Gunnar in der Geschichte - Bjarne Uldall - E-Book

Gunnar in der Geschichte E-Book

Bjarne Uldall

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Beschreibung

Ein Interviewbuch über das Leben und Wirken von Gunnar Uldall, Bürgerschaftsabgeordneter, Mitglied des Bundestages und Senator in Hamburg, das die Geschichte der Bundesrepublik aus privatem Blickwinkel nachzeichnet.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2019

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„Das Buch richtet sich an meine Kinder und meine Enkel.“

Inhalt

Thema 1. Bundespräsidenten – Auszüge aus dem ersten Interview

Thema 2. „Es war einfach zu viel kaputt“ – Gomorrha und die Stunde Null

Thema 3. „… weil es so weit weg war“ – glauben, wandern, Wahlkampf

Thema 4. „Es wird nicht geschossen“ – der Bau der Mauer

Thema 5. Uldall und Co und Hans

Thema 6. „Ärger mit dem Bürgermeister!“ – die sechziger und siebziger Jahre

Thema 7. Mr. Rattan in Indonesien

Thema 8. Gunnar in den Bundestag!

Thema 9. „Einigkeit und Recht und Freiheit“

Thema 10. Am Ziel - Senator in Hamburg

Thema 11. Begegnungen

Thema 12. (Tag 17) Lore und Gunnar und Israel

Epilog

Gunnar und seine Familie

Einleitung

Mein Vater, einst Unternehmensberater, Bundestagsabgeordneter und Senator der Freien und Hansestadt Hamburg, Gunnar Uldall, starb am 14. November 2017 an Krebs, drei Tage vor seinem 77. Geburtstag.

Als einem Arzt zehn Monate vorher, wohl ein wenig aus Versehen, die Prognose „drei Wochen oder drei Monate“ herausrutschte, entschloss ich mich, ihn über sein Leben zu befragen – um ein Buch daraus zu machen.

Er musste sich ein wenig bitten lassen; er hielt sich nicht für wichtig genug.

„Du bist immer irgendwie dabei gewesen, bei so vielen historischen Ereignissen, mal weit vorne, mal in zweiter Reihe, und manchmal auch nur als gewöhnlicher Zeitgenosse, hast die Großen der Welt getroffen; es wäre sehr bedauerlich, wenn wir deine Erlebnisse nicht sammeln würden.

Und es ist für deine Enkel.“

Er willigte ein.

Allerdings war das Unterfangen nicht ganz einfach: Der Interviewer ist kein Profi, der Interviewte war oft befangen im Angesicht des Tonbandgerätes, außerdem doch sehr rücksichtsvoll – es fehlen die ganz fiesen Intimitäten –, und die regelmäßige Fahrt über die Autobahn von Kiel nach Hamburg kostete meinem Auto zwei Reifen. Aber, um es mit Vati zu sagen: Es war eine schöne Zeit.

Beim Aufbau des Buches waren wir uns nicht einig: Sollten die Gespräche in der zeitlichen Reihenfolge der Aufnahmen zu Papier gebracht werden? Oder doch klassisch chronologisch nach den Ereignissen sortiert? Gunnar wollte Letzteres, und nur an zwei Stellen habe ich seinen Willen übergangen; und so steht nun das erste Gespräch ganz am Anfang, das letzte am Ende.

Und dass es das letzte Gespräch war, merkt der Leser schnell.

Thema 1. Bundespräsidenten – Auszüge aus dem ersten Interview

Erste Aufnahme am Tag der Wahl von Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten (12. Februar 2017)

1949 - 1959

Theodor Heuss

1959 – 1969

Heinrich Lübke

1969 – 1974

Gustav Heinemann

1974 – 1979

Walter Scheel

1979 – 1984

Karl Carstens

1984 – 1994

Richard von Weizsäcker

1994 – 1999

Roman Herzog

1999 – 2004

Johannes Rau

2004 – 2010

Horst Köhler

2010 – 2012

Christian Wulff

2012 – 2017

Joachim Gauck

seit 2017

Frank-Walter Steinmeier

„Wir fangen mal mit einem aktuellen Bezug an.

