Heimreisen - Golo Maurer - E-Book

Heimreisen E-Book

Golo Maurer

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Beschreibung

Goethes «Italienische Reise» ist ein Schlüsselwerk der Weimarer Klassik – Flucht aus der Midlife-Crisis, Aufbruch in die Welt, Bildungsreise in die Antike, Selbstverortung des großen deutschen Dichters. Sie ist aber auch der Beginn einer bürgerlichen Tradition: Goethes Bericht nährte eine Rom- und Italienbegeisterung unter deutschen und europäischen Intellektuellen, die bis heute anhält.  Golo Maurer zeigt, wie ebenjene Selbsterfahrung Goethes in Italien für die Generationen nach ihm zum Vorbild wurde. Karl Friedrich Schinkel reiste im frühen, Richard Wagner im späten 19. Jahrhundert nach Italien, die Brüder Mann, Walter Benjamin, Sigmund Freud, der sich einen «Italienpilger» nannte – Goethe hatte ihnen die Messlatte gesetzt: «Dem denkenden und fühlenden Menschen geht ein neues Leben, ein neuer Sinn auf, wenn er diesen Ort betritt.»  Maurer macht in seinem Buch deutlich: Goethes Italienreise war der erste deutsche Selbstfindungstrip – und als solcher für die Nachgeborenen ästhetischer Topos wie autobiographische Herausforderung. 

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Seitenzahl: 789

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Golo Maurer

Heimreisen

Goethe, Italien und die Suche der Deutschen nach sich selbst

 

 

 

Über dieses Buch

Goethes Italienische Reise ist ein Schlüsselwerk der Weimarer Klassik – Flucht aus der Midlife Crisis, Aufbruch in die Welt, Bildungsreise in die Antike, Selbstverortung des großen deutschen Dichters. Sie ist aber auch der Beginn einer bürgerlichen Tradition: Goethes Bericht nährte eine Rom- und Italienbegeisterung unter deutschen und europäischen Intellektuellen, die bis heute anhält. 

 

 

 

Golo Maurer zeigt, wie ebenjene Selbsterfahrung Goethes in Italien für die Generationen nach ihm zum Vorbild wurde. Karl Friedrich Schinkel reiste im frühen, Richard Wagner im späten 19. Jahrhundert nach Italien, die Brüder Mann, Walter Benjamin, Sigmund Freud, der sich einen «Italienpilger» nannte – Goethe hatte ihnen die Messlatte gesetzt: «Dem denkenden und fühlenden Menschen geht ein neues Leben, ein neuer Sinn auf, wenn er diesen Ort betritt.» 

 

 

 

Maurer macht in seinem Buch deutlich: Goethes Italienreise war der erste deutsche Selbstfindungstrip – und als solcher für die Nachgeborenen ästhetischer Topos wie autobiographische Herausforderung.  

Vita

Golo Maurer, geboren 1971 in München, hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Alte, Mittlere und Neuere Geschichte studiert. 2014 Habilitation im Fach Kunstgeschichte an der Uni Wien mit dem Thema: «Italien als Erlebnis und Vorstellung. Landschaftswahrnehmung deutscher Künstler und Reisender 1760–1870». Seit Oktober 2015 ist Maurer Bibliotheksleiter der Bibliotheca Hertziana in Rom.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Oktober 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung Johann Georg von Dillis, Blick von der Villa Malta auf St. Peter, 1818, München, Schack-Galerie, Blauel/Gnamm – ARTOTHEK

ISBN 978-3-644-01154-0

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Goethe also

I. Die Leiden des Dr. Goethe

Stolz und Vorurteil: Goethe in Weimar (1775–1786)

Späte Reise

Weimarer Verhältnisse

Dr. von Goethe

Charlotte von Stein

Midlife Crisis

Geld und andere Sorgen

Fluchtplanung und Fluchthelfer

Konspiration

II. Heimreisen

Von Karlsbad bis Rom – Die therapeutische Reise

Flucht-Glück

Heimkommen

Rom-Angst

Rom-Erzählungen

An den Weimarer Freundeskreis

Goethe und der Herzog

Bleibe-Verhandlungen

Ein Sommermärchen

Antike, Landschaft und Dichtung

Goethe als Landschaftszeichner

Die Liebe

III. Rückreisen

Der lange Abschied

Rückkehr-Verhandlungen

Friendly Fire

Der Erleuchtete

Scheiden tut weh

Home Sweet Home

Goethe allein zu Haus

Rückkehrversuche

IV. Goethe, Italien und die Deutschen

Nachleben, Nachlesen, Nachreisen

In Italien zum Deutschen geworden: Herders Goethe-Reise

Nachleben: Kennst Du das Land?

Nachlesen: Die Italienische Reise

Nachreisen: Brüder und Schwestern

Italien als deutscher Tempelschatz: Die Nicolai-Affäre

Kulturnation und Kulturstaat

Am deutschen Lagerfeuer

Goethe als bürgerliches Rollenmodell

Ein Platz an der Sonne

Ludwig Pollak und die Zeichen der Zeit

Heimsuche und Heimsuchung: Zwischen den Kriegen

Ernst Robert Curtius

Karl Eugen Gass

Rudolf Borchardt

Paradise Lost

Der Tod in Rom – und in Venedig

Auch wir in Arkadien?

Im erstgeborenen Land – Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze

Der letzte Nazarener: Rolf Dieter Brinkmann

Väter und Söhne: Joachim Fest

Heimspiel

Amerika?

Danksagung

Quellenschriften

Personenregister

Bildnachweise

Erster Bildteil

Zweiter Bildteil

Goethe also

Vor vielen Jahren fuhr ich das erste Mal nach Rom. Dass dies genau zweihundert Jahre nach Goethe geschah, war reiner Zufall, ich habe es erst jetzt beim Nachrechnen gemerkt. Aus einem mir unbekannten Grund fühlte ich mich verpflichtet, kurz vor der Abfahrt am Münchner Hauptbahnhof Goethes Tagebuch einer Reise nach Italien zu kaufen. Ich war, das muss man dazu sagen, noch nicht 15 Jahre alt. Im Liegewagen, daran erinnere ich mich noch, habe ich darin herumgeblättert, aber wirklich gelesen habe ich es nicht. Nur ein Satz aus dem ersten Brief, den Goethe von Rom nach Weimar geschrieben hat, ist hängengeblieben: «Ja, ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt!» Das leuchtete mir ein, auch ich fuhr dorthin, und ich habe diesen Satz dann stolz meinen römischen Gastgebern zitiert. Vielleicht lag darin ja auch der Antrieb für den Buchkauf.

Goethe also, und Rom. Dort meinte man es gut mit mir. Das Programm der ersten Tage war jenem Goethes ziemlich ähnlich: Ruinen, Kunst und Künstler. Mit dem Archäologen Corrado Stibbe (1925–2019) waren wir auf dem frühlingshaften Forum Romanum voller Blumen, Schmetterlinge und Eidechsen, horchten in einen vergitterten Abgrund, aus dem die Cloaca Maxima leise aus der Antike emporrauschte. Der Akanthus blühte, der Lorbeer stand hoch, die Mauersegler kreisten im blauen Himmel. Dann bei einem deutschen Maler, dessen an die Ateliertür in kleinen Lettern gemalter Name mir als «Kopp» in Erinnerung ist und der an einem ziemlich großen Bild arbeitete, eine unendliche Steinwüste darstellend. Das Bild war fast fertig. Schließlich beim Maler Fabrizio Clerici (1913–1993), der mit Mitte siebzig nur noch schlecht sah und mit Hilfe eines riesigen Vergrößerungsglases an einer seiner zerbrechlichen, melancholisch-schaurigen Zeichnungen arbeitete.

Und dann kam er, Goethe, oder besser, wir gingen zu ihm, nämlich in seine Wohnung am Corso. Der deutsche Staat hatte sie kürzlich erworben mit der Absicht, dort ein kleines Goethe-Museum einzurichten, die heutige Casa di Goethe. Um sicher zu sein, auch die richtige Wohnung erwischt zu haben, bat man Christoph Frommel, den damaligen Direktor der Bibliotheca Hertziana (dem römischen Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte), um flankierende Recherche. Tatsächlich fand dieser in den stati delle anime, dem vom Bezirkspfarrer im 18. Jahrhundert regelmäßig aktualisierten Seelen-Register, einen «Giovanni Filippo Moeller» auf eben jene Adresse eingetragen. Das war Goethe, so hatte er sich in Rom genannt.

Die Wohnung stimmte also. Blieb die Frage, welches nun sein kleines Zimmerchen gewesen war, von dem er so liebevoll berichtet. Darüber sagen die Seelen-Akten nichts. Um diese Frage zu klären, brachte Frommel den Dichter Wilhelm Deinert (1933–2012), gerade Ehrengast der Deutschen Akademie Villa Massimo, zu einem Ortstermin in die Goethe-Unterkunft. Ich durfte mit. Die Wohnung war damals eine wüste Baustelle, wo man mit Presslufthämmern zugange war. Der aufgebrochene Estrich lag in Trümmern, dessen feinere Partikel schwebten durch die Luft. Es roch nach süßem Zement und schwitzenden Bauarbeitern. Wo also Frommels Wissenschaft nicht weiterkam, begann die Arbeit des Dichters, der aus dickem Draht gebogene Wünschelruten mitgebracht hatte. Die Arbeiter hielten bei unserem Erscheinen in ihrer Tätigkeit inne und verfolgten, auf ihre Schaufeln und Hacken gestützt, das sich nun bietende Schauspiel mit dem gelassenen Interesse, das die Römer seit tausend Jahren dem Auftritt der Fremden reservieren. Deinert schritt, das malerisch raubvogelhaft geschnittene Haupt erhoben, die Augen geschlossen und die Arme mit den Drähten ausgestreckt, langsam über den Schotter hinweg. In einem der Zimmer schließlich meldete sich das kunstvoll gebogene Eisen und dessen Halter erklärte mit fester leiser Stimme, dass hier Goethes Bett gestanden habe. Nach allem, was man sonst hat herausfinden können, schien das zumindest nicht ausgeschlossen und so reihte sich das Zimmerchen als jüngstes Glied in die lange Kette römischer Wallfahrtsorte, aufgesucht vor allem von Mitgliedern der deutschsprachigen Goethegemeinde. Hier also war er, hier stand er, hier lag er, hier hat er.

