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Das Leben von Soja Nasarova, einer ungewöhnlichen und mutigen Frau, spielt sich im Wirbelwind der Geschichte des 20. Jahrhunderts ab. Von der idyllischen Kindheit als Pfarrerstochter in Südrussland über die Wirren der Revolution von 1917, die Industrialisierung in der Sowjetunion bis zu Verschleppung und Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg geht die unglaubliche Reise der Familie bis in die neue Heimat - Belgien. Ein Buch, das Mut macht und das Menschliche in jeder Begegnung sieht. "Was wäre gewesen, wenn?" Man kann in dieser Geschichte die Frage so oft stellen, bis einem schwindlig wird. Nicht fragen, nicht bohren, nicht denken. Es war so, wie es war. Menschen begegneten sich, Dinge passierten. Nur ein kleiner Schritt heraus aus dem Lauf der Dinge und meine Großmutter wäre nicht mehr gewesen, meine Mutter tot, ich nie geboren.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Die glücklichen Jahre
Unruhige Zeiten
Die strahlende Zukunft
Die gewaltigen Felsen
Mit zwei Koffern und einer Nähmaschine auf weiter Flur
Der Krieg, der nicht enden wollte
Das Ende des Ostens
Nachwort
Anhang
Anmerkungen
Brüssel, 1995
Ich habe meine Erinnerungen aufgeschrieben, vor allem für meine Enkelkinder. Sie fragen: »Warum habt ihr Russland verlassen? Was habt ihr dabei erlebt?« Ich bin jetzt fünfundachtzig Jahre alt und es ist nicht immer leicht, sich an so lange zurückliegende Ereignisse zu erinnern. Insbesondere die Erinnerung an Daten und Namen fällt mir schwer.
Ein halbes Jahrhundert ist seit Ende des Krieges vergangen und ich denke über den Menschen nach. Ja, es gibt immer noch Krieg, Terror und Grausamkeit. Aber das Gute im Menschen setzt sich immer durch. Vor allem bei jungen Menschen bemerke ich eine Tendenz zu mehr Selbsterkenntnis. Und immer mehr Personen, ob jung oder alt, verstehen, dass wir Menschen alle zusammengehören.
Viele sehnen sich nach Frieden und Zusammengehörigkeit.
Möge die moralische Kraft der scheidenden Generation sie begleiten!
Soja Venjaminovna Nasarova,
Rostow 26.02.1909 – Brüssel 26.03.2001
Dies ist eine Geschichte von Grenzen, die überquert wurden. Zunächst Ländergrenzen: damals die der Sowjetunion, jetzt der Ukraine und Russlands; die Grenzen von Polen und Deutschland. Die Grenze nach Belgien.
Dann die gewaltige Grenze der Sprache. Meine Großmutter Soja schrieb die Geschichte ihrer Verschleppung auf Russisch auf, als sie fünfundachtzig Jahre alt war und seit fast 50 Jahren in Belgien lebte. So viel Zeit hatte sie gebraucht, ihre Worte zu finden. Genaue Worte, in kurzen, schlichten Sätzen. Ohne Pathos sagte sie, was gewesen war. Warum brauchen Überlebende von Krieg, Hunger, Verschleppung, Zwangsarbeit so viel Zeit, um ihre Sprache wiederzufinden? Und wie viele von ihnen sind stumm geblieben? Wie gut ich das verstehe, ich, die all das nicht erlebt habe, es aber durch alle Poren fühlen kann und jedes Mal fürchte, dabei zugrunde zu gehen, bei der Reise in die Vergangenheit meiner Familie.
Einige Überlebende fanden nie die Worte, nahmen sich im hohen Alter das Leben. Meine Großmutter schrieb und wurde gerettet. »Schreib«, hatte meine Mutter Victoria sie ermuntert, »Schreib alles auf, woran du dich erinnern kannst«. Soja schrieb auf Russisch, in kleinen schwer zu entziffernden Buchstaben, mit ihren arthritischen Händen, mühevoll auf eng beschriebenen Seiten. Sie schrieb in der Stille der Nacht, allein. Tagsüber setzte sie sich mit meiner Mutter hin und erzählte ununterbrochen. Sie gingen dann das Geschriebene durch.
Später übersetzte meine Mutter den Text vom Russischen ins Französische. Aus diesem Teil der Geschichte, der mich schon lange Jahre begleitet, sind im vorliegenden Buch die Kapitel 4 bis 7 entstanden.
Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, in der meine Mutter und Großmutter sich intensiv damit beschäftigten. Als ich ins Zimmer trat, hoben sie die Köpfe von ihren Heften und lächelten mich an. Die Luft im Zimmer war sanft wie Seide. Ich ging schnell wieder hinaus, um nicht zu stören. Ab und zu hörte man sie herzlich lachen. Meine Mutter Victoria ergänzte die Notizen meiner Großmutter Soja mit ihrem eigenen Erzählfaden – auf Französisch, die Sprache ihrer neuen Geborgenheit. Sie übersetzte den Text ihrer Mutter ins Französische, auch weil sie daran dachte, ihn in Belgien zu verlegen. Ich sollte ihr dabei helfen, geeignete Verlage ausfindig zu machen. Ihre ältere Schwester Anja lehnte die Idee ab: »Wen interessiert das schon? Es ist unsere persönliche Geschichte«. Die Wunden waren zu tief, das Geschehene zu intim. Meine Tante Anja hatte Krieg und Verschleppung mit anderen Augen erlebt als meine Mutter, die als jüngere Schwester leichteren Schrittes durch alles ging.
So vergingen einige Jahre. Mittlerweile hatte ich das schon gut bearbeitete Manuskript über die Kriegszeit in der französischen Version meiner Mutter mehrfach gelesen und meine Großmutter war gestorben. Ich erinnere mich, dass man sechzig Jahre Kriegsende feierte. Ich fuhr im Auto und hörte einen Beitrag im Radio, ein Interview mit Überlebenden. Ich fasste den Entschluss, mich mit der Geschichte meiner Familie erneut zu beschäftigen. Ich schrieb einen langen Brief an meine Tante und erklärte, wie wichtig es sei, solche Beiträge allen zur Verfügung zu stellen. Ein paar Tage später rief sie mich an. Sie habe handschriftliche Notizen wiedergefunden, in denen meine Großmutter auf Russisch die Revolutionsjahre beschrieb. Die sollte ich auf jeden Fall lesen. Über die Kriegsjahre redeten wir nicht. Meine Tante schenkte mir ein Fotoalbum mit alten Familienbildern, das sie für mich zusammengestellt hatte. »Hier, für dich. Weil du dich für die Geschichte unserer Familie interessierst«. Das erwähnte Manuskript meiner Großmutter bekam ich jedoch nicht. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich mich damit intensiv beschäftigen konnte.
Der Widerstand meiner Tante hatte sich schließlich doch gelegt. Nach einem Wiedersehen in Brüssel, als wir wieder einmal über unserer Familiengeschichte geredet hatten, verabschiedete sie mich mit der Ermutigung: »Schreib!«
Das Manuskript über die Revolutionsjahre bekam ich wieder nicht.
Zu Hause fing ich an, die seit langer Zeit weggelegten Notizen über die Kriegsjahre vom Französischen ins Deutsche zu übersetzen. Ich fühlte: das war notwendig. Eine weitere Grenze wurde überquert. Die Geschichte reiste zurück, da wo sie einen Wendepunkt genommen hatte. Nach dem Russischen meiner Großmutter und dem Französischen meiner Mutter, das auch meine Muttersprache ist, brachte ich das Geschehene zurück in die Sprache, in der die schlimmsten Ereignisse stattgefunden hatten. Mittlerweile ist Deutsch für mich die Sprache des Alltags, meines Lebenszentrums und der Geborgenheit. Ich kannte die Kapitel über die Kriegsjahre auf Französisch schon lange. Französisch bedeutete für meine Mutter Ruhe, Frieden, angekommen sein. Meine Großmutter jedoch lernte diese Sprache nie richtig. Ihre Geschichte ins Deutsche zu übersetzen erschütterte mich. Der Text überkam mich, überrollte mich, die Geschichte nahm Leben an. Stellen wie »Scheißrussen! Raus!« hatten auf Französisch ganz anders gewirkt. Auch »Ostarbeiter« klang in dieser Sprache harmlos. Nach den ersten zehn Seiten, die den Krieg behandelten, spürte ich eine nie vorher erlebte Wut und Trauer in mir aufkommen. Ich wusste nicht wohin mit diesem Gefühl. Im weiteren Verlauf der Geschichte musste ich ununterbrochen heulen. Ich glaube, die Tränen, die beim Tippen an meinen Wangen herunterliefen, waren die, die meine Großmutter noch zurückgehalten hatte. Ich bewunderte ihren Mut, sowie den Mut meiner Mutter, sich an die schwere Arbeit der Vergangenheitsbewältigung herangemacht zu haben. Ich fühlte auch mit meiner Tante mit. Ich, die nicht dabei gewesen war, schritt in der Aufzeichnung und Recherche nur mühsam voran. Meine Seele brauchte viel Zeit, um mitzukommen.