Gerade eben wurde Frank-Walter Steinmeier von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt. Alle Bundestagsabgeordneten sind ja automatisch Mitglieder dieses Gremiums, du hast also mehrmals daran teilgenommen. Und beim ersten Mal, 1984 in Bonn, saß ich auf der Besuchertribüne des Bundestages!“

Ich war neu im Bundestag, 83 im März gewählt, und die Bundesversammlung hat vor der Sommerpause stattgefunden, vielleicht im Mai am Tag des Grundgesetzes, den 23. Mai. Aber das bitte ich noch einmal zu überprüfen. Dieses war insofern für mich natürlich auch ein großes Erlebnis, weil ich zum ersten Mal die gesamten Ministerpräsidenten und Kabinettsmitglieder versammelt sah. Ich habe mir damals auch Autogramme geholt: Es gab eine Sonderausgabe von Briefmarken, und ich habe mir von dem neu gewählten Präsidenten auch eine Unterschrift geholt; auch von den Ministerpräsidenten, die greifbar waren. Diese Sonderausgabe mit den Autogrammen habe ich noch, sie liegt in der Kassette in meinem Schreibtisch.

„Die Präsidenten, die wir hatten, waren ja eigentlich alle eher zurückhaltende Typen. Es war kein großer Angeber dabei.“

Das entspricht der Bedeutung des Amtes und spiegelt eine gewisse Zurückhaltung wider, die wir nach dem Krieg entwickelt haben, nämlich nicht zu selbstbewusst, zu protzend aufzutreten als deutsche Nation.

Nein - es war keiner dabei, der sich irgendwie groß in Szene gesetzt hätte. Wir hatten großes Glück, schon mit Heuss. Heuss habe ich selber einige Male bei Besuchen hier in Hamburg erlebt.

Dann kam Heinrich Lübke, der zu Unrecht…

„Meine Damen und Herren, liebe Neger!“

… der zu Unrecht, wie jetzt gerade von dir, verspottet wurde: Er war ja nachher krank, hatte Alzheimer, und es wäre heute undenkbar, mit Hohn und Spott über jemanden, der diese Krankheit hat, hinwegzuziehen. Er ist vorzeitig zurückgetreten, weil er wusste, dass er krank war und diesem Amt nicht mehr gerecht werden würde. So etwas ist nicht häufig der Fall gewesen.

„Der im kollektiven Gedächtnis vielleicht am meisten präsente Bundespräsident ist ja wohl Richard von Weizsäcker, auch wegen seiner berühmten Rede 1985 zum achten Mai, also 40 Jahre nach Kriegsende:

‚Der achte Mai war ein Tag der Befreiung!‘

Ich wundere mich noch heute, warum er für diese Rede so gelobt worden ist. Meines Erachtens wird dieses Zitat zu hoch gehängt.“

Du machst den Fehler, es aus der heutigen Perspektive zu beurteilen. Es war damals immer noch der Eindruck bei vielen vorhanden:

Wir haben den Krieg verloren, aber es wäre doch ganz schön gewesen, wenn wir ihn gewonnen hätten!

Diese Grundstimmung gab es wirklich. Ich behaupte ja nicht, dass sie überall verbreitet war, aber es wurde nach meinem Dafürhalten viel zu oft die Frage gestellt: Was wäre gewesen, wenn? Was wäre gewesen, wenn die deutschen Truppen im Mai 1940 gleich zum Ärmelkanal durchgestoßen wären…

„Dünkirchen in Frankreich, als die Briten ihre Soldaten wegen des deutschen Zögerns auf die Insel retten konnten…“

…und diese Grundhaltung hat von Weizsäcker benannt und umgedreht. Ich weiß noch, wie während der Rede neben mir im Plenum ein Berliner Kollege saß, auch CDU, der sich fürchterlich über diese Rede aufregte und sich darüber monierte: Das sei alles Quatsch! Ich selber vertrat aber damals schon die Auffassung, es wäre schrecklich gewesen, wenn wir den Krieg gewonnen hätten, denn, ganz abgesehen von der Tragödie des Holocaust, wer weiß, was man von uns, der nachwachsenden Generation verlangt hätte. Hätten wir dann Kommandantenpositionen oder ähnliches in der Ukraine übernehmen müssen? Da hat von Weizsäcker klar Position bezogen, das rechne ich ihm hoch an. Er hat auch dem Ausland gegenüber ein deutliches Signal gegeben mit dieser Rede.

