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Die erste umfassende und autorisierte Biografie über einen der innovativsten Unternehmer aus dem Schwabenland: Günter Löchner!
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2020
Vorwort
Wie alles Begann
Schaffe, schaffe Häusle baue
Vater von drei Söhnen
Günter der Imker
L-Mobile Weihnachtsfeier 2019
Worte von Wegbegleitern
Covid-19
Rückblick Infor – Die erste Erfolgsgeschichte
Standort in Sulzbach – L-Mobile entsteht
Expansion in Tunesien und Ungarn
Günter der Marathonläufer und Bergsteiger
Wo man Liebe aussät, da wächst Freude empor
Schlusswort
Liebe/r Leser/in,
bevor es losgeht, möchte ich meinen Dank aussprechen. An alle Menschen, die an mich geglaubt haben und mich in den letzten einundsechzig Jahren unterstützt haben.
In allererster Linie ist das meine Mutter. Sie war die Erste die an mich geglaubt hat und sie hat daran ihr Leben lang festgehalten. Sie hat mich nicht nur unterstützt, sondern auch ermutigt und war immer stolz auf mich.
Dank gilt ferner meinem Herzstück Moni, die mich in all meinem Tun und Taten unterstützt und ermutigt, sich für meine Vorhaben interessiert und diese letztlich auch zu Ihren macht.
Sie sagt immer, ich soll sie mitnehmen und sie geht mit, egal was kommt.
Darüber hinaus haben mir weit über hundert meiner Mitmenschen im Leben Chancen geboten, die ich Dank meinem Mut genutzt habe.
Nicht immer hat sich daraus ein Erfolg entwickelt, aber in Summe hat jede Chance dazu beigetragen mich zu formen und den Großteil meiner Ziele zu erreichen.
Und wir sind ja nicht am Ende, wir haben noch einiges vor uns.
Glück ist, wenn Gelegenheit auf Vorbereitung trifft.
Damit man diese Chancen für sein Glück bemerkt, muss man immer die Augen offenhalten.
Für mich war es nie schlimm, eine schwierige Sache zu übernehmen oder eine Situation anzunehmen die gar nicht komfortabel aussieht, aber ich muss die Chance haben, diese zu verbessern und zu gestalten.
Besonderer Dank gilt Andreas Krivocheia, der mit seinem Talent und seiner Energie dieses Buch zu einem Erfolg gemacht hat.
Übrigens. Danke ist ein wichtiges Wort in meinem Leben. Es kostet nichts und schafft Wertschätzung, Verbindung und vor allem Zufriedenheit.
Widmen möchte ich dieses Buch der Zukunft und den Menschen, denen ich mein kleines Lebenswerk und meine Werte anvertraue.
Das sind in allererster Linie meine Kinder Pascal, David und Lukas. Und ebenso eine Enkelschar von sieben Enkeln. Euch möchte ich meine Werte weitergeben.
Meine Kinder und Moni repräsentieren auch den Stiftungsrat der Löchner Stiftung.
Nicht zu vergessen der engste Kreis meiner Mitstreiter und langjährigen Verbündeten Justine, Oliver, Christian und der Aufsichtsrat der Löchner Group. Ebenso all die Mitarbeiter, die die L-mobile tragen und unser Wertesystem künftig fortführen. Ich fühle mich euch tief verbunden.
Danke.
Günter Löchner,
Oktober 2020
Eines der ersten Gerüchte, welches ich als neuer Mitarbeiter der L-mobile über Günter Löchner zu hören bekam, war, dass Günter anscheinend an seinem Arbeitsplatz wohnte. Und dass in keinem übertragenen Sinn, sondern sprichwörtlich. Es ging nicht darum, dass Günter zu der Art Geschäftsführer zählte, die die Gewohnheit entwickelt hatten, bis tief in die Nacht zu arbeiten und deshalb quasi im Büro wohnten. Nein, er wohnte tatsächlich an seinem Arbeitsplatz, mitten im Hauptgebäude, direkt neben seinem Besprechungsraum, in dem Meetings, Personalgespräche und Präsentationen stattfanden. Es ist daher kaum verwunderlich, dass neue Mitarbeiter wie ich auf diese Information meist mit einer Mischung aus Unglauben, Skepsis und Verwunderung reagierten. Ich kann mich noch daran erinnern, dass mir zwei sehr gegensätzliche Gedanken durch den Kopf gingen.
