Harte Schule - Karl Michael Gietler - E-Book

Harte Schule E-Book

Karl Michael Gietler

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Beschreibung

Der Text schildert chronologisch die wahren Ereignisse meines Schuljahres an einer Österreichischen NMS, die dazu geführt haben, dass ich ab Ostern mit der Diagnose Burn-out und Depression in den Krankenstand gehen musste. Ich beschreibe die Schulsituation, das heißt die Besonderheiten bezüglich Schulform, Verhalten der Schüler, Führungsstil seitens der Direktion und wie diese Zustände nach und nach meine Gesundheit ruinieren. Eines der Kapitel beschäftigt sich mit dem stundenplanmäßigen Ablauf einer Woche, was von Stunde zu Stunde und in den verschiedenen Klassen so alles passiert, an anderer Stelle werden die Unzulänglichkeiten des Schulgebäudes beschrieben, die fehlende Infrastruktur, speziell was seine Eignung für eine ganztägige Betreuung betrifft. Das Besondere an diesem Text ist vielleicht, dass über eine besonders schwierige Klasse ein Heft mit dem von den Lehrern aufgezeichneten Verhalten der Schüler existiert, in dem die Vorkommnisse während eines gesamten Schuljahres dokumentiert wurden. Diese Aufzeichnungen werden in Monatskapiteln von mir im Original wiedergegeben, neben einigen von mir selbst verfassten Beschreibungen besonders schwieriger Schüler. Der Leser gewinnt hier einmal einen Eindruck von den tatsächlichen Verhältnissen, wie sie an vielen Schulen, besonders im städtischen Raum herrschen. In einem ersten Exkurs über "Schule und Bildung" mache ich mir Gedanken über die allgemeine Bildungssituation in Österreich, hier kommen auch andere Autoren zu Wort. In einem zweiten Exkurs: "Burn-out und Depression" versuche ich den Ursachen nachzuspüren, welche letztlich zu dieser Diagnose führen und wo sich möglicherweise einige Leser ebenfalls als Betroffene wiedererkennen mögen. Mit dem vorliegenden Text möchte zeigen, wie es in manchen Schulen in der Realität aussieht und dass die Diskussionen, welche über Schule und Bildung geführt werden, oft an den wirklichen Problemen vorbeigehen.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2014

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www.tredition.de

Karl Michael Gietler

Harte Schule

Ein Lehrer im Burn-Out

www.tredition.de

© 2014 Karl Michael Gietler

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7323-1133-0

Hardcover:

978-3-7323-1134-7

e-Book:

978-3-7323-1135-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Harte Schule

ein Lehrer im Burn-out

Inhalt

Vorwort

Alles wunderbar

Schulbeginn

Es lebe der Sport

Erste Irritationen

Oktober

Im Keller

November

Die Reißleine

Der neue Stundenplan

Frohe Weihnachten

Dezember

Jänner

Februar

Am Ende

Exkurs I: „Schule und Bildung“

März

April

Mai

Exkurs II :„Burn-out und Depression“

Juni

Abschlusskonferenz

Literatur

Vorwort

Das Thema Schule ist in den Medien ein Dauerbrenner. Einmal ist es PISA, dann ist es das neue Lehrerdienstrecht, dann ist es die Einführung der Gesamtschule, dann wieder die Einsparungen im Bildungsbereich, weil im Bundesbudget umgeschichtet werden muss, um eine Bank zu retten. Eine bessere Lehrerausbildung wird gefordert, alternative pädagogische Konzepte werden angedacht, neue Schulformen kreiert. Aber trotz ständiger Reformen und Schulversuche können heute viele Pflichtschulabgänger nicht ausreichend Lesen, Schreiben und Rechnen, was von vielen Firmen, die Lehrlinge anstellen, bestätigt wird. Denn die Probleme in den Schulen liegen ganz wo anders. Das Hauptproblem im Pflichtschulbereich – also Hauptschule, Neue Mittelschule und Polytechnikum – ist aus meiner Sicht die stark anwachsende Zahl an verhaltensauffälligen Kindern, die einen geregelten Unterricht, so wie man es sich landläufig vorstellt, unmöglich machen. Viele Schüler können nicht mehr zuhören, sich nicht konzentrieren, akzeptieren keine Anweisungen; manchen ist alles egal, sie haben keine Erziehung, kein Benehmen, sind distanzlos, frech, gewalttätig und psychisch gestört. Es gibt Unterrichtssituationen, die kann sich ein normaler Mensch kaum vorstellen, viel weniger würden unbedarfte Personen die Belastung, denen viele Lehrer ausgesetzt sind, auch nur einen Tag aushalten.