Aber es gab auch vieles, was an von Weizsäcker zu kritisieren gewesen ist…

„Er mochte Kohl so gar nicht…“

…Er hielt sich für den besseren Kanzler. Er wäre kein guter Kanzler geworden. Er war ein guter Präsident, alles in allem, aber er lebte immer davon, dass er sich ein wenig neben den vermeintlichen Mainstream stellte. Und dadurch gewann er auch Zustimmung von Leuten, die nicht unbedingt zur CDU gehörten.

Vor seiner Wiederwahl 1989 wusste er, dass es durchaus Kritik aus der CDU an seiner Amtsführung gibt. Also lud er die Hamburger CDU-Abgeordneten zu einer Teestunde ein, da war ich auch dabei. Wir saßen in kleiner Runde, fünf Abgeordnete und er. Irgendwie kamen wir auf die Rolle der Parteien, und er übte harte Kritik an den Parteien; er stellte sich also gerade nicht gegen den Mainstream, sondern machte sich die allgemeine Meckerei an den Parteien zu eigen.

Wir leiden heute noch an dieser Kritik an den Parteien – viel zu wenig Leute sind bereit, mitzumachen. Es wäre gut gewesen, wenn er gesagt hätte: Leute, bei aller Kritik an den Parteien, die ja berechtigt sein mag, sagt mir irgendein besseres System. Denn wie sollen wir ohne Parteien zurechtkommen?

Trotzdem war er natürlich ein guter Präsident.

Nach der Wiedervereinigung war ich Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswerft in Stralsund. Das war ich seit 1991. Wir hatten große Probleme bei der Fortführung der Werft. Und von Weizsäcker machte eine Rundreise durch die neuen Bundesländer, um sich bekannt zu machen und die jeweilige Situation vor Ort zu studieren. Wie er das machte, das hat mir gut gefallen. Und als er bei uns in Stralsund war – ich hatte als Aufsichtsratsvorsitzender die Ehre, ihn auf der Werft zu begrüßen -, hat er einen sehr guten Eindruck bei den Arbeitern hinterlassen. Er stellte seinen Besuch unter das Motto: Ich komme, um zu lernen. Das hat imponiert, weil er mit der notwendigen Demut an die Sache herangegangen ist; er wollte zuhören und etwas mitnehmen.

„Gibt es einen Präsidenten, der dir besonders imponiert hat? Der dich am meisten beeindruckt hat?“

Ja: Ich fand Karl Carstens deswegen sehr gut, weil er sich eindeutig für die deutsche Wiedervereinigung einsetzte. Er machte eine Wanderung an der Zonengrenze entlang…

„… er war der wandernde Präsident.“

Der wandernde Präsident. Er hätte ja auch eine Wanderung vom Bodensee in die Pfalz machen können, aber er ging ganz bewusst diesen Weg an der Zonengrenze, um zu zeigen: Deutschland umfasst beide Teile. Er hatte immer eine sehr klare und sehr kluge, sehr intelligente Art.

Und wir wollen auch nicht vergessen, dass wir mit Theodor Heuss eine brillante Persönlichkeit als Präsidenten hatten, nur habe ich so gut wie nichts von ihm zu spüren bekommen, weil ich damals noch zu klein war; aber alleine, Deutschland wieder zurückzuführen in die Gemeinschaft der freien Länder in Europa, das hat er großartig gemacht.