1) Günter Löchner ist ein Workaholic und hoffentlich projiziert er seine Arbeitshaltung nicht als Erwartungshaltung auf seine Mitarbeiter (auf mich).
2) Das ist mal ein Chef, der sich seinem Unternehmen gegenüber wahrhaftig verpflichtet hat.
Jetzt - zweieinhalb Jahre später - ist mir ein dritter Gedanke bewusst geworden:
3) Günter Löchner lebt und liebt sein Unternehmen. Er lebt und liebt seine Tätigkeit. Seine Überzeugung für das einzutreten, was er für das Beste in Bezug auf die L-mobile hält, lässt ihn schier unglaubliche Herausforderungen meistern. Dabei scheut er allerdings auch nicht davor zurück, sich selbst extremen Drucksituationen auszusetzen und es sich immer wieder beweisen zu wollen.
Am Montag, den 18. November 2019 lief ich raschen Schrittes an meinen Mitarbeitern und Kollegen vorbei, die mich fragten wohin ich es so eilig habe, während ich zielstrebig und penibel darauf bedacht nicht zu spät zu kommen, nur ein Wort erwiderte. Günter. Meine Kollegen verstanden sofort und begannen wissend zu lächeln. Niemand wollte zu einem Meeting mit Günter zu spät kommen.
Vor seinem Büro (oder sollen wir es ab sofort Apartment nennen?) blieb ich stehen und holte tief Luft. Ich klopfte an und erwartete eine Antwort, ein freundliches Herein, oder zumindest ein herrisches Ja. Aber es herrschte Stille. Ich dachte einen Moment lang nach, unschlüssig was ich tun sollte. Schließlich entschloss ich mich die Tür vorsichtig einen Spaltbreit zu öffnen. Günter Löchner saß an seinem Schreibtisch, tief versunken in den Monitor vor ihm. Ein paar Sekunden später erfasste mich sein Radar und er nickte mir kurz und ernst zu. Offensichtlich war er noch nicht mit seiner Arbeit fertig, wollte mich jedoch auch nicht wieder zurückschicken. Schließlich hat man ja ein Meeting.
Während er die letzten Zeilen seiner E-Mail fertig schrieb, überschritt ich die Türschwelle und schaute mich um. Wir befanden uns in einem großzügigen Zimmer mit dunklem Holz als Parkettboden, farbenfrohen Gemälden an den Wänden, einem großen Schreibtisch und einem ergonomischen Stuhl. Ein oval förmiger Tisch mit sieben Stühlen und einem großen Fernseher befand sich in der unmittelbaren Nähe seines Schreibtisches. Hier fanden in der Regel die Meetings statt.
Der Fernseher an der gegenüberliegenden Wand wurde hauptsächlich für Präsentationen, oder auch Videokonferenzen mit Mitarbeitern aus Tunesien verwendet. Günter nahm in solchen Fällen am Kopfende des Tisches Platz, während die übrigen Teilnehmer des Meetings sich ähnlich wie bei Arthurs Tafelrunde zu seiner Linken und Rechten hinsetzten. Ich suchte mir den am nächsten gelegenen Stuhl aus und zog ihn an den oval förmigen Tisch heran. In diesem Moment erhob sich Günter und rief Andreas, als hätte er mich gerade erst bemerkt. Im Gegensatz zu seinem ernsten und ausgesprochen kurzen Nicken, lächelte er nun breit, stapfte energisch auf mich zu und schüttelte mir die Hand.
