Hartes Brot - Heinz J. Carboni - E-Book

Hartes Brot E-Book

Heinz J. Carboni

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Beschreibung

Private und persönliche Erinnerungen an Kindheit und Jugend zwischen Schuleintritt und Militärdienst in der Schweiz in der Zeit um den 2. Weltkrieg herum.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Widmung

Die vorliegenden, sehr persönlichen, zwangsläufig auch fragmentarischen und subjektiven Aufzeichnungen bezwecken, bei der jüngeren Generation die Erinnerung an eine so ganz andere, schwere, aber hochinteressante und bedeutungsvolle Periode unserer Geschichte wachzuhalten und der nachwachsenden Generation einen kleinen Eindruck zu vermitteln von den Zuständen, wie sie damals, im Spannungsfeld des sich abzeichnenden 2. Weltkrieges, gang und gäbe waren... und unter welchen ihre Eltern lebten. Das Werklein ist ausserdem den vielen dahingegangenen Freunden und Dienstkameraden sowie den wenigen an jener Zeit noch interessierten Zeitgenossen zugedacht. Es hätte ja eigentlich nur ein kleines Erinnerungswerk zuhanden meiner Nachkommen und Anverwandten werden sollen; nun ist es ungeplant zum „richtigen“ Buch geworden.

Mein grösster Dank gebührt meiner lieben Frau, meiner Kameradin durch Dick und Dünn, welche bald einmal siebzig lange Jahre an meiner Seite ausgeharrt und alle Hochs und Tiefs einer weiss Gott abwechslungsreichen und oft turbulenten Lebensreise getreulich geteilt hat. Ohne ihre stille Aufmunterung und moralische Unterstützung wäre “Hartes Brot...” nicht entstanden.

Herisau, Oktober 2015

Inhaltsverzeichnis

Turbulente Zeiten

Meine Sicht

Der Nachtwächterstaat

Teil I Jugendjahre

Im Schatten des Glärnisch

Unbeschwerte Knabentage

Indianerspiele

Oh mein Papa

Wie Mama Geld beschaffte

Unruhiges Familienblut

Berggewitter

Ein ungesühnter Mord

Bergwinter

Bluestfahrten

Eine Schulreise von damals

Unsere Lehrer

Teil II Den Hals in der Schlinge

Kriegsausbruch 1939

Die Schweiz im Würgegriff

Geistige Landesverteidigung

Bomben auf die Schweiz

Landesverräter

Rationierung

Holzvergaser

Ortswehren

Colorado- und andere Käfer

Anbauschlacht

Die Glarner meutern

Interniertenschicksal

Teil III Die Hormone regen sich

Vagabundenleben

Erste Verlockungen

Tanzstunden

Gestohlene Küsse

Der General und ich

Teil IV Seckle und warte

Das Vaterland ruft

Schule der Nation

Ende Feuer

Geb.Füs.Bat 85

Ich hatt‘ einen Kameraden

Die beste Armee der Welt

Teil V Schweiz wohin?

Mythos Schweiz

Schule und Staat

Schweiz wie weiter?

Wie man Nestbeschmutzer wird

Ein Nestbeschmutzer antwortet

Bananenrepublik Schweiz

Zum Verhältnis Schweiz/EU

Turbulente Zeiten

Es mag für jüngere, von Geschichte eher unbeleckte Leser zum Verständnis meiner Ausführungen hilfreich sein, die geschilderten Zeiten und Ereignisse in einen weltgeschichtlich leicht grösseren Rahmen zu stellen, welcher den Hintergrund jenes unruhigen, von vagen Gerüchten erfüllten und, je nach persönlichem Blickwinkel, mit Bangen erwarteten oder hoffnungsvoll herbeigewünschten Zeitabschnitts erklären soll.

1929 – 1936 Weltwirtschaftskrise. Heere von unruhigen, fast ohne Unterstützung dahinvegetierenden Arbeitslosen bevölkern die Strassen Europas und belasten die einzelnen Staaten schwer. Auch die Schweiz zählt weit über 100’000 Stellenlose bei einer im Vergleich zu heute unvergleichlich viel schwächeren Wirtschaftskraft.

