GUSEN - Vorhof zur Hölle - Jerzy Osuchowski - E-Book

GUSEN - Vorhof zur Hölle E-Book

Jerzy Osuchowski

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Beschreibung

Diese erstmals 1961 in Polen veröffentlichten Erinnerungen von Mag. phil. Jerzy Osuchowski an den ehemaligen Konzentrationslagerkomplex Gusen zählen nicht nur zu den wichtigen und essentiellen Werken im Kanon der Erinnerungsliteratur an diesen einst größten aber vielfach noch wenig bekannten nationalsozialistischen KZ-Komplex auf österreichischem Boden, sondern sind auch eine erschütternde Dokumentation der Zustände, Akteure und Methoden in diesen, von Anfang an auf die Vernichtung von ganzen Häftlingsgruppen ausgerichteten Todeslagern in der Nähe des ehemaligen KZ Mauthausen. Der Autor, welcher in den Jahren 1940 bis 1945 von der ersten bis zur letzten Stunde in Gusen vor allem als Schreiber eingesetzt war, hinterließ mit diesen Erinnerungen eine äußerst wertvolle Chronik und Charakterisierung der Täter im ehemaligen Konzentrationslager KL Gusen I. Mit schonungsloser Offenheit und bemerkenswerter Objektivität beschreibt Osuchowski auch die erbarmungslose und hoch korrupte Wolfsgesellschaft, welche die Lager-SS damals vor allem mit deutsch­sprachigen Funktionshäftlingen etablierte, welche sehr oft wegen ihrer kriminellen Vergangenheit in Gusen waren. Diese ermöglichte die Erfüllung der vom NS-Regime vorgesehenen Vernichtungsquoten an diesem Ort der frühen massenweisen Vernichtung ganzer Häftlingsgruppen. Osuchowski zeichnet in diesem bedeutenden Werk zum ehem. KZ-Komplex Gusen auch nach, dass es die in der Nachkriegszeit so oft beschworene internationale Solidarität in einem Todeslager wie Gusen I kaum gab und es zum Teil Jahre dauerte bis verschiedene, oft schon deutlich dezimierte nationale Gruppierungen in ihrem Schmerz und ihrer Ohnmacht jenes Vertrauen entwickeln konnten, welches erforderlich war, um langsam mehr und mehr Kooperation und Widerstand in diesen bestialischen KZs zu entwickeln. Bemerkenswert ist daher in diesem Buch auch die auffallende Differenzierung zwischen den privilegierten „Deutschen“ und den Häftlingen anderer Nationen, welche im Mai 1945 in den Stunden nach der Befreiung in der „Hölle von Gusen“ in eine beispiellose Lynchorgie ausartete.

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Seitenzahl: 462

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Mit der Herausgabe dieser Erinnerungen ist keine Gewinnabsicht verbunden.

Sie sind der Erinnerung an alle Opfergruppen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sowie der geisteswissenschaftlichen Forschung gewidmet.

Mit dem Kauf dieses Buches wird die weltweite und gemeinnützige Forschungs- und Erinnerungsarbeit des Gedenkdienstkomitees Gusen zum ehemaligen nationalsozialistischen KZ-Komplex Gusen unterstützt.

www.gusen.org

#RememberGusen

Den Verstorbenen zum Ruhm, den Lebenden zur Erinnerung, widme ich dieses Buch.

Inhalt

Vorwort des Herausgebers

Vorwort der Enkelin und Übersetzerin

Vita des Autors

Vorwort des Autors

An der schönen, blauen Donau

Tagesablauf

Der Bau des Lagers

Umschulung

Das Revier

Einer fehlt

„Ich bin gesund. Es geht mir gut“

Die „Kantine“

Die Hoffnung auf Freiheit

Die Strafkompanie

„Muselmänner“ – „unwerte“ Menschen

Gegensätze

Der Hauptscharfrichter und seine Schergen

Spanier

Die Plagen aller und die Flöhe

Das Lager der sowjetischen Kriegsgefangenen

Zur Verteidigung des Geistes

Etwas Besserung

Tempel der „Liebe“

Gusen II

Zeichen eines baldigen Endes

Es lebe die Freiheit!

Anhang

Die Kennzeichnung der Häftlinge

Häftlingsstand des Lagers Gusen am 4. Mai 1945

Todesstatistik des Konzentrationslagers Gusen

Sterblichkeit im ersten Monat nach der Befreiung

Vernehmungsprotokoll Franz Ziereis

Ziereis’ Aussage vor Häftlingen

Eidesstattliches Protokoll Anton Kaufmann

Abbildungsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers

Als Gründungsmitglied des Gedenkdienstkomitees Gusen – www.gusen.org – und langjährigem Forscher zu der nicht nur in Österreich viele Jahrzehnte lang sehr wenig beachteten Geschichte des ehemaligen KZ-Komplexes Gusen sind mir die Erinnerungen von Jerzy Osuchowski bereits seit einigen Jahrzehnten bekannt. Sie gehören zum wichtigen Kanon der polnischsprachigen Erinnerungsliteratur zum ehem. KZ-Komplex Gusen und werden seit Jahrzehnten auch in allen wichtigen, oft nur polnischsprachigen Abhandlungen zum ehem. KZ-Komplex Gusen häufig mitberücksichtigt.

Diese Erinnerungen sind insofern äußerst bedeutend, da Jerzy Osuchowski, der am 6. April 1911 in Krakau (Krakow) das Licht der Welt erblickte, schon seit dem 25. Mai 1940 mit Häftlingsnummer 1371 einer der wenigen polnischen Schutzhäftlinge des damals gerade vom KL Mauthausen verwaltungsmäßig abgetrennten neuen, ersten2Konzentrationslagers in Gusen war. Auch zählte er zu den ersten 212 Stammhäftlingen dieses neue Lagerzwillings des KL Mauthausen und reflektiert in seinen Erinnerungen die menschenverachtende Realität vor allem im KL Gusen I durchgehend von der frühen Lagergründung bis zur Befreiung dieses einst größten KZ-Komplexes auf österreichischem Boden im Mai 1945.

Jerzy Osuchowski reflektiert in seinen Erinnerungen besonders das erste Jahr in der Geschichte des damals schon weitgehend eigenständigen ersten KZ-Lagers in Gusen, das damals de facto ein Vernichtungslager für Häftlinge aus Polen war, und in welchem damals vor allem Funktionshäftlinge aus Deutschland und Österreich mit oftmals krimineller Vorgeschichte für die Erreichung der Vernichtungsquoten der SS sorgten. Darüber hinaus beschreibt der Autor sehr eindrücklich auch die umfassende Korruption und den Sadismus einzelner Funktionshäftlinge und SS-Führer in diesem frühen Todeslager der deutschen NS-Geschichte, das heute in Polen immer öfter als „das zweite Katyn“ bezeichnet wird.

Die Erinnerungen Osuchowskis bringen in erschütternder Weise zu Bewusstsein, dass das sog. KZ Gusen kein „gewöhnliches“ Konzentrationslager war, sondern einer der ersten Orte im Großdeutschen Reich, in dem ab dem Jahr 1940 die gezielte Vernichtung von größeren Häftlingsgruppen unter großteils unmenschlichsten, und für Gusen typischen Brutalitäten wie Verhungern lassen, Ertränken oder Totbaden im Vordergrund standen. Nicht umsonst verwendete daher auch z.B. Stanislaw Dobosiewicz schon 1977 für eines seiner Bücher zum ehemaligen KZ-Komplex Gusen mit voller Berechtigung den Titel „Vernichtungslager Gusen“.

Die Erinnerungen von Jerzy Osuchowski sind somit ein erschütterndes Sittengemälde, wie die SS die systematische Vernichtung von Menschen bereits 1940 organisierte, indem sie vor allem gewaltbereite deutschsprachige Lagerinsassen durch Gewährung von Privilegien gezielt zur Dezimierung von Angehörigen anderer Nationalitäten einsetzte – ein Aspekt, der in der Nachkriegszeit viele Jahrzehnte lang eher weniger betont wurde, und in Gusen in den Tagen der Befreiung insbesondere zu einer ebenfalls bis heute kaum betonten Lynchjustiz führte.

Umso mehr bemühte sich der Herausgeber bereits seit vielen Jahren auch um die Übersetzung dieser so bedeutenden Erinnerungen ins Deutsche, damit diese wertvolle Quelle auch für Forscherinnen und Forscher im deutschen Sprachraum zugänglich wird.

Besonderen Dank darf bei diesen Bemühungen dem ehemaligen Generalkonsul der Republik Polen an der Polnischen Botschaft in Wien, Herrn Mag. Andrzej Kaczorowski ausgesprochen werden, der sich auf meine Bitte hin ab 2014 für das Gedenkdienstkomitee Gusen längere Zeit bemühte, die Nachfahren von Jerzy Osuchowski in Polen ausfindig zu machen. Überraschender Weise wurde Herr Generalkonsul Kaczorowski aber nicht in Polen fündig, sondern just in Österreich, da die Tochter des Autors einst in Österreich eine Familie gegründet hatte (siehe dazu Abschnitt „Vita des Autors“).

Auf Basis dieser besonderen Unterstützung auf höherer diplomatischer Ebene konnte schließlich die Verbindung zu Frau Isabelle Hochauer als Enkelin von Herrn Jerzy Osuchowski hergestellt werden, welche die Memoiren ihres Großvaters dann in den Jahren 2018 bis 2021 in der gegenständlichen Form ins Deutsche übersetzte und diese Publikation auch noch um die „Vita des Autors“ sowie einzelne Illustrationen aus dem Besitz ihrer Familie ergänzte.