Was wäre gewesen, wenn? Man kann in dieser Geschichte die Frage so oft stellen, bis einem schwindlig wird. Ich stelle sie lieber nicht, der Selbsterhaltungstrieb hält mich davor zurück. Nicht fragen, nicht bohren, nicht denken. Es war so, wie es war. Ein Schritt kam nach dem anderen, ein Ereignis folgte dem nächsten, ein Gedanke, dann der nächste. Menschen begegneten sich, Dinge passierten. Nur ein kleiner Schritt heraus aus dem Lauf der Dinge, eine falsche Begegnung, eine andere Entscheidung und meine Großmutter wäre nicht mehr gewesen, meine Mutter tot, ich nie geboren.
Als ich fertig war, sprach ich meine Mutter über das von mir noch unbekannte frühe Manuskript meiner Großmutter an. Ich hatte es noch nie gesehen, nur davon gehört. Meine Mutter lächelte, stand kurz auf und holte es aus der Schublade eines kleinen Schrankes ihres Arbeitszimmers heraus. Ich schaute sie überrascht an. So viele Jahre hatte ich mich nach diesem Manuskript gesehnt, und da war es! Es lag nicht mehr bei meiner Tante, die es nach dem Tod meiner Großmutter entdeckt hatte, sondern hier im Hause meiner Eltern, in erreichbarer Nähe. »Weißt du, ich hatte mir vorgenommen, auch diesen Text ins Französische zu übersetzen, aber ich schaffe es nicht. Ich kann es einfach nicht«, erklärte meine Mutter. Ich schaute auf die Seiten: die vertraute kyrillische Schrift, klein geschrieben, stellenweise kaum zu entziffern. »Es ist auch emotional zu viel für mich. Und ich werde nicht jünger«. Ich bot meiner Mutter an, das Manuskript mitzunehmen um zu sehen, was ich daraus machen konnte. Zurück in meinem Zuhause in Deutschland warf ich mich in die Arbeit. Ich war wie im Rausch. Die idyllische Kindheit meiner Großmutter wurde vor meinen Augen lebendig, aber auch die schrecklichen Jahre der Revolution und des Bürgerkriegs, Jahre der Hungersnot und der Entbehrungen. Es ging erstaunlich gut, auch wenn mein Russisch nicht mehr so gut, die Sprache meiner Großmutter veraltet ist oder auch etliche ukrainische Ausdrücke dem Text beigemischt sind. Mit Hilfe einer russischen Freundin, die in der Ukraine aufgewachsen ist und in Deutschland lebt, konnte ich alle Rätsel lösen. Nun waren die Puzzleteile wieder zusammen. Diesen Teil der Geschichte machen die drei ersten Kapitel des Buches aus.
Mittlerweile sind meine Großmutter und meine Mutter verstorben. Ich freue mich bei der Vorstellung, alle irgendwo vereint zu wissen, schwerelos und fröhlich, weit weg von jedem Krieg und Leid.
