Hannah Arendt - Wolfgang Heuer - E-Book

Hannah Arendt E-Book

Wolfgang Heuer

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Beschreibung

Hannah Arendt (1906 – 1975) war Jüdin, Weltbürgerin und Antifaschistin. Sie wurde zu einer radikalen Kritikerin totalitärer Herrschaft und beschrieb aus eigener Anschauung die «Banalität des Bösen». Mit ihrer unbestechlichen politischen Urteilskraft propagierte sie den Geist der Aufklärung und setzte Maßstäbe für ein humanistisches Denken auch in finsteren Zeiten. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Wolfgang Heuer

Hannah Arendt

 

 

 

Über dieses Buch

Hannah Arendt (1906 – 1975) war Jüdin, Weltbürgerin und Antifaschistin. Sie wurde zu einer radikalen Kritikerin totalitärer Herrschaft und beschrieb aus eigener Anschauung die «Banalität des Bösen». Mit ihrer unbestechlichen politischen Urteilskraft propagierte sie den Geist der Aufklärung und setzte Maßstäbe für ein humanistisches Denken auch in finsteren Zeiten.

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

Vita

Wolfgang Heuer, 1949 in Köln geboren, studierte Geschichte, Germanistik und Lateinamerikanistik. Promotion 1991, Habilitation 2004.

Veröffentlichungen zu historischen und politischen Themen Lateinamerikas, Arbeit in der entwicklungspolitischen Erwachsenenbildung, ehem. Mitherausgeber der Zeitschrift «Befreiung». Zahlreiche Publikationen zu Hannah Arendt, darunter: «Citizen. Persönliche Integrität und politisches Handeln. Eine Rekonstruktion des politischen Humanismus Hannah Arendts» (Diss., Berlin 1992). «Couragiertes Handeln» (Habil., Lüneburg 2002). Weitere Forschungsschwerpunkte sind: Biotechnologie, «Corporate Social Responsibility» in Brasilien, Politisches Handeln in Institutionen sowie Stadtbürgerschaft im 21. Jahrhundert.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2018

Copyright © 1987 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Covergestaltung any.way, Hamburg

Coverabbildung Heritage-Images / Jewish Chronicle Archive / akg-images (Hannah Arendt, 1960er Jahre)

ISBN 978-3-644-40596-7

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Vorbemerkung

Nichts ist flüchtiger und vergeblicher als menschliche Worte und Taten; wenn sie nicht erinnert werden, überleben sie kaum den Augenblick des Vollzugs.

Geschichte und Politik in der Neuzeit

«Es fällt mir schwer, mir für den Rest meiner Tage eine Welt ohne Hannah Arendt vorzustellen», sagte der Philosoph Hans Jonas während der Trauerfeier in New York im Dezember 1975. «Ich war mehr als fünfzig Jahre lang einer ihrer Freunde, seit sie mit achtzehn Jahren als Erstsemesterstudentin der Philosophie unter den vielen jungen Leuten auftauchte, die aus ganz Deutschland in Scharen nach Marburg strömten … Scheu und in sich gekehrt mit auffallenden, schönen Gesichtszügen und einsamen Augen ragte sie sofort als ‹außergewöhnlich›, als ‹einzigartig› in einer bisher undefinierbaren Weise heraus. Intellektueller Glanz war damals kein seltener Artikel. Aber bei ihr war es eine Intensität, eine innere Richtung, ein Instinkt für Qualität, eine Suche nach dem Wesentlichen, ein Eindringen in die Tiefe, das einen Zauber um sie herum verbreitete. Man spürte eine absolute Entschlossenheit, sie selber zu sein, mit der Zähigkeit, es trotz der eigenen Verwundbarkeit durchzusetzen …