Ich selbst habe an einer Neuen Mittelschule im städtischen Bereich ein Schuljahr erlebt, das mich an den Rand meiner psychischen und physischen Belastbarkeit und darüber hinaus getrieben hat und wie ich es kein zweites Mal mehr erleben möchte. Im Folgenden soll die Geschichte dieses Schuljahres erzählt werden.

Die Ereignisse und Situationen sind wahr, die Namen der Schüler und Lehrpersonen wurden verändert. Die Lehreraufzeichnungen über das Verhalten der Schüler der 1a Klasse sind wortwörtlich aus dem Heft mit dem Titel „Verhalten“ entnommen. Jahres- und Ortsangaben sind absichtlich weggelassen. Ich ersuche das Lesepublikum sich nicht an den im Text vorkommenden Kraftausdrücken und Obszönitäten zu stoßen, ich gebe nur die Originalaussagen der Schüler wieder. Offiziell sind die österreichischen NMS ja auf Erfolgskurs, der letzte PISA – Test hat ja wieder einen leichten Trend nach oben erkennen lassen. Andererseits gibt es neuerdings aber auch Kritik an dieser Schulform, da trotz des enormen finanziellen Mehraufwandes die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben. Wie es aber in den Klassenzimmern und Direktionen wirklich zugeht, wissen nur die Lehrerinnen und Lehrer.

Dieses Buch soll einen – zugegeben punktuellen – Einblick in die schulische Situation bieten, wie sie sich vor allem im städtischen Pflichtschulbereich darstellt. Vielleicht kann die Lektüre dieses Buches dazu beitragen, dass die von manchem Bürger vorschnell geäußerte Kritik über die privilegierten Lehrer ein wenig überdacht wird.

Alles wunderbar

Das offizielle Schul-Video, veröffentlicht auf YouTube beweist es: So schön kann Schule sein. Eine grüne Wiese, fröhliche Kinder spielen Ball oder klettern auf einem Baum herum. Frau Direktor S., eine freundlich blickende Dame, erklärt dem interessierten Zuseher die Besonderheiten an diesem Schulstandort. Die Ganztagesbetreuung in verschränkter Form und der Montessori-Unterricht. Ein weiteres Spezifikum bilden die sogenannten „Schwerpunkte“ wie Haushalt und Werken als „Lebenskunde“, Naturwissenschaften im Schwerpunkt „Physik / Chemie“, der Schwerpunkt „Sport“ und der Schwerpunkt „Musik“, „wo jedes Kind seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert und auf das Leben vorbereitet wird.“ erklärt uns die Frau Direktor. Man sieht Schüler kochen, backen, Adventkränze binden, im Physiksaal experimentieren und mit dem Mountainbike durch den Wald radeln. Aus dem „Herzstück der Schule“, dem Biogarten, kommen die Zutaten für den Höhepunkt des Schuljahres, dem „Schwerpunktfest“, bei dem es zugeht wie in einer großen, glücklichen Familie.

Die übrigen Anforderungen, mit denen im schulischen Alltag die Schüler in Form des Lehrplans konfrontiert sind, stellen, so hat man den Eindruck, überhaupt keine Herausforderung dar und sind sowieso schon bestens erledigt.

Eine Vorzeigeschule also; und sicherlich sieht es an anderen Neuen Mittelschulen ähnlich aus, so glaubt man. Aber Speicherkarten von Videokameras sind geduldig, könnte man sagen; auf Video kann man auch einen Knast als Vier-Sterne Hotel aussehen lassen. Dass es nämlich hinter den Kulissen ganz anders zugeht, wissen die Lehrer besser und dass es im Schulsystem unseres Landes im Allgemeinen brodelt, mussten in jüngster Zeit auch die für den Schuldienst verantwortlichen Inspektoren und Personalvertreter zur Kenntnis nehmen. So wurde im vergangenen Sommersemester in einer Arbeitsgruppe zum „Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern — Schule 2020“ folgendes Begehren an die verantwortlichen Politiker verfasst:

