Hans Breitensträter - Jürgen Vortmann - E-Book

Hans Breitensträter E-Book

Jürgen Vortmann

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Beschreibung

Die Weimarer Republik stand an ihrem Anfang unter den Folgen des Ersten Weltkriegs. Die Bevölkerung sehnte sich nach Abwechselung. Der Sport und die Bars standen dabei im Mittelpunkt. Der erste große Sportstar der Weimarer Republik wurde der aus Magdeburg stammende Boxer Hans Breitensträter, der schon vor seiner Karriere ein bewegtes Leben hatte. Der "blonde" Hans wurde der Liebling der Massen und ein gern gesehenes Mitglied der High Society der Weimarer Republik. Der deutsche Meister im Schwergewichtsboxen war der Vorgänger Max Schmelings, mit dem er, der ältere Breitensträter, sehr befreundet war. Viele namhafte Künstler huldigten ihm. Er wurde in Bildern und Skulpturen verewigt.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Meinen Eltern

Heinz

und

Rose-Margareth

Vortmann

„Dabei will ich gar nicht leugnen,

daß es mir jedes Mal neues Vergnügen

macht, wenn ich durch die Seile

klettere und im Ring stehe. Das mag

eine merkwürdige Veranlagung sein.

Hans Breitensträter

Vorwort

Am Morgen des 25. Februar 1964 gab es selbst unter den Zweitklässlern meiner kleinen Grundschule in Hesepe bei Bramsche nur ein Thema. Der junge unverbrauchte Boxer Cassius Clay hatte den alten Boxfuchs Sonny Liston in der Nacht zuvor nicht nur besiegt, sondern ihn sogar zur Aufgabe gezwungen. Es begann die große Zeit des Ausnahmeboxers Clay und ebenfalls mein Interesse am Boxsport. Selbst mein Vater, der kaum Interesse am Sport hatte, stand in den folgenden Jahren nachts mit mir gemeinsam auf, um die legendären Kämpfe des Muhammad Ali im Fernsehen anzuschauen; unvergessen der „Rumble in the jungle“, zehn Jahre nach dem großen Sieg Alis gegen Liston.

Boxlegenden begegneten mir immer wieder, wenn auch indirekt. Im Jahre 1976 habe ich in Berlin studiert und ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gehabt, die direkt über der Gaststätte von Franz Diener in der Grolmanstraße Hausnummer 47 lag.

Weihnachten 1977 schenkten mir meine Eltern die gerade erschiene Autobiografie von Max Schmeling. Im Buchdeckel befand sich eine persönliche Widmung des Autors. Mein Vater hatte diese anlässlich einer Signierstunde von Schmeling besorgt. Ich war sehr glücklich über das Geschenk und hatte das Buch bereits am zweiten Weihnachtstag durchgelesen. In dem Buch war die Passage besonders beeindruckend, in der Schmeling schilderte, wie er nach dem ersten Sieg über Joe Louis vom Madison Square Garden in sein Hotel fuhr und auf dem Weg dorthin die enttäuschten Gesichter der Amerikaner am Stadtrand sah. Da wurde mir klar, dass Boxen in dieser Zeit nicht nur eine Massenbewegung auslöst; sondern Boxen war damals eine wichtige nationale Angelegenheit; in Deutschland ebenso wie in den Vereinigten Staaten.

Damals stieß ich auch erstmals auf den Namen Hans Breitensträter. Er und Schmeling waren befreundet. Fast fünfunddreißig Jahre später las ich wieder von Hans Breitensträter; nämlich in dem Buch „Leg dich, Zigeuner“ von Roger Repplinger über den Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann, diesmal allerdings nicht als aktivem Boxer, sondern als Ringrichter, der sich nicht verbiegen ließ. Dies war endgültig der Anlass, sich intensiv mit dieser Person der Boxgeschichte zu beschäftigen, die einen maßgeblichen Anteil daran hatte, dass das Boxen in den zwanziger Jahren in Berlin einen ersten Aufschwung erlebte und gesellschaftsfähig wurde. Breitensträter selbst wurde zum ersten Sportstar der jungen Weimarer Republik.

Die Quellen für diese Biographie sind in erster Linie die Lebenserinnerungen des Hans Breitensträter aus dem Jahre 1923 sowie zwei Artikelserien in der Zeitschrift „Sie“ aus dem Jahre 1951 und dem Sport-Magazin aus dem Jahre 1950, die beide auf den Erzählungen Breitensträters beruhen. Darüber hinaus sind neben der vorhandenen Literatur sowohl Tageszeitungen wie die „BZ am Mittag“ oder der „Berliner Lokal-Anzeiger“, Wochenschriften wie die „Sie“ als auch Fachzeitschriften, wie die wöchentlich erscheinenden Zeitschriften „Box-Sport“ und „Boxwoche“, als Quellen herangezogen worden.

Cloppenburg, im Dez. 2020 Dr. Jürgen Vortmann

Inhaltsverzeichnis

Der Durchbruch

Jugendjahre

Gefangen auf der Isle of Man

Rückkehr nach Deutschland

Boxen als neuer Nationalsport und Synonym für eine Massenbewegung

Boxerische Erfolge und gesellschaftliche Anerkennung

Der Karrierehöhepunkt

Siege und Niederlagen

Boxtrainer, Ringrichter und Kohlenhändler

Anhang

Anhang 1

Breitensträters Kämpfe

Anhang 2

Tabellarischer Lebenslauf

Anhang 3

Literaturverzeichnis

Der Durchbruch

Der 23. April 1920 war ein bedeutender Tag in der deutschen Boxgeschichte. Irgendwo im regnerischen Berlin traf Hans Breitensträter, der von allen nur der „blonde Hans“ genannt wurde, an diesem Tag die letzten Vorbereitungen für seinen wichtigen Boxkampf gegen den Hamburger Otto Flint, den ersten inoffiziellen Deutschen Meister im Schwergewicht. Er hatte mit Flint noch eine Rechnung offen. Der junge Breitensträter, der am Anfang seiner Karriere als Profiboxer stand, trat erneut gegen Flint an, der ihn sechs Monate zuvor nach 15 Runden nach Punkten besiegt hatte.

Breitensträter hatte sich akribisch vorbereitet. Im Sparringstraining absolvierte er Runde um Runde. Seine Sparringsgegner spürten in jeder Phase der Runden, dass er einen unbändigen Siegeswillen hatte. Der Sandsack wurde malträtiert. Das Springseil flog nur so durch die Luft. Er wirkte deutlich muskulöser als beim ersten Kampf.