Sie war leidenschaftlich moralisch, aber überhaupt nicht moralistisch. Was sie auch immer zu sagen hatte, war wichtig, oft provokativ, manchmal auch falsch, aber nie trivial, nie gleichgültig, nie mehr zu vergessen. Selbst ihre Irrtümer waren lohnender als die Wahrheiten vieler weniger bedeutender Geister. Sie hatte natürlich gern recht und konnte gelegentlich ganz furchtbar streitsüchtig werden, aber glaubte nicht, wie sie mir gestand, dass wir heutzutage im Besitz der ‹Wahrheit› sein könnten. Sie glaubte vielmehr an den ständigen und immer nur vorläufigen Versuch, diejenige Facette zu erblicken, die sich uns zufällig unter den heutigen Verhältnissen zeigt. Das bis zu Ende zu denken, darin liegt die Belohnung selbst, denn wir werden danach mehr verstehen als vorher. Wir werden mehr Licht, aber noch nicht die ‹Wahrheit› haben.»[1]

Hannah Arendt wurde von der deutschen Philosophie, besonders von ihren Lehrern Heidegger und Jaspers sowie von Kant und Nietzsche geprägt. Sie liebte das leidenschaftliche Denken, ohne der Versuchung abstrakter Theorien und geschlossener Systeme zu erliegen. Vielmehr stellte sie sich in die Tradition des Lessing’schen Selbstdenkens und hob bei aller notwendigen Verallgemeinerung in ihren Schriften immer wieder das Besondere und Einzigartige hervor. Ihre Texte sind essayistisch, teilweise polemisch, und drücken damit ihre immer wieder von Neuem begonnenen Denkwege und Diskussionen aus.

Aufgrund ihrer Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus beschäftigte sie sich vor allem mit dem Misstrauen der europäischen Philosophie gegenüber der Politik und den Gründen für das Versagen der politischen Wissenschaften. Das machte sie zur politischen Schriftstellerin, Philosophin und Historikerin, ohne dass sie in ein gängiges Schema eingeordnet werden könnte. Oft galt sie bei Linken wegen ihrer Ablehnung des Marxismus und der Begeisterung für die antike Polis als konservativ und bei Konservativen wegen ihrer Vorliebe für Rätebewegungen als links. Gegenüber engstirnigen Nationalisten betonte sie Nietzsches Charakterisierung der europäischen Juden als «gute Europäer», gegenüber Zionisten dagegen ihre eigene Bindung an die Tradition der deutschen Philosophie, während sie unterdessen für die Rechte des jüdischen Volkes kämpfte.

Ihre Schriften führten zu teils erregten öffentlichen Diskussionen, und Politik war für sie der höchste Ausdruck menschlicher Freiheit; doch gleichzeitig scheute sie die Öffentlichkeit und lehnte jede eigene politische Organisierung ab. Sie betrachtete sich als politische Schriftstellerin und bezeichnete die Frage nach der beabsichtigten Wirkung ihrer Schriften als eine männliche Frage[2]; doch ihre Totalitarismus-Studie gab der politischen Theorie im 20. Jahrhundert wesentliche Anstöße, die «Vita activa» bemühte sich um die Wiederherstellung des Politischen, und die Schriften in der Folge des Eichmann-Prozesses überprüften die politische und moralische Tauglichkeit der bisherigen Aussagen der Philosophie über das unabhängige politische Urteilsvermögen.

All dieses scheinbar Widersprüchliche ist aus Arendts Erlebnis der Wirren dieses Jahrhunderts entstanden – als Jüdin, Flüchtling und Philosophin. Dieses Widersprüchliche ist Ausdruck des Nach-Denkens über die Ereignisse, des Verstehenwollens des schier Unfassbaren. Dabei verfügte Arendt über die große Tugend, sich selbst nicht zu bemitleiden und sich nie zu beklagen[3], wie sie über Brecht schrieb, sondern trotz allem die Welt zu lieben. Das gelang ihr nur, weil sie den Wert der Freundschaft als Stütze ihrer eigenen Existenz über alles andere stellte und, wie Jonas bemerkte, einen regelrechten «Eros der Freundschaft» entwickelte. Darin sowie in der spürbaren Menschlichkeit ihres Denkens und der Ablehnung jedes Imponiergehabes unterschied sie sich von der Mehrzahl ihrer männlichen Kollegen. Sie lebte ihr Denken und machte die menschliche Freiheit und die Liebe zur Welt zu seinem Inhalt.

