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Wie abenteuerlich erweist sich der Alltag eines Bergbauernbuben? Wie geht das - ein Leben ohne Telefon, TV und all die Technik? Wie verloren ist ein Bauernbub in einer Stadt? Wieso kann Arbeit in der Kindheit weit mehr als Kinderarbeit sein? Wieso hätten unsere Vorfahren gerne unsere Sorgen gehabt? Wie kann ein Tagebuch zum Rettungsanker im Internat werden? Wie steigert Heimweh den Wert der Heimat? Wieso hält das kindliche Erleben von Heimat nicht ein Leben lang an? Wie kann auch ein Erwachsener Heimat erleben? Fragen über Fragen - vom Autor in den Geschichten seiner Kindheit beantwortet.
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Im Vorhinein
Vor meiner ZEIT
Mama – ein Brief posthum
Däta – ein Leben im Jahreszyklus
Familien ZEIT
Einmal hier, einmal dort – hin und her immerfort
Die letzten Drei
Darf’s ein bisschen weniger sein?
Vom Igel abgeschaut
Unwort Freizeit
Es lebe der Sport!
Arbeits ZEIT
Von früh bis spät
Der Geiselschwinger
D’Aumadwod – ein Hauch von Freiheit
Arbeit als Abenteuer
Kleiner Mann ganz groß
Der Teufel schläft nicht
Respekt, Respekt!
Das Glück strapaziert
Vorsäß ZEIT
Was war so anders?
Der Pferdeflüsterer
Selbstwirksam
Schul ZEIT
Es brennt!
So bitte nicht!
Wer zuletzt lacht
Wie geht’s weiter?
Aufnahmeprüfung leicht gemacht!
Verloren in der Stadt
Ein Internat, was das alles kann!
S‘Flädle
Gefüllte Paprika
Die letzte Hürde
Marianer ZEIT
Alles ist so anders!
Heimfahrtsonntage – heiß ersehnt!
Aus meinem Tagebuch
Kameraden – Freunde – Brüder
Bet ZEIT
Ora et labora
Beten bis zum Überdruss
Einmaliger Missionseifer
Im Nachhinein
Der Minirock löste das Dirndl ab, die Beatles brachen mit der herkömmlichen Tradition der Volksmusik, die Pille schuf neue Freiheiten, die 68-er-Generation warf die altbekannten Moralvorstellungen über Bord, schnelle Autos eroberten die Straßen, die Amerikaner landeten auf dem Mond – endlos wäre die Liste der gesellschaftlichen Veränderungen in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg. Fast wie ein Sturm fegte eine neue Zeit im ganzen Land altbewährte Gepflogenheiten hinweg.
Nein, nicht alle Talschaften erreichte der Orkan der Veränderungen. In abgelegenen Ortschaften blieb davon nur noch eine leichte Brise übrig. Hier versuchten die alten Zeiten unverändert ihren Platz gegen die neuen Entwicklungen zu verteidigen. Von diesen jahrhundertealten Lebensgewohnheiten, die angesichts der eindringenden Neuerungen allerorts in Frage gestellt wurden, sollen die folgenden Seiten Kunde geben.
Meine Geschichten beziehen sich auf mein Leben als kleiner Bauernbub von 1965 bis 1975,
also vom Beginn meines Erinnerungsvermögens weg bis zum Teenageralter. Zwischen die persönlichen Erfahrungen in der Familie und im Internat sind auch allgemeine Begebenheiten des Dorflebens hinein verwoben, welche vertiefte Zeugen der damaligen Lebensweise sind. Einer Lebensweise, welche damals trotz aller globalen Umwälzungen mit größter Selbstverständlichkeit ihren altgewohnten Lauf nahm.
Ohne die vergangene Zeit zu glorifizieren, möchte ich wertfrei Zeugnis davon ablegen, wie so völlig unterschiedliche Lebensweisen nebeneinander existieren konnten und dies vermutlich auch heute noch tun – ähnlich wie auch im Wald alte Bäume und junge Emporkömmlinge nebeneinander stehen. Erst die Zukunft klärt darüber auf, ob der neue Schössling genug Licht bekommt und überlebt, oder ob die alte Tanne beim nächsten Sturm den Halt verliert und umfällt. Ein Verdrängungskampf in der Natur genauso wie im Leben der Menschen!
Auch wenn meine Kindheit aus heutiger Sicht völlig aus der Zeit gefallen war, so vermittelte sie mir doch das erste Heimatgefühl. Mit ihrer Bescheidenheit und Unbeschwertheit schenkte sie mir eine Sicherheit, die mir im Leben lange Halt gab. Im Erwachsenenalter änderte sich mein Verständnis dafür, was den Begriff Heimat ausmacht, dann zusehends mehr. Doch die Wurzeln dafür, dass ich mich später nie heimatlos fühlte, wurden damals vor ferner Zeit in meiner Kindheit gelegt.
