Hannah Arendt - Elisabeth Young-Bruehl - E-Book
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Hannah Arendt E-Book

Elisabeth Young-Bruehl

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Beschreibung

Das Standardwerk ›Hannah Arendt. Leben Werk und Zeit‹ zur größten Philosophin des 20. Jahrhunderts Hannah Arendts Leben und Werk wird hier in der definitiven Biographie von Elisabeth Young-Bruehl beschrieben. Als Schülerin Arendts konnte sie den Nachlass der großen Philosophin sowie deren Korrespondenz auswerten. Es ist ihr ein hochgelobtes und differenziertes Porträt von Hannah Arendt im Kontext ihrer Zeit gelungen. Die vorliegende Ausgabe enthält das neue, umfangreiche Vorwort zur amerikanischen Ausgabe, in dem Young-Bruehl auf alle neuen Materialien eingeht, die seit der ersten Veröffentlichung ihrer Biographie aufgefunden worden sind, sowie auf die neuern Diskussionen von Arendts Werk.

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Seitenzahl: 1229

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Elisabeth Young-Bruehl

Hannah Arendt

Leben, Werk und Zeit. Erweiterte Ausgabe mit neuem Vorwort

 

 

Über dieses Buch

 

 

Das Standard-Werk - jetzt mit neuem Vorwort

 

Elisabeth Young-Bruehl war Schülerin von Hannah Arendt in New York und hat auf Grundlage des Nachlasses und der Korrespondenz die definitive Biographie zu dieser wichtigen Philosophin verfasst. Die aktuelle Ausgabe wird nun durch das neue, umfangreiche Vorwort der englischen Ausgabe ergänzt, in das Young-Bruehl in jüngster Zeit entdeckte Dokumente und Zeugnisse einbezogen hat. Nach wie vor der Standard zu Leben, Werk und Zeit der großen Philosophin Hannah Arendt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books 2016

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1982 unter dem Titel »Hannah Arendt. For Love of the World« im Verlag Yale University Press, New Haven/London

© 1982 by Elisabeth Young-Bruehl

Second edition copyright © 2004 by Elisabeth Young-Bruehl

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1986

© Vorwort zur zweiten Ausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015

ISBN 978-3-10-403800-1

 

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Inhalt

Vorwort

Elisabeth Young-Bruehl Vorwort zur zweiten Auflage

Danksagung

Erster Teil: 1906-1933

1.Unser Kind (1906-1924)

Königsberger

Eine überschattete sonnige Kindheit

Schwere traurige Jahre

Sturm und Drang

2. Die Schatten (1924-1929)

Leidenschaftliches Denken

Außerordentlich und wunderbar

Nächstenliebe

3. Das Leben einer Jüdin (1929-1933)

Verteidiger der Philosophie

Biographie als Autobiographie

Schritte in Richtung Politik

Tage und Nächte

Eine zionistische Rebellion

Zweiter Teil: 1933-1951

4. Staatenlose (1933-1941)

Ihr Volk

Heinrich Blücher

Lektionen über den Faschismus

Auf dem Weg zur Emigration

5. Treue ist das Zeichen der Wahrheit (1941-1948)

Orientierungen, Verpflichtungen

Für eine jüdische Armee

Der Zeiten Last: Die Jahre der Endlösung

Tröstungen

Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

6. Ein privates Gesicht im öffentlichen Leben (1948-1951)

Die Europäer

Politische Theorie für die Gegenwart

Martha Arendts Tod

Bestätigungen

Grundlagen für das zukünftige Philosophieren

Dritter Teil: 1951-1965

7. In der Welt zu Hause (1951-1961)

Die Doppelmonarchie

Spielarten des Anti-Kommunismus

Amerika und Europa: Nachdenken über die Revolution

Eine »Laudatio« in Europa

Eine Kontroverse in Amerika

Amor mundi

8. Cura Posterior: Eichmann in Jerusalem (1961-1965)

Die Prozeßberichterstatterin

Die Banalität des Bösen

Die Eichmann-Kontroverse

Rückwirkungen

Unbeantwortete Fragen

Vierter Teil: 1965-1975

9. Amerika in finsteren Zeiten (1965-1970)

Die Republik

Auftritte in der Öffentlichkeit

Über die Revolution

Ein Rückblick auf die totale Herrschaft

Macht und Gewalt im Jahr 1968

Abschied von Jaspers

Moral und politisches Handeln

Blücher

10. Nicht mehr und noch nicht: Vom Leben des Geistes (1970-1975)

Der Trost der Philosophie

Das Geschäft des Denkens

De Senectute

Das letzte Jahr

Die Arbeit des Verstehens

Anhang

Bildteil

1. Die Cohns und die Arendts aus Königsberg

Martha Cohns Familie

Paul Arendts Familie

2. Arendts Dissertation: Eine Synopse

Anmerkungen

Chronologische Bibliographie der Werke Hannah Arendts

Bücher

Artikel

Kolumnen und Artikel im »Aufbau«

Namenregister

Bildnachweis

Vorwort

Viele der europäischen Flüchtlinge, die während des Zweiten Weltkriegs und davor nach Amerika kamen, waren häufig von Land zu Land geflohen und konnten kein einziges ihre Heimat nennen. Wenn sie ihre Lebensgeschichte der Verfolgung und Verschleppung, der persönlichen Verluste und der politischen Katastrophen erzählten, dann ahnten ihre amerikanischen Zuhörer eine Welt, die auf neuartige und nahezu unfaßbare Weise aus den Fugen geraten war. Jeder Erzählende war, wie Brecht schrieb, ein Bote des Unglücks.

Diejenigen Künstler und Intellektuellen, die Mittel und Wege zum Arbeiten finden konnten, begannen sehr bald, das ihre zu leisten, oft Hervorragendes. Ihre Bedeutung für die amerikanische und für die Weltkultur ist allseits bekannt – sie waren eine große Bereicherung für Mathematik und Physik, Musik und Malerei, Soziologie und Psychoanalyse. Doch auch wenn die Flüchtlinge begannen, sich eine neue Heimat zu schaffen und ihr zerrissenes Leben zu heilen, blieb die ungeheuerliche Geschichte, zu der ihre individuellen Botschaften als Schlüssel dienten, für ihre eigene und für zukünftige Generationen noch zu erzählen.

Die meisten Darstellungen und Analysen Nazi-Deutschlands, die in den fünfzehn Jahren nach Kriegsende entstanden, wurden von geflüchteten Sozialwissenschaftlern geschrieben, die schon vor dem Krieg begonnen hatten, sich Notizen zu machen. Aber ein Buch, The Origins of Totalitarianism[*], kam von einer studierten Philosophin, die außerhalb eines kleinen Emigrantenzirkels in New York unbekannt war und nie zuvor ein größeres Werk über Geschichte oder politische Theorie geschrieben hatte. Der Beifall, den die Kritiker Hannah Arendts Arbeit spendeten, war enorm: »Ein Meisterwerk«, »Sie ist mit Marx vergleichbar.« Während der folgenden vierundzwanzig Jahre errang Hannah Arendt mit ihren zahlreichen Essays und Büchern, von Vita activa bis hin zu Vom Leben des Geistes, internationalen Ruhm und eine Spitzenstellung unter den Theoretikern ihrer Generation.

Stets eine kontroverse Denkerin, eine Einzelgängerin, die sich von akademischen Schulen, politischen Parteien und ideologischen Programmen fernhielt, erreichte Hannah Arendt ein immer größer werdendes Publikum. Akademiker wie Laien erwarteten mit der Zeit außergewöhnliche Einsichten von ihr; sie empfanden, was Hannah Arendt selbst 1968 in ihrem Vorwort zu einer Sammlung von Porträts ausgedrückt hatte: »Noch in den finstersten Zeiten haben wir ein Recht, eine gewisse Erleuchtung zu erwarten. Sie kommt wahrscheinlich weniger von Theorien und Begriffen als von dem ungewissen, flackernden und oft schwachen Licht, das einige Männer und Frauen durch ihr Leben und Werk unter fast allen Umständen entzünden und auf die Zeitspanne werfen, die ihnen auf Erden gegeben ist.«[1]

Das Licht, das die Werke eines Menschen ausstrahlen, tritt direkt in die Welt ein und leuchtet auch nach seinem Tod weiter. Ob es hell oder dunkel, flackernd oder beständig ist, das hängt von der Welt und ihrer Entwicklung ab. Die Nachwelt wird es beurteilen. Doch das Licht, das vom Leben eines Menschen ausgeht – gesprochenen Worten, Gesten, Freundschaften –, überlebt nur in Erinnerungen. Soll es in die Welt eintreten, dann muß es eine neue Form annehmen, überliefert und weitergegeben werden. Aus vielen Erinnerungen und Geschichten muß eine Geschichte hervorgehen.

Ich werde Hannah Arendts Geschichte erzählen, wie ich sie aus schriftlichen Quellen und aus Zeugnissen noch Lebender, die sie kannten, zusammengetragen habe. Die Geschichte ihrer europäischen Generation und unserer finsteren Zeiten ist weit mehr als nur ein szenischer Hintergrund für ihre individuelle Lebensgeschichte; ihr Leben spiegelt sie ebenso wider, wie ihr Werk versuchte, sie zu verstehen. Biographien konzentrieren sich ihrem Wesen nach auf ein bios. Aber sie setzen voraus, daß dieses eine Leben, obwohl es nur ein Teil einer größeren Geschichte ist, zukünftigen Generationen dargestellt werden sollte. Die Nachwelt mag auch das Leben beurteilen; der Biograph hat nur die Entscheidung zu treffen, daß die Geschichte erzählenswert ist.