Das Leben

Kindheit und Jugend

Am 14. Oktober 1906 wurde Johanna Arendt als einziges Kind von Paul Arendt und Martha Cohn in Linden bei Hannover geboren. Die Eltern stammten aus Königsberg, waren seit ihrer Jugend in der sozialdemokratischen Bewegung aktiv und von den damaligen Ideen der Jugendbewegung und fortschrittlichen Erziehung geprägt. Sie hatten einige Jahre in Berlin gelebt, bevor der Vater als Ingenieur eine Anstellung bei einer Elektrizitätsgesellschaft in Hannover fand.

Zwei Jahre später musste er jedoch wegen einer beginnenden Syphilis seine Arbeit aufgeben; die Familie zog nach Königsberg zurück. Hier verbrachte Hannah Arendt ihre Jugend bis zum Studium.

Die Großeltern und Vorfahren entstammten jüdischen Familien, die das Klima der Königsberger Aufklärung seit der Zeit Mendelssohns genossen. Martha Cohns Vater Jacob war 1838 im russischen Litauen geboren und 1852 gerade noch rechtzeitig mit seinen Eltern nach Königsberg ausgewandert, um der zaristischen Klassifizierung der Juden in «nützliche» und «nutzlose» zu entgehen und nicht als «nutzlose» in den Krim-Krieg geschickt zu werden.

Jacob Cohns Vater eröffnete als Kaufmann ein kleines Teeimport-Unternehmen, das bald eines der bedeutendsten Teehandelszentren des Kontinents und unter der Leitung Jacobs mit dem Namen «J.N. Cohn & Co.» das größte Unternehmen Königsbergs wurde.

Als Jacob 1906 starb, hinterließ er drei Kinder aus erster Ehe und vier aus der zweiten mit Fanny Eva Spiro, einer russischen Emigrantin mit hartem sprachlichem Akzent und bäuerlicher Kleidung. 1874 gebar sie Hannahs Mutter Martha. Bis zum Ersten Weltkrieg lebten die sieben Kinder und zwölf Enkelkinder in wirtschaftlichem Wohlstand.

Wie die Familie Cohn gehörte auch die Familie Arendt dem Reformjudentum an. Hannahs Urgroßeltern waren, von der Aufklärung angezogen, aus Russland nach Königsberg gekommen, und Großvater Max, den Hannah sehr verehrte, war Mitglied des «Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens», Präsident der liberalen jüdischen Gemeinde und Stadtverordneter Königsbergs. Er verteidigte wie auch die anderen Familienmitglieder die Ziele der Aufklärung auch noch nach ihrem Scheitern sowohl gegenüber den orthodoxen Juden als auch gegenüber den Zionisten, deren späterer Vorsitzender und Freund Hannah Arendts, Kurt Blumenfeld, häufig bei den Arendts zu Gast war.

Mit diesem Großvater war Hannah besonders in der Zeit, als ihr Vater bettlägerig wurde, oft zusammen. Seine Fähigkeit des Geschichtenerzählens hinterließ bei ihr einen bleibenden Eindruck, und sie entwickelte nicht nur sehr früh einen unerschöpflichen Wissensdurst, sondern auch eine immense Leidenschaft für Geschichten, die sie selber gern und fesselnd erzählte.

Eine Zeitlang kam mehrmals wöchentlich der Reformrabbiner Hermann Vogelstein (1870–1942) zu den Arendts, um der Tochter Religionsunterricht zu geben. Er war wie die Eltern Sozialdemokrat und Sohn des für seine Predigten und tiefe Religiosität berühmten Rabbis von Stettin, der sich mit seiner Frau aufopfernd für die ostjüdischen Flüchtlinge eingesetzt hatte. Mit seiner wesentlich jüngeren Schwester Julie, der Frau des Sozialpolitikers Heinrich Braun, blieb Hannah Arendt ihr Leben lang befreundet.

