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Erinnerungen und Geschichten über den Flüchtlingsansturm 2015, Wirkungen und Auswirkungen: Verhältnisse und Zustände in Notunterkünften, Willkommenskultur und Widerstände, Zuständigkeitschaos und Behördendschungel, Bleibeperspektive und Bearbeitungsdauer, Verteilung auf Kommunen, psychische Probleme, Lagerkoller, kriminelle Energie und Randale, Drohung mit Suizid als Erpressungspotenzial, Vorteilsnahme durch Lügen, Falschangaben und gefälschte Pässe, Einreise getarnter IS-Kämpfer, Eigenmächtigkeit und "Interpretation" der Dolmetscher, politische Ohnmacht, Lichtblicke, positive Ansätze, Kooperation und Engagement, Hilfsbereitschaft, beglückende Erlebnisse, Förderung freiwilliger Rückkehr, gescheiterte Modellversuche, verpasste Chancen, Resignation
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2018
Sie erlebten den ersten großen Ansturm von Flüchtlingen in der Notunterkunft Sarstedt bei Hildesheim. Als Ehrenamtliche bildeten sie das „KIT“ – Kriseninterventionsteam. Annegret Schirmer, pensionierte Realschullehrerin, geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie und ausgebildete Supervisorin, kümmerte sich vor allem in Einzelgesprächen um Probleme der Flüchtlinge. Dr. Kurt-Peter Schirmer, Diplom-Volkswirt und ehemaliger selbständiger Unternehmer, spezialisierte sich auf die freiwillige Rückkehr von Flüchtlingen in ihr Heimatland. Er schrieb alles auf und aus diesem „Tagebuch“ können sie viele Geschichten erzählen …
Titelbild:
„Die rote Mappe“
Kurt-Peter und Schirmer Annegret
Habibi Flüchtlinge
© 2018 Kurt-Peter und Annegret Schirmer
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7469-8737-8
Hardcover
978-3-7469-8738-5
e-Book
978-3-7469-8739-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
„Habibi“
Auf dem Postweg verloren
Flucht aus Liebe
Kampf um das Bleiberecht
Jeden Tag ein bisschen mehr
„Ich brauche WLAN“
Kriminelle Energie
„Wirtschaftsflüchtlinge“
Gut gelaufen
Paranoide / hebephrene Schizophrenie
Die schlauen Brüder
Der verlorene Sohn
Dumm gelaufen
Familienzusammenführung
Epilog
„Habibi“
… ist ein Zauberwort, das uns ständig begleitet hat.
„Habibi“
ist ein arabischer Name,
heißt wörtlich übersetzt „mein Geliebter“,
wird auch als Synonym für „Liebling“ oder „Freund“ gebraucht,
ist eine liebevolle Begrüßungs- und Abschiedsformel,
wird oft mit einer herzlichen Umarmung verbunden.
„Habibi“
bedeutet im persönlichen Umgang viel mehr:
„Habibi“
löst die Spannung,
öffnet die Herzen,
bewirkt ein Lächeln auf der Gegenseite, schafft Vertrauen,
ist Ausdruck und Auslöser beiderseitiger Wertschätzung.
Auf dem Postweg verloren
Wie wird aus einem Sterbebegleiter ein Flüchtlingshelfer?
Am Freitag, dem 2. Oktober 2015 gegen 10:00 Uhr werden wir von unserem Hospizverein angerufen. Wir haben im Juni eine Ausbildung zur Sterbebegleitung abgeschlossen und seitdem bereits einige Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleitet. Unser Koordinator berichtet von einem dringenden Hilferuf aus Sarstedt. Er habe schon neun Ehrenamtliche in Sarstedt angerufen, keiner sei zu erreichen. Wir erklären uns bereit und er wird konkret:
Der Einsatzleiter der neuen Flüchtlings-Notunterkunft habe angerufen: Ein 17jähriger Afghane sei total aufgelöst, weil seine Mutter im Sterben liege. Deshalb werde dringend hospizlicher Beistand angefordert. Die Flüchtlingsunterkunft liege in der Helperder Straße 1 – im Industriegebiet von Sarstedt. Der Pförtner wisse Bescheid.“
Wir überlegen kurz. Wenn die Mutter eine afghanische Frau ist, dann wird sie vielleicht keinen „fremden“ Mann bei sich dulden. Deshalb wird es besser sein, wenn wir beide – Mann und Frau – gleich zusammen fahren. Eine Viertelstunde später sind wir unterwegs.
