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Die Wiener Geschichte einer europäischen Dynastie Hohe herrschaftliche Säulen, elegante weiße Fassade – das Palais Coburg in Wien vermittelt den Eindruck von Macht und Weltbedeutung. Mit der Hochzeit Ferdinand Georgs von Sachsen-Coburg und Maria Antonia Kohárys beginnt hier im frühen 19. Jahrhundert der kometenhafte Aufstieg der österreichischen Coburger, die im Lauf ihrer Geschichte zahlreiche gekrönte Häupter, Könige wie Zaren, hervorbringen. Neben glanzvollen Festen und Triumphen ist das Palais in Wien jedoch auch Schauplatz so mancher menschlichen Tragödie. Günter Fuhrmann erzählt erstmals die Geschichte der Wiener Coburger von den Anfängen bis heute und zeichnet dabei das eindrucksvolle Porträt einer großen Familie. Mit zahlreichen, zum Teil erstmals veröffentlichten Abbildungen
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Seitenzahl: 452
Veröffentlichungsjahr: 2018
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GÜNTER FUHRMANN
DAS WIENER PALAIS COBURG
THRONE, TRIUMPHE, TRAGÖDIEN
Mit 80 Abbildungen
Für meine Eltern Herta und Erich Fuhrmann,in Dankbarkeit für Vorbild und Unterstützung
Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at
© 2018 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagabbildungen: Blick auf das Palais Coburg auf der Braunbastei, Aquarell von Emil Hütter, 1858 © Hütter, Emil/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com (Cover);
Palais Coburg, 21. Jahrhundert © Palais Coburg/Tina Herzl (Rückseite)
Lektorat: Martin Bruny
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11,6/14,25 pt Adobe Garamond Pro
Designed in Austria, printed in the EU
ISBN 978-3-99050-121-4
eISBN 978-3-903217-06-5
Das zweite Haus von Wien
Bollwerke
Die Osmanen in Mitteleuropa
1529 – Die Türken vor Wien · Festung Wien · Die Braunbastei · Dreigeteiltes Ungarn
Der Löwe mit dem Krummsäbel
Stephan II. Koháry – »Der Spiegel der Treue«
Vienna gloriosa
Das Kommandantenhaus · Palais Lacy
Von Ungarn nach Wien
Johann Nepomuk Koháry und das Burgtheater · Franz Joseph Koháry · Der Fluch der Koháry
Von Sachsen bis Coburg
Sachsen-Coburg und die Schulden
Friedrich Josias, der »Held von Koburg«
Der Aufstieg der Coburger
Herzog Franz von Sachsen-Coburg-Saalfeld
Drei Töchter und vier Söhne · Am Hof von Katharina der Großen · Gute Partien
Drei Brüder gegen Napoleon
Prinz Ferdinand Georg von Sachsen-Coburg · Herzog Ernst und Prinz Leopold · Drei Brüder am Wiener Kongress
Goldene Bräute
Maria Antonia Koháry und Prinz Ferdinand Georg
Verlobung · Standesprobleme · Hochzeit in Wien
Englands Rose – Leopold und Charlotte
Ein Erbe für England · König Leopold
Herzog Ernst und Luise von Sachsen-Gotha-Altenburg
Sachsen-Coburg und Gotha · Ernst II., regierender Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha · Prinz Albert · Die herzogliche Linie von Sachsen-Coburg und Gotha
Neue Häuser
Von Koháry zu Coburg
Ein katholischer Familienzweig · Das »erste« Palais Coburg in Wien · Feudale Probleme · Alte Güter und modernes Management
Haus Coburg-Braganza
Prinz Ferdinand · Portugal zwischen alter und neuer Welt · Ein Prinz für Lissabon · Regent von Portugal · Pedro V. – Der tragische König · Die letzten Könige am Tejo
Die Orléans – Frankreich und die Coburger
Philippe Égalité – Die Orléans und die Revolution · Der Bürgerkönig · Zwei Viktorias
Kein neues Haus – Prinz Leopold Franz
Ein Ungar im Buckingham Palace · »Grillenbanner Walzer« · Coburg-Ruttenstein
Palais Coburg
Die letzten Jahre des Palais Koháry
Neubau
Die Architekten des Palais Coburg · Klassische Säulen und moderne Technik
Leerstand
Prinz August · Prinzessin Clémentine · Etiquettezwiste und Verkaufsgerüchte · Revolution in Europa · Ferdinand Georgs Tod
Britische Botschaft
Einzug
Coburger und Habsburger · Königliches Palais
Ringstraße
Die Gartenbaugründe
August und Clémentine
Maria Antonia Kohárys Tod · Koháry verschwindet
Kinder und Schwiegerkinder
Ein Nachzügler · Clotilde und Joseph · Ludwig August und Leopoldina · Amalie und Max Emmanuel
Der Herzog der Künste
Ein gebildeter Privatier · Das Erbe der Orléans · Herzog Augusts Tod
Im Schatten der Skandale
Der Stammhalter
Aus Liebe zur Wissenschaft · Botanische Weltreise · Eine Prinzessin für Philipp
Belgische Bräute
König Leopold II. und der Kongo · Louise, Prinzessin von Belgien · Eine schlechte Ehe?
Kronprinz Rudolfs engste Freunde
Kronprinzessin Stephanie · Mayerling
Der große Skandal
Eine auseinandergelebte Ehe · Geza von Mattachich · Der große Rausch · Der Betrug · Geisteskrank? · Die Macht der Medien · Epilog eines Dramas
Welt im Umbruch
Anfang vom Abschied · Das stille Palais · Der Erbe Prinz Leopold · Die Hofratstochter · Der Mord · Aus der Zeit gefallen
Königsmacher
Nesthäkchen
Ein französischer Prinz
Das Spiel um den Thron
Bulgarien – Ein Land sucht einen Fürsten · Thronkandidat · Eine Krone für Ferdinand
Fürst von Bulgarien
Die große Überraschung · Eine Fürstin für Ferdinand · Politik und Religion · Prinzessin Clémentines Tod
Zar von Bulgarien
Balkankrisen, Balkankriege · Im Exil · Zar Boris III. · Simeon II.
Zwischen Rio und Schladming
Prinz Peter von Brasilien
Das Ende des brasilianischen Kaiserreichs · Absturz in den Wahn
Prinz August Leopold
Zeitenwende
Der Erbe
Behütete Kindheit · Das Ende der alten Welt
Schwieriges Erbe
»Lex Kyrill« · Das vermietete Palais
Dämmerung
Hitlers Herzog · »Naziprinzen« · Coburg-Koháry · Im Dritten Reich · Sarolta
Eine neue Zeit
Das rote Palais · Heimatlos · Zweck statt Pracht
Phönix – Das Palais Coburg heute
Die Renovierung
Die Welt zu Gast
Stammbaum
Literatur
Bildnachweis
Danksagung
Personenregister
1898 stellte das Kulturmagazin »Alt-Wien. Monatsschrift für Wiener Art und Sprache« in einer Extraausgabe die Frage nach dem Haus Nummer 2 in der Donaumetropole. Haus Nummer 1 war klar: die Hofburg, Residenz von Kaiser Franz Joseph, Stammsitz der Habsburger seit dem späten Mittelalter. Doch welches Haus sollte gleich nach der kaiserlichen Residenz kommen? Dabei ging es nicht nur um ein Gebäude im eigentlichen Sinn, sondern mit »Haus« meinte man im Spätsommer der Monarchien auch ein Adelsgeschlecht.
Die Antwort der Zeitschrift war eindeutig. Nur das Palais Coburg käme für den zweiten Platz infrage! Denn keine andere Familie in Wien – abgesehen von der kaiserlichen natürlich – hätte so viele verwandtschaftliche Beziehungen zu den gekrönten Häuptern Europas. Otto von Bismarck nannte die Familie das »Gestüt Europas«. Obwohl nicht gerade als Kompliment gemeint, fasst das Spottwort den unglaublichen Aufstieg der Coburger im 19. Jahrhundert zusammen.
Hier residierte eine Nebenlinie des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha. Das Herzogtum Sachsen-Coburg lag in der Mitte Deutschlands und wurde aus zwei nicht unmittelbar benachbarten Provinzen gebildet. Im Süden, angrenzend ans Königreich Bayern, das Coburger Land mit der gleichnamigen Hauptstadt. Gut 30 Kilometer nördlich der Landesgrenzen erstreckte sich der nach der Hauptstadt Gotha benannte Landesteil. Dazu kamen einige versprengte Enklaven, alles in allem zählte das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha knapp 260 000 Einwohner.
1918 endete die Monarchie, der Gothaer Landesteil wurde ein Teil Thüringens, die Coburger entschieden sich in einer Volksabstimmung für den Freistaat Bayern.
1997 war der Familie Sachsen-Coburg die Bayerische Landesausstellung gewidmet. »Ein Herzogtum und viele Kronen« war der Titel der Schau, die in der Stadt Coburg ausgerichtet wurde.
