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Ein junger Autor der nationalkonservativen Wochenzeitung "Junge Freiheit" wagt sich in die Höhle des Löwen und beginnt sein Studium am Berliner Otto-Suhr-Institut, das als linke Hochburg gilt. "Halt bloß die Klappe!", lautete der Ratschlag eines Junge-Freiheit-Autors und anderer Weggefährten. Mit anderen Worten: Der Student Lion E. sollte sich lieber politisch verbergen, um den Abschluss seines Studiums nicht zu gefährden. Ein absurdes Versteckspiel nimmt daraufhin seinen Lauf. Die introvertierte Hauptfigur geht mit gespaltener Zunge durch das Studium. Doch eine Denunziation deckt den Schwindel auf ...
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2018
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ERSTES KAPITEL:
Lieber die Klappe halten
ZWEITES KAPITEL:
Eine erstaunliche Kennenlern-Fahrt
DRITTES KAPITEL
Mobbing und Wut
VIERTES KAPITEL:
Marlene und Niclas
FÜNFTES KAPITEL:
Lea und Aylin
SECHSTES KAPITEL:
Die Denunziation
SIEBTES KAPITEL:
Das Flugblatt
ACHTES KAPITEL:
Das Faktenblatt
NEUNTES KAPITEL:
Die Bachelor-Arbeit
ZEHNTES KAPITEL:
Wiedersehen mit einer alten Bekannten
Nachträge
Quellenverzeichnis
Die im Buch auftauchenden Vor- und Nachnamen von Studenten und Professoren des Otto-Suhr-Instituts sind fiktiv. Zu den Ausnahmen gehören der Name des Buchautors sowie einzelne Szenen des Buchs, in denen aus ohnehin öffentlich einsehbaren Internetseiten zitiert wird.
Dienstag, 8.2.2011
Noch habe ich die Bewerbung nicht abgeschickt. Einige Monate könnten noch vergehen, bis ich mich an der FU Berlin um einen Studienplatz im Fach Politikwissenschaft bewerbe. Vielleicht kann mir Erik heute schon von seinen Erfahrungen an der Berliner FU erzählen.
Denn auch Erik studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin. Genauer gesagt am berühmten Otto-Suhr-Institut, das als linke Hochburg gilt. Heute werde ich ihn beim Autorenstammtisch der nationalkonservativen „Jungen Freiheit“ treffen, für die ich seit einigen Jahren kleine Beiträge schreibe.
In der Kneipe des „Junge-Freiheit“-Autorenstammtischs: Herr Feltmann beklagt sich über einen SPD-Politiker, der sich nicht traue, ihn in die Facebook-Freundesliste aufzunehmen. Denn der SPD-Mann befürchtet Nachteile für seine Karriere.
Ein junger Mann mit halblangen Haaren setzte sich zu mir. Es war Erik, der gerade bei der „Jungen Freiheit“ sein Volontariat beginnt. An der FU hat er gerade seinen Bachelor in Geschichte und Politik abgeschlossen. Als ich erzähle, dass ich dort demnächst Politik studieren werde, gibt er mir einen Rat fürs Studium: „Halt bloß die Klappe, Lion!“ Er habe einmal, gar nicht so sehr öffentlich, in der Universität die „Junge Freiheit“ gelesen. Daraufhin seien zwei Mädchen auf ihn zugekommen, hätten ihn über die Zeitung hinweg kritisch angeschaut, seien dann zunächst wieder verschwunden. Dann seien aber wenig später die zwei Mädchen zusammen mit drei Jungs zurückgekommen, hätten sich vor ihm „aufgebaut“ und gefragt, woher er denn die Zeitung habe, und ob diese Zeitung etwa hier ausgelegt werde. Ob er denn wisse, was das für eine Zeitung sei. – „Ja, ist anzunehmen, steht mein Name drauf.“ Dann seien sie aber wieder gegangen. Das also steht mir bevor. Aber das wusste ich ja auch.
Dienstag, 12.4.2011, Autoren-Stammtisch der „Jungen Freiheit“
Herr Schomburg fragt mich, was ich studiere und wo. Antwort: Ab Oktober Politikwissenschaft an der FU Berlin. Mit den Professoren könnte es Probleme geben, meint er. Benotung von Hausarbeiten und so weiter. Ich daraufhin: Mache mir eher Sorgen wegen der Studenten, dass die mir womöglich das Leben zur Hölle machen werden. Schomburg: Na ja, aber da gebe es ja bestimmt auch Studenten aus meiner politischen Richtung.
Auch meine Eltern haben mir inzwischen dazu geraten, dass ich mit meiner politischen Meinung an der Universität inkognito bleiben sollte, um keine Probleme mit Professoren zu bekommen und somit den erfolgreichen Abschluss des Studiums nicht zu gefährden.
Donnerstag, 14.4.2011
„Berliner Morgenpost“: Am vergangenen Montag begingen „Autonome“ einen Brandanschlag auf eine Berliner Polizeiwache. Den bislang unbekannten Tätern werde versuchter gemeinschaftlicher Mord vorgeworfen, heißt es in dem Bericht.[1] In den meisten Medien wird gar nicht oder nur am Rande darüber berichtet.
Montag, 6.6.2011
Auch Klaudia, die meinen politischen Ansichten oft zustimmt, studiert Politikwissenschaft an der FU Berlin. Als ich ihr per Facebook davon erzählte, dass ich demnächst dieses Fach belegen will, schrieb sie mir eine wenig ermutigende Antwort:
„Als ich mich nach dem Abi für Politik einschrieb, war ich noch jung und naiv. Da war mir noch nicht klar, dass Politikwissenschaft nichts als ein linkes Laberfach ist. Zudem ist die FU voll von roten Alt-68ern und kinderlosen Genderlesben mit 2 Nachnamen. Somit habe ich da ein schweres Los gezogen... :)
Es ist wirklich erschreckend, wie inhaltsleer so ein Politikstudium ist. Man muss nichts können oder wissen, um es zu bestehen. Man muss einfach nur hohles Zeug brabbeln, möglichst viele Fach-Anglizismen verwenden und kommt so meist auf seine 2,0.”
Mittwoch, 15.6.2011:
Austritt aus den „Jungen Liberalen” (JuLis).
Dienstag, 21.6.2011:
Bewerbung um einen Studienplatz im Fach Politikwissenschaft an der FU Berlin abgeschickt.
Dazu Klaudia auf meiner Facebook-Seite:
„Nein, Lion! Tu's niiiiiiiicht!”
Samstag, 2.7.2011:
Geburtstag Lion Edler (24.).
Mittwoch, 26.10.2011
Ich hatte schon nicht mehr darauf gehofft, aber nun habe ich doch noch meinen gewünschten Studienplatz für das laufende Wintersemester erhalten – allerdings nur auf dem Klageweg. Heute kam der Brief von den Rechtsanwälten der FU: Sie machen überraschenderweise ein Vergleichs-Angebot. Ich werde noch in diesem Semester zum Studium zugelassen, wenn ich die Klage und den Antrag auf einstweilige Anordnung zurückziehe und wenn ich – oder besser gesagt meine Eltern – die Kosten übernehmen. Erstaunen und Belustigung bei mir und Papa. Die Kosten für den Vergleich sind natürlich ein herber Wermutstropfen. Nun muss aber auch der Abschluss des Studiums gelingen. Ein bisschen tun mir die Abiturienten leid, die vielleicht einen besseren Noten-Schnitt als ich haben, und die nun von mir den Platz weggenommen bekommen... Aber wenn es einen selber betrifft, dann ist die Jacke näher als das Hemd.