Öffentliche Anerkennung erhielt Hannah Arendt erst, als sie fünfundvierzig war, nachdem sie schon achtzehn Jahre lang außerhalb Nazi-Deutschlands im Exil gelebt hatte. Mit einem Gemisch aus Überraschung und Verdruß fragte sie ihren Freund und Lehrer Karl Jaspers: »Schrieb ich Ihnen, daß ich für eine Woche zum Covergirl avancierte und mich auf allen Newsstands sehen mußte?«[2] Von dem Tag an, als sie die Autorin von The Origins of Totalitarianism scheu vom Titelblatt einer Ausgabe des Saturday Review of Literature von 1951 lächelnd vor sich sah, bis zu dem Tag, als sie in ihr erstes amerikanisches Fernsehinterview einwilligte – unter der Bedingung, daß man die Kamera hinter ihrem Rücken aufstellte –, bemühte sich Hannah Arendt, ein Leben mit einem weithin bekannten Gesicht zu vermeiden. Ihr Freund W. H. Auden lieferte ihr eine Formulierung ihres Grundes hierfür: »Private Gesichter in der Öffentlichkeit/Sind klüger und schöner/Als öffentliche Gesichter im Privaten.«

Persönliche Zurückhaltung und massive Schutzvorkehrungen für ihren »Denkraum« könnten seltsam erscheinen bei einer Philosophin, die politisches Handeln und die öffentliche Sphäre anpries. Hannah Arendt sah darin keinen Widerspruch: »In Fragen der Theorie und des Verstehens«, sagte sie, »ist es für Außenseiter und Zuschauer nicht ungewöhnlich, eine schärfere und tiefere Einsicht in die tatsächliche Bedeutung dessen zu gewinnen, was vor ihnen und um sie herum passiert, als dies den wirklich Handelnden oder Beteiligten möglich wäre, da diese ja völlig in den Ereignissen aufgehen müssen. … Es ist sehr wohl möglich, die Politik zu verstehen und zu reflektieren, ohne ein sogenanntes politisches Wesen zu sein.«[3] So wahr dies auch sein mag, die Zeit, die sie als »sogenannte politische Wesen« verbracht haben, kann den Außenseitern einen Vorrat an Erinnerungen schaffen, auf den sie zurückgreifen können, wenn sie die gegenwärtigen Akteure beobachten. Hannah Arendt wußte, daß sie aufgrund von Temperament und Neigung nicht für das politische Handeln oder das öffentliche Leben geeignet war, aber sie war nicht immer Zuschauerin gewesen: In den Jahren, bevor sie durch ihre Werke öffentlich bekannt wurde, hatte sie sich in der jüdischen Politik betätigt. Sie hatte für die Deutsche Zionistenorganisation gearbeitet; war führende Mitarbeiterin der Pariser Filiale von Jugend-Aliyah gewesen, einer Zionistenorganisation, die jungen Flüchtlingen half, ihr Leben in Palästina vorzubereiten; hatte eine politische Kolumne für die deutschjüdische Zeitung Aufbau in New York geschrieben; und sich Judah Magnes' Kampagne von 1948 für einen Zweivölkerstaat in Palästina angeschlossen. Als sie sich selbst die theoretische Frage stellte, »Was ist Politik?«, hallten in ihren Antworten Jahre des Nachdenkens darüber nach, was jüdische Politik sein könnte oder sein sollte.

Doch Arendts Interesse am politischen Handeln wäre vielleicht niemals so tief gegangen wie es ging, hätte sie nicht ein sehr politisches Wesen – Heinrich Blücher – kennengelernt und geheiratet. Diesem ehemaligen Spartakisten und Kommunisten aus Berlin, ihrem autodidaktischen geistigen Mitarbeiter, widmete sie The Origins of Totalitarianism [Elemente …]. Kurt Blumenfeld, der deutsche Zionist, der Hannah Arendt als Studentin in sein lebenslanges politisches Problem, die »Judenfrage«, eingeführt hatte, erkannte die Rolle, die Heinrich Blücher für das Durchdenken von Arendts erstem amerikanischen Buch spielte. Als er ein Exemplar von The Origins of Totalitarianism erhielt, schrieb er ihr, wieviel Freude es ihm bereitete, sich der Gespräche zu erinnern, welche die drei während der Entstehung des Buchs in New York geführt hatten, und er betonte auch, was er selbst Blücher verdankte: »Von ›the unpublished political philosophy of the person to whom it [Origins] is dedicated‹ halte ich viel, wenn ich in meinen Erinnerungen spazierengehe.«[4]

Der innere Dialog des Denkens hat, wie Hannah Arendt immer behauptete, keinen Drang, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, aber er hat sehr wohl den Impuls, mit ausgewählten Anderen zu kommunizieren. Im Falle Arendts griff der Impuls, der das Solitäre des Denkens überwindet, auf ihren Mann über. Wer das Glück hat, einen solchen Vertrauten als Gesprächspartner zu finden, kann den inneren Dialog seines Denkens nach außen wenden und seine ursprüngliche Entdeckung umkehren, daß Gespräche weitergehen können, auch wenn keine Partner da sind, indem man sie nämlich zwischen »mir und mir selbst« fortführt. Hannah Arendts Zurückgezogenheit, ihr sorgfältiges Schützen der Privatsphäre, hielt eine bemerkenswerte Ehe aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Diese beiden willensstarken und hochgeistigen Menschen beherrschten das erlesene Reich ihrer Konversation fünfunddreißig Jahre lang uneingeschränkt. Es gab Palastintrigen und politische Debatten, aber die Harmonie blieb. Zeitweise erhielt sie ein kurzes öffentliches Moment: Arendts Between Past and Future war »Für Heinrich, nach fünfundzwanzig Jahren«. Sie bildeten, wie ihr Freund Randall Jarrell es formulierte, eine »Doppelmonarchie«.

Hannah Arendt hatte, wie Hans Jonas bei ihrer Bestattung sagte, ein »Genie für die Freundschaft«. In ihren eigenen Worten war ihre Triebkraft der Eros der Freundschaft; und sie hielt ihre Freundschaften für das Zentrum ihres Lebens. Arendt widmete ihre Bücher ihren Freunden; zeichnete ihre Porträts in Worten, schrieb Beiträge zu ihren Festschriften, schickte ihnen zum Geburtstag Gedichte und Briefe, zitierte sie, erzählte immer wieder ihre Geschichten. Die Sprache der Freundschaft beherrschte sie perfekt. Aber der Sprachfluß hatte lange Zeit gebraucht, um in Gang zu kommen – Jahre, in denen Muttersprache und Freundschaft oft die einzigen Fixpunkte in einem Strom von Krieg, Exil, neuen Sprachen und unvertrauten Bräuchen waren. In ihrer Jugend war sie nicht besonders wählerisch gewesen, und ihre sanfte Mutter hatte sie oft mit der Frage geneckt: »Sag mal, Hannahchen, wer steht jetzt in deiner Gunst und wer nicht?« Ihr ganzes Leben lang war sie eigenwillig, leicht aus der Fassung zu bringen, scharf in ihren Urteilen und reizbar; sie konnte, wie Karl Jaspers sagte, widerborstig werden. Mit dem angespannten Nachdruck derjenigen, die Weltgeschichte im Sinn haben, fegte sie alle beiseite, die nur an sich dachten. Aber Treue zu denen, mit denen sie eine tiefe Bindung begründet hatte, war ein Wesenszug ihrer Natur, und Großzügigkeit ihr Gütesiegel – ihr oft geheimes Gütesiegel, denn sie glaubte, daß die Rechte nicht wissen sollte, was die Linke tut, wie sie auch überzeugt war, daß das Wissen nicht wissen kann, was das Denken tut. Die Sprache war ihr bevorzugtes Medium des Gebens – und des Empfangens –, aber sie gab auch Freßpakete, Parties, Ausbildungsbeihilfen, Geburtstagsblumen, Dinners, Spenden und jedes Gefühl, das die Bedachten sich hätten wünschen können, mit Ausnahme des einen, das sie fürchtete und verachtete: Mitleid.

Freunde vielfältiger Art umgaben die Doppelmonarchie, und ihre Geschichten sind für Hannah Arendts Geschichte so wichtig, wie es ihre Unterstützung und Kritik für Arendts Werk waren. Einige der Freunde begegneten einander, andere nicht; einige führten den begehrten Titel Dichter, andere, wie Karl Jaspers, ein Lieber Verehrtester, der allmählich zu Lieber Freund wurde, wechselten die Anrede im Laufe der Jahre. In Paris war der intellektuelle Freund, den sie mehr als alle anderen schätzen und tief betrauerten, als er 1940 von eigener Hand starb, der Literaturkritiker Walter Benjamin. Während des Krieges, in New York, war Kurt Blumenfeld, kein Denker ersten Ranges, jedoch ein Mann, dessen gutes Urteil Arendt mit ihrem höchsten Kompliment auszeichnen konnte, immer hast du recht, ihr wichtigster Diskussionspartner. Obwohl Hannah Arendt oft mit dem Theologen Paul Tillich sprach und sich einmal direkt nach einer Diskussion mit ihm an den Schreibtisch setzte, um einen bemerkenswerten Essay, »Organisierte Schuld«, zu verfassen, hatte ihre geistige Übereinstimmung Grenzen, die sie beide respektierten: »Wir haben uns geeinigt, nicht die Bücher des je anderen lesen zu müssen.«[5] Der Schriftsteller Hermann Broch trat 1946 in ihren Lebenskreis ein, und Arendt schrieb an Blumenfeld, der nach Palästina abgereist war, »und das ist auch bereits das beste Neue, was in Deiner Abwesenheit hier vorgefallen ist«.[6]

Karl Jaspers hatte Arendt als Studentin kennengelernt, und sie erneuerte und vertiefte die Beziehung nach dem Krieg durch einen Briefwechsel, bevor sie Jaspers bei ihrer ersten Rückreise nach Europa im Jahr 1949 besuchte. Sie betrat das Basler Haus von Karl und Gertrud Jaspers, so erzählte sie einem Freund, wie man nach Hause kommt. Der Philosoph Martin Heidegger war während der Universitätsjahre Arendts Lehrer gewesen und wurde zum Freund. Aber er wurde niemals in den Kreis der Doppelmonarchie einbezogen, sondern blieb, wie Arendt ihn nach ihrer Begegnung im Jahr 1924, als sie achtzehn war, in einem Gedicht bezeichnet hatte, ein Fremder beim Bankett.[7]

Heidegger, Benjamin und Broch waren »poetische Denker«, Männer, die Arendt wegen ihrer Liebe zur Sprache schätzte. Jeder von ihnen war auf seine eigene Weise »so altmodisch, als sei er aus dem neunzehnten in das zwanzigste Jahrhundert wie an die Küste eines fremden Landes verschlagen« (wie sie über Benjamin schrieb).[8] Blumenfeld und Jaspers waren ältere und eher väterliche Männer, deren humanitas und Sorge um die Welt ihr eine Stütze waren.