Es sind in der Tat viele Kronen, die sich die Coburger im 19. Jahrhundert verschafften. Zum einen ganz traditionell durch Heiratspolitik, durchaus vergleichbar mit den Habsburgern drei Jahrhunderte zuvor. Auf den ersten Blick scheint es wie eine letzte Blüte der dynastischen Politik, als eine Fürstenheirat das Schicksal ganzer Völker verändern konnte. Doch die erste Königskrone, die ein Coburger trug, kam nicht durch eine romantische Heirat an die Dynastie, sondern durch einen Volksaufstand. 1831 wurde Prinz Leopold von Sachsen-Coburg zum ersten König der Belgier gewählt, das Land selbst war erst im Jahr zuvor nach einer Revolution vom Königreich der Niederlande unabhängig geworden. Leopold schuf einen neuen, monarchischen Stil. Er war ein liberaler König, der sich seiner Zeit anzupassen wusste. Er schuf den Typus des bürgerlichen Monarchen, der sich die Macht mit einem gewählten Parlament teilt, mehr einem gekrönten Präsidenten ähnlich als einem Herrscher von Gottes Gnaden. Ein Modell, an das sich bis zum heutigen Tag die in Europa verbliebenen Monarchien halten. Die Nachkommen Leopolds regieren bis heute in Belgien.
Am Hauptplatz von Coburg erinnert ein Denkmal an einen der größten Erfolge der Herzogsfamilie. Auf einem hohen Sockel steht ein Sohn der Stadt, überlebensgroß in Bronze gegossen. Es ist Prinz Albert, der Ehemann von Queen Victoria. Albert war der Sohn von Herzog Ernst, dem ältesten Bruder König Leopolds, der das Stammland der Familie regierte. Seine Nachkommen regieren noch heute das Vereinigte Königreich, auch wenn Albert und Victorias Enkelsohn Georg V. im Jahr 1917 den Familiennamen änderte. Der Erste Weltkrieg hatte die Stimmung in England derart antideutsch werden lassen, dass sich das Königshaus zum Ablegen des deutschen Familiennamens Sachsen-Coburg zugunsten des urenglisch klingenden Windsor entschied.
Viel wurde über das Haus Sachsen-Coburg und seinen kometenhaften Aufstieg bereits geschrieben, doch ein Stamm dieser weitverzweigten Familie scheint ein Schattendasein zu führen: die Wiener Coburger, der auf Ferdinand Georg von Sachsen-Coburg zurückgehende Familienstamm. Ferdinand war der mittlere Bruder von Herzog Ernst und König Leopold. 1816 heiratete er die ungarische Magnatentochter Maria Antonia Koháry und begründete den katholischen Zweig des Hauses Sachsen-Coburg. Meist wird nur auf die Unebenbürtigkeit der Braut hingewiesen, einer ungarischen Komtesse, aber einzige Erbin des gewaltigen Koháry-Vermögens. Um die Ehe mit einem Coburger überhaupt zu ermöglichen, erhob Kaiser Franz von Österreich gerade noch rechtzeitig vor der Hochzeit ihren Vater Franz Joseph Koháry in den Fürstenstand. Doch Ferdinand Georgs und Maria Antonias Kinder und Kindeskinder setzten den Aufstieg der Coburger fort – und sammelten ebenso viele Kronen wie die oben genannten Linien nach Ernst und Leopold. Ihre Nachkommen waren bis 1910 Könige von Portugal, bis 1946 Zaren von Bulgarien, Schwiegersöhne des französischen Königs und des Kaisers von Brasilien.
Eine glanzvolle Geschichte also, fast in den Kitsch royaler Dokumentationen abgleitend, so könnte man die Historie des Palais Coburg erzählen. Doch so einfach ist es nicht – dieses Haus hat viel mehr zu bieten als royale Spätromantik. Auf den ersten Blick befindet man sich nur im 19. Jahrhundert, der Zeit, in der das Palais entstanden ist. Doch unter dem Palais Coburg hat sich eine Zeitkapsel aus der Zeit der Türkenkriege erhalten. Gewaltige Gewölbe, entworfen und errichtet von den Festungsbaumeistern Wiens, geben einen letzten Eindruck von der Größe der Mauern der Stadt. Einen künstlichen Tunnel, durch den einst Kanonen und Munition auf die Geschützplattform der Bastei gebracht wurden, baute man im 19. Jahrhundert zur Kutscheneinfahrt des Palais um.
Das Wiener Palais Coburg war zwar in der Tat ein Haus der Könige, kein Geschlecht sonst war mit so vielen gekrönten Häuptern verwandt. Gleichzeitig blieb es aber ein Fremdkörper in der Stadt und ihrer Gesellschaft. Es gehörte nicht zu den alten Adelspalais, die sich in den engen Gassen der Wiener Altstadt drängten – bis zum Bau der Ringstraße war das Wiener Stadtgebiet gleich groß wie zu Zeiten der letzten Babenberger-Herzöge des 13. Jahrhunderts. Das Palais wurde als eines der letzten Gebäude auf den Basteien errichtet, die für den Bau des Rings abgetragen wurden.
Die erwähnte, 1898 erschienene Sonderausgabe schilderte noch mit Begeisterung die prunkvolle Ausstattung der Salons und die wertvollen Kunstschätze, die im ganzen Palais Coburg zu finden waren. Doch die Weltkriege, politischen Umbrüche und Verwerfungen des 20. Jahrhunderts vernichteten nicht nur den Wald der Stammbäume, der über Jahrhunderte Europa dominierte, sondern auch deren scheinbar unbegrenzte Vermögen. Aus einer Familienresidenz wurde ein Bürohaus mit ein paar Wohneinheiten, die große Vergangenheit geriet nach und nach in Vergessenheit.
Jahrzehntelang blieb eigentlich nur der Spitzname, den die Wiener dem Palais Coburg verpasst hatten, in Erinnerung: Spargelburg. Schlanke Doppelsäulen, eher ungewöhnlich in der Architektursprache der Stadt, schmücken die Fassade des Palais, ihre Form erinnert in der Tat an das beliebte Frühlingsgemüse. Sehr passend, denn seit 2003 erlebt das Haus einen neuen Frühling. Die Beletage wurde originalgetreu renoviert und ist wieder Bühne für prachtvolle Feste und Empfänge. In den Stockwerken darüber empfangen Hotelsuiten, benannt nach berühmten Mitgliedern der Familie Sachsen-Coburg, internationale Gäste, und die Restaurants des Palais Coburg sind in Wien legendär.
Sogar die große Politik ist wieder im Palais Coburg daheim. 2014 und 2015 tagten hier die Außenminister der vier UNO-Vetomächte, vermehrt um Deutschland und die EU-Kommission, mit dem Iran, um eine Lösung im Atomstreit zu finden. Es war ein mehr als passender Ort, denn dieses Palais ist bis in sein letztes Untergeschoss mit Weltgeschichte verbunden.
Dieses Buch ist eine Biografie dieses Hauses, eine Geschichte nicht nur des Genius Loci, sondern auch der Menschen und Familien, die hier zusammenfanden.
Günter Fuhrmann,
Wien, im Februar 2018
Wo sich heute das Palais Coburg erhebt, standen ehemals die Stadtbefestigungen Wiens. Fast unvorstellbar scheint es, dass sich hier statt des eleganten Basteigartens einst Geschützplattformen für Kanonen befanden. Doch das Palais ist auf mehreren Ebenen mit der kämpferischen Vergangenheit verknüpft. Nicht nur der Ort, auf dem es erbaut wurde, entstand durch die kriegerischen Ereignisse vor einem halben Jahrtausend, auch neue Familien nutzten die Zeit der Wirren für ihren Aufstieg zu Macht und Reichtum.
Um das Jahr 1500 veränderte sich die Welt grundlegend. Es war die Epoche der Renaissance und der großen Entdeckungen. Die Macht schien in die Hände einer Familie gefallen zu sein, der Habsburger. Durch geschickte Heiratspolitik hatten sie Burgund, die Niederlande sowie die Königreiche Kastilien und Aragon zu ihren österreichischen Ländern dazugewonnen. Doch unter der glänzenden Oberfläche gärte es. Im Heiligen Römischen Reich sollte ein Augustinermönch eine konfessionelle Revolution auslösen. Und im Osten war eine neue Macht aufgestiegen, das Osmanische Reich.
Sultan Mehmed II. hatte 1453 Konstantinopel erobert. Vor seinem Fall wurde das alte Byzanz »Stadt des goldenen Apfels« genannt, gemeint war damit die Kuppelspitze der Hagia Sophia. 70 Jahre später war es die prächtige Hauptstadt der osmanischen Sultane, deren Reich Nordafrika, Mesopotamien, die Küsten des Schwarzen Meeres und den Süden des Balkans umfasste. 1520 bestieg ein neuer Sultan den Thron, Süleyman I., später genannt »der Prächtige«. Er träumte von der Expansion seines Reiches in den Westen und verlieh einer anderen Stadt den Ehrentitel »goldener Apfel«, den es zu gewinnen galt. Gemeint war der vergoldete Knauf auf der Spitze des Turms der Stephanskirche. Denn die »neue Stadt des goldenen Apfels«, von deren Eroberung der Sultan träumte, war Wien.