1933 In Deutschland kommt Hitler mit Hilfe der Grossindustrie an die Macht und beginnt mit der Umgestaltung der jungen deutschen Demokratie in eine straff gelenkte Diktatur. Fast sofort setzt die militärische Aufrüstung ein, zusammen mit Autobahnbau und obligatorischem Arbeitsdienst sein Rezept zur Ankurbelung der Wirtschaft.

1935 Deutsches Militär besetzt das französisch verwaltete Saargebiet. Die Westmächte reagieren nur mit wortreichen Protesten.

1937 Deutschland annektiert militärisch das tschechische Sudetenland. Die Tschechoslowakei, obwohl mit einem Beistandspakt mit Frankreich und England verbündet, wird von seinen Verbündeten im Stich gelassen. Die Westmächte sind nicht auf einen Krieg vorbereitet. Der englische Premier Chamberlain verkündet Frieden für unsere Zeit.

1938 Deutschland annektiert Österreich. Das Land wird ins Deutsche Reich integriert. Es bleibt wiederum bei wirkungslosen diplomatischen Protesten. Hitler triumphiert einmal mehr.

Spätsommer 1939 Deutschland fällt unter nichtigem Vorwand in Polen ein und besiegt dieses in einem Blitzfeldzug. Frankreich und England sind auch mit Polen verbündet, doch rechnet Hitler fest damit, die Westmächte würden einmal mehr kuschen.

1939 Herbst. Hitlers Fehlspekulation. England und Frankreich erklären Deutschland den Krieg. 1.Generalmobilmachung der Schweiz und Grenzbesetzung. Unser Land erwartet den deutschen Einmarsch. Statt dessen erfolgt im Westen die <drôle de guerre>. Im Osten erfolgt der deutsche Einmarsch in Polen. Das Land wird zerschlagen und nach geheimer früherer Absprache von Deutschland und Russland besetzt.

1940 Beginn des Westfeldzugs im Mai. Dänemark, Norwegen, Holland und Belgien werden innert Tagen besetzt, Frankreich ist binnen wenigen Wochen bezwungen. England verliert die gesamte schwere Ausrüstung seiner Expeditionsarmee, kann aber beim “Wunder von Dünkirchen” etwa 300’000 Mann übers Meer retten. 2. Generalmobilmachung der Schweiz im Glauben, ein unmittelbarer Angriff stehe bevor.

1943 September Italien ist am Ende und kapituliert. Mussolini wird gefangengesetzt, jedoch von deutschen Fallschirmjägern auf spektakuläre Weise befreit. Die Alliierten besetzen Sizilien und Süditalien. Teilmobilmachung in der Schweiz wegen akuter Gefährdung der Gotthardachse. Die deutsche Südfront muss verstärkt werden.Verdacht auf Truppentransporte durch die Schweiz in Güterzügen.

Meine Sicht

Je älter ich werde - ich bin neunundachzigjährig – desto mehr reizt es mich als Noch-Angehörigen der Aktivdienstgeneration, meine Erinnerungen an jene schon fast vergessene - und von der heutigen Generation vielfach mit Spott und Hohn bedachte – Zeit der Jahre um den 2. Weltkrieg herum aufzuzeichnen. Es ist ja heute schon fast zum Volkssport geworden und gehört in manchen Kreisen zum guten Ton, sich über jene Geschichtsepoche abschätzig auszulassen, mit den damaligen Zuständen, Behörden und Massnahmen ins Gericht zu gehen, sie aus heutiger Sicht mit herablassender Häme zu überziehen und sie zumeist pauschal zu verdammen. Dabei urteilen die wenigsten dieser Kritikaster aus der Sicht jener Zeit heraus, sind die meisten von ihnen überhaupt nicht vertraut mit der damaligen atmosphärischen und psychologischen Grosswetterlage, mit dem so entscheidend wichtigen stimmungsmässigen Hintergrund, wie er sich zu jener Zeit darbot.