Es wäre leicht, sich über das Bedürfnis nach solchen Gewissheiten lustig zu machen, nichts liegt mir ferner. Der genius loci ist immer verehrungswürdig, auch wenn die Bundesbaudirektion sich in diesem Fall alle Mühe gegeben hat, ihn gründlich auszuräuchern. Die römische Goethe-Wohnung könnte, von innen gesehen, auch in Bonn liegen, mittlere Eighties. Und doch ist der Ort noch derselbe und steht für eine der folgenreichsten – aber auch folgenschwersten – Konstruktionen der deutschsprachigen Geistesgeschichte, nämlich für das, was als Goethes Italienische Reise schon die Zeitgenossen beschäftigt hatte. Denn das Zimmerchen am Corso wurde bereits kurz nach Abreise seines Bewohners Neuankommenden als eine Art Heiligtum gezeigt, etwa Johann Gottfried Herder, der im September 1788 seiner Frau aus Rom berichtet: «Grüße Goethe u. sage, daß ich sein Quartier gestern bei Licht gesehen, heut will ichs sehen bei hellem Tage. Buri hat herzlich geweint, da er mich sah u. herumführte. Ich will heute Werner mitnehmen, daß er das Quartier kennen lernt.»[1] Im Grunde war die Casa di Goethe in jenem Herbst 1788 also bereits eröffnet und nur vorübergehend für zwei Jahrhunderte geschlossen.

Zwölf Jahre später, wieder Rom. In einem Antiquariat hinter der Fontana di Trevi kaufte ich eine unvollständige Oktav-Ausgabe von Goethes sämmtlichen Werken in vierzig Bänden des Cotta’schen Verlags von 1840. Von der Unvollständigkeit merkte ich im Eifer des Erwerbs zunächst wenig. Die Nummerierung der braunen Pappbände war kaum leserlich, und es waren derer so viele, dass der Gedanke, es müssten noch einmal so viele sein, gar nicht aufkam. Der Preis war niedrig, deutsche Bücher sind in Italien so gut wie wertlos. Erst zu Hause im Kloster von Trinità dei Monti, wo ich bei den französischen Schwestern von Sacré-Cœur in einem winzigen Zimmer hauste und darüber glücklich war wie Goethe, begriff ich langsam (noch ohne Internet), was ich da nun besaß, und was nicht. Es fehlte, wie gesagt, etwa die Hälfte, und das, was fehlte, war genau das, was ich gerne gehabt hätte, Werther, Wahlverwandtschaften, Dichtung und Wahrheit, Wilhelm Meister, Faust, Gedichte – der klassische Bildungsbürger-Goethe eben, alles nicht mehr da. Mit einer Ausnahme: die Italiänische Reise.

Sie war aus Versehen zwischen der Farbenlehre (dem historischen, didaktischen und polemischen Teil), der Bildung und Umbildung organischer Naturen und den Beiträgen zur Optik zurückgeblieben. Man erkannte sie auf den ersten Blick, und zwar an den Gebrauchsspuren, die bedeutend über das hinausgehen, was man im Handel als solche bezeichnet. Die Rede ist von Spuren eines physischen Gebrauchs, wie wir ihn sonst eher von Reliquien kennen: der ganze Einband ein einziger Abrieb, der nur durch das tage-, monate- oder jahrelange Mitführen in verschwitzten Hemd- und Rocktaschen, durch ständiges Hervorholen, Herumblättern und Zurückschieben entstanden sein kann. Auch ohne methodischen Rückgriff auf den material turn ist die Signifikanz dieses Befundes leicht zu begreifen. Quellen bestätigen das: «Der Deutsche, der nach Italien reist», schrieb der Kunsthistoriker Theodor Hetzer 1932, «nimmt das Buch gern mit, teils aus ehrwürdiger Tradition, teils aus wirklichem Bedürfnis. Und ich selbst habe es gefühlt, was es heißt, das Buch in Rom zu lesen (…).»[2]

Goethe selbst hat auf seiner Italienreise Bücher auf diese Weise benutzt, etwa die Reise durch Sizilien und Großgriechenland des Johann Hermann von Riedesel von 1767.[3] In seiner eigenen Italienischen Reise – also dem abgewetzten Buch, das ich gekauft hatte – schreibt er im Eintrag zu Agrigent auf Sizilien: «Ich genoß des herrlichsten Morgens am Fenster, meinen geheimen, stillen aber nicht stummen Freund an der Seite.» Er meint das Buch, das er dabeihatte. Und weiter: «Aus frommer Scheu habe ich bisher den Namen nicht genannt des Mentors, auf den ich von Zeit zu Zeit hinblicke und hinhorche; es ist der treffliche von Riedesel, dessen Büchlein ich wie ein Brevier oder Talisman am Busen trage.»[4] Wie ein Brevier, also ein Gebetbuch, Goethe sagt es selbst. Das mit dem «am Busen Tragen» mag wörtlich gemeint sein. Denn Rucksäcke waren damals noch nicht in Gebrauch, Umhängetaschen eher Hirten, Bettlern und Briganten vorbehalten. Ein Buch wurde in der Rock- oder Jackentasche getragen; aber wo man diese wegen der Hitze zu Hause ließ, vielleicht ja doch in der Hemdbrust, also «am Busen», wo es warm war und gelegentlich auch feucht.

Warm ums Herz war es Goethe in jenen Augenblicken in jedem Fall, eine Wärme, die sowohl von der Lektüre ausging, als auch von dem, was er, aus seinem Fenster blickend, vor sich sah: «So ein herrlicher Frühlingsblick wie der heutige, bei aufgehender Sonne, ward uns freilich nie durchs ganze Leben.» Er sah den Burgberg, «den sanften Abhang der ehemaligen Stadt, ganz von Gärten und Weinbergen bedeckt», und schließlich, «gegen das mittägliche Ende dieser grünenden und blühenden Fläche, (…) den Tempel der Concordia hervorragen».[5] Lässt sich Schöneres, Großartigeres im Leben denken? Eigentlich nicht, und so kommt der Gedanke, der nun kommen muss, nämlich hier zu bleiben, für immer. Schluss machen mit dem alten Leben, ein neues beginnen. So manchem deutschen Italienreisenden wird, Goethes Italienische Reise mit sich führend, während der nächsten zweihundert Jahre Ähnliches durch den Kopf gehen. Goethe freilich ist zu diszipliniert und auch zu raffiniert, um einen solchen Gedanken direkt auszusprechen. Er lässt einen anderen für sich sprechen, der das Gleiche sagen, der auch schon da bleiben wollte, nämlich Riedesel: «Möge jener treffliche Mann in diesem Augenblick mitten im Weltgetümmel empfinden, wie ein dankbarer Nachfahr seine Verdienste feiert, einsam in dem einsamen Orte, der auch für ihn soviel Reize hatte, daß er sogar hier, vergessen von den Seinigen und ihrer vergessend, seine Tage hier zuzubringen wünschte.»[6]

Am gleichen Ort also und fast auf den Tag genau zwanzig Jahre später – nämlich am 26. April 1787 in Agrigent[7] – gedenkt Goethe Riedesels Aussteiger-Phantasie und zitiert dabei seinen Vorgänger:

«Hic vivere vellem,

Oblitusque meorum, obliviscendus & illis.»[8]

Das ist selbst ein (leicht abgewandeltes) Zitat, und zwar aus der elften Epistel des Horaz, in der vom Auswandern und Bleiben, also vom Aussteigen die Rede ist: «Hier möchte ich leben, Vergessend die Meinen und selbst auch von den Meinen vergessen.»[9] Mehr Schluss machen mit dem alten Leben geht nicht.

Von Riedesels Buch dorthin geführt, vollzieht Goethe in Agrigent genau jene rituelle Handlung, die später Tausende und Abertausende mit seinem eigenen Buch wiederholen sollten: Die Lesung in situ, das Sich-Vergewissern, dass der Vorgänger wirklich dort gewesen war, wo man als Nachfahre selbst angekommen ist. Wo ich nun stehe, da hat jener einst gestanden, was ich sehe, das hat er gesehen. Natürlich ist die Kausalität in der Regel eher umgekehrt: Wo er stand und was er sah, dort stehe und das sehe ich, und zwar nicht aus freien Stücken, sondern als Nachahmer, als Pilger, gezogen und gelenkt vom großen Vorbild. Schon Riedesel hatte das Gleiche mit Horaz gemacht. Es sind Momente, in denen man sich einen Ort der Zugehörigkeit sucht, sich einreiht hinter einem «Größeren», in dessen Gefolge man sich als Kleinerer gehoben fühlt, aufgehoben und herausgehoben aus der unendlichen Masse der anderen Kleinen, die nichts von diesem «Großen» wissen. Freiheit ist das natürlich nicht, aber Freiheit ist auch sehr anstrengend. Dazugehören und Nachahmen dagegen beruhigt, verschafft Identität, gibt Heimat, denn Heimat ist dort, wo man eigentlich hingehört, die ultimative Komfortzone. Hierher gehört auch der Kauf meiner Goethe-Bücher, und genau davon – von zwei Jahrhunderten deutscher Italienischer Heimreisen im Schlepptau Goethes – handelt dieses Buch.

