Hallo Deutschland - Imaani Brown - E-Book

Hallo Deutschland E-Book

Imaani Brown

0,0
15,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wie fühlt es sich an, in einem Kriegsgebiet aufzuwachsen? Inmitten von Trümmern, Bomben und Tod. Was macht es aus einem Menschen, wenn man als Kind in die Fremde geschickt wird? Wo man allein ist und niemanden versteht. Findet man jemals wieder einen Ort, den man Heimat nennt?

Imaani Brown erzählt von Flucht und Entwurzelung. Von Schmerzen, Angst und Enttäuschung. Aber auch von Zuversicht, Liebe und Glück. Und den Lichtblicken, die das Leben im tiefsten Dunkel bereithält.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zum Buch

Wie fühlt es sich an, in einem Kriegsgebiet aufzuwachsen? Inmitten von Trümmern, Bomben und Tod. Was macht es aus einem Menschen, wenn man als Kind in die Fremde geschickt wird? Wo man allein ist und niemanden versteht. Findet man jemals wieder einen Ort, den man Heimat nennt?

Imaani Brown erzählt von Flucht und Entwurzelung. Von Schmerzen, Angst und Enttäuschung. Aber auch von Zuversicht, Liebe und Glück. Und den Lichtblicken, die das Leben im tiefsten Dunkel bereithält.

Zum Autor

Imaani Brown wurde 1980 in Ahvaz, Iran geboren. Nachdem sein Cousin 1986 aus dem Schulunterricht zum Militär eingezogen wurde, beschloss Imaani Browns Vater, seinen Sohn mit einem Schleuser nach Frankfurt zu schicken. Imaani war damals sechs Jahre alt. Er lebt heute in Berlin, ist Autor, Musikproduzent und Comedian und arbeitet nebenher als Remixer und DJ.

Imaani Brown

Hallo

Deutschland

Auf der Suche nach Heimat

Wilhelm Heyne Verlag

München

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschätzt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Unter www.heyne-encore.de finden Sie das komplette Encore-Programm.

Weitere News unter www.heyne-encore.de/facebook

Copyright © 2018 by Imaani Brown

Copyright © 2018 by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Annika Ernst

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel / punchdesign, München, unter Verwendung von Privatfotos; Rückseite © Erik Weiss

Satz und E-Book-Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-20388-7V001

www.heyne-encore.de

Prolog

Als ich in den Raum kam, schauten sie mich an, als wäre ich von einem anderen Stern. Der Backstage-Bereich war brechend voll. Hier, direkt neben den Toiletten, die nicht gelüftet wurden, weshalb man es bis zur Bühne riechen konnte, wenn jemand hineinging, drängten sich die Künstler des Abends. Einige von ihnen hatten Zettel in der Hand, auf denen Texte standen, die sie auswendig lernten. Sie wirkten, als würden sie dieses Theater sehr ernst nehmen. Ich hingegen – dunkelhäutig, volltätowiert – sah nicht aus wie einer von ihnen. Mich störte das nicht, auch nicht die Enge, nicht der Geruch. Nur ihre Blicke vergesse ich nicht.

Ich hatte die blonde Frau am Eingang, die jeden herzlich begrüßt und das Geld kassiert hatte, gefragt, ob man hier auftreten könne. Sie hatte gesagt, ich solle zum Moderator in den Backstage-­Bereich gehen. Wenn ich auftreten würde, bräuchte ich keinen Eintritt zu bezahlen. Drinnen fiel mir sofort die kleine, sehr tiefe Bühne auf, auf der nur ein Mikrofonständer und ein weißes Klavier standen. Hinter der Bar daneben war höchstens Platz für eine Person. Die Zuschauer bestellten Drinks und suchten sich Plätze. Keiner von ihnen sah aus wie ich: nicht deutsch. Ich ging an ihnen und der Bühne vorbei in den Backstage-Bereich.

»Wer ist der Moderator?«

Ein Mann meldete sich. »Willst du auftreten?«

Ja, wollte ich. Er fragte mich, was ich vorhätte, und ich sagte, dass ich einfach nur reden würde.

»Aha! Und über was?«

Ich sagte: »Über mein Leben und alles, was so passiert.«

»Okay!«, meinte er, aber die Art, wie er es sagte, klang nicht zustimmend, sondern eher so, als ob das Leben nicht interessant genug wäre, um darüber zu reden. Als ob Ehrlichkeit in Deutschland eine Schwäche wäre, weil einem nichts Besseres einfiel. Er trug mich in eine Liste ein. Ich ging wieder hinaus, um noch eine zu rauchen. Von den anderen sprach keiner ein Wort mit mir.

Ich hatte den Laden lange suchen müssen. Mein Navi hatte ständig einen Wackelkontakt gehabt, und am Tag zuvor hatte ich es vor lauter Wut aus dem Fenster geworfen, auf der Autobahn, als ich auf dem Weg nach Berlin war. Aber irgendwann hatte ich den Laden schließlich gefunden, auch ohne Navi.

Zunächst war ich unsicher, ob ich reingehen sollte. Der Schuppen lag im Erdgeschoss eines Wohnhauses, gegenüber einem Friedhof. Keine besonders freundliche Ecke, erst recht nicht an einem regnerischen Tag wie diesem. Außerdem war ich gerade erst in Berlin angekommen. Andererseits würde alles besser sein, als von meinem Hotelzimmer auf den hässlichen Hof zu starren und Kette zu rauchen. Ich wollte mich gern mit jemandem unterhalten, am besten mit jemandem, der mich nicht kannte.

Den Zigarettenstummel warf ich auf den Boden und ging wieder nach drinnen: Die Show begann. An der Bar bestellte ich einen Gin Tonic und nahm Platz. Es war schrecklich. Die Künstler waren nervös, der Moderator substanzlos. Alles wirkte irgendwie gezwungen. Ich hatte das Gefühl, es ginge ihnen nur darum zu gefallen. Sie wollten auf keinen Fall etwas Falsches sagen oder sich öffnen. Ich kam mir verarscht vor und war nur froh, dafür keinen Eintritt gezahlt zu haben.

In der Pause gingen nicht nur die Raucher nach draußen. Der Laden hatte keine Fenster, es wurde schnell stickig. Der Moderator kam auf mich zu, meinte, dass ich als Nächster an der Reihe sei, und fragte, wie er mich denn vorstellen, ob er etwas Bestimmtes sagen solle. »Nein, sag einfach nur Imaani!«, antwortete ich. Als alle wieder Platz genommen hatten – es war ausverkauft, allerdings passten auch nur fünfzig Menschen in den Raum –, ging er auf die Bühne und sagte mit einer so typischen anpreisenden wie einfallslosen Stimme: »Jetzt kommt ein junger Mann, der noch nie hier war. Er hat einen schönen Namen: Imaani!« Das Publikum klatschte. Ich nahm die zwei kleinen Stufen zur Bühne hinauf, und der Applaus ebbte ab. Mit so etwas hatten sie wohl nicht gerechnet, mit so etwas wie mir: einem Dunkelhäutigen, einem Volltätowierten, einem Nicht-­Deutschen.