Am 29. August 1526 erreichte eine riesige osmanische Armee, ausgerüstet mit modernen Waffen und Artillerie, ein Feld im nahe der Donau gelegenen Mohács. Der Sultan führte 70 000 Soldaten aufs Schlachtfeld, darunter 10 000 Reiter und 12 000 Janitscharen, alles bestens ausgebildete Elitesoldaten. Der 20-jährige König Ludwig kam mit 30 000 Mann, die meisten davon Bauern, die man eben erst rekrutiert hatte, und ein paar Tausend Rittern. Sie hatten keine Chance. König Ludwig ertrank auf der Flucht in einem Seitenarm der Donau. Nach dem Sieg bei Mohács zog Sultan Süleyman I. bis vor die Tore Budas, plünderte das Land und zwang fast 100 000 Menschen in die Sklaverei, zog sich dann aber nach Belgrad zurück.
Das alte Königreich Ungarn verfiel ins Chaos. Zusätzlich zur verheerenden Niederlage brach ein Streit um die Nachfolge des verunglückten Königs Ludwig aus. Wer sollte als Nächster die heilige Stephanskrone tragen? Es gab zwei Kandidaten: den Habsburger Ferdinand, dieser war mit Prinzessin Anna von Böhmen und Ungarn verheiratet, der älteren Schwester des toten Königs Ludwig. Der andere Kandidat war Johann Zápolya, Fürst von Siebenbürgen und ehemaliger Reichsverweser, der für den jungen König Ludwig die Regentschaft geführt hatte. Ein Teil des ungarischen Adels wählte Ferdinand, die anderen Zápolya zum König. Das Land hatte nun zwei Herrscher, die sich feindlich gegenüberstanden. Sultan Süleyman I. nutzte die Wirren im Land. 1529 zogen erneut osmanische Truppen durch Ungarn, doch diesmal marschierten sie weiter Richtung Westen. Ihr Ziel: Wien.
Der englische König Richard Löwenherz war 1192 auf dem Heimweg vom Dritten Kreuzzug in Erdberg bei Wien gefangen genommen worden. Für seine Freilassung musste England eine gewaltige Summe Lösegeld an den österreichischen Herzog Leopold V. zahlen. Dieser investierte das Geld in eine neue Mauer rund um seine rasch wachsende Hauptstadt Wien. 300 Jahre hatte die mittelalterliche Stadtmauer Bestand und der Stadt Schutz gewährt. Doch für moderne Kanonen und Schusswaffen stellte sie kein allzu großes Hindernis mehr da. In Italien hatten bedeutende Renaissance-Architekten längst Lösungen gefunden, sich gegen Artilleriebeschuss zu verteidigen. Man baute moderne Festungen in Sternform, umgeben von breiten, abgeschrägten Wällen, die auch schwere Kanonentreffer abfedern konnten. Doch in Wien waren diese neuen Methoden der Festungsarchitektur noch kein Thema. Man hatte die bewährte Mauer aus dem Mittelalter, eine Bedrohung durch die Osmanen galt als unwahrscheinlich. Außerdem schreckten die gewaltigen Kosten eines Ausbaus der Stadtbefestigung ab.
Der Schock war umso größer, als sich im September 1529 ein gewaltiges osmanisches Heer unter Süleyman I. der Stadt näherte. Der Sultan kam für eine Belagerung sehr spät im Jahr an und hatte schon beim Anmarsch mit witterungsbedingten Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Großteil seiner Artillerie war nach schweren Regenfällen im Schlamm stecken geblieben und in Ungarn zurückgelassen worden. Am 25. September begann die Belagerung. 150 000 türkischen Soldaten standen 17 000 Verteidiger unter dem Kommando des Grafen Nikolaus Graf Salm gegenüber. Da die Türken ohne schwere Artillerie gekommen waren, gruben sie Tunnel unter die Stadtmauer, um diese in die Luft zu sprengen. Die Verteidiger stellten in den Kellern nahe der Mauer große Bottiche mit Wasser auf, um etwaige Erschütterungen, verursacht durch die Mineure, erkennen und Gegenmaßnahmen treffen zu können. Trotz heftiger Angriffe schafften es die Türken nicht, die Stadt zu nehmen. Am 15. Oktober begann der Abzug, der Sultan fürchtete den Einbruch des Winters. Wien war gerettet. Vorerst.
Noch im Herbst 1529 wurden die Schäden an der Stadtmauer provisorisch ausgebessert. 1530 begannen die Planungen für eine starke Stadtbefestigung. Es musste schnell gehen, daher sah man von einer Erweiterung der Stadtfläche ab und bezog die Stadtmauer aus dem Mittelalter in die Baumaßnahmen ein. Es gab sechs Tore, die in die Stadt führten. Diese mussten mit Basteien geschützt werden, ebenso wie die Ecken der Mauer. Schließlich kam man auf zehn Bastionen, die Wien umgeben sollten.
Eine Bastion – oder wie man in Wien sagt: eine Bastei – war eine keilförmige Terrasse, die man vor die eigentliche Mauer baute. Durch den keilförmigen Grundriss hatte man ein weites Sicht- und Schussfeld, potenzielle Angreifer konnten gut abgewehrt werden. Meist wurde die Bastei aus Erde aufgeschüttet und an der Außenseite mit abgeschrägtem Mauerwerk verkleidet. Traf eine Kanonenkugel die Mauer, minderte die schräge Fläche die Wucht des Aufpralls. Das dahinter liegende Erdreich wirkte wie ein Dämpfer. Damit man die schweren Geschütze auf die Geschützplattformen der Bastei transportieren konnte, gab es im Inneren gewölbte Rampen, die Kasematten. Diese konnten riesige Ausmaße haben und wurden auch als Lagerräume für Munition genutzt. Die Mauern, die zwischen den einzelnen Basteien lagen, wurden ebenfalls mit Erde aufgeschüttet und verkleidet, man nannte diese Teile Kurtinen. Davor schüttete man in der Regel halbhohe Vorwerke an, die Ravelins. Rund um diese Anlage verlief meist ein Graben, der wiederum von einem unbebauten Streifen umgeben war, dem Glacis. In Wien war dieses Glacis bis zu 200 Meter breit. Ein potenzieller Feind sollte keine Möglichkeit finden, sich in diesem Schussfeld zu verschanzen. Blickte man von oben auf eine derart ausgebaute Festung, sah sie aus wie ein vielzackiger Stern.
Die ersten Basteien entstanden beim Stubentor, beim Kärntner Tor und beim Burgtor. Nach und nach wuchsen die gewaltigen Anlagen rund um die Stadt. Um 1560 waren die meisten Basteien vollendet, danach arbeitete man an den Kurtinen. Ende des 16. Jahrhunderts war die alte Stadtmauer von außen nicht mehr sichtbar, sie war hinter den modernen Befestigungsanlagen verschwunden.
Die Wiener Stadtbefestigung, dargestellt auf dem Huber-Plan aus dem Jahr 1778. Die Braunbastei und das lange, gerade Stück der Stadtmauer zwischen Wasserkunst- und Dominikanerbastei sind gut erkennbar.
Im Süden der Stadt, nahe dem Kärntner Tor, stand die Wasserkunstbastei. Sie war nach einem Pumpwerk benannt, das Wasser aus dem hier vorbeifließenden Wienfluss in die Stadt pumpen konnte. Zwischen der Wasserkunstbastei und der Dominikanerbastei am Stubentor verlief ein fast 600 Meter langes gerades Stück der Stadtmauer. Dieses stellte einen Schwachpunkt der neuen Festung dar und wurde daher massiv verstärkt.
Zwischen 1545 und 1555 baute man in der Mitte zwischen den Nachbarbasteien eine besonders große Anlage. Die Kosten trugen die deutschen Reichsstände. Die Bastei wurde anfangs Jakoberbastion genannt nach dem nahe gelegenen Nonnenkloster St. Jakob auf der Hülben, doch setzte sich bald der Name Braunbastei durch. Der Name soll von einem Baumeister oder Ingenieur stammen, der an ihrem Bau beteiligt war, doch gibt es keine exakten Quellen dazu.
1560 wurde die neue Wiener Stadtbefestigung erstmals umfassend beschrieben. Der Autor schwärmte, dass die Braunbastei »gewaltig, herrlich stark und groß gebawt« sei. Das größte Geschütz, das es in Wien gäbe, sei ebenfalls dort zu finden. Dies war kein Zufall, denn von hier aus blickte man Richtung Osten nach Ungarn – von dort war 1529 der Feind gekommen. Die Kasematten und Geschützrampen im Inneren der Bastei hatten jedenfalls enorme Ausmaße.
Knapp 300 Jahre nach Fertigstellung der Braunbastei wurde darauf das Palais Coburg gebaut. Unter diesem haben sich Teile der Kasematten erhalten. Die Rampen, die zum Transport der Kanonen auf die Geschützterrassen dienten, sind zwar verschwunden, doch nicht die beiden Zubringergänge, die Lange und die Hohe Kasematte. Sie finden sich heute im Untergeschoss des Palais Coburg. An keinem zweiten Ort in Wien kann man so wie hier einen Eindruck der einstigen Größe der Wiener Stadtbefestigung erahnen.