Wir werden schon erwartet und sofort eingelassen. Der erste Eindruck von der „Notunterkunft“: Es ist eine riesengroße Lagerhalle, auf der rechten Seite werden Holzgestelle und -regale ausgeräumt und aufgetürmt. Auf dem Freigelände sehen wir viele Flüchtlinge, einzeln und in Gruppen. Kleine Kinder fahren auf Scootern, größere spielen Fußball. Auf einer langen Bank sitzen viele Männer nebeneinander – alle mit Handy in der Hand. Auf der rechten Seite stehen zwei große Busse – leer. Zwischen den Flüchtlingen agieren sehr geschäftig Männer in neongelben Westen – Security-Mitarbeiter – und in neonorangenen Westen – offenbar Dolmetscher, unter ihnen auch einige Frauen. Wir fragen uns zum Einsatzleiter durch. Jeder im Lager scheint den Fall zu kennen und uns zu erwarten. Der Einsatzleiter ist ein junger Mann. Er wirkt sehr souverän, dabei ruhig, gelassen und vermittelt den Eindruck, als habe er alles im Griff. Sein Namensschild weist ihn als Johanniter „Rettungsassistent“ aus. Er bestätigt, dass er beim Hospizverein angerufen und um Hilfe gebeten habe. Er ruft einen Helfer, der uns führen soll. Wir folgen ihm an den Bussen vorbei zum linken Teil der großen Halle, mehrere Stufen hinauf zum Vorraum der Sanitätsstation. Dort wartet der Junge: Etwas dunkelhäutig, braune Augen mit buschigen Augenbrauen, krauses schwarzes Haar und Drei-Tage-Bart, weißes kurzärmeliges T-Shirt, kurze Hosen, barfuß und mit Flip Flops wie fast alle Flüchtlinge hier. Bei ihm ist ein junger Dolmetscher, ohne orangene Weste. Er dolmetscht Englisch: Arabisch. Aber seine „Übersetzungen“ sind wesentlich länger als die tatsächlichen Fragen und Antworten. Wir haben das Gefühl, er interpretiert und gestaltet die gesprochenen Worte auf seine eigene Weise, für beide Seiten. Unterdessen kommen immer mehr neue Flüchtlinge, die im Vorraum auf ihre Erstaufnahme warten. Wir werden hinaus gebeten und setzen auf dem Flur unser „Gespräch“ fort.
Es ergibt sich allmählich folgendes Bild: Er ist kein 17jähriger Afghane, sondern ein 21jähriger Iraker. Seine Mutter ist nicht hier, sondern im Irak. Sie ist schwer krank und liegt angeblich im Sterben. Deshalb will er zurück nach Hause. Er war 23 Tage auf der Flucht, im Boot, mit einem Freund zusammen, der unterwegs ums Leben gekommen ist. Zu Hause ist noch ein alter Vater, der ihn jetzt zurückbeordert. – Vaters Wille ist für die Kinder offenbar „Gesetz“. – Eine ältere Schwester und ein jüngerer Bruder sind ebenfalls im Irak geblieben. Er ist also ganz allein geflohen. Er besitzt noch seinen irakischen „Personalausweis“ und zeigt ihn. Sein Pass? In der Türkei … Er hält ständig Kontakt mit seiner Familie im Irak. Er zieht sein Handy aus der Hosentasche und stellt die Verbindung her. Es meldet sich seine „todkranke“ Mutter, die aber, soweit wir das mitbekommen, noch einen ganz munteren Eindruck macht. Am Ende hören wir „Habibi“…