Doch welche Identitäten sind das, die Goethe-Leser und Goethe-Reisende aus ihrem Lesen und Reisen zusammengebastelt haben? Solange Goethe noch lebte und die Lesenden und Reisenden in einem persönlichen, und sei es noch so entfernten Verhältnis zu ihm standen, waren das eher persönliche Selbstbilder, eingebunden in die Zugehörigkeit zu kleinen Gruppen und Zirkeln Gleichgesinnter. Bildungsnetzwerke würde man heute dazu wohl sagen. Später dann, im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, kommt rasch die nationale Frage dazu. Bildung, zumal literarische, wurde immer mehr Bindeglied einer Nation, die auf politischer Ebene das Bindende lange vergeblich suchen sollte. Die Beschäftigung mit Italien – es musste nicht immer die Reise dorthin sein – wurde ein zentrales Motiv dieser über die Territorien verstreuten Gemeinden, wurde zum Grundstein dessen, was später Kulturnation genannt wurde.[10] Dass das eine winzige, meist bürgerliche Minderheit betrifft, liegt im Wesen der Sache. Als dann 1871 das Deutsche Reich in der kleinen Variante gegründet wurde, stand der geistige Klebstoff seiner Eliten schon fertig bereit, um von der privaten in die staatliche Sphäre überführt zu werden. Goethe wurde Nationaldichter, Italiensehnsucht Nationalgefühl. Eine durch und durch bürgerliche Leistung übrigens, die Protestanten, Katholiken und auch Juden vorübergehend zu einer überkonfessionellen, soziale und regionale Herkunft nivellierenden Gemeinschaft vereinte, die in Goethe als aristokratischem Bürger-Künstler ihre Leitfigur gefunden hatte. Deutsch war, wer Goethe las und sich nach Italien sehnte. Das zumindest ist die These dieses Buches.

Diese Übereinkunft hat lange gehalten und sogar das Kaiserreich überlebt, zu dessen Zusammenhalt sie so viel beigetragen hatte. Aufgekündigt wurde sie erst durch die Nationalsozialisten, die Bildung, Kultur und Sehnsucht durch «Rasse», Gesinnung und Gewissheit ersetzten. Die Folgen sind bekannt. Die Nachkriegsreisenden nach Italien sind dann auch in dieser Hinsicht eine Trümmer-Generation, die aus den Scherben der deutschen Italiensehnsucht und des deutschen Goethe-Kults wieder ihre sehr persönlichen Bildungs- und Heimaterlebnisse zusammenkleben. Das lässt sich, in Spurenelementen, bis heute verfolgen – man denke etwa an Klaus Wagenbach, Durs Grünbein, Dieter Richter, Simon Strauß und die vielen anderen, die sich in Italien ein Leben aufgebaut oder zumindest davon geträumt haben. Doch wurden lebende Personen von diesem Buch bewusst ausgenommen. Ein Minimum an Historizität sollte schon sein: Herder, Felix und Fanny Mendelssohn, Fanny Lewald, Rudolf Borchardt, Thomas Mann, Ingeborg Bachmann, Rolf-Dieter Brinkmann und einige mehr. Zusammen sind das immer noch höchsten ein Prozent derer, über die man ebenso gut hätte schreiben können.

Geschrieben wurde das Buch, zumindest in Teilen, während der diversen Lock-downs der Jahre 2020/21, und zwar mit den Büchern und Ausgaben, die da gerade zur Hand waren. Das sind, speziell was Brief-Editionen betrifft, nicht immer die neuesten wissenschaftlich-kritischen. Die originale Orthographie wurde nur dort behutsam verändert, wo es für die Verständlichkeit unerlässlich schien.

Noch einmal zurück zur Schlüsselszene: Riedesel ist am Ende nicht in Agrigent geblieben, und auch Goethe hat sich den Gedanken eines solchen Dort-Bleibens nie ernsthaft gestattet. So nah aber wie am 26. April 1787 ist er ihm kaum je gewesen. In jenem April war er den achten Monat unterwegs, hatte etwa 2500 Kilometer zurückgelegt, im Wagen, im Schiff, zu Pferd, und hatte nun, in Agrigent, den südlichsten Punkt seiner Reise erreicht, die zunächst eine Flucht aus der Heimat gewesen war und bald zur Heimreise geworden ist. In Italien und vor allem in Rom fühlte er sich zu Hause. Hier gehörte er eigentlich hin. Agrigent markiert also das Innehalten am Scheitel- und Wendepunkt eines Unternehmens, das nicht nur im Rückblick das wichtigste seines Lebens war. Von nun an ging es wieder zurück, reisetechnisch gesprochen zum einen, aber auch in der Parabel des Lebens, seines Lebens. Er war 37 Jahre alt – Zeit also, sich allmählich zum Abstieg zu rüsten. Niemand konnte im 18. Jahrhundert damit rechnen, über 80 Jahre alt zu werden.

Nun ist auch die Rückreise eine Heimreise, zurück zur polizeilichen Meldeadresse, also dorthin, wo man wohnen muss. Das Herz wohnt oft woanders, und so ist die Heimreise manchmal ein Fortmüssen vom Ort, an dem man eigentlich zu Hause ist, ohne dass die Polizei davon wüsste. Dass dieses Zurück-Müssen, das Nicht-Bleiben-Können zum Zauber jener eigentlichen Heimat beiträgt, steht auf einem anderen Blatt. Das Paradies ist immer das verlorene Paradies, und wer zum Augenblicke sagt, verweile doch, Du bist so schön, ist ohnehin des Teufels. Das stammt bekanntlich von Goethe, und dennoch riskierte er zuweilen solche kleinen gedanklichen, oder besser, dichterischen Schwächen, vergessend die Seinen und selbst auch von den Seinen vergessen. Brücken abbrechen, die Schiffe verbrennen. Doch im Grunde wusste er, dass das Unsinn ist, dass der Wert des Hier nur im Angesicht des Dort ein absoluter ist. Der italienische Moment bezieht seinen Zauber auch aus dem Wissen um die Weimarer Zukunft. Und die vorweggenommene Erinnerung ist besonders köstlich, wo sie noch Gegenwart ist. In dieser Hinsicht, und nur in dieser, kann der Augenblick ein ewiger sein.

Dieses Buch handelt von solchen Augenblicken, vom Reisen, vom Heimreisen und, vor allem, von anderen Büchern. Denn Bücher spielen bei solchem Suchen nach sich selbst eine große Rolle, vielleicht die wichtigste, natürlich nicht für alle, aber doch für viele. So wie das abgewetzte Buch, das ich in Rom gekauft hatte. Goethe erzählt darin von einem anderen Buch, in dem wiederum ein Buch der Antike zitiert wird. Bücher und Orte vermischen sich, und dazwischen wir als Leser und Reisende, die sich in Büchern an Orten glauben, und an Orten in Büchern.

Hic vivere vellem – ich weiß, wovon ich spreche. Auch ich wollte am liebsten bleiben, in Rom und Italien, vielleicht nicht gerade mit 14, aber bestimmt mit 24, und habe doch immer wieder zurückgemusst, mal für länger, mal für kürzer, aber doch immer wieder, über zwanzig Jahre lang, zuerst mit dem Zug, dann mit dem Flugzeug und immer öfter mit dem Auto. Alle Arten des Reisens sind ungefähr gleich schlimm, wenn die Reise in die falsche Richtung geht. Seit einigen Jahren bin ich dann doch geblieben, in diesem hic. So ist die hier erzählte Geschichte jener, die auszogen, eine Heimat zu finden, auch meine Geschichte, das sei der Ehrlichkeit halber erwähnt.

Geschichten kann man nur begrenzt teilen. Meine italienische Frau etwa hat in den letzten Jahren eine ausgeprägte Goethe-Allergie entwickelt – mit unsicheren Aussichten auf Besserung. Und meine heute siebenjährigen Kinder Ascanio und Maddalena, denen das Buch gewidmet ist, werden als Dreiviertel-Italiener das väterliche Gerede von den Heimreisen ohnehin nicht mehr verstehen, und das ist auch gut so. Beati loro!

 

Castellina Marittima, im Juni 2021.

I.Die Leiden des Dr. Goethe

Stolz und Vorurteil: Goethe in Weimar (1775–1786)

Späte Reise

«… denn es war Zeit»[1], schrieb Goethe am 3. September 1786 um drei Uhr morgens in sein Reisetagebuch, als er in wenigen Zeilen den heimlichen, wenn auch gut geplanten Aufbruch aus Karlsbad vermerkte. Hinter der Eile steht weniger die Sorge, die Abreise möge sich auf vier Uhr oder den folgenden Tag verzögern, als die Furcht, sie gar nicht anzutreten.

