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Dieses Buch provoziert, denn das Statement "Ich bin o.k. - obwohl ich von Hartz IV lebe," widerspricht den Erfahrungen vieler ALGII-Empfänger, die von Armut, Verlust der Autonomie, Kontrolle, Missachtung der Grundrechte und der Intim- und Privatsphäre betroffen sind. Aber ebenso widerspricht das Buch der weit verbreiteten Ansicht vom faulen, ungebildeten Schmarotzer, der es sich in der sozialen Hängematte bei Bier und Dauer-TV wohl sein lässt. Der Autor folgt dem roten Faden seiner Biografie, reflektiert dabei die verschiedenen Ursachenebenen der eigenen Langzeitarbeitslosigkeit und stellt immer wieder den Zusammenhang zu aktuellen gesellschaftlichen Prozessen her. Im Teil 1 beschreibt der Autor die Spirale abwärts. Wie fühlt es sich an, unter öffentlicher Verwaltung zu stehen, mit Schulden umzugehen und Zukunftsaussichten, für die der Begriff 'trübe' bereits wie ein Euphemismus klingt. Fast heiter wirken dabei die Geschichten vom Ein-Euro-Job. Im 2. Teil beschreibt er seinen persönlichen Perspektivwechsel und die von ihm verwendeten "Werkzeuge", um trotz Hartz IV in Würde und mit Freude zu leben. Ob Musik oder der Trick mit der Dankbarkeit, regelmäßige Gesundheitspraxis und Teilhabe am öffentlichen Leben – es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Isolation und Depression zu überwinden. Mit dem Engagement für ein Bedingungsloses Grundeinkommen wird immer wieder der Bezug zur aktuellen politischen Diskussion hergestellt.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gerhard Bächer
ein Perspektivwechsel
Copyright: © 2014 Gerhard Bächer Lektorat: Stefanie Eber Titelfoto: Bernd Kähne Verlag: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de
Impressum
Danksagung
Teil 1 - Spirale abwärts
Einleitung
Unter öffentlicher Verwaltung
Das vorzeitige Ende besserer Tage
Unangemessene Kosten der Unterkunft?
Gebrochene Biografie
Schulden
Zukunftsaussichten
Geschichten vom Ein-Euro-Job
Der vormundschaftliche Staat
Der ungeliebte Angehörige
Verfall der Werte
Suchtgefahr
Die Opferschleife
Teil 2 - Perspektivwechsel
Loslassen
Der Trick mit der Dankbarkeit
Musik
Klarinette statt Knarre
Gesundheit
Selber kochen - das Beste ist für mich gut genug.
Tagesstruktur
Teilhabe
BGE
Wir sind viele
Ermutigung
Lesenswertes
Zeitgeschichtliches
Weiterführende Links
Sie können dieses Buch jetzt lesen, weil viele Menschen mein Vorhaben solidarisch unterstützten.
Besonders bedanke ich mich bei Stefanie Eber, die Lektorat und Korrektur ohne finanziellen Ausgleich leistete. Ebenso gestaltete Michael Steinbach das Layout und den Umschlag als Freundschaftsdienst. Christel Sperlich und Edda Dietrich gaben mir wichtige Hinweise zur Darstellung meiner Anliegen. Juliane Beer ermutigte mich zum Selbstverlag und gab mir hilfreiche Tipps. Meine Schwester Gertraude Kanthak machte mich auf Naikan aufmerksam und stellte mir diesbezügliche Literatur zur Verfügung.
Michael Fielsch, Rolf Gänsrich, Frigga Wendt und Berthild Lorenz gaben mir für das Kapitel Wir sind viele bereitwillig und offen Auskunft über ihre Lebensumstände.
Darüber hinaus danke ich allen, die mir zum Beispiel auf next.de oder privat Feedback und Ermutigung gegeben haben.
Mein besonderer Dank gilt allen Personen, Initiativen und Gruppen, die sich für eine dem Grundgesetz entsprechende Anwendung der Sozialgesetzbücher einsetzen. Stellvertretend sei hier die mutige Hamburger Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann genannt, deren Petition zur Abschaffung der Sanktionen und Leistungseinschränkungen beim ALG II Ende 2013 innerhalb von vier Wochen von über 90.000 Mitbürgern unterzeichnet wurde.
Allen bekannten und unbekannten Freunden in Deutschland und der Schweiz danke ich für ihr Engagement zur Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens, mit dem ein friedlicher gesellschaftlicher Paradigmenwechsel jenseits von Hartz IV möglich erscheint.