Günter ist ein Mensch, der nicht gerne Zeit verschwendet. Wenn er spricht, drückt er sich präzise und knapp aus. Er mag es nicht um den heißen Brei herum zu reden. Für einen kurzen Smalltalk fand sich diesmal jedoch trotzdem die Zeit. Er erkundigte sich nach meinen Projekten (ich bin als Projektmanager bei L-mobile tätig), fragte mich ob ich mit der Auslastung zurechtkam, oder ob es irgendwo Schwierigkeiten gäbe und wollte wissen wie es der Familie, insbesondere meinem kleinen Sohn ging. Bereitwillig stand ich Rede und Antwort und musste mich insbesondere als es um meine Familie ging, zügeln nicht zu weit abzuschweifen. Günter hörte mir geduldig zu und fixierte mich dabei aufmerksam mit seinem Blick. Ein paar Minuten später waren alle Neuigkeiten ausgetauscht und ich verstand, dass Günter jetzt bereit war loszulegen. Ich holte tief Luft, ging im Kopf noch einmal meinen Text durch und fing an zu erzählen.
»Die Biographie soll sich vor allem mit dir als Mensch befassen. Der Leser soll die Möglichkeit erhalten hinter die Kulissen zu blicken und Günter Löchner, den Familienmensch, Imker, Sportler, Landwirt und schließlich Unternehmer kennen zu lernen. Dabei möchte ich nicht nur deine Sicht der Ereignisse präsentieren, sondern auch Interviews mit den Personen führen, die dir besonders wichtig sind, oder dich auf deinem Weg geprägt haben. Natürlich spreche ich hierbei nicht nur von Geschäftskollegen, sondern auch von deinen Kindern, alten Freunden und Wegbegleitern. Nicht nur dein Leben, sondern auch deine Erkenntnisse und deine nächsten Ziele sollen einen Platz im Text finden. Schließlich endet deine Reise nicht mit diesem Buch.«
Den ganzen Monolog über hatte mich Günter nicht aus den Augen gelassen, ganz so, als ob er herauslesen wollte, wie ernst mir die ganze Sache war. Als ich verstummte beugte er sich zu mir vor und sagte:
»Zunächst einmal fühle ich mich geschmeichelt, dass du mit solch einem Eifer an das Buch heran gehst. Seit wir das letzte Mal gesprochen haben bist du in deinen Überlegungen offensichtlich ein gutes Stück vorangekommen.« er hielt kurz inne, lächelte schwach und fuhr fort:
»Andreas, du kennst mich inzwischen ein wenig. Ich bin ein Mensch, der sich gerne schnell entscheidet. Ein stabiles Fundament ist für mich allerdings die Basis um gute Entscheidungen treffen zu können. Ich vertraue dir und kann dir daher schon einmal vorab sagen, dass ich mir gut vorstellen kann mit dir gemeinsam eine Biographie zu verwirklichen. Davor habe ich aber noch eine letzte Frage an dich.«
An dieser Stelle machte er wiederum eine kurze Denkpause und wir tauschten die Rollen. Diesmal war ich es, der ihn aufmerksam beobachtete. Heute hatte er ein weißes Hemd an, dazu eine dunkelblaue Jeans und rote Laufschuhe. Den Rücken hielt Günter sehr gerade und nachdenklich fuhr er sich erst über das sauber rasierte Kinn und danach über die verbleibenden sehr kurz geschnittenen grau-weißen Haare.
»Du weißt, ich mag dich. Ein vertrauenswürdiges Team ist für mich immens wichtig. Ein Team auf das ich mich vollkommen verlassen kann. Ich brauche Leute, die keine Scheu davor haben, klar zu adressieren wie sie die Dinge sehen und was sie denken. Wenn wir das Projekt gemeinsam starten, wirst du den Hut aufhaben. Ich habe viel zu viel um die Ohren und kenne mich nicht mit der Schriftstellerei aus. Du musst klare Ansagen treffen und dir die Informationen holen, die du brauchst. Dann bin ich auch gern bereit mir die Zeit für dich zu nehmen. Kann ich mich auf dich verlassen? Traust du dir das zu?«
Da war er, der Moment, der das gesamte Projekt zum Absturz oder zur Freigabe führen würde. Mit möglichst ernstem Gesicht und meinem seriösesten Tonfall erwiderte ich:
»Du kannst dich auf mich verlassen.«
Eine Sekunde verging. Dann noch eine. Für mich fühlte es sich an wie eine kurze Ewigkeit. Und dann, ganz plötzlich entspannte sich Günter und fing breit zu grinsen an.