Nach dem Krieg erweiterten die Blüchers die »Peergruppe« um einige amerikanische Freunde. Eher literarische und politische als philosophische Affinitäten zogen sie zu Randall Jarrell, Alfred Kazin, Dwight Macdonald, Philipp Rahv, Robert Lowell, Harold Rosenberg und Mary McCarthy. Die meisten dieser Freundschaften hatten über die Jahre ihre zyklischen Hochs und Tiefs, aber die Freundschaft mit Mary McCarthy wurde immer enger. Ihr widmete Arendt im Jahr 1969 On Violence [deutsch: Macht und Gewalt].

Die amerikanischen Intellektuellen-Freunde hüteten die Blüchers wie einen Schatz. Sie sind »in ihren Diskussionen ohne Fanatismus und Argumenten in einem erstaunlichen Maß zugänglich«, teilte Arendt Jaspers im Jahr 1946 mit. »Jeder Intellektuelle ist hier bereits auf Grund der Tatsache, daß er ein Intellektueller ist, in Opposition. Das bringt schon der überall herrschende gesellschaftliche Konformismus mit sich, die notwendige Empörung gegen den Gott des Success.«[9] Während Hitlers Machtergreifung, zu einer Zeit, als »das persönliche Problem doch nicht etwa [war], was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten«,[10] hatte sie einen Horror vor elitären, opportunistischen Intellektuellen entwickelt. Ihre neuen amerikanischen Freunde machten ihr Hoffnung auf Freiheit im »Leben des Geistes«. Einen Freund gegenüber einem Europäer als sehr amerikanisch anzupreisen, bereitete ihr großes Vergnügen.

Doch obwohl die amerikanischen Freunde liberal waren, fehlte ihnen die tiefe persönliche Verwurzelung in der europäischen Kultur, die Hannah Arendts Leben und Werk nährte. Die amerikanische Staatsbürgerschaft war ihr wertvoll; sie verhalf ihr aus der Staatenlosigkeit und wies ihr eine Rolle in einer Republik zu, deren Regierungsform sie mehr als alle anderen bewunderte. Aber persönlich war sie am dankbarsten dafür, in einem Land zu leben, wo sie »die Freiheit hatte, Staatsbürgerin zu werden, ohne den Preis der Assimilation zahlen zu müssen«.[11]

Sie klammerte sich an ihren europäischen Hintergrund, besonders an die deutsche Sprache, wobei sie ihre Muttersprache eigentlich nie durch das Englische ersetzte. »Die Worte, die wir in der Alltagssprache verwenden«, erklärte sie in einem ihrer mit Germanismen durchsetzten englischen Sätze, »erhalten ihr spezifisches Gewicht, das unseren Sprachgebrauch leitet und uns vor gedankenlosen Clichés bewahrt, durch die vielfältigen Assoziationen, die automatisch und unverwechselbar aus dem Schatz großer Dichtung aufsteigen, mit dem die jeweilige Sprache … gesegnet ist.«[12]

Zusätzlich zu ihrer intellektuellen »Peergruppe« – nur Europäer und nur Männer – und den amerikanischen Freunden hatten die Blüchers einen »Stamm«. Diese Gruppe bestand aus Blüchers Freunden aus seiner Zeit in der Brandler-Gruppe, einer Fraktion der Kommunistischen Partei Deutschlands, Arendts Freunden aus den Universitätsjahren, und einigen deutschsprachigen Personen, die sie schon früh in Amerika kennengelernt hatten. Das waren die Emigranten, mit denen man Deutsch sprechen konnte, die Freunde, die auf ein Goethe-Zitat mit einem Heine-Zitat antworten konnten, die deutsche Märchen kannten. Der Stamm feierte Geburtstage zusammen, rutschte bei Blüchers Sylvester-Parties gemeinsam ins neue Jahr, kümmerte sich um die Kinder und um die Arbeit der anderen. Einige aus dem Stamm verbrachten den Sommer zusammen in den Catskills, andere begingen gemeinsam das Passahfest. Sehr gebildet, aber (mit Ausnahme der »Hanse« – Hans Jonas und Hans Morgenthau) keine Denkpartner, waren die Stammesmitglieder gute Gesellschaft und zutiefst loyal.

Entscheidend war die Treue des Stammes: »Die alten Freunde sind doch besser als die neuen. Dies ist bei uns zur stehenden Redensart geworden«, schrieb Arendt.[13] Daß diese stehende Redensart tiefen Wurzeln entsprang, wird deutlich an der sorgfältigen Unterscheidung, die sie am Anfang ihres öffentlichen Abschieds von W. H. Auden zog: »Ich habe Auden erst später in seinem und meinem Leben kennengelernt – in einem Alter, wo die leichte, erkennbare Intimität von Freundschaften, wie man sie in der Jugend schließt, nicht mehr erreicht werden kann, weil nicht genügend Lebenszeit oder Lebenserwartung bleibt, die man miteinander teilen könnte; daher waren wir sehr gute Freunde, aber keine engen Freunde.«[14]

Die beiden ältesten, engsten Freunde der beiden Stammesoberhäupter lebten nicht in New York. Robert Gilbert, Blüchers Jugendfreund aus Berlin, ein Liedermacher und Dichter, zog nach einer kurzen Zeit in Amerika nach dem Krieg in die Schweiz. Anne Mendelssohn Weil, Hannah Arendts Jugendfreundin aus Königsberg, wurde französische Staatsbürgerin. Arendts erstes Buch, Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, trug die Widmung: »Für Anne, seit 1921.« Blücher, der nicht schrieb, konnte seinem Freund kein Buch widmen, aber nach Blüchers Tod zollte Hannah Arendt »Cher Robert« einen schriftlichen Tribut, als sie seine gesammelten Gedichte mit einem »Nachwort« versah.

Die Freunde aller Art, aber auch die historischen Gestalten, zu denen Hannah Arendt eine besondere Affinität empfand, etwa Rosa Luxemburg und Rahel Varnhagen, hatten einen Wesenszug gemeinsam: Jede einzelne dieser Personen war auf ihre besondere Weise Außenseiter. In Hannah Arendts persönlichem Vokabular waren wirkliche Menschen »Parias«. Ihre Freunde waren nicht Ausgestoßene, sondern Außenseiter, manchmal freiwillig und manchmal durch Schicksal. Sie waren im weitesten Sinne unangepaßt. »Sozialer Nonkonformismus«, sagte sie einmal unverblümt, »ist das sine qua non großer intellektueller Leistungen.«[15] Und sie hätte wohl noch anfügen können, auch der menschlichen Würde. Aus Situationen, in denen sozialer Konformismus vorherrschte, zog sie sich eilig zurück, oft mit Hilfe einer weiteren ihrer stehenden Redensarten: »Das hier ist nichts für meiner Mutter Tochter«; »Ich bin allergisch gegen Werbung«; »Das hier ist doch alles nur Rummel.« Hannah Arendt bewahrte sich ihre Unabhängigkeit, und sie erwartete von ihren Freunden, daß sie dasselbe taten. Nicht viele enttäuschten sie, und einige wenige übertrafen sie. Jaspers hatte, was sie für einen idiosynkratischen Blick hielt, obwohl es ihm, dem ehemaligen Psychiater, ganz einfach erschien: »Sie sagen, daß nur Parias menschlich sind, – ich denke: auch Geisteskranke.«[16]

Die Unabhängigkeit des Denkens und Lebens, die sie an ihren Freunden immer geschätzt hatte, wurde für Arendt noch wichtiger, als sie sich ihrem Lebensende näherte. »Die Gespräche waren nun die älter gewordener Menschen, Du nur ein wenig, ich viel älter«, schrieb Jaspers ihr 1966. »Sie waren so schön wie immer, vielleicht gingen sie manchmal in eine andere Tiefe, ohne so übermütig zu sein wie früher. Wir vergewisserten uns bei all den verschiedenen sachlichen Inhalten wieder der gemeinsamen Denkungsart, von der sich wenig sagen läßt. In ihr ist auch die Freude an der schönen Welt und das Grauen vor dem Bösen, der Versuch, im Denken bis an das Äußerste zu gelangen, und die Gelassenheit.«[17] Ja, schrieb sie Jaspers, als sie über seinen Brief und über ihren sechzigsten Geburtstag nachdachte, zu dem er gratulierte, « … aber es ist der Anfang des Alters, und ich bin eigentlich sehr zufrieden. Mir ist ein bißchen wie als Kind – endlich erwachsen. Jetzt meint es – endlich gelassen; …«[18] Wie Jaspers brauchte Hannah Arendt im hohen Alter die großen Philosophen, Gefährten in geistigen Dingen. Diese Gefährten, die ihr seit ihrer Jugend in der Heimatstadt Immanuel Kants nahe gewesen waren, wurden Freunde. Und die Geschichte dieser Freundschaften bedeutete der verborgenen Denktätigkeit ihres Selbst am allermeisten. Es ist die Geschichte, in der Hannah Arendts Genie für die Freundschaft ihr die zeitlosen Freundschaften bescherte, die das Leben genialer Menschen inspirieren.