Auf der Stadtinnenseite der Braunbastei entstand Ende des 16. Jahrhunderts das »Untere Zeughaus«. Zeughäuser waren meist Waffen- und Munitionsdepots, doch das Untere Zeughaus an der Seilerstätte hatte eine andere Funktion, es war eine Großwerkstätte für Geschütze.
Doch nicht nur Wien wurde befestigt. 1529, nach dem Abbruch der Ersten Türkenbelagerung, zog sich das türkische Heer ins ungarische Kernland rund um die alte Hauptstadt Buda zurück. Die Einheit des Landes war dahin. Für die nächsten 150 Jahre war Ungarn in drei Teile zerfallen. Die Habsburger herrschten im »Königlichen Ungarn«, einem Gebiet, das die heutige Slowakei, damals Oberungarn genannt, das heutige Burgenland und das daran angrenzende Gebiet bis zum Plattensee umfasste. Das Königreich Kroatien, in Personalunion mit der Ungarischen Krone regiert, gehörte ebenso dazu. Hauptstadt und neuer Krönungsort wurde Pressburg. Siebenbürgen wurde ein unabhängiges Fürstentum, das aber eine formale Oberhoheit des Sultans anerkannte und Tribut an Konstantinopel zahlte. Zentralungarn rund um die Hauptstadt Buda war zur türkischen Provinz geworden, regiert von einem Pascha mit Sitz in der einstmals königlichen Burg von Buda.
Diese Dreiteilung war jedoch nicht stabil, es gab unentwegt Konflikte. Zum einen die »offiziellen Türkenkriege«: Im Zeitraum von 1529 bis 1699 wurden fünf österreichische Türkenkriege gezählt, der längste dauerte 13 Jahre. Dazu kamen immer wieder Einfälle aus oder nach Siebenbürgen, Kriegszüge aufständischer Magnaten oder Revolten aus religiösen Gründen.
Oberungarn war von hoher strategischer Bedeutung. In der Tatra gab es bedeutende Bergwerksstätten, am wichtigsten war Schemnitz, heute Banská Štiavnica, mit seinen Gold- und Silberminen. Der Zugang zu den Tälern, die in das reiche Erzgebirge führten, wurde daher mit großen Festungsanlagen geschützt. In der weiten Ebene nördlich der Donau baute man eine ganze Festungsstadt. Neuhäusel, heute Nové Zámky, hatte die Form eines sechszackigen Sterns. Im Inneren der Wälle lag eine planmäßig angelegte Stadt mit rechtwinkeligen Straßen und einem großen Hauptplatz. 1581 war die Anlage fertig und galt als eine der stärksten Festungen in Mitteleuropa. Wer Neuhäusel besaß, beherrschte die weite Donauebene, die sich zwischen Pressburg und Esztergom erstreckte und von der aus man in die Täler der Tatra gelangen konnte.
Als Kommandanten für die Festungsstadt Neuhäusel kamen daher nur die loyalsten Anhänger der Habsburger infrage. Eine ideale Aufgabe für die Familie Koháry.
»Sind von altem echten Adel des Königreichs Hungarn, und haben vorlängst durch ihre Tapferkeit, durch ihren Heldenmuth, so wie durch ihre beharrliche Treue und Anhänglichkeit für die Könige aus dem allerdurchlauchtigsten Oesterreichischen Erzhause sich ausgezeichnet.« Mit diesen Worten leitete der österreichische Genealoge und Historiker Franz Karl Wißgrill 1804 in seinem großen Geschichtswerk über den österreichischen Adel seinen Abschnitt über die Koháry ein. Eine mehr als passende Beschreibung. In den ständigen Kämpfen im dreigeteilten Ungarn entschieden sich die Koháry für die Sache der Habsburger und zählten zu deren loyalsten Parteigängern. Eine Entscheidung, die sich auszahlen sollte. Die Kohárys dürften im Mittelalter nur zum niederen Adel, dem Ritterstand, gehört haben. 1470 wurde ein György Koháry am Hofe König Matthias’ Corvinus erwähnt, 1510 ein Benedikt Koháry am Hofe König Ladislaus’ II. Von ihm stammen alle späteren Koháry ab.
Das Wappen der Koháry, ein zweischwänziger Löwe auf einem Berg, der einen Krummsäbel hält
Der erste Koháry in einer langen Reihe von Soldaten in Habsburgs Diensten war der 1505 geborene Georg Koháry. Er fiel im Türkenkrieg von 1566 bei der Verteidigung der Festung Kanizsa in Südungarn. Sein Sohn Imre Koháry wurde als Feldherr erwähnt, dessen Sohn Peter (1564–1629) war nicht nur als Feldherr, sondern auch als Politiker aktiv. Er unterzeichnete einen Friedensvertrag mit dem Fürsten von Siebenbürgen als Vertreter der ungarischen Stände. 1608 wurde ihm das Kommando der wichtigen Festung Neuhäusel übertragen. Als Gábor Bethlen, Fürst von Siebenbürgen, 1619 die Festung belagerte, konnte er sie nicht einnehmen. Doch die Verteidigungstruppen meuterten und lieferten ihren Kommandanten Peter Koháry gefesselt an Bethlen aus. Die nächsten zwei Jahre verbrachte er in strenger Festungshaft und kam erst 1621 frei.
Kaiser Ferdinand II. belohnte seine Treue mit der Erhebung der Koháry in den Freiherrenstand und der Übertragung der Herrschaften von Csabragh und Sztinya. Die Burg von Sztinya lag oberhalb von Schemnitz, der bedeutendsten Bergwerkstadt im Königreich Ungarn. Damit gewann die Familie Koháry die Herrschaft über das Gebiet der heute Banská Štiavnica genannten Stadt und legte den Grundstein für den später legendären Reichtum der Familie.
Peters Sohn Stephan folgte der Familientradition, wurde Offizier im habsburgischen Herr und kämpfte am Ende des Dreißigjährigen Krieges gegen die in Österreich einfallenden Schweden. 1664 fiel Stephan Koháry bei der Verteidigung der Festung Levenz gegen die Türken. Er war der Erste der Familie, dessen Porträt sich erhalten hat.
Die Burg von Csabragh war zum Familiensitz der Koháry ausgebaut worden. Hier wurde 1649 Stephan II. Koháry geboren. Er studierte am Jesuitenkolleg von Türnau, danach schlug er die militärische Laufbahn ein. Der Habsburger Leopold I. übertrug ihm 1674 das Kommando der Festung Fülek. Diese lag auf einem erloschenen Vulkankegel und hatte hohe strategische Bedeutung, denn sie bewachte den Zugang in die mittlere Tatra.
1678 brach erneut ein Aufstand gegen die Habsburger aus, diesmal ausgehend von Siebenbürgen. Der junge Magnat Emmerich Thököly wurde zum Anführer gewählt. Rasch wurden große Teile von Oberungarn besetzt, doch Thököly wusste, dass er ohne Hilfe keine Chance auf langfristigen Erfolg haben würde. 1682 verbündete er sich daher mit dem Osmanischen Reich und erhielt vom Sultan den Titel »König von Oberungarn«. Doch eine Festung fehlte Thököly noch, um endlich das ganze Gebiet der Tatra unter seine Kontrolle zu zwingen: die Burg Fülek. Diese wurde ausgerechnet vom erzloyalen Stephan II. Koháry verteidigt.
Wochenlang belagerte Thököly die Festung, aber vergebens. Stephan II. ereilte das gleiche Schicksal wie seinen Großvater Peter in Neuhäusel. Ein Teil seiner Leute meuterte, nahm Stephan gefangen, öffnete die Tore der Burg, ergab sich den Truppen Thökölys und übergab ihm den gefesselten Koháry. Dieser soll dabei ordentlich geflucht haben und beschimpfte Thököly als »des Vaterlands Verräther, des ungarischen Nahmens Schandfleck, ein verächtlicher Türkenslave«.
Die raschen Erfolge Thökölys sollten welthistorische Folgen haben. In Konstantinopel führte Großwesir Kara Mustafa die Regierungsgeschäfte des Osmanischen Reiches. Dieses war in den letzten 200 Jahren von Erfolg zu Erfolg geeilt, doch seit Mitte des 17. Jahrhunderts begann das Reich zu stagnieren, war sogar hie und da in die Defensive geraten. Jetzt wollte Kara Mustafa der Welt zeigen, dass die Osmanen immer noch eine große Macht waren. 154 Jahre nach der gescheiterten Ersten Türkenbelagerung sollte der »Goldene Apfel« endlich gepflückt werden. Mit einem gewaltigen Heer von 120 000 Mann und einem ebenso großen Tross brach er Richtung Wien auf. Die ungarisch-siebenbürgischen Truppen von Emmerich Thököly schlossen sich den Osmanen an.
Am 14. Juli 1683 erreichten die Türken Wien und schlossen es ein. Die Belagerung dauerte fast zwei Monate, die Stadt stand kurz vor dem Fall. In letzter Sekunde konnte ihr Schicksal gewendet werden. Eine Allianz unter dem Kommando von König Jan Sobieski und Herzog Karl III. von Lothringen trat am 12. September 1683 zum Gegenangriff an. Sie schlug in der Schlacht am Kahlenberg die Osmanen in die Flucht und beendete die Zweite Türkenbelagerung. Der Sieg bei Wien wurde zum Wendepunkt der Geschichte Mitteleuropas.