Facebook-Nachricht an Agnes & Birgit:
„hallo agnes & birgit, überraschenderweise bin ich doch noch auf dem rechts-weg ins politik-studium bereits in diesem semester geflutscht. also, man sieht sich. gruß, Lion.”
Antwort von Agnes, 26.10.2011:
„Hey Lion! Ich wusste es!!!! Ich wusste es , habs gewusst!!! :D Freu mich wahnsinnig für dich, das ist der Hammer, die wären ja schön blöd wenn sie dich nicht nehmen würden. tja :) Mann echt, ich bin schon ziemlich stolz auf dich- irgendwie-... schön dass du uns das erzählt hast :)”
Antwort von Birgit, 27.10.2011:
„cool :) (ich hätte mich auch beinahe einklagen müssen)...auf jeden fall: herzlichen glückwunsch! Ich glaub nen bisschen passt der liebe gott doch manchmal auf, dass man auch ‘nen bisschen glück hat. :) ich wünsch dir viel viel erfolg beim gebüffele...
vielleicht können wir dann auch mal wieder ne richtige studenten-party machen :D liebe grüßlis”
Nachricht von Klaudia, 27.10.2011:
„Oh... Hallo Lion. Weiß nicht, ob ich Dir hierzu aus vollster Brust gratulieren kann. Ich hab gerade wieder gehörig die Schnauze voll von diesem Verein! Ich gebe Dir den Rat: Die Studien- und Prüfungsordnung ist Deine Bibel. Lies sie jeden Tag, gründlich. Dann bist Du vielleicht auf der sicheren Seite. Ich habe das stellenweise nicht getan und jetzt die A****karte. Achso: Und nicht vergessen: Rückgrat und Gehirn gleich am Eingang für immer abgeben! Sonst brechen sie dich in der Mitte entzwei. Das geht recht schnell. Lies mal Orwells 84, dann verstehst Du's.
Dieser ganze Bätschelör-Mist ist total kleingeistig und bürokratisch, das wirste noch merken. Die wollen die Studenten an der kurzen Leine halten, damit jede Wissenschaft, im humboldtschen Sinne, im Keim erstickt wird. Die Studenten sollen nicht mehr denken, nur noch Lehrveranstaltungen abarbeiten und Leistungspunkte sammeln. Das macht engstirnig und so ist es gewollt. Diese Leistungspunkte erinnern mich auch ganz stark an Orwells 1984. In der Welt von „1984” werden die Leistungen der Menschen nur noch mit mathematischen Begriffen kategorisiert: Plusgut, doppelplusgut, minusschlecht usw.
Die Menschen werden über kurz oder lang zu willenlosen Robotern, denen es nicht mehr um das“große Ganze” geht, sondern nur noch um steigende Zahlen.
Eigentlich kann ich Dir nur den Tipp geben, Dein Studium nach der Prüfungsordnung durchzuziehen. Ich kann Dir noch nicht mal irgendeine Veranstaltung am OSI empfehlen. Ich habe bisher keinen einzigen Dozenten getroffen, der nicht ganz und gar links war. Einen Dozenten hab ich allerdings recht lieb gewonnen:
Martin Uthmann. Der Mann gibt immer sehr gute Vorlesungen zur Ideengeschichte der Politikwissenschaft. Er ist Kommunist, aber ein guter, intellektueller, mit Stil – kein stumpfer Antifa-Schreihals. Diesen Mann kann ich Dir wärmstens empfehlen. :)
Ich will Dir auch nicht übermäßig Angst machen: Die FU hat auch gute Seiten. Z.B. die Mensa in der Silberlaube. Und die grüne Umgebung. :) Viel Erfolg. Liebe Grüße.”
Montag, 31.10.2011
Die erste Vorlesung steht heute an! Angekommen am Otto-Suhr-Institut (OSI): In der zweiten Etage kommt mir das Geländer etwas niedrig vor... Da muss ich wohl aufpassen, wenn es da mal eine universitäre Disputation mit einem Linken gibt, dass ich da nicht über das Geländer geworfen werde?
Erste Vorlesung - „Methoden I ” , Prof. Dr. Christoph Barkhau.
Wegen bürokratischer Verzögerungen komme ich verspätet in die Vorlesung. Da es scheinbar üblich zu sein scheint, bei Verspätungen nicht vor der Tür stehen zu bleiben, riskiere ich es und gehe hinein.
Der Saal ist fast komplett gefüllt, nur in der ersten Reihe finde ich noch einige Plätze. Bei der Hektik habe ich nicht daran gedacht, mein Handy auszuschalten. Während der Vorlesung fällt es mir noch ein, doch wenn ich jetzt ausschalte, dann hört man das womöglich auch, denn es macht beim Ausschalten ein „Tuut”-Geräusch. Also lieber abwarten? Während ich noch überlege, klingelt wenige Sekunden später das Handy, direkt vor mir steht der Professor. Da es ein relativ lauter Klingelton ist, geht ein richtiges Raunen durch den Hörsaal. Tja, ein Anfang nach Maß. Der Professor schien aber recht gelassen zu reagieren.
Zwischendurch drehe ich mich um und suche im Hörsaal nach Rastalocken, um ihren prozentualen Anteil einschätzen zu können, doch ich finde niemanden. Mir scheint, dass die Studenten relativ normal aussehen. Das stimmt mich optimistisch.
Als Beispiel für eine politikwissenschaftliche „Nominaldefinition” nach Kromrey nennt Herr Professor Barkhau die Aussage, dass zu den Merkmalen einer politischen Partei unter anderem die Beteiligung an Wahlen, die Bewerbung um Regierungsbeteiligung sowie eine „demokratische Binnenstruktur” gehören. Bei einer Definition sei jedoch nicht die entscheidende Frage, ob sie stimme, sondern eine Definition stimme zunächst einmal immer. Zum Beispiel gebe es in diesem Fall sicherlich auch Parteien, die keine „demokratische Binnenstruktur” hätten und trotzdem eine politische Partei seien, die jedoch entsprechend dieser Definition aus der Kategorie der politischen Partei herausfielen. Als Beispiel nennt er „irgendwelche kommunistische Kaderparteien”. Ich finde es erstaunlich, dass er keine rechten Parteien nennt, denn undemokratische Tendenzen werden doch von Professoren normalerweise nur rechts verortet? Aber vielleicht gibt es ja rein formal wirklich nur bei kommunistischen Parteien solche Fälle? Zur Kenntnis nehme ich, dass kein Student der Aussage von Professor Barkhau bezüglich der kommunistischen Kaderparteien widerspricht. Immerhin?
Als Beispiel für eine Partei, die sich nicht um Regierungsbeteiligung bewirbt, nennen die Studenten zuerst die Satire-Partei „PARTEI” von Martin Sonneborn.
Zwischen Bahnhof und Hörsaal entdecke ich das „Rote Café”, ein auffallendes knallrotes Gebäude, das aussieht wie ein Hexenhäuschen. An der Häuserwand prangt ein schwarzes Männchen mit Zipfelmütze, Antifa-Zeichen und Bombe in der Hand. Da lieber nicht reingehen.
