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Haben Sie sich jemals gefragt, welches Geheimnis die buchlesende Frau Ihnen gegenüber in der S-Bahn birgt? Entdecken Sie das Besondere im Alltäglichen. Lassen Sie sich überraschen. Biografische Geschichten von Frauen, die Rennrodlerin waren oder Kunstwissenschaftlerin sind, die in Kasachstan oder in Tilsit geboren wurden, die den Jakobsweg pilgerten oder die halbe Welt bereisten, deren Kindheit der Zweite Weltkrieg oder der DDR-Alltag prägte, die im Herbst 1989 im Riesengebirge wanderten oder sich gerade in China aufhielten. Frauen aus drei Generationen, die miteinander singen und im Leben stehen, in ihrem. Sensible Betrachtungen gelebten Lebens, die nicht verloren gehen, weil jemand fragte, zuhörte, aufschrieb. "Charmant und berührend" Torsten Paape, Liesmich Verlag
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Karin Raphael, geboren 1963 auf Rügen, studierte in der DDR Kultur und in der BRD Sozialpädagogik. Sie wohnt in Berlin. “Guten Abend, du Schöne” ist ihr literarisches Debüt.
Gendern macht alle Geschlechter in der Sprache sichtbar. Es ist ein Schritt auf dem Weg zu einer geschlechtergerechteren Gesellschaft.
Umschlaggestaltung: Hannes Raphael Umschlagmotive: Karin Raphael
Fotonachweis: S. →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, → Karin Raphael, S. → Eckhard Haller, S. → Axel Kempf
"Mit Krähenfüßen
krallen sich die Jahre in den Augenwinkeln fest.
Du kämmst dich im Spiegel der Erinnerung.
Ich höre es knistern in deinem Haar."
aus: "Das Buch Ruth" von Hanns Cibulka
Bärbel
Tatjana
Renate
Beate
Laura
Claudia
Anne
Sabine
Karin K.
Anja
Karla
Ines
Yvonne
Marga
Christa
Karin R.
Alle porträtierten Frauen singen oder sangen im Frauenchor Berlin Mahlsdorf e.V., der im Erscheinungs jahr des Buches sein fünfzigjähriges Jubiläum begeht und ebenso viele Mitglieder hat.
1974 von Marieluise Nellessen gegründet, übernahm die künstlerische Leitung 1991 Johanna Blumenthal.
1994 folgte die Vereinsgründung mit dem Namen Frauenchor Berlin Mahlsdorf e.V..
Das Repertoire erstreckt sich von klassischem Liedgut über geistliche Chormusik zu Volksliedern aus aller Welt.
Es war nicht mein Plan, ein Buch zu schreiben. Aber dann kamen die Geschichten zu mir...
An einem frostklirrenden Abend im Januar vor fast zehn Jahren saß ich im Warmen bei einem Essen mit Frauen. Ich kannte sie noch nicht lange, sang erst ein paar Monate mit ihnen gemeinsam im Chor am östlichen Rand von Berlin. Meine linke Nachbarin erzählte mir die dramatische Geschichte des Kennenlernens ihrer Eltern, die rechte, wie sie als Buchhändlerin an diesem Tag Tassen statt Bücher in Regale stapelte, entgegen der Hoffnungen, die sie einst mit dem Beruf verband...
Mich berührte das Erzählte. Ich wollte mehr erfahren und diese alltäglichen und doch so besonderen Geschichten bewahren. Später folgten Fragebögen und Interviews.
Ich schrieb mit dem herantosenden Meer im Ohr, im Halbschatten unter einem uralten Apfelbaum oder mit Blick auf einen See an völlig verregneten Tagen - und: im Bewusstsein des grenzenlosen Vertrauens derer, die mir ihre Geschichten erzählten.
Entstanden sind Porträts von Frauen, die Rennrodlerin waren oder Kunstwissenschaftlerin sind, die in Kasachstan geboren wurden oder in Tilsit, die den Jakobsweg pilgerten oder die halbe Welt bereisten, die im Herbst 1989 im Riesengebirge wanderten oder sich gerade in China aufhielten, deren Kindheit vom Zweiten Weltkrieg geprägt ist oder vom DDR-Alltag...
Frauen aus drei Generationen, die die Liebe zur Musik eint und denen das kollektive Singen Kraft gibt.
Den sechzehn Porträts sind die jeweiligen Lieblingslieder der Frauen aus dem Chorrepertoire vorangestellt.
Alle Porträtierten verbrachten einen Teil ihres Lebens in der DDR. Ein kleines Glossar zeittypischer und anderweitig interessanter Begriffe ergänzt die Geschichten.
Die Jahreszahl am Ende der Texte gibt das Jahr des Interviews an. Das Leben, auch das des Chores, ging seitdem weiter...
Die Anleihe des Titels und die meisten Geschichten spiegeln ein Selbstbewusstsein, das seine Wurzeln in gelebter Gleichberechtigung in einem Land hat, dessen Grenzen auf keiner Karte mehr zu finden sind.
Karin Raphael im Dezember 2023
Missa A-Dur op. 126 (1881). Kyrie
Josef Rheinberger
Kyrie eleison, eleison,
Kyrie eleison, eleison, eleison, eleison.
Christe eleison, Christe eleison, eleison, eleison,
Christe eleison, eleison.