Der Herausgeber unterstützte in weiterer Folge Frau Hochauer beim historisch-fachlichen Lektorat und der Kommentierung der nun auf Deutsch vorliegenden Erinnerungen ihres Großvaters, die nun als weitere, nicht gewinnorientierte Publikation des Gedenkdienstkomitees Gusen zur Verfügung stehen.

Diese Übersetzung wurde so nahe wie möglich beim polnischsprachigen Original belassen. Lediglich wenn es die Geläufigkeit einzelner deutschsprachiger Begriffe, die richtige Schreibweise von Personennamen, Fachbegriffe des ehemaligen KZ-Systems oder die flüssige Lesbarkeit des übersetzten Textes erforderten, wurden kleinere Anpassungen durch die Übersetzerin und den Herausgeber vorgenommen, ohne dabei aber den ursprünglichen Text in seiner Aussage zu verändern.

In manchen Teilen wurden die teils falschen Schreibweisen von Orten, Namen oder Begriffen bewusst belassen – aber im Text entsprechend kommentiert – um einerseits die Authentizität der vom Autor wiedergegebenen Inhalte zu unterstreichen und andererseits den Schwierigkeitsgrad aufzuzeigen, den vor allem nicht-deutschsprachige Überlebende hatten, um Orte, Namen oder Begriffe, die sie nur auf Deutsch hörten, schriftlich für kommende Generationen entsprechend zu dokumentieren.

Da es sich um eine Übersetzung ins Deutsche handelt, wurden Ortsnamen, für welche der Autor ursprünglich die polnische Bezeichnung verwendete, ebenfalls übersetzt, sofern es für diese Orte historisch deutsche Namen gegeben hat. Bei der jeweils erstmaligen Erwähnung wurden aber die polnischen Namen der Vollständigkeit halber zusätzlich in Klammern angegeben.

Um die Erinnerungen des Autors abzurunden, wurde die vorliegende Übersetzung auch um zahlreiche Illustrationen ergänzt, die zuvor nicht Teil der ursprünglichen Publikation in polnischer Sprache waren.

Dort, wo es dem Herausgeber und der Übersetzerin angebracht schien, wurde der übersetzte Text noch mit Kommentaren in zusätzlichen Fußnoten ergänzt. Die wenigen ursprünglichen Fußnoten des Autors aus dem polnischen Originaltext wurden zwecks Unterscheidbarkeit in kursiver Schrift dargestellt.

Für das Lektorat danke ich der Vorsitzenden des Gedenkdienstkomitees Gusen, Frau Schulrat Martha Gammer.

Besonderer Dank gilt auch Frau Universitätslektorin Magistra Joanna Ziemska und Herrn Harald Knill vom Verlag new academic press für die Erlaubnis der Verwendung der deutschen Übersetzungen einzelner Gedichte, die Jerzy Osuchowski zwar schon 1961 in seinen Erinnerungen auf Polnisch publizierte, aber erstmals 2020 im Gedichtband „Gedichte hinter Stacheldraht“ auf Deutsch erschienen sind, und von Isabelle Hochauer auch für diese Übersetzung direkt verwendet werden durften.

Frau Universitätslektorin Magistra Joanna Ziemska und der Gesandten und Direktorin des Polnischen Institutes in Wien, Frau Magistra Monika Szmigiel-Turlej, verdanke ich auch die Genehmigung des Vorstandsvorsitzenden der Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“ in Warschau, Herrn Jakub Deka, für den Abdruck von Illustrationen aus dem Bestand der Stiftung und dem Archiv von Stanislaw Dobosiewicz. Desweiteren gebührt mein Dank für die Zurverfügungstellung weiterer Illustrationen Herrn Ralf Lechner, dem Leiter der Sammlungen der KZ-Gedenkstätte Mauthausen und Herrn Ingenieur Jerzy Kowalczyk vom ehemaligen Klub Mauthausen-Gusen in Poznan (Posen).

Rudolf A. Haunschmied September 2022

1 Jerzy Osuchowski hatte zuvor im KL Mauthausen die Häftlingsnummer 1987. Die seit dem 25. Mai 1940 getrennten Häftlingsnummernsysteme der beiden KL Mauthausen und Gusen wurden erst wieder Anfang 1944 unter einem einheitlichen System des KL Mauthausen zusammengeführt.

2 Es handelt sich hier um das Konzentrationslager Gusen I, dass ab dem 25. Mai 1940 weitgehend unabhängig vom KL Mauthausen als zweites Konzentrationslager in Österreich geführt wurde. Dieses wird in diesen Erinnerungen, wenn erforderlich, auch mit „KL Gusen I“ bezeichnet. Dieses erste Konzentrationslager in Gusen wurde dann 1944 noch um die Konzentrationslager „KL Gusen II“ (für das unterirdische Messerschmitt-Flugzeugwerk „Bergkristall“ in St. Georgen an der Gusen) und „KL Gusen III“ (für ein Materiallager der Messerschmitt GmbH und eine sog. Häftlings-„Bäckerei“) in Lungitz erweitert.

Vorwort der Enkelin und Übersetzerin

„Niemals vergessen!“ – ein Imperativ, der sich häufig findet bei Gedenkfeiern an die Konzentrationslager und ein Imperativ, welcher an Bedeutung gewinnt, da man gar nicht vergessen kann, weil die Geschichte der Konzentrationslager von Gusen so eng mit der eigenen Familiengeschichte verwoben ist.

Die ersten Berührungspunkte mit der Erinnerungsliteratur meines Großvaters, machte ich bereits in jungen Jahren nach einer Schulexkursion zur Gedenkstätte Mauthausen im Zuge des Geschichtsunterrichtes. Zwar hatte bereits in frühen Kindheitstagen meine Mutter immer wieder erwähnt, dass mein Großvater in Mauthausen-Gusen gewesen sei – so richtig begreiflich machen, was das zu bedeuten hatte, konnte ich mir dies allerdings erst nach dem Besuch dieser Gedenkstätte. Das war im Jahr 2003, und im Alter von dreizehn Jahren konnte ich zum ersten Mal an den Gedanken meines Großvaters in niedergeschriebener Form teilhaben, als ich „GUSEN – Vorhof zur Hölle“ in polnischer Sprache zum ersten Mal lesen durfte.

Es sollten noch einige Jahre vergehen, in denen der Wunsch in mir heranreifte, das für mich so bedeutsame Buch einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich zu machen.

Unbedingt wollte ich meinen Großvater durch meine Worte und Formulierungen sprechen lassen, um die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufrechtzuerhalten.

An dieser Stelle möchte ich meinen besonderen Dank an Herrn Professor Rudolf A. Haunschmied aussprechen, der es mir möglich gemacht hat, selbst die Übersetzerin dieses Buches sein zu dürfen, und der mich während der Realisation dieses Projekts sowohl menschlich als auch fachlich stets unterstützt hat. Ohne ihn und das Gedenkdienstkomitee Gusen – www.gusen.org – würde es dieses Buch in vorliegender Form nicht geben.

Isabelle Hochauer September 2022

Vita des Autors

Jerzy Osuchowski wurde am 6. April 1911 in Krakau geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Krakau, wo er auch 1931 am Gymnasium Jan Kochanowski maturierte.

In den 1930-er Jahren absolvierte er ein Studium der Romanistik an der philosophischen Fakultät der Jagiellonen Universität. An dieser schloss er das Magisterstudium 1937 mit einer Arbeit zu „Marivaux moraliste“3 erfolgreich ab.

Nach dem Hochschulstudium war er in den Jahren 1938 und 1939 Redakteur der monatlich erscheinenden Zeitung „Gwarek“, deren letzte Ausgabe im August 1939 erschien.

Abb. 1:Mag. phil. Jerzy Osuchowski. Ca. 1965.

Am ersten Kriegstag, dem 1. September 1939, wurde er als junger 28-Jähriger – den Nationalsozialisten bereits als politischer „Aktivist“ bekannt – in Radlin (Schlesien) inhaftiert.

Über die Gefängnisse in Rybnik und Rawicz, sowie das Durchgangslager Görlitz, gelangte er weiter ins KL Buchenwald. In unserer Familiengeschichte ist überliefert, dass er die Nationalsozialisten gefragt haben soll, wohin er gebracht werde, und diese haben nur erwidert: „Ins Grüne“. Seinen Erlebnissen im Konzentrationslager Buchenwald widmete Osuchowski ebenfalls ein Buch, das 1975 unter dem Titel „Zapomniec nie moge“4 erschien.

Nach der Befreiung aus dem Konzentrationslagerkomplex Gusen verschlug es Jerzy Osuchowski über Umwege zur Truppe von General Wladyslaw Anders5 nach Italien.

In Italien selbst machte er Halt in Porto San Giorgio bei Ancona, wo er beim Onkel (Zio Pipi) und der Tante (Zia Sara) seiner späteren Frau Janina Osuchowska (damals noch Gianina Sabbatini) Unterschlupf fand. Durch zahlreiche Besuche der jungen Gianina bei ihrer Familie, lernte sie ihren späteren Ehemann – den sie liebevoll Giorgio nannte – kennen.

Jerzy verliebte sich auf den ersten Blick in seine künftige Frau und so dauerte es nicht lange bis sich das junge Liebespaar das Ja-Wort gab. Die beiden heirateten am 8. Juni 1946.

Das erste Kind (Beatrice Maria Pia) erblickte am 2. April des darauffolgenden Jahres in Cesena das Licht der Welt.