Abends: Im Internet nach dem „Roten Café” gegoogelt und auf die Internetseite des Cafés gekommen. Unter der Rubrik „Einkaufspolitik im Café” heißt es dort[2] :
„Wie gesagt, funktioniert das Café nach dem Do-it-yourself-Prinzip, d.h. über einen mitgebrachten leckeren Kuchen oder selbstgemachten Brotaufstrich freuen wir uns alle…
(Bitte schreibt nur dazu, ob die Sachen vegan/vegetarisch sind. Tote Tiere mögen wir ohnehin nicht so sehr im Café).
Etwa einmal im Monat nehmen wir am Antirassistischen Einkauf zusammen mit den Bewohner_innen des Flüchtlingsheims in Hennigsdorf teil, der von der Gruppe United against Racism and Isolation u.r.i. organisiert wird.
Unser Kaffee der Marke Las Chonas ist bio, fair gehandelt und stammt von der feministischen Frauenkooperative COMUCAP, die von dem Erlös autonome Frauenprojekte in Honduras unterstützt. Wir beziehen ihn über das Café Libertad-Kollektiv, welches aus einer Solidaritätsinitiative mit den zapatistischen Gemeinden in Chiapas entstanden ist und diese durch seine Einkünfte unterstützt. (...). Der Tee im Café stammt von Ökotopia, vegane Aufstriche und Sojaprodukte bestellen wir über die Foodkooperative „FC Schinke09” in Kreuzberg.”[2]
Das sind nun also meine Kommilitonen.
Kommentar von Papa zu dem Text auf der Internetseite des „Roten Café”: „Da wirste ja vollkommen schwul, wenn du da drinne bist...!”
Im Internet gefunden:
„´´Vor dem fünften Semester traut sich da keiner rein“, meinen manche. „Ein rotes Haus für linke Hitzköpfe“, meinen andere. „Dass seit der Hörsaalbesetzung der Kicker weg ist, schmerzt schon sehr“, meint Johannes, ein engagierter Dauergast, nüchtern. Im wöchentlichen Plenum berät er mit anderen über das Rote Café und dessen Programm, über Finanzen, über Aktionen, über den Einkauf. „Füllt die Kassen der Revolution – Bezahlt den Kaffee“, steht selbstironisch auf dem Schild über dem Solibecher. (...) Für einen offenen Raum wirken die Menschen teils sehr verschlossen, wenn jemand neues umgeht. Kulturkritik muss nicht bei der freundlichen Begrüßung anfangen. (...)”[3]
Dienstag, 1.11.2011
Mittags:
Habe einen „Junge-Freiheit”-Artikel über eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung an den Innenpolitik-Redakteur abgeschickt. Danach zur Uni gefahren.
Wegen der Wartezeit beim Info-Service erreichte ich auch das „Ersti”-Colloquium mit Verspätung. Das Ersti-Colloquium wird von Studenten organisiert und geleitet und richtet sich – wie der Name schon sagt – an Erstsemester. Die studentische Dozentin hier sagt „Lehrer_Innen” und spricht dabei tatsächlich auch das „Innen” aus. Eine weitere Kommilitonin macht es genauso. Thema heute: „Elite”. Anhand eines Textes sollen die Unterschiede im Universitätssystem zwischen Großbritannien und Deutschland herausgearbeitet werden. Wie sich später herausstellt, ist die Quelle dieses Textes eine Zeitschrift, die früher „Problem des Klassenkampfes” oder so ähnlich hieß. Diese Zeitschrift habe sich inzwischen umbenannt, weil sich die Klassenkampf-Frage aktuell nicht mehr stelle, erklärt der junge Dozent mit Irokesen-Haarschnitt.
Weiterhin lautet die Aufgabe, darüber zu diskutieren, ob und welche Zulassungsbeschränkungen es für ein Studium geben soll, und wie eine „gerechte” Auswahl von Studenten aussehen könnte. Drittens wird gefragt, ob eine Gesellschaft eine „Elite” brauche und welche Positionen diese Eliten einzunehmen hätten. Hierzu werden Gruppen gebildet. Ein Kommilitone meint, man brauche durchaus Eliten, schließlich nehme ein Unternehmen ebenfalls zwecks wirtschaftlichem Erfolg lieber den hervorragenden Mitarbeiter als den Mittelmäßigen. Die Dozentin kommt kurz zu unserer Gruppe und meint, im Kapitalismus sei es wohl in der Tat unrealistisch, dass man keine Elite brauche, denn im Kapitalismus gehe es ja immer um Profit.
Als die Gruppenarbeit dann beendet ist und sich alle wieder in den Stuhlkreis setzen, werden allgemeine Klagen über die Ungerechtigkeit des Systems der Studentenauswahl durch Zulassungsbeschränkungen an Universitäten geäußert. Immer wieder Seitenhiebe gegen die Tatsache, dass die FU Berlin eine sogenannte „Exzellenz-Universität” ist. Wir seien ja hier sehr privilegiert, meint eine Studentin – denn viele andere würden wegen der finanziellen und sozialen Lage der Eltern gar nicht studieren können.
Hauptgebäude der Freien Universität in der Garystraße: Hier besuchte ich die erste Vorlesung meines Politikstudiums / Foto: L. Edler
Otto-Suhr-Institut: Verspätet beim Ersti-Colloquium eingetroffen / Foto: L. Edler
„Die kleine dicke Rakete”: Das Rote Café in der Nähe des Otto-Suhr-Instituts / Foto: L. Edler
Blick auf den Thielpark: Die grüne Umgebung wurde mir von Klaudia als eine „gute Seite” der FU beschrieben. / Foto: L. Edler
Ein anderer meint, die ungerechte Selektion fange schon in der Grundschulzeit an, wenn manche Eltern es sich nicht leisten könnten, Nachhilfe zu bezahlen, sodass die Schüler daher nicht aufs Gymnasium kämen. Ein weiterer Student moniert, dass Kinder aus „Migranten”-Familien häufig trotz entsprechender Leistung nicht aufs Gymnasium kämen.
Manchmal meine ich es schon am Äußeren zu sehen, wie die Studenten politisch ticken. Die Nicht-Linken sehen erstens normaler aus, und zweitens merkt man ihnen mitunter einen leicht genervten Gesichtsausdruck an. Das sind anscheinend die, die sich lieber nicht äußern wollen. Bedauerlicherweise hat aber auch die einzige Dame im Kurs, die mir wirklich gefiel, durchgehend politische Äußerungen von sich gegeben, mit denen ich mich ganz und gar nicht anfreunden konnte. Die mangelnde Mischung von guten und schlechten Schülern sei das Schlimme, sagt sie. Wenn dann noch auf manchen Schulen so viele Migranten seien, dann müsse man da ja erstmal anfangen, die deutsche Sprache zu lernen. Die Eltern, die „glauben” bildungsnäher zu sein, so erklärte sie, würden dann auch noch ihre Kinder nicht etwa auf solche Problemschulen schicken, sondern eher in eine Oberschichts-Schule. Marlene heißt sie, eine kleine Rothaarige.
