„Hein im Glück“ - Heinrich Lich - E-Book

„Hein im Glück“ E-Book

Heinrich Lich

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Beschreibung

Mit der Biographie von Heinrich Lich (geb. 1941) ist eine Lebensgeschichte entstanden, die gekennzeichnet ist von den Wirren und Umbrüchen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Damit steht sie stellvertretend für viele, im Krieg geborene Kinder, die Hamburg als Ausgebombte 1942/43 mit ihren Familien verlassen mussten. Die Familie von Heinrich Lich strandete mit den Großeltern in Husum und bezog in Rödemis ein zufällig leer stehendes Haus. Heinrich selbst wohnte bis zu seinem 11. Lebensjahr bei seinen in Husum untergekommenen Großeltern väterlicherseits, bis er sich dann als Ältester um seine fünf nachgeborenen Brüder und den Haushalt seiner Eltern kümmern musste. Die für ihn unerträgliche, persönlich Situation zu Hause führte dazu, dass er seine Familie im Alter von 14 Jahren verließ, um auf einem Schiff anzuheuern und vielleicht eines Tages bis Rio zu kommen - sein größter Traum. Mit 18 Jahren Vater geworden, hieß es dann, nach einer für ihn prägenden Zeit auf See, für immer an Land zu bleiben. Der berufliche Weg führte ihn über die Kokerei zu verschiedenen Sägewerksbetrieben in Hamburg. Am Ende schaffte er sogar die Meisterprüfung. Nach dem Wechsel ins Kaufmännische begann ein auch für ihn finanziell sehr erfolgreicher Lebensabschnitt. Spannend, geistreich und zugleich amüsant erzählt Heinrich Lich die Stationen seines Lebens, die geprägt sind von seiner umtriebigen, neugierigen und findigen Persönlichkeit.

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Seitenzahl: 509

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Abbildungsnachweise Umschlagseiten:

Vorder- und Rückseite:

Die Hamburger Alster im Juli 2020

(Foto: Thomas Wendt)

Vorderseite:

oben Mitte: die SAFI

unten links: Heinrich Lich mit ca. 8 Jahren

unten Mitte: Heinrich Lich mit ca. 14 Jahren

unten rechts: Heinrich Lich als Rentner

Rückseite:

Foto oben links: die WISCHHAFEN

Hinweis: Alle Fotos aus diesem Buch, wenn nicht anders gekennzeichnet, stammen aus dem Privatarchiv von Heinrich Lich.

Für

meine Kinder

und

meine Enkelkinder

Heinrich Lich. im März 2018, in Rothenburgsort

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Einleitung

I.

Kindheit und Familie

Mein Vater war Kommunist, mein Großvater Sozialdemokrat

Die Geschäfte meiner Eltern

Meine ersten Lebensjahre

Flucht aus Hamburg

Vater bekommt als Erster einen LkW

Fremd im eigenen Dorf

„Ich mache mit meinem Bruder, was ich will!“

Mein Opa und die Honiggeschichte

„Hein im Glück“

„Liebesbeweise“ meiner Mutter

Meine Mutter und der „Udel“

„Ich habe hier eine Bombe!“

Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt

(Aus dem Talmud)

Opa war mein Held

Umzug von Husum nach Rödemis

Sommerferien an der See

Die Lehrer in der Schule

Meine Eltern und „unser“ Haus in Rödemis

Mein Garten

„Mädchenarbeit“ und Rübenernte

Es geht finanziell bergauf

Ein Traum wird geboren

II.

Ein Schiff wird kommen

Angeheuert

Auf dem Kutter

Als ich mir durch neue Netze Gesicht und Hände verbrannte und wirklich krank wurde

Große Pläne und kein Geld

Der Schutzmann und die Heuerstelle

„Du musst schon ganz unten anfangen…“

Bahnhofsgeschichte – Eine Anekdote

III.