Das gemeinsame Leben der Eheleute hätte, von Frankreich aus, weiter Richtung Großbritannien gehen sollen. Diese Reise konnte Gianina allerdings nicht antreten – anscheinend dürfte es laut Ausführungen ihrer Tochter Beatrice zum damaligen Zeitpunkt Probleme mit der Emigration nach Großbritannien gegeben haben.

So verblieben die beiden mit der gemeinsamen Tochter noch eine Zeit lang in Frankreich, bis das Ehepaar beschloss, sich ein gemeinsames Leben in Polen aufzubauen. Während der Zeit in Frankreich unterrichtete Jerzy Osuchowski an einem Gymnasium.

Im darauffolgenden Jahr kehrte Osuchowski gemeinsam mit Frau und Kind nach Polen zurück. Sie fanden in Kattowitz (Katowice) ihre neue Heimat, wo sie zunächst im Stadtteil Welnowiec und danach in Brynow wohnten. Die Familie erweiterte sich in den darauffolgenden Jahren um Jadwiga Osuchowska sowie um Marek Osuchowski.

Sein ganzes Erwerbsleben lang war Jerzy Osuchowski im Glowny Instytut Gornictwa (Höheres Institut für Bergbau) beschäftigt. Er redigierte in dieser Zeit facheinschlägige Lexika und ein Wörterbuch.

Er widmete sich neben seiner regulären Beschäftigung im Höheren Institut für Bergbau auch der Herausgabe seiner Erinnerungen an die Konzentrationslager:

1961 erschien das nun erstmals in deutscher Sprache verfügbare Buch

„GUSEN – Przedsionek Piekla“

6

.

1975 dann

„Zapomniec nie moge“

, in welchem er die Erinnerungen an die ersten Kriegstage, wie auch den Lageralltag im Konzentrationslager Buchenwald festgehalten hat.

Am 4. November 1983 – nur wenige Jahre nach Erscheinen seines zweiten Buches – verstarb Jerzy Osuchowski in Kattowitz. Er ist gemeinsam mit seiner Frau Janina Osuchowska, welche im Jahr 2018 verstorben ist, auf dem Friedhof von Kattowitz (ul. Henryka Sienkiewicza) bestattet.

Die Nachkommen Osuchowskis haben ihre Lebensmittelpunkte über Europa verstreut:

Jadwiga Osuchowska (mittlerweile verehelichte Czerska) lebt nach wie vor in Polen – jedoch nicht in Kattowitz, sondern in Tychy. Sie hat zwei Kinder und acht Enkelkinder.

Marek Osuchowski lebt gemeinsam mit seiner Frau mittlerweile in Italien. Sein Sohn Adam Osuchowski ist mit einer Polin verheiratet. Auch er hat bereits einen kleinen Sohn.

Die älteste Tochter Jerzy Osuchowskis – Beatrice – emigrierte Ende der 1980-er Jahre nach Österreich, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann in einer kleinen Marktgemeinde in Niederösterreich lebt.

Beatrices Tochter Isabelle hat das vorliegende Buch übersetzt. Als Enkelin des Autors war es ihr ein besonderes Anliegen, das Memoriam ihres Großvaters, wie auch die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslager-Komplexes Gusen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Abb. 2:Entwurf des Autors für die Titelseite seines Buches „GUSEN – Przedsionek Piekla". Ca. 1961.

3 Einem französischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts.

4 Ich kann nicht vergessen

5 Wladyslaw Anders war Jahrgang 1892 und polnischer General und Politiker. Anders wurde bereits zu Beginn des 2. Weltkrieges schwer verwundet und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Dort stellte man ihn 1941 an die Spitze einer Division mit ehemaligen polnischen Kriegsgefangenen, die für die Rote Armee gegen Nazi-Deutschland kämpfen sollten. Im Laufe des Krieges wurden seine Kampfverbände allerdings zuerst in britische Mandatsgebiete im Nahen Osten verlegt und kämpften schließlich 1944 für die Westalliierten erfolgreich in Monte Cassino. Noch vor Kriegsende ernannte ihn die polnische Exilregierung 1945 zum Oberbefehlshaber der „Polnischen Streitkräfte im Westen (PSZ)“. Nach Kriegsende ging Anders nach Großbritannien ins Exil und wirkte dort bis wenige Jahre vor seinem Tode im Jahre 1972 als Exponent des sog. „Dreierrates“ der polnischen Exilregierung.

6 GUSEN – Vorhof zur Hölle

Vorwort des Autors

Das Ziel des hier vorliegenden Buches ist die möglichst objektive Schilderung – sofern man unter solchen Umständen von Objektivität sprechen darf – eines Gesamtbildes des Lebens in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager; seiner Organisation, der Grausamkeit, der Tragik und Hoffnungslosigkeit, die Zehntausende Gefangene, die durch das Tor des Lagers Gusen geschritten waren, Tag für Tag begleitete.

In einer Form, welche weder Tagebuch noch Synthese noch Chronik des Lagers ist, sondern ein Bericht, der diese drei Elemente in sich vereinen soll, habe ich mich bemüht, jene Tatsachen und Phänomene des Lagers darzustellen, welche ein bestimmtes Licht – ob hell oder dunkel – auf die Menschen warfen – sofern man auch einige von ihnen überhaupt als solche bezeichnen konnte – die solche Lebensumstände schufen. Besonderen Nachdruck habe ich dabei auf die Gräueltaten der Anfangsphase gelegt, die nicht nur von SS-Männern, sondern auch von Kapos und Blockältesten, welche oft auf Befehl, aber auch aus eigenen Stücken handelten, begangen wurden.

Durch die Ausübung verschiedenster Funktionen im Lager Gusen – vom Tag seiner Einrichtung bis zum Tage der Befreiung – hatte ich die Möglichkeit, mit bestimmten Ereignissen näher konfrontiert zu sein, die ich so darzustellen versuche, wie sie damals das ganze Lager erlebt hat. Da ich notgedrungen mit vielen Machthabern im Lager zu tun hatte, konnte ich aus ihren Äußerungen entsprechende Schlüsse auf ihre Einstellung zu bestimmten Dingen des täglichen Lebens ziehen.

Bereits im Lager trug ich mich mit der Absicht, der Welt das Antlitz der nationalsozialistischen KZ-Lager zu zeigen; schon damals trug ich also entsprechende Materialien zusammen. Ich sprach mit Kollegen aus unterschiedlichen Kommandos über die Zustände an ihren Arbeitsplätzen; ich hörte die unterschiedlichsten Kommentare zu den wichtigen Ereignissen des Tages. Die Übertriebenen oder Widersprüchlichen überprüfte ich mehrmals mit verschiedenen Quellen, um zur Wahrheit zu gelangen. Oft befand ich mich – nicht ohne ein gewisses Risiko – zufällig dort, wo ich nicht hätte sein sollen; ich steckte meine Nase überall hinein, um zu sehen, zu wissen, in Erinnerung zu behalten, und eines Tages weitergeben zu können. Die Möglichkeit der Kommunikation mit Häftlingen anderer Nationalitäten in ihrer Sprache, ermöglichte es mir, ihre persönlichen Unglücke, ihre persönliche Tragik – wie im Fall der Spanier, Russen und Italiener – besser zu verstehen.

Daher die Vielfalt der Situationen, die Galerie an Portraits der Verbrecher, welche sich in die Geschichte Gusens mit Blut eingeschrieben haben.

Daher auch die lange Liste der Kollegen, welche unter den herrschenden Bedingungen ihr Menschenmöglichstes taten, um denen zu helfen, welche ihr Schicksal teilten.

Ich bin mir dessen bewusst, dass trotz alledem immer noch Situationen und Erlebnisse – seien es individuelle oder kollektive – unbeschrieben bleiben, die einer genaueren Schilderung der Geschehnisse jener schrecklichen Zeit dienlich gewesen wären. Da ich jedoch kein Zeuge jener Ereignisse war und sie mir durch diese und jene Umstände verwehrt geblieben sind, kann ich nicht darüber berichten.

Ich bin mir des Weiteren bewusst, dass ich aufgrund fehlender Dokumente so manchen stillen Helden von Gusen – und es gab viele von denen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um einem Kameraden zu helfen oder ihn vor dem sicheren Tod zu bewahren – nicht zu Wort kommen lassen konnte. Sie mögen mir verzeihen.

Jerzy Osuchowski [1961]

An der schönen, blauen Donau

Am linken Donauufer, zwischen Wien und Linz, in einer malerischen Umgebung, liegt die Kleinstadt Mauthausen, von der das auf einer Anhöhe in einer Entfernung von 5 km zur Stadt7 errichtete Konzentrationslager seinen Namen erhielt. Vor dem Krieg war Mauthausen eine unbekannte Ortschaft. Während des Krieges wurde dieser Name zum Synonym der Folter und des Grauens. Es war ein Lager der „Stufe III“ – ein Vernichtungslager.

Das Lager Gusen, zwischen Mauthausen und Linz, im schönen Donautal gelegen, war eines der größten Außenlager Mauthausens.

Im Süden grenzte es an die Straße von Mauthausen nach Linz, hinter welcher sich weiter südwärts eine breite Ebene erstreckte, die in die mächtigen Silhouetten der österreichischen Alpen auslief, welche an klaren Tagen sichtbar waren. Dieser klare Anblick der sich am Horizont abzeichnenden Berge – so herrlich er auch war – versetzte die Häftlinge in Schrecken – war es doch eine sichere Prognose für Regen in den nächsten Tagen und somit Tage der zusätzlichen Qual, da auch zu Regenzeiten die Arbeiten nicht unterbrochen wurden. Im Norden und Osten war das Lager von Granitfelsen umgeben – den Steinbrüchen Kastenhof und Gusen. Im Westen schloss sich der Horizont mit der weit, weit weg gelegenen bewaldeten Erhöhung des Pfenningbergs.