Denn pure Fakten sind das eine, die verborgen wirkenden, im Hintergrund massgebenden oft nackten Zwänge das andere. Als eifriger und langjähriger Amateurhistoriker - mein geschätzter Geschichtslehrer am Gymi Glarus, Dr.Vischer, hat seinerzeit das Interesse für und die Neigung zum Fach geweckt - habe ich mich oftmals gewundert darüber, wie einseitig Geschichtsschreibung auf staubtrockene, nüchterne, beweisbare Fakten reduziert wird, ohne die zu jeder Zeitperiode stimmungsmässig so wichtigen, allerdings auch schwerer nachzuempfindenden, Einflüsse von Ideen, Ideologien, Glaubensrichtungen, ökonomischen, wirtschaftlichen und technologischen Möglichkeiten gleichwertig miteinzubeziehen. Jede Handlung in der Geschichte braucht notwendigerweise einen Anstoss, hat eine oft lange und vielfältige Vorgeschichte, in welcher unwägbare Faktoren, von Wassermangel und Dürre bis zu persönlicher Sympathie oder Antipathie leitender Persönlichkeiten, eine Rolle spielten. Der Mensch ist ja längst nicht jenes rational denkende Wesen, als welches er sich gerne sieht. Wie zu jeder Zeit der Menschheitsgeschichte werden auch heute die meisten Entscheidungen letztlich aus dem Bauch heraus getroffen und nachträglich zur eigenen Beruhigung mit passenden rationalen Argumenten unterlegt. Beispiel: Selbst für’s Leben wichtigste Entscheide wie z.B. die Partnerwahl, sind immer Bauchentscheide. Und bei der Wahl des Autos gar feiern die Emotionen – zumindest beim Mann – Urständ. Rationale Ueberlegungen haben da lediglich Alibifunktion. Der Zufall spielt, wie schon Altmeister Friedrich Hajek in seinem Standardwerk über politische Oekonomie aufzeigt, in Politik und Wirtschaft eine riesige Rolle. So manches Ereignis ist zwar die Folge menschlichen Wirkens, entspricht aber längst nicht immer auch den Intentionen und gehegten Erwartungen. Der Zufall in der Form von menschlichem Fehlverhalten oder unvorhersehbarer Naturereignisse hat immer wieder die Hand im Spiel und bringt oft von langer Hand vorbereitete Entwicklungen binnen Sekunden zum Scheitern. Ein plötzlich auftretendes Naturereignis wie der Tsunami von 2005 kann jäh und unverhofft die Nichtigkeit menschlichen Wollens und Planens aufzeigen und ganze Völker an den Rand des Abgrundes bringen. Ein verheerendes Erdbeben, wie Pakistan es vor wenigen Jahren erlebte, schleudert Provinzen und Menschenmillionen in Armut und Elend und wirft ganze Volkswirtschaften um Jahre in ihrer Entwicklung zurück. Die völlig unerwartete Explosion des Vulkans Krakatau gegen Ende des 19. Jahrhunderts bescherte der Welt wegen der ascheverdunkelten Atmosphäre jahrelang eine kleine Eiszeit. Und umgekehrt lässt die menschengemachte Klima- und Meereserwärmung wegen der zu erwartenden, zunehmend heftigen Naturkatastrophen für die Zukunft unseres Planeten wenig Gutes erahnen. Der Mensch in seiner Hybris glaubt, alles sei machbar und jede Entwicklung unter Kontrolle zu haben. Ein Blick zurück auf 2005 genügt, um seine arrogante Vermessenheit zu entlarven.