Außer den wenigen persönlichen Bemerkungen, die Hannah Arendt in Interviews machte, verwischte sie eifrig alle autobiographischen Spuren. Sie hatte auch sehr feste Vorstellungen von der Angemessenheit der Biographie, als einer Art Geschichtsschreibung, für alle, die nicht – wie der Staatsmann, der General oder der Revolutionär – als Handelnde in der Welt der Politik auftraten. Die Form der Biographie, behauptete sie, ist »ziemlich ungeeignet für diejenigen, bei denen das Hauptinteresse nicht in der Lebensgeschichte liegt, wie beim Leben von Künstlern und Schriftstellern und ganz allgemein Männern und Frauen, die durch ihr Genie gezwungen waren, sich die Welt auf Distanz zu halten, und deren Bedeutung hauptsächlich in ihren Werken liegt, den Artefakten, die sie der Welt schenkten, nicht der Rolle, die sie in ihr spielten.«[19] Aber diese Unterscheidungen besagen genauso viel über Hannah Arendts eigene starre Trennung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, zwischen Werk und Handeln, wie sie über Schriftsteller, Werke und die Welt verraten. Oft ist es die Distanz einer herausragenden Persönlichkeit zur Welt, die den historischen Hintergrund und die Zeitstimmung enthüllen kann. »Es ist ein Fluch, in interessanten Zeiten zu leben«, lautet ein altes chinesisches Sprichwort, das Hannah Arendt gerne zitierte, und in unseren allzu interessanten Zeiten haben Biographien von Künstlern und Schriftstellern oft die Bemühungen des Einzelnen zum zentralen Thema, Distanz zu der Welt herzustellen – wobei einige kapitulierten.

»Unsere Begierigkeit, in der Öffentlichkeit berichtet, ausgebreitet und diskutiert zu sehen, was ehemals streng persönliche Angelegenheiten waren und niemanden etwas anging«, schrieb Hannah Arendt einmal, als sie eine Biographie Isak Dinesens rezensierte, »ist wahrscheinlich weniger berechtigt als unsere Neugier zuzugeben bereit wäre.«[20] Dieser Warnung folgte sie, als sie Biographisches über Menschen schrieb, die sie gut kannte. Sie schrieb nicht über Intimes. Die Porträts in ihrer Galerie, Men in Dark Times, entstanden durch die magische Umkehrung einer Schattenriß-Technik: Sie folgte dem Licht, das ihre Freunde auf die Finsternis unserer Zeiten geworfen hatten, und schuf Porträts frei von »sterblicher Roheit«, als habe sie den Befehl gegeben, »wie ein Luftgeist sollst du wandeln«. Doch obwohl sie einen klatschhaften »Realismus« vermied, versuchte sie auch nicht, pädagogisch gezielte Idealisierungen oder »Leben« in der moralistischen Weise Plutarchs vorzulegen; sie schrieb politische, exemplarische Erzählungen.

Eine Biographie voller romanhafter Beschreibungen von Orten, Menschen und Zeiten wäre jemand wie Hannah Arendt nicht angemessen. Was aufgezeigt werden muß, sind die historischen Grundlagen für ihre Verallgemeinerungen, die besonderen Erfahrungen, die ihr Denken anregten, die Freundschaften und Lieben, von denen sie zehrte und – wenn möglich – ihre Denkweise oder ihr Denkstil. Der »Ort des Denkens« ist so unzugänglich wie das »denkende Ich«, aber etwas von der Denkweise läßt sich fassen, und zwar genauso – oder mehr – durch Gesprächszusammenhänge und Briefe wie durch die veröffentlichten Werke.

In Hannah Arendt kamen gegensätzliche Strömungen zusammen, was ihr Denken sowohl bereicherte als auch aufwühlte. In einem Brief, den sie 1947 an Kurt Blumenfeld schrieb, konnte sie zum Beispiel sagen, »Dabei bin ich sonst ganz fröhlich, weil man ja nie etwas gegen seine eigene Vitalität tun kann. Und so wie Gott die Welt geschaffen hat, gefällt sie mir halt ausnehmend gut.« Das empfand sie, obwohl sie mit einem Buch über die »Region des brutal Tatsächlichen« kämpfte, das mit totalitären Mitteln in diese Welt eingeführt wird und »diese neueste Fabrikationsart« des Todes mit sich bringt. Aber kaum hatte sie sich als fröhlich bezeichnet, da zeigte sie auch schon ihre andere Seite: »Kurz, ich habe meine Art von Melancholie, aus der ich nur durch Nachdenken mich rausgrappeln kann.«[21] Hannah Arendt kämpfte darum, sich eine Haltung zu bewahren, die sie amor mundi nannte, Liebe zur Welt. Daher ist »philosophische Biographie«, trotz der unangenehmen Nähe zu einer contradictio in adjecto – denn das Denken ist unsichtbar, die Philosophie zeitlos – genau das, wonach die Geschichte von Hannah Arendts amor mundi verlangt.

Wenn Hannah Arendt Geschichten erzählte – »Schicksalsanekdoten«, um mit Isak Dinesen zu sprechen –, brachten sie ihr die Menschen näher; ihre Geschichten brachten sie nicht zu den Menschen. Ungeachtet aller Probleme der Zurückgezogenheit, der eigenen Tarnung und des Ausmaßes der Selbsterkenntnis, schrieb Hannah Arendt gerade deshalb nichts Autobiographisches, weil sie Gesellschaft liebte und brauchte. An ihrem Lebensabend fragte sie einen Verleger, der ihr vorgeschlagen hatte, ihre Memoiren zu schreiben: »Wenn ich meine Geschichten aufschreibe, wer wird dann noch vorbeikommen und mir beim Erzählen zuhören?« Mit dem, was sie ihre Scheharazaderie nannte, bewahrte sie sich vor der Einsamkeit – wie sie es seit ihrer Kindheit immer schon getan hatte.

Aber anders als ihr Freund W. H. Auden bat Hannah Arendt ihre Adressaten nicht, ihre Briefe zu vernichten, und sie bemühte sich auch nicht, die Spuren ihres Privatlebens aus ihrem schriftlichen Nachlaß zu tilgen. Sie übergab die Zeugnisse ihrer Lebensgeschichte der Öffentlichkeit, etwa Sammelbibliotheken, und erwies so denjenigen in zukünftigen Generationen, die sich damit beschäftigen wollen, einen Dienst. In ihren Zugeständnissen an die posthume Öffentlichkeit, wie auch in dem Respekt, der einem Menschen gebührt, dessen Geistesleben, das in ihren Büchern so genau zum Ausdruck kommt, auf die Nachwelt überging, steckt ein impliziter Auftrag an alle, die über ihr Leben schreiben: Schaut, was die persönlichen Schicksalsanekdoten über das Werk und die Welt, die öffentlichen Dinge, zu sagen haben; schaut, welche Erleuchtung sie in unseren finsteren Zeiten bringen. Um diesem Auftrag zu folgen, sollte der Lebenslauf aus der Perspektive seines Abschlusses betrachtet werden: Nicht so, daß der Verlauf das Ende »erklären« kann oder umgekehrt, sondern so, daß beides, die Veränderungen und die Kontinuitäten, im Lichte des Zeitpunkts erscheinen kann, in dem das »Privileg zu urteilen anderen überlassen wird«.

Die früheste Urkunde in den von Arendt hinterlassenen Papieren beginnt mit den Worten: »Johanna Arendt wurde geboren am 14. Oktober 1906 um 91/4 Uhr abends, an einem Sonntage. Die Geburt hatte 22 Stunden gedauert und verlief normal. Das Kind wog 3695 gr.«[22] Mit diesen Sätzen begann Martha Cohn Arendt, die Geschichte ihrer Tochter aufzuschreiben, und dieser bemerkenswerte Bericht, betitelt Unser Kind, ist die wichtigste schriftliche Informationsquelle über Arendts Kindheit.

Das Buch Unser Kind befand sich in einer Mappe mit Andenken an die Jahre der Flucht und der Neuansiedlung: Martha Arendts Reisepaß des Deutschen Reiches; Hannah Arendts Geburtsurkunde, französische carte d'identité, amerikanische Pässe und Visa; die Scheidungsurteile der Blüchers aus ihren ersten Ehen und ihre eigenen Heiratsurkunden; und ein kleines Buch, in das Martha Arendt die Namen, Geburtstage und Todesdaten der Arendts und Cohns ihrer Generation und derjenigen ihrer Eltern eingetragen hatte. Diese Dokumente lieferten einen chronologischen Rahmen für diese Biographie und die Richtlinien für die Familienchroniken, die im ersten Anhang enthalten sind.

Hannah Arendt trug während ihrer Exiljahre Abschriften von Gedichten aus den Jahren 1923 bis 1926 – insgesamt einundzwanzig – bei sich, die sie schließlich in diese Mappe mit Andenken steckte. Sie fertigte maschinenschriftliche Kopien und legte sie zu den Gedichten, die sie in den vierziger und frühen fünfziger Jahren in New York geschrieben hatte. Zusammen mit den Gedichten bewahrte sie eine Abschrift ihres einzigen autobiographischen Textes – »Die Schatten« – auf, den sie nach ihrem ersten Studienjahr im Alter von neunzehn geschrieben hatte. Diese Schriften, die persönlichsten und privatesten, die je aus ihrer eigenen Feder flossen, sind hier ausführlich zitiert worden. Auch die Gedichte wurden aufgenommen.

Andere Relikte der europäischen Vergangenheit hatten in gesonderten Mappen Platz gefunden. Eine enthielt mehrere Kopien eines großen Plakats, das Hannah Arendts Promotion in Philosophie und Geisteswissenschaften an der Universität Heidelberg anzeigte. Eine weitere Mappe enthielt die gedruckte Ausgabe von Arendts Dissertation, »Der Liebesbegriff bei Augustin«, 1929 beim Springer Verlag in Berlin veröffentlicht. Sie hatte dieses Exemplar bei ihrer Flucht aus Deutschland im Jahr 1933 mitgenommen, es während der Jahre in Frankreich bei sich behalten und dann, zerschlissen und fleckig, nach Amerika mitgebracht, das einzige Zeichen ihrer glänzenden, aber kurzen akademischen Karriere in Deutschland.