Hans Breitensträter war bis in die Haarspitzen motiviert. Seine Gedanken kreisten seit Wochen nur um diesen Kampf. Er wollte die Chance seines Lebens unbedingt nutzen. Für Breitensträter stand viel auf dem Spiel. Er wollte erstmals die Krone im deutschen Schwergewicht erringen. Der Fortgang seiner noch jungen Boxkarriere hing von diesem einen Abend ab. Breitensträter hatte hart trainiert und – wie er selbst in seinen Erinnerungen schrieb – allein acht Tage an der Taktik gefeilt, mit der er Flint besiegen wollte.1 Gerade die Taktik musste Breitensträter besonders trainieren, denn er war recht unerfahren.

Sein Manager Buß und sein Betreuer André Picard befanden sich in den letzten acht Tagen vor dem Kampf immer an seiner Seite. Breitensträter trainierte immer wieder die Fähigkeiten, die einen guten Boxer ausmachen: Geschwindigkeit, Kraft, Beweglichkeit, Schnelligkeit der Hände und der Füße sowie mentale Stärke. In diesen frühen Zeiten des Boxens setzten die Boxtrainer weniger Sportgeräte ein. Der Schwerpunkt lag auf Sparringsübungen. Die Trainingsintensität war damals lange nicht so hoch wie heute. Das Training erfolgte planlos und nur sporadisch.

Eine höhere Trainingsintensität war aufgrund der vielen Kämpfe, die die Boxer in schneller Abfolge absolvieren mussten, auch zeitlich gar nicht möglich. Heutige Boxer bereiten sich etwa zehn Wochen auf einen Fünfzehnrundenkampf vor. Der blonde Hans absolvierte allein in neun Jahren als Profi sechsundneunzig Kämpfe, von denen er zwanzig verlor und neun Unentschieden boxte. Seine Trainingsphasen konnten nur kurz sein. Eine spezielle Vorbereitung auf den jeweiligen Gegner erfolgte nur bei wichtigen Kämpfen. Aufgrund des umfangreichen Trainings schlägt der heutige Durchschnittsboxer schneller, häufiger, treffsicherer, härter und damit wirkungsvoller als der Durchschnittsboxer zwischen den Kriegen. Breitensträter zeichnete sich allerdings schon damals dadurch aus, dass er härter als viele andere Schwergewichtler schlug. Max Schmeling war wohl derjenige, der als deutscher Boxer am Härtesten zuschlagen konnte und dabei auch noch sehr treffsicher war.

Der bevorstehende zweite Kampf zwischen Flint und Breitensträter war insbesondere deshalb brisant, weil der Manager Thomas C. Buß nach dem ersten Kampf zwischen den beiden Boxern das Management von Flint niedergelegt hatte und Breitensträters Impresario geworden war, denn er sah in Breitensträter die Zukunft. Buß hatte schon längst erkannt, dass der junge „blonde“ Breitensträter besser zu vermarkten war als der etwas knorrig wirkende Flint. Schließlich ging es um viel Geld. Boxen war im Berlin der zwanziger Jahre die aufkommende Sportart.

Der Fußballsport hatte damals bei weitem noch nicht diese sportliche und gesellschaftspolitische Bedeutung wie heute. Er war in erster Linie ein Arbeitersport, der noch keine gesellschaftspolitische Bedeutung entwickelt hatte. Zwar spielten die Arbeiterfußballer schon ab 1920 eigene Bundesmeisterschaften aus. Jedoch blieben die Arbeiter unter sich. Im Jahr 1924 reiste eine Auswahl nach Paris und reichte den Franzosen versöhnlich die Hand. Es war der erste offizielle Sportaustausch mit dem Erzfeind Frankreich nach dem ersten Weltkrieg. Die Presse berichtete wenig über Fußball, denn der zog keine Massen an und blieb ein Sport der Arbeiterklasse.

Fußball wurde damals auch nicht mit der heutigen Professionalität gespielt. Er wurde nur von Amateuren betrieben. Arbeiterfußballer respektierten grundsätzlich die Gesundheit ihres Gegenspielers. Letztendlich erkannten sie in ihm auch immer den Klassengenossen und Kollegen, der eine Familie zu Hause hatte, für die er mit seinem Körper Geld verdienen musste.

Das Fußballspiel war damals ein eher körperloses, schnelles und offensives Spiel. Knallhartes Tackling oder Wegrempeln des Gegners oder die Grätsche waren verpönt; Torwartattacken verboten. Die Gesundheit der Spieler musste geschützt werden. Der damals nationalkonservative Deutsche Fußballbund konnte mit seinen bürgerlichen Vereinen nicht das ganz große Interesse wecken. Dies änderte sich erst, nachdem die Nationalsozialisten den Fußball auch für sich und ihre Zwecke nutzten.

Dies war beim Boxen völlig anders. Zwar steckte auch der Profiboxsport in Deutschland noch in den Kinderschuhen, jedoch waren diese ersten Kämpfe der Auftakt zu einem Boxboom, der bei Experten noch heute als goldene Vergangenheit des Boxens gilt. Bereits die ersten Boxkämpfe unmittelbare nach Kriegsende zogen viele Zuschauer an. Sie interessierten sich für die Athletik und Dynamik des Boxsportes. Für viele von ihnen ging es erst richtig los, wenn Blut floss. Die Rücksichtlosigkeit des Boxens war faszinierender als der Fußball; das Boxen spektakulärer als Fußball. Die Menschen wollten ein Spektakel erleben. Sie hatten lange genug während des Krieges unter Entbehrungen gelitten. Die Freude am Leben war bis zu diesem Zeitpunkt eindeutig zu kurz gekommen.

Der Kampf zwischen Breitensträter und Flint war einer der ersten Kämpfe, der die Boxfans schon im Vorfeld elektrisierte. Sie fieberten dem Kampf entgegen. Die Presse hatte bereits einige Tage vorher über die Vorbereitungen des Kampfes ausführlich berichtet. Der Zirkus Busch in Berlin-Mitte war restlos ausverkauft. Aufgrund des Andrangs musste das Gelände aus Sicherheitsgründen weiträumig abgesperrt werden. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, um den Verkehr rund um den Zirkus Busch zu regeln.

Keiner rechnete mit einer schnellen Entscheidung. Alle gingen davon aus, dass der Kampf über die damals üblichen vollen fünfzehn Runden gehen würde. Breitensträter war der absolute Außenseiter. Die Quoten der Buchmacher für einen Sieg Breitensträters waren sehr hoch. Für ihn sprachen die jugendliche Unbekümmertheit und sein draufgängerischer Kampfstil; für Flint die Erfahrung. Der Hamburger Flint war bereits am 7. November 1911 der erste deutsche Schwergewichtsmeister geworden. Er hatte Paul Mond in der zweiten Runde ausgeknockt. Flint hielt den deutschen Meistertitel fast ein Jahrzehnt.