Nach etwa 10 Elite-kritischen Wortmeldungen erklärt ein Student aus Luxemburg, dass er es anders sehe mit der „Elite”. Sein Name ist Nils. Er verstehe überhaupt nicht, sagt Nils, warum hier so auf dem Begriff „Exzellenz-Uni” herumgehackt werde. Er habe hier den Eindruck, dass man sich nun schämen solle, weil man Student an einer solchen Uni ist – und dazu sehe er keinen Grund. Ohnehin verstehe er nicht, warum die Studenten in Deutschland alle links und immer so „auf Opposition” ausgerichtet seien. Daraufhin nickt lächelnd eine Studentin, die bisher mit herunterhängendem Mundwinkel der Veranstaltung lauschte, aber äußern tut sie sich auch nicht. Als der Luxemburger Nils bei einer späteren Wortmeldung seine Frage vergisst, meint die Leiterin des Colloquiums flapsig: „Ist auch besser so...”.
Wenige Sekunden später stellt sie klar: „Nein, das war jetzt nicht so gemeint...” Daraufhin ein murmelnder Student mit ernstem Gesichtsausdruck, der neben mir stand: „Doch, war's!” Schon bei der zweiten Uni-Veranstaltung also offenbar der erste Fall von Mobbing gegen Nicht-Linke.
Als ich nach dem Colloquium aus dem Hörsaal ging, sprach ich Nils noch einmal an und gratulierte ihm zu seinem Wortbeitrag. Es gilt schließlich, Verbündete zu finden. Papa meinte abends gar, solche Äußerungen wie die von Nils müsse ich „genau beobachten”, um die Studenten möglichst schnell einschätzen zu können. Nils sagte mir jedenfalls auf dem Weg zur S-Bahn, dass man gleich niedergemacht werde, wenn man eine Kürzung der Hartz-Sätze fordere. Als Beispiele für linke Intoleranz nennt er die aus seiner Sicht maßlose Empörung über die Äußerungen des FDP-Politikers Guido Westerwelle zur „spätrömischen Dekadenz”, sowie die Empörung über den zurückgetretenen früheren Bundespräsidenten Horst Köhler, als er sagte, die Bundeswehr müsse auch zum Schutz wirtschaftlicher Interessen eingesetzt werden.
Beim nächsten Colloquium lautet das Thema im Übrigen „Kapitalismus und Krise”. Da das Colloquium freiwillig ist, werde ich noch überlegen, ob ich diese Veranstaltung wirklich bis zum Schluss des Semesters besuchen werde. Zur Ersti-Colloquiums-Fahrt habe ich mich jedenfalls nicht angemeldet.
An der Uni auch einen ehemaligen Arbeitskollegen von der Möbelfirma wieder getroffen, der an der FU Berlin gerade Psychologie studiert. Politik finde er ja interessant, allerdings gebe es da ein paar Politikstudenten, die ein bisschen „provokativ” seien, und das finde er nicht so toll. Was er damit meine, frage ich ihn. Na ja, die würden zum Beispiel den Sozialismus einführen wollen. Ich, daraufhin: „Das ist nicht provokativ, das ist dumm.” Wobei er mir auch gleich zustimmte, obwohl er sich eben noch so zurückhaltend äußerte. Er sei 1984 in der UdSSR geboren und habe daher durch seine Eltern Einiges über den Sozialismus „mitbekommen“. Daher finde er es nicht so toll, dass manche Studenten hierzulande den Sozialismus propagierten.
Abends :
Mir kommt die Idee, ob ich über meine Zeit am Otto-Suhr-Institut ein Buch schreiben sollte, so nach dem Motto „Als Konservativer am Otto-Suhr-Institut”. Eigentlich wäre der Begriff „rechts” oder „rechtskonservativ” treffender, aber diese Begriffe wären wohl für die Betitelung eines Buchs zu missverständlich.
Facebook-Nachricht von Dieter Stein, Chefredakteur der Wochenzeitung „Junge Freiheit ” :
„Alles Roger?”
Antwort Lion Edler:
„ja, für mich hat jetzt das politik-studium angefangen. in der FU am OSI, in der höhle des löwen.”
Antwort Dieter Stein:
„Hals- und Beinbruch!”
Mittwoch, 2.11.2011:
Habe sicherheitshalber die Notizen für die „Junge-Freiheit“-Artikel aus dem Uni-Rucksack entfernt.
14-16 Uhr – Vorlesung Ideengeschichte – Prof. Martin Uthmann:
Die erste Vorlesung, der ich von Anfang an beiwohnen kann. Zu Beginn fragt Uthmann, ob jemand etwas dagegen habe, dass der RBB die Vorlesung filmt. Zweck davon sei vermutlich, so Uthmann ironisch, „Hochglanzbilder“ für die Bildungsministerin Frau Schavan zu liefern, „um zu zeigen, wie toll hier alles funktioniert.“ [Allgemeines Gelächter.] Anschließend beklagt er, dass kostenlose Tutorien für Ideengeschichte verboten wurden. Eine schriftliche „Resolution“ von Studenten wird verabschiedet, in der man sich gegen diese Maßnahme ausspricht.
Thema der Vorlesung: Die alten Griechen, Sokrates, Vor-Sokratiker und so weiter. Man merkt Uthmann seinen „Hintergrund“ an, er verweist auf Dahrendorf, Marx und Brecht. Bei den alten Griechen hätte die Regierung ein geringeres Legitimationsdefizit gehabt als beispielsweise die heutige EU. „Die Griechen zeigen uns ja gerade wieder, wie Demokratie funktioniert“. Damit spielte er auf den aktuellen griechischen Präsidenten Papandreou an, der die Griechen über das jüngste EU-„Rettungspaket“ abstimmen lassen will.
Im Flur vor der Studienberatung fand ich einen offenbar vom Allgemeinen Studierendenausschuss („AStA“) herausgegebenen Handzettel: „Vorsicht Burschenschaften! – Infoflyer gegen Burschenschaften und andere studentische Korporationen – Seid aufmerksam!“ Laut dem Handzettel gibt es in Berlin etwa 50 Burschenschaften, Landsmannschaften, Turnerschaften und Corps, die durch ein „sexistisches, völkisch-rassistisches und homophobes Weltbild“ geeint seien. Das Spektrum der dort eingeladenen Referenten reiche „vom rechtskonservativen Friedrich Merz bis zum neonazistischen Holocaustleugner Horst Mahler“. Dies zeige „die Scharnierfunktion von Burschenschaften zwischen Bürgertum, der Neuen Rechten und Faschisten“.
Ich konnte meine Neugier heute doch nicht zurückhalten und marschierte ins „Rote Café“. Irgendwie zog es mich aber nicht an, es sah nicht gemütlich aus. An der Wand hängen Aufkleber, auf einem davon steht: „Sexisten auf's Maul!“ Damit bin ich gemeint.
Donnerstag, 3.11.2011
Suchanzeige an der AStA-Pinwand: Ein Pascal will einen linken FU-Gesprächskreis gründen. Unter „links“ sei zu verstehen, dass der Gesprächskreis „antikapitalistisch UND antifaschistisch“ sei. Der Faschismus versuche gerade, über den Umweg des „Rechtskonservatismus“ wieder an die Macht zu kommen. Daneben ein Plakat, welches zu den „FrauenLesbenTrans-Orientierungstagen“ in die „AStA-Villa“ einlädt.