Diese Ordner waren in einer Reihe von Aktenschränken untergebracht und befinden sich jetzt in der Library of Congress, gewissenhaft nach einem System etikettiert, das die Facetten eines komplizierten Lebens auseinanderhält: Manuskripte, Exzerpte, Rezensionen, Radio und Fernsehen, Verlage, Chicago, The New School, Finanzen, Wiedergutmachungssache, und in mehreren Schubladen Korrespondenz (persönlich). In dieser Reihe hatte es noch weitere Akten gegeben, bevor Hannah Arendt sie in Archiven deponierte. Der Kongreßbibliothek machte sie zwei Geschenke, eine Sammlung von Manuskripten und Vorlesungsnotizen sowie einen Stapel von Unterlagen zur »Eichmann-Kontroverse«; dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach schenkte sie eine Sammlung von Briefen an und von Kurt Blumenfeld, Karl Jaspers, Martin Heidegger und anderen, die durch ein Vermächtnis aus ihrem eigenen Nachlaß vervollständigt wurde. Heinrich Blüchers Papiere und Transkripte wurden dem Bard College übergeben, an dem er fast zwei Jahrzehnte lang gelehrt hatte. Diese Sammlungen von Papieren bilden die Grundlage für die Geschichte von Arendts Jahren in Amerika, ihrer Laufbahn als politische Theoretikerin, ihrer amerikanischen Freundschaften und ihrer Beziehungen zu den Mitgliedern des Emigrantenstammes. Ich habe sie alle zu Rate gezogen, mit Ausnahme der Heidegger-Korrespondenz, die für Wissenschaftler nicht zugänglich ist.

Hannah Arendt hatte ihre Aktenschränke im Schlafzimmer stehen, einem asketischen, schmucklosen Raum. In der letzten Wohnung der Blüchers, am Riverside Drive, waren die Arbeits- und Diskussionsräume das Entscheidende, und alles, was nicht in diese Räume gehörte, war so eingerichtet, daß es nicht auffiel. Das Eßzimmer und die Bibliothek befanden sich in einem Raum; bei den Mahlzeiten blickten all die alten Freunde von vier Wänden voller Bücherregale auf sie – Platon, Aristoteles, Kant, Goethe, Rilke. Die meisten der Bücher stehen jetzt in einem speziellen Raum der Bard College Library, gleich unterhalb der Gruft, wo die Urnen der Blüchers beigesetzt sind.

Auch das Wohnzimmer und Arendts Arbeitszimmer waren ein Raum. In der Nähe der großen Fenster, die auf den Riverside Park und den Hudson River blickten, standen ein Schreibtisch und ein kleinerer Tisch für die Schreibmaschine. Dicht daneben befanden sich die Regale, auf denen ihre eigenen Werke standen: Rahel Varnhagen: The Life of a Jewish Woman, The Origins of Totalitarianism, The Human Condition, Between Past and Future, On Revolution, Eichmann in Jerusalem, Men in Dark Times, On Violence, Crises of the Republic, die meisten nicht nur in amerikanischen, sondern auch in britischen, deutschen und französischen Ausgaben, und einige in holländischer, schwedischer, spanischer, portugiesischer und japanischer Übersetzung. Diese Bücher und ein Pappkarton voller vergilbter Reprints und Zeitungsartikel lieferten die Grundlage für die hier als zweiter Anhang aufgenommene Bibliographie.

Im Mittelpunkt dieses geräumigen Wohnzimmers standen Sofas und Stühle, ein kleiner Getränkeständer, der von der Seite herangezogen wurde, und ein Kaffeetisch, voller Zigaretten, Streichhölzer, Aschenbecher, dazu ein Arsenal von Nußschalen, Minze-Schalen und Gläsern mit Plätzchen – das Diskussionszentrum. Aber wenn Besucher kamen, lockten die Fenster sie durch den Raum, auf Arendts Schreibtisch zu. An diesem Tisch schien Arendts Arbeit die ganze Zeit über voranzugehen, selbst wenn sie mit ihren Besuchern in der Mitte des Zimmers saß und redete. Und auf dem Tisch war auch das unerläßliche Publikum für die Arbeit zugegen: Photographien von Martha Cohn Arendt, von Heinrich Blücher und von Martin Heidegger. Dieses Publikum sah zu, und die Arbeit stand direkt vor ihnen, als Hannah Arendt in ihrem Wohnzimmer an einem Herzinfarkt starb, während Freunde zu Besuch waren. Die erste Seite von »Judging« [Das Urteilen], dem dritten und letzten Teil ihres letzten Werks steckte in der Maschine – leer, bis auf den Titel und zwei Epigraphen.

Hannah Arendts Freundin und literarische Nachlaßverwalterin, Mary McCarthy, hat die beiden vorliegenden Bände des Spätwerks The Life of the Mind [deutsch: Vom Leben des Geistes] herausgegeben, die 1978 veröffentlicht wurden. Die Vorstudien und die Sammlung von Notizen für »Das Urteilen« befinden sich jetzt in der Library of Congress; im Deutschen Literaturarchiv liegt eine Kollektion von kleinen »Gedankenbüchern«, voll von Arendts Einfällen sowie griechischen, lateinischen, englischen, französischen und deutschen Zitaten – die Notizen, die sie aufbewahrte, solange sie an ihren amerikanischen Büchern arbeitete.

Als sie 1975 im Alter von neunundsechzig starb, war Hannah Arendt kinderlose Witwe. Viele der amerikanischen Freunde und die meisten der Stammesmitglieder mischten sich bei ihrer Beisetzung unter die Menge der Trauernden, aber die geistige Peergruppe fehlte – nur Martin Heidegger lebte noch –, und von den Familienangehörigen waren nur sehr wenige übriggeblieben. Ihr Vetter Ernst Fürst und seine Frau Käthe kamen aus Israel, eine von deren Töchtern aus der Bundesrepublik, und Arendts Stiefschwester, Eva Beerwald, aus England. Die ehemals große Familie der Arendts und Cohns – Hannah Arendt hatte neun Tanten und Onkel und zwölf Vettern gehabt – war auf fünf Vettern und eine angeheiratete Tante geschrumpft, die weit entfernt in England, Deutschland, Israel und Indien lebten.

Viele von denen, die noch lebten und um Hannah Arendt trauerten, haben ihre Erinnerungen durch Gespräche und Briefe zu dieser Biographie beigetragen. Nur wenige konnten mir Geschichten aus erster Hand über die Jahre vor dem Tod von Hannah Arendts Vater, der 1913 starb, erzählen; die meisten Augenzeugenberichte über ihre Kindheit und Jugend datieren aus den frühen zwanziger Jahren und der Zeit danach, einschließlich derjenigen, die sie selbst beigesteuert hat. Geschichten über sie als Erwachsene gibt es massenhaft, und oft haben sie – da Erinnerungen nun einmal Erinnerungen sind – so viele Versionen, wie es Erzähler gibt. Aus zahlreichen Fassungen einer Geschichte, zwischen denen keine bedeutenden Unterschiede bestehen, habe ich für dieses Buch eine einzige Geschichte gewoben und lose Fäden abgeschnitten. In diesen Fällen sind beim Verweben die den Historikern – und Detektiven – vertrauten Kriterien angewandt worden: innere Konsistenz und Plausibilität; Übereinstimmung mit schriftlichen Quellen, anderen Geschichten und Dokumenten; Verläßlichkeit des Berichterstatters im Sinne von Ausgangspunkt und Wissen. In den wenigen Fällen, wo es unvereinbare Versionen von Geschichten gibt, habe ich alle Fassungen dargestellt; und eben dieses Prinzip der umfassenden Information galt auch für widersprüchliche oder einander ergänzende Antworten auf meine Interviewfragen. (Material, das im Text in Anführungszeichen, jedoch ohne Anmerkung erscheint, stammt aus Interviews.)

Ich hatte bei der Gestaltung und Auswahl dieser Geschichten nicht die Absicht, etwas Endgültiges oder etwas endgültig Kritisches zu sagen. Aus den reichhaltigen Arendt-Papieren und aus dem, was meine Informanten mir berichteten, habe ich nur herausgegriffen, was mein Projekt, eine philosophische Biographie, erforderte. Dabei habe ich nicht versucht, diese Bestandteile um die Dimension einer vorausschauenden Kritik zu erweitern. In einem Nachruf auf seine Freundin sagte Hans Jonas ganz richtig: »Sie als eine ›große Denkerin‹ zu bezeichnen, bedeutet für keinen ihrer Zeitgenossen, darüber zu mutmaßen oder gar vorauszusagen, wie ihr Denken den Angriffen der Zeit widerstehen wird.«[23] Ich habe aufgezeigt, welche Art der Kritik an Hannah Arendts Werk geübt worden ist; aber meine Hauptaufgabe bei der Darstellung ihrer Bücher bezog sich auf den Kontext; ich habe zu zeigen versucht, wie sie zu ihren Interessen, ihren Themen kam, wie sie dabei vorging, ihre Bücher zu schreiben – und zu überarbeiten –, und wie sie sich ihren Weg von einem Buch zum nächsten erdachte. Weil sie ihre wichtigsten Bücher in der Zeit schrieb, als sie in Amerika lebte, und weil ihr Einfluß hier am größten war, ist meine Darstellung ihres Werks und der Kritik daran ihrem Schwerpunkt nach amerikanisch, auch wenn jedes Kapitel den Atlantik zumindest einmal überquert.