Die VII. Olympischen Spielen in Antwerpen wurden am selben Tag eröffnet. Doch das Interesse für diese Sportveranstaltung war schlichtweg nicht vorhanden, denn deutsche Sportler durften aufgrund der Rolle Deutschlands im Ersten Weltkrieg nicht teilnehmen. Nach der Niederlage im 1. Weltkrieg beschlossen die Siegermächte im Umfeld der Pariser Vorortverträge, Deutschland und dessen Verbündete nicht an den Olympischen Sommerspielen 1920 teilnehmen zu lassen. Der stattgefundene Machtwechsel und die Errichtung der demokratischen Republik halfen nicht. Die Deutschen blieben auch noch 1924 von den olympischen Spielen ausgeschlossen, während seine Verbündeten wieder teilnehmen durften. Die Menschen interessierten sich im Jahre 1920 sportlich gesehen nur für die bevorstehende Ringschlacht, die in ihrer Stadt stattfinden sollte. Im Zirkus Busch saßen immerhin dicht gedrängt fast 5.000 Menschen und warteten auf die beiden Boxer.

Der 1893 errichtete Zirkusneubau in der Burgstraße, nahe dem Bahnhof „Börse“, heute S-Bahnhof Hackescher Markt, war zunächst als Zirkusbau mit einer entsprechenden Manege konzipiert worden. Nach der letzten Vorstellung des Zirkus am 31. März 1914 baute Paul Busch das Gebäude – wie schon seit 1911 von ihm geplant – zu einem Varietétheater um. Die ersten öffentlichen Boxveranstaltungen fanden 1919 im Zirkus Busch statt, denn der Zirkusbau hatte die größte Zuschauerkapazität in Berlin.

Der Veranstalter zögerte den Beginn der Veranstaltung immer wieder hinaus. Ihm war an dem Umsätzen des Bierverkaufs gelegen. Erst als die Menge anfing, zu meutern, ließ sich der Kampfbeginn nicht länger hinauszögern. Bereits beim Einmarsch der Boxer konnten die Zuschauer erkennen, dass Breitensträter einen körperlich vorzüglichen und austrainierten Eindruck machte. In seinen Augen war sein Siegeswillen abzulesen.

Otto Flint

Die ersten Runden im Kampf mit Otto Flint waren ausgeglichen. In der fünften Runde schlug Breitensträter Flint zu Boden. Er wurde ausgezählt. Entgegen den Vorhersagen war es doch zu einem schnellen Ende gekommen. Viele Zuschauer waren enttäuscht, denn ihr Favorit Flint verlor. Der Ringrichter und Sportjournalist Kurt Doerry2 schilderte den Kampf anhand seiner Notizen in der „Boxsport“ im Januar 1924:

Der Gong ertönt, der Kampf hat begonnen und schon prasseln die Hiebe hernieder. Schnell sind die Kämpfer im Clinch; sie werden getrennt, und schon wieder sind sie wie zwei aufeinanderzuckende Blitze zusammen. Schnell fährt Breitensträters Linke aus. Flint und dessen Schläge fallen wuchtig auf den munkulösem Körper des anderen. Wird Flint diesmal leicht gewinnen? Wie eine stumme Frage geht es durch den Raum. Aber die erste Runde gibt darüber noch keinen Aufschluß, obwohl Flint etwas im Vorteil ist.

In der zweiten Runde forciert Breitensträter den Kampf; er greift ungestüm an, und auch Flint stürzt sich wild auf den Gegner. Immer wieder sind die beiden im Clinch und müssen mit Gewalt auseinandergerissen werden. Der Kampf ist jetzt völlig ausgeglichen; es hat den Anschein als ob die alte Überlegenheit Flints dahin sei. Der Hamburger trifft Breitensträter nicht wirksam genug, aber dieser trifft ihn oft und härter. Der schnelle, gerade Linkshänder des Magdeburgers zeichnet Flecken auf Flints Gesicht. Flints Schläge treffen des anderen Nacken und Brust, können Breitensträter aber nicht erschüttern.

Bereits in der nächsten Runde scheint es so, als solle sich Flints Geschick erfüllen. Ein blitzschneller Linkshänder Breitensträters trifft Flint auf den Punkt, das Kinn. Der Hamburger bricht zusammen: neun Sekunden vergehen, ehe Flint sich wieder erhebt. Er geht sofort wieder in den Clinch, man sieht, daß er schon so gut wie fertig ist. Aber er hält noch aus.

In der nächsten Runde geht der Meister, alle Willenskraft zusammenraffend, noch einmal los. Vielleicht kann er – so denkt er wohl – den Gegner doch noch über den Haufen rennen, ehe ihm der anscheinend schon sichere Lorbeer des Siegers zugeteilt wird. Aber ein neuer Treffer bringt ihn wiederum zu Boden, und auch diesmal dauert es neun Sekunden, ehe Flint wieder auf den Beinen steht. Das Ende ist nahe!

Die nächste, fünfte Runde, bringt es, Flint muß noch einmal auf die Bretter, dann nochmals; er schwankt, blutet, kann nicht mehr und gibt den aussichtslosen Kampf entmutigt auf.

Der Newcomer hatte den Altmeister bezwungen. Breitensträters unbändiger Siegeswillen wurde von den Beobachtern des Kampfes hervorgehoben. Die Situation rund um den Kampf und das Ergebnis erinnern ein bisschen an den Kampf Cassius Clays gegen Sonny Liston. Den Jubel der Zuschauer hörte man bis zum Bahnhof „Börse“. Die Rufe „Breitensträter, Breitensträter“ wurden immer lauter. Die Begeisterung kannte keine Grenzen. Für die Berliner war ein solch außergewöhnlicher und vor allem unerwarteter Erfolg im sonst tristen Alltag der Hauptstadt des deutschen Reichs eine besondere Abwechslung. Der „Underdog“ hatte gesiegt.

Mit seinem Betreuer „Daddel“

Breitensträter erhielt für den Kampf eine Gage in Höhe von 20.000 Mark. Er steckte sie in seine Geldbörse. Noch am selben Abend wurde ihm die Geldbörse gestohlen. Er hatte nichts verdient, aber den bisher größten sportlichen Erfolg seiner noch jungen Boxkarriere errungen. Plötzlich war er der neue Star am deutschen Sportlerhimmel. Er verkörperte einen neuen Star-Typus des Berufssportlers: „charismatisch, kräftig und schön“.3

Flint kaufte sich von der Kampfbörse ein Lokal. Er boxte noch bis März 1923. Es gelang ihm sogar noch den kommenden deutschen Boxmeister Rudi Wagener zu schlagen. Sein Lokal wurde zu einem beliebten Berliner Treffpunkt; nicht nur der Boxer.

Die politische Lage dieser Tage in Berlin war undurchsichtig. Einen guten Monat vor dem Kampf, am 13. März 1920, kam es zum Kapp-Putsch4. Zwar scheiterte der von General Walther von Lüttwitz5 mit Unterstützung von Erich Ludendorff initiierte konterrevolutionäre Putschversuch gegen die bestehende Regierung der Weimarer Republik. Jedoch hatte der Versuch das republikanische Reich an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht. Die Bevölkerung war hochgradig verunsichert.