Hermann Vogelstein und die gelegentlichen Besuche mit den Großeltern in der Synagoge waren Hannahs einzige Begegnungen mit dem religiösen Judentum. Ihre Eltern waren zwar nicht religiös, aber ihre Mutter war selbstverständlich Jüdin. Sie würde mich nie getauft haben! Ich nehme an, sie würde mich rechts und links geohrfeigt haben, wäre sie je dahintergekommen, daß ich etwa verleugnet hätte, Jüdin zu sein. Kam nicht auf die Platte, sozusagen … Aber das Wort Jude ist bei uns nie gefallen, als ich ein kleines Kind war. Es wurde mir zum ersten Mal entgegengebracht durch antisemitische Bemerkungen von Kindern auf der Straße. Daraufhin wurde ich also sozusagen «aufgeklärt» … Ich wußte zum Beispiel als Kind – als etwas älteres Kind jetzt –, daß ich jüdisch aussehe. Das heißt, daß ich anders aussehe als die anderen. Das war mir sehr bewußt. Aber nicht in der Form einer Minderwertigkeit; sondern das war eben so.[4] Deshalb hat sie sich später auch immer nur als Deutsche im Sinne der Staatszugehörigkeit und nicht der Zugehörigkeit zum deutschen Volk verstanden.

Zugleich wurde damit Hannahs Selbstbewusstsein durch ihre Mutter gestärkt, der sie vor allem eine Erziehung ohne alle Vorurteile und mit allen Möglichkeiten verdankte[5] und die immer auf dem Standpunkt stand: Man darf sich nicht ducken! Man muß sich wehren! Bei antisemitischen Äußerungen des Lehrers war ich angewiesen, sofort aufzustehen, die Klasse zu verlassen, nach Hause zu kommen, alles genau zu Protokoll zu geben. Dann schrieb meine Mutter einen ihrer vielen eingeschriebenen Briefe; und die Sache war für mich natürlich völlig erledigt … Wenn es aber von Kindern kam, habe ich es zu Hause nicht erzählen dürfen. Das galt nicht. Was von Kindern kommt, dagegen wehrt man sich selber … Es gab Verhaltensmaßregeln, in denen ich sozusagen meine Würde behielt und geschützt war, absolut geschützt, zu Hause.[6] Es war für sie das einfache Erlebnis einer Kindheit, in der wechselseitige Achtung und uneingeschränktes Vertrauen, eine allumfassende Menschlichkeit und eine echte, fast naive Verachtung für alle sozialen und nationalen Unterschiede als Selbstverständlichkeit betrachtet wurde[7].

Das Elternhaus lag in dem wohlhabenden Hufen-Viertel, Tiergartenstr. 6, das durch den Pregel von den ärmlichen Wohnvierteln der ostjüdischen Immigranten getrennt war. Für Max Fürst, der dort aufwuchs, war Hannah Arendt in seinen Erinnerungen «schön und klug, ein Kind aus einer ganz anderen Welt»[8]. Die Freunde der Eltern waren Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer und Musiker. Die Mutter, die drei Jahre lang in Paris Französisch und Musik studiert hatte, legte großen Wert auf die musikalische und sprachliche Ausbildung der Tochter und las mit ihr Proust im Original. Der Vater besaß eine kleine Bibliothek, die Hannah mit zunehmendem Alter immer intensiver nutzte.

Die Krankheit des Vaters und sein früher Tod 1913 im Alter von 40 Jahren, kurz nachdem auch der Großvater gestorben war, ließen Hannah verschlossener werden. Ihre Mutter notierte in ihrem Tagebuch («Unser Kind») erstaunt die schweigende Hinnahme des Todes ohne sichtbare Trauer. Als im Jahr darauf das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg entfesselte, war Hannah für ihre Mutter «undurchsichtig» geworden. Die vorübergehende Flucht nach Berlin, der Tod des Onkels Rafael, mit dem sie soeben noch den Urlaub an der Ostsee verbrachte, und häufige Krankheiten vergrößerten ihre Angst vor der Trennung von der Mutter und jeder Reise.