»Gut. Wann fangen wir an? Sofort?«
Wenn ich damals nur gewusst hätte worauf ich mich eingelassen hatte. Hunderte Stunden an Interviews, knapp tausend Seiten Text, unzählige Telefonate. Herzliches Lachen, ein paar Tränen, Arbeit bis tief in die Nacht. Kurzum - unvergessliche Momente.
Es ging tatsächlich direkt los. So schnell ich konnte versuchte ich mit Günter mitzuhalten, der wie aus der Pistole geschossen zu erzählen begann. Auf meinen Wunsch hin fingen wir mit seiner Kindheit an und arbeiteten uns chronologisch vor, durch seine Schulzeit, Ausbildung, Berufsjahre und Familiengründung, bis hin zur L-mobile, seinem Lebenswerk.
In der ersten Dezemberwoche 2019 erhielt ich eine Mail von Günter. Mittwochabend FaceTime? Postwendend sagte ich dem Anruf zu und bereitete einige Fragen für das Interview vor. Im Vorfeld wuchs der Gedanke in mir heran, dass eine chronologische Aufteilung, beginnend in der Kindheit, am meisten Sinn machte. Schließlich kannte nicht jeder Günter Löchner so gut wie seine engsten Vertrauten. Als der Anruf via FaceTime kam, setzte ich mich aufrecht hin und ging ran. Günter grinste mir entgegen und war offensichtlich ebenso gespannt wie ich. Dieses Mal stach mir zuallererst Günters Umgebung ins Auge. Offensichtlich befand er sich weder in seinem Büro, noch auf seiner Farm. Tatsächlich saß er gemütlich auf einem Sofa, in einer orientalisch angehauchten Wohnung. Sein braungebranntes Gesicht fiel mir als nächstes auf.
»Hallo Günter, wo bist du?« schoss es aus mir heraus und ich erntete ein weiteres verschmitztes Lächeln.
»Nabeul. Es gibt viel zu tun.«, damit war alles klar. Günter war zur allmonatlichen Visite in seinen L-mobile Standort nach Tunesien gereist. Da ihm der persönliche Austausch mit seinen Mitarbeitern am Herzen liegt und er auch unseren Kollegen aus Deutschland die Gelegenheit bieten wollte, sich mehr zu vernetzen, mietete er sogleich dauerhaft eine Wohnung mit drei Gästezimmern an, in der er sich gerade auf einem Sofa sitzend befand.
»Wollen wir gleich loslegen?« ich bejahte und besann mich sogleich auf Günters Ansage, dass ich in unserem Projekt den Hut aufhatte. Ohne viel Umschweife klärte ich ihn über das heutige Thema auf.
»Lass uns heute ein wenig über Familiengeschichte sprechen. Konkret meine ich deine Kindheit, insbesondere die Farm.« nun ist es Günter, der zufrieden lächelte und nickte.
»Soll ich einfach anfangen zu erzählen?« fragte Günter als ich nichts hinzuzufügen hatte.
»Ich bitte darum.«
Daraufhin hielt Günter einen Moment inne, suchte sich eine bequeme Position auf dem Sofa und begann zu erzählen:
Günter Löchners Familie väterlicherseits stammt aus Murrhärle, einem kleinen Dorf mit hundert Einwohnern drei bis vier Kilometer nordwestlich von Murrhardt, einem Städtchen im schwäbischen Wald. Die Geschichte der Löchners reicht weit zurück - ohne Schwierigkeiten lassen sich die letzten einhundertundfünfzig Jahre zurückverfolgen und die lokale Ansässigkeit in Murrhärle belegen. Günters Urgroßvater Reinhold Löchner besaß eine Land- und Forstwirtschaft im schwäbischen Wald. Das Gut umfasste ursprünglich ein sehr großes Gebiet und wurde durch Erbschaften (Erbrecht Teilung) über die Generationen hinweg immer weiter zerkleinert. So konnte sich Günters Urgroßvater Reinhold noch an einen großen Hof erinnern, der mit dem Auge kaum zu fassen war. Doch bereits zwei Generationen (Reinhold hatte fünf und sein Sohn Karl zehn Kinder) und viele erbliche Teilungen später, übernahm Günters Vater, Günter Eugen Löchner, das Gut und reichte es schließlich an seinen Sohn weiter.