Die Ungeduld abzureisen und die Angst nicht anzukommen – beides wird verständlich, wenn man bedenkt, dass Goethe an jenem 3. September mit einer Verspätung von elf Jahren und vier Monaten aufgebrochen war. Es wurde tatsächlich Zeit. Denn schon einmal, am 22. Juni des Jahres 1775, hatte er in Begleitung seines Jugendfreundes Jakob Ludwig Passavant am Gotthardpass in der Schweiz gestanden und nach Italien hinübergesehen. Im erst posthum erschienenen, ab 1830 entstandenen Vierten Teil der autobiographischen Schrift Aus meinem Leben – Dichtung und Wahrheit wird Goethe diese Episode nacherzählen: «Ich hatte mich an den Fußpfad, der nach Italien hinunterging, niedergelassen und zeichnete, nach Art der Dilettanten, was nicht zu zeichnen war und was noch weniger ein Bild geben konnte», nämlich den Blick nach Italien – auch wenn dieser in wenig mehr bestand als aus den «nächsten Gebirgskuppen, deren Seiten der herabschmelzende Schnee mit weißen Furchen und schwarzen Rücken sehen ließ; indessen ist mir durch diese fruchtlose Bemühung jenes Bild im Gedächtnis unauslöschlich geblieben.»[2] Die mit der eigenhändigen Beischrift Scheide Blick nach Italien versehene Zeichnung hatte Goethe über die Jahre hinweg als Erinnerung an den Moment der Entscheidung gegen eine Italienreise vor Augen gestanden. Die amorphe Weichheit der schneelosen Hügel im Vordergrund, dahinter die wie ein Riegel querliegend den Blick versperrende Bergkette «mit weißen Furchen und schwarzen Rücken», deren zackige, scharf kontrastierte, fast raubtierartige Fleckung das Nicht-Hinüber-Können als das eigentliche Thema der Zeichnung dramatisch inszeniert. Was man hier «Italien» nennen könnte, schwebt als unwirkliches Gewölk aus ferneren Bergzügen über der schwarz-weißen Masse der Barriere, vor deren reeller Masse die skizzierten Figuren des Vordergrunds wie Ameisen umherklettern, ratlos verzagt und ähnlich blass wie das mehr geahnte als gesehene ferne Land. Eine dieser Figuren ist Goethe selbst. Den schmalen Weg, der in zwei Windungen hinab in den Süden führt, wird er nicht betreten, der Scheideblick wird zum Scheideweg. So hatte Goethe «nach Art der Dilettanten» am Ende doch zu Papier gebracht, «was nicht zu zeichnen war», nämlich das Psychogramm der nichtgereisten Reise, das er bis an sein Lebensende aufbewahrte.

Um Italien wirklich zu sehen, hätte damals nicht viel gefehlt, zumal ihn der Vater vor der Abfahrt in die Schweiz ausdrücklich zu einer Fortsetzung der Reise nach Italien ermuntert hatte.[3] Bei aller Skepsis gegenüber kontrafaktischer Geschichtsschreibung kann man doch sagen, dass es Goethes Italienische Reise – also das berühmte Buch von der späten Wiedergeburt im Land der blühenden Zitronen – so nicht gegeben hätte, hätte ihn die Schweizreise von 1775 auch nach Italien geführt. So standen damals nicht nur Goethe und Passavant, sondern gewissermaßen die ganze deutsche Kulturnation mit am Gotthard. Soll man, soll man nicht? Er selbst schildert diesen kulturgeschichtlichen Schlüsselmoment des Zögerns und Umkehrens in extremer Retrospektive: Das geschilderte Erlebnis liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, die schließlich durchgeführte Italienreise mehr als vierzig Jahre. Wenn Goethe die Begebenheit seiner Lebensfrühgeschichte trotzdem als spontanen Dialog zwischen dem Begleiter Jakob Ludwig Passavant und sich schildert, so ist dies die Beschwörung eines historischen Moments, dessen Ausgang über die eigene Biographie hinaus für Deutschland bedeutsam geworden ist – ein Ausgang, den Goethe selbst so herbeigeführt haben will, ist es doch Passavant, der zum Weitergehen drängt: «Hast du nicht, wie ich, Lust bekommen, dich von diesem Drachengipfel hinab in jene entzückenden Gegenden zu begeben? Die Wanderung durch diese Schlucht hinab muß herrlich sein und mühelos, und wenn sich’s dann bei Bellinzona öffnen mag, was würde das für eine Lust sein! […] Geld haben wir genug, nach Mailand zu kommen […].»[4] Goethe aber zögert: «So ganz aus dem Stegreife ein solches Unternehmen, will mir doch nicht gefallen.» Und entschließt sich am Ende zur Umkehr: «Mir kommt vor, als wenn der Mensch, in solchen Augenblicken, keine Entschiedenheit in sich fühlte, vielmehr von früheren Eindrücken regiert und bestimmt werde. Die Lombardei und Italien lag als ein ganz Fremdes vor mir; Deutschland als ein Bekanntes, Liebwertes, voller freundlichen einheimischen Aussichten […].»[5]

Zu diesen Aussichten gehörte auch die Frankfurter Bankierstochter Elisabeth (Lili) Schönemann, und so ging es, «Italien den Rücken wendend»[6] wieder zurück in die Vaterstadt, wo sich herausstellte, dass die Dinge mit Lili doch nicht ganz so standen, wie Goethe sich das am Scheidewege des Gotthards stehend gedacht hatte. Es war also ein Fehler, nicht nach Italien gefahren zu sein. Wie um dieses Zaudern wettzumachen, folgen nun überstürzte Entschlüsse: «Ich entschloß mich daher abermals zur Flucht, und es konnte mir deshalb nichts erwünschter seyn, als daß das junge herzoglich Weimarische Paar von Carlsruhe nach Frankfurt kommen und ich, früheren und späteren Einladungen gemäß, ihnen nach Weimar folgen sollte.»[7] Eine Lebensentscheidung musste es sein – wenn nicht Italien und nicht Lili, dann eben Weimar und der Herzog.

Die Einladung des jungen Carl August nach Weimar wiederum wollte Goethes bürgerstolzem Vater gar nicht gefallen, der eine derartige Vermischung der sozialen Sphären grundsätzlich skeptisch beurteilte und überhaupt der Ansicht war, dass, «wer Neapel nicht gesehen, […] nicht gelebt»[8] habe. Zumal ließ der vom Herzog angekündigte Wagen auf sich warten, sodass der Vater dem Sohn vorschlug, mit dem für Weimar bereits gepackten Koffer doch lieber in Richtung Süden zu reisen: «Er wolle mir Geld und Credit geben nach Italien zu gehen, ich müsse mich aber gleich entschließen aufzubrechen. In einer so wichtigen Sache zweifelnd und zaudernd, ging ich endlich darauf ein: daß wenn zu einer bestimmten Stunde weder Wagen noch Nachricht eingelaufen sey, ich abreisen und […] durch Graubünden oder Tyrol über die Alpen gehen wollte.»[9] Und so geschah es: «Nun sollte ich in Gottes Namen nach Italien gehn und dort meine Einsichten in dem Kunstfach ausbilden […].»[10]

Man kann nicht sagen, dass Italien keine Chance gehabt hätte. Doch Goethe kam nur bis Heidelberg. Dort holte ihn des Nachts eine Herzoglich-Weimarsche Stafette aus Frankfurt ein; der Wagen nach Weimar war inzwischen dort und wartete.[11] Goethe kehrte um, das zweite Mal in diesem Jahr. So kam er, diesmal durch das Wirken Dritter, statt nach Italien nach Weimar, wo er das nächste Jahrzehnt im Wesentlichen mit politischen und administrativen Aufgaben zubringen sollte.[12]

Vier Jahre später, 1779, hatte der dreißigjährige Goethe als Reisegefährte des Herzogs die Schweiz noch einmal besucht. Er kam abermals bis zum Gotthard hinauf und fand sich dort, wie er Frau von Stein berichtet, «zum zweitenmal […] in dieser Stube, auf dieser Höhe, ich sage nicht mit was für Gedancken».[13] Weiter in Richtung Italien vorzustoßen, war offenbar nicht im Sinne des Herzogs gewesen, durch den rechtzeitig «bedeutet wurde, wo wir aufhören, wo wir einen Gränzbogen beschreiben und wieder zurückkehren sollten».[14] Mit beherrschter Zerknirschung fügt sich Goethe der Staatsraison und macht gegenüber der Frau von Stein gute Miene zum verdrießlichen Spiel: «Auch iezt reizt mich Italien nicht. Dass dem Herzog diese Reise nichts nüzzen würde iezzo, dass es nicht gut wäre länger von Hause fort zu bleiben, dass ich Euch wiedersehen werde, alles wendet mein Auge zum zweitenmal vom gelobten Lande ab, ohne das zu sehen ich hoffentlich nicht sterben werde […].»[15] Wieder ging es zurück nach Weimar, und so «enthält, oder besser: verhüllt, die Geschichte von der geglückten Schweizreise die andere Geschichte von der erneut und unmittelbar vor dem Ziel verhinderten Italienreise».[16]

Die Idee einer Italienreise ist sogar noch älter, schon für den Herbst 1773 lassen sich Pläne – wie vage auch immer – dafür belegen: «Er zeichnet und malet auch», schreibt Gottlob Friedrich Ernst Schönborn, «seine Stube ist voller schönen Abdrücken der besten Antiken. (…) Er will nach Italien gehen, um sich recht in den Werken der Kunst umzusehn.»[17] Damals wollte Goethe noch Maler werden – und ein Maler musste in Italien gewesen sein. Die Berufswünsche schwanken, die Italien-Idee bleibt.

Das Bewusstsein, drei konkrete Möglichkeiten hierzu nicht genutzt zu haben, nagte an seiner Seele: «Jetzt darf ich’s sagen, darf meine Kranckheit und Thorheit gestehen. Schon einige Jahre hab ich keinen lateinischen Schriftsteller ansehen, nichts was nur ein Bild von Italien erneuerte berühren dürfen ohne die entsetzlichsten Schmerzen zu leiden. Herder scherzte immer mit mir, daß ich all mein Latein aus dem Spinoza lernte, denn er bemerckte daß es das einzige lateinische Buch war das ich las. Er wußte aber nicht daß ich mich vor jedem Alten hüten mußte. Noch zuletzt hat mich die Wielandische Übersetzung der Satyren höchst unglücklich gemacht und ich habe nur zweye lesen dürfen und war schon wie toll.»[18]

Die Chronologie von Goethes italienischen Reisen beginnt also schon mit diesen ersten dreien (Gotthard I, Heidelberg, Gotthard II), den nichtgereisten, die wie alles bewusst Versäumte eine eigene Wirksamkeit entfalten.[19] Vor allem haben sie die schließlich dann doch durchgeführte Reise, die «vierte», vorgeprägt. Als dreifach aufgeschobene war sie als Zitat ihrer selbst ein dreifacher Verweis auf die eigene Biographie. «Die Philosophie lehrt», schreibt der Literaturwissenschaftler George Steiner in Hinblick auf ungeschriebene Bücher, «daß Negation bestimmend sein kann. Sie ist mehr als die Leugnung einer Möglichkeit. Entbehrung hat Konsequenzen, die wir nicht vorhersehen oder richtig ermessen können.»[20] Was für nichtgeschriebene Bücher gilt, gilt auch für nichtgereiste Reisen.