Mündlich mitgeteilte Geschichten, Briefe, Dokumente, biographische Notizen und auch Hannah Arendts Werke flossen vielsprachig in diese Biographie ein und mußten übersetzt werden. So manches ging in dem Prozeß unausweichlich verloren. In einer Bemerkung, die sie mir gegenüber machte, als ich an der New School Doktorandin bei ihr war, lag ein gewisser Trost darüber, daß die Sprache ihrer philosophischen und poetischen Heimat, Deutsch, die Sprache ihres ersten Exils, Französisch, die Sprache ihrer zweiten Staatsbürgerschaft, Englisch-mit-deutschem-Akzent, und die Sprachen ihrer politischen Propheten, Latein und Griechisch – daß sie alle ins Amerikanische übersetzt werden mußten. Ich hatte eine Übersetzung eines kryptischen Spruchs von Aristoteles angefertigt; Hannah Arendt zog ihr Exemplar einer lateinischen Standardübersetzung zu Rate und verglich sie mit meinem Versuch, mißbilligend. Dann griff sie auf eine deutsche Übersetzung zurück und wurde skeptisch gegenüber der lateinischen. Schließlich lehnte sie sich zurück, erläuterte ihre Kritik an meiner Übersetzung und machte eine Aussage über ihren Denkstil: »Ja, gut, meine Liebe, es ist nicht genau richtig, aber Aristoteles würde es vielleicht eher für interessant als für falsch halten.«

Fußnoten

[*]

Deutsche Ausgabe: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.

Elisabeth Young-Bruehl Vorwort zur zweiten Auflage

Im Herbst 2003 erzählte ich an einem College in New England vor Studenten und Mitarbeitern eine meiner liebsten Arendt-Geschichten. 1969, kurz nachdem Arendt begonnen hatte, an der New School for Social Research in New York zu unterrichten, wurde sie von einer Studentengruppe (zu der auch ich gehörte), die gegen den Vietnam-Krieg protestierte, um Rat gefragt, ob sie sich der örtlichen Gewerkschaft anschließen sollte, um mit ihr gemeinsam eine Antikriegsdemonstration zu organisieren. Arendt hörte sich all unsere Argumente für und wider aufmerksam an und antwortete dann lakonisch mit ihrem starken deutschen Akzent: »Nun [Vell], das hieße, dass Sie deren Mimeographen benutzen könnten.« Als ich mit der Geschichte am Ende war, lachten die älteren Kollegen im Publikum – meine Altersgenossen – über dieses Beispiel für die praktische Veranlagung der großen politischen Denkerin, während die Studenten gespannt, aber etwas ratlos dreinschauten. Einer der »Neuankömmlinge«, wie Arendt die Studenten immer zu nennen pflegte, kam anschließend zu mir, um sich für den anregenden Vortrag zu bedanken. »Hannah Arendt zu lesen war für mich, also äh … überwältigend«, sagte sie. Und dann fragte sie mich ganz im Ernst, was ein Mimeograph sei.

Seit diese Hannah Arendt-Biographie 1982, sieben Jahre nach Arendts Tod, erstmals erschien, ist eine neue Generation von Lesern herangewachsen. Diese neue Generation organisiert Antikriegsdemonstrationen heute per Handy und E-Mail. Sie lernt in einer Welt politisch zu denken und zu handeln, die sich grundlegend von der Welt unterscheidet, in der Arendt lebte – auch wenn sie aus ihr hervorgegangen ist. Würde ich die Biographie heute verfassen, dann wäre diese neue Welt mein Arbeitskontext, und ich würde versuchen, die »Neuankömmlinge« miteinzubeziehen – jene Leser, aus deren Wahrnehmung die Ereignisse um die letzte Jahrhundertmitte, die für Arendts Politikverständnis so entscheidend waren, zu einer fernen Vergangenheit gehören und denen die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die einzige Welt zu sein scheint, die es zu ergründen gilt.

Ich habe gelegentlich daran gedacht, Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit zu überarbeiten, um es auf die Gegenwart und auf jüngere Leser zuzuschneiden.[1] Doch immer wieder entschied ich mich dafür, die ursprüngliche Form zu belassen, denn sie stellt Hannah Arendts Leben in jener Welt dar, die sie selbst erlebte, und sie stellt es auf eine Art und Weise dar, wie Arendt und die Welt am Ende ihres Lebens gesehen und beurteilt werden konnten. In meinem ursprünglichen Vorwort schrieb ich: »Die Nachwelt mag auch das Leben beurteilen – der Biograph hat nur darüber zu befinden, ob die Geschichte erzählenswert ist.« Dieser postume Prozess der Beurteilung ihres Lebens hat nun begonnen, und einige dieser Beurteilungen möchte ich hier gerne in Augenschein nehmen. Ich möchte auch jenen Lesern etwas an die Hand geben, die Arendts Sorge um die Welt, ihre »Liebe für die Welt« vielleicht teilen, die aber zu jung sind, um sie persönlich kennengelernt zu haben – Lesern, die so alt sind, wie ich es war, als ich an der New School das Glück hatte, mein philosophisches Promotionsstudium zu beginnen, das ich schließlich unter ihrer Betreuung mit einer Dissertation über ihren Lehrer Karl Jaspers beendete.

Wie andere, die bei ihr studiert haben, und wie Tausende von Lesern in Amerika und Europa war ich auf ihre wohlüberlegten Kommentare zu den sich überschlagenden Ereignissen des Vietnamkrieges, den weltweiten Reaktionen darauf und den hiervon ins Leben gerufenen oder zu neuem Leben erweckten politischen Bewegungen angewiesen. Ich stelle mir diese Biographie gerne als eine Arendt-Einführung für Leser vor, die sie nur als historische Gestalt kennengelernt haben, nicht mehr als lebende Denkerin; dieses Vorwort soll zeigen, wie sie in den vier Jahrzehnten seit ihrem Tod zu dieser historischen Gestalt geworden ist.[2]

 

Lassen Sie mich mit den postum erschienenen Werken Arendts beginnen, die mir größtenteils als literarischer Nachlass zur Verfügung standen, als ich diese Biographie schrieb. Seit der Veröffentlichung von The Life of the Mind im Jahr 1978 [deutsch: Vom Leben des Geistes, München 1979], das Hannah Arendt zu Lebzeiten nicht mehr vollenden konnte, sind umfangreiche Anthologien ihrer Schriften erschienen. Diese Schriften unterteilen sich in drei Kategorien: Briefwechsel, Sammlungen unveröffentlichter oder noch nicht in Buchform erschienener Aufsätze (sowohl in englischer wie in deutscher Sprache) und ihr Denktagebuch, das 2002 in Deutschland herauskam und, ungeachtet seines Umfangs von rund 1500 Seiten und seines Preises von knapp 120 €, schon nach einem Jahr in die zweite Auflage ging. Als ich Arendts Biographie schrieb, hatte ich zwar nicht das Denktagebuch zur Verfügung, wohl aber einen Großteil der Aufsätze.

Am Ende werden es fünf Bände mit Aufsätzen sein, die unter der umsichtigen und gelehrten Herausgeberschaft meines Freundes Jerome Kohn, des letzten Assistenten und nun literarischen Nachlassverwalters Hannah Arendts, erscheinen sollen. 1994 wurden die Essays in Understanding publiziert.[3]Responsibility and Judgement[4] erschien 2003 bei Schocken Books, wo Arendt als Herausgeberin gearbeitet und dem amerikanischen Publikum Franz Kafka zugänglich gemacht hatte. Es enthält einen langen Text über Moralphilosophie, den Kohn auf bewundernswerte Weise aus der Rohfassung von Vorlesungsmanuskripten erstellt hat. In The Promise of Politics findet sich ein buchlanges Manuskript über Marx und andere wichtige Vorlesungen.[5] Mittlerweile ist unter dem Titel The Jewish Writings auch eine Sammlung von Arendts Schriften zum Judentum erschienen.[6] Ein Band mit kurzen Essays aus dem Denktagebuch ist geplant.

In den nächsten Jahren wird auch eine Sammlung von Briefen erscheinen, und man wird schließlich Arendts gesamten Briefwechsel überblicken können (der in der New School bereits in der digitalisierten Version der Library of Congress Arendt Papers einsehbar ist). Unter den bereits veröffentlichten Briefwechseln sind die 1985 auf Deutsch, 1992 auf Englisch erschienenen Briefe, die Arendt mit Karl Jaspers wechselte – der zugleich Mentor, Vaterfigur und Freund war –, schon in den Rang eines Klassikers des 20. Jahrhunderts für dieses Genre avanciert. Alle künftigen Historiker der europäisch-amerikanischen Welt werden von ihren detaillierten, fundierten – und erstaunlich weitsichtigen – Reflexionen über die Krisen der Republik im Nachkriegsamerika und über Deutschlands politischen Wiederaufbau und sein Ringen um eine »Vergangenheitsbewältigung« nach dem Ende des Nationalsozialismus profitieren.[7]

Die Briefe, die sich Arendt und ihr Ehemann Heinrich Blücher, ein gebürtiger Berliner aus der Arbeiterklasse, ein Autodidakt und charismatischer Intellektueller, im Laufe der 35 Jahre ihrer Partnerschaft schrieben, sind der Inbegriff eines Gesprächs zwischen Liebenden, das in all seinen Facetten – der Intimität, der Emigration, der kulturellen Anpassung, des Ringens um Erfolg, der Krankheit, des Verlusts und des Staunens über die neue Welt – ein Leben lang aufrechterhalten wurde.[8] Durch den Briefwechsel gewinnt man eine gewisse Vorstellung von Blüchers philosophischen Projekten – denn er war ein Lehrender, aber kein Autor –, insbesondere von seiner anhaltenden Verehrung für Sokrates (der ja wie er selbst Lehrender und nicht Autor war) und von seiner Hochachtung für Jaspers' Vision einer kosmopolitischen Philosophie, eines Gesprächs mit Philosophen aus der ganzen Welt, deren kulturelles Erbe bis in die »Achsenzeit« (800 – 500 v. Chr.) zurückreicht. Was der Briefwechsel aber am eindrücklichsten zeigt, ist, wie Arendt und Blücher einander in der Kommunikation jene sicheren »vier Wände« eines Zuhauses gaben, einen Ort, an dem sich beide auf die Loyalität und die rückhaltlose Aufrichtigkeit im Hinblick auf die Stärken und Schwächen und die geteilten Hoffnungen des anderen verlassen konnten.