Günters Eltern konnten sich weitestgehend selbst versorgen, was im Murrhärle der 1960er Jahre keine Seltenheit war. So besaß die Familie Kühe, Schweine, Hühner und baute Getreide, Kartoffeln und Rüben an und kümmerten sich auch um die mehreren Waldstücke, die zum Besitz gehörten. Wer jetzt allerdings annimmt, dass die Familie Löchner ein Leben im Überfluss führte, irrt sich. Ganz im Gegenteil. Das tägliche Leben war geprägt von Fleiß, Disziplin und harter Arbeit. Bevor die Sonne aufging, waren die Löchners bereits auf den Beinen und schufteten bis spät abends. Mit der Nachkriegszeit setzte die zunehmende Landflucht auch in Murrhardt ein. Viele Landwirtschaften verkleinerten sich, oder schlossen ganz. Die Gutsherren verkauften ihren Besitz zu geringen Preisen, zogen in die Städte und suchten sich eine Arbeit in der Industrie. Auch Eugen Löchner war dazu gezwungen seine Tätigkeiten dem Zeitgeschehen anzupassen und aus einem Vollerwerbsbetrieb einen landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb (auf dem eigenen Hof) zusätzlich einer Stelle bei Bosch als Staplerfahrer nachzugehen.
Günters Eltern Elsbeth und Eugen Löchner 1981 - Quelle: Günter Löchner Privatarchiv
Günters Mutter Elsbeth stammte aus Hohenstraßen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Schwäbisch Hall. Hohenstraßen und Murrhärle trennen sechzehn Kilometer, oder dreißig Minuten mit dem Auto voneinander. In Hohenstraßen besaßen Elsbeths Eltern einen bekannten Gasthof inklusive einer kleinen Landwirtschaft. Wie in ländlichen Regionen üblich lebte der Gasthof von seinen Gästen, die gerne in Form eines Stammtisches auf einen Leberkäs vorbeikamen (der Gasthof wird als der grüne Baum als kleine Gaststätte heute noch betrieben). Darum ist es nicht weiter verwunderlich, dass Eugen Löchner früher oder später auf seine Elsbeth traf. Als sie schließlich 1957 heirateten, war Eugen mit seinen dreiunddreißig Jahren bereits verhältnismäßig spät dran. Nach der Hochzeit verließ Elsbeth Hohenstraßen und zog zu Eugen nach Murrhärle in das 1907 erbaute Elternhaus.
Die frühen Ehejahre waren geprägt von harter Arbeit und der Erziehung der Kinder. Günter (geb. 1959) und seine Schwester Hannelore (geb. 1961) nahmen Elsbeths Aufmerksamkeit zusätzlich zu der ganzen landwirtschaftlichen Arbeit voll in Beschlag. Von klein auf war es den Eltern wichtig den Wert von Arbeit zu vermitteln. Dabei schrieben sie sich vor allem das Motto Vorbild führt auf die Fahnen und nahmen die Kinder überallhin mit. Häufige Besuche im Wald stellten eher die Norm, als die Ausnahme dar. Günter wuchs mitten im Grünen auf und empfand seit jeher eine große Liebe und Verbundenheit zur Natur.
An dieser Stelle im Gespräch konnte ich mir die Farm bereits lebhaft vorstellen. Es fehlte nicht mehr viel und ich hätte die frische Luft eingeatmet, mich aufs Gras geworfen und den Sonnenuntergang beobachtet.
»Welcher Geruch erinnert dich an deine Kindheit?« die Worte kamen, während ich träumerisch den imaginären Wald betrachtete - eigentlich schaute ich auf mein Word Dokument. Günter schmunzelte und erklärte feierlich:
Frisch gesägte Eiche, oder Sägemehl im Allgemeinen.