Es war dunkel, bis auf das Scheinwerferlicht, das auf mich gerichtet war und heiß herunterbrannte. Die erste Reihe direkt vor mir konnte ich noch sehen, die zweite Reihe nur vage, alle dahinter gar nicht mehr. Ich krempelte die Ärmel hoch und trat ans Mikrofon. Nervös war ich nicht, ich musste ja auch keine Angst haben zu versagen oder das auswendig Gelernte zu vergessen. Ich stand da und wollte ehrlich sein und einfach nur über mein Leben reden. Es war kein fremdes Gefühl für mich, auf mich allein gestellt zu sein. Ich kannte das seit meiner Kindheit. Und gerade in den einsamsten Momenten meines Lebens fühlte ich mich merkwürdigerweise am sichersten.

Ich stand also auf dieser Bühne, allein, und fing an zu erzählen: davon, warum ich nach Berlin gekommen war, von meinem Zusammenbruch und vom Frankfurter Flughafen, an dem ich gesessen hatte, fertig mit der Welt. Und sie hörten mir zu. Mein Auftritt war anders als diejenigen, die sie bisher gesehen hatten. Nicht, dass er besonders gut gewesen wäre, er war aber auch nicht besonders schlecht. Ich redete einfach über das, was ich erlebt hatte, meine Erfahrungen, meine Schmerzen, meine Ängste und Enttäuschungen. Ich redete und redete, und es fühlte sich immer besser an, auch weil ich merkte, dass sie mir zuhörten. Ich dankte es ihnen mit einem Seelenstriptease, denn ich wollte, dass sie, wenn sie wieder nach Hause gingen, etwas mitnahmen und mich nicht vergessen würden. Mich, Imaani!

1

Ich muss fünf gewesen sein, als ich meine erste Leiche sah. Ein Jahr, bevor ich das Land verließ. Es war ein Mann mittleren Alters. Er lag zwischen Steinen und Schutt, zwischen den Ruinen seines Hauses in Abadan im Iran. Als Kind suchte ich nach den Bombardements immer nach Bombensplittern. An jenem Tag fand ich aber nur diesen Mann. Sein Gesicht war staubig weiß vom Schutt, vermischt mit Blut. Ich konnte nur einen Teil seines Oberkörpers sehen. Der Großteil seiner Leiche war verschüttet. Nur sein Kopf ragte vollständig aus den Trümmern hervor. Seine Augen standen offen. Ich war wie versteinert. Hatte aber keine Angst. Er sah so friedlich aus. Ich hielt meinen kleinen Ball ganz fest in den Händen und stand stumm vor ihm, bis mich ein Mann wegschubste: »Na los, Kleiner, geh nach Hause!« Ich rannte mit meinem Ball in den Händen davon. Zu Hause erzählte ich es meiner Tante. Sie nahm mich in den Arm und weinte. Es war ein jüdischer Stoffhändler gewesen, bei dem sie oft einkaufen gegangen war.

Der Großteil meiner Familie lebte in Ahvaz, einige wenige Verwandte, unter anderem meine Tante, in Abadan. Als Saddam Hussein 1980 einen Überraschungsangriff startete, rückten seine Truppen auf Abadan vor. Die irakischen Soldaten belagerten die Stadt. Viele Menschen starben oder mussten fliehen, auch Mitglieder meiner Familie. Abadan war für Saddam von besonderem Interesse, wegen des Erdöls. Der Iran verfügt über das drittgrößte Erdölvorkommen weltweit, und die Stadt am Persischen Golf war das Zentrum der iranischen Erdölindustrie. Unter der Erde Abadans brodelte das schwarze Gold. Später wurden auch Chorramschahr und Ahvaz Kriegsschauplätze. Es war ein territorialer Krieg um die Provinz Chuzestan, deren Hauptstadt Ahvaz ist, die Stadt, in der ich geboren wurde.

Ahvaz ist eine der heißesten Städte der Welt. Es kommt nicht selten vor, dass Temperaturen über fünfundfünfzig Grad herrschen. Gepaart mit heftigen Sandstürmen, die die ganze Stadt gelblich weiß erscheinen lassen. Ich kann mich erinnern, dass es mitunter so heiß war, dass ich manchmal, wenn ich kurz ohne Schuhe rausging, auf den Fersen laufen musste, um mir die Fußsohlen nicht zu verbrennen. An manchen Tagen, wenn es heftige Bombenangriffe auf die Stadt gab, die Krankenwagen mit ihren schrillen Sirenen durch die Straßen fuhren, die Menschen schrien und weinten, man das Beben der Detonationen spürte und gleichzeitig ein Sandsturm wütete, stand ich einfach nur in der flimmernden Hitze auf der Straße vor unserer Wohnung und betrachtete das, was vor mir lag. Die Häuser und Trümmer, die in Flammen standen, die Toten und Verletzten, Menschen, die qualvoll schrien oder wegrannten, wenn sie noch konnten. Es war die Hölle auf Erden. Aber als Kind kannte ich es nicht anders. Es war die Welt, in die ich hineingeboren wurde, in der ich aufwuchs. Und ich glaubte, es wäre überall wie hier, im Iran. In meiner Vorstellung existierte kein Ort, an dem Menschen in Frieden lebten. Und mir war schon damals bewusst, dass ich irgendwann sterben würde. Vielleicht durch eine Bombe, vielleicht aus einem anderen Grund. Vielleicht würde ich Glück haben und so alt wie Vater und Mutter werden. Aber dass es so kommen würde, war keineswegs selbstverständlich. Im Gegenteil: Der Tod war allgegenwärtig. Man konnte seinen Atem im Nacken spüren.

Die größte Sorge meiner Mutter war, dass es sie und meinen Vater irgendwann treffen könnte und meine jüngere Schwester, mein neugeborener Bruder und ich als Waisenkinder aufwachsen würden. Jedes Mal, wenn die Sirenen des Fliegeralarms ertönten und wir die Jets über unseren Köpfen hören konnten, verkroch sich meine Mutter mit meiner Schwester, später auch meinem Bruder und mir in einer Ecke der Wohnung. Sie legte sich über uns drei Kinder, als ob sie uns so vor den Bomben beschützen könnte, und murmelte leise und gefasst die ganze Zeit: »Lieber Gott, wenn es dich gibt, lass meine Kinder nicht zu Waisen werden – wenn es uns trifft, dann nimm uns alle mit.« Die arme Frau, was muss sie damals verspürt haben. Sie war zu jener Zeit erst Mitte zwanzig.