Der Sieg über die Osmanen brachte Freiheit für Stephan II. Koháry. 1685, nach drei Jahren und drei Monaten in Gefangenschaft, kam er frei. Kaiser Leopold erhob ihn in den Grafenstand und empfing ihn am Wiener Hof. Dort überreichte ihm der Kaiser persönlich eine goldene Kette und nannte ihn vor allen Höflingen »Koháry, Speculum Fidelitatis«, Koháry, der Spiegel der Treue. Doch es gab nicht nur schöne Worte, sondern riesiger Grundbesitz wurde dem loyalen Gefolgsmann übertragen. Kaiser Leopold, der endlich die Kontrolle über ganz Ungarn zurückgewonnen hatte, wollte die ihm ergebenen Familien stärken. Zu den größten Nutznießern zählten die Esterházy, die Pálffy und die Koháry.
Stephan II. wurde zum Erbobergespan der Grafschaft Hront ernannt und erhielt die im Gebiet der heutigen Mittelslowakei gelegenen Herrschaften von Murany, Derenczeny und Baloghvár, mit reichen Erzvorkommen. In der Ungarischen Tiefebene erwarb er großen Grundbesitz rund um die Stadt Kecskemét und gründete dort ein bis heute bestehendes Piaristengymnasium.
1723 stiftete er aus seinem Grundbesitz den Gräflich Koháryschen Fideikommiss und bestimmte, dass der Inhaber des Fideikommisses römisch-katholisch zu sein habe. Eine Bestimmung, an die sich alle seine Nachfolger halten müssen. Als Stephan II. 1731 mit 82 Jahren starb, bestimmte er seinen Neffen Andreas Koháry zum Nachfolger. Er wurde in der Familiengruft der Koháry in der Benediktinerabtei von Hronský Beňadik begraben.
Stephan II. Koháry wurde nach seinem Tod zum Symbol des »nationalen« Widerstands gegen die Türken stilisiert, er ist bis heute der bekannteste Vertreter der Familie Koháry. Dies hat nicht zuletzt mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit zu tun. Noch in der Kriegsgefangenschaft begann er zu dichten. Bis heute gilt er als wichtigster Vertreter der magyarischen Barocklyrik. Stephan II. prägte auch den Wahlspruch der Familie »DAT DEUS CUI VOLT« – Gott gibt es, wem er will.
Das Jahr 1683 wurde zum Wiener Schicksalsjahr. Nach der Schlacht am Kahlenberg war die Bedrohung der Stadt durch das Osmanische Reich zur Geschichte geworden. Die Rückeroberung Ungarns und etwas später die Siege des Prinzen Eugen über die Türken hatten die Grenzen des Habsburgerreiches weit auf den Balken verschoben.
Dennoch, die Basteien, die während der Zweiten Türkenbelagerung beschädigt worden waren, wurden rasch wiederhergestellt, der Festungscharakter der Stadt blieb aufrecht. Dazu kam, dass die wuchtigen Mauern mehr und mehr als Denkmal des Sieges gesehen wurden, als Monument der »Vienna gloriosa«, des ruhmreichen Wien. Die Stadt wandelte sich in atemberaubender Schnelle zu einer barocken Großbaustelle. Nicht nur in den engen Gassen der Innenstadt wurde gebaut, rund um die Mauern errichtete der Hochadel prächtige Gartenpalais. Der Bauboom hing unmittelbar mit der dreimonatigen Belagerung zusammen. Die Vorstädte waren völlig zerstört, in der Stadt gab es vor allem bei der nahe der Basteien gelegenen Bebauung massive Beschädigungen.
Rasch wuchs die Bevölkerungszahl. Um 1730 lebten 40 000 Menschen innerhalb der Mauern, um 1750 bereits 50 000. Die Stadt platzte aus allen Nähten. Im Laufe des 18. Jahrhunderts begann man, auch auf den Basteien zu bauen. Schon vor 1683 hatte es immer wieder provisorische Bauten aus Holz auf der Mauerkrone gegeben, die bei Bedarf abgetragen wurden. Am berühmtesten war das kaiserliche Opernhaus auf der Burgbastei, das Kaiser Leopold I. dort anlässlich seiner Hochzeit 1666 errichten ließ und noch vor Ankunft der osmanischen Truppen im Juli 1683 wieder abgetragen wurde.
Doch nun entstanden feste Häuser aus Stein und Ziegeln auf den Mauerkronen. 1765 zählte man bereits 211 solcher Basteihäuser, eine ganze Menge bei insgesamt 1250 Häusern innerhalb der Mauern.
Auf der Stadtinnenseite der Braunbastei verlief eine für Wiener Verhältnisse ungewöhnlich lange und gerade Gasse. Die Stadt war seit dem Mittelalter immer weiter gewachsen und dicht bebaut, die meisten Straßen des Alten Wien waren eng und kurvig. Die lange, gerade Gasse wurde bald von einem wichtigen Gewerbe genutzt, den Seilern. Zur Herstellung eines Seils benötigte man möglichst lange, gerade Bahnen, an denen man die künftigen Seile flechten und drehen konnte. In Hamburg benannte man die lange, gerade Straße, in der die Seile hergestellt wurden, nach dem norddeutschen Wort »Reep« für Seil, die Reeperbahn. In Wien taufte man die Straße Seilerstätte. Hier stand bereits seit dem 16. Jahrhundert das Untere Arsenal, eines von zwei Kaiserlichen Zeughäusern innerhalb der Stadt. Das Untere Arsenal war kein Depot, sondern eine Werkstätte. Hier wurden Waffen ausgebessert und hergestellt, es gab sogar eine Gießerei für Geschütze. 1683 fiel eine Bombe in den Hof des Zeughauses, die aber nicht explodierte. Als Dank wurde später im Zeughaus eine Kapelle mit Turm errichtet, die den Heiligen Drei Königen geweiht war.
Unmittelbar neben dem Kaiserlichen Zeughaus wurde ein weiterer militärischer Komplex zwischen Stadtmauer und Seilerstätte gebaut. Dessen Gebäude unterstanden der Stadtguardia, einem Wachkörper, der zwar dem kaiserlichen Hofkriegsrat unterstand, ein Teil des Soldes hatte aber die Stadt Wien zu entrichten. Die Stadtguardia hatte die Stadttore zu bewachen. Während der Nacht waren die Tore geschlossen, wollte man in die Stadt hinein, so musste man Sperrgeld entrichten, das von der Stadtguardia eingehoben wurde. Die Stadtguardia hatte über 1200 Mann, war aber alles andere als beliebt. Wegen des knappen Soldes übten die meisten Soldaten Nebengeschäfte aus, die in Konkurrenz zu den bürgerlichen Gewerben standen. Da sie keine Wiener sein durften, wohnten sie in eigenen kleinen Häusern, die meist an oder auf der Stadtmauer standen. Hier schenkten sie Bier und Wein aus oder verkauften Lebensmittel, die sie bei Bauern vor den Stadttoren gekauft hatten und unter Umgehung des Zolls – den sie ja meist selbst an den Toren einhoben – billig weiterverkauften. Es gab ständig Reibereien zwischen der dem kaiserlichen Hof unterstehenden Stadtguardia und der Rumorwache, einem städtischen Wachkörper. Erst Maria Theresia hob 1741 die Stadtguardia endgültig auf und unterstellte die innere Sicherheit Wiens der Rumorwache, bis diese 1773 durch die k. k. Polizeiwache abgelöst wurde.
Der Komplex der Stadtguardia an der Seilerstätte bestand aus einigen Soldatenhäuschen, deren Rückseite die Stadtmauer bildete. Am Vorplatz verkauften kroatische Bauern an Markttagen Eier und Geflügel, so erhielten die kleinen Häuser bald den Spitznamen »Kroatendörfel«. Auch hier wurde wohl von den Mitgliedern der Stadtguardia Bier und Wein zu sehr günstigen Preisen ausgeschenkt, die Seilerstätte hatte wegen dieser »Lokale« keinen besonders guten Ruf. Vier solcher Häuschen gab es, jedes mit einer eigenen »Conscriptionsnummer«, einem Vorläufer der Hausnummerierung. Ab 1770 wurden alle Häuser Wiens gezählt und mit einer solchen Nummer versehen.
An die Soldatenhäuser schloss sich das Kommandantenhaus an. Das Gebäude wurde bereits Anfang des 17. Jahrhunderts gebaut. In der Mitte des Hauses gab es ein großes Tor, durch dieses erreichte man die Kasematten unterhalb der Braunbastei. Wollte man eine Kanone auf die Geschützterrasse bringen, so zog man diese durch jenes Tor in die Kasematten hinein und von dort über Rampen hinauf auf die Bastei. Dieses Tor und die Einfahrt bestehen noch heute, sie wurden nicht nur in das Kommandantenhaus, sondern ebenso in alle Nachfolgebauten integriert.