Die monolithische Bedeutung, die ihr dreißig Jahre später als Goethes Italienische Reise in den Augen des deutschen Publikums zuwachsen sollte, hatte sie für den Reisenden von 1786 schon vom ersten Kilometer an. Vor allem die Etappen in Deutschland standen unter banger Selbstbeobachtung, und es ist schwer zu sagen, ob es die Hoffnungen oder die Zweifel waren, welche das Unternehmen am stärksten belasteten. So plagte Goethe immer wieder der Gedanke, dass doch eigentlich alles anders, nämlich früher im Leben hätte kommen sollen. Kam die nun mit zäher Entschlossenheit dem Leben abgerungene Reise überhaupt noch rechtzeitig? War sie nicht ein bloßer, aus der Obsession geborener Popanz, ein hohler Wiedergänger ungeborener Träume? Auf dem Brenner angelangt schreibt er ins Reisetagebuch: «Von hier fließen die Wasser nach Deutschland und nach Welschland; diesen hoff ich morgen zu folgen. Wie sonderbar daß ich schon zweymal auf so einem Punckte stand, ausruhte und nicht hinüber kam! Auch glaube ich es nicht eher als bis ich drunten bin. Was andern Menschen gemein und leicht ist, wird mir sauer gemacht.»[21]

Solches aus Goethes Mund zu hören mag ebenso erstaunen wie die Tatsache, dass dieses mit den Umständen hadernde Gefühl des «zu spät», ja des Zu-Kurz-Gekommen-Seins auch dann nicht schwindet, als er tatsächlich «drunten» und in Venedig angekommen ist. Dort schreibt er: «Schade schade meine Geliebte! alles ein wenig spät. Oh daß ich nicht einen klugen Engländer zum Vater gehabt habe, daß ich das alles allein, ganz allein habe erwerben und erobern müssen, und noch muß.»[22]

Von allen möglichen Ursachen für Goethes Nichtreisen trifft den Vater eigentlich die geringste Schuld, hatte er doch nichts unversucht gelassen, den durch frühe Berühmtheit gefährdeten Sohn nach eigenem Vorbild – Johann Caspar Goethe hatte Italien in jungen Jahren als «bürgerlicher Kavalier»[23] besucht – nach Süden zu schicken.[24] Goethe hat bei seiner Redaktion von 1816 diese beiden Ausbrüche eigener Verzagtheit und Ungerechtigkeit auch wohlweislich getilgt – und doch scheint der Umstand des Zu-Spät-Gereist-Seins für ihn auch im Abstand von dreißig Jahren noch bedeutsam genug, um eine entsprechende Stelle aus einem Brief an den Weimarer Freundeskreis vom 1. November 1786 fast unverändert in die Italienische Reise aufzunehmen: «Ja ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt! Wenn ich sie in guter Begleitung, angeführt von einem recht verständigen Manne, vor fünfzehn Jahren gesehn hätte, wollte ich mich glücklich preisen.»[25]

Die ebenso obsolete wie interessante Frage, was eine frühe Italienreise mit Goethe angestellt haben könnte, hat seine Biographen immer wieder beschäftigt. Meist war man sich dabei einig, dass die späte Reise am Ende gut und richtig war. «Unabsehbar wären die Folgen, wäre er 1775 vom Gotthard nach Italien niedergestiegen», schreibt Albert Bielschowsky 1894. «Er wäre entweder in Rom geblieben, ein Römer geworden, wie Winckelmann und soviele andere, oder er wäre, wenn die Antike und Renaissance noch nicht die Kraft hatten, die Gotik in ihm zu besiegen, und die milde italienische Natur noch nicht die Kraft, der Ossianischen Alpenromantik die Waagschale zu halten, zerrissener zurückgekehrt, als er hingegangen, und hätte unter den nicht zu heilenden Dissonanzen mit dem Vater, unter der Enge des bürgerlichen Daseins und dem Schmerz über den Bruch mit Lili sich selbst zerstört.»[26]

Schon dieser Vorgeschichte wegen konnte die Reise, die Goethe am 3. September 1786 um drei Uhr morgens still und heimlich antrat, keine Italienreise im herkömmlichen Sinne sein, wie sie noch die erste und wohl auch noch die zweite hätte werden können: von Wünschen, Sehnsüchten und Vorstellungen nicht ganz so belastet, eher ein Programmpunkt des Erwachsenwerdens als die Flucht aus dem Erwachsensein, überhaupt als Anlage auf das noch kommende Leben und nicht als Korrektiv des bisher gelebten – kurz: eine Kavaliersreise, wie sie im ganzen 18. Jahrhundert vom jungen Adel und Patriziat als Abschluss einer standesgemäßen Ausbildung bevorzugt (aber nicht nur) nach Italien unternommen wurde, wo man sich bilden, Kontakte knüpfen, gesellschaftlich üben, vor allem aber sich (auch sexuell) austoben konnte[27] – eine Kavaliersreise konnte und sollte dies nicht werden. Dafür war es tatsächlich zu spät geworden in Goethes Leben.

Er war gerade 37 Jahre alt geworden, was man am 28. August in Karlsbad ja ausgiebig gefeiert hatte. Für damalige Verhältnisse war er damit kein junger Mann mehr, auch nicht halbwegs. Die 35 Jahre, die Dante als mezzo del cammin di nostra vita, als die «Mitte unseres Lebensweges» ansetzte, waren vorbei, was rein statistisch auch für das späte 18. Jahrhundert gelten durfte. Nicht jeder wurde damals 70, bei weitem nicht, und selbst wenn man Goethes für damalige Verhältnisse biblisches Sterbealter von 82 zu Grunde legt, war diese «Lebensmitte» nahe.

Es gibt Phänomene, für die man lange keine Bezeichnung hat, obschon man sie bräuchte. Eine davon ist die «Midlife Crisis», die es ja auch schon gab, bevor sie der kanadische Psychoanalytiker Elliott Jaques 1965 erstmals beschrieben und benannt hatte,[28] nur vielleicht eben nicht als postindustrielles Massenphänomen – als welches es wissenschaftlich inzwischen ja schon längst wieder angezweifelt wird: Viele, die an einer Midlife Crisis zu leiden glauben, unterliegen demnach lediglich einem Midlife Stressor, also einer Rollenüberlastung, die zwar zum Burn Out führen kann, ohne aber die veredelnden Merkmale einer existenziellen Sinnkrise aufzuweisen. Ob nun Midlife Crisis oder nur Stressor: Die späte Reise Goethes steht unter diesem Zeichen, und sie ist nicht zuletzt deswegen so berühmt geworden. In der Lebenskrise unternommen, ist sie eine moderne, bürgerliche Reise, vielleicht sogar die erste dokumentierte und publizierte. Die Italienische Reise wurde, vor allem im späten 19. Jahrhundert, zum Buch der Mühseligen und Beladenen, der Beamten und Angestellten, der Ärzte und Juristen, der Kaufleute und Lehrer, die mit Goethe aus ihrem jeweiligen Weimar flohen, um in Italien noch einmal von vorne anzufangen.

Es lohnt sich also, sich diese historisch so folgenschwere Midlife Crisis etwas genauer anzusehen. Lassen wir Goethe im Postwagen sitzen und gehen zurück zu einem anderen Goethe, der, elf Jahre jünger, ebenfalls in einer Kutsche sitzt, die ihn nach Weimar bringen soll.

Weimarer Verhältnisse

Selbst aus heutiger Sicht ist es schwer, an Weimar anders als in den Kategorien des Mythos zu denken. Die deutsche Geschichte hat dem vergleichsweise wenig anhaben können. Das Menetekel «Weimarer Verhältnisse», womit gerade in letzter Zeit die Bedrohung der freiheitlichen Demokratie in Erinnerung an die späten Jahre der «Weimarer Republik» gemeint ist, kann diesen Mythos nur vorübergehend trüben. Wichtiger war es da schon, dass die Nationalsozialisten das Konzentrationslager Buchenwald nicht so genannt haben, wie es ob der räumlichen Nähe eigentlich hätte heißen müssen, nämlich «KZ Weimar». Doch sie taten es nicht, haben es nicht gewagt. So konnte auch im wiedervereinigten Deutschland am Ende zumindest die Idee desjenigen fortleben, was der Österreicher Franz Grillparzer einmal als das «wahre Vaterland jedes gebildeten Deutschen» bezeichnet hat. Er meinte «Weimar».[29]

Damit ist eigentlich alles gesagt. Weimar als die kulturelle Mitte eines polyzentrischen Deutschlands, das lange die Kraft hatte, den gesamten deutschen Sprachraum auf sich auszurichten. Aber auch Weimar als Idee, die viel größer ist, als sie die damals wie heute beschränkten Maßstäbe der eigentlichen Stadt je hätten fassen, ja rechtfertigen können. Der Mythos Rom, Paris, selbst München ist zur Not schon durch Realien gedeckt, durch Bauten, Straßen, Museen, Institutionen. Man wird Weimar nicht zu nahe treten mit der Behauptung, dass alle ihre hochehrwürdigen Einrichtungen zusammen kaum die Masse ergeben, einen Mythos zu stützen und zu nähren. Der Mythos Weimar lebt weitgehend vom geschriebenen Wort: «Auf ewigen Sitzen, erhaben über das Getriebe der Nachwelt, thronen, Göttern gleich, die Großen unserer klassischen Zeit. Noch immer wenden wir, dankbar bewundernd, Hilfe und Erhebung suchend, unsere Blicke zu ihnen; aber wollen wir ihnen nahen, so müssen wir uns aus der ruhelosen Gegenwart in ihre stille, hohe Welt der Ideale hinaufschwingen.»[30] So sah noch in den 1920er Jahren, also zur Zeit der «Weimarer Republik», der Germanist Georg Witkowski (1863–1933) das klassische Weimar.