Ghalia El Boustami
Matuschka1, die Kiste hier ist fertig gepackt! Darin sind feine Leinen und ein Teil der Bettwäsche«. Die alte Kinderfrau Lukinischna erhob sich seufzend vom Holzboden des Schlafzimmers, in dem ein Meer von Tüchern, Leinen und Kleidern aller Art ausgebreitet war. »Gut, Lukinischna, das macht eine Kiste mehr«, antwortete die müde Stimme von Jefrasja Nikolajevna, der Pfarrersfrau. Sie war noch sehr mitgenommen von dem frühen Tod ihres jüngsten Kindes, Venjamin. Eine frische Brise kam vom offenen Fenster hinein und Lindenduft verbreitete sich im Zimmer. »Aber Lukinischna«, rief eine entschlossene Stimme vom Esszimmer unten, »an Ihrer Stelle würde ich Silberbesteck und Kristallkaraffen mit dazu packen! So sind sie besser geschützt«. »Es gibt noch genügend davon, Fjokluscha«, antwortete die alte Kinderfrau, die schon zwei Generationen von Kindern der Familie Nasarov aufgezogen hatte (Ein Stammbaum der Familie ist im Anhang zu finden). Die Helferin Fjokla Ivanovna war vom Gut von Großmutter Sascha, der Mutter der Pfarrersfrau, zur Hilfe beim Packen geschickt worden. Der Umzug der Familie nach Taganrog2, besser gesagt ins Dorf Jekaterinovka, um die fünfzig Werst3 entfernt von dieser Stadt, war für den Herbst geplant. Vater Venjamin Nasarovs Organisationstalent als Pfarrer in der kleinen Gemeinde von Staniza4 Burazkaja, in der Provinz Rostow im südlichen Russland hatte sich herumgesprochen. Nun war er als Dekan für den Kreis Taganrog am Don berufen worden. Die lange Reise bis an die Grenze zur Ukraine, in eine unbekannte Gegend, musste gut vorbereitet werden.
Vom offenen Wohnzimmer hörte man einige Wortfetzen auf Französisch. Marussja5 und Galja6, die beiden älteren Töchter der Pfarrersfamilie übten mit der Gouvernante. Bald würden sie die Aufnahmeprüfung für das Eparchiale7 Institut für junge Mädchen in Nowotscherkassk machen. Wie aufregend! In die Großstadt zu ziehen, wo sie im Internat wohnen würden, zusammen mit vielen adligen jungen Mädchen, und dabei Französisch lernen, sowie Klavier spielen und vieles andere mehr. Ihre Mutter Jefrasja hatte selbst als Mädchen das Eparchiale Institut von Woronesch besucht, wo sie unter anderem gelernt hatte, Klavier zu spielen und zu tanzen. Die beiden Schwestern fühlten sich sehr wichtig und hatten kaum noch Zeit, mit ihren jüngeren Geschwistern Soja und Kolja zu spielen.
Venjamin Nasarov, Vater von Soja, 1900
»Lukinischna, Mama! Wir haben zwei Kisten Pfirsiche mitgebracht! Wir durften sie selbst pflücken!« Der kleine Junge mit dem rötlichen Haar, der reingestürzt kam, war nicht zu halten. Kolja sprang vor Begeisterung auf und ab, bald gefolgt von einem Mädchen mit pechschwarzem Haar und feurigem Blick. Seine ein Jahr ältere Schwester Soja und er waren unzertrennlich.
Kolja8 war ein sehr sensibles und unruhiges Kind. Lukinischna hatte ihn mit Tees aus schwarzen Johannisbeeren und Johanniskraut behandelt. Sie hatte ihn sogar in einer Vollmondnacht in den Hühnerstall gebracht, bevor die Hühner aufwachten, um ihn »unter ein Huhn zu legen«, wie es ein heidnischer Brauch empfahl. Mit größter Vorsicht hatte sie den Tag gewählt und es so eingerichtet, dass Matuschka Fanja9 das nicht mitbekam. Es hätte ihr sicherlich nicht gefallen. Die Prozedur sollte seine Nerven stärken, wie die Alten im Dorf es erzählten. Da dies nicht half, ging sie einen Schritt weiter und stahl sich heimlich zu einer alten Frau, die im Dorf als Heilerin bekannt war. Die Heilerin goss ein Bild des Jungen in Wachs, bekreuzigte sich mehrfach, sang, rezitierte Sprüche, spuckte mehrmals auf den Boden und rief das Kind zur Genesung auf. Aber es half alles nicht. Kolja blieb ein sehr nervöses Kind.
Um in dieser anstrengenden Zeit nicht im Wege zu sein, begleiteten die Kleinen ihren Vater nun häufiger auf seinen Reisen in den umliegenden Gemeinden. Manchmal vergaß man auch ganz, sich um sie zu kümmern, was ihnen ganz gelegen kam.
Nun kam auch Vater Venjamin ins Wohnzimmer. Groß und schlank, strahlte er Ruhe und Gelassenheit aus. Seine Sutane war staubig von der Fahrt und über seinem Bart blinzelten die blauen Augen. Das Licht fiel auf eine braune Locke seiner Frau Fanja, die mitten in einem Meer von Leintüchern saß. Sie sah stets reizend aus. Er liebte ihre natürliche Ausstrahlung, ob am Klavier, das sie mit Leichtigkeit spielte, in einer geistreichen Unterhaltung oder beim Packen von Kisten für den Umzug.