Du hattest mir mal eine nette Anekdote erzählt vom Bundespräsidenten Köhler – zu einer Zeit, als er noch gar kein Bundespräsident war…“

Wir fangen ja alle mal klein an! 1983 war das erste Mal, dass ich auf der Weltwährungskonferenz in Washington als Mitglied des Finanzausschusses des Deutschen Bundestages teilnehmen konnte. Vor dem offiziellen internationalen Teil war ein gemeinsames Frühstück der deutsche Delegation unter Teilnahme des deutschen Finanzministers Stoltenberg angesetzt.

Für amerikanische Verhältnisse war das ein wirklich sehr reichhaltiger Frühstückstisch, wobei man wissen muss, dass die Amerikaner sehr viel ausführlicher frühstücken als wir mit unserem continental breakfast.

Und trotzdem: Stolti guckte sich um, guckte zu den gebratenen Eiern, den pochierten Eiern, den hart gekochten Eiern, zu den weich gekochten Eiern und legte seine Stirn in Falten und sagte:

„Wo ist denn hier die Marmelade? Köhler! Sorgen Sie bitte sofort dafür, dass Marmelade gebracht wird!“

Und Horst Köhler, der persönliche Referent und spätere Bundespräsident, lief los und organisierte Marmelade.

Thema 2. „Es war einfach zu viel kaputt“ - Gomorrha und die Stunde Null

(4 Gespräche: Anfang März, 25. März, 28. Juni, 2. November 2017)

„Operation Gomorrha“ war der Codename der Briten für ihre Bombenangriffe auf Hamburg vom 24. Juli bis zum 3. August 1943. Etwa 35.000 Menschen starben.

Als der Zweite Weltkrieg sich dem Ende zuneigte, sollten der Volkssturm (ganz junge und alte Männer als letztes Aufgebot) und der sogenannte „Werwolf“ (SS und Hitlerjugend als Untergrundkämpfer) das Dritte Reich retten.

Anfang Mai 1945 kapitulierte die Stadt Hamburg kampflos, am 8. Mai 1945 war der Krieg endgültig vorbei.

„Du hast mal erzählt, dass deine erste Erinnerung überhaupt der Feuerschein über Hamburg gewesen ist, Ende Juli 1943, bei der Operation Gomorrha.“

Ich will jetzt nicht über den Feuerschein reden, sondern über die Operation Gomorrha. Das ist deswegen wichtig, weil man das Datum ja genau festlegen kann. Damals war ich noch nicht einmal drei Jahre alt und ich erinnere mich noch daran. Beim Feuerschein will ich mich jetzt nicht festlegen – war das der von Gomorrha? Wir haben ja mehrere Bombenangriffe mitgemacht, deshalb kann ich diese Erinnerung nicht unbedingt Gomorrha zuordnen. Aber den Angriff der Briten Ende Juli 1943 kann ich mit vielen anderen Details verbinden. Draußen war ein furchtbares Chaos, es war unklar, wie es weitergehen würde; meine Mutter organisierte unsere Abreise aus Hamburg, unglaubliche Mengen von Menschen waren aus der Stadt hinaus unterwegs.

Wir sind mit einem kleinen Lieferwagen oder einem anderen motorisierten Gefährt von Volksdorf nach Ahrensburg gefahren, weil das die einzige, am nächsten gelegene Bahnstation war. Wir wollten nur weg. Mit diesem Gefährt wurden wir abgeholt und sind – was mich sehr beeindruckte – zur Tankstelle gefahren, um noch Sprit zu holen. Und diese Tankstelle war neben dem Dorfkrug in Volksdorf, heute neben dem Museumsdorf. Wenn du vor dem Dorfkrug stehst und darauf guckst, war rechts eine Tankstelle, eine Shelltankstelle…

„Hießen die während des Krieges auch Shell? Kann ich gar nicht glauben.“

Die hieß meines Erachtens auch während des Krieges Shell. Und ich weiß noch genau, dass wir da in einen kleinen Weg reingefahren sind - später als Kind konnte ich mir immer merken: Nach Ahrensburg geht es diesen kleinen Weg entlang. Dann waren wir in Ahrensburg, hier habe ich eher die Erzählungen von Andrea und Uta als Quelle: Wir sind zum Bahnhof gekommen, alles war völlig überfüllt, hunderttausende wollten aus Hamburg raus, die gingen natürlich auch über Harburg und Blankenese raus, aber mein Vater behauptete, das sei die größte Völkerwanderung der Geschichte gewesen, weil sich so viele Menschen in so kurzer Zeit bewegten.