Natürlich hat der Mythos Weimar gerade in den vergangenen Jahrzehnten eine deutliche Relativierung erfahren, vor allem was die Verbindlichkeit der «Weimarer Klassik» für das Lesen und Lernen betrifft. In seinem Essay Die Konstellation Weimar (2013) beschreibt Jan Philipp Reemtsma, geboren 1952, wie selbstverständlich sich noch seine Generation an «Weimar» als «historisch-normative Bezugsgröße hin orientierte», und wie doch gleichzeitig derselben Generation «unter den Händen diese Selbstverständlichkeit abhanden» gekommen ist.[31] Bis dahin aber – und ein bisschen auch danach – stand «Weimar», oder «Weimarer Klassik» für eine «auch für die Gegenwart verbindliche überzeitliche und unüberholbare Norm der deutschen Literatur» und zugleich für das «geistige Zentrum der ideellen Geschichte der Deutschen».[32]

Als Goethe, sechsundzwanzigjährig, am 7. November 1775 um fünf Uhr früh in Weimar einfuhr, konnte davon nicht wirklich die Rede sein. Die Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach zählte bei der ersten Erhebung 1786 genau 6163 Einwohner sowie 102 «Almosenempfänger», also Bettler.[33] Das Alte Schloss, der neben der Stadtkirche einzig nennenswerte Bau, war im Jahr zuvor abgebrannt. Frankfurt, wo Goethe vor drei Tagen abgefahren war, zählte 36000 Einwohner, war also sechsmal so groß – und trotzdem keine wirkliche Großstadt. Wien hatte im Vergleich um 1780 beinahe 250000, Berlin immerhin 150000 Einwohner, London dagegen bereits fast eine Million, Paris ein gutes Drittel weniger. Sogar München war mit weit über 30000 Einwohnern in unerreichbarer Ferne. Das Problem Weimars war auch, dass es dort außer den 6000 Weimarern kaum etwas gab. Zwar verfügte die Bibliothek der Herzoginmutter Anna Amalia bereits über mehr Bände als der Ort über Einwohner, war aber noch weit von späterer Berühmtheit entfernt. Auch das höfische Liebhabertheater hatte seine kurze Phase überregionaler Berühmtheit noch vor sich. Das Einzige, was diesen tief provinziellen Rahmen wirklich sprengte, war die Anwesenheit Christoph Martin Wielands (1733–1813), den die damals regierende Herzoginmutter als Erzieher ihres Sohnes in die Stadt geholt hatte. Aus kunsthistorischer Sicht sei korrekterweise auf das Altargemälde des Lukas Cranach d.J. in der Stadtkirche St. Peter und Paul («Herderkirche») mit integriertem Luther-Porträt hingewiesen, das, so bedeutend es sein mochte, die Situation nicht grundlegend änderte. Goethe hat die Kirche, für die er Herder nach Weimar holen sollte (und dabei lockend auf den Cranach verwies), ohnehin so gut wie nie besucht.

Carl Wilhelm Heinrich Freiherr von Lyncker (1767–1843), der in Weimar als Sohn eines Hofbeamten aufgewachsen war und es bestimmt nicht schlecht meinte mit dieser Stadt, nannte diese in den 1770er Jahren «sehr klein und schlecht gebaut; (…) Die Häuser die den Markt umgaben, (…) waren (…) sehr niedrig und unansehnlich.»[34]

Man muss nicht an Paris denken, es reichten schon Frankfurter Maßstäbe, um Weimar im Boden versinken zu lassen. Das taten bei Regenwetter auch die Füße im mit Fäkalien und Abfällen angereicherten Schlamm der teils ungepflasterten Straßen, weswegen alle, die es sich leisten konnten, sich in «Phaeton» genannten Sänften umhertragen ließen. Vielleicht zum italienischen Weinhaus Ortelli, das einzige Etablissement seiner Art, das man «von Seiten der Vornehmern» besuchte. «Für die geringere Klasse» waren noch keine vorhanden.»[35] Umschlossen waren die etwa 600 Gebäude von einer Stadtmauer mit vier Toren, die abends schlossen. Die Namen aller Ein- und Ausgehenden, ob zu Wagen, zu Pferd oder zu Fuß, wurden vom Torwächter schriftlich und unerbittlich erfasst, was natürlich mit einer Gebühr verbunden war. So wusste man stets, wer in der Stadt war, und wer nicht. «Weimar in 1775, then, was not impressive to look at»[36], fasst der britische Germanist und Sozialhistoriker Walter Horace Bruford (1894–1988) die Lage zusammen. Sein 1962 erschienenes Standardwerk Culture and Society in Classical Weimar gibt ein detailliertes Bild der Zustände.

Das alles hinderte den Weimarer Hof nicht, sich für das Zentrum der Welt zu halten, «konkurrierend, neidend, hassend».[37]

Der Hofstaat bestand bei Goethes Ankunft aus 41 Personen und ihren Familien, die sich fast ausnahmslos aus dem Thüringer Uradel zusammensetzten, also zumindest sehr alt waren. Erst in der Beamtenschaft waren vereinzelt Briefadlige und Bürgerliche anzutreffen. «Der bürgerliche Goethe bildete ab 1775 die große Ausnahme. Da die zu vergebenden Posten prestigeträchtig und finanziell lohnenden Pfründen gleichzusetzen waren, um die die Adligen, besonders der Adel ohne Land, erbittert stritten und intrigierten, erklärte sich der heftige Widerstand gegen Eindringlinge von außen und überhaupt Nichtadlige.»[38]

Goethe war beides: Eindringling von außen und Nichtadliger. Sein Erscheinen wurde also je nach Interessenlage sehr unterschiedlich bewertet. Wer sich im Städtchen langweilte, intellektuell nicht ausgelastet und mit seinen Interessen allein war, fieberte der Ankunft in einer Weise entgegen, für die es heute keine wirkliche Entsprechung mehr gibt. Goethes anfangs nur als längerer Besuch gedachtes Kommen war ein Ereignis von geradezu nationaler Bedeutung, das in der überregional organisierten république littéraire aufmerksam verfolgt wurde. Umso aufgeregter die Reaktionen derer, die sich unverhofft in ihrem bislang so stillen Winkel in das Zentrum eines derartigen Vorgangs gerückt sahen. Man erwartete ja nicht nur den berühmtesten Autor der jungen Generation, sondern gleichzeitig den zauberhaftesten aller Männer, von dessen Ausstrahlung so viel gesprochen und vor allem geschrieben wurde. Der um 16 Jahre ältere Wieland, der allen Grund gehabt hätte, auf Goethe sauer zu sein – dieser hatte ihn kurz zuvor in einer ziemlich bösartigen Rezension lächerlich zu machen versucht – fieberte diesem jungen Mann wie eine bange Braut entgegen: «Auf Goethen warten wir hier sehnlich seit acht bis zehn Tagen von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Noch ist er nicht angelangt, und wir besorgen nun, er komme gar nicht.» Er bat Johann Caspar Lavater, ihm «Ihres Herzens Gedanken über das Herz und den Charakter dieses außerordentlichen Sterblichen zu sagen.»[39]

Alle zusammen erhofften sich von Goethe vor allem die Anwesenheit dessen, was man in der Sprache der Zeit ein «Originalgenie» oder auch «Kraftgenie» nannte, womit der neue Typus des sich genialisch zumindest gebärdenden jungen Mannes gemeint war, dessen Benehmen und Kleidung den Konventionen der ständischen Gesellschaft ebenso gut sichtbar entgegenliefen, wie sich auch dessen Handeln und Denken den vernunftgeleiteten Normen der Spätaufklärung absichtsvoll widersetzten. Das Genie ließ sich nichts vorschreiben, schon gar nicht in Sachen Kunst, war frei und ließ das jedermann wissen. Gesellschaft und Kultur setzte es die «Natur», also das vom Menschen nicht Geformte, nicht Deformierte, als Maß aller Dinge entgegen, und wer sich nur natürlich gab – «Natürlichkeit» war das Bindeglied zur «Natur» und damit das Wort der Stunde –, glaubte sich auf der sicheren Seite.

In dieser Hinsicht wurden die Weimarer von Goethe nicht enttäuscht, zumindest nicht in der ersten Zeit. «Es geht da erschrecklich zu», berichtete der Dichter Johann Heinrich Voss im Juli 1776 an Ernestine Boie, «der Herzog läuft mit Goethen wie ein wilder Pursche auf den Dörfern herum; er besäuft sich und genießet brüderlich einerlei Mädchen mit ihm. Ein Minister, der’s gewagt hat, ihm seiner Gesundheit halber die Ausschweifungen abzuraten, hat zur Antwort gekriegt: er müsse es tun, sich zu stärken. (…) Klopstock hat desfalls an Goethe geschrieben und ihm seinen Wandel vorgerückt, daß er sich an dem Herzoge, seinem Freunde, seiner Gemahlin, seiner Mutter, dem ganzen Lande und der ganzen Gelehrten-Republik versündige (…). Goethe verbat sich in seinem und des Herzogs Namen solche Anordnungen (…). Klopstock glaubt, es werde ein blutiges Ende mit Goethe nehmen, denn der Adel ist auf’s äußerste gegen ihn erbittert.»[40]

Carl August Böttiger, bestens informiert und ein Tratschmaul erster Ordnung, berichtete in seinen 1838 erstmals erschienenen Begegnungen und Gespräche[n] im klassischen Weimar haarklein was zu berichten ist, inklusive angeblicher Billetts Goethes an den Herzog: «Da sitze ich noch immer in der Scheiserei, in dieser abscheulichen Scheiserei. Willst du, Lieber, bei mir diesen Mittag essen (…)?»[41] Das war ein Umgangston, wie ihn sich in Weimar gegenüber dem Herzog sonst niemand auch nur im Entferntesten hätte erlauben dürfen. Eigentlich auch Goethe nicht.