Um die damaligen Lebensgewohnheiten besser zu verstehen, muss auch ein Blick in die Zeit geworfen werden, aus der unsere Großeltern hervorgegangen sind. Ihr Leben war noch geprägt vom Kaiserreich, welches nach dem 1. Weltkrieg von der Bildfläche verschwand und in Österreich von der 1. Republik abgelöst wurde.
Die Weltwirtschaftskrise zwischen den beiden Weltkriegen brachte unsägliche Armut ins Land. In unser Bewusstsein eingeprägt sind die erschütternden Erzählungen unserer Eltern von Bekannten, die Hunger litten oder in der Not ihr Anwesen veräußerten und sich von dem Geld infolge der galoppierenden Inflation bald nur noch einen Weggen Brot kaufen konnten.
Die Arbeits- und Perspektivenlosigkeit dieser Zeit spülte den Nationalsozialismus an die Oberfläche, welcher nach einer anfänglichen Euphorie dem Elend noch einmal neue Dimensionen verlieh.
Meine Eltern hatten also einen mühsamen Start ins Leben, das ihnen schon früh den Kontakt mit der Armut und dem Tod bescherte.
Gasthof Schwanen vor dem I. Weltkrieg
Kurz vor ihrem Tod brachte unsere Mutter die herausfordernden Ereignisse des ersten Drittels ihres Lebens bis zum Ende des 2. Weltkrieges mit folgenden knappen Sätzen zu Papier.
In meinem Elternhaus HNr. 39 bin ich am 7.2.1920 geboren worden. Ich war das erste Kind meiner Eltern Kaufmann Engelbert und Elisabeth, geb. Moosbrugger, und bekam dann noch sieben Geschwister. Getauft wurde ich auf den Namen Maria Theresia. Vater und Mutter betrieben eine mittlere Landwirtschaft.
Mit zehn Jahren verlor ich meinen Vater, eine Blutvergiftung hatte sein Leben jäh beendet. Von da an kehrte bei uns allmählich die Armut ein. Mit elf Jahren war ich dann neben der Schule auch Kindermädchen in anderen Familien. Am 15. Mai 1934 wurde ich dann ausgeschult und trat dann am Tag darauf bei Josef Anton Gmeiner, Postmeister, meine erste Stelle als Dienstmagd an. Damals begann die Arbeit morgens um 5 Uhr und endete abends um halb 10 Uhr ohne Unterbrechung. Das dauerte dann bis Allerheiligen 1936. Dann erkrankte meine Mutter an Lungenentzündung und deshalb brauchte man mich zu Hause. Innerhalb einer Woche, am 8.11.1936, musste auch sie uns verlassen. Sie hatte vor lauter Arbeit, Leid und Entbehrung einfach keine Kraft mehr. Nun standen wir acht Kinder allein auf der Welt. Das jüngste war sechs Jahre alt. Die jüngeren Geschwister wurden in verschiedenen Familien mehr oder weniger gern aufgenommen. Zum Teil musste für sie Unterhalt bezahlt werden von dem wenigen, was wir hatten. Die Älteren kamen an Dienstplätze. Ich kehrte an meinen Arbeitsplatz zurück bis zum Herbst 1938. Die Leute waren gut mit mir. Die Sorge um die anderen war das ärgste. Nun musste ich einen Winter lang bei unserem Vormund Josef Gmeiner, HNr. 48, umsonst arbeiten.
Mama mit ihren jüngeren Geschwistern ohne die verstorbenen Eltern
Am 1. April 1939 kam ich dann als Kochlernerin ins Salvatorkolleg nach Lochau. Es war meine erste Reise nach Bregenz. Dort war ich dann sechs Monate in der Küche und einen Monat im Nähzimmer. Es war eine schöne Zeit. Durch Vermittlung bekam ich dann in der Bäckerei Glatthaar in Bregenz eine Stelle als Köchin und Hausgehilfin und an den Samstagen noch als Aushilfe im Laden. Die Arbeitszeit war von 6 Uhr morgens bis halb 8 Uhr abends. Das Heimweh hatte mich nie in Ruhe gelassen. Es war damals Kriegszeit. Aus diesen Gründen nahm ich dann 1943 eine Stelle bei Josef Greber in Bezau an. Hier musste ich dann sehr viel schwere Arbeiten verrichten, die die Landwirtschaft erforderte. 4 Söhne aus diesem Hause waren in den Krieg eingerückt.