Während des ganzen Gesprächs zittert er und ist in Tränen aufgelöst. Wenn er nicht zurück könne, wolle er sich umbringen – so sagt er. Ist das nun eine echte Drohung oder Erpressungspotenzial, um schneller sein Ziel zu erreichen? Anne versucht ihn aufzurichten. Das gelingt ihr auch halbwegs, zumindest beruhigt er sich allmählich. Wir äußern vorsichtig unser Unverständnis: Die ganzen Strapazen der Flucht … der Verlust seines Freundes … endlich in Deutschland angekommen … und nun soll das alles nichts mehr gelten … will er wirklich zurück in sein Heimatland? Jetzt übersetzt der Dolmetscher knapper, anscheinend direkter, ohne seine eigenen Gedanken. Die endgültige Antwort kommt bestimmt und ohne Zögern:
„Ja, ich will zurück!“
Wir gehen zum Einsatzleiter und erkundigen uns. Ja, grundsätzlich wäre das möglich, er bekäme ein Ticket für den Rückflug, das wisse er von Rosdorf, einer anderen Flüchtlingsunterkunft der Johanniter, dort wäre das schon praktiziert worden. Wir überlegen gemeinsam unsere weitere Vorgehensweise. Anne ist überzeugt, ihn treibe vor allem Heimweh, die sterbende Mutter sei nur vorgeschoben. Wir einigen uns auf den Vorschlag, ihm zwei Tage Bedenkzeit zu geben – als Bedingung und letzten Versuch. Wenn er dann immer noch zurück will, dann wird der Rückflug in die Wege geleitet, aber auch dafür benötigen wir einige Tage Zeit.
Wir gehen zurück und nehmen jetzt eine Dolmetscherin in orangener Helferweste mit, die sich anbietet, Deutsch und Arabisch spricht und einen sehr „patenten“ Eindruck macht. Wir werden schon erwartet. Der Zimmernachbar ist nun auch dabei. Er will ebenfalls zurück in den Irak. Vielleicht können die beiden sich gegenseitig helfen, wieder aufbauen oder zusammen fliegen. Mit Hilfe der „neuen“ Dolmetscherin erklären wir noch einmal genau, worum es geht. Vor allem machen wir ihnen klar, dass sie – erst einmal zurück im Irak – nicht einfach wieder nach Deutschland einreisen könnten. Er hatte im ersten Gespräch erwähnt, dass sein Vater bereit wäre, ihm die Flucht zum zweiten Mal zu finanzieren. Wir bitten sie, sich alles reiflich zu überlegen und geben dafür Bedenkzeit bis Sonntagmittag 12:00 Uhr.
Wir berichten der Einsatzleitung und bieten weiterhin unsere Dienste an. Wir weisen auch auf unsere Teilnahme an einer Fachtagung kommenden Montag hin: „Findet die Psychiatrie den richtigen Weg“ mit einem speziellen Arbeitskreis: „An den Grenzen der Verständigungsmöglichkeit: Traumatisierte Flüchtlinge ohne deutsche Sprachkenntnisse“. Dann rufen wir beim Hospizverein an und erklären das Missverständnis. Aus ehrenamtlicher Sterbebegleitung ist nun ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit geworden.
Am Sonntag kurz vor 12:00 Uhr sind wir im Camp. Eine Gruppe junger Männer wartet schon. Sie wirken entschlossen. Die Bedenkzeit war wohl überflüssig. Sie hat nicht zu einem Sinneswandel geführt. Ganz im Gegenteil: Die mögliche Rückkehr scheint ansteckend zu wirken. Nun sind es schon Drei, die fest dazu entschlossen sind. Heute ist wieder der Dolmetscher vom ersten Tag dabei. Er ist Syrer, ein Journalist, wie er uns erzählt. Er selbst denkt nicht an eine Rückkehr und will ein Buch über seine Flucht schreiben. Den drei Irakern sagen wir zu, dass wir uns nunmehr intensiv um ihre Rückkehr kümmern werden.
Wieder zu Hause versuche ich telefonisch eine zuständige Behörde ausfindig zu machen. Aber heute ist Sonntag. Immerhin bringe ich nach mehreren Kontakten mit Wach- und Bereitschaftsdiensten in Erfahrung, dass die Landesaufnahmebehörde Braunschweig in diesem Fall am ehesten weiterhelfen könnte.