Das alles war nicht nur neidischer Klatsch, sondern entsprach, wo man es nachprüfen kann, den Tatsachen. Der Briefwechsel zwischen Goethe und Klopstock ist in etwa so, wie Voss ihn schildert, die Besäufnisse hat es gegeben, die Frauen auch. Nur umgebracht haben sie Goethe am Ende dann doch nicht, obschon hierüber bereits Gerüchte kursierten: Johann Jakob Bodmer schreibt aus Zürich, nicht übermäßig bedauernd: «Die Rede ist gegangen, daß Goethe in einem Duell das Leben verloren habe. Also wäre ihm die Last des Lebens ohne sein Zutun abgenommen worden. Sein Werther musste sie durch seine Dolche von sich werfen.»[42]

Der sonst so gut informierte Bodmer hatte offenbar auch den Werther nicht zu Ende gelesen, da hier eine Pistole zum Einsatz kommt, kein Dolch.

Ganz aus dem Nichts gegriffen waren solche Gerüchte am Ende nicht; Goethe provozierte, auch willentlich; er war ein Originalgenie und ließ das wissen. Extravagant schon der Einzug ins Gartenhaus fern ab von Stadt und Hof – wer machte das schon, konnte das machen? Extravagant (zumindest außerhalb offizieller Anlässe) auch die Kleidung: Den in Frankfurt berühmt-berüchtigten «braunen Biberfrack mit dem braunseidnen Halstuch und Stiefeln» hatte er zumindest in den ersten Wochen und Monaten auch in Weimar zur Schau gestellt. Und überhaupt, zusammen mit dem gerade volljährigen Herzog, von diesem angestachelt, diesen anstiftend, ein ständiges Herumgereite, Getanze, Saufen und Flirten. Davon musste die Welt erfahren, vor allem aber jene Augusta Reichsgräfin zu Stolberg-Stolberg, die Schwester seiner brüderlichen Geniefreunde, die er nie im Leben sehen sollte, der er aber nichtsdestotrotz aus sicherer Entfernung über Jahre hinweg den Hof machte, brieflich, Standesunterschiede scheinbar leicht umspielend. Ihrem Bruder gegenüber meinte er einmal hierzu: «Gustgen ist ein Engel. Hohls der Teufel dass sie Reichsgräfin ist.»[43] Christian Stolberg hinterbrachte diesen Ausruf seiner zweiten Schwester Katharina, nicht ohne hinzuzufügen: «Hättest Du ihm doch auch geschrieben! So klagte er über Dich nun auch so!»[44]

Ein ganz klein wenig lustig durfte man sich über Goethe schon machen, zumindest en famille. In seinen Briefen war dieser – wie auch sonst – kein Meister der wirklichen Leichtigkeit. Sprezzatura, also höfisch-sichere Nonchalance (wofür es bezeichnenderweise gar kein deutsches Wort gibt) hat er nie erreicht, wohl aber sich darin versucht. Für das Ergebnis dieses Wollens typisch sind die leicht angeberischen Geniebriefe an jene Augusta Stolberg, die meistens von drei Dingen handeln: Goethe, Goethe und Goethe. Augusta war eine von Goethes privilegierten Followers, die von ihrem Idol, das sie, wie gesagt, nie kennenlernte, regelmäßig mit Nachrichten aus dem Alltag versorgt wurde, parasoziale Bindung nennt man das heute.

Aus Weimar erhält Gustgen Stolberg einmal ein regelrechtes Tagebuch, worin geschrieben steht, was das Genie zwischen dem 17. und dem 24. Mai 1776 in seinem Gartenhause an der Ilm im Einzelnen getrieben hat. Dort spielt auch die nächste Szene, eine Naturszene, mit welcher Goethe, wir nehmen es an, nackt im Mondschein badend, der fernen Geliebten so ganz nebenbei eines seiner später berühmtesten Gedichte darreicht, handelnd vom Schicksal der Götterlieblinge, also ausnahmsweise von ihm selbst:

«Alles geben die Götter die unendlichen,

Ihren Lieblingen ganz,

Alle Freuden die unendlichen,

Alle Schmerzen, die unendlichen ganz.

So sang ich neulich als ich tief in einer herrlichen Mondnacht aus dem Flusse stieg der vor meinem Garten durch die Wiesen fliest; und das bewahrheitet sich täglich an mir.»[45]

Das war richtig gesprochen. Denn sobald Goethe seine Weimarer Komfort-Zone um den Herzog, Wieland, die Frau von Stein und schließlich Herder verließ, wurde es schnell ungemütlich. Es hat durchaus Tradition in der deutschen Goethe-Literatur – vor allem in der früheren –, Goethes Ankunft in Weimar als allgemeines Fest darzustellen: «Wie in einem Freudenrausche gingen seit Goethes Eintreffen in Weimar für die Hofgesellschaft die Tage hin.»[46] Der Prinzenerzieher Graf Schlitz (der sich «Görtz» nennen ließ) dagegen, der ja zweifellos zur «Hofgesellschaft» gehörte, hatte über den Neuzugang eine etwas differenziertere Meinung: «Ce Goethe est un villain!»[47], ein dahergelaufener Gauner. Das war erst der Anfang. Solange Goethe, wie von ihm geplant und von allen erwartet, nur zu Besuch weilte, hielt man sich zurück, zumindest offiziell. Als dann aber am 11. Juni des folgenden Jahres sein Bleiben feststand und er vom Herzog zum Geheimen Legationsrat ernannt wurde, brach im bisherigen Establishment der über Monate angestaute Grimm offen aus. Der Minister von Fritsch bat um seine Entlassung mit der interessanten Begründung, dass er «in einem Kollegio, dessen Mitglied Dr. Goethe anjetzt werden sollte, länger nicht sitzen könne».[48] Vom allgemeinen Freudenrausch muss man also mindestens den Grafen Schlitz und den Minister von Fritsch ausnehmen, der vom jungen Herzog übrigens zum Bleiben genötigt wurde, mit der nicht weniger interessanten Begründung: «Einsichtsvolle wünschen mir Glück, diesen Mann [also Goethe] zu besitzen. Sein Kopf, sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an anderen Orten zu gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen kann, heißt ihn mißbrauchen.»[49] Das war doch mal eine Aussage.

Also konnte Goethe beginnen, seine «außerordentlichen Gaben» im neuen Amt zu gebrauchen. Die Hofgesellschaft sah zu und bildete sich ihre Meinung. Der Freiherr von Lyncker hierzu rückblickend: «Die alten erfahrenen Diener, mit welchen die hochgeschätzte Herzogin-Mutter so lange weislich und glücklich regiert und das Land wie die Kassen in blühenden Zustand versetzt hatte, machten bedenkliche Gesichter und meinten wohl mit Recht, daß es nicht immer gut sei, sogenannten schönen Geistern gewichtige Landesstellen anzuvertrauen. Und wirklich wollte man behaupten, daß der der Direktion des nunmehrigen Geh. Legationsrats Goethe übergebene Ilmenauer Bergbau sowie seine Behandlung des Chausseewesens und der Wasser- und Uferbauten unverhältnismäßiges Geld gekostet und dafür doch nicht den erwünschten Erfolg gehabt hätten. Possierlicherweise hatte das Hofpferd, auf welchem Goethe in vorbenannten Angelegenheiten umherritt, den Stallnamen Poesie erhalten, und wo dieses Pferd mit seinem geistreichen Reiter erschien, da, sagte man, gab es wunderbare Veranstaltungen.»[50] Wie gerecht oder ungerecht solche Schilderungen sind, soll hier nicht vertieft werden.

Unter Goethes Kollegen gehörte es inzwischen zum guten Ton, dessen Fähigkeiten in Verwaltungsdingen offen anzuzweifeln: «Goethe wird nun einsehen», schreibt der Kammerpräsident von Kalb, «daß man mit Genie allein kein Land regieren kann, sondern daß außer Diesem auch Kenntnisse derselben, der angestellten großen und kleinen Diener und gesammelte Erfahrungen nötig sind. (…) Sein Mißvergnügen und Unruhe über den Lauf der Dinge wundert mich nicht.»[51] Nun, nur wenige Monate später erhielt Kalb «schleunig seinen Abschied mit 1000 Talern Pension. Warum, weiß eigentlich Niemand. Herr v.  Goethe übernimmt die Kammer-Direktion.»[52]

Dr. von Goethe

«Herr v. Goethe»? Alles der Reihe nach. Tatsächlich war Goethes Stellung in Weimar von Anfang an äußerst prekär, ja sie musste es sein. Er war ja nicht in einer Funktion gekommen, für die es in der Struktur der Weimarer Hofgesellschaft eine vakante Planstelle gegeben hätte. Er war nicht, wie zuvor Wieland, als Prinzenerzieher gerufen worden, auch nicht als Generalsuperintendent, also als oberster Kirchenbeamter, wie kurz darauf Herder. Und selbstverständlich gehörte er nicht zu jener Wander-Aristokratie, wie sie in Deutschland auf der Suche nach Hofämtern von Residenz zu Residenz wechselte. Er gehörte ja überhaupt nicht zur Aristokratie, was, man vergisst das, mehr bedeutete als abstraktes Prestige. Als Bürgersohn war Goethe nicht «hoffähig», konnte nicht an Hoffesten, ja nicht einmal an den täglichen Zusammenkünften harmlosester Natur wie dem gemeinsamen Kartenspielen teilnehmen. Er war genau das, was Böttiger später über das kurze Gastspiel des «Genies» Jakob Michael Reinhold Lenz sagen sollte, nämlich ein «bürgerlicher Wolf», der unter die aristokratische «Heerde gekommen» war.[53] Es war mehr im Spiel als bloße Etiketten; es ging um Einfluss und Zugang zur Macht, reglementiert durch strikte Normen und Vorschriften, auf deren peinliche Einhaltung nicht nur die in diesen Dingen als besonders streng geltende regierende Herzogin genau achtete. Die Hofgesellschaft aktivierte ihre Abwehrkräfte.