Das Lager selbst hatte die Form eines Rechtecks mit den Maßen 360 x 150 m. Ursprünglich war es von einem Holzzaun mit acht Wachtürmen umgeben; je vier auf beiden Längsseiten. Dieser Zaun wurde später durch eine drei Meter hohe Mauer ersetzt. Die Anzahl der Wachtürme wurde auf fünf reduziert, wobei die Türme beim Tor durch das Gebäude der Lagerleitung ersetzt wurden, welches die Funktion eines Gefängnisses (Bunkers) innehatte – das sogenannte Jourhaus. Zwischen den Türmen, welche für die mit Maschinengewehren bewaffneten Wachmänner vorgesehen waren, standen Wachen mit Maschinenpistolen. Die Wachmänner auf den Türmen und jene dazwischen formten die sog. kleine Postenkette. Innerhalb des mit einer Mauer umgebenen Rechtecks befand sich eine weitere Umzäunung aus Stacheldraht, welche unter Starkstrom stand. Häufig wurden in diese Drähte zum Tod verurteilte Häftlinge geschickt oder mit roher Gewalt geworfen.

Das Lager teilte sich in zwei Teile – einen unbebauten und einen bebauten. Im unbebauten Teil fanden drei Mal am Tag die Appelle statt: morgens, mittags und abends. Jener Teil hieß Appellplatz oder scherzhalber „Platz der Berufung“.8 Das war ebenfalls ein Platz der Folter. Hier wurden öffentliche Prügelstrafen (zumindest 25 Hiebe) vollzogen. Hier wurde auch später ein Galgen an einem Laternenmast montiert. Auf diesem Mast befand sich auch eine Glocke, welche den Beginn allen Tuns einläutete, wie auch das eingravierte Motto verhieß:

Ob Tag, ob Nacht. Stets mit Bedacht.

Der Glocke Ruf erklingt.

– Ein Zeichen,

Deine Pflicht beginnt.

Der Appellplatz – ein Rechteck mit den Maßen 150 x 75 m – nahm den südöstlichen Teil des Lagers ein. Daran grenzte in Richtung des Steinbruchs Kastenhof eine große Baracke – die Küche für die Gefangenen. Im Herbst 1942 wurde im südlichen Teil des Platzes mit der Küche – direkt neben dem Jourhaus – eine Baracke mit „besonderer Bestimmung“ erbaut – offiziell hieß sie Sonderbau, und umgangssprachlich Puff.

Im Frühjahr des Jahres 1944 wurde der Appellplatz durch den Zubau der neuen Wohnblöcke A, B, C, D, die sich direkt bei den bisherigen Blöcken 2, 3, 4 und 5 befanden, um fast die Hälfte verkleinert. Die Errichtung neuer Baracken war wegen des Bedarfs nach neuen Arbeitskräften für die immer größere Rüstungsindustrie notwendig geworden, in der die Häftlinge beschäftigt waren.

Der bebaute Teil des Lagers umfasste 32 Baracken in vier Reihen mit jeweils acht Baracken. Zwischen den Baracken befanden sich sechs Meter breite Straßen.

Jede Baracke mit einer Länge von 53 m und einer Breite von 8 m, war in zwei Stuben unterteilt: „A“ und „B“ hatten zwei kleinere Räumlichkeiten in der Mitte, die gemeinhin als Kabuffe bezeichnet wurden – das eine für den Blockältesten, das zweite für den Blockschreiber. In den Kabuffen waren auch andere Funktionäre untergebracht – die Stubenältesten und manchmal auch die Blockfriseure. Dieser Personenkreis, also der Blockälteste, der Blockschreiber, die zwei Stubenältesten und der Blockfriseur waren die Funktionäre des Blocks.

In der ersten und dritten Reihe zwischen den Baracken wurden in der Anfangszeit, als das Lager noch nicht gänzlich fertig war, Gruben von zwei Metern Tiefe und fünf Metern Länge ausgehoben, die als Latrinen vorgesehen waren – eine für je vier Blöcke – also um die 1.600 Häftlinge. In den zweiten Reihen wurden provisorische Waschräume installiert – vier insgesamt für das gesamte Lager, bei denen wiederum tiefe Gruben ausgehoben wurden, die als Wasserreservoire für das Waschen der Böden und gleichzeitig für das Ertränken von Häftlingen dienten.

Abb. 3:Eine der seltenen alliierten Luftaufnahmen, welche das KL Gusen I nur wenige Tage vor dessen Befreiung noch mit rauchendem Krematorium zeigt (links unten). Gleich außerhalb des KZ-Lagers ist etwa in Richtung der Rauchfahne, nur wenige Meter vom Krematorium entfernt, das bis heute kaum bekannte Bordell der Gusener SS-Gefolgschaft zu sehen. 25. April 1945.

Im Herbst 1940 war der Bau der Waschräume und Toiletten beendet, die quer zu den Wohnbaracken zwischen der ersten und zweiten, sowie der dritten und vierten Reihe standen. Jeder Block hätte seine eigenen Sanitäranlagen erhalten sollen. Dies sollten die Gefangenen aber leider nie erleben. Die einzigen Sanitäranlagen wurden zum Krematorium umgebaut, mit angeschlossener Leichenhalle und Prosektur. Statt der übrigen Sanitäranlagen sollte ein Häftlingsbad für das Lager errichtet werden, das jedoch erst im Frühjahr 1943 vollendet wurde. Bis dahin gab es nur provisorische Duschen mit kaltem Wasser, die jedoch großspurig als „Bad“ bezeichnet wurden. Zu diesen Brausen trieb man das ganze Lager – nach Blöcken geteilt, der Reihe nach – zweimal die Woche, jeweils abends; dort unter dem freien Himmel, egal ob Schnee oder Frost, hielt man die vor Kälte starr gewordenen Häftlinge eine halbe Stunde fest.

Spät im Frühjahr 1941 wurden die Baracken 6, 7 und 8 aufgelöst. An ihrer Stelle hätten zwei gemauerte Gebäude entstehen sollen, in denen Badeanstalt, Wäscherei, Desinfektionsraum und Ähnliches hätten untergebracht werden sollen. Da das nötige Baumaterial fehlte, musste die Lagerleitung den Bau unterbrechen, als die Mauern bis zum ersten Stock standen. In diesem Zustand blieben sie bis Herbst 1943, als beide Gebäude dann rasch fertig gestellt wurden, um für neue Häftlinge Platz zu schaffen, die in Wellen ins Lager kamen. So entstanden erneut die Blöcke 6 und 7, die ausschließlich von in der Rüstungsindustrie Tätigen bewohnt wurden.

In der Zeit, als die gemauerten Blöcke noch nicht fertig gestellt waren, erschoss man hier die zum Tode Verurteilten. Später wurden die Todesurteile direkt beim Krematorium vollzogen und der Ort von allen Seiten abgeschirmt.9

Im rückwärtigen Teil des Lagers befanden sich in den Baracken 25 bis 32 keine Häftlingsunterkünfte. Im Block 25 befanden sich das Bekleidungsmagazin sowie eine Schuster- und Schneiderwerkstatt. Die Baracken 26 bis 32, welche extra mit Stacheldraht umzäunt waren, waren als Lagerspital bestimmt – das sogenannten Revier.

Abb. 4:Die Erschießungsmauer des KL Gusen I, welche nur wenige Meter neben dem Krematorium stand. Sehr gut sind auf dieser Aufnahme die Schäden in der Betonstruktur zu sehen, welche einst durch die Gewehrkugeln entstanden sind. Erschütternd auch der zu sehende mobile Galgen, welcher zum Zeitpunkt dieser Aufnahme bei dieser ehemaligen Hinrichtungsstätte abgestellt war. Im Hintergrund auch eindrucksvoll einer der Wachtürme des KL Gusen I aus massivem Granit, welche in der Nachkriegszeit vollständig abgetragen wurden. 1945.

7 Mauthausen ist keine Stadt, sondern eine Marktgemeinde im oberösterreichischen Mühlviertel.

8 Hierbei handelt es sich um ein Wortspiel im Polnischen zwischen den Worten „plac apelowy“ und „plac apelacyjny“.

9 Dort wurde nur wenige Meter neben den Verbrennungsöfen auch eine eigene Erschießungsmauer errichtet. Sowohl das Krematorium als auch diese Erschießungsmauer waren in Gusen damals nur etwa 200 m Luftlinie von der Gemeindestube der Gemeinde Langenstein entfernt.

Tagesablauf

Der Tag im Lager wurde um 05:00 Uhr früh eingeläutet. Der Ton der Glocke war noch nicht gänzlich verstummt, als es auf den Blöcken schon brodelte. Ein durchdringendes „Raus!“ brachte alle auf die Beine.

Die erste Qual des Tages, stellte das „Betten machen“ dar, was bei der vorliegenden Enge, wie auch der begrenzten Zeit, ein Ding der Unmöglichkeit war. Drei aufeinander gelegte Strohsäcke bildeten die Basis. In den Säcken musste man das Stroh aufschütteln, wobei beim oberen Strohsack darauf zu achten war, dass man dies gleichmäßig machte, um mögliche Unebenheiten zu vermeiden.

Mit einem Stäbchen stopfte man die Kanten der Strohsäcke aus – so entstand ein Prisma, welches anschließend mit Decken bedeckt wurde.