RESOLUTION

Die geänderten gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Einflüsse unserer modernen Konsumgesellschaft durch unterschiedlichste Medien und Mainstreams, der völlig veränderte Umgang von Jugendlichen untereinander aber auch deren neuer Zugang zu Erwachsenen stellt die Schulen, besonders in den Ballungszentren vor große, unter den derzeitigen Rahmenbedingungen oft nur schwer lösbare Herausforderungen und das bereits im Grundschulbereich. Das Vorhandensein von „ProblemschülerInnen“ bindet einen großen Teil der Ressourcen der LehrerInnen. Dennoch kommt es immer häufiger zu Aggressionen gegen Mitschüler aber auch gegen Lehrpersonal und durch dieses Verhalten wird ein effektiver Unterricht erschwert, manchmal unmöglich. Hinzu kommt noch der Umstand, dass jene Lehrer, die mit diesen Problemen Konfrontiert sind, immer häufiger gesundheitliche Folgen erleiden (Stichwort: Burn-out).

Im Konkurrenzkampf mit den AHS ist es oft nicht möglich, den Anspruch der Neuen Mittelschulen zu erfüllen, die pausenlose Beschäftigung mit den ProblemschülerInnen führt zu einer Vernachlässigung der leistungswilligen SchülerInnen. Die Folge sind unzufriedene SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen.

Im Präventionsforum der Landeshauptstadt wurde dieses Thema von betroffenen LehrerInnen an die Leiterin des Amtsärztlichen Dienstes herangetragen. Aufgrund der Dringlichkeit wurde eine Arbeitsgruppe zum Thema „verhaltensauffällige Schüler“ gegründet, welche von der Leiterin des Amtsärztlichen Dienstes und dem Dienststellenausschussvorsitzenden fachlich geleitet wurde.

Die verantwortlichen Stellen werden aufgefordert, den oben geschilderten Umstand wahrzunehmen und entsprechende Maßnahmen zu setzen. Die Arbeitsgruppe „Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern – Schule 2020“ hat folgende Vorschläge erarbeitet, um kurz bis mittelfristig eine Verbesserung der Situation zu erreichen:

1.

Ressourcenunterstützung um bewährte Einrichtungen (wie z.B. den Trainingsraum oder Timeoutgruppen) anbieten zu können

2.

Doppelbesetzungen im Grund- und Sonderschulbereich (vor allem im Bereich der Schuleingangsphase sollten zwei Pädagogen den Unterricht abhalten)

3.

Vermehrter Einsatz von SchulsozialarbeiterInnen, BeratungslehrerInnen und einem psychologischen Dienst an den Schulen (flächendeckender Bedarf!)

4.

Verringerung der Klassenschülerhöchstzahl auf 20 im Bereich der Volksschulen sowie im Bereich der Allgemeinen Sonderschulen auf 10

5.

Kooperation mit Sportvereinen, Theatern, Musikschulen etc. mit dem Ziel jene SchülerInnen zu erreichen, die normalerweise nicht in Kontakt mit solchen Institutionen kommen

6.

Ausbau von Betreuungseinrichtungen für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten

7.

Anerkennung von Verhaltensauffälligkeiten für zusätzliche Stundenressourcen

8.

Unterstützende Maßnahmen für LehrerInnen (darunter fallen: Einzelsupervision am Standort, psychologische Betreuung)

9.

Maßnahmen zur Verbesserung des Lehrerimages sowie Elternarbeit zur Verbesserung der Schulpartnerschaft

10.

Beste räumliche und lehrmittelmäßige Ausstattung der Volksschulen

11.

Bessere Vernetzung bereits bestehender

Einrichtungen und Institutionen

Die Unterzeichnenden fordern die Stadt sowie das Amt der Landesregierung auf, umgehend die geforderten Maßnahmen einzuleiten bzw. zu unterstützen.

Eine Nichtbeachtung dieser Resolution könnte zu einer Eskalierung der derzeitigen Situation und zu weitreichenden, gesellschaftlich problematischen Folgen, vermehrten Krankenständen der LehrerInnen und einem Kollaps des Bildungssystems im städtischen Ballungsraum führen.