Das Schlimmste für uns war jedoch der Moment nach dem abrupten Ende der Angriffe. Dann herrschte plötzlich diese Stille. Eine merkwürdige Stille, beängstigend, nicht erleichternd. Es war der Moment, in dem einem das ganze Ausmaß erst bewusst wurde. Wenn man auf den Straßen in die paralysierten Gesichter der Menschen blickte, die umherirrten und nach Angehörigen suchten. Wenn sich weinende Mütter und Väter auf den Boden warfen, ihr totes Kind in den Armen. Wenn sich die Alten einfach an Ort und Stelle auf den Boden setzten, zu schwach, um weiterzugehen. Und dann dieser entsetzliche Gestank in der Luft. Der Geruch, der nach den Bombenangriffen über der Stadt hing, erinnerte mich an abgebrannte Streichholzköpfe. Doch du konntest dich dem Ganzen auch nicht entziehen und einfach sagen: »Ich bleibe zu Hause, in meinen vier Wänden.« Du wolltest raus aus dem Drecksloch, in das du dich verkrochen hattest. Auf die Straßen. Nach einem solchen Angriff wolltest du nur noch nach draußen und fliehen.

Auch meine Mutter ging nach den Anschlägen immer mit hinaus. Um zu atmen, tief ein- und auszuatmen. Wir standen auf der Straße vor unserem Haus, genauso paralysiert wie die anderen Menschen. Wenn wir schließlich realisierten, was gerade passiert war, löste sich unsere Erstarrung, und wir weinten. Nicht vor Glück, dass wir überlebt hatten, sondern weil all das, was gerade geschehen war, so unvorstellbar blieb.

Manchmal, wenn die Angriffe heimtückisch in der Nacht geflogen wurden und die Stadt den Strom abgeschaltet hatte, damit sich die Piloten nicht an den Lichtern orientieren konnten, mussten meine Eltern laut nach uns rufen, wenn alles vorbei war, weil auch unsere Wohnung in völliger Dunkelheit lag. Meine Schwester weinte und rief nach meiner Mutter, mein Vater rief nach mir, um zu hören, ob ich in Ordnung war. Wir tappten so lange durch die Dunkelheit, bis wir uns an den Händen fassen konnten. Vater versuchte dann, die Öllampe zu finden. Sobald er sie hatte, machte er sie an, und wir setzten uns im Kreis um sie herum, während draußen die Hölle tobte. Seitdem hasse ich Öllampen. Ich verbinde mit ihnen nur Trauer, Tod und Hilflosigkeit.

Mutter und Vater redeten oft mit mir über den Tod. Und ich bin ihnen bis heute dankbar dafür. Denn sie haben mir schon als Kind die Angst davor genommen. Sie wollten sichergehen, dass meine Geschwister und ich zurechtkämen, wenn ihnen etwas zustoßen würde. Also versuchten sie, mich über den Tod aufzuklären. Dass er zum Leben dazugehöre, wir im Krieg sterben könnten und all das. Den Tod als etwas Natürliches anzunehmen, fiel mir nicht schwer, waren wir doch tagtäglich von ihm umgeben. Es gab regelmäßig Beerdigungen in unserem Familien- und Bekanntenkreis – über achtzig Menschen aus meinem Umfeld starben in diesem sinnlosen Krieg. Vater entschloss sich irgendwann, nur bei engen Verwandten zur Beerdigung zu gehen, es wäre sonst zu viel für ihn geworden. Und jeder, der eine iranische Beerdigung erlebt hat, weiß, was wahre Hysterie ist. Frauen, die sich die Gesichter zerkratzen, an ihren Haaren ziehen, kreischend zusammenbrechen und sich auf dem Boden wälzen. Als Kind konnte ich das nicht verstehen. Einerseits betonten meine Eltern immer wieder, der Tod sei nichts Schlimmes, andererseits bekam ich bei den Beerdigungen ein anderes Bild davon, ein wahrlich grauenhaftes. Deshalb mieden meine Eltern die Begräbnisse fortan, sooft es ging.

Der Mensch gewöhnt sich an alles, selbst an das Schlimmste – und so gewöhnten wir uns immer mehr an den Krieg. Bei den ersten üblen Angriffen waren wir geschockt, bei den nächsten schon weniger, und später liefen wir ganz normal in der Wohnung herum, während draußen Menschen starben. Beim hundertsten Angriff feilschten meine Eltern auf dem Basar um ein Kilo Tomaten, während die Kampfjets über ihren Köpfen flogen.

Ganz einfach war das natürlich nicht, aber was blieb einem anderes übrig? Dieser beschissene Krieg dauerte acht Jahre lang. Und man hatte ja auch noch ein Leben zu führen. Eine Hochzeit, die man planen musste. Eine Scheidung, die organisiert werden wollte. Eine neue Wohnung, in die man einzog. Eine Familie, die man gründete. So surreal es klingt: Den Menschen war es nach Jahren im permanenten Ausnahmezustand egal, ob sie von einer Rakete getroffen wurden. Wenn es einen erwischt, dann ist das eben so, dachten sie sich. Und für viele wäre es sogar eine Erleichterung gewesen.

Ich weiß nicht, wie oft wir damals umgezogen sind. Wir hatten zwar jedes Mal viel Gepäck, aber keine Möbel – das hätte sich nicht gelohnt. Manchmal nahmen wir auch einfach irgendeine Behausung, Hauptsache vier Wände und genügend Platz, um darin zu schlafen. Die meiste Zeit lebten wir aber in einem Haus mit großem Hof, in dem außer uns noch eine alte Frau und eine weitere Familie wohnten. Wir hatten nur einen großen Raum mit einer kleinen Küche für uns – meinen Vater, meine Mutter, meine jüngere Schwester, mich und später auch meinen Bruder. Neben den Küchenutensilien gab es einige Kissen und Decken, sonst nicht viel. Und überall in den Wänden waren Termiten. Ihre Spuren zogen sich durch den gesamten Raum, und ich versuchte, sie beim Spielen nicht zu berühren. Nachts konnte ich nicht ruhig schlafen, weil ich ständig Angst vor ihnen hatte und glaubte, dass sie über mein Ohr in meinen Kopf krabbeln und dort mein Gehirn auffressen würden. Sobald ich im Dunkeln etwas an meinem Ohr verspürte, schrie ich laut und schüttelte den Kopf, um die Viecher herauszubekommen. Es war grauenhaft, aber immerhin hatten wir eine Bleibe.