Viele sozialdemokratische Mitglieder der Reichsregierung waren gezwungen, aus Berlin zu fliehen. Das Kabinett Ebert reiste nach Dresden ab. Allein der Justizminister Eugen Schiffer erklärte sich bereit, in Berlin zu bleiben. Der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Erich Alfringhaus6 schraubte am Morgen des 13. März in Erwartung der Putschisten die Türschilder an den Fraktionszimmern der deutschnationalen und sozialdemokratischen Fraktion ab und vertauschte sie. Er meinte, wenn die Vandalen kämen, sollten sie wenigstens die falschen Schreibmaschinen zertrümmern.7

Viele der Putschisten waren aktive Reichswehrangehörige oder ehemalige Angehörige der Weltkriegsarmee, insbesondere der Marinebrigade Ehrhardt. Auslöser des Putsches war die am 29. Februar herausgegebene Verfügung des Reichswehrministers Gustav Noske, die Marinebrigade Ehrhardt aufzulösen, deren Kommandant Lüttwitz gewesen war. Die Putschisten organisierten sich nach dem ersten Weltkrieg in reaktionären Freikorps und waren zudem Mitglieder der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Der Putsch wurde nach hundert Stunden niedergeschlagen, weil Teile der Bevölkerung bewaffnete Gegenwehr leisteten und ein Generalstreik ausgerufen wurde.

Der Manager Buß war hoch zufrieden. Er schenkte dem neuen deutschen Schwergewichtsmeister eine goldene Uhr mit einer schweren Kette. Viele Fans schrieben an den neuen Champion. Buß bemühte sich allerdings, diese Post von ihm fern zu halten und warf sie in den Papierkorb. Ihm war der Trubel um Breitensträter ohnehin zu viel. Die Presse stand dem neuen Boxidol, dem „blonden Hans“, auf den Füßen. Er wurde nicht nur viel fotografiert, sondern er musste auch viele Interviews geben. Breitensträter empfand es selbst so, dass der Boxsport urplötzlich eine wichtige deutsche Angelegenheit wurde.

Buß sah in erster Linie das gute Geschäft. Er wollte den neuen deutschen Schwergewichtsmeister ausgiebig vermarkten und forderte ihn auf, fit zu bleiben und möglichst viele Kämpfe zu bestreiten. Diese Haltung sollte sich noch rächen. Allerdings war es nicht so, dass allein Buß der Antreiber war. Breitensträter selbst wollte unbedingt ein großer Boxer werden und zudem auch viel Geld verdienen. Bisher war er nicht in den Genuss gekommen, ein sorgenfreies Leben führen zu können.

Wer war der Mann, den alle - lange vor Hans Albers - den "blonden Hans" nannten, der die Massen zum Boxen zog und dadurch dazu beitrug, dass Boxen gesellschaftsfähig wurde? Bis zum Beginn der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde in kleinen Sälen und Gaststätten oder auf dem Rummel geboxt. Die Technik der Boxer war nicht sehr ausgefeilt. Das Boxen dieser Zeit hatte etwas von einer „Keilerei“. Manch einer versuchte, den Kampf durch den "Rundumschlag" zu entscheiden. Der Boxer holte weit aus und versuchte, mit einer Drehung um die eigene Achse dem Schlag mehr Kraft zu verleihen und so den Kontrahenten entscheidend zu treffen. Letztlich war dies ein ungezieltes und unkontrolliertes Schwingen der Fäuste.

Hans Breitensträter boxte anders, technisch versierter. Er sah seine Chance im Angriff, ganz so wie er es in England gelernt hatte. Mit kleinen Schritten ging er in den Gegner hinein. Breitensträter ging selbst dann noch vorwärts, wenn er eigentlich keine Chance mehr hatte. Aber er war nicht der "Haudrauf" wie seine Vorgänger, sondern er boxte intelligenter und mit viel taktischem Verständnis. Er hatte jedoch auch seine Schwächen. Er boxte nicht gerne im Nahkampf und nutzte überweigend seine harte Rechte. Die linke Hand vernachlässigte er in seinen Kämpfen. Seine Trainer versuchten immer wieder, ihn dazu zu bringen, beide Hände einzusetzen. Breitensträter verließ sich jedoch im Eifer des Gefechts lieber auf seine harte rechte Hand. Sein Nachteil war, dass er durch diese Kampfweise für den Gegner leichter auszurechnen war. Der Einsatz auch der linken Hand hätte ihm eine größere Variabilität gegeben.

Er pflegte jedoch den neuen Boxstil nicht allein. Anfang der 1920er Jahre stürmte eine junge Garde von Boxer in den Sport, die ein anderes Boxverständnis hatte. Sie waren nicht nur athletischer, sondern auch aufgrund ihrer Ausbildung mit einem guten Taktikwissen und einer guten Technik ausgestattet. Seine Kameraden, wie beispielsweise Kurt Prenzel oder Adolf Wiegert, die mit ihm das Boxen in der englischen Kriegsgefangenschaft erlernt hatten, waren ebenfalls technisch versiert. Allerdings boxten sie in unteren Gewichtsklassen; Breitensträter dagegen in der Königsklasse, dem Schwergewicht. Deshalb zog gerade er die Massen an und war das Aushängeschild einer neuen Boxergeneration. Das Boxen wandelte sich mit den neuen Protagonisten: Weg vom Preisboxen in einer Wirtshausathmospähre ohne Training, hin zum athletischen Sport, der die Massen anzog. Die boxerische Anziehungskraft ging einher mit der Anerkennung in der Gesellschaft. Breitensträter war der erste Sportler und vor allem auch Boxer, der ein anerkanntes Mitglied der Berliner High Society der 1920er Jahre wurde.

Breitensträter hatte ohne Frage das sportliche Vermögen, auch in Kämpfen gegen amerikanische Boxer zu bestehen. Jedoch blieben ihm solche Kämpfe sowie Kämpfe um die Europameisterschaft im Schwergewicht aus politischen Gründen versagt. Deutsche Boxer durften aufgrund des Bannstrahls der Siegermächte bis 1928 nicht an internationalen Wettkämpfen teilnehmen.