Was mich angeht, praktiziere ich eine "Geschichtsschreibung" aus dem Bauch heraus, völlig subjektiv, nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und zusammengestellt, auf flüchtigen Impressionen und mehr oder weniger präzisen Erinnerungen basierend. Ein grosses Wort also für ein kleines, aus persönlichster Sicht heraus geschriebenes Erinnerungswerk. Anderseits vertraue ich fest darauf, ja bin davon überzeugt, dass viele flüchtige, auch unzusammenhängende, Impressionen, dass die Schilderung verschiedenster Zustände, Geschehnisse und Geisteshaltungen in ihrem Zusammenwirken vielleicht ein ebenso richtiges und stimmiges Bild vergangener Zeiten heraufrufen können wie das Aneinanderreihen von belegbaren Zahlen und Fakten. Geschichte besteht längst nicht, wie landläufig oft geglaubt, aus einer Aufzählung von belegten Ereignissen. Festgehaltene Fakten sind lediglich Wegmarken, Grabsteine der sich ständig und unaufhaltsam abspulenden Zeitentwicklung. Wichtig ist nicht so sehr das schliessliche Ergebnis, entscheidend sind vielmehr die Menschen dahinter, welche, jeder nach Massgabe seiner Möglichkeiten sowie aus den vielfaltigsten Motiven heraus, am Rad der Geschichte mitdrehen, Impulse geben und so die Entwicklung zwar nicht steuern, aber eben mitbeeinflussen. In diesem Sinne sind meine persönlichen Impressionen dank ihrer grosso modo hoffentlich korrekt geschilderten atmosphärischen Stimmigkeit genauso geeignet, Geschichte genannt zu werden wie dicke, faktenschwere Wälzer aus professioneller Hand. Letztlich, was sind die festgehaltenen Erinnerungen eines alten Mannes anderes als die Schilderung gelebter Geschichte einer erst kurz zurückliegenden Epoche? Es sind historische Staubkörner, Mikro-Bestandteile der Geschichte und als solche geeignet, den einen oder anderen winzigen Aspekt einer bestimmten Zeit für die schnelllebige und vergessliche Nachwelt zu erhellen.

Der Nachtwächterstaat

Es darf nicht vergessen werden, dass die Schweiz 1939, bei Ausbruch des Krieges, nur etwas mehr als vier Millionen Einwohner zählte, davon als Erbe der kurz zuvor zu Ende gegangenen Rezession etwa 100’000 Arbeitslose. Ein soziales Auffangnetz existierte noch kaum. AHV und Arbeitslosenversicherung waren unbekannt. Überhaupt waren Gesellschaft und Staatswesen in ihren Strukturen und Funktionsweisen noch gar nicht allzu weit von den Verhältnissen unter den ”gnädigen Herren” entfernt. Schliesslich ging ja die Gründung des modernen Staates Schweiz erst auf das Jahr 1848 zurück, genau genommen sogar erst auf das Jahr 1874. Kein Wunder also, dass die schon zuvor führenden, politisch und finanziell einflussreichen Schichten auch noch hundert Jahre danach das Sagen hatten. Die politischen Ämter bis hinunter auf Dorfebene waren von Honoratioren besetzt, deren Einfluss zumeist weit über den Rahmen ihres Amtes hinausreichte. Wer oben sass, war verbandelt und verschwägert mit Seinesgleichen, schob sich unter der Hand Vorteile zu und liess die Muskeln spielen, wenn es darum ging, die Vorzugsstellung zu verteidigen.

Wofür die SVP gegenwärtig wieder plädiert, nämlich weniger Staat und möglichst viel Selbstverantwortung in allen Belangen, war damals gelebte Wirklichkeit – inklusive aller sozialen Nachteile. Ich selbst kannte fette Jahre in Direktionsetagen und hatte Zeiten, da wusste ich nicht, wo ich schlafen sollte oder wo das Geld für die nächste karge Mahlzeit herkommen würde. In einer beruflich besonders kritischen Phase habe ich tagsüber in den Kieswerken von Bassersdorf mit dem Vorschlaghammer Felsbrocken zu Schotter geklopft und bin für jeweils wenige Nachtstunden, heimlich und unerlaubterweise, im Zimmer eines Freundes untergekrochen.

Etwas zur damaligen Wirtschaftsstruktur: Der gesamte Detailhandel jener Zeit wurde über grösstenteils private Läden abgewickelt, da weder Einkaufszentren noch Grossfilialisten existierten. Am nächsten kamen den heutigen Einkaufszentren noch die Warenhäuser, von denen einige Ketten existierten. COOP war zwar bekannt und auch in grösserer Zahl etabliert, doch noch in Form von vielen einzelnen, unabhängigen Genossenschaften. MIGROS befand sich in den Anfängen, vertrieb ihr knappes Billigsortiment hauptsächlich mittels Verkaufswagen und wurde vom etablierten Detailhandel mit allen Mitteln bekämpft. Vor allem auch wer ein eigenes Geschäft besass, konnte es sich nicht leisten, an einem Migros-Verkaufswagen gesehen zu werden. Sein Betrieb wäre danach von den einheimischen Händlern und Handwerkern boykottiert worden.