Die ersten Lebensjahre waren von vielen Aktivitäten auf dem Hof geprägt. Zu Günters frühesten Erinnerungen zählte der große Wald in dem er mit seinem Vater arbeitete und lange Spaziergänge machte, das frühe Aufstehen, die Versorgung der Tiere und die Tatsache, dass er den Hof fast nie verließ. Als Selbstversorger gab es kaum einen Grund dazu. Einen Kindergarten besuchte Günter nicht. Der Hof war seine Krippe.
In den 1960ern haben sich Günters Eltern darauf fokussiert im wahrsten Sinne des Wortes zu ackern. Aus heutiger Sicht beschreibt Günter die Arbeitseinstellung seiner Eltern wie folgt:
Meine gesamte Familie war überaus arbeitsam, hat aber nicht immer wirtschaftlich intelligent gehandelt und sich dadurch einiges an unnötiger Arbeit aufgehalst.
Elternhaus in Murrhärle 1959 - Quelle: Günter Löchner Privatarchiv
Günter 1960 - Quelle: Günter Löchner Privatarchiv
Gearbeitet wurde an sieben Tagen in der Woche, so etwas wie Urlaub gab es nicht. Einzig für die Kinder gab es Abwechslung. In den Ferien sind sie immer nach Hohenstraßen zu Hedwig und Hermann (Elsbeths Geschwistern) gefahren und haben dort zwar auch mitgeholfen, im direkten Vergleich zur Landwirtschaft ging es allerdings entspannter zu.
Heute umfasst die Löchner-Farm acht Hektar Feld, Wiese und Acker, sowie zwölf Hektar Wald. Zu Zeiten von Günters Eltern wurde noch im Mischbetrieb gearbeitet. Sowohl Milch- und Mastvieh, Schweine, Hühner, Ackerbau mit Kartoffeln und natürlich der Wald standen an der Tagesordnung. Viel hat dies jedoch nicht eingebracht - es reichte nur zum Selbstversorgen.
Die Arbeit auf dem Hof hat Günter für sein Leben geprägt:
Ich habe mein Leben lang bei meinen Eltern mitgeholfen. An vielen Abenden stand ich bis dreiundzwanzig Uhr draußen auf dem Acker und hatte das Ziel die Landwirtschaft groß zu machen. Ich war voller Tatendrang und mit Hingabe bei der Sache. Mein Vater wollte die Farm aber so lassen wie sie war. Er wollte kein Risiko eingehen, keine Veränderung vorantreiben und bloß nicht auffallen. Dagegen kam ich in jungen Jahren nicht an und es hat mich schließlich für einige Jahre fortgetrieben.
Es gab immer viel zu tun. Aus heutiger Sicht elementare Dinge erforderten großen Aufwand. So gab es beispielsweise keine Wasserversorgung im Haus. Ein Trog im Stall diente als Wasserquelle für den täglichen Bedarf. Mehrmals täglich wurde Wasser geschöpft zum Kochen, zur Hygiene, Wäsche und vor allem zur Versorgung der Tiere.
Den Hof verließ Günter erst mit der Einschulung. Die Schule in Murrhärle bestand aus einem einzigen Raum. Eine Schiefertafel und einen Schwamm brachte man selbst von zu Hause mit. Alle vier Klassen der Schule wurden in diesem Zimmer unterrichtet. Sich zu konzentrieren fiel dementsprechend schwer.
Die vielen Kinder auf engem Raum waren ungewohnt für Günter, der an übermäßig Platz und viel Natur gewohnt war. Der Sportplatz, der aus einer großen Wiese bestand, wurde daher sein Lieblingsort. Für den Sportunterricht stand eine sieben Meter hohe Stange bereit, an der sich jeder Schüler hochzuziehen hatte. Je schneller man es schaffte bis ganz oben zu klettern und anzuschlagen, desto besser. Jeder der Erfolg hatte, erhielt ein kleines Stück Schokolade (zwei Rippchen Ritter Sport). Die Süßigkeit stellte für Günter eine große Motivation dar und er zögerte nie für ein weiteres Stück die schwersten sportlichen Herausforderungen auf sich zu nehmen.
