildet als ein Hausarzt, erklärte er mir. „Ich glaub ja nicht, dass dir eine Psychotherapie reicht, wenn es stimmt, was deine Eltern erzählt haben. Du wirst auch Medikamente nehmen müssen.“

Mechanisch antwortete ich am Telefon. Ich wollte das alles nicht wahrhaben.

Zwei Tage später klingelte mein Handy erneut. Ob ich den zweiten Termin bei der Psychologin vereinbart hätte, wollte er wissen. Immerhin, das hatte ich geschafft, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob ich überhaupt in ein Loch gefallen war, wie die Therapeutin das beim ersten Termin formuliert hatte. Ich wusste nach wie vor nicht, was sie damit gemeint haben mochte.

„Ich habe bei meiner Psychiaterin einen Termin für dich ausgemacht. Die ist gut“, schwärmte er. „Ihr hat übermorgen ein Patient abgesagt, du kannst den Termin übernehmen.“ Normalerweise dauere es Wochen, bis man überhaupt irgendwo einen Termin bekam.

Okay. Ich schien keine Wahl zu haben.

Nach dem kurzzeitigen Aktionismus wurde ich wieder ruhiger und meine Eltern hörten endlich auf, mir ständig dieselben Fragen zu stellen. Ich war schließlich erst mal mit Arztterminen versorgt.

WO IST DIE COUCH?

Ich fühlte mich alles andere als wohl mit dem Gedanken, zum Psychiater zu gehen. Einem Irrenarzt. Das war, wie ich es auch drehte und wendete, einfach eine andere Hausnummer.

Die Praxis befand sich in einem wunderschönen Altbau, breite Treppen und ein schmiedeeisernes Geländer führten hinauf in den zweiten Stock. Die Räumlichkeiten waren altmodisch, im Stil der Siebziger eingerichtet. Ein bisschen wie in einem dieser alten Filme, das machte es leichter und ließ mich die Nervosität ein wenig vergessen. Neugierig schaute ich mich um. Die Sprechstundenhilfe war sehr freundlich und wusste sofort, wer ich war. Im Wartezimmer, das wie alle Wartezimmer dieser Welt aussah, saß nur ein weiterer Patient, auch ziemlich jung. Die Stühle waren bequem, auf einem kleinen Tischchen waren allerlei Zeitschriften platziert, ein paar Grünpflanzen standen in den Ecken und mehr oder weniger dekorative Bilder hingen an der Wand. Das einzige, was vielleicht etwas aus dem Rahmen fiel, war der altmodische, orientalisch anmutende Teppich.

Als die Ärztin den anderen Patienten in ihr Zimmer bat, entschuldigte sie sich sehr freundlich bei mir, ich würde noch etwa eine halbe Stunde warten müssen, der Termin eben hätte leider länger als üblich gedauert.

Sie machte einen sehr netten Eindruck – trotzdem war ich verwirrt. Eigentlich hätte mich die junge Ärztin, die da nun vor mir stand, nicht überraschen sollen, mein Schulfreund hatte mir schließlich von ihr erzählt. Trotzdem: Sie war genau das Gegenteil des grauhaarigen und bedächtigen Sigmund-Freud-Typus, mit dem die Kategorie „Psychiater“ bisher in meinem Kopf besetzt war. Als ich dann endlich drankam – das Sprechzimmer war ähnlich altmodisch eingerichtet –, war ich trotz Filmkulisse und der sympathischen Ärztin sehr befangen.

Sie eröffnete das Gespräch mit der Frage, weshalb ich hier sei. Ich wusste nicht so recht, was ich antworten sollte. Also begann ich, wie schon bei der Psychologin und der Allgemeinärztin, einfach zu erzählen, was in den vergangenen Monaten passiert war.

Ziemlich schnell unterbrach sie mich. „Frau Blau, warum sind Sie denn hier? Was fehlt Ihnen denn konkret?“

Ich setzte zu sprechen an, machte den Mund dann aber wieder zu. Ich hatte mich völlig verändert, ich war nicht mehr ich – aber wie erklärte man das jemandem, der einen gar nicht kannte? Schließlich zählte ich das Offensichtlichste auf: „Mir ist alles egal, ich unternehme nichts mehr, ich liege den ganzen Tag im Bett und kann nicht mehr einschlafen. Und wenn ich mal schlafe, sterben in meinen Träumen ständig Leute.“