Sie war viel mit ihrer Mutter, der Großmutter und den alleinstehenden Frauen der weitläufigen Familie Cohn zusammen, die sich gegenseitig in der Wirtschaftskrise der Nachkriegsjahre halfen. In den Revolutionsjahren 1918 und 1919 wurde ihr Haus zum Treffpunkt gemäßigter sozialdemokratischer Kreise der Bernstein-Richtung. Auch wenn ihre Mutter die linke Abspaltung der Spartakisten um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ablehnte, so bewunderte sie doch Rosa Luxemburg und hielt den Generalstreik von 1919 für einen «historischen Augenblick».

Hannah blieb aber von den politischen Ereignissen unberührt. Sie entwickelte stattdessen ein besonderes Interesse für Philosophie und las mit vierzehn Jahren zum ersten Mal Kants «Kritik der reinen Vernunft» und «Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft», die soeben erschienene «Psychologie der Weltanschauungen» von Jaspers, Kierkegaard und griechische Dichtung. Mit Schulfreunden richtete sie einen Griechisch-Zirkel ein, wie er sonst nur an den Universitäten üblich war, und lernte aufgrund ihrer großen Vorliebe für Lyrik eine Fülle von Gedichten auswendig, die sie gelegentlich vortrug.

Ihr enormes Gedächtnis und ihre rasche geistige Entwicklung kamen ihr aber erst später zu Bewusstsein. Das lag zum Teil an der häuslichen Erziehung. Es wurde nie darüber gesprochen. Es wurde nie über Zensuren gesprochen. Das galt als minderwertig. Jeder Ehrgeiz galt als minderwertig. Ihre Fähigkeiten wurden ihr allenfalls als eine Art von Fremdheit unter den Menschen[9], als Ausdruck ihrer besonderen Sensibilität bewusst.

Zu ihrem Stiefvater Martin Beerwald, den Hannahs Mutter 1920 heiratete, einem wilhelminisch anmutenden, wohlhabenden Eisenwarenhändler und Sohn eines aus Russland stammenden Geldverleihers, unterhielt sie nur eine lose Beziehung. Ebenso zu seinen beiden Töchtern Clara, die 1930 Selbstmord beging, und Eva, die nach den Novemberpogromen der Nazis 1938 nach England floh.

Kurz vor dem Abitur musste Hannah wegen Differenzen zu einem Lehrer die Schule verlassen. Sie lebte eine Zeitlang in Berlin und besuchte die Vorlesungen Romano Guardinis, dessen Buch «Vom Geist der Liturgie» (1918) einen großen Einfluss auf die Jugendbewegung ausübte. Dort begegnete sie Diskussionen über theologische und existenzielle Grundfragen der Angehörigen ihrer eigenen «verlorenen Generation», die durch Revolution, Inflation und Arbeitslosigkeit in die Welt eingeführt und so über die Brüchigkeit alles dessen belehrt wurden, was nach mehr als vier Jahren des Mordens in Europa noch intakt geblieben war[10]. Sie fühlte sich wie in Brechts Selbstporträt «Der Herr der Fische» allen unbekannt und allen nah, war von Reserviertheit, Unbrauchbarkeit im täglichen Leben, Verschwiegenheit und nahezu verzweifelter Neugier dessen, der keine eigenen «Angelegenheiten» hat und daher dankbar sein muß für jedes Stück Wirklichkeit, das ihm zugespielt wird[11], geprägt.