Als Günter acht Jahre alt war, wechselte er im Zuge der Schulreform nach Murrhardt auf die Schule. Damals gab es zwei Kurzschuljahre, sodass Günter letztlich ein Jahr früher mit der Schule fertig wurde. In Murrhardt sah sich Günter auf einmal achtundfünfzig Kinder in einem Klassenzimmer gegenüber. Bis er zwölf Jahre alt war, hielt sich Günter in der Menge bedeckt. Er war ein durchschnittlicher Schüler, der die wichtigsten Aufgaben für die Schule erledigte, darüber hinaus jedoch lieber den Eltern auf dem Hof half, als über seinen Büchern zu brüten. So kam es, dass Günter mit zwölf Jahren auf die Hauptschule in Murrhardt kam. Das Gymnasium war etwas Unnahbares, dass konnten sich damals weder er, noch seine Eltern für ihn vorstellen.
Auf der weiterführenden Schule hängte er sich rein und gab sich sehr viel Mühe. Die Hintergründe dafür lagen in mehreren Bezugspersonen, die Günter gezielt förderten und auf seine Stärken aufmerksam machten. Allen voran seine Lehrer Herr Frank und Herr Blankenhorn. Herr Frank war Günters Lehrer in der fünften und sechsten Klasse, Herr Blankenhorn in der siebten, achten und neunten Klasse. Mit Dankbarkeit erinnert sich Günter:
Ich kam vom Land, vom Bauernhof, habe vorher nichts von der Welt gesehen und habe auch immer etwas Zeit gebraucht, bis ich in der Welt zurechtkam. Herr Frank hat mich an die Hand genommen. Ich war orientierungslos und Herr Frank war wie eine Leitfigur. Er hat mich motiviert, mir das Gefühl gegeben etwas leisten zu können und ich habe mich seitdem bemüht meinen Notendurchschnitt zu steigern, Prüfungen gut zu absolvieren und mein Bestes zu geben. Am Anfang war es natürlich schwierig, aber nach und nach habe ich begriffen wie das System Schule funktioniert und habe mich durch gemausert. Diese Eigenschaft zeichnet mich auch heute noch aus, ich bekomme etwas Wirres vorgelegt und muss dann schauen wie ich vorankomme und eine Lösung dafür finden.
Freundschaften zu schließen fiel Günter schwer. Durch die Tatsache, dass er nach der Schule direkt auf dem Hof arbeitete und auch kein Geld für ein cooles Mofa oder Fahrrad zur Hand hatte, blieb er eher ein Einzelgänger. In der Schule gab es viele Mitschüler, die sich besser in Szene setzen konnten. Mit den Jahren besserte sich die Situation allmählich und er kam mehr aus sich heraus.
Wenn Günter von der Schule nach Hause kam, wurde er direkt zur Arbeit gerufen. Ob es anstrengend war? Natürlich! Dafür lernte er aber auch viel Handwerkliches und stellte fest, dass er hierbei eine ganz natürliche Begabung mitbrachte.
So betonierte er mit zwölf Jahren eine fünfzig Meter lange Mauer für die Einfassung des Gartens seiner Mutter und hatte großen Spaß dabei. Zu seinem liebsten Fächern zählten Werken, Mathematik, Geographie und Wirtschaft. Doch die Hauptschule währte nur kurz und nach seinem Abschluss fragte er sich - wo sollte es einmal für ihn hingehen?
Der erste Impuls war das Handwerk. Sicherlich würde es ihm gelingen nach seinem Gesellen, noch einen Meister zu machen. Andererseits war es auch verlockend in die Wirtschaft zu gehen und einen kaufmännischen Beruf zu erlernen. Dafür würde er die Schulbank allerdings noch etwas länger drücken müssen. Nach einiger Überlegung folgte auf die Hauptschule der Realschulabschluss bei einer großen Wirtschaftsschule in Backnang. Alles war größer und irgendwie besser. Hier blühte Günter regelrecht auf, genoss die Freiräume fernab von zu Hause und kundschaftete die Welt aus. Und endlich fand er auch unter den neuen Mitschülern ein paar treue Wegbegleiter. Besonders in den Fächern Handwerk & Werken, sowie Mathematik und Geometrie war er gut. Nicht zuletzt deswegen überlegte er für eine kurze Zeit, ob er sich nicht als technischer Zeichner versuchen sollte - in der Schule gab es immer wieder Lob für seine Zeichnungen und sein räumliches Vorstellungsvermögen.