Sie machte kurzen Prozess. Ohne eine weitere Diagnose zu stellen, verschrieb sie mir Citalopram, eines der gängigsten Antidepressiva, erklärte mir, wann und wie oft ich die Tabletten einzunehmen hatte. Es würde wohl drei bis vier Wochen dauern, bis eine Wirkung eintrat. Außerdem sollte ich erst für Anfang September einen neuen Termin vereinbaren, da die Praxis den ganzen August für Renovierungsarbeiten geschlossen sein würde, und mich in der Zwischenzeit um einen Platz bei einem Psychotherapeuten kümmern. Als ich sie nach Adressen fragte, verwies sie mich auf die Website der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Ich hatte nicht das Gefühl, dass weitere Fragen erwünscht waren – und prompt verabschiedete sie mich. Mit dem nächsten Termin in der Tasche verließ ich die Siebziger-Jahre-Praxis völlig verunsichert. Ich hatte so viele Fragen im Kopf.

Abends rief dann auch noch die Personalabteilung bei mir an, schließlich lief meine Krankschreibung in zwei Tagen ab.

Wann ich denn wiederkommen würde?

„Kann ich nicht sagen“, antwortete ich wahrheitsgemäß und vertröstete die HR-Dame auf den nächsten Abend. Nach meinem Arzttermin wüsste ich hoffentlich mehr.

ANTWORTEN

Vor dem dritten Termin bei der Allgemeinärztin war ich nervös. Und ich hatte Angst. Große Angst. Rational betrachtet, stand es völlig außer Frage, dass meine Krankschreibung verlängert würde – aber was, wenn doch nicht?

Gleichzeitig war ich froh über diesen Termin. Ich hatte so viele Fragen und die Ärztin war die einzige Person, die sie mir beantworten konnte. Vollkommen unstrukturiert brachen die Dinge, die mich seit Tagen beschäftigten, regelrecht aus mir heraus, als ich schließlich vor ihr saß. Ich war froh, diese vielen Gedanken endlich loswerden zu können, die in meinem Kopf permanent Karussell fuhren, wen ich nicht gerade im Egal unterwegs war. Ich schilderte, dass ich mich mittlerweile körperlich besser fühlte, aber nicht mehr schlafen konnte und mir alles egal war; berichtete von der Antriebslosigkeit und der gleichzeitigen Unfähigkeit, nichts zu tun, wenn es mir besser ging. Ich erzählte von meinen Eltern und gestand, dass deren Besorgtheit und Nervosität mich unglaublich anstrengten; vom Anruf der Personalabteilung und auch vom Termin bei der Psychiaterin am Vortag, und schloss damit, dass ich nicht wusste, ob ich die Tabletten nehmen sollte und wo ich eine Anlaufstelle für eine gute Psychotherapie finden konnte. Dass ich völlig überfordert war mit der Situation, und nicht wusste, wie ich mit all diesen Fragen umgehen sollte. Doch die Ärztin hatte mich nicht unterbrochen, sondern reden lassen.

„Wie ist denn Ihr Gefühl?“, fragte sie mich schließlich. „Was glauben Sie, wann Sie wieder arbeiten können?“

„Keine Ahnung“, murmelte ich. Ich hatte wirklich keinen blassen Schimmer. Und wenngleich ich mir, noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedachte hatte, schon sicher war, wie die Antwort lauten würde, fügte ich kleinlaut an: „Vielleicht geht das alles ja auch über Nacht wieder weg, so plötzlich, wie es auch gekommen ist?“

„Da muss ich Sie leider enttäuschen“, antwortete die Ärztin verschmitzt. Dann wurde ihr Blick wieder ernst. „Es dauert in der Regel genauso lange, aus einem Burn-out herauszukommen, wie es gedauert hat, bis er sich aufgebaut hat.“

Oder, spann ich im Kopf ihren Satz weiter: Wer am allerlängsten dagegen ankämpft und es nicht wahrhaben will, kämpft hinterher auch am allerlängsten, bis er wieder fit ist.

Die Ärztin riet mir, meinem Arbeitgeber erst einmal anzukündigen, dass ich frühestens im Oktober wieder da sein würde. „Das sind drei Monate“, dachte sie laut, und ich schöpfte ein wenig Hoffnung, drei waren schließlich deutlich weniger als sechs. Die machte sie aber gleich wieder zunichte, als sie betonte: „Aber ich denke nach wie vor nicht, dass Sie in diesem Kalenderjahr wieder voll arbeiten können.“