Ein Kupferstich aus dem Jahr 1737 zeigt eine zeitgenössische Ansicht der Seilerstätte mit dem Kommandantenhaus am linken Bildrand. Über einem sehr hohen Erdgeschoss, das bis zur Höhe der Bastei ragte, befand sich ein zweites Geschoss. An dieses »Obergeschoss« wurden nun auf der Bastei weitere Gebäude angebaut. Es gab sogar einen Garten mit einer kleinen Fontäne, der von einer Mauer umschlossen war, alles auf der Krone der Stadtmauer und ein Stockwerk höher als das Niveau der Seilerstätte. Das Kommandantenhaus beherbergte die Amtsräume und die Dienstwohnung des Stadtkommandanten, des Befehlshabers der Stadtguardia. Meist war der Stadtkommandant auch Präsident des Hofkriegsrats, eines Vorläufers des Kriegsministeriums. So waren auch Kanzleien der obersten Militärleitung des Habsburgerreiches hier untergebracht.
Der letzte Stadtkommandant Wiens war Graf Wirich Philipp von und zu Daun. Im Spanischen Erbfolgekrieg kämpfte er unter dem Kommando von Prinz Eugen und wurde als Dank für seine Verdienste zum Vizekönig von Neapel ernannt und in den Orden vom Golden Vlies aufgenommen. Auf der Freyung in Wien, gegenüber der Schottenkirche, ließ er einen der prächtigsten Barockpaläste von Wien errichten – das Palais Daun, das später von den Fürsten Kinsky gekauft wurde und heute deren Namen trägt. Trotz des neuen Palais behielt Wirich Daun seine Dienstwohnung im Kommandantenhaus an der Seilerstätte. Als er 1741 starb, folgte ihm sein Sohn, Graf Leopold Joseph Daun, nach und bezog die Wohnung im Kommandantenhaus. 1746 verkaufte er das nagelneue Palais an der Freyung und nutzte lieber sein »Dienstpalais« auf der Bastei.
Graf Daun wurde der bedeutendste Heerführer Maria Theresias. Im Siebenjährigen Krieg gelang ihm 1757 der triumphale Sieg bei Kolin über die Preußen. Maria Theresia stiftete zur Erinnerung an diesen Triumph den Maria-Theresien-Orden, die höchste militärische Auszeichnung der Habsburger. Graf Leopold Joseph Daun war der Erste, dem das Großkreuz dieses Ordens verliehen wurde. 1762 wurde er zum Präsidenten des Hofkriegsrats ernannt, dies war die höchste militärische Position im Reich. 1766 starb der Feldherr in seiner Wohnung im Kommandantenhaus auf der Braunbastei.
Nach dem Tod von Graf Daun wurde Franz Moritz von Lacy neuer Hofkriegsratspräsident und bezog das Kommandantenhaus. Lacy stammte aus einer irischen Familie. Sein Vater war in die Dienste Peters des Großen getreten und in dessen neu gegründete Hauptstadt St. Petersburg gezogen. Dort wurde Moritz 1725 geboren, aber bereits mit zwölf nach Österreich geschickt. Hier trat er in die Armee ein, wo er rasch Karriere machte. Im Siebenjährigen Krieg kämpfte er an der Seite von Feldmarschall Daun.
In der Regierungszeit Maria Theresias hatten Basteien und Glacis endgültig ihren Festungscharakter verloren. Auf dem Glacis entstanden Grünanlagen und Alleen, das freie Feld zwischen Stadtmauer und Vorstädten wurden zu einem beliebten Spazierweg der Wiener. Die Basteien selbst unterstanden noch dem Militär und galten als Sperrgebiet, doch in den 1770er-Jahren wurde dieses formal aufgehoben. 1772 wurde der Jesuitenorden aufgehoben, dessen ehemaliges Kloster neben der Kirche Am Hof wurde zum neuen Sitz des Hofkriegsrats umgebaut. Die alten Diensträume an der Seilerstätte wurden daher nicht mehr gebraucht, so konnte Graf Lacy seine Dienstwohnung 1774 von der Hofkammer abkaufen. Aus dem Kommandantenhaus wurde das Palais Lacy.
Durch das Eingangstor an der Seilerstätte erreichte man zum einen die alten Kasematten, die nun zu Wagenschuppen und Stallungen umgebaut wurden. Man stieg hinauf ins hohe Obergeschoss, das mit den Bauteilen auf der Bastei verbunden war. Das Palais war kein Gebäude mit einheitlicher Fassade, sondern bestand aus verschieden hohen Bauteilen und schaute einem burgartigen Landhaus ähnlicher als einem Stadtpalais. Doch die Lage auf der Bastei war herrlich. Man hatte einen weiten Blick über das Glacis und die Vorstadt Landstraße. Kaiser Joseph II. gestattete 1785 die Anlage von Promenaden auf den Basteien, und binnen kürzester Zeit wurde ein Spaziergang auf den ehemaligen Bollwerken zum beliebtesten Freizeitvergnügen der Wiener und ihrer Gäste. Pavillons boten Erfrischungen an, es entstanden zahlreiche Kaffeehäuser. Das Palais Lacy mit seinem Privatgarten war ebenfalls Teil dieses »irdischen Paradieses« – derart hymnisch beschrieb der Journalist Johann Pezzl 1789 einen Spaziergang auf den Basteien.
Der hochgeehrte Feldmarschall Franz Moritz Graf Lacy verbrachte meist den Winter in seinem Palais auf der Bastei und den Sommer in seinem Landschloss in Neuwaldegg. Im November 1801 starb der inzwischen ehemalige Hofkriegsratspräsident mit 76 Jahren in seinem Stadtpalais. Sein Neffe verkaufte es schon im darauffolgenden Jahr an Graf Franz Joseph Koháry. Das alte Gebäude auf der Bastei erhielt seinen letzten Namen: Palais Koháry. Dort zog Graf Franz Joseph Koháry mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter ein. Hier, im Palais Koháry, wuchs das Mädchen zu einer schönen jungen Frau heran. Ihr Name war Maria Antonia Koháry.
Das Jahr 1683 wendete auch das Schicksal Ungarns. In der Zeit danach wurden die Osmanen aus dem Land gedrängt. Die Siege von Prinz Eugen fixierten die Grenze zwischen dem Reich des Sultans und jenem des habsburgischen Kaisers entlang der Flüsse Save und Donau.
Der 1696 geborene Andreas Koháry, der seinem kinderlosen Onkel Stephan II. als Majoratsherr nachfolgte, kämpfte in seiner Jugend noch gegen die Türken. 1716 diente er unter Prinz Eugen in der Schlacht bei Peterwardein, dort sollen »ihm drei Pferde unter dem Leib weggeschossen worden sein, doch sein Heldenmut sei so groß gewesen, dass er noch ein viertes bestieg«. Aber auch für die Koháry endete im 18. Jahrhundert die Ära als Bollwerk gegen den Sultan. Dies zeigt sich am besten an den neuen Residenzen, die in der Folge entstanden.
Graf Stephan II. Koháry hatte meist auf dem alten Familiensitz Csabragh in Oberungarn gewohnt, einer hochgelegenen Burg, die den Taleingang zur Bergwerksstadt Schemnitz bewachte. Hier starb er im Jahr 1731. Seine Erbe Andreas baute nicht weit entfernt ein neues Residenzschloss. In Sankt Anton, heute slowakisch Svätý Anton, entstand ein riesiger barocker Vierkanter mit fast 70 Meter Seitenlänge. Sankt Anton liegt nur wenige Kilometer von Schemnitz entfernt und wurde 1993 gemeinsam mit diesem ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Das Schloss ist heute ein Museum und beherbergt im Erdgeschoss das slowakische Jagdmuseum. Der erste Stock ist wohl das wichtigste Museum zur Geschichte der Koháry und ihrer Nachfolger aus dem Hause Sachsen-Coburg. Nirgendwo sonst haben sich mehr Kunstwerke und Ausstattungsstücke aus deren Besitz erhalten.
Andreas Koháry versuchte auch erfolgreich, seine Familie endgültig im Hochadel des Habsburgerreiches zu verankern. Durch den Erwerb von Grundherrschaften in anderen Ländern des habsburgischen Herrschaftsbereichs fand man Aufnahme im jeweiligen Herrenstand. Als besonders attraktiv galt dabei Niederösterreich, denn in diesem Erzherzogtum befand sich die »kaiserliche Haupt- und Residenzstadt Wien«. 1732 gelang es Andreas Koháry, Schloss und Herrschaft Ebenthal vom Grafen Sinzendorf zu erwerben und in den österreichischen Herrenstand aufgenommen zu werden. Ein Jahr später kaufte er vom Freiherrn von Hohenfeld die Herrschaft Walterskirchen.
Andreas gelang es zwar nicht, Rang und Vermögen seiner Familie durch den Bau eines Palais in der Hauptstadt Wien zu präsentieren, doch im nur eine Tagesreise entfernten Ebenthal entstand eine großzügige Barockresidenz. Ort und Schloss Ebenthal liegen in einem großen Waldgebiet im südlichen Weinviertel, nicht weit entfernt vom Fluss March. Ab 1736 ließ er das eben erst erworbene Schloss erweitern. Der Höhepunkt von Ebenthal ist jedoch der Festsaal mit den Fresken von Giuseppe Galli da Bibiena. Im Deckengemälde werden die olympischen Götter gefeiert, Andreas Koháry ist dabei als Mars, Gott des Krieges, dargestellt. Das Schloss ist heute in Privatbesitz und kann nur ihm Rahmen gelegentlicher Kulturveranstaltungen besichtigt werden.