Hier war jedoch an Fantasie und Willkürlichkeit nicht zu denken. Die Prismen – die sogenannten Würfel – waren genormt und mussten somit alle gleich aussehen.

Abb. 5:Die Lagerglocke des ehem. KL Gusen I mit der Aufschrift: „GUSEN – Ob Tag ob Nacht. Stets mit Bedacht der Glock Ruf erklingt – ein Zeichen, Deine Pflicht beginnt!“ in der Sammlung des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. 2000.

Echte dreistöckige Pritschen aus Holz führte man schrittweise erst ab Herbst 1940 ein.

Das Bedecken und Ausgleichen der Betten durfte nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen, denn auf die Häftlinge warteten noch weitere Verpflichtungen. Außerdem war es ungewiss, ob man die Betten nach der Kontrolle nicht ein wiederholtes Mal machen musste.

Viel Zeit nahm auch das Waschen in Anspruch, beziehungsweise der Zugang zum Waschraum. Bei den wenigen Wasserhähnen standen lange Schlangen. Von Zeit zu Zeit teilte sich die wartende Menge durch ein kurz eingeworfenes „Weg!“, wenn ein Deutscher10 kam. Dieser musste viel Platz haben. Die benachbarten Hähne waren unberührt, da niemand den Mut aufbrachte sie zu benutzen. Das Waschen stellte auch aufgrund anderer Gründe eine Qual dar. Das verschüttete Wasser bildete auf dem weichen, lehmigen Boden vor dem Waschraum Pfützen und Tümpel. Die sorgfältig geputzten Schuhe blieben darin stecken und überzogen sich mit einer dicken Schicht Schlamm, was wiederum ein weiterer Grund für Schikanen war, wenn man sich danach beim Block um die Suppe anstellte, wie auch beim morgendlichen Appell am Appellplatz.

Alle genannten Tätigkeiten wurden begleitet von Schreien der Blockältesten, Stubenältesten und Kapos, welche sich beklagten, dass das alles zu langsam ginge. Man trieb uns deswegen mit dem Stock an. Am schnellsten mussten jene fertig sein, welche für die morgendliche Suppe verantwortlich waren – die sogenannten Kostträger. Zum Ausführen dieser Funktion wählte der Blockälteste immer die Stärksten aus, da das Tragen der 20 Kilo schweren Kessel mit dem Inhalt von 50 Litern Suppe nach gesunden Kerlen verlangte.

Nach dem Waschen wurde die Suppe verteilt. Ein halber Liter pro Person. Anfangs kümmerten sich die Blockältesten selbst um die Ausgabe, später überließen sie diese den Stubenältesten.

Abb. 6:Dreistöckige Pritschen in einer Stube des KL Gusen.

Dieses Frühstück wurde, ähnlich dem Mittagessen, draußen verteilt. Manchmal wurde es in der Stube gemacht, je nach Laune des Blockältesten. Wenn es im Block verteilt wurde, musste der Häftling nach Erhalt seiner Portion hinaus auf die Lagerstraße, damit sichergestellt war, dass er sich nicht ein zweites Mal beim Kessel anstellte. Wenn jemand dabei erwischt wurde, sich eine zweite Portion zu holen, wurde er auf eine schreckliche Art und Weise geschlagen – manchmal auch totgeschlagen. Trotz der lebensbedrohenden Strafen, war der Weg zu einer zweiten Portion an der Tagesordnung.

Nach dem Frühstück begann das Aufwischen der Böden. Es war dies die Aufgabe einer kleinen Menge von Leuten (acht bis zehn), welche dazu ausgewählt wurden, den Block in Ordnung zu halten.11

Zu ihren Aufgaben zählte das Fegen und Schrubben der Böden, wie auch das Staubwischen auf Brettern und Balken.

Das Aufwischen der Böden war durch das Fehlen von Wasser mit großen Schwierigkeiten verbunden. Das Wasser musste man vom Appellplatz holen, da die Haupthähne bei den Waschräumen um diese Zeit schon zugedreht waren und sich der einzige Brunnen für das ganze Lager bei der Küche befand. Gedränge, Durchzwängen, das Hintreten auf die Schwächeren, Schreie, Trubel und Prügeleien begleiteten das morgendliche Wasser holen. Der genervte Küchen-Kapo stürmte aus der Küche wie ein wilder Stier und „sorgte für Ordnung“ – mit bekannten Methoden. Zerschlagene Köpfe, gebrochene Hände, ein mit Blutergüssen übersäter Körper – all das waren die Früchte dafür, sich um die Sauberkeit des Blocks bemüht zu haben.

Nicht besser ging es in der Stube zu. Es war gut möglich, dass jene, welche als Stubendienste eingeteilt wurden, zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bürste oder einen Putzlappen in Händen hielten, und so ging ihre Arbeit offensichtlich unbeholfen vonstatten. Den Blockältesten brachte das zur Weißglut. Mit dem Stock, der Bürste oder seiner Faust belehrte er, wie man richtig zu schrubben habe. Dem Erstbesten riss er den Lappen aus der Hand und demonstrierte persönlich, wie man mit ihm umzugehen habe. Der unglückliche „Schüler“ ging aus dieser Lektion mit Beulen und blutigen Ergüssen hinaus.

Die Plage der Bodenreinigung wurde im Lager zu einer tragischen Obsession. Aufgewischt wurde täglich, mitunter auch zweimal am Tag – besonders an regnerischen Tagen, wenn die zu Mittag Heimkehrenden die Stube wieder verschmutzten. Im Herbst und im Winter trocknete der Boden wochenlang nicht – er wurde nur mit jedem Tag dunkler und es bemühte sich niemand mehr, ihn gänzlich sauber aufzuwischen. Er wurde nur mit Wasser begossen und die Stellen, welche am nassesten waren, wurden mit einem Lappen etwas getrocknet. Auf so einen nassen Boden wurden am Abend dann die Strohsäcke ausgebreitet. Nicht immer reichte die Zeit um zu überprüfen, ob die geschaffene Ordnung in der Stube den Anforderungen genügte. Oftmals musste man die Arbeit unfertig zurücklassen und sich zum Appell beeilen.

Einige Minuten vor dem Abmarsch zum Appellplatz (um 06:30 Uhr) ertönte der weit vernehmbare Befehl „Antreten!“ – das Signal zum Antreten. Die Häftlinge jedes Blocks stellten sich in Zehner-Reihen auf und in diesen geordneten Reihen bewegten sie sich Richtung Appellplatz, wo jeder Block an dem für ihn vorgesehenen Platz stehen blieb. Die Vorbereitung zum Appell wurde mit einer Anwesenheitsprüfung durch den Blockältesten und der Herstellung der Ordnung der Reihen beendet.

Der Appell fand nicht immer gleich nach diesen Vorbereitungen statt. Auf das Eintreffen der SS-Männer, welche den Zustand des Lagers überprüften, musste man oft 15 bis 20 Minuten warten. Der Appell wurde durch den Lagerführer abgenommen, dem der Rapportführer (ein älterer SS-Unterführer, der für die Ordnung und den Personenstand im Lager verantwortlich war) die Zahl der Häftlinge beim jeweiligen Appell meldete. Zu dieser Zahl addierte er die Verstorbenen.

Die Kontrolle der einzelnen Blöcke oblag den Blockführern – niedrige Ränge von SS-Unterführern, welche die Rolle von Blockverantwortlichen erfüllten. Sie fand in der Form statt, dass jeder Blockälteste sich an die vorderste Linie seiner Häftlinge hinstellte und folgendes Kommando gab: „Still gestanden! Augen rechts!“. Danach rezitierte er vor dem Blockführer folgende Formel: „Ich melde dem Blockführer gehorsamst Block … zum Morgenappell angetreten. Soll: 400, Revier: 10, Kommandiert: 1, Ist: 389.“

Auf dem Appellplatz mussten sich so viele Häftlinge befinden, wie angegeben waren. Die Überprüfung oblag dem Blockführer. Es musste alles haargenau stimmen. Nach dem Abzählen aller Blöcke gab der Rapportführer eine allgemeine Meldung an den Lagerführer ab. Er gab dabei mit voller Stimme das Kommando: „Häftlinge, Mützen ab!“ und mit energischem Schritt ging er auf den Lagerführer zu und meldete den Stand. Das Kommando „Mützen auf!“ war das Zeichen dafür, dass der Appell beendet war.

Kurz nach diesem Befehl fiel jeden Morgen noch ein anderer: „Arbeitskommando formieren!“ Auf diesen Befehl hin rannten 5.000 Menschen wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen, sich stoßend und gegenseitig umwerfend, in fieberhafter Eile, und in der Hoffnung, für den Tag ein gutes Arbeitskommando zu bekommen, dorthin, wo weniger geschlagen wurde. Anfangs ging nämlich die Arbeitseinteilung noch nicht geordnet vonstatten. Jeder konnte sich das auswählen, was er wollte, mit Ausnahme von vereinzelten Facharbeiter-Kommandos. Alle mussten jedoch arbeiten. Wehe dem, der dabei erwischt wurde, sich ohne Arbeit im Lager herumzutreiben!

Das Einteilen zu den Arbeitsgruppen übernahmen dann die Kapos der einzelnen Kommandos. Sie wählten sich die Leute aus und rissen sie oft aus bereits formierten anderen Kolonnen heraus. Die bereits Dahinvegetierenden lehnten sie ab. Jedoch nahmen sie dann andere Kapos auf, denen es noch an Leuten fehlte. Die Schreie, das Herumgelaufe, die Schläge und die Eile verebbten langsam. Es folgte dann der Abmarsch zur Arbeit.