Jefrasja Poleschajeva, Mutter von Soja, 1915
Matuschka Fanja hielt einen Brief in der Hand. »Venjamin«, sagte sie lächelnd zu ihrem Mann, »meine Mutter lädt mich zu sich nach Lebjasche ein. Diese Pause wird mir guttun und so können wir uns vor dem Umzug nach Taganrog in Ruhe verabschieden.« Sie wandte sich an die Helferinnen: »Lukinischna, Fjokluscha, bereitet alles vor, morgen bei Tagesanbruch machen wir uns auf dem Weg nach Lebjasche! Wir bleiben dort eine Woche. Soja und Kolja kommen mit. Die beiden älteren Mädchen bleiben hier und können so in Ruhe weiter lernen«. Soja und Kolja konnten sich vor Freude kaum halten. Babuschka10 Sascha war Sojas Patentante und von ihr heiß geliebt. Und auf dem Gut ihres Großvaters, des angesehenen Viehzüchters Nikolaj Poleschajev, gab es immer viel zu entdecken.
Die Woche in Lebjasche verging wie im Flug. Während Mutter und Tochter die Zeit miteinander genossen, tobten die Kinder drinnen wie draußen. Aus den Schränken holten die Hausmädchen Leckereien: getrocknete Kirschen und Pflaumen, Pfirsiche in Saft und allerlei Gebäck. Draußen kletterten die Kinder auf die Bäume, jagten die Kälbchen und provozierten den Ziegenbock. Bis der Moment des Abschieds kam. Großmutter, Mutter, die Hausmädchen, die Gärtner, sie alle vergossen Tränen, auch die beiden Kinder.
»Wir sind so traurig! Wann werden wir uns alle wiedersehen?« jammerte Kolja. So stand die Familie versammelt vor dem Gutshaus, zur Abreise bereit. Es war früh am Morgen und die Sonne strahlte am Himmel. Großvater Nikolaj hatte den Reisenden einen Pferdewagen mit zwei Pferden für den Umzug und ihr neues Zuhause geschenkt. Und Großmutter Sascha hatte ihrerseits viele Sachen vorbereitet, Körbe – mit leckeren Kirschen – und Koffer, lebende Hühner und Gänse. Kolja bekam einen kleinen Hasen, aber das Tier zappelte so lange in seinen Armen, bis es freikam und ins Grüne verschwand. So fuhren sie zurück nach Staniza Burazkaja. Bei der Ankunft kam Vater Venjamin vor die Tür, um die Reisenden zu empfangen. Er traute seinen Augen kaum: »Fanja! Das ist ja die Arche Noah!«
Das wundervollste Geschenk von Fanjas Eltern war die Truhe. Sie war so riesig, dass sie nicht durch die Haustür passte. Man ließ sie auf der Veranda stehen. Die Truhe war aus schwerem und hartem Holz geschnitzt, wie Marmor, glänzend und ohne einen Kratzer. Sie öffnete sich mit Hilfe eines riesigen Schlüssels. Nach zwei Umdrehungen erklang der Marsch »Ertöne, O Siegesdonner!«11 so laut, dass jeglicher Diebstahl dadurch unmöglich gewesen wäre. Die Truhe wurde mit allerlei Pelzen und Fellen gefüllt: Bärenfelle, Fuchsmäntel, Tschapkas aus Hasenfell und Jacken aus Astrachan-Pelz. Die Winter konnten auf dem Lande sehr kalt werden und man musste sich auf Reisen mit der Troika im Schnee warm anziehen. Eine andere Truhe hatte Jefrasja Nikolajevna als Mitgift in die Ehe eingebracht. Diese war kleiner und elegant: Sie stand auf Füßen und war mit feinen metallischen Verzierungen beschlagen. Beim Öffnen erklang ein Glockenspiel12.
Wegen des Umzugs stand ein weiterer Abschied bevor: der Abschied von der »Mühle«. So wurde die Sommer – Datscha genannt, die Djeduschka13 Nikolaj, der einiges an Land besaß, der Familie seiner Tochter Fanja geschenkt hatte.