Für meine Eltern wollte sie sich gerne in einem eigenen Termin Zeit nehmen, mein Einverständnis vorausgesetzt. Die beiden hätten dann Gelegenheit, all ihre Fragen jemandem zu stellen, der sich mit dieser Krankheit auskannte. Und ich hätte meine Ruhe vor der endlosen Fragerei. Statt des antriebsfördernden Citaloprams, das mir die Psychiaterin am Vortag verschrieben hatte, sollte ich jedoch erst einmal mit einem schlaffördernden Mittel, Mirtazapin, beginnen. Wer unter Schlafmangel litt, könne tagsüber ja gar keine Energie haben, stellte sie nüchtern fest. In einem anderen Punkt stimmte sie jedoch der Fachärztin zu: Eine Psychotherapie sei dringend notwendig. Sie händigte mir einen kleinen Flyer mit entsprechenden Kontakten aus und legte mir nahe, mich am besten noch am selben Nachmittag darum zu kümmern. Ab Mitte August sei sie für drei Wochen im Urlaub, deshalb schrieb sie mich für zunächst zwei Wochen krank, sodass wir uns davor noch einmal sehen würden.

„Keine Sorge,“, fügte sie sogleich an, „Sie bekommen dann eine Anschlusskrankschreibung.“

Außerdem bekam ich eine Aufgabe: Ich sollte bis dahin meine Gefühle notieren, unbedingt auch ganz simple Bedürfnisse wie Hunger und Durst. Die Ärztin gab mir ein paar Beispiele an die Hand: „ich möchte nicht alleine sein“, „ich will schlafen“, „ich bin hungrig“ oder „ich wäre jetzt gerne wandern“.

Nach diesem Termin fühlte ich mich viel besser. Die neue Krankschreibung – und vor allem auch die Aussicht, die Arbeit auf drei Monate komplett vom Hals zu haben – verschaffte mir wieder Luft. Außerdem hatten sich fast alle Fragen aus dem Karussell verabschiedet: Mit einem Mal war ich viel ruhiger als in den vergangenen Tagen. Wie gut sich das anfühlte! In Sachen Psychopharmaka war ich aber immer noch nicht ganz überzeugt. Nichts, was ich über diese Art von Medikamenten wusste, war etwas Gutes. Die Argumentation der Allgemeinärztin erschien mir jedoch logischer als die ohnehin nicht vorhandene der Psychiaterin. Auch wenn ich sie erst einmal nicht nehmen wollte, holte ich mir die Mirtazapin aus der Apotheke. Ich wollte zusätzlich die Meinung der Psychologin abwarten.

BESTE ZEIT

Immer wenn meine Stimmung stieg, kam auch mein Antrieb zurück. Dann konnte ich nicht still sitzen, ein bisschen wie früher. Und ich hatte jetzt Zeit, ganze Tage, Wochen, Monate. Mehr Zeit als je zuvor. Zu den meisten Dingen, die ich sonst gerne gemacht hatte – Sport vor allem –, fehlte mir jedoch entweder die Kraft oder mein Kopf machte nicht mit; selbst Kochen oder Filme mit schnellen Schnitten waren mir zu anstrengend. Auf Lesen hatte ich keine Lust, ich konnte mich sowieso nicht konzentrieren.

Da stolperte ich bei meinen Eltern über meine alten Flöten. Jahrelang hatte ich gespielt. Nicht besonders hoch qualifiziert, aber dafür sehr gern. Warum eigentlich nicht? Also suchte ich mir meine alten Lieblingsstücke heraus. Ich hatte nichts vergessen: Nach den ersten Takten waren die Melodien wieder in meinem Kopf. Die Finger bewegten sich beinahe von allein, es war wie früher – und machte genauso viel Spaß! Am Sonntag ging ich mit meinen Eltern in die Kirche – ich hatte ja Zeit. Der Gottesdienst und auch das Musizieren taten mir unglaublich gut. Ich hatte in diesen kurzen Momenten zum ersten Mal seit Wochen, wenn nicht sogar seit Monaten wieder das Gefühl, ich selbst zu sein, und Bruchstücke der Wolke, in der die letzten Reste meines Ichs die meiste Zeit nur noch irgendwo über meinem Körper schwebten, zu greifen bekommen.

Langsam verstand ich: Um wieder eine Zukunft zu haben, musste ich erst mal in der Gegenwart ankommen. Und die gab es nicht ohne Vergangenheit. Anfangs zufällig, später mehr und mehr meinem Bauchgefühl folgend, auf der Suche nach irgendeinem Halt, nach irgendeiner Beschäftigung, machte ich mich auf eine weite Reise, zurück zu den Tagen, die ich als die unbeschwertesten meines Lebens in Erinnerung hatte: den Sommerferien vor der Kollegstufe. Die beste Zeit war damals jetzt und lag gleichzeitig noch vor mir – voll Fahrtwind und Freiheit.