Es folgt die Liste der TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe aus Politik, Schulverwaltung, Personalvertretung, Gesundheits-wesen, Schulpsychologie, Schuldirektion und LehrerInnen.

„Kollaps des Bildungssystems“ in der Landeshauptstadt – das klingt jetzt doch einigermaßen beunruhigend und stimmt so gar nicht mit den in den Medien veröffentlichten Erfolgsmeldungen überein, wie gut und toll die NMS funktioniert und wie glücklich alle sind. Hier tritt eine Entwicklung zutage, welche nicht zuletzt durch die in den vergangenen Jahren systematisch vorgenommenen Einsparungen und Personalkürzungen im Pflichtschulbereich verursacht wurde. Inwieweit in Zukunft seitens der Landespolitik auf die in der „Resolution“ festgehaltenen Vorschläge eingegangen wird, bleibt fraglich, da es bekanntlich mit den Landesfinanzen nicht zum Besten steht und Ressourcen eher heruntergefahren werden, als für die Schulen zur Verfügung gestellt. „Das Land muss sparen!“

So kommt es auch, dass ich, Mathematik- und Sportlehrer mit Lehramt für die Hauptschule, 53, seit 1998 Absolvent der Pädagogischen Akademie und seit 2002 sporadisch, d.h. mit mehrjährigen Lücken im Schuldienst des Landes tätig, immer nur einjährig befristet angestellt wurde. Ein Ansuchen um einen unbefristeten Vertrag ist aber nur nach einer fünfjährigen Dienstzeit ohne Unterbrechung möglich. Unbefristet angestellte Dienstnehmer müssen dann nämlich vom Land weiterverwendet werden. Befristet Bedienstete sind deshalb für das Land ungleich praktischer: wird ein Lehrer aufgrund von Stundenkürzungen oder Direktionszusammenlegungen nicht mehr gebraucht, muss ihm nicht gekündigt werden, er wird einfach nicht mehr weiterverwendet – das heißt, er bekommt keinen einjährigen Vertrag mehr. Dann heißt es so schön seitens des Landes – und in der Zeitung wird es berichtet – „die Einsparungen konnten erreicht werden, ohne dass ein Lehrer entlassen werden musste.“

Auch ist es im Lande üblich, die befristeten Dienstnehmer den ganzen Sommer über, oft bis in die erste Schulwoche hinein, darüber im Unklaren zu lassen, ob wieder eine Anstellung vorgesehen ist oder nicht. In letzterem Fall bleibt einfach das Telefon stumm und für den Betroffenen bedeutet dies wieder einmal einen Gang zum AMS. So war es auch im September zu Beginn des neuen Schuljahres. Am letzten Freitag vor Schulbeginn klingelt das Handy: „Schulabteilung des Landes, Hr. G. wir haben einen Posten für sie, sie melden sich jetzt gleich bei Frau Direktor S. in der NMS 19, sie fangen dort am Montag an.“ Das Lotteriespiel, ob man am alten Standort bleibt – in meinem Fall eine Sonderschule in V. – den Schulstandort wechselt, oder gar keinen Job bekommt, war entschieden. NMS also.

Schulbeginn

Frohen Mutes und mit gespannter Erwartung ob des neuen Standortes und der neuen Kollegenschaft betrat ich am ersten Schultag des Wintersemesters meine zukünftige Wirkungsstätte. Der Begrüßung und Vorstellung in der Direktion folgte gleich der erste Arbeitsauftrag seitens der Frau Direktor: „Sie sind ja der Turnlehrer, wir haben hier die neuen Tornetze für die Fußballtore, der Kollege im vorigen Jahr hat schon so lange darauf gewartet, die Schüler auch, die gehören montiert, die Tore sind unten im Keller, wenn sie so lieb sind.“ Na, das geht ja gleich in medias res, dachte ich ein wenig verwundert. Jedenfalls, die Kolleginnen und Kollegen schienen fürs Erste alle sehr nett zu sein; wie es ja in Pflichtschullehrerkreisen üblich ist, versteht sich die Kollegenschaft im Allgemeinen als Solidargemeinschaft im Kampf an der pädagogischen Front und ist üblicherweise per Du.