Die guten Noten eröffneten ihm den Weg für einen kaufmännischen Beruf. Er war jetzt fünfzehn und auf einmal war die Frage Industriekaufmann oder Bankkaufmann die wichtigste in seinem Leben. Nach einigem hin und her, sowie einem Praktikum bei der Raiffeisenbank als Bankkaufmann, entschied er sich für eine Ausbildung als Industriekaufmann und bewarb sich initiativ bei fünf Firmen, die lokal ansässig waren. Allein der Bewerbungsprozess stellte eine große Herausforderung dar. Weder Günters Eltern, noch seine Bekannten und Freunde konnten ihm dabei zur Seite stehen. Letztlich blieb ihm nichts anderes übrig, als sich selbst zu informieren was alles in eine Bewerbung gehörte und sich nach und nach eine Bewerbungsmappe zusammenzustellen, die präsentabel war. Die Tatsache, dass seine Eltern ihn dabei nicht unterstützen konnten machte ihm nicht viel aus, er war es inzwischen gewohnt sich selbst durchzuschlagen. Stattdessen versuchte er mitzunehmen, was seine Eltern besonders gut verinnerlicht hatten: Fleiß und Disziplin. Schließlich erhielt er eine Zusage von der Lederfabrik Schweizer in Murrhardt. Einem Betrieb mit zweihundert Mitarbeitern. Am Ende ging er mit fünfzehn Jahren allein zur Unterschrift für seinen ersten Arbeitsvertrag, dem Ausbildungsvertrag.
Die anfängliche Freude wich allerdings schnell der Ernüchterung. Seine Zeit bei der Lederfabrik Schweizer hat Günter nämlich alles andere als schön in Erinnerung. Für alle möglichen Tätigkeiten wurde er eingesetzt, nur nicht dafür, wofür er angetreten war. Doch die Ausbildung hatte auch ihre guten Seiten: So erlebte und verspürte Günter zum ersten Mal die Freiheit auf eigenen Beinen stehen zu können. Mit dem Zug reisen, dorthin zu fahren, wo es ihn hinzog, auf Erkundungstour durch Backnang, Stuttgart und andere Städte in der Region zu gehen - das war eine Reizflut, die Günter die Augen für die große weite Welt eröffneten.
Aufgrund seiner schnellen Auffassungsgabe und charmanten Auftretens (Günter bezeichnete sich selbst schmunzelnd als frech), fiel ihm der Start leicht und die zwei Ausbildungsjahre vergingen wie im Flug. Mit achtzehn war er fertig und hatte seine Ausbildung zum Industriekaufmann in der Tasche.
Jetzt begann eine neue, aufregende Zeit für Günter. Warum? Einerseits konnte er dank seiner ersten Festanstellung von zu Hause ausziehen und andererseits war Günter zum ersten Mal verliebt. Renate, seine spätere Frau und damalige Freundin, zog mit ihm in die erste eigene Wohnung in Murrhardt. Renate war mit siebzehn ein Jahr jünger als Günter und pflegte wie sich wie auch Günter im Hippie Look zu zeigen. Das Paar war sehr verliebt und ein Produkt der damaligen Zeit. Nickelbrille, lockige Haare, Birkenstock Schuhe, Afrolook. Günter lachte als er mir das erzählte und in seiner Stimme schwang ein Hauch von Nostalgie mit.
Günter 1977 - Quelle: Günter Löchner Privatarchiv
Günter mit Afro 1977 - Quelle: Günter Löchner Privatarchiv
»Unsere Wohnung statteten wir mit Jaffa-Möbeln aus.« erzählte Günter lebhaft weiter und wollte schon weiter machen, als ich ihn unterbrach.
»Was sind Jaffa Möbel?« fragte ich verwirrt. Günter riss erstaunt die Augen auf.