War es vielleicht möglich, diesen Teil von mir wiederzufinden?

IM LOCH?

Mit diesem neuen Ziel vor Augen ging es mir verhältnismäßig gut. Die ganzen nächsten beiden Tage sogar. So gut, dass ich nicht das Gefühl hatte, den Termin bei der Psychologin zu brauchen. Da war kein Loch. Trotzdem ging ich hin.

Ich war ein bisschen zu früh dran. Eine zweite Psychologin begrüßte mich und ließ mich ins Wartezimmer, wo ich es mir bequem machte. Ein großer brauner Labrador – zu wem auch immer er gehörte, außer mir war sonst niemand hier – lag unter einem Stuhl. Er nahm überhaupt keine Notiz von mir. Nicht einmal, als ich vorsichtig versuchte, ihn zu streicheln. Egal, ich streichelte weiter, das Fell war so wunderschön seidig.

Als ich schließlich im Therapieraum der Psychologin gegenübersaß, erzählte ich keine fünf Minuten von den vergangenen Wochen, bis sie mich durchaus not amused unterbrach und meinte, ich hätte mich schon viel früher bei ihr melden sollen. Das wäre kein kleines Loch, in dem ich mich mittlerweile befand, sondern ein ziemlich tiefes, in das ich noch dazu in sehr kurzer Zeit hineingerutscht sei. Eine Psychotherapie wäre dringend angeraten, um ein weiteres Abfallen zu verhindern, warnte sie mich eindringlich. Ich sollte außerdem die Mirtazapin nehmen.

Ihre Vehemenz überraschte mich. Sie riet mir, mich umgehend um einen Platz in einer psychosomatischen Klinik zu bewerben. Damit dies von der Krankenkasse bewilligt würde, bräuchte es jedoch einiges an Geduld und Durchhaltevermögen, warnte sie mich vor. Ich sollte, wenn möglich, meine Eltern damit beauftragen, da ich das allein wohl nicht mehr schaffen würde. Sie notierte ein paar Namen von Häusern, die sie für gut hielt. Die Wartezeiten für psychosomatische Kliniken lägen teils bei mehr als vier Monaten, ich sollte mich rasch darum kümmern, erklärte sie mir weiter – immer noch mit diesem unangenehmen, eindringlichen Unterton.

Ich sah das zu diesem Zeitpunkt deutlich weniger dramatisch: Klar, es ging mir im Moment nicht blendend, an diesem Tag aber sogar ganz gut, und Oktober war erst in einer halben Ewigkeit – ich hatte mehr als genügend Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen. Dachte ich zumindest.

Einen Termin hatte ich noch gut bei ihr, den legte sie auf die kommende Woche. Bis dahin sollte ich mich für eine Klinik und eine Alternative entschieden haben.

Nach anderthalb Stunden verließ ich das BOZM wieder und radelte in der Mittagshitze langsam zurück nach Hause. Ich war von dem Gespräch erschöpft und legte mich ins Bett, fand aber keine Ruhe. Die Wohnung musste unbedingt geputzt werden! Das war in den letzten Wochen zu kurz gekommen. Also machte ich mich daran, aufzuräumen, Staub zu wischen, die Dusche zu reinigen … Meine Wohnung war wirklich nicht groß, und die Putzerei wirklich nicht anstrengend. Aber wenig später war ich – noch nicht annähernd fertig mit meiner Aktion – völlig am Ende. Am liebsten hätte ich meine Mutter angerufen und sie um Hilfe gebeten. Getan habe ich es nicht. Stattdessen wischte ich weiter, bis alles wieder sauber blitzte und ich zufrieden war.

Das hinterließ jedoch Spuren: Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so erledigt gewesen zu sein, ich war nicht nur körperlich, sondern auch geistig am Ende. Und das nach dem Putzen meiner 35-qm-Wohnung. Zu gern hätte ich einfach ein bisschen geschlafen, aber das ging seit Tagen schon nicht mehr. Also spazierte ich eine kleine Runde an der Isar entlang. Danach ging es mir wieder besser. Abends aß ich noch eine Kleinigkeit, googelte die Kliniken, die mir die Therapeutin vorgeschlagen hatte, und fand zuletzt auf 3sat eine schweizerische Dokumentation über putzige Murmeltiere. Die Berge, in denen die kleinen Nager herumtollten, waren schön anzusehen und das angenehme Schwyzerdütsch des Kommentators beruhigte mich. Abends um halb neun nahm ich die erste Tablette Mirtazapin. Sie wirkte gut: Innerhalb einer halben Stunde war ich eingeschlafen.

ALLE SIND IMMER NIE DA