Diesmal waren alle mitgekommen: Vater, Mutter, die großen Schwestern und natürlich auch Lukinischna sowie die Hausmädchen. Kaum hatten die Pferde vor der kleinen Wassermühle angehalten, sprangen auch schon Kolja und Soja aus dem Wagen heraus. »Wer zuerst am großen Teich ist, hat gewonnen!« Die Kinder rannten am Bach entlang, ein Duft von Wasserminze und Mädesüß füllte ihre Lungen, Libellen flogen im Zick-Zack-Kurs über ihre Köpfe. Soja war zuerst da, direkt von ihrem Bruder gefolgt. Erschöpft ließen sich die Kinder ins Gras am Teichrand fallen. Der Wind sang durch das Schilf, am blauen Himmel waren nur ein paar kleine Wolken.
Die Großen packten derweil die Sachen aus, es war noch Zeit bis zum Essen. »Lass uns zum Haus von Onkel Pavel und Tante Tanja14 gehen!« Im Haus nebenan auf dem Hügel wohnte der Lehrer Pavel Filippovitsch Nasarov, ein Cousin von Vater Venjamin, mit seiner Familie. »Hei Kinder, schaut mal her!« Grischa, ein großer Junge kam ihnen mit einem Karton entgegen. Er legte ihn vorsichtig auf den Boden. Im Karton war ein Igel. Kolja und Soja klatschen entzückt in die Hände. »Und werden wir wieder mit dem Bötchen auf dem Teich fahren?« »Ja klar! Diesmal wird es nicht mehr sinken, Mischa und ich haben es richtig repariert, sogar mit Teer, es sieht aus wie neu, ihr werdet sehen!« sagte Grischa, während er dem Igel eine kleine Schnecke vor die Nase setzte. Der Igel schnüffelte ein bisschen daran aber schien sich nicht weiter dafür zu interessieren.
Eine Frau kam aus dem Haus mit einem Säugling auf dem Arm.
»Schön, dass Ihr da seid, unsere Jungs haben schon auf Euch gewartet!« Es war Tante Tanja. Die Familie hatte zwölf Kinder, bei jedem Besuch war ein neues Baby da. Wenn Onkel Pavel einen getrunken hatte, pflegte er seiner Frau zu sagen: »In sieben Jahren ist jeder Kummer von heute vergessen. Ach! Tanjetschka, lass uns Gott für jedes Kind danken.«
Nun hörte man es aus der Mühle rufen. Kolja und Soja winkten mit der Hand und rannten zurück ins Haus, voller Vorfreude über alles, was ihnen noch bevorstand. Mit Onkel Pavels Kindern zu spielen war herrlich, allen voran die ältesten Jungs ließen sich alles Mögliche für sie einfallen. Sie stibitzten Vogeleier, die ins Feuer gelegt und dann gegessen wurden, fuhren mit einem viel zu kleinen Boot auf dem See und sanken fast dabei, machten Feuer und sprangen darüber, suchten nach Pilzen, fingen ein Kaninchen oder einmal sogar ein Eichhörnchen.
Auch die Eltern langweilten sich nicht auf der »Mühle«. Die Eheleute luden Gäste ein, lasen, diskutierten, gingen spazieren und organisierten Picknicks und kleine Hauskonzerte. In Gesellschaft glänzte Jefrasja Nikolajevna durch ihre Bildung und ihren Charme. Vater Venjamin tauschte sich gerne mit geistlichen sowie weltlichen Gesprächspartnern aus. In der Mühle stand ein Klavier. Musik und Gesang erklang oft in den lauen Sommernächten. Zu Besuch kamen auch Verwandte: Tante Ulja, die Schwester von Jefrasja und ihr Mann, Vater Dimitri Aleksjejev. Ab und zu kam auch Babuschka Sascha. Sie blieb nie lange und eilte wieder nach Hause, um sich um ihren großen Haushalt zu kümmern. Meist musste sie Entscheidungen alleine treffen, da ihr Mann ständig auf Reise war.