In dem Heidegger gewidmeten expressiven und autobiographischen Text Die Schatten beschrieb sie 1925 ihre damalige Stimmung: In der Verwunschenheit, im Unmenschlichen, im Absurden gab es für sie keine Grenze und kein Halt. Eine Radikalität, die stets an das Äußerste ging, verwehrte es ihr, sich zu schützen, Waffen zu haben, schenkte ihr nie den bittersten Tropfen des bis zur Neige geleerten Kelches … Dabei wuchs ihre Sensibilität und Verletzbarkeit, die ihr stets schon etwas Exklusives gegeben hatte, ins nahezu Groteske.[12]

Nach ihrer Rückkehr nach Königsberg legte sie 1924 als externe Schülerin das Abitur ab und beschloss, in Marburg bei Heidegger Philosophie, bei Bultmann Theologie und außerdem Griechisch zu studieren.

Studium

Martin Heidegger, gerade erst 35 Jahre alt, war 1922 nach Marburg berufen worden. Er hatte nichts über seine Habilitation Hinausgehendes veröffentlicht und war nur in eingeweihten Kreisen bekannt. Da war kaum mehr als ein Name, aber der Name reiste durch ganz Deutschland wie das Gerücht vom heimlichen König. Dies war etwas völlig anderes als die um einen «Meister» zentrierten und von ihm dirigierten «Kreise» (wie etwa der George-Kreis) …

Es gab damals, nach dem Ersten Weltkrieg, an den deutschen Universitäten zwar keine Rebellion, aber ein weitverbreitetes Unbehagen an dem akademischen Lehr- und Lernbetrieb in all den Fakultäten, die mehr waren als bloße Berufsschulen, und bei all den Studenten, für die das Studium mehr bedeutete als die Vorbereitung auf den Beruf.[13] Philosophie wurde entweder in Anlehnung an Schulen wie der Neu-Kantianer, Neu-Hegelianer oder Neu-Platoniker oder in Form der alten Schuldisziplin nach Fächern aufgeteilt nicht so sehr vermittelt als durch bodenlose Langeweile erledigt[14].

Diejenigen, die dagegen rebellierten, konnten sich wie Scheler, Heidegger und Jaspers auf Husserl und seinen Ruf «Zu den Sachen selbst» stützen. Was die Wenigen miteinander gemein hatten, war – um es in Heideggers Worten zu sagen – daß sie «zwischen einem gelehrten Gegenstand und einer gedachten Sache» unterscheiden konnten («Aus der Erfahrung des Denkens», 1947) und daß ihnen der gelehrte Gegenstand ziemlich gleichgültig war. Das Gerücht erreichte damals diejenigen, welche mehr oder minder ausdrücklich um den Traditionsbruch und die «finsteren Zeiten», die angebrochen waren, wußten, und es sagte ganz einfach: Das Denken ist wieder lebendig geworden.[15] Die Studenten erlebten, wie Denken als reine Tätigkeit, und das heißt weder vom Wissensdurst noch vom Erkenntnisdrang getrieben, zu einer Leidenschaft werden kann, die alle anderen Fähigkeiten und Gaben nicht so sehr beherrscht als ordnet und durchherrscht[16].

Dieses leidenschaftliche Denken kehrte ständig in Arendts Schriften wieder; es mag sich Aufgaben stellen, es mag mit «Problemen» befaßt sein … aber man kann nicht sagen, daß es ein Ziel hat[17]. Es bleibt immer unvollendet; alles Denken und die Art, wie ich mich ihm vielleicht etwas übermäßig und extravagant hingegeben habe, trägt den Stempel des Versuchs[18].

Martin Heidegger trug kaum eigene Thesen vor, sondern konzentrierte sich völlig, Zeile für Zeile, auf das Lesen klassischer Texte – Platons «Sophistes» und Aristoteles, als Arendt nach Marburg kam. «Aristoteles wurde einem derart auf den Leib gerückt», erinnerte sich Gadamer, «daß man zeitweise jeden Abstand verlor und nicht einmal realisierte, daß Heidegger sich nicht selbst mit Aristoteles identifizierte, sondern am Ende auf einen eigenen Gegenentwurf zielte.»[19] Er arbeitete damals, von der Frage nach dem Sinn von Sein geleitet, an der Grundlegung einer Fundamentalontologie und trug damit zum endgültigen Einsturz der Metaphysik bei. Es ist ihm und nur ihm zu danken, daß dieser Einsturz in einer dem Vorangegangenen würdigen Weise vonstatten ging; daß die Metaphysik zu Ende gedacht worden ist und nicht nur von dem, was nach ihr folgte, gleichsam überrannt wurde[20].