Montagmorgen, noch vor Beginn der Fachtagung, erreiche ich in Braunschweig einen Sachbearbeiter, der sich sehr kooperativ zeigt. Seine erste Frage: „Sind das Kurden aus dem Nordirak? Das geht gar nicht!“ Ansonsten müsste von der Einsatzleitung in Sarstedt ein schriftlicher Antrag mit eventuell vorhandenen Personal-Dokumenten gestellt werden. Dann würden sie sich von Braunschweig aus um alles Weitere kümmern.
Auf der Fachtagung erfahren wir von Experten, dass derzeit Dauer und Perspektivlosigkeit des Asylverfahrens gravierender sind als Posttraumatische Belastungsstörungen durch Krieg oder Flucht, dass riesengroße Erwartungen auf eine ernüchternde Realität treffen und Schock auslösen, dass über diese Enttäuschungen oft gar nicht in die Heimat berichtet wird, dass in manchen Kulturkreisen über familieninterne Probleme grundsätzlich nicht gesprochen wird, dass alle möglichen Krankheiten einschließlich psychischer Erkrankungen vorgeschoben werden, um eine drohende Abschiebung zu verhindern und dass eine psychische Behandlung unsinnig ist, solange der Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist.
Am nächsten Tag fahren wir wieder nach Sarstedt. Wir müssen die Ausweise kopieren und mit dem Antrag zusammen nach Braunschweig schicken. Doch unsere Hauptperson ist heute gar nicht da, er ist nach Hannover gefahren. Wir sagen den beiden anderen, dass er morgen unbedingt mit seinem Ausweis zur Verfügung stehen müsse. Heute lernen wir einen neuen Dolmetscher aus Syrien kennen. Er zeigt uns auf seinem Handy drei IS-Kämpfer in militärisch martialischer Positur. Einer hält in seiner rechten Hand an langen schwarzen Haaren den enthaupteten Kopf einer Frau, ein anderer trägt den typischen langen Salafisten-Bart. Daneben sind in direkter Gegenüberstellung die gleichen Männer abgebildet, diesmal in Zivil in Deutschland. Er erklärt, dass diese Männer der Polizei bekannt seien, aber keiner kümmere sich darum.
Die Landesaufnahmebehörde Braunschweig benennt einen neuen Kollegen, der sich speziell mit Rückkehrern in den Irak befasst und nun unsere Fälle bearbeiten soll. Ich rufe ihn an. Er ist sehr freundlich am Telefon und erklärt, dass er zunächst die Unterlagen von der Einsatzleitung per E-Mail übermittelt haben möchte. Dann will er am Donnerstag, dem 15. Oktober mit unseren drei Irakern zur Botschaft nach Berlin fahren, um ihre Rückreise zu regeln. Dazu müssten sie sich morgens pünktlich um 6:00 Uhr „an der grünen Bushaltestelle“ in der Landesaufnahmebehörde Braunschweig zur Abfahrt einfinden oder zur Sicherheit am Nachmittag vorher anreisen und dort im Camp übernachten. Anschließend müssten sie noch einige Tage in Sarstedt auf ihren Rückflug nach Bagdad warten.
Am Nachmittag werden wir im Camp schon wieder sehnsüchtig erwartet. Wir brauchen nur auf das Gelände zu kommen, dann werden wir umringt und sehen in erwartungsvolle und fragende Gesichter. Meist steht ein Dolmetscher schon bereit. Diesmal ist ein alter Mann dabei, gut gekleidet, mit blitzblanken schwarzen Halbschuhen, eine Ausnahme bei den überwiegend Barfüßigen mit Flip Flops. Er erklärt, dass er Syrer sei und zurück nach Beirut in das Nachbarland Libanon möchte, wo seine Familie lebe. Sein Gesichtsausdruck wirkt sehr gequält. Die anderen meinen, er sei sehr krank und müsse ganz schnell zurück zu seiner Familie. Ist das nun echt und wahr oder wieder nur Erpressungspotenzial? Wir können es noch nicht richtig einschätzen.