Die Schwestern meiner Mutter waren mit wohlhabenden Männern aus guten Familien verheiratet. Die mussten nicht leben wie wir. Natürlich hätten sie uns geholfen, aber Mutter wollte ihre Hilfe nicht. Mein Vater kam aus keiner vornehmen Familie. Sein Vater war mit fünfundvierzig Jahren an Herzversagen gestorben, und er hatte schon früh die Verantwortung für die Familie übernehmen müssen, für seine Mutter und seine fünf jüngeren Geschwister. Mit fünfzehn war er jeden Tag nach der Schule auf den Basar gegangen, um dort mit Fußballshorts und anderen Klamotten zu handeln, die meine Oma nähte. Nebenbei hatte er Gitarrenunterricht gegeben, um die Familie über die Runden zu bringen. Später arbeitete er auf einer der vielen Baustellen, bis spät in die Nacht – und das Tag für Tag. Dort entdeckte er auch seine Liebe zur Architektur. Er finanzierte sich das Studium selbst und auch das Studium seiner Geschwister, indem er in seinem eigenen Musikladen Schallplatten und Kassetten verkaufte. Es war eine bunte Mischung: moderne iranische Popsongs, aber auch alles, was man so aus dem Ausland bekam. Er machte kein Vermögen damit, aber die Miete war nicht hoch, und der Laden galt bald als eine der ersten Adressen für Musikliebhaber. Neben der Arbeit im Laden und seinem Architekturstudium verdingte er sich außerdem als Songwriter für viele Sängerinnen und Sänger, die in den Nachtclubs von Ahvaz, die es unter dem Schah gab, ihr täglich Brot verdienten. Als jedoch die Revolution unter Chomeini losbrach und die Fanatiker alles, was als sündhaft galt, zerstörten oder in Brand setzten, machten sie auch vor Vaters Laden nicht halt. Sie schlugen ihm die Scheiben ein, verbrannten die teuflische Musik und zündeten später die ganze Bude an. Mein Vater konnte nichts dagegen tun. Er hatte Glück, dass sie ihn nicht umbrachten wie so viele andere: Bordell- und Nachtclubbesitzer oder Popsänger, deren Verbrechen darin bestand, über die Liebe zwischen Mann und Frau zu singen, ebenso wie Polizisten und Generäle, die später im Krieg so wichtig gewesen wären. Es ging sogar so weit, dass jeder Mann, der im neuen Iran eine Krawatte trug, mit Peitschenhieben bestraft wurde. Im schlimmsten Fall drohten ihm Gefängnis oder die Todesstrafe. Keiner wusste, was genau die Regeln waren und wer sie machte. Also gab es nur eine Regel, die jeder kannte: bloß nicht das Maul aufreißen. Mein Vater war fix und fertig. Er konnte einfach nicht verstehen, was geschehen war. Diese Revolution, mit der er nichts zu tun hatte. Ein Fanatismus, der ihm fremd war. Ein Volk hatte sich für ein Leben im Käfig entschieden, und viele moderne Iraner, die sich auf eine offene, tolerante Zukunft vorbereitet hatten, waren jetzt unweigerlich darin gefangen.

Als nach der Revolution dann der Krieg losbrach, hatte mein Vater gerade sein Studium beendet, war frisch verheiratet und nicht nur Ehemann, sondern auch Vater geworden, mein Vater. Bis dahin hatte er für alles einen Plan gehabt, aber nicht für diese Katastrophe. Mein Vater war am Ende und desillusioniert. Er konnte seinen Beruf nicht ausüben, seine Familie nicht ernähren. Das Land, in dem er gelebt hatte und glücklich gewesen war, war plötzlich verschwunden. Es war ein düsterer Ort geworden, der ihm fremd war. Dabei gab er sich die Schuld daran, dass auch wir leiden mussten, weil er glaubte, meine Mutter hätte vielleicht ein besseres Leben gehabt, wenn sie ihn nicht geheiratet hätte. Nur nach außen versuchte er weiterhin, Stärke zu zeigen, da konnte ihm keiner was. Aber bei uns zu Hause saß er nachdenklich am Küchentisch, redete immer weniger. Er fraß seinen Kummer in sich hinein und kompensierte ihn mit immer mehr Alkohol, wofür im Iran damals die Todesstrafe drohte und den man nur gepanscht in armenischen Vierteln von irgendwelchen Dealern kaufen konnte, und er fing an, abends Opium zu rauchen. Opium bekam man im Iran überall. Es war zwar verboten, aber da drückten sie ein Auge zu. Denn was konnte dem Regime Besseres passieren als ein Volk, das nach Opium schrie? Ärzte, Anwälte, Politiker, Mullahs, Soldaten, Bauarbeiter, selbst einfache Großmütter und Großväter rauchten das Zeug. Es wird im Iran bis heute nicht als Droge angesehen, sondern als Genussmittel. Dass man daraus Heroin herstellt, interessiert nicht. Aber Opium selbst ist eben auch eine Droge, eine, die insbesondere die Älteren rauchen und die dich nach wenigen Tagen körperlich abhängig macht. Und mein Vater, der nicht einmal eine Zigarette konsumierte, weil er das für ein Zeichen von Schwäche hielt? Der rauchte immer mehr. Und Mutter ließ ihn. Sie liebte ihren Mann abgöttisch und kannte ihn gut genug, um zu wissen, was er wirklich fühlte. Ich kann mich nicht genau erinnern, wann Vater anfing, Mutter zu schlagen, aber es muss zu jener Zeit gewesen sein.

Zuerst waren es Ohrfeigen. Dann schlug er mit den Fäusten zu, misshandelte und demütigte sie. Er verprügelte meine Mutter vor unseren Augen. Noch immer steigen Wut und Tränen in mir auf, wenn ich an Mutters hilflosen Gesichtsausdruck denke. Wenn sie ihre Hände erhoben hatte, um ihren Kopf zu schützen. Wie er dann weiter auf sie einschlug. Ich zog an seinem Hosenbein und versuchte laut, so laut wie möglich zu schreien, damit er aufhörte. Aber er hörte nicht auf. Er hörte erst dann auf, wenn er genug hatte. Mutter krümmte sich auf dem Boden und hielt den Kopf bedeckt, damit meine Schwester und ich ihr Gesicht nicht sehen konnten. Wir lehnten uns an sie, umarmten sie ganz fest und weinten. Wenn sie dann irgendwann aufstand und wir ihr Gesicht doch zu sehen bekamen, war es blutverschmiert – aufgeplatzte Lippen, blaue Augen, verschwollen. Mein Vater richtete meine Mutter, mit ihren schwarzen langen Locken, den wunderschönen großen braunen Augen und dem zierlichen Körper, jedes Mal aufs Übelste zu. Doch es kam ihr nicht eine Träne, nicht ein böses Wort über die Lippen.