Breitensträter war nicht nur im Boxring anders als die alten Kämpfer. Er gestaltete auch sein Privatleben anders als mancher Champion vor ihm. Er züchtete Orchideen und spielte Geige. Adolf Stein, der unter dem Pseudonym "Rumpelstilzchen" für das Tageblatt bissige Glossen verfasste, schrieb nach einem Hausbesuch bei Hans Breitensträter im Jahre 19228:

„Nach Breitensträters Sieg umtobt ihn ein rasender Beifall. Einmal schon hat sein Gegner zu Boden müssen, ohne freilich ausgezählt zu werden. Jetzt wird er mit schnellen, harten Stößen an die Seile gedrängt, ein Schlag in die Magengrube läßt ihn schwanken, in die Seile greifen, darin hängen und vornüberklappen, in demselben Augenblick sitzt ein furchtbarer Hieb auf seiner Kinnlade, er stürzt auf die staub- und kolophoniumbedeckten Bretter, das schweiß-feuchte Gesicht bekommt eine graugelbe Tünche, und über ihm wird ausgezählt: es ist wie ein Todesurteil. Aber Breitensträter mit seinem goldblonden Haarschopf steht da wie ein helmumbuschter klassischer Sieger. Weit offen erscheinen ihm die “internationalen“ Tore. Nun ist er bald “ganz Klasse“ und kann mit seinem Manager daran denken, vielleicht schon im nächsten Jahre Dollars zu scheffeln. In Papiermark hat er schon einen ganz hübschen Posten, der sich besonders gemehrt hat, als er – unter die Filmstars ging und in allerlei halsbrecherischen Tricks “Den Helden des Tages“ mimte. Man sollte meinen, der Händedruck eines solchen Burschen von eiserner Kraft müsse genügen, um einem Besucher den ganzen Tag zu verderben. Nicht doch! Hans Breitensträter kann ganz zart sein. Ich meine nicht einmal, wenn er sich in Damengesellschaft befindet, die natürlich auf ihr erpicht ist, sondern – wenn er zu seiner Geige greift und Chopins Es-Dur-Nocturno den Saiten entlockt; oder wenn er seine Orchideen betreut, unter denen eine eigene Züchtung, die Cattleya Trianea Breitensträteri, ihm die größte Freude macht; oder wenn er mit seinem Hänschen, dem kleinen gelben Kanarienvogel, um die Wette pfeift; oder wenn er seine putzige Sammlung von Teddybären, von denen einen einzigen zu besitzen, sein ganzer Stolz gewesen wäre, als er noch ein armer Junge war, streichelt. Er ist also nicht etwa so ein ungeschlachter, animalischer Gesell, wie der über und über tätowierte englische Boxkollege Harry Reeve oder wie mancher Ringer. Jedenfalls ist er schon in jungen Jahren, dank dem Betriebskapital seiner zwei Fäuste, zu einem großen Unternehmen geworden, das einen ganzen Stab unterhält, vom Manager bis zum Sekretär, vom Trainer bis zum Masseur, - und da er eine ungeheure Willenskraft besitzt, in Kopenhagen einmal sogar 10 Runden mit frisch gebrochenem Finger durchstand, hofft er noch sein Ziel zu erreichen, als Stolz Deutschlands einmal Weltmeister der Schwergewichtsboxer zu werden.“

Stein (1871–1945)9 betätigte sich als konservativer und kaisertreuer Journalist und Schriftsteller im Berlin der Weimarer Republik. Seine Gegner beschimpften ihn als „Hugenbergs Landsknecht“. Hugenberg10 machte ihn, der die Weimarer Republik als einzigen Skandal anprangerte, zum Chef des deutschen Pressediensts. Damit hatte er den Schalthebel der journalistischen Macht in Stein´s Hand. Der deutsche Pressedienst versorgte Hunderte von deutschen Tageszeitungen mit Nachrichten. Als erster und bestbezahlter Redakteur hatte Stein Einfluss auf die tägliche Themenauswahl und die politische Meinung der fast 350 belieferten Provinzzeitungen in Hugenbergs DNVP-orientierten Medienkonzern im gesamten Reich.

In seinen politischen Schriften bezeichnete er Matthias Erzberger, den Reichstagsabgeordneten des Zentrums, als „Reichsschädling“ und Friedrich Ebert als „Friedrich den Vorläufigen“, gegen den er in scharfer Form selbst noch nach dessen Tod offen agitierte. Er verfasste eine Vielzahl von politischen Schmähschriften, die teilweise unter Pseudonym erschienen. Zwischen Oktober 1920 und August 1935 schrieb er als „Rumpelstilzchen“ sogenannte Plauderbriefe, die in 35 Provinzzeitungen reichsweit erschienen. Am jeweiligen Jahresende erschienen die Glossen dann in gebundener Form als Buch. Es handelt es sich dabei um Glossen über das Kultur- und Zeitgeschehen für einen bürgerlichen Leserkreis.

Adolf Stein

Die Vossische Zeitung charakterisiert ihn am 1. Dezember 1932 in einem Artikel: „So einer ist gefährlicher als eine Kompagnie von Feld-, Wald- und Wiesendemagogen.“ Axel Eggebrecht, ein zeitgenössischer Kenner der Medienbranche, bezeichnete Rumpelstilzchen als „ein paar Jahre lang die größte publizistische Macht in Deutschland.“ Rumpelstilzchen war ein ohne Frage bedeutender nationalistischer Meinungsmacher für das Bürgertum in der Weimarer Republik.

1 Breitensträter, Meine Kämpfe, 1923, S. 46.

2 Doerry (1874-1947) stammte aus dem niedersächsischen Wilhelmshaven. Er war auf allen Kurzstrecken der Leichtathletik Deutscher Meister und hielt alle deutschen Bestleistungen inne. Bei den Olympischen Spielen 1896 nahm er am 100- und 400-Meter-Lauf teil. Jedoch schied er jeweils im Vorlauf aus. Seit Ende des 19. Jahrhunderts war er Sportjournalist für die Zeitungen „Sport im Bild“ und Sport im Wort“. Lange Jahre stand er dem Deutschen Hockey-Bund vor. Im Jahre 1910 gehörte er zu den Gründungmitgliedern des „Vereins deutscher Sportpresse“. In den 1920er Jahren war er der meist gebuchte Ringrichter. Im Jahre 1924 veröffentlichte er das Buch „Richter im Ring“.

3 Eggers, Erik, Charismatisch, kräftig und schön, Die Welt v. 10.02.2001.

4 Wolfgang Kapp spielte nur eine Nebenrolle.

5 Lüttwitz (1859-1942) war General der Infanterie. Er lehnte den Versailler Vertrag insbesondere deshalb ab, weil nach dem Vertrag das deutsche Heer auf 100.000 Mann reduziert werden musste. Ebenso war er gegen die Auslieferung von Kriegsverbrechern und die Auflösung der Freikorps. Lüttwitz flüchtete nach dem Putsch nach Ungarn und kehrte 1925 im Rahmen einer Amnestie 1925 nach Deutschland zurück.