„Gomorrha dauerte ja mehrere Tage.“

Es war der zweite oder dritte Tag. Denn später fragte ich meine Mutter: Warum seid ihr denn da weggefahren? Sie sagte:

„Wir wussten ja nicht, was noch kommt. Nach der dritten Nacht dachten viele: Vielleicht machen die Tommys das jetzt einen Monat lang, bis alles platt ist?“

Dort sind wir in den Zug rein – das sind jetzt Andreas Erinnerungen: Meine Mutter, hochschwanger, weil sie Ragna erwartete, wurde durch das Fenster reingeschoben und Andrea sagte später immer, sie habe sich so wahnsinnig geniert, weil ihre Mutter so dick war. Ich war mit drin, der Zug fuhr los, und ich erinnere mich, dass wir in einem großen schönen Haus waren in der Nähe von Bad Oldesloe, das wurde mir später gesagt, ein Haus von Bekannten in Bad Oldesloe, von Nachbarn.

Von dort wurden wir noch einmal weitergebracht nach Kastorf, zwischen Bargteheide und Ratzeburg. Dort sind wir im Schulgebäude untergebracht worden. Dieses Schulgebäude habe ich noch in Erinnerung, es lag an einer Bahnschranke. Als Kind behält man ja ganz andere Dinge denn als Erwachsener; und ich hatte noch nie eine Bahnschranke gesehen. DAS war das eigentliche Ereignis – und nicht die englischen Flugzeuge, die hatten wir ja schon immer gesehen. Aber eben keine Bahnschranke, die ständig rauf und runter geht. Dort gab es einen alten Mann, der die Schranke bediente.

Uta konnte schon zählen und zählte deshalb immer die Waggons.

Von Kastorf sind wir nach Flensburg gefahren. Später fragte ich meine Mutter, warum wir nicht in Kastorf geblieben sind – dort hatten wir Sicherheit, es gab da keine Bombenangriffe. Und meine Mutter antwortete kurz: „Erstens: Ich hatte kein Geld mehr.“

Woher sollte sie Geld haben? Geldautomaten gab es ja nicht.

„Zweitens: Ich war hochschwanger!“

Also sind wir zu unseren Verwandten nach Flensburg. Und ich habe schöne Erinnerungen an diese Zeit in Flensburg. Es gab keine Bombenangriffe und gute Verpflegung bei Oma Stine, der Mutter meines Vaters.

„Seid ihr bis Kriegsende in Flensburg gewesen?“

Nein. Bei Kriegsende waren wir in Hamburg. Ragna wurde in Flensburg in der Diakonissenanstalt geboren. Oben am Fenster im ersten Stock wurde uns ein weißes Bündel mit schwarzen Haaren gezeigt. Ich weiß noch genau, an welchem Fenster ich unsere Schwester Ragna zum ersten Mal gesehen habe.

Wie gesagt: Es war eine schöne Zeit. Über die Grenze kam genügend Verpflegung, so dass wir gut versorgt waren. Vieles hat mich dort beeindruckt, was ich aus Hamburg nicht kannte. Zum Beispiel waren über dem Hafengelände Fesselballons. Über das Hafenbecken selbst fuhr eine kleine Fähre; und es wurde ständig darum gestritten, wer denn nun mitfahren durfte. Was man als Kind registriert und behält, ist häufig etwas völlig Unwichtiges, kann aber zum Einsortieren eines bestimmten Geschehens herangezogen werden, um es richtig zu datieren.