Anschließend bereitete Vater sich dann seinen Schlafplatz und legte sich hin. Meine Schwester und ich blieben demonstrativ an Mutters Seite und redeten tagelang nicht mit ihm. Ich nahm mir jedes Mal vor, Mutter das nächste Mal zu beschützen. Dafür schmiedete ich mit meiner Schwester den Plan, so lange und kräftig an Vaters Hose zu ziehen, bis er aufgeben würde. Meine Schwester sagte manchmal, wir sollten kreischen und ganz laut weinen. Aber es half alles nichts. Er prügelte und prügelte. Oft ohne Anlass. Er kam nach Hause, und irgendetwas passte ihm nicht. Dann ging er zu ihr und schlug ihren Kopf gegen die Wand, sodass sie ohnmächtig wurde. Man konnte die Blutspritzer sehen. Das alles ging so schnell, dass meine Schwester und ich gar nicht reagieren konnten – aber es hätte eh nichts gebracht. Wir dachten oft, wenn Mutter ohnmächtig und blutend am Boden lag, sie wäre tot. Und während Vater seelenruhig in der Küche saß, weinten und riefen wir: »Mama, wach auf! Wach bitte auf!« Wir flehten ihn an, ihr zu helfen. Aber er war entweder high oder betrunken, ignorierte unser Betteln und sagte nur: »Wenn ihr nicht sofort ruhig seid, liegt ihr auch gleich da!«

Uns Kinder hat er allerdings nie angefasst. Nicht ein einziges Mal erhob er seine Hand gegen uns. Doch wie oft wünschte ich mir, er würde lieber mich schlagen, statt meine Mutter.

Mit der Zeit versuchte ich, das Verhalten meines Vaters zu durchschauen, und studierte ihn dafür. Wenn er nach Hause kam und kein Wort sprach, wusste ich, dass Gefahr bestand. Ich fing dann an, mich auffällig zu verhalten, um ihn abzulenken, baute Mist, damit er sich nicht mit Mutter beschäftigen konnte. Ich lief in den Hof und ließ eine Vase fallen. Er kam nach draußen und schimpfte, was für ein Trottel ich sei und dass ich nicht einmal richtig spielen könne. Oder ich sagte meiner Schwester, sie solle im Hof so laut schreien, dass die Nachbarn kämen, sobald er mit Mutter eine Diskussion anfing. Vor anderen hatte er sie noch nie geschlagen. Doch im Grunde waren wir hilflos.

Eines Tages, als er nach Hause kam – ich hatte sein herbes Parfüm schon riechen können, bevor er die Wohnung betrat –, begann er, Mutter Fragen zu stellen. Er wurde immer lauter, und Mutter zuckte bei jeder Bewegung von ihm zusammen. Ich ahnte, was passieren würde: Wenn er so anfing, dann würde er sie wieder ohnmächtig prügeln. Ich schnappte mir einen Stuhl, stellte ihn neben sie und stieg darauf. Er ignorierte mich, während er meine Mutter am Hals packte. Ich versuchte, seine Arme wegzuziehen, damit er sie losließe. Und er ließ tatsächlich los, aber nur, um auszuholen. In dem Moment reckte ich mich auf meinem Stuhl so hoch ich konnte. Dann sah ich nur noch Schwarz und wurde ohnmächtig. Er hatte mich mit voller Wucht getroffen. Am linken Auge. Sein Ring hatte mir die Augenbraue aufgeschnitten. Die Ärzte mussten den Schnitt später im Krankenhaus nähen.

Mutter wollte sich mehr als einmal von ihm trennen – aber sie schaffte es einfach nicht. Sie liebte ihn zu sehr. Und außerdem: Was sollte sie tun, während des Krieges, ohne Geld, in diesem neuen Iran, einem Land, in dem eine alleinerziehende Mutter, eine geschiedene Frau, wie eine Hure behandelt wurde?

Eines Abends, es war wie immer sehr heiß, und ich saß einfach nur herum und schaute fern, wunderte ich mich darüber, dass Mutter, obwohl es bereits sehr spät war, meinen Platz zum Schlafen nicht vorbereitete – wir schliefen zwar alle auf dem Boden, aber sie legte mir jeden Abend ein Kissen und eine Decke hin. Wie jedes Kind war ich froh, wenn ich nicht so früh ins Bett musste, also versuchte ich, mir meine Verwunderung nicht anmerken zu lassen, und gab keinen Ton von mir, in der Hoffnung, Mutter wäre abgelenkt und hätte vergessen, dass ich schlafen gehen sollte. Meine Schwester schlief bereits tief und fest. Plötzlich kam Vater herein. Ohne ein Wort schaltete er den Fernseher aus und fragte, warum ich so spät noch wach sei. Ich antwortete nicht. Ich hatte mir vorgenommen, ihn jedes Mal, wenn er Mutter geschlagen hatte, nicht zu beachten. Er ließ von mir ab und ging in die Küche. Dann hörte ich nur noch einen lauten Schrei.

Ich hatte Vater noch nie so hysterisch erlebt. Ich rannte in die Küche und sah, wie er meine Mutter vom Boden aufhob und auf den Armen aus dem Haus trug. Er rief, ich solle meine Schwester wecken und zum Auto laufen. Mutter war bewusstlos. Wir stiegen in den Wagen, und Vater fuhr so schnell er konnte ins Krankenhaus. Meine Schwester weinte und schrie die ganze Zeit. Mutter lag immer noch bewusstlos neben ihr. Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass sie eine Überdosis Opium genommen hatte. Sie wusste, wo Vater sein Opium aufbewahrte, und hatte, bevor er nach Hause gekommen war, den gesamten Vorrat gegessen. Als es passierte, war ich die ganze Zeit über nur wenige Meter von ihr entfernt gewesen. Wäre Vater an diesem Abend nicht nach Hause gekommen, was er oft tat, wäre sie daran gestorben.

Fast alle meine Erinnerungen an den Iran spielen sich dort ab, in diesem Haus mit dem großen Hof und den Termiten in den Wänden. Auch die, wie ich, wenn es Bomben gehagelt hatte und Ruhe eingekehrt war, jede Sekunde, in der meine Eltern nicht aufmerksam waren, aus dem Haus rannte, um nach Bombensplittern zu suchen. Ich sammelte sie gerne. Ich hatte eine ganze Tüte voll davon, die immer schwerer wurde, sodass ich irgendwann nur noch die Splitter behielt, deren Formen oder Farben mir besonders gut gefielen. Manchmal aber rannte ich einfach nur davon, um zu laufen, immer geradeaus. Ich wollte nicht zu Hause sein, und meine Eltern mussten mich dann bis spät in die Nacht suchen. Selten fanden sie mich sofort in der großen Stadt, doch ich kehrte immer wieder zurück. Ich kannte den Weg, weil ich immer dieselbe Strecke lief. Ich hatte bald Routine darin.

Manchmal kam ich erst nach ein paar Tagen wieder. Dann war ich bei meiner Großmutter gewesen und hatte mit ihr die Fernsehsender aus Katar und Kuwait angeschaut, die man in Ahvaz empfangen konnte. Ich hasste die indischen Filme, die dort immer liefen, und liebte es auch sonst nicht sonderlich, bei Großmutter zu sein. Dennoch war es schöner als zu Hause. So ruhig. Großmutter ging jeden Abend zu einer anderen Beerdigung, und jedes Mal schleppte sie mich mit. Wenn ich es nicht mehr aushielt, lief ich wieder nach Hause.