Andreas’ Sohn, Graf Ignaz Koháry, war der letzte bedeutende Offizier der Familie. Er kämpfte im Österreichischen Erbfolgekrieg ebenso wie im Siebenjährigen Krieg. Spätestens Ignaz muss über eine standesgemäße Wohnung in Wien verfügt haben, denn sein einziger Sohn und Erbe Franz Joseph Koháry wurde 1767 hier geboren. Als Adresse gab man die Schauflergasse in der Nähe der Hofburg an.
Johann Nepomuk wurde 1733 als jüngerer Sohn von Graf Andreas Koháry geboren. Er hatte ältere Brüder und daher nur beschränkten Zugriff auf den Reichtum der Familie, muss aber von seinem Vater einen beträchtlichen Erbteil erhalten haben, denn sein Vermögen wurde als Argument angeführt, als er sich 1770 als Pächter des Hoftheaters bewarb. Dieses Theater bestand seit 1748 in einem umgebauten Ballhaus am Michaelerplatz in Wien und hatte einen direkten Zugang von der kaiserlichen Burg aus. Es galt als wichtigste Bühne der Kaiserstadt, war aber ständig Schauplatz von Intrigen.
1767 pachtete der aus Neapel stammende Abenteurer und Impresario Giuseppe Afflissio das Haus für zehn Jahre. Dahinter steckte Maria Theresias Kanzler, Fürst Kaunitz. Dieser war frankophil, für das Bündnis Österreichs mit Frankreich verantwortlich gewesen und wollte durch Afflissio französisches Theater und Ballett in Wien populär machen. Afflissio engagierte eine neue Truppe und lehnte italienische Stücke konsequent ab, darunter ein Werk des zwölfjährigen Wolfgang Amadeus Mozart, die Oper »La finta semplice«. Das Unternehmen wurde zum finanziellen Desaster. 1770 trat Afflissio seinen Pachtvertrag an Johann Nepomuk Koháry ab und verließ fluchtartig die Stadt.
Koháry kündigte der französischen Truppe und stellte das Haus auf die moderne italienische Opera buffa um. Die Kosten des Spielbetriebs wuchsen ihm allerdings bald über den Kopf. Ab 1772 musste Koháry eine Kommission dulden, die mit ihm gemeinsam das Haus leitete, die Schuldenspirale freilich drehte sich weiter. 1776 machte das Theater Bankrott, der Graf selber hatte hohe Schulden. Niemand würde in dieser Situation wohl das Risiko einer Pacht des Hoftheaters wagen, doch eine kaiserliche Residenz ohne Bühne war wiederum undenkbar. Kaiser Joseph II. blieb nichts anderes übrig, als das Hoftheater zu verstaatlichen. Am 17. Februar 1776 öffnete es als »Teutsches Nationaltheater nächst der Burg« erneut die Tore. Es war die Geburtsstunde des Burgtheaters.
Auf Geheiß des Kaisers musste der hoch verschuldete Koháry Wien verlassen und sich auf das Familienschloss in Sankt Anton zurückziehen. Dort wurde er von Jacob Reineggs, einem ehemaligen Mitglied seiner Schauspieltruppe, aufgesucht. Dieser überredete ihn, das Land zu verlassen und nach Konstantinopel zu reisen. Gemeinsam brachen sie ins Osmanische Reich auf, besuchten die Hauptstadt und dann Smyrna. Von dort reisten sie weiter nach Georgien. Reineggs, der in seiner Jugend als Bader gearbeitete hatte, wurde in Tiflis Hofarzt von König Heraklius III. Die Spuren Johann Nepomuk Kohárys verschwanden unter bis heute ungeklärten Umständen in Tiflis um 1780. Reineggs berichtete, er sei an einer venerischen Krankheit in einem Kapuzinerkloster verstorben. Das Jahr 1799 wird meist als Todesdatum von Johann Nepomuk angegeben.
Reineggs zog später weiter nach Russland, freundete sich mit dem berühmten Fürsten Potemkin an und starb 1793 als Mitglied der medizinischen Akademie in St. Petersburg. Jacob Reineggs beschrieb die Reise im 1797 erschienenen Buch »Allgemeine historisch-topographische beschreibung des Kaukasus«, einem grandiosen Reisebericht des 18. Jahrhunderts, gespickt mit Anekdoten über seinen Reisegefährten Koháry.
Franz Joseph Koháry wurde am 4. September 1767 in Wien geboren. Seine Eltern, Graf Ignaz Koháry und Gräfin Gabriela Cavriani, hatten in der Nähe der kaiserlichen Hofburg eine standesgemäße Wohnung. Die Cavrianis stammten ursprünglich aus Mantua, lebten aber seit Mitte des 17. Jahrhunderts am Wiener Kaiserhof. Als Franz Joseph zwei Jahre alt war, wurde sein Vater Ignaz Majoratsherr des Koháry-Vermögens. Dieser starb, als Franz Joseph erst zehn war. Seine Mutter und sein Onkel Graf Ludwig Cavriani verwalteten als Vormunde das Vermögen und erweiterten es durch den Ankauf von Gütern in Niederösterreich. Hier besaß der Kohárysche Fideikommiss inzwischen 3000 Joch (circa 1700 Hektar) – wenig im Vergleich zu den rund 100 000 Joch Grundbesitz im Königreich Ungarn.
Koháry besuchte die von Maria Theresia gegründete k. k. Ritterakademie, das heutige Theresianum, die wichtigste Ausbildungsstätte des Adels der Monarchie. Mit 20 schickte man ihn auf »Grand Tour«, eine Reise durch Italien, um seine Bildung zu verfeinern. In Rom ließ er sich von der Werkstatt Francesco Panninis malen. In prächtiger ungarischer Magnatentracht lehnt er lässig an einer Statue der Minerva, der römischen Göttin der Weisheit. Im Hintergrund sieht man zahlreiche Bilder einer römischen Galerie.
Franz Joseph brach mit der militärischen Tradition seiner Vorfahren und trat 1787 in den Staatsdienst in der ungarischen Hofkanzlei ein. 1798 wurde er zum Hofrat ernannt. Fünf Jahre zuvor, 1793, übernahm er von seinem Vormund den Titel des Erbobergespans des Komitats Hont. 1801 wurde er Vizepräsident der Hofkammer, der höchsten Finanzbehörde, 1811 ungarischer Vizekanzler. Damit war er für die Koordination zwischen dem Herrscher und den Verwaltungs- und Regierungsinstitutionen verantwortlich. Franz Joseph übte diese Funktion in einer sehr schwierigen Zeit aus. Von 1792 an war Österreich fast ununterbrochen im Krieg – zuerst gegen die Truppen der Revolution, dann gegen Napoleon Bonaparte. Die ständigen Kriege erschöpften die Ressourcen der Länder. Franz Joseph Koháry griff mehrfach auf eigene Mittel zurück, vor allem im Bereich von sozialen Maßnahmen wie der Versorgung der Invaliden. Für seine Verdienste erhielt er von Kaiser Franz das Zivil-Ehrenkreuz 1813/14 in Gold.
1817 wurde Franz Joseph Koháry in den Fürstenstand erhoben, im selben Jahr nahm ihn Kaiser Franz in den Orden des Golden Vlieses auf, den Hausorden der Habsburger. Es war die höchste Auszeichnung, die ein katholischer Adeliger erhalten konnte. Bis zum heutigen Tag ist der Chef des Hauses Habsburg Großmeister der Vlies-Ritter. Als Franz Joseph Koháry aufgenommen wurde, durfte er sich diese Würde nicht nur mit den erwachsenen Erzherzögen, sondern etwa mit dem König von Bayern oder dem allmächtigen Kanzler Fürst Metternich teilen.
Der ungarische Historiker Georg Gottfried Gervinus sah Franz Joseph Koháry kritisch als einen »dem Hofe blind ergebenen Mann, der die Verordnungen, die […] in Betreff des Buchhandels, der Censur, der Lehranstalten eingeführt wurden, […] auch Ungarn auferlegen ließ«. 1818 bewarb er sich als Protektor der k. k. Ritterakademie – als eine Art Ehrenvorsitzenden mit großem Einfluss auf die operative Leitung. Sein Ansuchen wurde jedoch abgelehnt. Die Ritterakademie hatte die Aufgabe, die Sprösslinge des Adels zur loyalen Elite des Vielvölkerstaats heranzubilden, die den Dienst in den Toppositionen von Verwaltung und Militär versehen sollte. Koháry wurde zwar die unbedingte Loyalität zum Monarchen nicht abgesprochen, man befürchtete aber, dass sein ungarischer Patriotismus stärker sein könnte als das Bekenntnis zum Gesamtstaat und er die ungarischen Zöglinge zum Nachteil der anderen Nationen bevorzugen würde. Zum anderen wurde er, deutlich weniger schmeichelhaft, als zwar gebildeter Mann bezeichnet, dessen Wissen »sich aber mehr durch Fleiß als durch Verstand« auszeichne.