Eine weitere Pinwand wird gerade neu aufgestellt: Es wird mal wieder einen Uni-Streik geben. Unter dem Motto „Eck dich an“ soll man auf dreieckigen bunten Zetteln notieren, was einem am Studium stinkt und was verbessert werden muss. Die Pinwand steht gut sichtbar im Zentrum des Raums – man wird also meistens gesehen werden, wenn man dort etwas drauf schreibt.
Einer schreibt auf einen dreieckigen Zettel: „Wo ist die kritische Lehre hin? Alles neoliberal hier! & volle Seminare“.
Proseminar bei Jonas Rackmann – vergleichende Politikanalyse:
Lauter Anglizismen von Rackmann, die mich nerven. Nach der Verabschiedung sagt er den Studenten denn auch als letzten Satz: „All the best for you!“ Demnächst sei er von der (SPD-nahen) Friedrich-Ebert-Stiftung zu einer Veranstaltung eingeladen. Rackmann macht sich über Demographieforscher lustig. Deren Horrorprognosen vergleicht er mit Voraussagen aus dem 19. Jahrhundert: Damals sei prognostiziert worden, dass Berlin im Jahr 1950 wegen einer meterhohen Schicht aus Pferdemist nicht mehr begehbar sein werde. Als es um die Bedeutung des Begriffs „Konvergenz“ geht, gibt er den Tipp, man könne ja überlegen, was das lateinische Verb „convergere“ auf Deutsch heißt (sich annähern, sich zuneigen). Ob hier jemand im Kurs früher Latein gelernt habe? Zaghafte einzelne Meldungen. Daraufhin Rackmann, scherzhaft: „Jetzt geben Sie’s doch zu!“ Immerhin sah ich einige Stühle links von mir ein niedliches Tierchen mit langen blonden Haaren sitzen.
Anschließend kurz im „Roten Café“ gewesen. Am Eingang halte ich einer jungen Dame die Tür auf, die ebenfalls hinein wollte. Ein „Danke“ hielt sie offenbar für unnötig.
Freitag, 4.11.2011
An der Uni stehen neue Kommentare an der Pinwand: „Es fehlen Seminare zu Themen wie politische Utopien, Migrationspolitik und Gewerkschaften.“
14-18 Uhr, Proseminar: Konflikt- und Friedensforschung – Dozent: Prof. Dr. Alf Jansen
Arbeitsblatt eingegangen mit Anmerkungen darüber, was bei Diskussionen zu beachten ist:
„1. Gemeinsam (!) Problem- und Fragestellungen, Ergebnisse erschließen
2. Wechselseitiges Zuhören und Fragen - andere Aussagen respektieren
3. Gesprächsziel klären / zentrale Einstiegsfrage suchen
4. Entfaltungs- und Sammlungsphase (was ist wichtig? gibt es Fragen zu Begriffen?)
5. Ordnungsphase (Strukturierung, Fokussierung zentraler Aspekte)
6. Klärungsphase (einzelne Argumente werden diskutiert)
7.Zusammenfassung / Ausblick.“
Zu Punkt 2 merkt Professor Jansen an: Wenn jemand eine andere Sicht auf Fragen der Gerechtigkeit habe, dann sei er ja deshalb „nicht gleich ein schlechter Mensch“. (es ist natürlich klar, dass er mit „andere Sicht auf Fragen der Gerechtigkeit“ nur die nicht-linke Sicht meinen kann). Jedoch: „Problematisch“ werde es natürlich, wenn Aussagen kommen, die als „rassistisch“ zu werten seien. Das müsse dann auch gleich während der Debatte „offengelegt“ werden.
Vor Kurzem habe er einen Wissenschaftler getroffen, der von „Negern“ gesprochen habe. Das Schwierige sei allerdings, so Jansen, dass solche Äußerungen oftmals auch unabsichtlich geschähen, wenn manche Leute nicht wissen, wie bestimmte Begriffe belegt sind. Diesbezüglich sei allerdings zu fragen, ob hinter der unbedachten Verwendung solcher Begriffe nicht auch „implizit oder explizit“ Denkweisen stünden, die zu solchen Äußerungen führten.
Er meint, die „Internationale Gemeinschaft“ bezeichne er „nur noch als internationale Interventions-Gemeinschaft“.
Nach der Pause wird angeregt, dass bei der nächsten Sitzung die Pause von einer halben Stunde auf eine Viertelstunde verkürzt wird, damit man schneller nach Hause gehen kann. Darüber entwickelt sich eine Debatte mit Wortmeldungen, bei denen die Gegner der Verkürzung mit dem möglichen Rauchen von Zigaretten in der Pause argumentieren, sowie mit dem notwendigen „Regenerieren“. Bin mir nicht ganz sicher, ob diese Debatte mit Wortmeldungen nun aus Spaß so gemacht wird oder ob das ernsthaft für nötig gehalten wurde. Bei der abschließenden Abstimmung muss ich jedenfalls eine knappe Niederlage einstecken – die Pause wird nicht verkürzt.
Mir fällt ein Student auf, der sehr enthusiastisch und mit erstaunlichen rhetorischen Qualitäten vorträgt, einschließlich Gestik. Aber durch dauerndes Verwenden von seltsamen Fachbegriffen verstehe ich kein Wort von ihm. Ein gewisser James äußert deswegen einen etwas unhöflich formulierten Seitenhieb, wird dafür aber von Jansen zurechtgewiesen. Der rhetorisch begabte Student wirkt daraufhin etwas bedeppert, scheint sich vorgeführt zu fühlen. Nach dem Seminar sehe ich, dass er eine Tasche mit FU-Logo um die Schulter gehangen hat. Jennik Ahlert heißt er.
Nach dem Seminar mit Mama zu den Gropius-Passagen am U-Bahnhof Johannisthaler Chaussee gefahren, um neue Jeans zu kaufen (sie kennt sich damit besser aus). An der Bushaltestelle am Otto-Suhr-Institut (OSI) treffen wir auf James. Er meint, ich hätte durch mein Fehlen in den ersten Wochen noch nichts verpasst, das sei bisher nur Vorgeplänkel gewesen.
Abends: Disco, „Matrix“. Leider nicht erfolgreich, bin mal wieder am Überlegen, ob ich überhaupt nochmal in die Disco gehe.
Dienstag, 8.11.2011, 12-14 Uhr: Vorlesung - „Einführung in die Politikwissenschaf t“– Dozent: Prof. Dr. Alf Jansen.
Jansen über die 70er Jahre: Das sei eine „sehr kritische Zeit“ gewesen (das heißt im Sinne kritischen Denkens). Viel kritischer als heute sei das gewesen.
Am Ende der Vorlesung stellen die Tutoriums-Leiter ihre Tutorien vor und nennen die hauptsächlichen Themen ihres Tutoriums. 13 Tutorien waren es, wenn ich keines vergessen habe, die von jeweils mindestens einem Studenten geführt wurden. Davon nur eines mit nicht eindeutig linken Themen. Allein die Leiter von acht Tutorien nannten die feministisch dominierte Geschlechterforschung („Gender Studies“) oder „Queerfeministische Theorien“ als Thema. Eine Tutoriums-Leiterin betonte auch, dass es ihr wichtig sei, dass in ihrem Tutorium weder „Sexismen“, noch „Rassismen“, noch „Homophobie“ geduldet würden. Ich fragte mich, wie das wohl in der Praxis aussieht, dieses „nicht dulden“? Wenn da jemand eine „sexistische“ Äußerung macht – wird er dann aus dem Tutorium geschmissen?