Was den privaten und öffentlichen Verkehr angeht: Insgesamt verkehrten etwa eine Viertelmillion Autos und Lastwagen auf den zwar guten, aber schmalen und kurvenreichen Strassen von damals. Privatautos waren zu jener Zeit Luxusartikel und Statussymbole. Wer ein Auto besass, zählte zum ”Teig” oder doch zur begüterten Bürgerschicht. Schon aus pekuniären Gründen wurde viel weniger häufig gereist als jetzt. Urlaubsreisen, schon gar ins Ausland, überhaupt längere Ferien, waren in jenen Jahren für Durchschnittsbürger unerschwinglich. Man kannte zwar alle jetzigen Verkehrsmittel, doch war deren Nutzung unvergleichlich viel weniger intensiv. Am ehesten vergleichbar mit heutigen Verhältnissen ist noch die Bahn, welche in etwa dasselbe Streckennetz bediente und, weil bereits elektrifiziert, als für die damalige Zeit sehr modern und leistungsfähig bezeichnet werden kann. Ich erinnere mich noch gut an die festliche Begrüssung des ersten, von einer Elektrolok gezogenen Zuges auf der Linthlinie. Das muss ungefähr um 1933 herum gewesen sein. An jeder Station wurde er von der Einwohnerschaft mit Blumen empfangen und beklatscht. Ein kleines Fest im Anschluss daran war selbstverständlich.

Jugendjahre/Teil I

Im Schatten des Glärnisch

Geboren bin ich 1926 im sog. ”Zigerschlitz”, auch ”Schüttstein der Nation” genannt, wie unwissende Spötter etwa jenes kleine, enge Bergtal bezeichnen, welches als eine Art verkehrstechnischer Blinddarm den südlichen Abschluss der weiten Linthebene – und des grossen Verkehrsstroms - bildet und dessen stotzige, von tiefen 500 Metern aus unendlich weit aufsteilende Berghänge zwischen Mürtschen, Schilt, Wiggis, Glärnisch, Kärpf und Hausstock Flachlandbewohner nicht gerade zum unbeschwerten Berggang einladen. Dem auswärtigen Besucher verursachen sie oft ein Gefühl der Beklemmung und lassen ihn denken, er müsste auf dem Rücken liegen, um den Himmel zu sehen. Ich weiss, dass meine Mama, welche von den sanften Ufern des Zürichsees stammte, sich ihr ganzes Leben lang nie richtig mit dem engen Bergtal abfinden konnte. Dies ganz im Gegensatz zu meinem Papa, welcher trotz gleicher Herkunft ein richtiger Bergnarr war und seine gutgehende zahnärztliche Praxis unter anderem deswegen in den abseits der Durchgangsstrassen liegenden Bergkanton verlegt hatte. Im übrigen dürfte nur wenigen Leuten bekannt sein, dass das Tal der Linth den tiefsten Einschnitt in den Alpen bildet, auch wenn bekanntere Talformationen wie das Engadin oder das Wallis vom Anblick her weit imposantere Kulissen abgeben.

Vor dem grossen Krieg fand sich der Kanton Glarus nur einmal jährlich im Rampenlicht der grossen Welt, nämlich immer dann, wenn das vielbeachtete Klausenrennen vonstatten ging, welches von Linthal auf die Klausenpasshöhe führte. Dann drängten Tausende von Zuschauern, inklusive die internationale Haute volée, nach Linthal, postierten sich entlang der damals noch ungeteerten, zT. schotterbedeckten Passstrecke und fieberten mit den kühnen Piloten mit, deren Boliden auf der behelfsmässigen ”Rennstrecke” oft für spektakuläre Missgeschicke sorgten. Dem Renn-Aficionado sind berühmte Namen von damals wie Caracciola, Stuck, Nuovolari, Rosenberg u.a. immer noch ein Begriff.