Von meinem 14. bis zu meinem 18. Lebensjahr habe ich auf‘m Dampfer gearbeitet

Die „Amazone“ - Auf dem Weg zu meinem ersten, richtigen Schiff

Erster Landgang

Auf der „Elsa Essberger“

49 Mann (und keiner mehr…)

Am Ruder

Die Seefahrt – Erfahrungen fürs Leben

Intermezzo

IV.

Landgänge

Auf St. Pauli

Festgemacht: Erste Liebe in Schweden

Mädchen und Arbeit auf dem Bau

Nach der Arbeit…

„Lose“ Mädchen

Eine Bratwurst für Ringo Starr

Beim Landgang…

V.

Wieder auf See

Auf der „Wischhafen“

Auf der „Safi“

Mit der „Safi“ in Marokko

Ein blinder Passagier auf der „Safi“

Seefahrer im Allgemeinen

Schiffsgeschichten

In Spanien

VI.

Meine Brüder und Veränderungen innerhalb der Familie

Mein Bruder Rudolf

Meine Brüder - Rudolf, Jürgen, Günther, Peter und Arthur

Es gibt nichts, was ich nicht mitgemacht habe

Lebensphilosophie unserer Familie: „Lass‘ dir nicht alles gefallen!“

Das Regal im Keller – Der Anfang vom Ende

Meine Eltern gehen getrennte Wege

Meine Mutter und mein Bruder Arthur

VII.

Plötzlich Vater

Eine Begegnung mit Folgen

Große Überraschung

Besuch bei Vadder

VIII.

Für immer an Land

Von der Seefahrt zur Kokerei

Von der Kokerei zum Sägewerk

Ilona

Meine Braut, meine Schwiegereltern und ich

Arbeit im Sägewerk inklusive Betriebswohnung

IX.

Bei der Bundeswehr

Eingezogen

Eingerückt: Die Grundausbildung

Skat und Karzer

Nochmal Glück gehabt: Urlaub statt Strafe

Bei den Panzerhaubitzen

Bei der Truppe in Rahlstedt

Manöver in der Lüneburger Heide

X.

Auf der Suche nach einer Wohnung und neuen beruflichen Herausforderungen

Vom Sägewerk Neuhof zu Hansen & Söhne

Bei Hansen & Söhne – Sägewerk u. Holzhandel

Der Meister von der REIHO ist ins Wasser gefallen

Bei der REIHO und Vorbereitung auf eine „weiterbildende Maßnahme“

Nachhilfe

Einschub: Szenen einer Ehe

Umerziehung auf englische Art

Holzfachschule in Bad Wildungen

Nach der Meisterschule: Kemper-Werke und Holzhandlung Bührich

XI.

Berufswechsel ins Kaufmännische

„Ich will etwas anderes machen!“

Zum Gerling-Konzern

Abgeworben

Berufliche und private Interna

XII.

Privates

Patriarchalische Strukturen

Trennung nach 25 Jahren

Meine zweite Frau

XIII.

Hausbau – Ein Kapitel für sich

Die Idee mit dem Hausbau

Mein eigenes Haus

Einschub: „Ich heirate eine hübsche Frau, wir kriegen drei Kinder, und ich baue mir ein Haus!“

Und dann war das so…

Die Geschichte mit Kuddel und andere Begebenheiten rund um den Hausbau

„Wenn wir übers Haus reden, das hältst du im Kopp nicht aus, was da alles war...“

Bauabnahme mit Hindernissen

Mein Haus, mein Schwiegervater und ich

Eine kleine Geschichte: „Wenn die Damen ‚Lich‘ sagen, dann bitte ‚herrlich‘“

Geburtstag mit Freunden

XIV.

Berufliche Veränderungen

Bei der Bausparkasse

Nie wieder arm: „Anscheinend wurde mein Gebet erhört“

XV.

Gesundheitliches

Mein Vater wird ernstlich krank

Ein neues Leben

Meine Frau und ich

Urlaub mit Hindernissen

Und dann habe ich den Krebs…

XVI.

Jetzt, im Alter

Unsere Clique

Auf den Spuren meiner Kindheit

Meine Enkelkinder

Leben mit wenig Geld

„Aktivist“ oder „fauler Sack“?