Nach dem Vorstellen der Tutorien gehen wir in die Haupthalle des Henry-Ford-Bau, wo die Tutoriums-Leiter sich im Raum verteilen. Jeder soll sich dann sein Tutorium aussuchen, indem er zu dem entsprechenden Leiter hinläuft. Jansen meint aber, wenn sich bei einem Tutorium eine Traube bilden sollte, dann sollte man überlegen, ob man eventuell das Tutorium wechselt, damit es nicht so überfüllt ist. Ich fragte mich, ob sich nun bei dem einzigen nicht-linken Tutorium eine solche Traube bilden würde – und genauso war es. Es dachte aber auch niemand daran, wegen der Überfüllung das Tutorium zu wechseln – ich auch nicht.
14-16 Uhr, Studentisches Colloquium (Kurz: „Colloque“ ) :
Ein Leiter des Colloqiums, ein Student namens Simon, möchte klarstellen: Falls es bei der letzten Sitzung so „rübergekommen“ sein sollte, dass man die „Redner_Innenliste“ geschlossen habe, „weil wir bestimmte Meinungen nicht hören wollen“ – das sei „natürlich nicht“ der Fall.
In Gruppen soll die Bedeutung verschiedener Begriffe zum Thema Kapitalismus erarbeitet und auf bunten Papierschildern vorgestellt werden, zum Beispiel „Ausbeutung“, „Akkumulation“ oder „Kapital“. Auf einem grünen Schild wird von Studenten ein Bourgeois liebevoll mit Zylinder, Aktentasche und Zigarre gezeichnet.
Eine Leiterin des Colloquiums, Miriam, macht mich irgendwie an – obwohl sie so etwas Verkniffenes, Autoritäres, eben Linkes hat. Auffallend sind ihre komplett schwarzen Klamotten.
Habe mich nun doch für die Colloquiums-Fahrt angemeldet. Auf was ich mich da wohl wieder eingelassen habe…
In der Nähe der Bushaltestelle U-Bahnhof Thielplatz:
Im Bus treffe ich meinen Kommilitonen James. Er wollte ursprünglich auch zu meiner Tutoriums-Gruppe, weil es die einzige nicht-ideologische Gruppe gewesen sei. Aber weil es so voll war, ist er dann gewechselt.
Er erklärte mir, dass es ihn „ankotzt“, was die ersten beiden Uni-Texte seines Studiums gewesen seien:
Ein Text von Johannes Agnoli (ein 68er),
Ein Text von einer Feministin, die meint, dass der Begriff
„
Familie
“
erfunden worden sei, um damit das Patriarchat zu stützen.
Zu Hause:
Studien- und Prüfungsordnung gelesen. Zum Glück nicht weiter kompliziert. Als zeitlicher Aufwand für die Vor- und Nachbereitung der Vorlesungen wird in der Studien- und Prüfungsordnung in der Regel das Doppelte der Vorlesungs-Zeit veranschlagt, also drei Zeitstunden pro Woche. Dazu dann noch für Prüfungs-Vorbereitung drei Stunden pro Woche. Insgesamt also je Vorlesung sechs Stunden Aufwand pro Woche. Wer's glaubt, wird selig.
§8 Abs.2 der Studienordnung:
„Im Rahmen der Module des Kernfachs muss eine Lehrveranstaltung besucht werden, die als genderrelevant ausgewiesen ist. Mindestens eine entsprechende Lehrveranstaltung wird in den Pflichtmodulen jedes Semester, in den Wahlpflichtmodulen einmal jährlich angeboten.“
Mittwoch, 9.11.2011
Immer noch hängt im OSI die Pinwand, auf der die Studenten mitteilen sollen, was ihnen am Studium missfalle. Einer schrieb dort nun, dass er die „Kommunismus-Propaganda“ am OSI satt habe. Diese Leute sollten die Studenten gefälligst „endlich mit eurer Ideologie in Ruhe“ lassen. „Stimme voll zu!!!“, schreibt darunter jemand mit drei Ausrufezeichen. Ein neben mir stehender Student kann den Äußerungen auf dem Zettel nichts Positives abgewinnen: „Reaktionäres Pack!“, schimpft er.
An der Bushaltestelle des U-Bahnhof Thielplatz fand ich auf dem Boden einen Studenten-Ausweis:
Tobias Dankel, Matrikelnummer: ---, Studiengang: Sozialkunde, Englische Philologie / Fachsemester: 1“
Unterschrieben ist der Ausweis nicht - das hat er wohl vergessen. Habe beschlossen, ihn zunächst bei Facebook zu suchen. Falls ich ihn dort nicht finde, mache ich im OSI einen Aushang.
Abends:
Habe ihn bei Facebook gefunden. Laut seiner Facebook-Seite ist er unter anderem ein Anhänger von Gandhi, Martin Luther King und Obama.
Donnerstag, 10.11.2011
Ich begebe mich zum S-Bahnhof Berlin-Ostkreuz und gehe dort zum Treffpunkt für die Abfahrt zur Kennenlern-Fahrt des Colloquiums nach Malberburg. Die kleine Marlene mit den roten Haaren und roten Fingernägeln steht neben Niclas, einem gemütlichen, lustigen Typ in lässiger Kleidung, etwas beleibt. Marlene beklagt sich darüber, dass ihre Fingernägel durch die Handschuhe stechen würden. Daraufhin Niclas: „So ist das, wenn man ein Raubtier ist. Sollen wir dir einen Kratzbaum besorgen?“
Etwas später bezeichnet Niclas den „Spiegel“-Journalisten Jan Fleischhauer beiläufig als „so'n richtiger konservativer Wichser“. Niclas zitiert aus Fleischhauers Film „Unter Linken“. Dort habe Fleischhauer „versucht“, sich darüber lustig zu machen, dass eine Gleichstellungsbeauftragte der Grünen Jugend sich dafür ausspricht, statt „Vergewaltiger“ auch „Vergewaltiger_innen“ oder „Holocaustleugner_innen“ zu sagen. Allerdings bemerkte ich später den Widerspruch, dass Niclas sich selber über diese „Innen“-Sprache lustig macht.
Angekommen in Malberburg: Ein sehr kleines Dorf, das fast nur aus dem Ferienlager und einem Bäcker zu bestehen scheint, der aber auch nur morgens geöffnet hat. Essen gibt es in dem Ferienlager nur vegan, außer morgens, da gibt es immerhin Milch und Käse. Viel Salat und lauter Schälchen mit bunter Pampe drin. Habe keine Ahnung, was das sein soll. Aber mir schmeckte es jedenfalls.
Im Tagungsraum hängt ein Plakat an der Wand:
„Schöne Fahrt für Alle!“
[der Buchstabe „A“ im Wort „Alle“ ist als Anarchie-Zeichen geschrieben.]