Als ich bei nächster Gelegenheit unseren Irak-Spezialisten in Braunschweig frage, meint er, für die Syrer sei er nicht zuständig, würde sich aber darum kümmern.
Die Einsatzleitung versichert, dass die Unterlagen – den Pass des Syrers haben wir gleich hinzugefügt – mit „etwas Verzögerung wegen Arbeitsüberlastung“ inzwischen per Mail an Braunschweig gesandt wurden.
Am nächsten Morgen haben wir für alle einen Merkzettel mit genauen Anweisungen für die Fahrt nach Braunschweig und zur Botschaft nach Berlin vorbereitet. Heute übersetzt und erklärt der „Chef-Dolmetscher“ persönlich. Der kranke Syrer mit dem gequälten Ausdruck ist jetzt immer dabei und lauert auf Informationen. Wir erklären ihm, dass wir noch nichts Konkretes sagen können.
Drei Tage vor dem Abfahrttermin erhalte ich von unserem Partner in Braunschweig die Nachricht, dass die drei Iraker nicht zur Landesaufnahmebehörde (LAB) nach Braunschweig müssten, sondern von einem Kollegen aus Langenhagen direkt in Sarstedt abgeholt würden. Dieser führe ohnehin mit zwei Irakern aus Langenhagen nach Berlin und würde unsere drei mitnehmen. Sie sollten sich Mittwoch, also schon übermorgen um 6:00 Uhr bereithalten. Zu dem Syrer nach Beirut sei noch nichts Abschließendes zu sagen, das dauere noch, man würde sich aber darum kümmern. Wir sind begeistert von unserem Kooperationspartner in Braunschweig und sagen ihm das auch ganz offen. Zugleich äußern wir unsere Besorgnis, dass wir demnächst Friedland zugeordnet werden sollen. Von einer neuen Zuständigkeit der Landesaufnahmebehörde Friedland für die Notunterkunft Sarstedt habe er noch nichts gehört.
„Was auf uns zukommt, das bearbeiten wir. Das darf doch nicht an Zuständigkeiten scheitern.“
Als wir drei Stunden später im Camp sind und bei der Einsatzleitung vorsprechen, erfahren wir, dass – nach Information aus Braunschweig – die Rückkehr des Syrers zurzeit nicht möglich wäre, aus „politischen und technischen Gründen.“ Eventuell würde sich das in zwei bis drei Monaten ändern.
Wiederum zwei Stunden später ist es nach einigem Hin und Her sicher: Die Zuständigkeit für die Notunterkunft Sarstedt ist von Braunschweig auf Friedland übergegangen. Nach Rücksprache mit Braunschweig erhalte ich die Bestätigung. Doch für die drei Iraker ändere sich dadurch nichts.
Mittwochmorgen rufe ich etwas besorgt in Braunschweig an und erkundige mich nach unseren Irakern. Sie müssten unterwegs nach Berlin sein. Er habe nichts Gegenteiliges gehört. Also müssten heute in der Irakischen Botschaft ihre Pass-Ersatzpapiere ausgestellt werden. Die würden dann nach Braunschweig geschickt und von dort weitergeleitet nach Friedland. Heute gegen Abend müssten die Iraker zurück in Sarstedt sein und hier bis zu ihrem Rückflug bleiben, im Camp Braunschweig sei kein Platz mehr. Morgen solle ich sie über die Einsatzleitung befragen, wohin sie fliegen möchten: nach Bagdad, Arbil oder Sulaimaniyya und ob sie ihren Rückflug selbst bezahlen könnten. Es würde etwa 200 bis 300 Euro kosten und dann relativ schnell gehen. Eventuell könnten sie kommenden Montag, über Vermittlung durch die „Flüchtlingshilfe“ schon ihre Tickets bekommen. Andernfalls müsse ein Antrag zur Finanzierung bei der „Internationalen Organisation für Migration (IOM)“ gestellt werden. Das würde zwei bis drei Wochen dauern. Auch in diesem Fall müssten sie so lange in Sarstedt bleiben, eventuell könnten sie auch nach Braunschweig kommen, das müsste dann geprüft werden.