6 Alfringhaus (1894-1940) war von 1924 bis 1933 Leiter des Sozialdemokratischen Pressedienstes. Aufgrund einer langen persönlichen Verbindung beriet er den Reichstagsabgeordneten Otto Wels. Als Emigrant in Kopenhagen organsierte er einen Auslandsdienst für die sozialistische Presse. Bei der Besetzung Dänemarks im Jahre 1940 brachte er mit seiner eigenen Yacht viele deutsche Emigranten an die schwedische Küste. Am 9. Mai 1940 fiel er in die Hände der Gestapo. Gemeinsam mit weiteren Sozialdemokraten wollte er auf seinem Boot selbst die Flucht nach Schweden durchführen. Die Gruppe fuhr in verschiedenen Abteilen mit dem Zug in Richtung Helsingör. In Snekkersten lag das Boot von Alfringhaus. Alfringhaus war voraus geeilt, um den Motor zu starten. Die übrigen Flüchtenden sollten beim Starten des Motors zum Boot laufen. Die Gruppe ahnte jedoch nicht, dass sie denunziert worden war und die Polizei das Boot beobachtete. Alfringhaus wurde verhaftet. Die anderen konnten entkommen. In der Gestapo-Haft in Kopenhagen im Gefängnis Vestre Faengsel vergiftete er sich (vgl. Kolk, Jürgen, Mit dem Symbol des Fackelreiters. Walter Hammer (1888-1966). Verleger der Jugendbewegung. Pionier der Widerstandsforschung, Diss. 2010, S. 93).

7 Marcus, Paul, Zwischen zwei Kriegen. Aus Berlins glanzvollen Tagen und Nächten, 2013, S. 115.

8 Zitiert nach www.karlheinz-everts.de/rmp22-01.htm.

9 Zu ihm vgl. Stein, Gerd, Adolf Stein als Rumpelstilzchen, 2014.

10 Alfred Hugenberg (1865-1951), Rüstungsunternehmer, Politiker für die Deutsche Nationale Volkspartei (DNVP) und vorübergehend nach der Machtergreifung durch Hitler Wirtschaftsminister, gilt als bedeutender Wegbereiter des Nationalsozialismus. Zu seinem Unternehmensonzern gehörte auch ein Medienkonzern, der die Hälfte der deutschen Presse kontrollierte. Seine nationalistische und antisemitische Propaganda trug in erheblichem Maße zum Aufstieg der rechtsextremen Parteien der Weimarer Republik bei.

Jugendjahre

Breitensträter wurde am 9. Februar 1897 als einziges Kind des Kaufmanns Hermann Breitensträter und seiner Ehefrau Marie, geb. Kluge, in Hecklingen bei Staßfurt, unweit Magdeburgs, geboren. Er besuchte die Magdeburger Volksschule, in der er durchaus ein guter Schüler war. Allerdings liebte er es, sich draußen mit seinen Freunden aufzuhalten. Schule war für ihn ein lästiges Muss. Er lief lieber durch den Wald und schwamm in der Elbe. Seine erste sportliche Leidenschaft war der Fußball. Bald verbrachte er jede freie Stunde auf dem Fußballplatz. Er spielte für den bürgerlichen Verein TV Askania Bernburg.

Askania Bernburg, 1910, stehend Erster von links Breitensträter

Wie jeder Junge der damaligen Zeit las er die Bücher Karl Mays oder den „Lederstrumpf“. Oft saß er am Elbeufer und ließ die Sonne auf seine Bücher scheinen. Er verschlang diese Abenteuerbücher geradezu. Wenn er so vertieft war, vergaß er rechtzeitig zum Abendessen wieder zu Hause zu sein. Er handelte sich häufig Ärger mit seiner Mutter ein.

Eines seiner Lieblingsbücher war der Roman „Robert, der Schiffsjunge“ von Sophie Wörishöfer, der erstmals 1877 erschien. Das Werk beschrieb die Fahrten und Abenteuer eines Schiffsjungen in der deutschen Handels- und Kriegsmarine. Viele Jungen hatten damals, wohl nicht zuletzt aufgrund der genannten Bücher, den Wunsch Seemann zu werden. Wörishöfer schrieb im Stile Karl Mays. Sie verfasste eine Vielzahl von Abenteuerromanen; vornehmlich für Jungen. Ähnlich wie Karl May hatte auch sie keines der Länder besucht, die sie in ihren Romanen beschrieb. Das Buch „Robert, der Schiffsjunge“ stammte ursprünglich aus der Feder von Max Bischoff. Wörishofers Verlag erteilte ihr den Auftrag, das Buch umzuschreiben. Danach wurde es ein großer Erfolg. Sie war nach Karl May die erfolgreichste Jugendbuchautorin in Deutschland.

Wenn Breitensträter las, nahm er am Elbufer nicht mehr viel wahr. Allerdings beobachtete er immer wieder die vorbeifahrenden Schiffe, die in Richtung Hamburg unterwegs waren. Er schrieb, inspiriert von seinen Büchern, in seinen Erinnerungen:

„Die Sonne scheint auf das Wasser, und dann träume ich immer, und ich sitze dann so in meinen Gedanken als Schiffsjunge in einem hohen Mastkorb und blicke herab auf die mächtige Dünung des Atlantik oder den glitzernden Pacific, so von dem großen Segelschiff herab im dicken Seewind …“11

Der Wunsch, zur See zu fahren, wurde immer größer. Seine Eltern waren nicht begeistert davon, dass ihr Sohn diesen beruflichen Weg gehen wollte. Der Vater versuchte, ihm diesen Plan auszureden und steckte ihn nach der Schule in eine Lehre als Bauhandwerker. Doch das war nicht die Sache von Hans Breitensträter. Nach drei Tagen beendete er diese Lehre und bekräftigte seinen Wunsch, Seemann zu werden.

Nach einiger Überlegenszeit und langen Diskussionsrunden mit seinem Sohn willigte der Vater schließlich ein und brachte seinen Sohn im September 1911 sogar selbst nach Hamburg. Der junge Hans war sofort von den vielen Schiffen fasziniert. Neben den Großseglern tummelten sich im Hafen vor allem die neuartigen Dampfschiffe, deren Boom gerade erst begann. Der Hamburger Hafen war 1911 der drittgrößte Hafen der Welt nach New York und London. Ein Jahr zuvor waren die St. Pauli Landungsbrücken eingeweiht worden.

Der junge Hans roch die bevorstehenden Abenteuer förmlich. Sein Entschluss stand nun fest: Er wollte Seemann werden, obwohl er erst vierzehn Jahre alt war. Über den Pastor des Seemansheim bekam er seine erste Heuer. Sein Vater bezahlte ihm seine Ausrüstung. Voller Vorfreude betrat der junge Hans zum ersten Mal ein Segelschiff, die „Pisagua“. Kapitän war R. Dahm. Das Schiff, 1892 auf der Werft Johann C. Tecklenborg in Geestemünde gebaut und nach der gleichnamigen chilenischen Stadt benannt, war eine 113 m lange stählerne Viermastbark der Reederei F. Laeisz. Sie gehörte zur berühmten Flotte der Flying-P-Liner und wurde vorwiegend zwischen Europa und Chile eingesetzt. Segelschiffe spielten zu dieser Zeit noch eine bedeutende Rolle in der Schifffahrt. Es wurden etwa 22 Prozent der Weltschiffstonnage mit Segelschiffen befördert.