Im Frühjahr 1945 wurde mein ältester Bruder Gallus wegen eines Gehörschadens aus dem Kriegsdienst entlassen. Da entschlossen wir zwei uns, die Landwirtschaft zu Hause wieder neu anzufangen, um unseren Geschwistern die Möglichkeit zu bieten, wieder ein Zuhause zu haben. Die Not und der Hunger waren damals überall groß. Die Freude, daheim sein zu dürfen, half uns und wir konnten es schaffen. Der Krieg war zu Ende, es kamen die ersten Heimkehrer, unter ihnen auch mein zweiter Bruder Kaspar und am 18. Oktober auch mein zukünftiger Ehegatte.
Zwei Jahre nach der Rückkehr meines Vaters aus dem Krieg heirateten meine Eltern, gründeten eine große Familie mit acht Kindern und schufen sich damit glücklicherweise wieder jenen beschützenden Rahmen für ihr Leben, welchen sie viel zu früh in ihrer Kindheit verloren hatten.
Im Jahr 1998 verstarb meine Mutter an plötzlichem Herzversagen, weshalb ich ihr so manches nicht mehr mitteilen konnte, was mir erst nach ihrem Tod bewusst geworden war. Also schrieb ich ihr posthum folgenden Brief:
Liebe Mama!
Jahre sind nunmehr schon vergangen, als wir von einer Sekunde auf die andere ohne dich weiter zu leben hatten. Eine lange Zeit. Und doch nicht, da du eigentlich mit deiner Seele immer gegenwärtig gewesen bist. Ich konnte mit dir reden, nur auf die Antwort musste ich oft länger warten als zuvor. Dennoch war deine Präsenz spürbar.
In letzter Zeit wünschte ich öfters einmal, ich könnte wie früher mit dir zu Mittag essen und über Gott und die Welt reden. Deine Lebenserfahrung könnte mir bei so manchen Fragen die passende Antwort liefern. Heute könnte ich diese wohl eher annehmen als früher, als mir manches sehr traditionell vorgekommen ist. Je mehr ich mich deinem Alter nähere, desto mehr verstehe ich dich und desto mehr teile ich deine Ansichten und Eigenheiten.
Mit zunehmendem Alter wächst in mir auch der Respekt dafür, was du in deinem Leben geeiner Mutter er, leistet hast. Hineingeboren in die tiefgreifende Not kurz nach dem I. Weltkrieg, Erstgeborene von acht Geschwistern, die bald zu Vollwaisen wurden, Sorge um die kleineren Geschwister, Leben und Arbeiten in der Fremde, Ängste und Verluste des II. Weltkrieges ertragen, Einheiraten in die Familie deines Mannes mit nicht ausbleibenden Herausforderungen neuer Art, Umzug der Familie nach Bezau, Nomadentum von Bezau nach Bizau und an den Gopf, dazwischen immer wieder Kinder kriegen, den Mann auf der Landwirtschaft stellen, wenn dieser mit dem Fuhrwerk unterwegs war, wieder Umzug nach Bizau, Wohnen in einer 70 m2-Wohnung mit einer 10-köpfigen Familie unter einfachsten Verhältnissen, Betreuung der jüngeren drei Söhne bei ihrem Internatsleben, schwere Unfälle deines Mannes mit Tieren und Maschinen, Neubau des Wohn- und Wirtschaftsgebäudes Mitte der siebziger Jahre und gleichzeitiges Loslassen der älteren fünf Kinder, die zwischen 1973 und 1977 alle wegheirateten.
Die Eltern meiner Mutter (Elisabeth, geb. Moosbrugger,und Engelbert Kaufmann )
In meinen Augen ist es beeindruckend, was du da geschafft hast. Noch unglaublicher ist für mich aber die Art und Weise, wie du das geschafft hast. Nicht etwa mit Gram, Verbitterung und innerlicher Erstarrung, sondern mit der notwendigen Konsequenz, aber auch mit erstaunlicher Warmherzigkeit – zumindest als Grundtendenz, denn zeitweise Überforderung in Extremsituationen sind verständlicherweise auch vorgekommen.
Heute beeindruckt mich, dass ich zusammen mit meinen Brüdern Alois und Richard in einem Internat die erforderliche Bildung für das Umsetzen unserer Berufswünsche erhalten habe und zusätzlich deine Tochter Maria die Matura als Externe abschließen durfte. Und das bei diesen kärglichen Verhältnissen, die eher einer handwerklichen Ausbildung als einem Studium Vorschub geleistet hätten!