Januar 2014
Gegenwärtig bin ich arbeitslos. Gewinnbringend arbeitslos, was meine persönliche Entwicklung betrifft. Den Mitarbeitern des Jobcenters muss ich gestehen, dass ich in letzter Zeit nicht intensiv genug nach Arbeit gesucht habe. Stattdessen habe ich einen Teil dieser Zeit genutzt, um dieses Buch zu schreiben.
Einen anderen Teil dieser Zeit habe ich genutzt, um Texte und Musik für neue Lieder zu schreiben, die ich dann noch einstudieren und bis zur Vortragsreife üben musste.
Damit war aber noch nicht alle Zeit verbraucht. Zur Erweiterung meiner Kurs-Reihe „Grundlagen der traditionellen chinesischen Gesundheitslehre" an der Volkshochschule habe ich Workshops zu Eisenhemd Qigong und Dantien Qigong ausgearbeitet.
Tatsächlich hatte ich aber immer noch genügend Zeit übrig, den gesetzlich vorgeschriebenen Bewerbungspflichten nachzukommen und die Email-Postfächer zahlreicher Unternehmen unaufgefordert mit unverlangten BeWerbeNachrichten zuzuspammen.
Aber mal ehrlich: Glauben Sie, dass ein sechzigjähriger Langzeitarbeitsloser, der sich noch dazu öffentlich für direkte Demokratie und Bürgerrechte einsetzt, in diesem Land von einem Privatunternehmen für eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit fest angestellt wird?
Alles in allem befinde ich mich trotzdem in einer komfortablen Position. Ich habe keine Angst, in Hartz IV abzurutschen. Ich bin ja schon da, ich bin am Bodensatz der Gesellschaft, tiefer geht es nicht.
Wenn ich jedoch meine Perspektive ändere und aufhöre, mich in Kategorien geld- und machtorientierter Hierarchien zu bewerten, sieht meine Welt etwas anders aus. Machtlosigkeit und Armut - ohne damit zu kokettieren - können mir auch eine wunderbare Freiheit des Geistes verleihen. Ich bin ja nicht der Erste, der dies herausgefunden hat.
Nach über zehn Jahren erfolgloser Bewerbung um Wiederaufnahme in den ersten Arbeitsmarkt finde ich es inzwischen nebensächlich, ob ich subventioniert werde oder Einkommen „verdiene".
Ohne Subventionen gäbe es kein Geistesleben wie wir es heute kennen, keine Kultur, keine Kunst, kein religiöses Leben in dieser Form, aber auch keine ausreichende Wohlfahrtspflege. Ohne Subventionen gäbe es nur minimale Renten und keine moderne Gesundheitsversorgung, beide werden in erheblichem Umfang aus Steuermitteln bezuschusst.
Oder denken Sie an die Exportsubventionen für landwirtschaftliche Produkte, mit denen die Kleinbauern in den Entwicklungsländern ruiniert werden, oder an die Exportbürgschaften für Atomkraftwerke und Kriegsgerät. Erinnern Sie sich noch an die „Bankenrettung" mittels hunderten Milliarden Euro Steuergeldern?
Und mit dem „Verdienen" ist es auch so eine Sache. Aber dazu später.
„Ich bin o.k!" bedeutet nicht, dass ich Hartz IV beschönigen will. Der Name ist ja Programm, der Namensgeber ein rechtskräftig verurteilter Straftäter, der 2.600.000 Euro veruntreut hat. Inzwischen verbinden viele Menschen diesen Namen mit zweifelhaften politischen Konzepten, Machtmissbrauch und Menschenverachtung gegenüber den ökonomisch Schwachen. Im Ernstfall werden sie bis zu Obdachlosigkeit und Hungertod sanktioniert.
Sozialverbände und zahlreiche Politiker beklagen, dass Hartz IV mit der heißen Nadel gestrickt und schlecht gemacht ist. Hilflosigkeit, Ratlosigkeit, völlige Überlastung der Sozialgerichte, das Bundesverfassungsgericht verlangt Änderungen. Wieso kriegen wir das auch nach Jahren nicht besser hin? Liegt der Fehler im System?
Ich habe den real existierenden Sozialismus siebenunddreißig Jahre lang erfahren. Inzwischen habe ich auch über zwanzig Jahre Praxis des Kapitalismus und die aberwitzige Heiligsprechung von Egoismus und Gier erlebt. Das ist bunter und kälter.