Meine Eltern waren Heinrich (Enrico) Carboni, geboren im Januar 1893 und Rosa Kunz, geboren im September 1892, beide aufgewachsen in Wädenswil am Zürichsee und Spielgefährten seit früher Kindheit. Allerdings mit sehr verschiedenem sozialem Hintergrund. Papa war ein Secondo von ursprünglich sardischer Herkunft, geboren in Intra am Langensee und mit den Eltern als Sechsjähriger in die Schweiz gekommen, wo Grossvater in Wädenswil eine Stelle als Hutmacher in der dortigen Hutfabrik hatte. Mama war eine waschechte Zürcherin, stammte aus einer ehemaligen Täuferfamilie aus Steg im Tösstal, welcher neben frommen Christen allerdings auch etliche Söldner entstammten. Mein Grossvater mütterlicherseits arbeitete als kaufm. Angestellter und war stolz darauf, im Militär als Tambourmajor zu dienen, vielleicht im Gedenken an jenen Verwandten, der als Soldat der holländischen Krone auf der Insel Celebes an der Eroberung von niederländisch Ostindien teilhatte.

Wir Kinder, somit bereits Terzos, waren und fühlten uns völlig integriert, sprachen, wie übrigens auch schon Papa, selbstverständlich das unverkennbar singende örtliche Idiom und wären nie auch nur auf den Gedanken gekommen, in geringster Weise anders zu sein als unsere Kameraden. Zur Ehrenrettung der manchmal als etwas eigenbrötlerisch verschrieenen Glarner muss ich erwähnen, nie jemals auch nur andeutungsweise auf meine leicht andersartige Herkunft angesprochen worden zu sein. Wir waren völlig in die heimische, damals noch weitgehend alemannisch geprägte Bevölkerung integriert, gesellschaftlich akzeptiert und dank Papas Ruf als exzellenter Zahnarzt, auch recht angesehen. Ich selbst fühlte mich als Glarner und war stolz darauf, jeweils mit meinen Kameraden zusammen anlässlich der jährlichen Landsgemeinde im "Ring" zu Glarus zu Füssen der Obrigkeit sitzen zu dürfen, was das Vorrecht der heranwachsenden männlichen Jugend war - heute sind die Frauen im "Ring" ja gleichberechtigt. Nebenbei gesagt ist meines Wissens der "Ring" d.h. jenes grosse Holzrund, das etwa 8'000 Stimmberechtigten auf dem Zaunplatz zu Glarus Platz bietet und wo jedes Jahr die anstehenden Sach- und Personalprobleme der Gemeinschaft in direkter Rede ausgemarcht werden, die einzige noch voll funktionierende Volksversammlung altgermanischer Abkunft auf der Welt. Der einzige Ort auch, wo ein einzelner Bürger in direkter Rede den fein gesponnenen Plänen der Obrigkeit an den Karren fahren und sie allenfalls scheitern lassen kann. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: die von den Glarnern beschlossene drastische Gemeindefusion von ehemals 28 auf nur noch 3 Grossgemeinden wurde von den Stimmbürgern (Glarus kennt das Stimmrecht ab 16 Jahren) entgegen dem Willen der Regierung durchgeboxt.

Kurz nach dem Krieg, im .Jahr 1947, als ich zum erstenmal in England weilte, wo ich dank privater Beziehungen meiner Familie mit einer englischen Freundesfamilie - wir Heran - wachsenden tauschten regelmässig für je ein Jahr die Plätze - eine Stelle als Hilfslehrer für Französisch und Sport an einem Knabencollege gefunden hatte, besuchte ich in London eine Kinovorstellung in der Nähe des Piccadilly Circus. Ich weiss noch, es war der nachmalige Westernklassiker "Red River" mit John Wayne und Montgomery Clift in den Hauptrollen. Schon im langen Gang, der zum Kinosaal führte, schlug mir vertraute Ländlermusik entgegen. Im Vorspann lief ein Dokfilm, betitelt "Europe's deepest valley", der mir die unspektakulären Schönheiten meiner kurz zuvor verlassenen engsten Heimat in eindrücklichen Bildern vor Augen führte. Auch die Landsgemeinde wurde als Beispiel exotischer Bräuche gezeigt, und sogar einen Bekannten, Patient meines Vaters und von Beruf Bauer und Alphirte von der Erbsalp ob Elm, konnte ich darin ausmachen. Soviel zu den oft seltsamen Zufällen.