Abb. 7:Das sog. „Jourhaus“ diente als Torgebäude zum einstigen KL Gusen I. Hier eine Aufnahme aus den ersten Nachkriegsjahren mit einer Gruppe ehemaliger Häftlinge, welche dieses „Jourhaus“ vom ehemaligen Appellplatz aus zeigt. Dieses zentrale Gebäude konnte 2021 durch die Republik Österreich leider noch nicht für eine Integration in ein Gedenkstättenareal zum ehem. KL Gusen I erworben werden.

Beim Lagertor12 standen die SS-Kommandoführer gemeinsam mit anderen SS-Männern, welche die Arbeitskommandos führen und bewachen mussten. Jeder abmarschierenden Gruppe wurde ein SS-Mann als Kommandoführer zugeteilt, sowie eine SS-Eskorte, welche im Verhältnis 1:10 berechnet wurde. Beim Abmarsch waren der Lagerführer und der Rapportführer anwesend.

Die Anzahl der Häftlinge, die das Lager verließen, wurde akkurat in einem eigenen Buch notiert. Dieses wurde vom diensthabenden SS-Unterführer geführt, welcher hinter einem Fenster des Jourhauses saß.

Die Reihenfolge des Abmarsches der einzelnen Gruppen, war genau vorgegeben. Der Kapo jedes Kommandos marschierte an der Spitze und gab das Kommando: „Mützen ab! Im Gleichschritt, Marsch!“ und meldete beim Zugehen auf das Lagertor dem diensthabenden SS-Unterführer den Namen des Kommandos und die Anzahl der Häftlinge. Die in Fünfer-Reihen Durchgehenden wurden im Tor gezählt.

Eine Kolonne nach der anderen schob sich in langen Reihen in Richtung der täglichen, mühsamen Arbeit …

Nach dem Passieren der letzten Fünfer-Reihe wurde das Lagertor geschlossen. Die Arbeit begann.

Um 12:00 Uhr mittags, zum Klang der Lagerglocke, kehrten alle Kolonnen – bis auf einige vereinzelte, die weit weg arbeiteten – ins Lager zurück. Nach dem Passieren des Tores verteilten sich die bisher geordneten Kolonnen nach dem Befehl „Wegtreten!“. Jeder beeilte sich zu dem Platz, wo sein Block sich für den Nachmittags-Appell versammelte. Erst danach konnte man zum Mittagessen abmarschieren.

Das Mittagessen bestand selten aus einem ganzen Liter Suppe, die in der Anfangszeit noch dickflüssig war und mit irgendeiner Art Grieß bestreut war. Mit der Konsumation musste man sich beeilen, denn die eine Stunde „Mittagessen“ umfasste den Appell, das Verteilen und Konsumieren des Essens, das Abwaschen der Schüssel und das erneute Aufstellen zur Arbeit. Von Erholung konnte man nur träumen. Man konnte gerade noch seine Schüssel abwaschen, schon ertönte die Lagerglocke, nach der sich alle Kommandos, wie schon zuvor am Morgen, sofort wieder zur Arbeit aufstellen mussten.

Oftmals, wenn sich der Appell aus irgendeinem Grund verlängerte, hatten die Häftlinge nicht einmal die Möglichkeit, die ganze Portion zu essen. Man musste die nicht aufgegessene Schüssel zurücklassen (was wiederum zu Schikanen wegen Schlamperei führte) und Richtung Appellplatz eilen. Eilen deswegen, weil auf die Zuspätkommenden schon die Blockältesten zwischen den Barracken warteten und diese mit Stöcken antrieben. Die engen Gassen, welche zum Appellplatz führten, konnten solch eine große Zahl an Rennenden nicht aufnehmen. Von hinten angetrieben, rannten die Häftlinge Hals über Kopf und schützten sich so gut sie konnten entweder mit flotten Schritten oder durch das Meiden der besonders „heißen“ Stellen.

„Wollt ihr laufen, ihr faulen Hunde, ihr Drecksäcke!“, ertönte es von allen Seiten. Diese Schreie übertönten sogar das Getrampel der sich in unbequemen Holzschuhen über die Steine Bewegenden. Die durch das hirnlose Herumgetreibe orientierungslosen Menschen wussten nicht was sie tun sollten. Das morgendliche Prozedere wiederholte sich: Laufen, Aufstellen in der Gruppe, Abzählen, Abmarsch.

Am Nachmittag wartete man sehnsüchtig auf das Signal für das Arbeitsende. Das Läuten der Lagerglocke, die zum Appell aufrief, erfüllte die Herzen mit Erleichterung. Das Ende des Arbeitstages!

Wird heute nach dem Appell Ruhe einkehren? Wird jemand beim Appell fehlen? Wird man eine Stunde lang turnen müssen mit „Mützen ab! Mützen auf!“? Fällt ihnen auf dem Block irgendein neuer „Sport“ ein? Wird es unerwartete Strafübungen geben? Welche Schikanen erwarten einen nach der Rückkehr? All das waren die Fragen, die die Freude trübten und verunsicherten.

Der Abend-Appell war abwechslungsreicher als die zwei vorherigen. Er dauerte in der Regel auch länger, da man wartete, bis alle Arbeitskommandos von der Arbeit zurückgekehrt waren. Müde und hungrig schleppten sie sich mit den letzten Kräften dahin, stützten sich auf die stärkeren Kameraden. Am Ende mancher Kommandos trug man die Toten und die bei der Arbeit Ermordeten. Diese legte man vor dem Heimatblock ab – abhängig vom Wetter auch im Schlamm oder in einer Pfütze; oftmals mehrere nebeneinander. Schließlich mussten alle beim Appell „stehen“. Sie wurden noch als Lebendige gezählt.13

Die Herzen erstarrten, wenn es durch die Reihen tönte, dass jemand fehlte. Die Gefahr, die ganze Nacht in der Kälte zu stehen, hatte man direkt vor Augen. Den Fehlenden suchte man so lange, bis man ihn gefunden hatte. In der Zwischenzeit warteten die Häftlinge. Erst nach dem Auffinden des Ausreißers konnte mit dem Appell begonnen werden.

Nach dem Appell gab der Lagerführer noch einige Befehle und stieß Drohungen aus. Keiner durfte den Appellplatz verlassen, bis das für das Ohr angenehmste Kommando fiel: „Blockweise abrücken!“ Erst dann konnten die Häftlinge in gleichmäßigen Reihen, wie bei einer Heeresparade, abmarschieren. Wehe dem, der die Reihen brach! Die wilden Schreie der Blockältesten – wie „Saubande!“ – und Androhungen von Marsch-Übungen14 begleiteten einen bis zur Baracke. Und wenn die Bemerkungen über unregelmäßige Reihen oder ungleichen Schritt von den noch beim Lagertor stehenden SS-Männern fielen, konnte man sich sicher sein, dass einem diese Übungen gewiss waren. Sie fanden meist sonntags statt. Und es fanden sich die belanglosesten Gründe: Schlechter Abmarsch vom Appellplatz, schlecht ausgerichtete Reihen oder das nicht gleichzeitige Herunternehmen der Mützen beim Kommando „Mützen ab!“ reichte schon, dass das ganze Lager stundenlang turnte – oftmals auch den ganzen Sonntagvormittag. Damit die Häftlinge nicht daran dachten, an diesem Tag, welcher in den ersten Jahren arbeitsfrei war15, zu faulenzen, wurde die Atmosphäre für künftige Übungen schon ab Freitag aufgebaut.

Von Freitag bis Sonntag ging alles irgendwie schlechter voran als an den anderen Wochentagen. Nach der Rückkehr vom Appell hielt der Blockälteste vor der Baracke noch eine längere Rede. Er schimpfte und meinte, dass die Betten schlecht gemacht wären, die Schüsseln nicht sorgfältig abgewaschen seien, dass er auf Schritt und Tritt den Bemerkungen seiner Vorgesetzten ausgesetzt sei, dass er die Ordnung nicht einhalten könne, und drohte dabei mit 25 Hieben. Das alles zielte darauf ab, dass seine Leute vor ihm Respekt hatten, weil sie Angst vor ihm hatten und sich bemühten alles so gut wie möglich zu machen. Solche Ansprachen endeten mit einem kurzen „Wegtreten!“.

Ebenfalls Zeit nahm noch das Reinigen der Schuhe vom Schlamm in Anspruch. Endlich konnte man dann in die Baracke eintreten. Am Tisch beim Eingang lag das vorbereitete Brot – auf ihm eine Portion Wurst. Man wartete mit der Verteilung, bis alle sich in der Stube versammelt hatten. Die in Dreier-Gruppen aufgestellten Häftlinge wurden gezählt, um Fehler bei der Verteilung zu vermeiden. Man holte das Brot zu dritt ab. Der erste aus dem Trio holte den 1,5 kg Laib und drei Scheiben Wurst. Die zwei anderen hielten sich dicht an ihm, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren und bei der Verteilung anwesend zu sein. Hierbei unternahmen die Häftlinge besondere Bemühungen, damit die Teile so gleichmäßig wie möglich waren. Zum Brot dazu gab es einen halben Liter Tee aus Kräutern, die wohl nur den Deutschen bekannt waren.