Pisagua

Breitensträter musste allerdings sehr schnell erkennen, dass von der harten Arbeit und dem harten Leben an Bord nichts in den Büchern, die er gelesen hatte, stand. Insbesondere hatte er auch nichts von der – wie er schrieb – „Keile“ gelesen, die er jeden Tag bekam.

„Ich glaube, ich habe auf jedem Breitengrad, den wir überfuhren, Keile bezogen, und zwar nördlicher und südlicher Breite – auf dem Äquator doppelt -. Ich lernte das Leben sozusagen von der Schlagseite kennen. Ich bin ja heute wie man weiß gegen Schläge ziemlich abgehärtet. Aber kein Mensch glaubt, wie so ein Matrose hauen kann, dem man zufällig im Wege steht, wenn er über die Reeling spucken will. Da war einer, ein Ire, der landete bei mir immer - ich wußte noch gar nicht, was das ist – Kinnhaken!“

Hans lernte schnell, sich zu verteidigen. Aufgeben war für ihn keine Option. Er war fest entschlossen, sich durchzusetzen. Das Seemannsleben spielte sich für ihn in den ersten Wochen nur auf der Wasserseite ab. Seine erste Reise auf dem Segler ging um Kap Hoorn herum in die chilenische Stadt Valparaíso. Breitensträter freute sich darauf, die Stadt Valparaíso zu sehen. Endlich wollte er die Abenteuer erleben, von denen er in seinen Büchern so viel gelesen hatte.

Erste Ausreise, Breitensträter fünfter von links

Auf der Rückfahrt war das Schiff mit Salpeter beladen. Breitensträter machte sich darüber Gedanken, ob die Seefahrt seine Zukunft war. Er bemängelte das wenige Essen und die Tatsache, dass es nur alle vierzehn Tage frisches Wasser gab. Von Valparaíso hatte er fast nichts gesehen. Ihm war die Reise nicht aufregend genug gewesen; von Abenteuer keine Spur. Der Alltag des Seemannes war eher von harter Arbeit geprägt. Das sollte sich allerdings im englischen Kanal ändern.

Die „Pisagua“ war mit ihren 36 Mann an Bord in der Nacht vom 15. auf den 16. März 1912 mit voller Fahrt, etwa 20 Knoten, bei Beach Head in Höhe von Dover in den Kanal eingefahren. Breitensträter befand sich in der Kombüse, als er den Ruf des Kapitäns „Alle Mann an Deck“ hörte. Er rannte an Deck und sah vorne über die Backbordseite die Lichterkette eines riesigen Oceandampfers. Es kam zur Kollision mit dem Passagierdampfer „Oceana“, die der „Pisagua“ in den Kurs gefahren war. Die „Pisagua“ hatte sich mit ihrem Bug mittschiffs in die Backbordseite des Dampfers gebohrt. Die Rahen und Stengen kamen mit einer Geschwindigkeit von oben, dass es schon an ein Wunder grenzte, dass niemand verletzt wurde. Der Bug der „Pisagua“ wurde um 5 m eingedrückt. Die „Oceana“, 12.000 Tonnen schwer, sank. Sieben ihrer Passagiere und zwei Besatzungsmitglieder starben.

Die Pisagua mit eingedrücktem Bug

Die „Pisagua“ trug schwere Schäden davon, u. a. war der vordere Mast gebrochen. Die Besatzung hatte Glück, dass der Schott im Vorschiff dem Wasserdruck standhielt und ein Wassereinbruch in das gesamte Schiff verhindert wurde. Die „Pisagua“ musste mit Hilfe von Schleppern in den Hafen von Dover gebracht werden. Die „Pisagua“ wurde repariert und an eine norwegische Reederei verkauft, die das Schiff zu einem Walfänger umbaute. Einige Monate nach der Umrüstung zerschellte das stolze Segelschiff im Jahre 1913 auf einer Klippe vor Punta Alegre.

Von Dover aus kehrte Breitensträter erst einmal nach seiner sechsmonatigen Reise nach Magdeburg zu seinen Eltern zurück. Seine Mutter freute sich, ihren Sohn wieder in die Arme schließen zu können. In langen Gesprächen versuchte sie, ihren Sohn davon zu überzeugen, doch nicht mehr zur See zu fahren. Doch Hans blieb nicht lange. Es zog ihn wieder auf das Wasser hinaus. Die Bücher konnten doch nicht gelogen haben. Die geschilderten Abenteuer musste es – davon war er fest überzeugt - geben.

In Hamburg bestieg er am 15. April 1912, dem Tag als die Titanic sank, den Hamburger Segler „Viganella“, eine Dreimastbark, um über Kap Hoorn und Mexiko in die Vereinigten Staaten hinauf zu segeln. Die "Viganella" wurde 1893 als "Anna Schwalbe" in Stettin gebaut. Das Schiff verblieb bis 1900 im Besitz einer Reederei aus Stettin. In diesem Jahr wurde es nach Hamburg verkauft und in "Viganella" umbenannt. Dort führten die Kapitäne Ernst Neckel und Max Reiß12 das Schiff für die Reederei Mentz, Decker & Co. Der englische Kreuzer "HMS Bacchante" brachte das Schiff während des Ersten Weltkriegs im Januar 1915 auf der Reise von Nicaragua nach Deutschland auf.

Nach einem Stopp im mexikanischen Mazatlán erreichte das Schiff Vancouver. Die halbe Mannschaft verließ das Schiff. Breitensträter blieb jedoch gemeinsam mit seinem Freund Alfred Partier an Bord. Bereits auf der Überfahrt kam er nach der Reise auf der „Pisagua“ erstmals wieder mit dem Boxen in Kontakt gekommen. Das Boxen war der einzige Zeitvertreib der Matrosen. In den Kämpfen ging es immer fair zu. Lag einer auf dem Boden, durfte nicht mehr auf ihn eingeschlagen werden. Das waren keine wilden Keilereien, sondern Boxkämpfe, die nach gewissen Regeln geführt wurden. Streitende Matrosen schickte der Kapitän mit den Worten an Deck: „Klärt das wie Männer“. Die gesamte Freiwache schaute dann zu. Mit Partier, der später selbst ein erfolgreicher Boxer wurde, trainierte Breitensträter fleißig. Nicht selten musste er von Partier einstecken.