In Ahvaz sind die meisten Einwohner arabischstämmige Iraner. Wahrscheinlich dachte sich Saddam Hussein, er hätte leichtes Spiel, Ahvaz und die iranischen Erdölgebiete, die von vielen Arabern besiedelt sind, zu erobern, weil die Araber zu ihm halten würden. Das war aber nicht der Fall. Im Ersten Golfkrieg starben Menschen aus arabischen, jüdischen, armenischen, türkischen und vielen anderen Stämmen des Vielvölkerstaats Iran für ihr Land. Und meine Großmutter war auch eine dieser arabischen Frauen, auf deren Sympathie Saddam gesetzt hatte. Sie wohnte zwei, drei Kilometer von unserer Wohnung in Ahvaz entfernt, im arabischen Viertel, und wie die meisten dort war sie tätowiert. Das hatte wohl Tradition, denn viele ihrer alten Bekannten trugen die gleichen Motive an den gleichen Stellen: Tätowierungen auf der Stirn, am Hals, an den Händen und an den Fingern. Sie sahen alle immer so spirituell aus. Für mich war das nichts Ungewöhnliches. Sie war eben meine Großmutter, die Persisch mit arabischem Akzent sprach. Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr hatte sie sich und ihre kleine Schwester, die nach einem Sturz körperlich behindert war und nicht mehr laufen konnte, versorgen müssen. Da war sie selbst noch ein junges Mädchen gewesen. Meine Urgroßmutter war eines Nachts plötzlich verstorben, mein Urgroßvater bereits Jahre zuvor. Meine Großmutter und ihre Schwester überlebten, indem sie Putzjobs annahm und so jeden Tag etwas Geld nach Hause bringen konnte. Eines Tages fand sie eine wohlhabende Familie, die ihr und ihrer Schwester ein Zimmer gab und sie als Hausdienerin einstellte. Dankbar nahm meine Großmutter diesen Job an und schuftete fortan Tag und Nacht. Dabei hatte sie immer auch ein Auge auf ihre Schwester, die nie nach Draußen ging, weil sie sich schämte.

In der Familie, der sie diente, lebte auch mein zukünftiger Großvater, damals war er zwanzig Jahre alt und Sohn des Hausherrn. Er und meine Großmutter verliebten sich ineinander und heirateten ein paar Jahre später ohne die Einwilligung seiner Eltern. Mein Urgroßvater war der Meinung, dass eine Araberin, die auch noch das Hausmädchen war, eine Schande für die Familie wäre. Er stellte meinen Großvater vor die Wahl: entweder die Familie oder dieses Mädchen. Mein Großvater dachte nicht eine Sekunde darüber nach, und er und meine Großmutter flogen aus dem Haus. Ihre jüngere Schwester nahm Großmutter natürlich mit. Gemeinsam zogen sie in eine kleine Wohnung. Und nach der Hochzeit wurde Großmutter schwanger. Sie brachte acht Kinder zur Welt, schickte sie alle an die Universität und sorgte bis an ihr Lebensende für ihre behinderte Schwester, die bis zu ihrem Tod keinen Mann gehabt hatte und als Jungfrau starb.

Es gab aber auch schöne Momente: An einem besonders heißen Tag, einem jener Tage, an denen man das Gefühl hatte, in der Sonne zu verbrennen, spritzte ich mich im Hof nass. Es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet, und ich war froh darüber, weil sich der Regen manchmal mit dem Staub mischte, und auf diese Art von Regen konnte ich gern verzichten. Wir hatten vor dem Haus einen Wasserhahn, an dem ein Schlauch befestigt war, und ich hielt den Schlauch nach oben, sodass es aussah, als würde es regnen. Meine Schwester stellte sich darunter, drehte sich im Kreis und genoss den Schauer.

Am nächsten Tag, nachdem ich mit ihr wieder das Regenspiel gespielt hatte, saß ich mit meiner Schwester im Hof und zeigte ihr meine Splittersammlung. Von unserer Wohnung führten vier Treppenstufen in den Hof hinunter. Während sich meine Schwester die neuen Splitter anschaute, die ich gefunden hatte, beobachtete ich Mutter und Vater, die auf der Treppe standen. Mutter hatte ein Kleid an, Vater wie immer ein schwarzes Hemd, das weit aufgeknöpft war. Er stand hinter ihr, hinter meiner schwangeren Mutter, und umarmte sie. Zärtlich küsste er ihren Kopf und Hals, roch immer wieder an ihrem Haar und ihrem Nacken. Dabei hatte er die Augen geschlossen. Er genoss den Duft meiner Mutter sichtlich. Und mir gefiel es, meine Eltern so verliebt zu sehen.

Manchmal gab es wochenlang keine Angriffe. Dann lebten wir das ganz normale Leben einer typischen Familie. Doch für mich war es ungewohnt, den Fliegeralarm nicht zu hören. Keine Sirenen, kein Summen der herabfallenden Bomben. Nichts. Ich saß dann die meiste Zeit vor dem Fernseher, und das Einzige, worauf ich mich den ganzen Tag über freute, war die Biene-Maja-Sendung um vier Uhr nachmittags. Es war die einzige Kindersendung, die ich gerne schaute. Vor Biene Maja lief eine Stunde lang ein Programm mit einer hässlichen und bösen Puppe, die die USA darstellen sollte und die amerikanische Flagge als Kleidung trug, einer anderen Puppe, die Israel darstellte, und einer dritten, die für den Iran stand. Eine ganze Stunde lang ging es nur darum, wie die beiden hässlichen Puppen versuchten, die schöne Puppe »Iran« fertigzumachen. Jedes Mal regte ich mich darüber auf, dass diese Sendung vor Biene Maja lief, und nicht danach. Ich glaube, alle Kinder im Iran müssen sich darüber aufgeregt haben.

An diesen Tagen kochte Mutter abends, und wenn Vater nach Hause kam, saßen wir wie eine ganz gewöhnliche Familie zusammen und aßen, bevor wir zu Bett gingen. Alles war – halbwegs – normal. Aber dann wirst du aus dem Tiefschlaf gerissen, spürst, wie der Boden bebt, hörst den Alarm, der durch die Stadt schrillt, und bist wieder in der Realität. Genau dann, wenn du nicht damit gerechnet hast. Das war das hässliche Gesicht des Krieges.

In einer solchen Nacht passierte etwas, das mich wohl mein ganzes Leben lang verfolgen wird. Noch immer wache ich nachts deswegen auf, jedes Mal schweißgebadet.