Kyrie eleison, eleison, Kyrie, Kyrie, Kyrie eleison,
Kyrie eleison, eleison, eleison, Kyrie eleison, eleison,
Kyrie, Kyrie.
Um dreiviertel fünf Uhr morgens klopft ein Mönch mit dem Weckruf „Benedicamus Domino!“ an jede Tür im Franziskanerkloster in Haindorf am Nordrand des Isergebirges. Zur Antwort bekommt er „Deo gratia“ und bald darauf sind alle Brüder in ihrem braunen Habit zum Morgengebet versammelt. Der Tag vergeht mit Gebeten, Arbeiten im Haus und im Klostergarten, mit Musizieren und wissenschaftlichen Studien in der Bibliothek; in der Hauptsache aber mit der seelsorgerischen Betreuung der Pilgernden. Denn direkt neben dem Kloster befindet sich die Kirche Maria Heimsuchung mit ihrer jahrhundertealten Wallfahrtstradition.
Ungefähr siebzig Jahre später, im Sommer 2005, reist der Frauenchor Mahlsdorf ins nunmehr tschechische Hejnice.
Wie die einzelnen Chorfrauen am Morgen geweckt wurden, ist nicht verbürgt.
Mit dabei Tatjana, die seit zwei Jahren im Chor singt und seit drei Jahren in Deutschland lebt.
Sie hat sich sehr auf die Reise ins "Internationale Zentrum der geistlichen Erneuerung", wie das ehemalige Franziskanerkloster inzwischen heißt, gefreut.
Der Bus hält, die Frauen steigen aus und bewundern die zweitürmige barocke Basilika, die sich vor dem blauen Himmel und den bewaldeten Gipfeln erhebt. Hier werden sie ein Konzert geben und die katholische Sonntagsmesse musikalisch mitgestalten.
Der Ursprung der Kirche Maria Heimsuchung im nordböhmischen Hejnice ist mit einer Legende verbunden.
Einst lebte dort ein Siebmacher, dessen Frau und Kind schwer erkrankten. Der traurige und erschöpfte Mann ging zu einem nahegelegenen Hain, wo er sich unter eine Linde legte. Ihm erschien ein Engel, der ihn tröstete und versprach, dass seine Familie wieder gesund würde, wenn er an der Linde das Bildnis der Muttergottes anbrächte. Dieses erwarb er von einem Schnitzer in der nahe gelegenen Stadt Zittau auf dem Markt. Die wundersame Heilung geschah. Und so wurde der Baum und später sein Stumpf mit der Statue der „Mater formosa“, der anmutigen Mutter mit einem besonderen Lächeln, schnell zur Pilgerstätte. Von 1211 an überbaute man die Marienfigur mit immer größeren Kapellen und Kirchen, weil die Zahl der Pilger_innen ständig stieg. Vier Jahrhunderte später wurden die Franziskaner an diesen Ort berufen.
Tatjana läuft andächtig über den roten Teppich, der zum Hauptaltar führt, über dem das Gnadenbild zu sehen ist. Die freundliche, bescheidene, junge Frau, die stets für alle ein Lächeln hat, legt den Kopf mit der brünetten Kurzhaarfrisur in den Nacken und bestaunt die in Pastellfarben ausgemalte große Kuppel. Ausgeführt in Seccomalerei, wie sie später während einer Führung erfährt. Die Farben werden im Gegensatz zum Fresko nicht auf feuchten, sondern trockenen Putz aufgetragen. Fünfzehn Meter breit und fünfunddreißig Meter hoch ist die Halbkugel. Darunter kommt sich jede_r winzig vor, nicht nur Tatjana mit ihrer Körpergröße von eineinhalb Metern.
In ihrem Geburtsort Nikolski in Zentralkasachstan, gab es keine Kirchen. Diese kleine Stadt wurde 1954 zu Zeiten der Sowjetunion als Siedlung für die im Erzbergbau Tätigen gebaut. Fünfstöckige graue Plattenbauten aus Beton mit bis zu acht Eingängen nebeneinander. Ihre Eltern lernten sich hier kennen und lieben. Die Mutter Schneiderin, der Vater Bergbauingenieur. Die Vorfahren mütterlicherseits stammen aus der Ukraine. Sie zogen 1910 mit anderen Familien in den Norden Kasachstans, um dort ein Stück Land zu bearbeiten. Tatjanas Vater ist Russlanddeutscher. Seine Urururgroßeltern kamen im achtzehnten Jahrhundert ins Land, als die in Deutschland geborene Katharina II. mit einem Einladungsmanifest um Siedler warb. Sie stellte ihnen eine Reihe von Privilegien in Aussicht: Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, finanzielle Starthilfe, Selbstverwaltung, dreißig Jahre Steuerfreiheit... Dreißigtausend Menschen kamen. Die Realität sah anders aus. Viele starben bereits bei der strapaziösen Übersiedlung, andere im ersten Winter. Sie konnten sich ihren Wohnort nicht aussuchen, sondern bekamen eine karge, gefährliche Region im Wolgagebiet zugewiesen. Auch ihren eigentlichen Berufen durften sie nicht nachgehen, nur ausschließlich landwirtschaftlicher Tätigkeit. Im Laufe der Geschichte waren sie zahlreichen Repressalien ausgesetzt.