Kurzbiographie

Vorwort

„Elbsegler“ heißt die Mütze von Herrn Lich. Aber der Bundeskanzler trug eine andere Form, stellte Herr Lich in unserem ersten Gespräch sofort klar: „Bei Schmidt war der Rand so hoch.“ Dazu erzählte er sofort die erste kleine Geschichte:

„Der ‚Elbsegler‘ ist von Eisenberg, aus der Steinstraße, da hat mein Großvater schon gekauft, mein Vater auch. Durch die Mutter des letzten Inhabers bin ich dann zur Volksbühne gekommen. Da gab es einmal im Monat ein Theaterstück, einmal eine Oper, einmal ein Orchester. Und dann habe ich meine zweite Ehefrau dafür begeistert. Meine erste Frau wollte da nicht mit hin. Dann die zweite Ehefrau, das war richtig gut. Mit dieser Frau, das muss ich Ihnen auch mal erzählen...“

Es stellte sich heraus, dass Herr Lich voller Geschichten steckt, die er gut erzählen kann, ohne bei Nachfragen den Faden zu verlieren.

Gesundheitlich geht es ihm nicht immer gut. Er räumt ein: „Mein Herz ist schwach. Ich hatte letztens Herzstillstand. Heute Morgen muss ich mich irgendwie aufgeregt haben, vor lauter Vorfreude, positiv. Ich hatte schon Angst, ich kann nicht hierher kommen.“

Heinrich Lich mit „Elbsegler“

„Ich habe einen Teil meiner Fotos mitgebracht. Aber wir sitzen morgen früh noch. Ich will Ihnen mal zeigen, dass ich auch schon was gemacht habe. Dies ist veröffentlicht worden, über die Kirche: ‚Auf nach Rio!‘“

Wird man in Heinrich Lichs Wohnzimmer gebeten, fällt einem augenblicklich ein großes Bild vom Hamburger Hafen ins Auge.

Im angrenzenden Arbeitszimmer hängen Fotos unterschiedlicher Schiffstypen an der Wand, auf denen er gefahren ist, auch Schiffsmodelle sind dort zu bewundern. Die Liebe zum Meer und zur Schifffahrt ist in Herrn Lichs Umfeld unübersehbar.

Darauf angesprochen, meinte Herr Lich: „Stimmt ja auch, wenn du bei mir in den Flur kommst, hängen dort die Bilder von Peter Jürgens, dem ehemaligen Kapitän, Schiffsbilder. Kommst du in meinen Salon, sieht man dort auch die Fotos von den Schiffen, auf denen ich gefahren bin. Dann stehen da noch mittelalterliche Hansekoggen. Dann habe ich eine Grafik in der Stube, mit Hamburg und Schiffen und Elbe.

Bei dem Wort Hansekoggen fällt mir ein… ich habe ein Haus gebaut und habe in Gedanken einen Entwurf gemacht, aus Bleiverglasung. Oben steht: Haus, das ist dann nachher auch gemacht worden. Haus „Glück–Lich“. Und jeder fragt dann

„Wieso mit Bindestrich?“ Meine Frau ist eine geborene „Glück“ (lacht).

Hein mit seiner Frau Christel Glück bei einer Hochzeitsfeier in Rheine an der Ems

Dann sieht man das Völkerschlachtdenkmal, den Michel und eine Hansekogge als Glückssegler. Gesamtmaße: 175 x 75 cm.