Zu jener Zeit, also etwa in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts, hatte eine gewisse zaghafte Einwanderung vor allem durch italienische Textilarbeiter und -innen eingesetzt, welche es als (noch) nicht angepasste Neuzuwanderer allerdings sehr viel schwerer hatten, den Zugang zur örtlichen Lebensweise und Gesellschaft zu finden. Die "Neuen" lebten in Fabrikghettos und wurden pauschal als "Tschinggen" bezeichnet - abgeleitet vom italienischen, mit den fünf Fingern gespielten "cinque-Spiel. Neben seiner Privatpraxis war Papa auch lange Jahre als Schulzahnarzt tätig, und weil er von seinen Eltern her zwar nicht fliessend, aber zumindet verständlich, italienisch sprach, ergab es sich von selbst, dass zahnkranke Textilarbeiterinnen aus dem der dortigen Spinnerei angegliederten "Kosthaus" in Papas Praxis landeten. Unweigerlich in Begleitung von streng verhüllten Nonnen, welche über die moralische und physische Unversehrtheit ihrer Schützlinge wachten, mussten diese scheuen und verängstigten Wesen dazu gebracht werden, ihre Münder einem fremden Mann zu öffnen und sich seinen Ministrierungen zu unterziehen. Es war kein leichtes Unterfangen, weil oft spät oder zu spät angetreten und entsprechend schmerzhaft.

Item. Heutzutage sind die Abkömmlinge dieser Neu-Einwanderer ebenfalls längst völlig integriert, sitzen in Parlament und Regierung, besetzen hohe Staatsposten und leiten wichtige Firmen. Sie wären zu Recht schwer beleidigt, würde man sie als "Tschinggen" bezeichnen, sind sie doch überzeugte Glarner wie ich auch. Wenn ich heute etwa im Heimatkanton unterwegs bin, wundere ich mich allenfalls über albanisch-, türkisch- oder tibetischstämmige Mitreisende, die zu meiner Verwunderung oft ebenso singend glarnerisch parlieren wie ich es zu Knabenzeiten tat.

Unbeschwerte Knabentage

Die nachfolgenden Erinnerungen habe ich eigentlich nur ausgewählt um aufzuzeigen, welch' erstaunliche Freiheiten wir Jugendlichen damals bei Spiel und Freizeit genossen. Im Gegensatz zur strengen Kontrolle und zu den kompromisslosen Forderungen nach Einhaltung akzeptierter Regeln in Schule und Familie, blieb die Gestaltung unserer Freizeit fast völlig uns selbst und unserem Gutdünken überlassen. Niemand störte sich am oft lauten Lärm von uns fast immer im Freien spielenden Kindern, und die in anderen Dingen so strengen Erwachsenen zeigten zumeist eine erstaunliche Toleranz unseren vielen dummen Streichen gegenüber. Die freie Natur, Felder, Wälder, Flussufer — und vielfach auch Fabrikareale — bildete unseren Spielplatz, wo wir tun und lassen konnten fast was wir wollten. Tagelang haben wir Räuber und Poli gespielt, Indianerkriege geführt, Holzhütten gebaut, im Herbst Kartoffeln ausgegraben und im Feuer geröstet. Nie haben baked potatoes besser geschmeckt. Selbst als wir einmal beim Spielen unabsichtlich einen Wagen der damaligen Sernftalbahn zum Entgleisen brachten, weil wir unfähig waren, den zum Rollen gebrachten Waggon vor dem Aufprall auf den Prellbock zu stoppen, lief die Sache relativ glimpflich ab. Zwar benachrichtigte der diensthabende Bahnhofsvorstand die Väter der beteiligten Knaben, doch mit einigen mehr oder minder heftigen Watschen war die Sache ausgestanden.

Wir hielten auch eifrig die überlieferten Bräuche hoch, indem wir schon von früher Kindheit an daran teilnahmen. Am Chlaustag war es damals üblich, in grossen Karrees von schellenschwingenden Burschen und Knaben in die Nachbardörfer zu ziehen und die dortigen Burschenschaften zu provozieren, wobei schon einmal Rangeleien oder auch Schlägereien entstehen konnten. Bereits als Neun- oder Zehnjähriger stapfte ich begeistert mit meiner mickrigen Geissenschelle am Ende des Zuges mit, fasziniert von stampfenden Takt im Gleichschritt marschierender Beine und vom dumpfen Gedröhne der mächtigen Vorschellen, mit welchen die grossen Burschen bestückt waren.