Der Einfluss Heideggers auf Arendts philosophische Positionen war groß. Er äußerte sich vor allem in ihrer Hinwendung zur griechischen Antike, der betonten Nähe zwischen Dichtung, Sprache und Philosophie, der Unterscheidung zwischen Denken und wissenschaftlicher Erkenntnis, der existenziellen Auffassung von Zeit und Raum, dem «Verstehen» als Grundbestimmung der Seinsverfassung des Daseins, dem Verständnis von Wahrheit als aristotelisches «Entbergen» (aletheia) und der Ablehnung des Geschichtsdeterminismus und der Einflüsse Platons in der Philosophie.

Aus den intensiven Diskussionen zwischen Arendt und Heidegger gingen nicht nur wichtige Anstöße für seine Arbeit an «Sein und Zeit» hervor, sondern entwickelte sich auch eine vorübergehende, tiefe Liebesbeziehung zwischen beiden. Nach dem Zweiten Weltkrieg äußerte Heidegger, dass sie «nun einmal die Passion seines Lebens gewesen» sei.[21]

Hannah Arendt übte eine außerordentliche Wirkung auf ihre Umgebung aus. «Das auffallendste an ihr war die suggestive Kraft, die von ihren Augen ausging», schwärmte ihr Studienfreund, der spätere Germanist Benno von Wiese, noch in seinen Lebenserinnerungen. «Man tauchte in ihnen geradezu unter und mußte fürchten, nicht mehr nach oben zu kommen.»[22] Dass eine der damals wenigen Studentinnen ohne besonderen Ehrgeiz klassische Texte im Original las und zugleich über ausgeprägte charakterliche Stärke, Mitmenschlichkeit und Attraktivität verfügte, mutete in der traditionellen Männergesellschaft exotisch an. Das mag einer der Gründe dafür gewesen sein, dass Arendt «die Frauenfrage» nie sehr interessiert[23] hat und sie sich auf ihre intellektuellen Waffen verließ. Sie war ganz bewußt Frau[24], schrieb sie über Rosa Luxemburg und beschrieb sich damit zugleich selbst. Aber sie hatte ein feines Gespür für gespreiztes Gehabe der Männer in ihrer Umgebung und konnte sich darüber herzlich amüsieren.

Martin Heidegger wollte wegen Hannah Arendt nicht seine Familie aufgeben, und so setzte sie 1925 ihr Studium bei Husserl in Freiburg fort, um 1926 auf Empfehlung Heideggers zur Promotion zu Jaspers nach Heidelberg zu gehen. Dort war das Leben geselliger als in Marburg. Zum engen Freundeskreis gehörten nun der Schriftsteller Erwin Loewenson, Benno von Wiese, mit dem Arendt eine vorübergehende enge Freundschaft verband, und Hans Jonas, der eines Tages Kurt Blumenfeld zu einer zionistischen Veranstaltung einlud. Blumenfeld, der von sich zu sagen pflegte: «Ich bin ein Zionist von Goethes Gnaden. Oder: Der Zionismus ist das Geschenk Deutschlands an die Juden»[25], eröffnete Arendt in langen Diskussionen die Welt des Judentums.