„Fesselballons?“

Die Fesselballons dienten, glaube ich, gegen Tiefflieger. Es waren riesige Ballons, so ähnlich wie Luftschiffe, die aber an langen Stahlseilen befestigt waren – zwischen den Ballons waren auch Drahtseile (das ist jetzt aber kein Kindheitswissen); und wenn irgendein Flieger kam, hat er sich die Flügel verletzt.

„Tiefflieger gab es doch erst in der letzten Phase des Krieges, aber noch nicht 1943!“

Allerdings, erst ab 1944 oder sogar 1945; ich will also nicht ausschließen, dass ich ein Bild aus späteren Jahren mit den Flensburg-Bildern von damals vermische. Jedenfalls war in Mürwik das Oberkommando der Marine und insofern ein lohnenswertes Ziel.

„Waren alle deine Geschwister mit in Flensburg, auch die älteren Erik, Olaf, Birgit?“

Es waren mit: Ragna, Uta, Andrea und Gunnar, die großen Jungs nicht. Meine Erinnerung ist, dass wir nachher in Volksdorf am Bahnhof von Birgit und Olli, unserem Kindermädchen, abgeholt wurden; wer noch dabei war, weiß ich nicht mehr. Bei meinem Vater im Tagebuch steht es genauer, wann wir nach Hamburg zurückkamen und in welch grauenvollem Zustand die Stadt war.

„War dein Vater damals schon bei der Wehrmacht?“

Ja. Mein Vater ist meines Erachtens 1941 eingezogen worden. Als wir nach Hause kamen, war er bei der Luftwaffe, Flugabwehr in Bahrenfeld. Flakstellungen um Hamburg herum sollten die Stadt ja schützen. Und es ging um Nachrichtenübermittlung von Kopenhagen nach Paris und in andere Städte. Später, 1945, in der letzten Phase, als diverse Stellen schon vom Feind besetzt waren, haben sie die Verbindung von Kopenhagen nach Oslo geschaltet, weil da das Leitungsnetz eben noch bestand.

„Stichwort Kriegsende. Du hattest mal von einer gewaltigen Kolonne von Wehrmachtssoldaten erzählt.“

Ja. 1945. Aber zunächst erinnere ich mich an etwas anderes. Am Ahrensburger Weg war ein Pferdeweg. Nach einem Bombenangriff verteilte die Hitlerjugend dort Rollglas. Die Fensterscheiben waren ja alle zerstört. Und Rollglas war – heute würde man wohl eine Plastikfolie nehmen – ein Maschendraht, so wie bei einer Schafweide, und dazwischen war so etwas wie Plastik. Und das wurde als Fensterersatz verteilt. Und woran ich mich noch erinnere, und daran erkennst du das Gerechtigkeitsgefühl deines Vaters, als die Vorräte zu Ende gingen, sagte der Hitlerjunge, der das Kommando hatte: Ich schlage vor, wir geben jetzt nur noch den PGs [Parteigenossen] was! Das fand ich damals schon ungerecht.

„Erinnerst du dich an eine Bombe bei euch in der Nähe? Ihr wohntet ja doch weit draußen.“

Eine Luftmine ist in Volksdorf runtergegangen, auf dem Wöörden, und explodierte dort. Viele Fenster waren zerstört, die Gänse gackerten, viel Aufregung.

„Kriegsende!“

Anfang Mai 1945 marschierte die deutsche Wehrmacht wie mit den Briten vereinbart ab. Bis ein Uhr mussten sie abziehen. Und sie zogen bei uns vorbei Richtung Bergstedt, Volksdorfer Damm, und eine andere Kolonne kam über die Buckhornbrücke und vereinigte sich bei uns mit der von Volksdorf hochkommenden Kolonne, Richtung Norden, um das Hamburger Stadtgebiet zu räumen. Und wir Kinder standen da mit Olli und guckten zu.