Permanente Massenarbeitslosigkeit in ganz Europa, Jugendarbeitslosigkeit von über fünfzig Prozent in Südeuropa und dem arabischen Raum - die Dinge liegen aus meiner Sicht offen vor uns: Die Nachfrage nach angemessen entlohnter menschlicher Arbeit sinkt aufgrund fortschreitender Automatisierung immer mehr. Im Zeitalter der Informationstechnologie ist Produktivitätswachstum längst von der Entstehung neuer Arbeitsplätze entkoppelt.
Dazu hat sich die Weltbevölkerung in den letzten vierzig Jahren fast verdoppelt - und damit auch die Nachfrage nach Erwerbsmöglichkeiten. Die Verteilung der vorhandenen menschlichen Arbeit und vor allem die Verteilung der Gewinne aus Maschinenarbeit hinkt dieser Entwicklung weit hinterher.
Ich sehe auch keine Wirkung zweiter und dritter Arbeitsmärkte, die werden seit Jahrzehnten praktiziert, die Massenarbeitslosigkeit ist immer noch
da.
Während das so genannte eine Prozent trotzdem immer reicher wird, kommt bei den restlichen neunundneunzig Prozent immer weniger an, und nebenbei zerstören wir auch noch die Zukunft kommender Generationen.
Die Ideologie vom Sieg des Stärkeren und Egoismus als Triebkraft aller wirtschaftlicher Aktivität ist gescheitert. Es riecht wieder nach Veränderung. Aus den Bankpalästen dringt Verwesungsgeruch, aber auf den Plätzen und Straßen grünen und blühen neue Ideen und Initiativen.
Beispielsweise die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Menschen. Sie provoziert die Diskussion um unseren Arbeitsbegriff, unseren Begriff von Eigentum und unser Menschenbild, nach dem wir angeblich nur durch Zwang bereit wären, zu arbeiten.
Ich erinnere mich an Schulbücher meiner Kindheit, in denen die Zukunft in rosigen Farben gemalt wurde. Maschinen arbeiten für uns, Menschen sind vor allem kreativ tätig. Vielleicht erscheint es heute naiv, mir gefällt diese Vorstellung immer noch. Und ich ergänze sie um den Aspekt, dass wir damit auch die Freiheit haben, unsere Persönlichkeit weiter zu entwickeln.
Auch wenn Hartz IV dringenden Verbesserungsbedarf hat: Ich habe beschlossen, die Grundsicherung als - vielleicht unbeabsichtigten - Schritt in diese Richtung zu betrachten.
Die neuen gesellschaftlichen Bewegungen basieren auf der Erkenntnis, dass wir Menschen nur durch Kooperation überlebensfähig sind. Durch Kooperation können wir uns an fast alle Bedingungen auf diesem Planeten anpassen, durch gegenseitigen Respekt, gegenseitige Achtung, Unterstützung und Mitgefühl.
„Am Armen und Arbeitslosen wird beispielhaft vorgeführt, was jedem bevorsteht, wenn er sozial abstürzt: Der totale Verlust der Autonomie, Entwürdigung und Kontrolle des Menschen, Missachtung der Grundrechte und der Intim- und Privatsphäre."
(Ronald Blaschke „Freiheit, Liberale Demokratie, Bedingungsloses Grundeinkommen")
Nichts geht mehr, das kleine Bauträgerunternehmen ist zahlungsunfähig. Am 19. November 1999 melde ich die Firma beim Bezirksamt Prenzlauer Berg in der Fröbelstraße ab. Das Gewerbeamt ist im Haus 6, auf dem Rückweg melde ich mich beim Sozialamt im Haus 2 an. Als Selbstständiger habe ich keine Arbeitslosenversicherung, aber ich brauche eine Ablehnungsbescheinigung vom Arbeitsamt. Kontoauszüge der letzten drei Monate, Mietvertrag und Betriebskostenabrechnung sind vorzulegen, dazu Nachweise der Kosten für Gas und Strom. Ich bin jetzt eine öffentliche Person, stehe unter Verwaltungshoheit des Staatsapparates, es gibt keine Privatsphäre mehr. Nach Vorlage aller Bescheinigungen bekomme ich sofort Lebensunterhaltsgeld für den laufenden Monat. Erleichterung, ich atme auf, so einfach ist das mit dem sozialen Netz.