1820 wurde Fürst Koháry zum ungarischen Kanzler ernannt und stand in dieser Funktion der Behörde allein vor. Als Kanzler nahm er an prominenter Stelle an der Krönung von Karoline Auguste, der vierten Gemahlin von Kaiser Franz, zur Königin von Ungarn im Jahr 1825 teil. Koháry stand in unmittelbarer Nähe des Monarchen, ein deutlicher Hinweis auf die hohe Position, die er am österreichischen Hof innehatte. Für dieses Fest ließ er sich einen Säbel mit einer Scheide aus purem Gold und einem juwelenbesetzten Griff anfertigen.
Franz Joseph Koháry nach der Erhebung in den Fürstenstand
Am 13. Februar 1792 heiratete Franz Joseph Koháry die böhmische Gräfin Maria Antonia Waldstein. Das beiden bekamen zwei Kinder: Im Dezember 1792 wurde Franz Seraph geboren, am 4. Juli 1797 Maria Antonia Gabriele. Franz Seraph, der präsumtive Erbe, verstarb am 19. April 1798 an den Blattern in Wien. Durch seinen Tod wurde die Tochter Maria Antonia zur einzigen Erbin des gewaltigen Koháry-Vermögens. Dem Ableben des kleinen Franz Seraph folgte eine sonderbare Beisetzung. Er wurde nicht in die Familiengruft nach Hronský Beňadik gebracht, sondern neben der Pfarrkirche von Kleinhadersdorf begraben. Das Dorf war Teil der Herrschaft Walterskirchen im niederösterreichischen Weinviertel, ungefähr 50 Kilometer nördlich von Wien, die ab 1733 den Koháry gehörte. Der kleine Ort Kleinhadersdorf, mit seinem Schloss acht Kilometer westlich des Herrschaftssitzes Walterskirchen gelegen, war gekennzeichnet durch einfache Bauernhäuser und eine Kellergasse. Die wichtigsten Gebäude waren die schlichte Kirche und der Pfarrhof, erbaut in den 1780er-Jahren. Ansonsten gab es keine repräsentativen Gebäude, weder ein Schloss noch einen Meierhof. Die einzigen bekannten Quellen für die Beisetzung sind das Sterbebuch und das Gedenkbuch der Pfarre Kleinhadersdorf. Darin findet sich folgender Eintrag: »[…] dass der am 9. April 1798 zu Wien an bösartigen Blattern verstorbene, sechsjährige Franz Graf von Koháry, der Erstgeborene seines hochgräflichen Vaters gleichen Namens, ein Kind von ausnehmenden Naturgaben und guten Eigenschaften, auf Begehren seines Vaters als ein unvergessliches Denkmal der Gnade und Zuneigung hiesiger Herrschaft gegen ihre Untertanen nach Hadersdorf in den Pfarrhof gebracht, im Gastzimmer daselbst unter einer anständigen Beleuchtung ausgestellet und dann mit innigster Rührung der Untertanen und Auferbauung sowohl als der Nachbarschaft herumgetragen worden ist.«
1803 erreichte wieder ein prächtiger Trauerzug den Ort. Gräfin Gabriela Cavriani, die Witwe des Grafen Ignaz Koháry und Großmutter des kleinen Franz, war in Wien verstorben. Im Gedenkbuch der Pfarre Kleinhadersdorf findet sich der Eintrag: »Ein prächtiger Leichenwagen und mehrere hochadelige Kutschen, angeführt von ihrem Sohn Graf Franz Koháry, fuhren auf der Brünner Straße nach Norden. Da es in Kleinhadersdorf an repräsentativen Räumen mangelte, wurde für die feierliche Aufbahrung der Gräfin der Pfarrhof geräumt.«
Auch Gräfin Maria Theresia Koháry, eine unverheiratete Schwester von Graf Ignaz Koháry, wurde in Kleinhadersdorf begraben. Die zwei letzten Beisetzungen waren die Schwestern von Franz Joseph Koháry: 1812 Maria Theresia, verheiratete Gräfin Haller von Hallerkeö, und 1815 Josepha, verheiratete Gräfin von Laurencin d’Armond. Danach wurde wieder die Familiengruft von Hronský Beňadik als Grablege der Familie genutzt. Dort, nicht weit entfernt vom Schloss Sankt Anton, erzählte man sich eine Sage über den Tod des kleinen Franz Seraph. Dessen Vater Franz Joseph Koháry soll ein leidenschaftlicher Jäger gewesen sein, noch heute ist das Schloss voller Jagdtrophäen. Die Tiere des Waldes wollten sich gegen die Jagden des Grafen zur Wehr setzen und entführten seine Tochter. Es wurde Gericht gehalten, und die Tiere kamen zu folgendem Urteil: Die Tochter soll nach Hause zurückgebracht werden, aber über die Koháry wurde ein Fluch gesprochen. Franz Joseph soll als Strafe keine männlichen Erben haben – das Geschlecht sterbe mit ihm im Mannesstamm aus.
Ein zweiter Fluch betraf den ungarischen Mönch Emericus Koháry. Dieser habe alle Nachkommen von Maria Antonia Koháry und ihrem Mann Ferdinand Georg verflucht – die beiden hätten ihn, den wahren Erben der Koháry, um sein Vermögen betrogen. Es gab zwar einen Emericus Koháry, doch dieser lebte bereits im 16. Jahrhundert und war keineswegs Mönch gewesen. Die Geschichte des Mönches Emericus wurde in 1930er-Jahren in der britischen Presse breitgetreten. Eine Artikelserie in der Boulevardzeitung »Britannia and Eve« vom Februar 1933 führte alle tragischen Ereignisse, die den Nachfahren von Franz Joseph Koháry und seiner Tochter Maria Antonia widerfahren waren, auf den Fluch dieses ungarischen Mönches zurück. Doch die Familie, deren tragisches Schicksal in dem Artikel reißerisch beklagt wurde, hieß nicht mehr Koháry, sondern trug den Namen Sachsen-Coburg und Gotha.
Die Familie Sachsen-Coburg und Gotha errang erst im 19. Jahrhundert die vielen Königskronen, doch als Adelshaus zählt sie zu den ältesten Geschlechtern Europas, zur Dynastie der Wettiner. Schon um das Jahr 1000 herum wird ihr Ahnherr Dedo mit der Burg Wettin belehnt, die der Familie den Namen gab. Die Stammburg liegt am Fluss Saale, nahe der Stadt Halle im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt. Im späten Mittelalter waren die Wettiner eine der reichsten Familien im Heiligen Römischen Reich geworden, ihr Machtzentrum war die Burg Meißen an der Elbe. 1422 wurde Markgraf Friedrich von Meißen wegen seiner Treue zu Kaiser Sigismund mit dem Kurfürstentum Sachsen belehnt. Damit gehörten die Wettiner zu den ersten Familien des Reiches.
Als Zeichen der Zugehörigkeit zur Dynastie führten alle Wettiner ab diesem Zeitpunkt den Titel eines »Herzogs von Sachsen« und ein gemeinsames Wappen. Dieses war der Legende nach von Kaiser Friedrich Barbarossa gestiftet worden. Er hatte dem Ritter Bernhard von Ballenberg das Herzogtum Sachsen übergeben, und als dieser zum Kaiser zog, um das Land als Lehen zu erhalten, trug er einen Schild mit dem Wappen seiner Burg Ballenstedt – mit waagrechten Streifen, abwechselnd in Schwarz und Gold. Da es ein sehr heißer Tag war, hatte Friedrich Barbarossa einen Kranz aus Weinrauten auf dem Kopf. Die Weinraute war im Mittelalter nicht nur ein beliebtes Gewürz, das man noch aus der Römerzeit kannte, sondern spielte auch in der Heilkunde eine große Rolle. Das Kraut wurde gegen alle möglichen Gifte, aber ebenso als Mittel gegen den bösen Blick eingesetzt. Als Bernhard vor dem Kaiser niederkniete, um sein neues Herzogtum zu empfangen, nahm der Kaiser den Rautenkranz vom Kopf und hängte diesen über den Schild mit den goldenen und schwarzen Streifen. Sachsen hatte nicht nur einen neuen Herzog, sondern ebenso ein frisches Wappen bekommen. Noch heute ziert der Rautenkranz auf gold-schwarz gestreiftem Grund das Hoheitszeichen des Freistaats Sachsen.
Alle Wettiner führten zwar ein gemeinsames Wappen, doch die Familie war berüchtigt für dynastische Konflikte. Die Primogenitur, das Erbfolgerecht des Ältesten, war bei den Wettinern nicht üblich, das Herrschaftsgebiet wurde vielmehr zwischen den Brüdern geteilt, Kriege zwischen nahen Verwandten waren oft die Folge. 1485 wollten die Brüder Ernst und Albrecht Erbstreitigkeiten durch einen Vertrag verhindern. Ernst nahm die Teilung vor, sein Bruder Albrecht hatte das Wahlrecht. Im Vertrag von Leipzig wurde die Teilung besiegelt und das Haus Wettin in zwei Linien gespalten: die Ernestiner und die Albertiner.