Das ist insofern verständlich, als der Adelsstand nicht selten das einzige Distinktionsmerkmal ihrer Mitglieder darstellte. Außer dem Standesunterschied und den dadurch erworbenen sozialen Fertigkeiten hatte man den Bürgern oft wenig entgegenzusetzen, im seltensten Falle eigenes Vermögen, Bildung oder sonstige Fähigkeiten. Natürlich entsprach das den Sitten der Zeit, doch scheinen die in Weimar ausgeprägter als anderswo gewesen zu sein. Die Schriftstellerin Elisabeth von der Recke war 1784 zu Besuch und zeigte sich (wie ihre Freundin Sophie Becker in ihrem Tagebuch festhält) «sehr erstaunt über den in Weimar noch herrschenden Kastengeist.» Man erklärte ihr, «die Vornehmen seien hier zu arm, die Beamten zu schlecht besoldet, um behaglich miteinander zu leben. Gesellige Zusammenkünfte, Diners, Soupers sind ganz ungewöhnliche Dinge; daher bleiben sich die Menschen fremd, lassen auch mit Fleiß nichts von der Etikette gegen einander ab, um nur nicht näher zu kommen. Findet Dies unter den Gliedern eines Standes statt, wie weit muss also die Entfernung (der Bürgerlichen) vom Adel sein! Hierzu kommt nun auch, daß die berühmtesten Männer, statt gemeinschaftlich an der Herabstimmung des steifen Umganges ihrer Mitbürger zu arbeiten, sich einander selbst sorgfältig aus dem Wege gehen. Wieland sieht nur sich, Goethe sich, und Herder desgleichen.»[54]

Dem Herzog selbst waren solche Unterschiede eher egal. Mehr Spaß als das Hofleben machten ihm das Jagen, das Herumziehen in seinem Territorium, das Campieren in der Natur, das Trinken, Raufen sowie amouröse Abenteuer. Und so jung er auch war – bei Goethes Einzug in Weimar gerade einmal volljährig und regierungsfähig –, so war es ihm doch einigermaßen klar, dass mit dem Adel alleine im Wortsinn kein Staat zu machen war, dass die Regierungsgeschäfte ohne das gut ausgebildete Bürgertum nicht zu bewältigen waren. Was er also brauchte, waren gleichgesinnte Kumpanen für seine persönlichen Leidenschaften sowie fähige Männer für die Verwaltung seines kleinen Herzogtums, mit dem es, zurückhaltend ausgedrückt, finanziell, wirtschaftlich und administrativ nicht zum Besten stand. Und nicht zuletzt brauchte er einen Vertrauten, der ihm nicht nur an Lebenserfahrung, sondern auch an geistigem Fassungsvermögen überlegen war, an den er sich halten, auf den er sich verlassen konnte. Schon bei seiner ersten Begegnung mit Goethe scheint Carl August geahnt zu haben, in diesem um acht Jahre älteren Mann nicht nur den Shooting Star der jungen deutschen Literatur vor sich zu haben (das war der Türöffner), sondern denjenigen, der alle genannten Eigenschaften in einer Person vereinigen würde. Man kann gegen den Herzog viel sagen und es ist viel gegen ihn gesagt worden, vor allem vom Hofstaat späterer Goetheverehrer. Da sah man den Olympier nur allzu gern und naserümpfend an der Seite eines herzoglichen Simplizissimus, eines geistig eher schlichten Naturburschen, dem seine Soldaten, Hunde und Jagdpferde wichtiger waren als das Geistige. Und doch muss man würdigen, dass dieser so gar nicht philosophische Herrscher in jüngsten Jahren das komplexe Potenzial von Goethes Persönlichkeit ebenso umfassend wie intuitiv erkannte – und konsequent handelte. Der Arzt Johann Georg Zimmermann, der den Herzog begleitet hatte, war Zeuge der ersten Begegnung: «In Frankfurt sah ich mit eigenen Augen, daß der Herzog ganz in Goethe verliebt war. Und er hat recht.»[55] Die Einladung, ja Berufung Goethes nach Weimar betrieb er entschieden und konsequent, und zeitlebens ist er dabei geblieben. Auf diese unerschütterliche Treue des Fürsten zu seinem Lieblingsuntertanen wird noch zurückzukommen sein.

Wie sehr aber der Herzog auch immer seinen Goethe schätzen mochte, der Standesunterschied, also Goethes bürgerliche Geburt, blieb eine Tatsache, über die hinwegzusehen das restliche Hof-Weimar keinen Anlass sah. Die fehlende Hoffähigkeit seines Favoriten war die gläserne Decke, die auch der Autor des Werther nicht durchbrechen konnte. Zwar hatte der Herzog auf verschiedenen Wegen versucht, das gesellschaftliche Prestige seines Schützlings zu erhöhen, zunächst mit der (auch durchaus funktional motivierten) Ernennung Goethes zum Geheimen Rat 1779. Parallel zu dieser Ernennung ordnete der Herzog «um Göthe’s willen» an, dass von nun an «die Hauptwache und ihr Officier vor sämmtlichen Geheimen Räthen ins Gewehr treten sollten, jedoch, versteht sich nur scharf schulternd und ohne daß der Officier den Degen zog».[56]

Doch mit solchen halben militärischen Ehrenbezeugungen war es auf Dauer nicht getan. Goethes demonstrativ freies Gebaren wurden vielfach als unpassend empfunden, und auch sein wie immer gemeintes Werben um die hübsche Fiekchen von Kalb ließ deren Familie zu Gunsten eines Karl Siegmund von Seckendorff ins Leere laufen: «Da nun der alte Kalb sehr auf seinen Stammbaum hielt, die Seckendorffsche Familie sich alter Abstammung rühmte, und (wie man keineswegs von Göthe glaubte) bedeutendes Vermögen besaß, wollte dieser zwar den Favoriten (des Herzogs) nicht beleidigen, Siegmund aber gern zu seinem Schwiegersohn haben.»[57] Goethes Genie sowie seine Stellung beim Herzog reichten im Zweifelsfall also nicht einmal für die Hand einer Tochter aus kleinem, regionalen Adel.

Es ist kein Wunder, wenn Goethe in dieser Gesellschaft eine gewisse Unsicherheit nicht verbergen konnte: «Wenn sich der Herzog nach seinen Landpartieen wieder bei der gewöhnlichen Tafel einfand, brachte er fast ohne Ausnahme Göthe mit, der zumal in seinen steifen Bewegungen noch gar nicht für den Hof geeignet schien, und statt der herkömmlichen Complimente nur ganz kurze Kopfnicker zu machen pflegte.»[58]

Für Goethe muss die erste Weimarer Zeit in dieser Hinsicht eine harte Landung bedeutet haben. Sozialisiert im bürgerlich beherrschten Frankfurt, erfüllt von den Ideen des Sturm und Drang, wonach die Gesetze der Natur und das Vorrecht des Genies die ständische Ordnung über den Haufen geworfen hätten, musste er schon ziemlich bald feststellen, dass man in Weimar erstens nicht «natürlich» gesinnt war und zweitens auch wenig Anlass sah, daran wegen ein paar erfolgreicher Bücher etwas zu ändern. Enge Jugendfreundschaften mit den in etwa gleichaltrigen Grafen Stolberg, mit denen er auf Genie-Reise gewesen war, aber auch die umstandslose Vertraulichkeit des jungen Herzogs mögen in ihm Vorstellungen von gesellschaftlicher Ebenbürtigkeit geweckt haben, doch was in der Sphäre persönlicher Verbindungen durchaus gelten mochte, davon konnte im Rahmen der offiziellen Gesellschaft keine Rede sein. Ein Genie zählte zur höfischen Ausstattung, nicht zum Hof selbst. Der Oberhofmeister Moritz Graf Putbus, der Goethe kühl aber nicht ohne Sympathie beobachtete, sah in ihm vor allem den Prototypen des ehrgeizigen Aufsteigers: «Im übrigen hat er alle Arten von Ehrgeiz: der Ehrgeiz des schönen Mannes, des liebenswürdigen Mannes – jedoch auf den akademischen Ton gestimmt – des aufrichtigen Biedermanns und des hochbegabten Geistes. Er hält sich für einen Alkibiades, und man hat ihn genugsam verwöhnt, um ihn in allen seinen Einbildungen zu bestärken. Ein maßloser Ehrgeiz wird ihn jederzeit hindern, völlig glücklich zu sein.»[59]

Goethe-Bashing war schwer in Mode. Dass hier jemand jenseits der Grenzen seines Standes agierte, rief sowohl von Seiten des Adels als auch aus bürgerlicher Perspektive scharfe Reaktionen hervor. «Was vor Gewäsch, gedräscht Lügen und so weiter!» erzürnte sich Goethes Mutter über das, was ihrem Hätschelhans da widerfuhr, «bloß weil die Leute nicht begreifen konnten, wie man, ohne von Adel zu sein, Verstand haben könnte.»[60]