Ab sofort habe ich an jedem Monatsende einen Vorstellungstermin im Haus 2, zusammen mit meinen aktuellen Kontoauszügen, auf denen die Überweisung von Miete, Gas und Strom dokumentiert sind. Außerdem sind Bemühungen um Arbeit nachzuweisen. Im Gegenzug gibt es einen neuen Scheck, den ich an der Bezirkskasse unter Vorlage meines Personalausweises einlöse. Einmal im Jahr gibt es eine Sonderzahlung für Kleidergeld und im Dezember Weihnachtsgeld. Finde ich super, zum ersten mal in einem Leben erhalte ich Weihnachtsgeld und erstmals seit der Wende ein regelmäßiges und zuverlässiges Einkommen.
Gute Sache: der Instinkt.
Rechtzeitig trieb er mich,
die Zähne reparieren zu lassen,
als ich noch versichert war
und mich mit Goldinlays bedienen ließ.
Kann jetzt wieder hartes Brot kauen.
Da schmerzt der Hintern auch schon auf so 'nem lackierten Sperrholzstuhl im Haus 2, dritter Stock. Kahler Warteflur ohne Tageslicht.
Zwei Säufer mit schrumpligen Tomatengesichtern und der Dunstspur von Modder und Bier treten mutig die Kippen aus unterm Nichtraucher-Schild. Neben mir labert ein Asylant in Marken- klamotten auf serbokroatisch in's Handy, wobei der freie Arm die Raumluft zerschlägt.
Der Mülltonnenforscher ohne Renten- anspruch verbeugt sich beim Aufruf, streicht die Beulen am schäbigen Anzug glatt, und als er wieder aus dem Zimmer 327 tritt, fluoresziert die speckige Krawatte durch die Magie des gelben Schecks in seiner abgewetzten Aktentasche. Ein Feiertagslächeln,
in Sandalen schlappt er über'n Novemberhof zur Kasse Haus 6.
Auch ich zapple jetzt im Netz der Sozialgesetzbücher und die Verwalterin meiner Erbärmlichkeit haut mir emotionslos die Paragraphen um die Ohren, wobei mein linkes Ohr schon vorher löchrig war. Ausziehen bis auf die Kontoauszüge! Die finanzierende Öffentlichkeit hat ein Recht, festzustellen, ob du noch was hinterm Schließmuskel versteckst.
Morgen zerbreche ich mir das Hirn,
wie ich nach Abzug von Miete, Gas und Strom
über'n Monat komme.
Heut putz ich mir noch mal die Zähne mit Whisky.
Ich will nicht zuhause rumsitzen, irgendwie fühle ich mich besser, wenn ich eine Art Gegenleistung für das Gemeinwohl erbringe. Außerdem möchte ich einer Aufforderung für gemeinnützige Tätigkeit zuvorkommen und selbst bestimmen, was ich mache. Es gibt im Haus 2 auch ein kleines Vermittlungsbüro für gemeinnützige Tätigkeit, das Sozialamt zahlt dann drei DM pro Stunde, maximal sechzig Stunden im Monat sind erlaubt. Na immerhin, einhundertachtzig DM zusätzlich. Ich frage nach einem Job im kulturellen Bereich. Ja, melden Sie sich mal beim Verein Kreativhaus. Der Verein reitet auf der Welle Arbeitskräfte vom Sozialamt und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM). Anruf genügt, sie haben auch ein Zeitungsprojekt „SpielArt" für Kinder und Jugendtheater. Ich bekomme die Telefonnummer des Projektleiters.
Drei Jahre arbeite ich dort mit, die anderen drei Kollegen sind ebenfalls in meinem Alter und in einer ABM, ein Fotograf, ein Layouter, ein Germanist. Ich lese erst mal Korrektur, schreibe Buchrezensionen, dann Theaterkritiken. Mein Herz geht auf bei Premieren im Theater an der Parkaue, hunderte Kids um mich herum, die schreiend mitspielen. Amateurtheaterinszenierungen und Schultheatertreffen Darstellendes Spiel gehören auch zu unserem Berichtsfeld.
Inzwischen hat die Redaktion zwei Zimmerchen im Untergeschoss des FEZ in der Wuhlheide bezogen. Der dortige Geschäftsführer sponsert auf diese Weise das Projekt und schießt auch Druckkosten zu. Wir brauchen eine Homepage, ich mache einen Crashkurs in Webdesign bei der Kollegin, die das für das FEZ und die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung LKJ e.V. macht. Learning by doing und im Zweifelsfall oder bei Katastrophen kurze Supervision holen. Nach kurzer Zeit ist die Website online, das Neuköllner Schultheatertreffen der Grundschulen braucht auch eine, meine neu erworbenen Fertigkeiten sind gefragt.