Er erzählt von seinen persönlichen Erfahrungen mit Irakern, die zurück wollen:
„Viele junge Männer sind allein hierhergekommen. Ihre Familien sind noch im Irak. Hier ist dann die Enttäuschung riesengroß und sie haben Heimweh. Daraus entsteht der dringende Wunsch: Zurück nach Hause! Ich habe schon viele Freudentränen erlebt, wenn es klappt.“
Zu dem kranken Syrer sagt er, eine Rückreise in den Libanon würde möglich sein, wenn er ein Visum hätte. Dazu müsste er aber erst registriert werden und dafür wäre jetzt Friedland zuständig. Er behalte diesen Fall aber im Auge. Zurzeit „sammle“ er Syrer, die zurückwollten. Vielleicht ergebe sich bald eine Möglichkeit. Im Augenblick sei es nicht zu verantworten, sie in den Libanon zurückzuschicken.
Auf meine Frage nach der Registrierung meint er, das würde wohl jetzt von Friedland ausgehen. Aber es ändere sich „von Minute zu Minute“.
„Was gerade läuft und sich einspielt, wird im nächsten Augenblick von der Politik wieder umgestoßen.“
Eine Stunde später sind wir in der Notunterkunft Sarstedt. Wir erfahren, dass die Einsatzleitung gewechselt hat. Die alte Johanniter-Mannschaft rückt ab, eine neue kommt. Auch zwei neue Stabsassistenten, ein ganz junger und ein etwas älterer, stellen sich vor. Wir informieren sie über unsere laufenden Fälle. Auf unsere Frage, wie es jetzt mit der Registrierung weitergehe, sagen sie, es gebe Bestrebungen, dass von Friedland eine Außenstelle hier im Camp eingerichtet würde.
Wir treffen unseren „Dolmetscher der ersten Stunde“. Er verabschiedet sich. Er will nach Schweden. Hier in Deutschland sei alles zu mühsam, er hielte das nicht mehr länger aus. Er hätte ja Annes Visitenkarte und würde sich bei Gelegenheit melden.
Der Syrer kommt auf uns zu. Er wirkt heute – ohne die Iraker – besonders zerknirscht und verzweifelt. Wir vertrösten ihn. Wir bemühten uns nach wie vor um seine Rückreise. Es sei zurzeit nicht möglich, aber auch nicht hoffnungslos. Eventuell gebe es eine Möglichkeit, über Umwege in den Libanon zu kommen.
Beim Mittagessen – belegte Brötchen von einem Catering-Unternehmen und starker Kaffee für alle Helfer – sitzt die Dolmetscherin bei uns, die uns am ersten Tag geholfen hat. Sie erzählt, dass sie Flüchtlingsfrauen zur Untersuchung beim Arzt begleitet und beim Entkleiden schreckliche Vergewaltigungsspuren bei ihnen gesehen hätte: Große vernarbte Wunden, Brandnarben, abgerissene Fuß- und Fingernägel …
Eine Journalistin stellt sich vor – mit dem Aufdruck „Medienservice“ auf dem Rücken ihrer Johanniter-Jacke. Sie soll über die Flüchtlinge und das Leben im Camp berichten.
Am nächsten Tag, wir sind heute nicht vor Ort erkundige ich mich am Nachmittag bei der Einsatzleitung, ob die drei Iraker wieder im Camp wären. Bis gestern Abend 20:00 Uhr wäre keiner aus Berlin zurückgekommen!
Wieder einen Tag später meldet sich unser freundlicher und hilfsbereiter Kooperationspartner aus Braunschweig.
„Ich habe einen auf den Deckel bekommen. Ich darf mich nicht mehr um die Iraker kümmern.“
Er nennt mir Namen und Telefonnummer des Ansprechpartners in Friedland. Ich möchte gern wissen, was das für Konsequenzen hat.
„Friedland wird wahrscheinlich nur die Grenzübertrittsbescheinigung ausstellen, dann werden die Flüchtlinge sich selbst überlassen. Schade, ich habe schon so viel Logistik ´reingesteckt.“
Mich interessiert, ob Braunschweig später eventuell wieder zuständig wird.