Meine Mutter, meine Schwester und ich entgingen damals nur knapp dem Tod. Wir waren den Tag über bei Großmutter gewesen und befanden uns gerade auf dem Rückweg. Plötzlich hörten wir eine Detonation und spürten das Beben. Alle Lichter gingen aus. Der Fliegeralarm ertönte, und ich sah die Kampfjets direkt über unseren Köpfen. Innerhalb von Sekunden brach das totale Chaos aus. Autos fuhren durcheinander. Menschen rannten in alle Richtungen. Mutter hob meine Schwester hoch und fasste mich an der Hand. Wir liefen so schnell wie möglich nach Hause. Doch Mutter war hochschwanger und konnte nicht so schnell. Immer wieder blieben wir stehen, und ich schaute nach oben. Die Jets flogen sehr tief über uns hinweg. Wir hörten die Detonationen ganz in der Nähe. Überall brannten Feuer. Aber schließlich schafften wir es nach Hause. Dort angekommen, hockten wir wie immer in einer Ecke zusammen und warteten, bis der Angriff vorüber wäre. Während ich die Termiten-Wände anstarrte, fragte ich mich, ob unser Haus jetzt auch an der Reihe sein würde.

Als die Explosionen und Geräusche der Kampfflieger abklangen und die Sirenen verstummten, waren meine Mutter und meine Schwester noch in Schockstarre. Ich jedoch rannte sofort aus dem Haus. Meine Mutter lief mir hinterher und rief unter Tränen immer wieder meinen Namen: »Du sollst das nicht sehen, Imaani. Komm zurück!« Ich hielt an, weil ich sie weinen hörte. Und erst jetzt, als ich stehen blieb, bemerkte ich, dass es dieses Mal anders war als sonst. An diesem Tag hatten sie unseren Bezirk bombardiert, unser Viertel. Es war ein schreckliches Bild. Obwohl es mitten in der Nacht war und es keinen Strom gab, war die Szenerie hell erleuchtet: Überall brannte es. Die Menschen suchten ihre Familien oder lagen – verletzt oder unverletzt – auf dem Boden. Manche hockten einfach nur da und weinten. Einige beteten. Meine Mutter nahm mich an der Hand und ging mit mir zurück. Da packte plötzlich eine Frau meinen Arm. Sie sah übel aus. Ihr Gesicht war ganz blutig, und sie konnte nicht aufstehen. Mit schmerzverzerrtem Blick, dem der Schock anzusehen war, zog sie mich zu sich herunter. Ich hatte Angst, hielt die Hand meiner Mutter umklammert und sagte der Frau, sie solle mich loslassen. Doch ihr Griff wurde immer fester. Ich fing an zu weinen. »Mein Sohn … du kennst ihn bestimmt! Du weißt, wie er aussieht, oder? Weißt du, wo er ist? Er war in diesem Haus, schau!« Sie zeigte auf das gegenüberliegende Haus. Aber da war kein Haus mehr. Nur noch Schutt und Asche, aus denen die Flammen schlugen. Ich sagte ihr, ich wisse nicht, wer ihr Sohn sei, und schaute meine Mutter an. Dabei weinte ich immer heftiger. Meine Mutter flehte die Frau an, mich loszulassen. Aber die fragte immer wieder, wo ihr Sohn sei, lauter und lauter. Meine Mutter zog mit aller Kraft an mir, entriss mich schließlich dem Griff der Frau, und wir liefen davon. Als ich mich umdrehte und zu ihr zurückschaute, sah ich, wie sie auf dem Boden saß und auf die Stelle starrte, an der ihr Haus gestanden hatte.

Und seither quält mich diese eine Frage: Hat die Frau ihren kleinen Jungen, der wohl in meinem Alter war, gefunden, oder war er in dem Haus, als es von einer Rakete getroffen wurde? Ich frage mich immer wieder, ob der Junge lebt, ob es im gut geht, ob er heute wohl eine Familie hat, Kinder, eine Frau, die ihn liebt. Ich wünschte, ich hätte Gewissheit. Könnte ich mit ihm sprechen, würde ich ihm sagen, dass er mich nicht kennt, mich aber schon mein ganzes Leben lang begleitet. Ich wünschte, wir könnten über die Erlebnisse unserer Kindheit sprechen. Dass er mir von seinen Problemen und Sorgen erzählen würde und wir gemeinsam über das Leben und die Dinge, die passieren, lachen könnten, so wie ich es mit meinen Freunden mache. Und ich würde ihm sagen, dass er ein wichtiges Puzzleteil in meinem Leben sei und ich nun Frieden mit dieser Nacht schließen könne, nachdem ich wüsste, dass es ihm gut gehe.

Aber wahrscheinlich ist er tot.

Ich habe meine Mutter oft gefragt, warum die Menschen die Stadt nicht verlassen haben, warum sie immer wieder zum Alltag zurückkehrten. Mutter sagte dann, sie seien zu stolz gewesen, um all das aufzugeben. Ihre Söhne und Ehemänner hätten an der Front das Land verteidigt. Und solange das Land mit aller Kraft verteidigt wurde, gab es keinen Grund zu fliehen. Wären die irakischen Soldaten in die Stadt eingefallen, hätte es vielleicht anders ausgesehen.

Nach Mutters Selbstmordversuch schlug mein Vater sie kaum noch. Er flippte oft aus, aber es war nicht mehr so übel wie früher. Und er war eh immer seltener zu Hause. Weil er noch immer keine Arbeit gefunden hatte, machte er illegale Geschäfte. Der Iran war schon immer korrupt. Unter dem Schah wie unter Chomeini. Mein Vater nutzte also das herrschende Chaos, um auf dubiosen Wegen an Geld zu kommen. Gab es Mullahs, die mitmachten und die er schmieren konnte, gab es keine Probleme. Hatte er sie nicht auf seiner Seite, musste er eben ein wenig kreativer sein. Aber mein Vater war ein charismatischer Mann, eloquent und immer gut angezogen. Es war nicht schwer für ihn, Vertrauen zu gewinnen. Und nach und nach passte er sich dem neuen Iran an. Er hatte verstanden, dass auch die Mullahs Geld liebten. Und wenn sich ihm ein gutes Geschäft bot, griff er zu.

Manchmal standen uniformierte Typen in unserem Hof, die ihn mitnehmen wollten. Aber wenn sie es wirklich taten, kam er schon nach ein paar Stunden wieder nach Hause. Er war finanziell zu wichtig für einige bedeutende Leute geworden, sie wollten ihn nicht verlieren. Womit genau er sein Geld machte, wusste Mutter nicht. Wenn er wieder wochenlang unterwegs war und es keinen Anruf gab, wusste sie nicht einmal, ob er noch lebte. Aber er ließ immer genügend Geld da, von dem wir leben konnten, bis er wieder auftauchte. Noch immer rauchte er sein Opium, aber er trank weniger. Mitunter ein Glas, aber auch das wurde seltener.

Eines Tages wollte er mit uns nach Maku fahren, eine Stadt an der armenischen Grenze. Er sagte meiner Mutter, er wolle dort einen Freund besuchen und uns gern mitnehmen. Mutter wurde stutzig, warum er für einen Besuch so weit fahren wollte, zumal er noch am selben Tag wieder zurück sein wollte. Aber sie dachte auch: Selbst wenn wir den ganzen Weg hin- und herfahren müssen, sind wir wenigstens zusammen – und ein bisschen raus aus Ahvaz täte allen mal gut. Also stimmte sie zu.