Von der Aufwandentschädigung geht ein Teil für die Monatskarte drauf und ab und zu muss ich in der Kantine mal etwas Warmes essen. Aber es macht Spaß, wir sind stolz auf jede neue Ausgabe, die immerhin mit einer Auflage von dreitausend Exemplaren auf Hochglanz gedruckt wird. Alle Berliner Schulen und kulturellen Einrichtungen erhalten sie kostenlos und zweihundert Abonnenten gibt es auch. Die Unterstützung des Landes Berlin besteht darin, dass die Zeitschrift über den Senatsverteiler an die Schulen und Einrichtungen kommt und wir nicht auch noch die Versandkosten tragen müssen.
Die Mitarbeiterin des Sozialamtes ist in der Klemme, meine Wohnung ist zu groß, sie ist zwar nicht teurer als eine kleine Wohnung, ich habe noch einen DDR-Mietvertrag, aber die interne Vorschrift legt eine Höchstgrenze von 50 qm fest. Es wäre völliger Unfug, die Umzugskosten und Kaution zu sponsern und dann genauso viel Miete zu zahlen wie bisher. Sie hat einen für mich attraktiven Ausweg und ist das Problem los: „Stelle statt Stütze" oder HzA, Hilfe zur Arbeit, heißt das Programm, Zweiter Arbeitsmarkt - aber nicht an die große Glocke hängen! Ich kann mir eine Tätigkeit in einem gemeinnützigen Verein suchen und werde vom Bezirksamt bezahlt. Die Stelle ist auf ein Jahr befristet und danach ist das Arbeitsamt für mich zuständig, Sozialtransfer.
Die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung e.V. kenne ich durch die Tätigkeit bei SpielArt. Sie haben Beschäftigung für mich, Öffentlichkeitsarbeit und interne Kommunikation zu den Mitgliedern, jeden Monat einen Newsletter erstellen und versenden, Internetauftritte für Mitgliedsorganisationen erstellen und so weiter. Für die Abteilung Arbeit und Beschäftigung des Bezirksamtes ist das eine hoch qualifizierte Tätigkeit, ich darf aber nur nach der niedrigsten Lohngruppe bezahlt werden, also wird die Arbeitszeit auf 35 Stunden beschränkt. 1120,20 Euro netto sind eine deutliche Steigerung meiner monatlichen Bezüge.
In den kleinen Büroräumen ist kein Schreibtisch für mich frei, das kommt mir entgegen. Ich arbeite vom heimischen PC aus und gestalte meinen Tagesablauf nach meinen Bedürfnissen. Präsenztermine im Büro sind oft nur einmal wöchentlich notwendig. Das erste mal in meinem Leben bin ich im öffentlichen Dienst angestellt.
Dann falle ich an das Arbeitsamt. Sechs Monate lang habe ich Anspruch auf Arbeitslosengeld, danach gibt es Arbeitslosenhilfe und etwas Wohngeld. Insgesamt weniger als Sozialhilfe. Es gibt keine Beratung, keine Umschulungs- oder Weiterbildungsangebote, kein Bewerbungstraining. Ich bin inzwischen über 50 und rieche für den ersten Arbeitsmarkt bereits nach Verwesung. Aber ich kann im Rahmen des Zuverdienst-Freibetrages von 165 Euro weiter für die LKJ e.V. arbeiten und damit verschiedene Kurse finanzieren, die ich besuche.
Ab 1. Januar 2005 wird alles anders: Hartz IV oder verwaltungsdeutsch Arbeitslosengeld II ist da. Und es funktioniert insofern, dass das Geld pünktlich auf meinem Konto ist. Es ist sogar etwas mehr als vorher. Allerdings wurde der Zuverdienst-Freibetrag auf einhundert Euro geschrumpft.