Olli, unser Dienstmädchen, ging mit mir zurück, sie hatte eingeholt, auch das klappte noch – der Milchlieferant Carstensen kam auch immer noch mit seinem Dreirad-Wagen, fuhr herum und verkaufte Milch. Im Zuge der Einsparungen im Krieg wurde die Milch nicht mehr bis zur Gartenpforte gebracht, wo man sie abholen konnte, sondern er fuhr bis hinten zum Volksdorfer Damm, wo jetzt der Eisladen ist, und dort stand er in einer Garage und man musste sich die Milch dann holen.

Von da kam Olli, wir machten uns auf den Weg nach Hause und sahen oben am Himmel einen Flieger. Und sie sagte zu mir: „Gunnar, komm man lieber schnell her!“ Wir zogen uns unter einen Knick an der Straße zurück und sie erklärte mir, dass der Flieger jetzt nachgucken würde, ob noch jemand draußen ist. Ab ein Uhr war ja totales Ausgehverbot. Dann gingen wir zu uns ins Haus.

Am selben Tag – daran erinnere ich mich selbst jetzt aber nicht – entdeckte meine Mutter eine Gruppe von jungen Soldaten, die die Flucht aus Hamburg nicht mehr mitgemacht hatten, aus welchem Grund auch immer, vielleicht war deren Einheit schon weg. Die hat sie - es waren, glaube ich, elf Soldaten - reingeholt, die haben etwa drei Nächte bei uns übernachtet und Versorgung erhalten. Dann sind sie los, sie mussten sich ja alle bei Gefangenen-Sammelstellen melden. Ob sie dann nach Hause abgehauen oder sonstwas sind, weiß ich nicht.

„Hatten die noch ihre Karabiner dabei?“

Nein. Die Waffen hatten sie längst entsorgt; es war für uns auch später immer noch ein Sport, aus den Teichen Karabiner herauszuholen.

„Ein gefährlicher Sport.“

Nö. Die Waffen waren nicht mehr zu gebrauchen. Sie waren zerbrochen oder waren verrostet. Alle hatten eigentlich einen. Nur ich nicht – das heißt doch, aber der war durchgebrochen, das berührte mich sehr. Den hatte ich aus einem Teich beim Eingang zum Volksdorfer Friedhof gezogen. Weiß gar nicht, ob es den Teich noch gibt.

Jedenfalls kam dann der Einmarsch der Briten in Hamburg. Die Soldaten mussten ja irgendwo untergebracht werden, also wurden Häuser beschlagnahmt, die am ehesten der britischen Vorstellung von Schöner Wohnen entsprachen.

„Dann passte euer Haus ja eigentlich ganz gut.“

Ja, aber wir waren ein bisschen zu weit weg, zu weit draußen, die beschlagnahmten Häuser waren alle hinten in Volksdorf, wo heute der Markt ist. Das war ein Riesengelände; eingezäunt, bewacht, wo die britischen Truppen ihre LKWs und kleineren Panzerwagen stehen hatten. Darüber hinaus hatten sie ganze Straßenzüge beschlagnahmt, unter anderem den Hoisberg: Im letzten Haus am Hoisberg, wenn man aus Volksdorf rauskommt oben links, war die Küche für alle Soldaten, die in der Straße untergebracht waren. Und unten, im Keller dieses Gebäudes, arbeitete – als Tellerwäscher oder als irgendeine Küchenhilfe – mein Bruder Olaf.

Ich weiß noch genau, wie wir da waren und von ihm Weißbrot bekommen haben. Er stand unten am Fenster und gab uns was raus.

Besetzt waren auch die Häuser gegenüber der katholischen Kirche – wenn du vom Markt kommst und Richtung Farmsen fährst, ist sie auf der rechten Seite. Und gegenüber wunderbare große Villen, das wurden Villen für die britischen Offiziere. Und diese Häuser mussten ja mit Möbeln ausgestattet werden. Also sind die britischen Soldaten in Volksdorf herumgezogen und haben Beschlagnahmungen durchgeführt. Die kamen auch bis zum Buckhorn. Und wir Kinder haben das miterlebt, standen da und guckten zu.