Auch Onkel Gavrjuscha15 und Onkel Vassja16, Jefrasjas Brüder, waren sehr gern gesehene Gäste. Sie reisten viel durch Europa und hatten immer etwas zu erzählen, sei es über Paris, Berlin oder andere Orte. Gavrjuscha half seinem Vater, dem Viehzüchter, bei der Lieferung des Fleisches ins Ausland und an die Armee. Zudem war er Lieferant beim Bau der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau gewesen. Vor gespannten Zuhörern ließen Gavrjuschas Worte das imposante Gebäude immer wieder Gestalt annehmen. Die Kinder schlichen sich in diesen Momenten manchmal ins Wohnzimmer und hörten den Reiseberichten mit offenem Mund zu. Es war schwer, sich vorzustellen, dass dieser Sommer der letzte an diesem Ort sein würde.
Im Herbst hatte sich die Hausgemeinschaft um eine Person erweitert, die sich bald als unersetzlich erweisen sollte: Tante Lida, Vater Venjamins Cousine. Die junge Frau sollte im Haushalt der Pfarrersfamilie helfen. Das kam Matuschka Fanja sehr gelegen, die eher ein Talent fürs Klavier spielen hatte als für die Führung eines großen Haushalts. Im Gegenzug bereitete die Pfarrersfrau die Ehe von Tante Lida vor, indem sie eine Mitgift für sie Stück für Stück zusammenstellte.
Marussja und Galja waren ganz stolz, die Aufnahmeprüfung für das Mädcheninstitut bestanden zu haben. Sie sprachen demonstrativ Französisch mit der Gouvernante und freuten sich sehr auf das neue Leben, das ihnen in Nowotscherkassk bevorstand. »Allons, Nikolaj, répétez après moi:
Regardez ma chère sisitriza
Voilà petit garçon
Tu prenez jego sa nogu
Et taschi à la maison17«
Marussja, mit ernstem Blick, ließ den kleinen Bruder den lustigen Vierzeiler, den sie für ihn gedichtet hatte, Zeile für Zeile aufsagen. An der entsprechenden Stelle kam Galja ins Spiel, fasste den kleinen Jungen am Fuß und schüttelte daran kräftig. Kolja erschrak. »Lass mich los!« »Fang mich! Du kannst mich nicht fangen!« Schon war Galja weg, Kolja hinterher, und alle vier Geschwister am Lachen.
Nun war alles für den großen Umzug nach Jekaterinovka bereit. Die Reisenden sollten im Morgengrauen aufbrechen.
Am Abend vor dem Umzug hatten die Kinder vor Aufregung nicht einschlafen können. Zum Abschied von Pfarrer Venjamin kamen viele Menschen der Gemeinde. Es waren Kosaken, die ihm und seiner Familie Geschenke brachten. Der Pfarrer war in der kleinen Kosakensiedlung sehr beliebt gewesen. Er behandelte jeden gerecht. In der Not half er, wie und wo er konnte.
»Batjuschka18, das hier ist für Ihr neues Heim. Möge dieses Hufeisen Ihrer Familie Glück bringen«, sagte ein junger Mann. Die Gruppe schwieg. Man hörte nur das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Baches. Einer der Kosaken kam nach vorne und wickelte etwas aus einer länglichen Stoffhülle heraus. »Dieser Pfeil soll Sie schützen, Batjuschka. Ich habe ihn für Sie gemacht«, sagte er. Es war ein langer und gerader Pfeil, kunstvoll verarbeitete Pferdeschwanzhaare wickelten sich um den Schaft.
Dann kam Bewegung in die Gruppe. Die Männer bildeten eine Gasse und ein schwarzbraunes Pferd kam nach vorne, geführt von einem alten Mann. Das Pferd hatte nur ein Auge.
»Batjuschka, bitte nehmen Sie mein Pferd bei sich auf!« bat ihn der Alte. »Pulja19 ist mehr als ein Pferd, er ist mein bester Freund. Er hat mir mehrmals im Krieg das Leben gerettet. Ich bin nun sehr alt und kann nicht mehr für ihn sorgen. Was soll nach meinem Tod aus ihm werden? Bei Ihnen ist er gut aufgehoben. Pulja ist ein Kavalleriepferd, er kann nicht wie andere Pferde arbeiten, aber er hat Gnade verdient! Bitte nehmen Sie ihn mit!« Während der Rede wieherte das Pferd und hielt sich dicht an der Seite des alten Mannes. Es ahnte die bevorstehende Trennung und das gefiel ihm ganz und gar nicht. Vater Venjamin nahm das besondere Geschenk an und der alte Mann gab einem der mitreisenden Kosaken die Zügel des Pferdes in die Hand.