Ich suche mir gleich im Frühjahr 2005 einen so genannten Ein-Euro-Job. In dem Projekt Berliner Regional hatte ich schon vorher ehrenamtlich mitgearbeitet. Träger ist die Grüne Liga e.V., ein Dachverband ökologischer Initiativen, den ich seit seiner Gründung 1989 kenne. Die Grüne Liga bekommt für sechs Monate eine MAE-Stelle für mich zugewiesen, dann muss ich sechs Monate pausieren und dann wird wieder eine Stelle mit einer anderen Projektbezeichnung für sechs Monate genehmigt, dreimal mache ich das Spiel mit. Das wird mit einer Mehraufwandsentschädigung von 1,50 Euro pro Stunde vergütet. Ich kann zur Arbeitsstelle in der Prenzlauer Allee laufen und spare das Fahrgeld. Immerhin habe ich etwa 190 Euro im Monat mehr, das investiere ich in Tao-Ausbildungskurse und spare für das abschließende Instructor-Training in Asien.
Habe ich bei dieser Tätigkeit etwas gelernt? Ja, über die Funktionsweise von Geld, über den Mythos Geld, über archaische Verhaltensmuster, die sich in unserem Umgang mit Geld manifestieren und über komplementäre regionale Währungen. Ich besuche Veranstaltungen von Professor Bernd Senf an der Fachhochschule für Wirtschaft in Schöneberg, ich lese seine Bücher Der Nebel um das Geld und Der Tanz um den Gewinn. Ich lerne die Arbeiten von Jeremy Rifkin kennen und den Berliner Innovationskreis Alternativen in Arbeit, Technik, Betrieben und Regionen.
Für meine Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt hat das alles keine Bedeutung, für meinen Zugewinn an Durchblick umso mehr.
Und noch einen Vorteil ziehe ich aus dieser Tätigkeit: Die Geschäftsführung des Vereins ist kooperativ. Ich kann meinen Urlaubsanspruch aus zwei Zyklen zusammenlegen und für viereinhalb Wochen zu einem Ausbildungsblock nach Asien reisen. Im Tao Garden bei Chiang Mai im Norden Thailands schließe ich meine Ausbildung zum Tao-Instructor mit einem vierwöchigen Intensivtraining ab. Ich bin in einer Arbeitsmaßnahme mit Urlaubsanspruch und brauche keine Erlaubnis des Jobcenters.
Die Hälfte der Kosten hatte ich unter anderem mit Hilfe die MAE-Jobs angespart, die andere Hälfte bekomme ich von meinen Geschwistern als Kredit, den ich in kleinen Raten zurückzahle. Nun bin ich zertifizierter Tao Instructor und in der Lage, verschiedene Disziplinen des Qi Gong, Tai Chi und Meditation zu unterrichten.
Die Ernüchterung folgt auf den Fuß. Ich kann es mir nicht leisten, ohne die entsprechende Kursteilnehmerzahl einen Raum anzumieten. Ich kann nur kostenlose Werbemöglichkeiten nutzen und das bringt nichts. Wie in jeder neuen Unternehmung sind erst mal Investitionen in Bekanntmachung des Angebotes notwendig. Ich zahle den Kredit für die Ausbildungskosten zurück und damit ist mein Budget erschöpft.
Meine Tochter lebt seit der Trennung Mitte der 90er Jahre im Eltern-Sharing von Freitag bis Montag bei mir und hat hier auch ein eigenes Zimmer. Das wurde bisher nicht berücksichtigt.
Jetzt hat sie ihren Hauptwohnsitz bei mir angemeldet, ihre Mutter ist an den Stadtrand gezogen und sie geht weiter hier im Kiez zur Schule. Wir sind jetzt eine Bedarfsgemeinschaft. Auch die Klassenfahrt wird vom Jobcenter bezahlt.
Neun Monate lang muss ich zu einer Art Bewerbungstraining bei einer gemeinnützigen GmbH. Als Zielgruppe für dieses Training scheinen Analphabeten definiert worden zu sein, die noch nie die Maus vor einem PC betätigt haben. Einmal im Monat habe ich einen halbstündigen Termin, zu dem ich eine Auflistung meiner letzten Bewerbungen und deren Ergebnisse mitbringen soll. Der „Trainer" ist in meinem Alter und in einer ABM-Maßnahme. Wenn die Maßnahme vorbei ist, sitzt er wieder auf meiner Seite des Tisches.
Bewerbungslisten musste ich auch schon vorher vorlegen. Keiner von uns beiden weiß, welchen Effekt die ganze Sache erzeugen soll, aber er hat einen Job für einige Monate und ich habe meine Ruhe, indem ich die Termine wahrnehme. Irgendjemand im Apparat kann wieder ein Häkchen auf seiner Aktivitätenliste machen.