Die ersten, noch sonnig schönen Schultage vergingen wie im Flug mit Kennenlernen der Klassen, der Kollegenschaft und der Räumlichkeiten; die große Pause und die „Mittagsaufsicht“ der in Ganztagesform geführten Schule fand im Freien statt, auf der großzügig angelegten Schulwiese mit dem altem Baumbestand; ausgestattet mit Schaukeln und Klettergerüsten, einer Sportanlage mit Laufbahn, Sprunggrube, Ballspielplatz und einer Boulder-Wand eigentlich ideal.

Mein Stundenplan für dieses Jahr bescherte mir ungewohnte drei Nachmittage bis 16.05 Uhr, dafür hatte ich zwei Vormittage frei. Hauptsächlich als Turnlehrer beschäftigt und in allen vier Schulstufen für die leiblichen Übungen der Knaben zuständig, sollte ich neben einigen Lernaufsichts- und Begleitlehrerstunden auch die neue 1a in Mathematik übernehmen. Frau Direktor S. kam diesbezüglich mit einem besonderen Anliegen auf mich zu: „Hallo K. ich bin die Lizzy, du bist ja auch Mathematiker und wie du weißt, bieten wir an unserer Direktion einen Montessori-Zweig an. Da habe ich mir gedacht, du könntest ja auch in der 1a deinen Unterricht in Montessori-Pädagogik gestalten – keine Angst, du musst die diesbezüglichen Materialien nicht neu erfinden, wir haben alles digitalisiert, die Kollegin Frau T. gibt dir alles und erklärt dir alles.“ Das kam jetzt doch ein wenig überfallsartig auf mich zu, aber als befristet angestellter Lehrer und als neuer Kollege am Standort wagt man es nicht gleich seiner Frau Direktor, die einem noch dazu auf so kollegiale Weise das Du-Wort anbietet, zu widersprechen.

Besagte Kollegin, Frau Ilona T. drückte mir eine CD und einen USB-Stick in die Hand und beglückte mich mit einem einstündigen Crashkurs in Sachen Montessori-Pädagogik / Fachbereich Mathematik; eine Unterrichtsform; mit der sie selbst so gute Erfahrungen gemacht hatte, dass sie mir gestand: „Ich habe gedacht, ich bin im pädagogischen Himmel!“ Wie sich dieses Himmelreich im Klassenraum der 4c manifestieren sollte, durfte ich im Verlauf des Schuljahres noch mehrfach miterleben.

Diese Vorgabe bedeutete für mich also meine Abende damit zu verbringen, Montessori-Materialien für Mathematik zu erstellen, d.h. Lehrmaterialien auszudrucken – je nach Schwierigkeitsgrad gelb, blassgrün oder rosa – anschließend zu folieren und die einzelnen Kärtchen auszuschneiden – da kommt für das Stoffgebiet eines Schuljahres ganz schön was zusammen.

Aber eigentlich war meine Hauptaufgabe an dieser Schule der Turnunterricht. Mein Vorgänger, d.h. der Kollege, der im Vorjahr als Turnlehrer für Knabenturnen zuständig war, hatte die Schule verlassen und war an einen anderen Standort innerhalb des Bezirkes gewechselt, weil er den „Affenzirkus“ hier nicht mehr mitmachen wollte. So erklärte es mir die nette Kollegin Iris D., mit Erstfach Englisch, als Turnlehrerin für die Mädchen zuständig und seit mehreren Jahren an dieser Schule tätig. Iris, immer in Top-modischem Outfit und das Blondhaar perfekt gestylt, war es auch, die mir im Zuge einer Besichtigungstour durch die Räumlichkeiten des Turnsaaltraktes die Garderoben für Lehrer und Schüler, WCs, Gerätekammern samt vorhandenem Inventar und die beiden Turnsäle zeigte; und mich so nebenbei über einige Besonderheiten am Standort sowie die spezielle Situation im Kollegium aufklärte.

Aufgrund der zwei Unterrichtsformen an unserer Direktion war der Montessori- Bereich also 1c – 4c im Erdgeschoß untergebracht, also „unten“ und die normale Schulform mit den Regelklassen 1a - 4a im zweiten Stock, also „oben“. Im Kollegengespräch war dann immer von „oben“ und „unten“ die Rede, um die Bereiche zu kennzeichnen. Demgemäß gab es auch innerhalb der Kollegenschaft die Fraktion der Reform- und Montessoripädagogikbegeisterten, angeführt und mit besonderem Wohlwollen