„Unmöglich ist gar nichts. Zurzeit herrscht totales Chaos.“
Ich erkundige mich noch einmal, ob die Iraker zurück sind. Die Einsatzleitung kann dazu nichts sagen. Zwei Stunden später meldet sich die Leiterin der Kleiderkammer. Ein Iraker stehe bei ihr. Sie könne kein Arabisch, aber sie habe so viel verstanden, dass er nach Hause wolle und wie es nun weitergehe. Ich erkläre ihr meinen letzten Informationsstand und bitte sie, ihm das durch unsere freundliche Dolmetscherin erklären zu lassen.
Ich rufe jetzt zum ersten Mal in Friedland an und erkläre den Sachverhalt. Braunschweig hätte die Ausweispapiere nach Friedland geschickt. Wie es nun weitergehe? Der neue Sachbearbeiter fragt ebenfalls, ob die Iraker ihre Flugtickets selbst bezahlen könnten. Bei ihm kosten sie 400 bis 500 Euro. Dann ginge es schnell. Sonst müsse ein IOM-Antrag gestellt werden. Das dauere mindestens 4 Wochen. Ich solle das morgen klären. Er habe jetzt auch keine Zeit. Sein Auto sei zur Reparatur in der Werkstatt und eine Kollegin warte schon, um ihn dorthin zu fahren. Ab Montag und die darauf folgende Woche habe er Urlaub. Er nennt mir seinen Vertreter. Ich könne mich dann an ihn wenden.
Die drei Iraker warten bereits auf uns. Der „Dolmetscher der ersten Stunde“ ist auch dabei. Er ist also noch nicht nach Schweden aufgebrochen. Wir befragen sie. Alle drei wollen nach Bagdad und ihre Tickets selbst bezahlen. Ich sage ihnen, dass dann die Papiere und Tickets in zwei bis drei Tagen aus Friedland kommen müssten.
Der kranke Syrer mit seinem fragenden und gequälten Gesichtsausdruck steht wieder dabei. Er tut uns wirklich leid, aber ihm können wir zurzeit nicht helfen.
Heute lernen wir den neuen Einsatzleiter kennen. Er ist ein privater Unternehmer aus dem PR-Bereich, den die Johanniter extra für diese Aufgabe engagiert haben. Auf seine Veranlassung erhalten wir jetzt die orangenen Helfer-Westen für Ehrenamtliche und Umhänge-Schilder, die uns als Kriseninterventions-Team – „KIT-Team“ – ausweisen.
Wir verlassen das Camp und sind schon an der Hauptwache vorbei auf dem Parkplatz, als der Dolmetscher, der uns die IS-Kämpfer „vorher und nachher“ auf seinem Handy gezeigt hatte, auf uns zukommt. Er gibt sich wissend und vertraulich.
„Ich habe die ganze Nacht mit dem kranken Syrer gesprochen. Er will nicht mehr zurück.“
Wir sind überrascht. Was können und sollen wir glauben?
Gleich am Montagmorgen will ich mich in Braunschweig nur vergewissern, dass die Papiere wirklich nach Friedland weitergeleitet wurden. Aber unser Irak-Experte ist ebenfalls im Urlaub und seine Vertreterin weiß nichts davon. Anschließend versuche ich, den Urlaubsvertreter in Friedland zu erreichen. Er meldet sich auch. Ich trage mein Anliegen vor. Er wehrt gleich ab, er müsse sich erst noch einarbeiten. Ich frage nur, ob die Papiere der drei Iraker bei seinem Kollegen auf dem Tisch lägen.
„Nein.“
Auf meinen Hinweis, dass alle drei Iraker nach Bagdad wollen und ihre Tickets selbst bezahlen können, meint er:
„Dann sollen sie sich ihre Tickets für den Rückflug selbst besorgen.“
Ich schlage vor, dass er die Ausreise-Papiere persönlich dem mobilen Registrierungsteam mitgeben solle, das ohnehin morgen in Sarstedt die Arbeit aufnehmen wolle. Er würde es versuchen, müsse aber jetzt erst einmal in eine Besprechung.