Arendts Freundschaft mit Mary McCarthy findet sich in einem geistreichen, oft bissigen, herrlich schwatzhaften Meinungsaustausch zu politischen und kulturellen Themen dokumentiert. Im Vertrauen ist der amerikanischste Briefwechsel Arendts, ein Buch, das für alle, denen das literarische Leben Amerikas im zwanzigsten Jahrhundert am Herzen liegt, eine wichtige Lektüre darstellt. Ihre Korrespondenzen mit dem bedeutenden, aber immer noch wenig bekannten Hermann Broch und mit dem Zionistenführer Kurt Blumenfeld wird vermutlich nicht so schnell ins Englische übersetzt werden und somit außerhalb der deutschen Universitäten kein größeres Publikum finden.[9]

Der Briefwechsel zwischen Arendt und Jaspers, die meisten der zwischen Arendt und Blücher ausgetauschten Briefe (bis auf einige Briefe aus der Zeit vor dem Krieg, die erst später auftauchten) und Arendts Seite der Korrespondenz mit Mary McCarthy standen mir bei der Arbeit an dieser Biographie zur Verfügung. Die Korrespondenzen mit Broch und Blumenfeld gab es noch nicht in Buchform, doch ich hatte alle Briefe gelesen, die in Arendts Nachlass oder im Deutschen Literaturarchiv in Marbach einsehbar waren. Jetzt, da diese Briefe veröffentlicht sind, werden zukünftige Arendt-Biographen ein umfassenderes Bild von ihren Freundschaften zeichnen, ihrer Geschichte aber, wie ich glaube, keine wesentliche Tatsachen hinzufügen können.

Nachdem ich nun beide Seiten des Arendt-McCarthy-Briefwechsels gelesen habe, kann ich mir ein deutlicheres Bild davon machen, wie sich diese Freundschaft entfaltete und worauf sie basierte. Arendt hatte immer eine beste Freundin. In ihrer Jugend war Anne Mendelsohn, die sie als Teenager in Königsberg traf, diese beste Freundin. Nach Arendts Emigration in die USA wurde Hilde Frankel, die Geliebte des Theologen Paul Tillich, zu ihrer Vertrauten, doch sie erneuerte auch ihre Beziehung zu Anne Weil, als sie wieder nach Europa zurückkehren konnte. Als Frankel 1950 an Krebs starb, wandte sich Arendt Mary McCarthy zu – der ersten Amerikanerin, der sie sich seelenverwandt fühlte. Auch wenn McCarthy sechs Jahre jünger als sie war, besaß sie doch alle Qualitäten, die Arendt bei einer Freundin oder einem Freund suchte (und bei ihrem Mann in so außerordentlichem Maße gefunden hatte): ein leidenschaftliches Interesse an der Beobachtung und Beurteilung der Welt – sowohl ihrer unmittelbaren sozialen Welt als auch der politischen Welt –; ein reiches Gefühlsleben und »Herz« ohne Sentimentalität; eine scharfe Intelligenz ohne akademischen Jargon, maßlose Gerissenheit oder Unterwürfigkeit gegenüber den Meinungen anderer; große Loyalität und ein ausgeprägtes Verständnis davon, wie Freundschaften denen, die keine traditionelle Familie, Gemeinschaft oder religiöse Heimat besitzen, ein Zuhause sind.

Was Arendt bei McCarthy auch fand, waren die komplexen Beziehungen zu Männern, die Arendt selbst in ihrer Jugend gehabt hatte (wovon sie McCarthy berichten konnte), in den 35 Jahren ihrer Ehe mit Blücher und wegen ihrer Leidenschaft für das eigene Schreiben aber nicht unterhielt oder nicht unterhalten wollte. Arendt konnte für McCarthy die mitwissende Vertraute sein – fast wie eine jüdische Mutter, gewiss aber wie die ältere Schwester – und an McCarthys Affären teilhaben, ohne ihren Schreibtisch verlassen zu müssen. Sie überließ McCarthy das Leben, gegen das sie sich selbst entschieden hatte: das der berühmten Romanschriftstellerin, der literarischen Salons und des politischen Kampfes, und wurde dafür mit Lebendigkeit, literarischer Geselligkeit und Erkenntnis entschädigt. In ihrem Briefwechsel mit McCarthy nahm sich Arendt die Freiheit, ihre Stimmungen zu offenbaren – wenn sie deprimiert oder entmutigt war – und zu zeigen, wie wichtig es ihr war, nicht nur eine Prominente zu sein oder eine Person, die durch ihre intellektuelle Arbeit aus dem Kreis ihrer Vertrauten herausstach, sondern auch eine Frau oder Freundin. Und McCarthy war – als Reisende wie als Schriftstellerin – europäisch genug, um es schätzen zu können, dass Arendt in politischen Dingen amerikanisch dachte, in kultureller Hinsicht aber die Sensibilität einer europäischen Kosmopolitin besaß. In den Jahren nach Blüchers Tod 1970, als Arendt auch Jaspers schon verloren hatte, war es McCarthy, die die Trauer ihrer Freundin verstand und ihr die schützenden vier Wände bot.

Die – seit 1998 auf Deutsch und erst seit 2004 auf Englisch erhältlichen – Briefe, die Hannah Arendt von 1925 bis 1975 mit ihrem ehemaligen Liebhaber und Lehrer, dem Philosophen Martin Heidegger, wechselte, unterscheiden sich grundlegend von den anderen publizierten Briefwechseln.[10] Diese Briefe lagen, nachdem Heidegger 1976, nur wenige Monate nach Arendt, gestorben war, im Deutschen Literaturarchiv Marbach unter Verschluss. Als ich über Arendts Beziehung zu Heidegger schrieb, insbesondere über die Affäre, die sie in jungen Jahren mit ihm gehabt hatte, musste ich mich auf die Auskünfte jener Freunde Arendts verlassen, die davon wussten oder ein Gespür dafür besaßen, wie sich ihr Verhältnis nach dem Krieg entwickelt hatte. Infolgedessen habe ich in meiner Biographie die Rolle unterschätzt, die Heidegger für Arendts intellektuelle Entwicklung nach dem Krieg gespielt hat – sowohl in der Zeit, als sie sich 1950 wiedertrafen, als auch von den späten sechziger Jahren bis zum Ende ihres Lebens, als sie Vom Leben des Geistes schrieb. Natürlich berücksichtigt meine Biographie auch nicht die anhaltende Kontroverse, die sich seit dem Tod der beiden um ihre Beziehung entsponnen hat, zu deren Auflösung die publizierten Briefe wenig beitragen. Als historische Gestalt ist Hannah Arendt nun untrennbar mit Heidegger verbunden.

Im Gegensatz zu den anderen Briefausgaben ist die Edition des Briefwechsels mit Heidegger unvollständig. Die meisten Briefe Heideggers sind enthalten, aber nur relativ wenige von Arendt. Da ihre Briefe aus der Anfangszeit ihrer Liebesaffäre in Marburg (1925–1927) fehlen, als Heidegger sein Magnum Opus Sein und Zeit schrieb, können wir über Arendts ursprüngliche Erfahrung dieser Beziehung nicht in ihren eigenen Worten lesen. Als sie Heidegger 1950 wiedertraf, der damals wegen seiner NS-Mitgliedschaft und seiner abstoßenden Hitler-freundlichen Taten als Rektor der Freiburger Universität noch nicht wieder lehren durfte, schrieb er ihr oft und ausführlich, doch nur wenige ihrer Briefe an ihn haben überlebt. Erst von 1967 an ist eine Korrespondenz im eigentlichen Sinne verfügbar. Ursula Ludz, die sorgfältige und akribische Herausgeberin, hat dem publizierten Briefwechsel einen Anmerkungsapparat vom Umfang eines Buches beigefügt. Viele dieser Anmerkungen beziehen sich auf Veröffentlichungen Arendts oder auf ihre Korrespondenzen mit Jaspers und Blücher über Heidegger, der sie allerdings niemals öffentlich erwähnte.

Die zweite Besonderheit dieses Briefwechsels ist der Umstand, dass seiner Veröffentlichung ein Skandal vorausging. Der Skandal wurde von Elzbieta Ettinger, einer Professorin am MIT – absichtlich – herbeigeführt.[11] Sie war autorisiert, die Briefe von Arendt und Heidegger zu lesen, durfte in ihrer kurzen Doppelbiographie allerdings nur aus Arendts Briefen zitieren. Als ihr Buch Hannah Arendt – Martin Heidegger. Eine Geschichte 1995 erschien, war bereits bekannt, dass Arendt und Heidegger ein Verhältnis miteinander gehabt hatten, weil ich es in der vorliegenden Biographie öffentlich gemacht hatte. Meine Version der Geschichte beruhte, wie gesagt, auf Interviews mit Arendts Freunden und den wenigen Hinweisen auf die Liebesgeschichte in Arendts Briefen. Insbesondere ihr Mann, dem gegenüber sie der Hoffnung Ausdruck verlieh, dass man »dich so behandeln kann, wie man sich selbst behandelt« (8. August 1936), das heißt, ohne Urteile zurückzuhalten oder zu befürchten, wusste eindeutig seit den ersten Monaten ihrer Beziehung im Jahr 1936 darüber Bescheid. Sie hatte auch Jaspers – der vor der NS-Zeit Heideggers Freund gewesen war – davon erzählt, und Jaspers nahm dies auf die für ihn typisch wohlwollende und unvoreingenommene Art auf.