Am Sylvestermorgen dann gingen wir Kinde "Hee use" rufen. In aller Herrgottsfrühe wurde bei betuchteren Einwohnern geläutet, in der Hoffnung, mit Süssigkeiten oder Früchten, manchmal auch mit einigen Geldstücken, belohnt respektive beschwichtigt zu werden. Dieser alte Brauch hat ja einen ernsten Hintergrund, indem reiche Leute sich früher bemüssigt fühlten, mindestens einmal im Jahr ihren ärmeren Mitbewohnern etwas Gutes zukommen zu lassen. In der Villa Blumer am Weinberg, Wohnsitz des damaligen "Therma"-Direktors, wurden wir unweigerlich von den Besitzern persönlich aus der Kälte in die grosse, warme Küche hereingeholt und mit warmem Tee und Süssigkeiten verwöhnt. Auf Blumers konnte man sich immer verlassen, wie übrigens auch auf einige andere spendable Bürgerhäuser.

Fridolinstag (6. März) war der Tag, bzw. die Nacht der grossen Feuer. Wohl Sinnbild für das kommende Ende der Winterzeit und dem Landesheiligen St. Fridolin geweiht, verbreiteten die mächtigen, lange zuvor auf nahen Anhöhen aufgeschichteten Feuerhaufen Licht und Zuversicht für die vielen den Anmarsch nicht scheuenden Zuschauer. Beim gleichen Anlass pflegte man vor allem im Kleintal das "Schiibe fleuge". Von kleinen, über steilen Abhängen errichteten Startplattformen aus wurden mittels biegsamer langer Stecken — ähnlich dem Hornussen — die mit einem Bohrloch versehenen, zum Glühen gebrachten Holzscheiben in die Nachtluft hinausgescheudert. Ihre kometengleiche Parabelkurve hinunter ins Tal konnte man lange von blossem Auge verfolgen.

Die Landsgemeinde schliesslich war Höhepunkt patriotischen Empfindens und Erlebens der männlichen Jungmannschaft. Wir genossen ja das Privileg, unmittelbar zu Füssen der Obrigkeit, im Gebälk der Rednertribüne, sitzen zu dürfen, bestaunten andächtig das Gepränge von feierlichem Einzug in den Ring mit dem vorangetragenen Landesschwert, die — zumeist — massvollen Diskussionen und den ehrfurchteinflössenden Vorgang des "Mehrens", also des Abstimmens und der Mehrheitsfindung, welcher durch Schätzung vollzogene Vorgang bei knappem Mehr oft mehrmals wiederholt werden musste. Es war Anschauungsunterricht für gelebte direkte Demokratie, auch wenn damals so mancher sog. "unabhängige" Wähler unter den Sperberblicken von fordernden Geld- oder Arbeitgebern anders abgestimmt haben mag als er es eigentlich hätte tun mögen.

Indianerspiele

Ein Vorfall, der schwere Folgen hätte haben können, ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Ich muss etwa acht oder neun Jahre alt gewesen sein und schwärmte, wie damals alle jungen Knaben, für Karl May, Winnetou und die Indianer überhaupt. Ich nehme einmal an, der Gedanke an einen Marterpfahl der Apachen habe mich auf die Idee gebracht, sie im geräumigen Holzkeller, wo viel Anfeuerholz für die Kohleheizung lagerte, in die Praxis umzusetzen. Als „Opfer“ sollte meine jüngere Schwester Hilde herhalten, welche mir oftmals auf Schritt und Tritt folgte und mich deswegen auch recht oft nervte. Sei dem, wie ihm wolle, Schwester wurde auf einem Gartenstuhl festgebunden, darunter wenig Anfeuerholz aufgeschichtet und dann in Brand gesetzt. Mir schwebte nur ein kleines Feuerchen vor, damit Schwester Hilde schön geräuchert würde. Doch leider war der Kellerboden auch mit Tannreisig übersät, welchen wir jeweils im Wald sammelten, um das Anfeuern zu erleichtern.