Weil es in der Anfangsphase im Lager weder Tische noch Stühle gab, nahm man sein Abendmahl auf dem Boden zwischen den „Betten“ beziehungsweise auf den „Betten“ ein. Am Abend war eine gewisse Freiheit zulässig. Gleich nach dem Abendessen konnte man die Strohsäcke ausbreiten und sich zum Schlafen vorbereiten. Der Großteil nahm diese Möglichkeit bereitwillig an und ging nach der ganztägigen, harten Arbeit sofort schlafen.

Nicht alle jedoch legten sich gleich nach dem Abendessen hin. Die einen gingen hinaus, um die Kameraden in den anderen Baracken zu besuchen; die anderen, um etwas zum Rauchen zu ergattern; die Übriggebliebenen – und von denen gab es immer mehr – beschäftigten sich mit dem Niederschreiben von Kochrezepten, welche ausführlich während des Tages bei der Arbeit besprochen wurden. „Sie kochten“! Diese Manie, welche ihre psychologische Rechtfertigung hatte, wurde immer stärker, als der Hunger immer mehr spürbar wurde. Auf das wenige Papier, das man meist von Zementsäcken nahm, schrieb man wahnwitzige Poesien der kulinarischen Künste. Man delektierte sich an den Leckerbissen, welche „meine Frau speziell für mich zubereiten muss“. Die Ausgehungerten dachten nur ans Essen.

Die Gespräche und die Lektüre der Kochrezepte wurden durch das erste Läuten unterbrochen, welches alle in die Blöcke zurückberief. Nach diesem Läuten durfte man sich nicht mehr auf den Lagerstraßen zeigen. Eine halbe Stunde später – um 21:00 Uhr – ertönte das zweite Läuten, das Signal, um das Licht auszumachen und absolut ruhig zu sein. Die Lagerglocke weckte und brachte einen ins Bett.

Wenn es doch nur die Gewissheit gäbe, dass die Nacht ruhig verlaufen würde! Gleich nach dem Läuten, als die Lichter erloschen, begannen die Blockältesten, Kapos und ihre Gehilfen mit ihrer nächtlichen Geschäftigkeit. Aus den unterschiedlichsten Gründen zogen sie ihr schon zuvor bestimmtes Opfer heraus, trieben es zu den Waschbecken16 hin und tauchten es dort in eine speziell dafür vorgesehene Grube. Zum Opfer fielen ihnen die unschuldigsten Menschen – wertvolle, junge Leute, voller Lebenskraft. Es reichte schon, wenn dem Herren und Beherrscher – dem Blockältesten – ein Gesicht nicht gefiel. Diese Häftlinge starben an „Herzversagen“, wie ihnen später in der Todesurkunde attestiert wurde.

Mit Entsetzen erfüllten einen ebenso die häufigen nächtlichen Visiten von Lagerführer Chmielewski. Betrunken fiel er mit seiner Gefolgschaft in das Lager ein, um seinen sadistischen Instinkten nachzugehen. Persönlich verteilte er links und rechts Peitschenhiebe, schoss, und seine treue Garde unterstützte ihn nicht nur, sondern versuchte sogar ihn zu übertrumpfen.

10 Gemeint ist hier ein Mithäftling aus dem deutschsprachigen Raum. Diese „Deutschen“ waren im Lager in der Regel gegenüber anderssprachigen Häftlingen privilegiert. In der Regel stellten diese „Deutschen“ im Jahr 1940 nahezu alle Funktionshäftlinge im KL Gusen, wie z.B. Lagerälteste, Blockälteste, Stubenälteste oder Kapos. Zu diesen „Deutschen“ zählten auch Häftlinge, die vor dem sog. Anschluss Österreicher waren.

11 Man bezeichnete diese später dann eher privilegierten Häftlinge als „Stubendienste“.

12 Auch „Jourhaus“ genannt.

13 Besonders in den ersten Jahren wurde die Anzahl der Häftlinge im KL Gusen mehrfach am Tag akribisch durchgezählt, um möglichst rasch zu sehen, ob Häftlinge sich versteckt hatten oder geflüchtet waren. Nach 1943 wurde die Häufigkeit der Appelle deutlich reduziert, da auch der Arbeitseinsatz der Häftlinge in Gusen bereits einen höheren Organisationsgrad erreicht hatte.

14 Hier ist das sog. „Exerzieren“ gemeint, das von Blockältesten in der Freizeit der Häftlinge mitunter stundenlang im Schutzhaftlager praktiziert wurde, um die Häftlinge zu schikanieren oder kollektiv für Fehlleistungen oder Disziplinlosigkeiten anderer Häftlinge im Block zu bestrafen.

15 Nachdem ab 1943 im Bereich des KL Gusen bedeutende Rüstungsbetriebe, wie z.B. jene der Steyr-Daimler-Puch AG oder der Messerschmitt GmbH eingerichtet wurden, mussten in Gusen bis zu 18.500 Häftlinge im Schichtbetrieb rund um die Uhr arbeiten, und es gab dann auch den früher „freien“ Sonntag nicht mehr.

16 Diese befanden sich in den sog. Waschräumen, die sich im ehem. KL Gusen I als eigene bauliche Einrichtung zwischen einzelnen Häftlingsblocks befanden.

Der Bau des Lagers

Die Hauptbeschäftigung der Häftlinge des Lagers Mauthausen, sowie eine Haupteinnahmequelle für hochrangigste SS-Führer in der nationalsozialistischen Hierarchie, die auch Gesellschafter der Firma DESt17 waren, waren die mörderischen Arbeiten in den Steinbrüchen. Um ihre Einkünfte zu maximieren, übernahmen diese SS-Führer eine möglichst große Anzahl von Steinbrüchen, die es in der Gegend von Mauthausen im Überfluss gab. Die Arbeit im Steinbruch Kastenhofen – von Mauthausen fünf bis sechs Kilometer entfernt – zu dem die Häftlinge jeden Tag morgens aufbrachen, um abends wieder oder auch nicht wieder zu kommen, war verbunden mit dem Bau eines neuen Lagers in der Nachbarschaft.18

Die ersten Arbeiten fingen im Jänner 1940 an.19 Aus Mauthausen brachen zwei Arbeitskommandos auf: „Steinbruch Kastenhofen“ und „Barackenbau Gusen“. Der Kapo des Kommandos „Steinbruch Kastenhofen“ war ein gewisser Karl Pastewka, ein Schurke von einem dunklen Stern, von dem noch oftmals die Rede sein wird.20 Der „Barackenbau Gusen“ unterlag einem zweiten, berüchtigten Mörder namens Adam.21

Bis zum Eintreffen des ersten Transports mit 800 Polen aus Buchenwald (8. März 1940) arbeiteten in den oben erwähnten Kommandos nur Deutsche und Österreicher.22 Ein äußerst kleiner Teil waren Tschechen. Die Kommandos wurden mit den frisch eingetroffenen Polen aufgefüllt und von diesem Tag an begann ihre Hölle in Mauthausen-Gusen.23

Täglich um 05:00 Uhr früh – egal ob Regen oder Schnee – marschierte die ausgehungerte, vor Kälte zitternde Freitags-Kolonne unter strenger Eskorte der SS-Männer in nasser Kleidung, die kaum trocken wurde, und in zerrissenen Schuhen, die das eiskalte Wasser aus den Pfützen aufsogen wie ein Schwamm. Angetrieben wurden sie durch die Stöcke der Kapos und ihrer Helfer. Gestoßen und angeschoben wie eine Herde Schafe, gingen die Häftlinge resigniert vor sich hin – konzentriert und ernst, vorbereitet auf alles, was noch kommen mochte.

Der tragischste Moment ihres Marsches erwartete sie auf dem Abschnitt des Weges, wo die Straße steil vom Hügel herabfiel. Zu allem Übel befand sich an dieser Stelle eine enge Kurve. Durch das auch noch Mitte März vorkommende Glatteis, starben dort immer einige Menschen.24 Die durch die Eskorte aufgehetzten Kapos stießen dort die hinteren Fünfer-Reihen, sodass dadurch die Häftlinge auf ihre Vordermänner fielen, und diese, da sie sich in weiterer Folge auf dem glatten Untergrund nicht halten konnten, übereinander fielen und somit den Marsch der ganzen Kolonne stoppten. Das Auseinanderbrechen der Reihen war der Anlass für ein darauffolgendes, unmenschliches Massaker, welches von Schimpfwörtern wie „Saubande!“ und ähnlichen Phrasen begleitet wurde.

Unweit vom Steinbruch Kastenhofen teilte sich die Kolonne in zwei Teile auf. Die 300 Häftlinge aus dem „Barackenbau“ setzten ihren Weg geradeaus fort, die Häftlinge aus dem Kommando „Steinbruch“ hingegen bogen rechts ab. Die Arbeit ging bis 17:00 Uhr, mit einer halben Stunde „Pause“ für das Mittagessen, welches sich aus einer Portion angefrorener Wurst und einem halben, meist kalten, Liter bitteren Tees zusammensetzte. Nach so einem Mittagessen musste man noch vier Stunden weiterarbeiten und einen einstündigen Marsch zurück absolvieren, bevor man sich endlich mit jenem Liter Suppe stärken konnte, welcher normalerweise für das Mittagessen vorgesehen war, jedoch erst nach der Rückkehr nach Mauthausen ausgegeben wurde. Zur Suppe erhielten die Häftlinge dort dann auch eine Portion Brot, welche damals 750 Gramm ausmachte.

Die Rückkehr ins Lager Mauthausen war mit denselben Schikanen verbunden wie der Hinmarsch. Abwechslungsreicher gestaltet wurde sie nur noch von der Kolonne, welche am Ende ging – beziehungsweise, besser gesagt, dem Trauerzug. Die stärkeren Häftlinge trugen dort die bei der Arbeit verstorbenen Kameraden auf ihren Schultern. Täglich acht oder zehn; manchmal auch mehr. Trotz dieser zusätzlichen Belastung mussten sie das allgemeine Tempo des Marsches halten.