Die Fahrten zu den Elternabenden und -sprechtagen in Bregenz waren für dich kein Vergnügen, da du dich in deiner Bescheidenheit inmitten der Stadtmenschen, die in einem Gymnasium damals halt zugegen waren, sichtlich unwohl gefühlt hast. Aber mit deinem Humor hast du jede Situation gut gemeistert. Du mögest mir heute auch bitte verzeihen, dass ich als Pubertierender nicht gerade vor Stolz einen Überschlag gemacht habe, wenn ich mit dir durch die Hallen des Gymnasiums oder des Marianums gewandelt bin. Da sind Welten aufeinander geprallt: hier schicke Unternehmersgattinnen mit Konversation im Bödeledeutsch, dort bescheiden gekleidete Bäuerinnen mit oft ebenso bescheidener Bildung. Dass beide Gruppen dort ihre Schwäche hatten, wo die anderen ihre Stärken sahen, das wurde mir erst später bewusst. Auch dass du dieses Schicksal mit anderen Bäuerinnen aus den Tälern Vorarlbergs geteilt hast, hat die Situation für dich auch nicht einfacher gemacht. Ebenso beeindruckt mich im Rückblick, wie du mich bei deinen Besuchen im Internat oder bei meinen Heimfahrtwochenenden deine Mutterliebe hast spüren lassen. Trotz der vielen Arbeit, die wir mit der Wäsche in unseren Koffern mitgebracht haben, haben wir das Gefühl gehabt, dass du uns magst. In manchen Momenten sogar, dass du stolz auf uns bist. Dieses Erleben der Liebe hat uns im unsicheren Leben im Internat viel Sicherheit und Vertrauen geschenkt.
Ein Geschenk, das unschätzbar viel wert war!
In meinen ersten zwölf Berufsjahren in Au und Bezau haben wir dann zu Hause viel Zeit für Gespräche gefunden. Dabei habe ich zusehends entdeckt, welch wertvolle Eigenschaften du dein Eigen nennen darfst:
Dein Humor war unverwüstlich. Eine lustige Begebenheit zur richtigen Zeit, ein harmloser Witz, eine zurückhaltende Bemerkung, die andere zum Schmunzeln gebracht hat – du hast mit deiner humorvollen Art bei vielen Anlässen für gute Stimmung gesorgt, ohne dich selbst in den Vordergrund zu spielen und dein Ego feiern zu lassen. Dein Humor war nicht von dieser platten, polternden Art, wie wir sie am Stammtisch kennen. Nein, er war fein und drängte andere nicht in die Ecke. Erst recht hast du deine humorvollen Beiträge nicht dazu genutzt, andere schlecht zu machen und dich über sie zu stellen, wie das nur zu oft geschieht.
Deine Fähigkeit zum Zuhören rührt vermutlich auch daher, dass du nicht das Bedürfnis gehabt hast, dich über den anderen zu stellen. Heute würde man deine Art, mit anderen ein Gespräch zu führen, als aktives Zuhören bezeichnen, das von großer Empathie gekennzeichnet ist. Bei dir hatte man das Gefühl, dass du wirklich zuhörst, ohne schon gleichzeitig darüber nachzudenken, wie du die Aussagen des anderen durch eigene Erlebnisse noch toppen könntest. Schweigend hast du zugehört, ohne zu unterbrechen. Danach hast du Fragen gestellt, die uns das Gefühl gegeben haben, dass du uns verstanden hast. Und nur selten war ein Ratschlag dabei, der mehr als Schlag denn als Rat erlebt wurde. Das hat dich zu einer geschätzten Gesprächspartnerin nicht nur im Familienkreis gemacht.
Dein Offen-Bleiben für neue Entwicklungen, deine Bereitschaft, Traditionelles zu hinterfragen und dich für neue Haltungen zu öffnen – das habe ich damals einfach zur Kenntnis genommen. Heute erst schätze ich diese Eigenschaft, die in deiner Altersgruppe eher ungewöhnlich ist, und stelle fest, dass du dies zu einem Gutteil auch an deine Kinder vererbt hast. Ein wertvolles Erbe, wie ich meine!
Deine Warmherzigkeit und deine Mutterliebe bleiben mir wohl als bestes Andenken an dich in Erinnerung. Besonders in deinen letzten Jahren hast du trotz – oder gerade wegen – der herausfordernden Zeiten in deinem Leben eine Güte ausgestrahlt, welche die Gespräche mit dir zu einem Erlebnis hat werden lassen. Du hast einem das Gefühl vermittelt, dass man so, wie man ist, in Ordnung ist.
Du hast dich nicht am Fehlenden eines Menschen orientiert, sondern am Vorhandenen. Und ihn damit gestärkt.