Ich informiere mich im Internet über Ticketpreise. Sie kosten nach Bagdad, je nach Abflughafen in Deutschland, 180 bis 200 Euro, „Last Minute“ ist es noch preiswerter.
Von „Asyl e.V.“ erfahre ich, dass es durchaus üblich ist, dass die Flüchtlinge bei freiwilliger Rückkehr sich ihre Flugtickets selbst besorgen, wenn sie genügend Geld dafür haben.
Wir fahren nach Sarstedt. Die drei Iraker warten wie üblich schon auf uns. Das Erste, was sie uns mitteilen:
„Der kranke Syrer fliegt morgen!“
Wir sind vollkommen erstaunt und überrascht. Das klingt vorwurfs- und zugleich erwartungsvoll. Wir berichten erst einmal über unsere neuesten Informationen aus Friedland. Dann suchen wir den Syrer. Wir finden ihn auf der Bank vor dem Eingang zur Sanitätsstation. Er macht nun gar keinen kranken Eindruck mehr, hält wie immer, heute etwas weniger versteckt, seine brennende Zigarette in der hohlen Hand und strahlt uns an. Voller Stolz zeigt er sein Ticket nach Beirut, Abflug morgen Nachmittag, es hat 625 Euro gekostet. Einen gültigen Reisepass hat er auch. Jetzt fehlt eigentlich nur die Grenzübertrittsbescheinigung (GÜB), mit der die Ausreise aus dem Bundesgebiet nachgewiesen werden soll. Sie wird normalerweise von der Ausländerbehörde ausgestellt. Aber solange die Flüchtlinge in einer Notunterkunft wohnen, ist die Landesaufnahmebehörde (LAB) zuständig, also Friedland. Die GÜB kann möglicherweise entfallen, wenn noch kein Asylantrag gestellt wurde. Ich habe aber auch schon gehört, dass Flüchtlinge ohne GÜB im Flughafen zurückgehalten werden oder eine hohe Strafe zahlen müssen. Die GÜB muss beim Zoll und bei der Grenzkontrolle vorgezeigt und abgegeben werden.
Ich erkundige mich beim Zoll und bei der Bundespolizei im Flughafen Hannover und erhalte die Auskunft:
„Solche Fälle kommen vor. Wenn die Flüchtlinge nicht registriert sind, halten sie sich illegal in Deutschland auf. Das ist eine Straftat und es kann ein Strafantrag gestellt werden, er wird aber in der Regel schnell wieder eingestellt. Dann wird ein Vermerk gemacht und die Angelegenheit ist erledigt. Alles in allem wird ein Flüchtling dadurch nicht an der Ausreise gehindert.“
Wir besprechen das Ergebnis mit den Dolmetschern sowie den Irakern und geben jetzt folgende Losung aus: Wer einen gültigen Pass besitzt, genügend Geld hat und noch nicht registriert ist, kann das Camp „auf eigene Faust“ verlassen und hat gute Chancen, schnell in sein Heimatland zurückzukehren!
Die Ausstellung dieses einfachen Rezepts hat lange genug Zeit in Anspruch genommen. Sofort findet sich unter den Umstehenden, die immer da sind, wenn wir kommen, ein vierter 26jähriger Iraker mit gültigem Pass, der sein Ticket nach Bagdad selbst bezahlen kann. Ein fünfter Iraker – sie nennen ihn „den Fußballer“ – gesellt sich dazu. Nun haben sie es plötzlich sehr eilig. Zwei von ihnen wollen heute Nachmittag noch nach Berlin fahren und von dort nach Bagdad fliegen. Der „ursprüngliche“ Iraker, der alles ausgelöst hat, ist von den fünfen der einzige, der keinen Pass besitzt. Wir erfahren heute zum ersten Mal von ihm, dass er bei der Fahrt nach Berlin auch seinen irakischen Personalausweis, seine „identity card“ abgegeben habe. Warum, kann er nicht sagen. Also muss er zwangsläufig so lange ausharren, bis er neue Papiere bekommt. Zwei Iraker wollen mit ihm warten und so lange im Camp bleiben.