Ettingers Version der Liebesaffäre ist, auch wenn sie sich auf die Briefe Arendts und Heideggers stützt, eine Phantasie. Sie erfindet ein hilfloses, naives jüdisches Schulmädchen und einen charmanten, aber verheirateten katholischen Herrn Professor, die ein Drama von leidenschaftlicher Rücksichtslosigkeit, Betrug und blinder Ergebenheit aufführen. Ihre Hannah Arendt, die es niemals schafft, der Romanze zu entwachsen, steht in »selbstauferlegter Sklaverei« masochistisch zu ihrer großen Liebe, obwohl sie letztlich eine betrogene Frau ist. Sie habe ihrem Mann das Jugendverhältnis fünfzehn Jahre lang verheimlicht (S. 48), alle Unzulänglichkeiten Heideggers auf seine Frau geschoben und sowohl als seine Apologetin (»tat sie alles in ihren Kräften stehende, um ihn von seiner Nazivergangenheit reinzuwaschen«, S. 94) wie auch als der von ihm gesuchte »Goodwill-Botschafter« (S. 90) skandalös schlechte Urteilskraft bewiesen. Ettingers Darstellung ist hundertfach mit Formulierungen gespickt wie »es scheint«, »man kann sich vorstellen« und »sie muss gefunden haben«, also mit den Symptomen einer Biographin, die in die Falle ihrer eigenen Geschichte getappt ist und ihren Gegenstand mit zu sich in die Falle zieht. Wir finden nichts von einem Dialog mit der dargestellten Person, der doch das Zeichen einer gelungenen biographischen Charakterstudie ist.[12]

Wenig überraschend rief diese – von dem Literaturkritiker Alfred Kazin, einem früheren Freund Arendts, auf dem Klappentext als »überaus wertvoll« empfohlene – Phantasie unter den Arendt-Gegnern Schadenfreude hervor. Und von solchen Gegnern gab es, zumal nachdem ihr Buch Eichmann in Jerusalem eine der verzweigtesten und schwierigsten Kontroversen des 20. Jahrhunderts ausgelöst hatte, nicht wenige. Diejenigen, die sie für ein Musterbeispiel an Urteilskraft hielten, waren erschüttert, konnten aber nicht angemessen reagieren, weil die Briefe, mit denen man die Phantasie hätte abgleichen können, nicht zugänglich waren; die Mixtur von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten und verzerrenden Paraphrasen Ettingers setzten etwas in die Welt, das sich nicht einfach als lästiges Gerücht abtun ließ. Vernünftigerweise beschlossen die Verwalter beider Nachlässe, dass die Briefe nun veröffentlicht werden mussten.

Was diesen Briefwechsel drittens von den anderen unterscheidet, ist, dass Martin Heidegger – im Gegensatz zu Jaspers, Blücher, McCarthy, Broch und Blumenfeld – niemand war, der das unermüdliche Interesse an weltlichen Angelegenheiten teilen konnte, das Arendt im Anschluss und wohl auch in Reaktion auf ihre Liebesgeschichte als Mittel gegen ihren jugendlichen Mangel an Welthaftigkeit entwickelt hatte. (Ihr Interesse war mit ihrem Studium bei Jaspers erwacht, dem sie später vorschwärmte, »wie gut vorbereitet ich durch Ihre Philosophie […] für die Politik war« [11. März 1949]). Im Gegensatz zu ihren anderen Briefpartnern war Heidegger niemand, der Verantwortung übernahm und sich gerne mit politischen Stellungnahmen zu Wort meldete. Unter den Deutschen galt er als der große Philosoph des 20. Jahrhunderts – Jaspers als der große politische Philosoph –, doch er war kein vorbildlicher Mensch [Dt. i. Original].

Wie Arendts Briefen an Jaspers und Blücher fraglos zu entnehmen ist, war sie von Heideggers Verlogenheit und Doppelzüngigkeit, von der Gespaltenheit seiner Person zutiefst schockiert und getroffen; auch wenn sie ihm keine ausführliche Charakterstudie gewidmet hat wie den Figuren ihres Buches Menschen in finsteren Zeiten,[13] war sein Charakter doch immer wieder Thema ihres privaten und öffentlichen Schreibens. Bis zum Ende gelang es Hannah Arendt nicht, das Rätsel Martin Heidegger zu lösen; kurz vor ihrem Tod schrieb sie in Vom Leben des Geistes erneut über ihn, wo sie an die Lesart seiner Werke anknüpfte, die sie ihm zu Ehren seines achtzigsten Geburtstags unterbreitet hatte (der Jubiläumsartikel ist ebenfalls in Briefe 1925 bis 1975 und andere Zeugnisse enthalten).[14]

Die vielen Interpreten, die aus der Beziehung zwischen Arendt und Heidegger eine Kontroverse gemacht und den postumen Ruf beider mitgeprägt haben, beziehen im Wesentlichen zwei Positionen. Für die einen ist Heidegger zuallererst ein Mann, der in die NSDAP eingetreten war und diese Entscheidung sowie seine Taten als Parteimitglied niemals öffentlich bereut hat. Arendt erscheint aus dieser Perspektive als seine Apologetin, weil sie nach dem Krieg an ihre Beziehung zu Heidegger angeknüpft und sich dafür eingesetzt hat, dass seine Schriften auf Englisch erscheinen konnten. Für die anderen ist Heidegger zuallererst ein großer Philosoph. In seiner mangelnden Urteilskraft und seinem fehlgeleiteten Handeln vergleichen sie ihn mit Platon, der nach Syrakus reiste, um den Tyrannen Dionysos zu unterrichten. Diese Sichtweise macht Arendts Achtung vor Heideggers Philosophie und seinen Einfluss auf ihr eigenes Werk nachvollziehbar; die Schlüsselfrage ist dann, ob Philosophen den politisch Handelnden überhaupt jemals etwas von Wert anzubieten hatten oder ob ihre Tätigkeit nicht generell zu einer anderen Sphäre gehört und gehören sollte, nämlich zur kontemplativen und nicht zur aktiven Welt.

Arendts eigenes Urteil über Heidegger veränderte sich in den Nachkriegsjahren. Als sie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft schrieb,[15] also vor 1950, betrachtete sie ihn voller Wut als einen typisch europäischen Spießbürger, der sich zum »Mob« hingezogen fühlte, in der Partei des Mobs aber keinen Platz fand, weil diese Partei nicht an schöpferischen Individuen interessiert war. Als sie später wieder an ihre Beziehung anknüpfte, versuchte sie ihn psychologisch als eine gespaltene Persönlichkeit zu erklären: Ein Teil seiner Persönlichkeit erschien ihr authentisch, der andere Teil aber verlogen oder feige, angewiesen auf die Anerkennung von (schlimmstenfalls) Speichelleckern und (bestenfalls) intellektuell unterlegenen Personen. Mit Jaspers diskutierte sie darüber, ob es Heidegger jemals gelingen würde, seine innere Gespaltenheit zu überwinden; Arendt entschied sich dafür, Geduld zu haben, während Jaspers beschloss, seine Freundschaft mit Heidegger aufzukündigen. (Diese Entscheidung hat Jaspers in einem autobiographischen Essay dokumentiert, der wie seine Korrespondenz mit Heidegger ebenfalls vor einiger Zeit auf Deutsch erschienen ist).[16]

In den sechziger Jahren fand Arendt schließlich auf der Grundlage einer intensiven Lektüre seines Werkes und durch die Gespräche mit ihm zu einem anderen Verständnis Heideggers. Zu diesem Zeitpunkt betonte sie, Heidegger habe in den späten Dreißigerjahren, im zweiten Band des Nietzsche-Buches, nicht seine Mitgliedschaft in der NSDAP widerrufen, sondern eine philosophische Aussage über »den Willen zum Nichtwollen« gemacht. Sie folgerte, dass er zu jener Zeit seine törichte Hoffnung, die nationalsozialistische Führung politisch zu beeinflussen, aufgegeben und sich – in Abkehr sowohl vom Wollen als auch von der Welt, in der sich wollende Menschen zum Handeln versammeln – in seine »Residenz des Denkens« zurückgezogen hatte. Nach dieser »Kehre« schrieb er über den Willen in einer Weise, die sie in Vom Leben des Geistes folgendermaßen zusammenfasst: »Für Heidegger ist der Wille zum Herrschen eine Art Sündenfall, dessen er sich selbst schuldig befand, als er seine kurzdauernde Vergangenheit in der Nazibewegung aufzuarbeiten versuchte.« (Bd. 2, S. 164)

Dass nicht sehr bekannt ist, wie sich Arendts Urteil über Heidegger im Laufe der Zeit entwickelte, liegt zumal daran, dass Vom Leben des Geistes nach wie vor ihr am wenigsten gelesenes und verstandenes Buch ist. Das gilt gleichermaßen für Politikwissenschaftler und Historiker wie – insbesondere – für amerikanische und europäische Philosophen, die ihr (immer noch) nicht die Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, die den philosophischen Schriften ihrer letzten Lebensjahre gebührt. Doch die Auseinandersetzungen um die Beziehung zwischen Arendt und Heidegger haben das Bild Hannah Arendts als historischer Person stark geprägt: Selbst wo sie geehrt wird, bleibt es von Zweifeln an ihrer Urteilskraft überschattet.

Dies gilt in noch stärkerem Maße für die andere Kontroverse, die ihren Platz in der Geistesgeschichte bis heute bestimmt: die in den letzten zehn Jahres ihres Lebens geführte Auseinandersetzung um Adolf Eichmann. Da die Positionen, die von den Wortführern der Eichmann-Debatte in den sechziger Jahren vertreten wurden – und die ich in meiner Biographie ausführlich dargestellt habe –, immer noch vertreten werden, möchte ich an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen. Die Wortführer haben gewechselt, doch ihre Positionen sind starr und stereotyp dieselben geblieben; die Angst vor dem Antisemitismus in seiner alten Form und seinen immer neuen Formen zusammen mit fixen Vorstellungen, wie er zu bekämpfen sei, haben die Eichmann-Debatte einem Wiederholungszwang unterworfen. Diese Starrheit hatte leider zur Folge, dass die unmittelbar wichtigste Dimension von Eichmann in Jerusalem