Weiter heißt es auf dem Plakat: „Wir wünschen uns eine Fahrt, auf der sich Alle wohlfühlen. Deshalb:
nehmt Rücksicht aufeinander
hört euch zu
achtet auf persönliche Grenzen
Was wir nicht wollen, sind Diskriminierungen aller Art, seien sie sexistisch, homophob, rassistisch, antisemitisch oder sonstwie Scheiße! :-) Fühlt ihr euch unwohl, sprecht uns an! Viel Spaß!“
Insgesamt nehmen ungefähr 40 Leute an der Kennenlern-Fahrt teil. Die Übernachtung kostete für die Organisatoren wohl rund elf Euro pro Person. Weil es Zuschüsse vom AStA für diese Reise gab, musste jeder Student nur 30 Euro für Übernachtungen plus Verpflegung bezahlen. Bier kostet nur 50 Cent, das koffeinhaltige „Mate“-Getränk 1 Euro, Wein 3,50 Euro. Der Koch Sebastian ist ein leicht verpennert wirkender Punk mit rot gefärbten Haaren und T-Shirt-Aufschrift „Ich bin schizophren“. Er stellt sich als „von Beruf Langzeitstudent“ vor, der demnach, wie er scherzhaft meint, unser „Feind“ sei, da er dafür sorge, dass unseresgleichen die Studiumsplätze weggenommen würden.
Ich bin in einem 8er-Zimmer untergebracht, zusammen mit Steffen, Niclas, einigen anderen Jungs, und als einzigem Mädchen Marlene. Sie meint, es mache ihr nichts aus, dass sie in dem Zimmer nur von Jungs umgeben ist. Das finde sie sogar besser, als beispielsweise nur mit Mädchen in einem Zimmer zu sein. Scherzhaft meint Marlene, sie habe eigentlich vorgehabt, zum „Gender“-Tag mit Schürze zu kommen. Daraufhin Niclas: „Besser NUR mit Schürze...!“
Kennenlern-Spiele:
Alle stellen sich im Kreis auf, und dann muss der Tennisball zu einem Mitspieler geworfen werden, während man dessen Namen sagt – dann das Ganze umgekehrt. Das soll dazu dienen, sich die Namen besser zu merken. Dann bekommen alle einen Zettel auf den Rücken mit einem darauf stehenden Begriff. Anschließend sollen sich alle in Gruppen sortieren, weil viele Begriffe zu einer Begriffsgruppe gehören – wie beispielsweise Farben, Personen und so weiter.
Ich war in der Gruppe der RAF-Terroristen, auf dem Zettel auf meinem Rücken stand der Name Gudrun Ensslin.
Dann bekommt jede der sechs oder sieben Gruppen einen Gegenstand, mit dem sie ein Theaterstück in der Länge von fünf Minuten aufführen sollen. In dem Stück soll dargestellt werden, wo wir uns in 30 Jahren als Politikwissenschafts-Absolventen sehen. Die meisten Stücke werden zu Dystopien mit Kapitalismuskritik: Ein Richter, der „sponsored by Initiative Neue soziale Marktwirtschaft“ seinem Beruf nachgeht, während ein gelb-grüner Senat regiert. Ein Politikwissenschaftler, der arbeitslos wird, weil er seine Ideale nicht verraten hat, während seine ehemaligen Kommilitonen hübsch angezogen bei der Kanzler-Fete des FDP-Politikers Philipp Rösler feiern.
Jedoch: Zwei Vorführungen machen sich zumindest etwas über die Gender-Thematik lustig. Beispielsweise ist da die ständig griesgrämig gelaunte „Gender-Oma“ zu sehen, die ihre Gesprächspartner gouvernantenhaft dazu ermahnt, das feministische „_Innen“ nicht zu vergessen. Da diese Rolle von Moritz gespielt wird, wird er von den Kommilitonen fortan der „Gender-Moritz“ genannt. In unserer Truppe heißen nämlich drei Personen Moritz.
Abendessen: Eine Mehrheit scheint das Zeug mit der feministischen „_Innen“-Sprache durchaus völlig lächerlich zu finden. Eine Studentin: „Aber der Grundgedanke ist ja richtig, dass man auch das weibliche Geschlecht repräsentiert...“ Gegen die Regelung wird vor allem damit argumentiert, dass das einfach kein vernünftiges Deutsch sei.
Nach dem Abendessen im Tagungsraum:
Die Studenten diskutieren über Meinungsfreiheit. Gender-Moritz kritisiert, dass der Rapper „King Orgasmus One“ in einer Fernsehsendung von fünf Leuten „niedergemacht“ worden sei und dass man dort nicht fair mit ihm umgegangen sei. Die Aussagen des Rappers seien ja frauenfeindlich, darüber müsse man nicht diskutieren, aber man müsse auch solchen Meinungen „Raum geben“. Daraufhin Jutta: Nein, das verstoße doch gegen die Menschenwürde, man könne doch nicht einfach jede Person „jeden Scheiß sagen lassen“.
Dazu antwortet Nils, der kürzlich im Colloquium als Einziger gegen die allgemeine Elite-Kritik Stellung bezog: „Doch, das ist ein Grundgedanke der Demokratie!“ Auch bei der NPD argumentiert der Gender-Moritz ähnlich bezüglich Meinungsfreiheit. Er sympathisiere freilich nicht mit der NPD, aber „ich verteidige die Demokratie“.
Das Gros der Studenten scheint mir gar nicht allzu stark auf Politik fixiert zu sein. Es wird, wie ich finde, überraschend wenig über Politik diskutiert. Zumindest gibt es auch andere Themen, wie bei anderen Jugendlichen auch: Feten, Frauen, Alkohol, Quatsch-Filme.
[Nachtrag: Bei einem späteren „Stühle-Pogo“-Spiel stimmten auch nur zwei von etwa 40 Studenten der Aussage zu „Politik ist mein Leben“].
Freitag, 11.11.2011
Der „Gender-Tag“. Eine Colloque-Leiterin namens Michelle sagt am Anfang der Sitzung, dass sie nun erstmal erklären wolle, warum man das Thema so interessant finde, dass man sich einen ganzen Tag damit beschäftigen wolle. Schließlich würden ja „gerade Frauen“ immer wieder sagen: Wozu brauche man das denn noch, Frauen seien doch längst gleichberechtigt. Und da kommt die Erklärung von Michelle: Die Einteilung in Mann und Frau sei eines der wichtigsten Kriterien, nach denen man Menschen einteile. Die Colloque-Leitung finde jedoch, dass Normen für Geschlechterrollen hinterfragt werden müssten. Colloque-Leiterin Miriam zitiert denn auch die Feministin Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“
Als Erstes wird ein Arbeitsblatt ausgeteilt, auf dem eine sogenannte „Power-Flower“ zu sehen ist. Die auf dem Arbeitsblatt abgebildete Blume zeigt Unterscheidungsmerkmale von Menschen wie weiblich/männlich, Deutscher/Ausländer, Weiß/nicht-weiß oder christlich/andere Religion. Auf dem äußeren Rand der dargestellten Blume befinden sich „äußere“ Merkmale der Unterscheidung, die laut der Erläuterung eines Colloque-Leiters im Allgemeinen zu Diskriminierungen führen würden: Weiblich, Ausländer, nicht-weiß, andere Religion,... Nun sollen die Studenten auf der Blumen-Grafik ausmalen, welche Merkmale auf sie zutreffen, von der Herkunft bis zur sexuellen Orientierung.