Aber noch stand die Philosophie im Vordergrund. Jaspers, der soeben die Arbeit an seinem dreibändigen Grundriss der Philosophie (1931) begonnen hatte, spielte in Heidelberg dieselbe Rolle des philosophischen Erneuerers wie Heidegger in Marburg. Aber im Unterschied zu diesem hatte er eine Rückhaltlosigkeit, ein Vertrauen, eine Unbedingtheit des Sprechens, die ich bei keinem anderen Menschen kenne. Dieses hatte mich schon beeindruckt, als ich ganz jung war.[26] Sie las bei ihm zum ersten Mal über die Freiheit bei Kant und Schelling und begegnete bei Jaspers einem Begriff von Freiheit gekoppelt mit Vernunft, der mir, als ich nach Heidelberg kam, ganz fremd war. Ich wußte nichts davon, obwohl ich Kant gelesen hatte … Wenn es irgendeinem Menschen gelungen ist, mich zur Vernunft zu bringen, dann ist es ihm gelungen.[27]

Er löste sie aus ihrer tiefen, inneren romantischen Stimmung der Marburger Zeit. Wie bei Heidegger wurde sie mit der Sinnfrage und der Auffassung konfrontiert, dass philosophisches Denken nicht zu vorzeigbaren Ergebnissen, sondern den Denkenden zu sich selber führe und erst damit auch der Wissenschaft Sinn gebe. Aber im Gegensatz zu ihm begegnete ihr bei Jaspers die Bedeutung der philosophierenden Kommunikation, deren Ziel kein besonderes Ergebnis, sondern die Existenzerhellung ist. Dabei ist die Existenz keine Form des Seins, sondern eine Form der menschlichen Freiheit, und zwar die Form, in welcher der Mensch als Möglichkeit seiner Spontaneität sich gegen sein bloßes Resultatsein wendet … Die Mitmenschen sind nicht (wie bei Heidegger) ein zwar strukturell notwendiges, aber das Selbstsein notwendig störendes Element der Existenz; sondern umgekehrt nur in dem Zusammen der Menschen in der gemeinsam gegebenen Welt kann sich Existenz überhaupt entwickeln.[28] Jaspers zeichnete im Unterschied zu Heideggers «Selbstischkeit» die Wege vor, auf denen das moderne Philosophieren sich bewegen muß, wenn es sich nicht in die Sackgassen eines positivistischen oder nihilistischen Fanatismus verrennen will[29]. Die gewollte Unbefangenheit des Urteils und bewußte Distanz von allen Fanatismen, wie verlockend diese auch sein mochten und wie erschreckend auch Vereinsamung in jedem Sinn als Folge drohte[30], festigten ihren Unabhängigkeitswillen.

So verließ Arendt schrittweise ihre Menschen- und Weltferne, um sich mit der Versicherung des existenziellen «In-der-Welt-Seins» in der Welt ihrer Mitmenschen auch nur einigermaßen einzurichten und zu orientieren[31]. Ihre Dissertation 1928 über den Liebesbegriff bei Augustinus zeigte zwar noch den stark denkerischen und sprachlichen Einfluss Heideggers und wurde von Jaspers in ihrer Methode als sachliches Verstehen, zugleich gewaltsam[32], kritisch bewertet. Doch hob Arendt bereits die Bedeutung der menschlichen Gebürtigkeit bei Augustinus hervor, die sie später als Freiheit des Anfangenkönnens zur existenziellen Bedingung des Menschen und seiner politischen Möglichkeiten ausweitete.

Zunächst aber erschwerten die Zeitumstände schlagartig Arendts Versuch, sich ganz unpolitisch und ausschließlich philosophisch denkend in der Welt einzurichten. Sie hätte sich wohl kaum mit anderen Fragen befasst, wenn nicht die Zeitläufe ihren Sinn für Gerechtigkeit und Freiheit verletzt hätten[33], wie sie über Rosa Luxemburg schrieb, und wenn sie nicht vor die Frage gestellt worden wäre, wie sie als Jüdin auf den modernen Antisemitismus zu reagieren habe.

Erste Jahre der Emigration

Nach dem Studium dachte Arendt nicht an eine Habilitation. «Ihr Instinkt wehrte sich gegen die Universität; sie wollte frei sein.»[34]