Ein baumlanger französischer Matrose stichelte bereits die ganze Reise gegen Breitensträter. Er legte es förmlich darauf an, mit Breitensträter zu boxen. Eines Tages, zum Ende der Reise, platzte Breitensträter der Geduldsfaden. Der Franzose hatte vor seinen Füßen einen Eimer voll mit Dreckwasser ausgekippt. Die Mannschaft, die schon sehnsüchtig auf den Kampf wartete, hatte mit Seilen einen provisorischen Ring ab gekleidet. Dieser Ring war deutlich größer als ein üblicher Wettkampfring. Dies war für den Franzosen ein Vorteil, denn so konnte er weiter zurückweichen. Breitensträter übernahm sofort die Kampfführung. Der Franzose war ständig auf dem Rückzug. Er hatte Breitensträters Schnelligkeit und Dynamik unterschätzt. Nach wenigen Minuten war es dann soweit. Ein krachender rechter Haken landete am Kinn des Franzosen, ohne dass er selbst einen Treffer gelandet hatte. Die umstehenden Seeleute mussten ihm einen Eimer voll mit Wasser ins Gesicht kippen, damit er wieder zu Verstand kam.

In Vancouver sahen die beiden ihren ersten richtigen Boxkampf und kauften sich danach sofort eigene 6-Unzen-Handschuhe. Auch wenn Breitensträter immer wieder das Geld ausging, in den Häfen konnte er teilweise auf eine Zuwendung von 20 Mark durch seine Mutter rechnen, die ihm immer wieder Geld in die Häfen schickte. Kapitän Neckel gab darüber hinaus bei Landurlaub auch Vorschuss auf die monatliche Leichtmatrosenheuer von 20 Mark.

Die Rückfahrt sollte wieder um Kap Hoorn nach Kapstadt und dann nach Australien gehen. Das Schiff hatte Holz für Kapstadt geladen und segelte mit Ballast nach Australien. Bei jeder gemeinsamen Freiwache gingen die beiden Freunde in das vordere Schiff, um nach einem zerfledderten alten Boxlehrbuch, dass sie sich in Vancouver besorgt hatten, zu trainieren. Beide waren sehr ehrgeizig.

In Sydney angekommen, musste Breitensträter feststellen, dass er für die lange Reise sehr schlecht bezahlt worden war. Gemeinsam mit seinem Freund und ganzen 18 Schilling in der Tasche verließ er heimlich das Schiff. Er versteckte sich, bis die „Viganella“ wieder in See gestochen war. Wäre er vor der Abfahrt ergriffen worden, hätten ihn die Behörden „in Eisen“ dem Kapitän übergeben und er hätte mit einer empfindlichen Strafe rechnen müssen.

Von einem deutschen Schlachter bekamen die beiden den Hinweis, dass in Auburn13 im Staat New South Wales in einer Corned-Beef-Fabrik Arbeiter gesucht wurden. Dort arbeitete er einige Wochen und verdiente mehr Geld als auf seinem Segelschiff. In Newcastle heuerte er anschließend auf einem amerikanischen Schoner, der „Dolphin“, an, der auf dem Weg nach San Francisco war. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen auf dem Schoner waren nicht mit den Verhältnissen auf seinem alten Schiff zu vergleichen. Das Essen war besser und die Arbeit angenehmer; vom Verdienst ganz zu schweigen. Er verdiente 25 Dollar im Monat.

Auf der langen Fahrt war er oft gezwungen, zu boxen. Der Kapitän Hansom duldete auf seinem Schiff keine Prügeleien. Bei jeder Streitigkeit holte er die Boxhandschuhe hervor und ließ die Streithähne den Konflikt durch sportlich faires Boxen austragen. Hansom führte Breitensträter darüber hinaus in mancher morgendlichen privaten Boxstunde auf dem Achterdeck in die Kunst des Boxens ein. Breitensträter lernte exakte Beinarbeit, was „Clinch“ ist und wie der Boxer eine richtige Deckung hat. Hansom sagte eines Tages zu ihm: „Aus dir kann mal was werden, Dutchy.“ Er sollte Recht behalten.

Endlich betraten Breitensträter und Partier nach langer Fahrt Land in San Francisco. Doch die Freude währte nicht lange. Ausgehungert nach Abwechslung verjubelten Breitensträter und Partier bereits in der ersten Nacht an Land das ganze hart verdiente Geld in einschlägigen Spelunken. Seinem Freund Fred Partier wurden sogar alle Papiere gestohlen. So hatten sie sich das Vergnügen in San Francisco nicht vorgestellt. Sie mussten wieder auf ein Schiff. Partier gelang dies jedoch nicht; ihm fehlten die Papiere, die er sich erst neu beschaffen musste. Deshalb trennten sich die Freunde.

Über einen Schiffsmakler kam Breitensträter nach Portland/Oregon und heuerte dort auf dem englischen Schiff „Philadelphia“ an, das um Kap Hoorn nach England segeln sollte. Am Bord befand sich eine bunte Truppe von Seeleuten vieler verschiedener Nationalitäten. Der Kapitän war ein cholerischer Alkoholiker. Am Weihnachtsabend 1913 begann die Reise. Das Schiff – der Lotse war noch an Bord - kam sofort in schwere See. Die Mannschaft musste 55 Stunden an Deck bleiben. Der Kapitän lag betrunken in seiner Koje. Da die beiden Offiziere sehr unerfahren waren, gab es keine Ordnung auf dem Schiff. Das Chaos brach aus. Ein alter norwegischer Maat übernahm das Kommando. Der Kapitän wurde festgesetzt und das Schiff nahm Kurs auf San Francisco. Dort verhafteten die Behörden den Kapitän und die Seeleute heuerten alle ab. Breitensträter stand wieder ohne Geld da und die angestrebte Heimreise nach Magdeburg war in weite Ferne gerückt.

Nach drei Wochen in einem Boardinghouse bestieg er einen Segler in die Südsee. Auch hier war das Boxen Bestandteil des Alltaglebens. Auf der Reise kam es mit dem Koch des Schiffs zu einem kleinen Sparring. Nach einem Schlag des Kochs an sein Kinn fiel Breitensträter über die Reeling und landet im blauen warmen Wasser der Südsee. Ein Hai schwamm um ihn herum. Breitensträter versuchte ruhig zu bleiben. Angesichts des glatten Wassers war das keine Schwierigkeit. Die Schiffscrew konnte ihn nach einigen Manövern aus dem Wasser der Südsee retten und an Bord holen.

Im Frühjahr 1914 gelangte er mit dem Schiff auf die Marshall-Inseln; auf das aus 91 Inseln bestehende Atoll Jaluit. Zu diesem Zeitpunkt wehte die deutsche Flagge noch über den Inseln. Die Inseln gehörten offiziell zur Kolonie Deutsch-Neuguinea. Sie war seit 1878 eine deut