Nachdem alle fertig waren, erklärt ein Colloque-Leiter, dass man anhand des nun entstandenen Bildes auf einer Blume – der „Power-Flower“ – sehen könne, wie privilegiert wir seien. Er selbst habe nur zwei „äußere“ Merkmale angekreuzt. Und das war dann das Fazit zu diesem Arbeitsblatt – unvermittelt wird zum nächsten Tagesordnungspunkt übergeleitet: Die Studenten werden in eine Männer- und in eine Frauengruppe geteilt, die sich daraufhin in zwei separate Räume bewegen. Dort findet ein sogenanntes „Positionierungsspiel“ statt: Auf dem Boden wird die Mitte des Raumes durch eine Linie markiert. Wer einer vorgelesenen Aussage voll zustimmt, muss in die eine Ecke des Raumes; wer sie ablehnt, in die andere. Und wer unentschieden ist, muss eben auf die Mittellinie. Dieses Spiel kenne ich schon aus meiner CDU-Zeit, als das „Mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus“ meinen damaligen CDU-Ortsverband besuchte.
[Nachtrag, 13. November 2015: „Gesinnungsschnüffelei“ nennt Papa dieses Spiel.]
„Power Flower“ entlarvt Diskriminierung: Man sehe daran, wie privilegiert wir seien / Foto: L. Edler
Die Aussagen, zu denen man sich positionieren sollte, lauteten:
Frauen können Kinder besser erziehen als Männer.
Als Mann muss man weniger Angst haben, wenn man abends das Haus verlässt.
Der Mann ist dafür verantwortlich, dass die Frau einen Orgasmus bekommt.
Ich entspreche dem Bild von Männlichkeit.
Ich habe mir schonmal gewünscht, dem anderen Geschlecht anzugehören.
Bei der ersten Frage bekannten sich von 14 Personen nur zwei als zumindest nicht völlig ablehnend gegenüber der These. Nils steht ziemlich allein am Rand des Raumes auf der Seite der Befürworter. Bei der letzten Frage positioniert sich der Großteil der Anwesenden zustimmend (bei den Mädchen war es etwas mehr als die Hälfte).
Nils stellt sich bei der vorletzten Frage auf die ablehnende Seite am Rand des Raums. Männlichkeit bedeute für ihn, eine Familie zu gründen, und solange das nicht der Fall sei, entspreche er nicht dem Bild von Männlichkeit. Ein Colloque-Leiter meint daraufhin, es sei ja „toll“, dass es hier auch „vielleicht konservative“ Meinungen gebe. Jedoch sei die Auffassung von Nils „etwas veraltet“, zudem habe er in seinem Alter ja noch etwas Zeit, um eine Familie zu gründen. Als bei der Diskussion über diese Frage das Schlagwort von der „neuen Männlichkeit“ in den Raum geworfen wird, zeigen sich die Studenten eher skeptisch und frustriert – man sieht kaum eine „neue Männlichkeit“ im Anmarsch. Einer meint, die Sache mit den rasierten Achselhaaren sei nur so eine Mode, das ändere sich auch wieder, da könne man noch nicht von neuer Männlichkeit sprechen. Außerdem fülle ein Mann wie Mario Barth immer noch Stadien, in denen er den Leuten erzähle, dass Männer und Frauen so unterschiedlich seien und wie witzig das sei. In einer weiteren Diskussion beklagen sich Einige über die von ihnen so bezeichnete „Staatssexualität“, weil der Staat davon ausgehe, dass Heterosexualität der Normalfall sei. „Gender-Moritz“ wendet sich gegen diese Kritik. Dass der Staat von der Heterosexualität als Normalfall ausgehe, findet „Gender-Moritz“ richtig, denn Fortpflanzung sei nun einmal nur durch Mann und Frau möglich.
Mittagessen: Marlene: Sie habe den „Gender“-Tag bislang doch interessant gefunden, besonders den Punkt „Diskriminierung von Frauen durch Frauen“. Das mache sie selbst auch „ganz krass“, und das sei ihr nun erst richtig bewusst geworden.
Weil ich keinen Platz an den großen Tischen mehr bekomme, muss ich mich an den Zwei-Personen-Tisch mit dem Colloque-Leiter Simon setzen. Er fragt mich gleich aus, wie es mir bisher gefallen habe und so. Man dürfe ja die Fragen in dem „Positionierungs-Spiel“ nicht zu suggestiv machen, meint er. Daraufhin ich, weil er nach den richtigen Worten suchte: „Du meinst, dass man nicht in eine Meinung gedrängt wird" – Ja, sagt er, so meinte er das. Man wolle natürlich auch immer Meinungen hören, die nicht mit dem „Mainstream“ schwimmen; er hoffe, dass das gelungen sei. Andererseits gebe es auch absoluten Unsinn, den man dann auch irgendwann nicht mehr hören wolle. Das sei „ein ganz schmaler Grat“.
Nach dem Mittagessen wird ein Text gelesen: Isabell Lorey - „Der Körper als Text und das aktuelle Selbst: Butler und Foucault“.
Im Text geht es darum, wie viele Geschlechter es gibt. Nach einer sehr feministischen Lesart lautet die Theorie wie folgt: Der Mensch habe nicht nur ein „biologisches Geschlecht“, sondern auch ein „soziales Geschlecht“, welches aber nur durch gesellschaftliche Normen aufgezwungen werde. Ein Junge verhalte sich also nur männlich, weil ihm das von der Gesellschaft so eingetrichtert werde, und bei Mädchen gelte das Gleiche. Also entsprechend dem Satz von Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“. Das sogenannte „soziale Geschlecht“ wird dabei mit dem englischen Fachbegriff als „gender“, und das „biologische Geschlecht“ als „sex“ bezeichnet. Die Autorin des von uns hier gelesenen Texts geht nun aber noch einen Schritt weiter und zweifelt nun auch die Existenz von zwei biologischen Geschlechtern an; in dem für mich ziemlich unverständlichen Text von Isabell Lorey aus dem November 1993 heißt es unter anderem:
„Butler will mit einem dekonstruktivistisch-diskurstheoretischen Ansatz Denkmuster, die auf Essenzen und natürliche Tatsachen rekurrieren, überschreiten. Exemplarisch diskutiert sie dies an der für feministische Theorie zentralen Auseinandersetzung um die Trennung von „sex“ und „gender“. (...) Erklärungsmuster, die soziales Frau-Sein aus dem weiblich anatomischen Körper ableiteten, konnten so zurückgewiesen werden.“[4]
Die „binär(en) anatomischen Merkmale“ von Männern und Frauen seien allerdings eine „Tatsache“. Dieses Zugeständnis wird später im Text jedoch relativiert:
„Dieser Mechanismus verschleiert indes, dass der natürliche Körper nicht vor dem bezeichnenden Diskurs liegt, also prädiskursiv ist, sondern durch die wiederholten darstellenden Akte oder Handlungen erst in seiner Bezeichnung als „weiblicher“ oder „männlicher" hervorgebracht wird. In diesem Sinn ist der Körper eine Bezeichnungspraxis (ebd., 204). Somit ist die „Tatsache" einer binären Anatomie keine unhinterfragbare Prämisse, sondern in ihrer Faktizität der Effekt einer historisch spezifischen Bezeichnungspraxis“.[4]