Als wir uns an jenem Tag nach stundenlanger Fahrt Maku näherten, verfuhr sich Vater offenbar. Jedenfalls gelangten wir plötzlich in sowjetisches Territorium. Mutter bemerkte es erst, als links von uns ein Zug vorbeifuhr – es war ein sowjetischer Zug. Sie machte meinen Vater darauf aufmerksam. Doch einige hundert Meter weiter standen schon zwei uniformierte Männer mit Maschinengewehren, die unser Auto unmissverständlich zum Anhalten bringen wollten. Meine Mutter geriet in Panik und Vater versuchte, sie zu beruhigen. Er würde die Situation erklären, wir hätten uns schließlich nur verfahren, das sei kein Verbrechen.

Die Soldaten zogen ihn aus dem Auto. Meine Mutter bemühte sich, ruhig zu bleiben, während einer der Soldaten um das Auto herumging, auf die Beifahrerseite und nach hinten zu meiner Schwester und mir schaute. Ein anderer stieg auf der Fahrerseite ein und steuerte den Wagen an den Straßenrand, während die übrigen mit meinem Vater nach vorn liefen, weg vom Auto. Dort stand er ungefähr eine halbe Stunde und versuchte ihnen zu erklären, was passiert war. Ein anderes Auto kam, ein sowjetisches, und Vater musste einsteigen. Sie fuhren los. Wir blieben im Auto zurück und konnten nichts anderes tun als warten. Nach ungefähr zwei Stunden kehrten sie zurück. Vater durfte gehen. Er stieg zu uns ein, wendete den Wagen und fuhr so schnell er konnte zurück. Was die sowjetischen Grenzpolizisten oder Soldaten nicht wussten und auch wir erst später erfuhren: Vater hatte zwei Kilo Heroin im Auto versteckt, die er nach Maku bringen wollte. Uns hatte er nur als Tarnung mitgenommen. Unvorstellbar, was geschehen wäre, hätten die Russen das entdeckt.

Dank Geschäften dieser Art knüpfte mein Vater Kontakte zu Leuten, die im Iran viel zu sagen hatten. Männer, die an der Revolution beteiligt gewesen waren und wichtige Posten übernommen hatten und die sich ihren Einfluss nun vergolden ließen. Sie ermöglichten es ihm jedoch auch, mehr und mehr seinen eigentlichen Beruf auszuüben. Meine Mutter erzählt noch heute, wie er aufblühte, als er endlich als Architekt arbeiten durfte. An die Aufträge kam er natürlich nur mit Bestechungsgeldern. Aber er konnte irgendwann mit einem Freund ein Büro eröffnen, und meine Mutter war glücklich, ihn legal arbeiten zu sehen. Mein Vater war ja eigentlich kein Gangster, er hatte nur seine Familie ernähren müssen. Dass er noch immer Opium rauchte, störte meine Mutter zwar, aber sie wagte es nicht, ihn darauf anzusprechen. Denn das Allerwichtigste war, dass er sie nicht mehr schlug.

Zu jener Zeit hatte meine Mutter schon meinen Bruder zur Welt gebracht, aber wir lebten noch immer in dem Haus mit dem großen Hof und den Termiten. Mutter wollte so schnell wie möglich ausziehen. Vater dagegen wollte sich Zeit lassen, bevor wir in eine größere Wohnung oder ein eigenes Haus ziehen würden. Er hatte wohl keine Lust, so viel Geld zu investieren, solange der Krieg noch andauerte. Man dachte, nach vier, fünf Jahren sollte er langsam ein Ende finden, aber beide Seiten waren nicht am Frieden interessiert. Der Iran hätte den Krieg bereits Anfang der Achtzigerjahre für sich entscheiden können, als Saddam Hussein seine ausweglose Situation erkannt hatte. Dieser Unmensch hätte einem Waffenstillstand wohl sofort zugestimmt. Aber der Iran sah damals wohl seine Chance, jetzt den Irak zu erobern und die schiitische Revolution dort weiterzuführen. Als das dem Westen bewusst wurde, bekam Saddam jegliche Unterstützung, die dieses Szenario verhindern konnte. Ein kapitaler Fehler. Denn so mussten auf beiden Seiten unschuldige Menschen sterben, und meine Splittersammlung wurde immer größer.

Zu dieser Zeit war ich fünf oder sechs Jahre alt, und wieder rannte ich bei jeder Gelegenheit, die sich mir bot, aus dem Haus und lief kilometerweit in die Stadt. Ich kannte nur die eine Strecke. Stundenlang lief ich geradeaus und hielt nur an, wenn mir etwas spannend vorkam. Allerdings gab es da einiges: Das iranische Regime ließ jeden Tag Militärfahrzeuge voll irakischer Geiseln, seine Kriegsgefangenen, durch die Stadt fahren, und die Menschen jubelten den Soldaten zu oder warfen Steine gegen die Scheiben der Busse. Ich zwängte mich durch die Menge nach vorn und sah durch die Scheiben die verängstigten Gesichter der irakischen Soldaten. Sie hatten Angst um ihr Leben, und sie taten mir leid. Ich fragte mich, ob sie ihre Mütter vermissten, und ich verstand nicht, warum die Menschen um mich herum nicht fühlten, was ich in jenem Moment fühlte. Ich war ein Kind. Ich kannte weder Hass noch Rachegelüste. Ich sah nur die jungen Männer, die gefangen in einem Bus saßen und ihre Mütter vermissten. Bestimmt gab es auch einen irakischen Jungen, der dasselbe auf der anderen Seite dachte.

Meine Eltern lernten bald, wo sie mich suchen mussten, wenn ich wieder einmal verschwunden und nicht bei Großmutter war: entweder dort, wo eine Rakete eingeschlagen hatte, oder dort, wo es Menschenansammlungen oder Kundgebungen gab. Wenn sie mich nicht fanden, kam ich irgendwann von selbst nach Hause, weil ich Hunger hatte.

Eines Abends, als ich während eines Sandsturms spät zu Hause eintraf, völlig verdreckt und über und über mit feinem Staub bedeckt, der sogar in meinen Wimpern hing, weinte meine Mutter und gab mir zum ersten Mal eine Ohrfeige. Ich hatte schon Prügel bezogen. Aber von Großmutter. Ihre Schläge taten nicht weh, und ich fürchtete mich nicht davor, immerhin wusste ich dann, dass ich Mist gebaut hatte und damit schleunigst aufhören musste. So war sie eben – aber Mutter? Ich hatte sie doch immer beschützt? Ich war enttäuscht und extrem verletzt. Schließlich verstand ich nicht, dass sie sich Sorgen machte, weil sie nicht wusste, ob mir etwas passiert war – zumal jede Sekunde ein neuer Angriff stattfinden konnte.