Aus der Nähe des Lagers ertönte das altbekannte, lärmende und verhasste „Los, Los!“, welches zu einer Steigerung des Tempos aufrief. Dieses Antreiben begleitete die Rückkehrenden bis zum Appellplatz, auf dem schon die anderen Häftlinge warteten, die ihre Arbeit bereits früher beendet hatten und nun auf ihre verspäteten Kameraden warteten.

Über all dem wachte an der Spitze ein degeneriertes Trio von Folterknechten der SS, welches sich aus Kommandant Franz Ziereis25, Schutzhaftlagerführer Bachmayer26 und Rapportführer Ernstberger27 zusammensetzte, um die Qual für die Häftlinge größtmöglich zu machen. Die Sphäre der „Schoßhündchen“ – der niedrigen SS-Ränge – und die der ausgewählten Kapos wachte darüber, dass die gegebenen Befehle strikt eingehalten wurden. So lässt sich auch erklären, dass manche Kommandos schneller dezimiert wurden – je nachdem, wie eifrig ihr Kommandoführer war. Je mehr ihm an der Erlangung eines höheren Dienstranges lag, desto schneller richtete er die ihm unterstellten Menschen zugrunde.

Die Arbeiten am Bau der Baracken in Gusen gingen schnell voran. Anfang April waren jene fertig, die für die Räumlichkeiten der SS-Männer vorgesehen waren, wie auch zwei (die späteren Blöcke 7 und 8), welche für die Unterbringung der in Gusen arbeitenden Häftlingskommandos vorgesehen waren, welche zuvor zur Arbeit aus Mauthausen nach Gusen kamen.

Die dauerhafte Überstellung in diese neuen Baracken nach Gusen nahmen die Häftlinge mit großer Freude an. Die mörderischen Märsche fielen weg und das Mittagessen wurde zur normalen Mittagszeit ausgegeben. Die Freude hielt jedoch nicht lange an. Die Arbeitszeit im Steinbruch wurde um eine Stunde verlängert – um genau jene Stunde, welche zuvor für die Rückkehr in das Lager Mauthausen benötigt wurde. Außerdem wurden die im Steinbruch arbeitenden Häftlinge zu zusätzlichen Arbeiten beim Bau des Lagers angetrieben. Und was für Arbeiten das waren! Allein für sich wären sie wahrscheinlich nicht so schwer gewesen, wäre da nicht die unmenschliche Behandlung der Häftlinge gewesen. Die SS-Männer, wie auch eine immer größer werdende Zahl der Kapos, dachten sich die unterschiedlichsten Schikanen aus, um die Häftlinge bis aufs Letzte zu quälen. Das Tragen von Zement, Sand, Kies, Brettern und Steinen, sind Arbeiten, welche Arbeiter auf der ganzen Welt ausführen, ohne sich groß darüber zu beklagen. Hier jedoch machte man aus diesen Tätigkeiten eine Quälerei. Die schwachen, erschöpften und von der Arbeit im Steinbruch bereits ausgelaugten Menschen ließ man auf sogenannte Tragen möglichst viel Sand, Kies oder Zement aufladen. Unter dem Gewicht verbog sich ihr Rücken, knackten die Gelenke und es traten die Adern hervor. Das hatte keine Bedeutung. Wichtig war nur das Arbeitstempo. Es ging darum die Menschen fertig zu machen. Man trieb sie mit einem Stock an – öfter noch mit dem Stiel einer Schaufel und prügelte blind auf sie ein, wie es gerade passte: Kopf, Rücken, Hände, Beine. Wenn jemand hinfiel, peinigte man ihn weiter; schlug ihn, trat ihn und trampelte auf ihn ein.

Und so war es überall. Die Kapos trennten sich nicht von ihrem Stock. Man brauchte eine ordentliche Portion Glück, um einen Tag ohne Blessuren zu überstehen. Auf Schritt und Tritt lauerte Gefahr.

Abb. 8:Die Häftlingsküche des KL Gusen I am nördlichen Ende des Appellplatzes.

Danteske Szenen spielten sich bei der Essensausgabe ab – besonders beim Mittagessen. Im Steinbruch, wohin das Essen bislang aus Mauthausen gebracht wurde, herrschte mehr oder weniger Ordnung. Aber im Lager… Die ausgehungerten Menschen, welche sich oft kaum mehr auf den Beinen halten konnten, schoben sich für eine zusätzliche Portion Suppe, von der jedoch immer nur ein paar Portionen übrig blieben, aneinander vorbei. Es halfen keine Schreie, Schläge oder Tritte. Der Hunger betäubte alles und machte unempfindlich gegenüber den Schlägen. Jeder zusätzliche Löffel Suppe erschien einem als Seelenheil.

Die im Laufe des Aprils dahingemordeten Häftlinge des Bau-Kaders wurde mit einem frischen Polentransport aus Mauthausen aufgefüllt. Später wurden von Zeit zu Zeit weitere Häftlinge nachgeschickt, um die durchschnittliche Häftlingszahl bei 600 zu halten. Durch das Eintreffen neuer Arbeitskräfte gingen die Arbeiten zügig voran. Die fertigen Baracken sprossen wie Pilze aus dem Boden. In der letzten Etappe wurde mit dem Bau der Küche begonnen.

Der Lagerführer von Gusen – SS-Obersturmführer Chmielewski – hatte die Angewohnheit, bei den Arbeiten, welche an einem bestimmten Tag am wichtigsten waren, zuzusehen und sie persönlich zu kontrollieren. So widmete er auch der Küche große Aufmerksamkeit, wo in zwei Schichten Tag und Nacht gearbeitet wurde. Er trieb an und ermunterte mit dem Versprechen einer zusätzlichen Portion Essen. Er stand stundenlang bei der im Aufbau befindlichen Küche, sodass keiner der Häftlinge auch nur die Zeit hatte, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

Es näherte sich der Termin, mit dem die erste Etappe des Lagerbaus beendet war. Als alle Baracken, inklusive der Küche standen, war der Hauptteil der Aufgabe erfüllt.

Zwei Tage vor dem Eintreffen eines ersten, schon angekündigten Häftlingstransports aus Dachau, ordnete Chmielewski eine Musterung der bereits in Gusen befindlichen Häftlinge an. Er wählte um die 200 aus, welche den „Kader“ des neuen Lagers Gusen darstellen sollten. Es waren dies größtenteils gut auserwählte Henker, deren Namen sich nicht nur einmal in der Geschichte von Gusen wiederholen werden. Diesen gut 200 Häftlingen teilte Chmielewski die Funktionen von Blockältesten, Stubenältesten, Kapos, Küchenpersonal, usw. zu. Von den Polen behielt er sich nur die „Facharbeiter“, welche schon im Steinbruch, wie auch im Kommando „Ziegelei Lungitz“ beschäftigt waren. Der Rest wurde am nächsten Tag nach Mauthausen zurückgeschickt.

Alles war nun für die Aufnahme der Neuankömmlinge, die „Zugänge“, bereit.

17 Die Abkürzung „DESt“ steht für die „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“, welche durch die SS bereits am 29. April 1938 in Berlin gegründet wurde, um durch den Einsatz von KZ-Häftlingen vor allem bei der Erzeugung von Baustoffen in Steinbrüchen oder Ziegeleien Profit zu erwirtschaften. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass diese neue SS-Firma aus Berlin bereits wenige Wochen später, am 25. Mai 1938, in Gusen erste Grundstücke und Schürfrechte für ihre schon damals geplanten, umfangreichen Aktivitäten in Gusen ankaufte – dies interessanter Weise auch bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem das mit Gusen eng verbundene KL Mauthausen noch nicht einmal gegründet war.

18 Hier ist anzumerken, dass in Gusen nicht nur der Steinbruch „Kastenhofen“, sondern auch der Steinbruch „Gusen“ von Anfang an im Zentrum der Ausbeutung durch die SS mit KZ-Häftlingen stand. Der Häftlingseinsatz begann in diesen beiden Gusener Steinbrüchen bereits im Herbst 1938. Bereits im Februar 1939 sind die ersten beiden Häftlinge im Mauthausener Totenbuch verzeichnet, die angeblich bei Fluchtversuchen in den Steinbrüchen Gusen und Kastenhofen erschossen wurden.

19 Obwohl die DESt Schürfrechte und Grundstücke in Gusen bereits ab 1938 erwarb und auch bereits 1939 gezielt in den großzügigen Ausbau der Infrastruktur für ihr neues Granitwerk in Gusen investierte, kamen die Finanzmittel für den Bau eines eigenen Schutzhaftlagers für die Häftlinge durch das SS-Hauptamt Haushalt und Bauten (HAHuB) erst mit Kriegsbeginn (dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen) nach dem 1. September 1939 in Bewegung. Offiziell wurde „die Verstärkung“ des KL Mauthausen durch eine weiteres KZ-Lager in Gusen durch das HAHuB am 22. Dezember 1939 per Erlass befohlen. Es hieß darin: „Die Eigentümer haben die Parzellen aus Gründen der Staatssicherheit an das Reich abzutreten. Die Baracken sind bereits im Anrollen. Es ist daher größte Eile geboten“. Häftlinge aus dem KL Mauthausen haben dann ab dem 26. Dezember 1939 in Gusen mit ersten Bauarbeiten für das KL Gusen I begonnen.

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