„Und dann habe ich zwei Jahre gesucht. Und zwar suchte ich jemanden, der das in Thermopenglas einsetzt und die Luft absaugt, solche Ideen hatte ich. Dann habe ich einen gefunden, der das gemacht hat, und dann habe ich das im Haus auch installiert, und Jahre später, ich glaube sogar im Fernsehen, kriege ich mit, dass der für meine Idee ein Patent angemeldet hat. Da ging es doch um den sauren Regen, dass die Bleifenster alle kaputt gehen und renoviert werden müssen und das so aufwändig ist. Aber jetzt hätte jemand etwas erfunden und dies und das und jenes. Nur mal so nebenbei.“

Zu den mitgebrachten Fotos erklärte Herr Lich: „Das waren die Schiffe, auf denen ich gefahren bin, wobei der Kutter hier nicht drauf ist.“

„Vor einigen Jahren war ich schwer krank und lag lange im Krankenhaus,“, berichtete Herr Lich, „da hatte ich viel Zeit, mein Leben noch einmal Revue passieren zu lassen. Erstaunlich, was da so alles aus der Vergangenheit in der Erinnerung auftauchte. Was hat man doch nicht alles erlebt, sich gesorgt, sich über Erfolge gefreut!“

Am Nachhaltigsten drängen sich offenbar die Erinnerungen an seine Kindheit und frühe Jugend auf, besonders als er schon mit 14 von zu Hause „flüchtete“, um auf einem Krabbenkutter anzuheuern: „Es sind die Jahre auf See, die mich geprägt haben,“, davon ist Heinrich Lich überzeugt, denn „die Eindrücke aus dieser Zeit sind am stärksten, sind unauslöschlich und tauchen immer wieder auf.“

Den Grund dafür, seine Erinnerungen in ein Buch zu fassen, nennt Herr Lich auch: „Für die Enkelkinder möchte ich das erzählen, zum Aufbau, zum Nachdenken.Vielleicht bin ich eine Ausnahme. Ich war als Junge ja ewig in der Nähe der Erwachsenen, der Mutter und des Vaters. Und immer wollten die was von mir. Ich habe also durch meine Eltern eine ganze Menge Lebensweisheit kennenlernen dürfen, was mir nicht bewusst war. Und jetzt denke ich immer, du musst dem einen oder dem anderen noch was mit auf den Weg geben, ohne dass du die Nase hoch hast, ohne dass das mit erhobenem Zeigefinger ist. Einfach mal erzählen. Die sind auch zu großspurig. Ich habe doch keinen Computer, will ich auch nicht, aber ich lese viel. Jetzt verschenke ich ein Buch. Da fragen mich die Enkelkinder: ‚Was soll ich da denn mit?‘ Was für eine schreckliche Antwort!“

Am Ende seines ersten Besuches räumte Herr Lich am Fuße der Treppe zu unserem Haus, das im Hochparterre liegt, ein: „Ich wollte einen guten Eindruck machen, deshalb habe ich meinen Stock nicht mitgebracht.“

Zum Abschied sagte er: „Ich habe mich sehr gefreut über Euch.“ Die Freude ist ganz auf unserer Seite!

Einleitung

Der Tanker, auf dem ich auch war, fuhr nach Venezuela, Karibik, von Amsterdam, Rotterdam. Da habe ich den Fehler gemacht, dass ich ausgestiegen bin. Da hatte ich Chancen. Alle meine Brüder waren später auf einem Schiff. Die haben mir alles nachgemacht.

Ich bin in der Regel ein zwiespältiger Mensch. Auf der einen Seite hat man mich wegen meiner Fröhlichkeit und Zuversicht geliebt – mein Umfeld. Auf der anderen Seite habe ich immer so Phasen, wo ich ganz tief falle und aufpassen muss. Gott sei Dank habe ich davon nicht so viele. Denn es gab immer wieder Momente, die mich denn fröhlich stimmten, zum Beispiel Ihre Annonce. Ich habe doch sonnabends das Hamburger Abendblatt. Jetzt habe ich immer Angst, weil das so lange dauert, wir haben doch nun 14 Tage verstreichen lassen, ich habe immer Angst, ich erlebe das Ende des Buches nicht mehr. Im Dezember [2021] werde ich 80 Jahre alt.

Mein Leben war schon interessant. Heute ist bei mir außer Lesen und Fernsehen nicht mehr viel drin. Ich lese mehr als ich fernsehe. Ich habe chronische Entzündungen.

Ich habe eine Kladde, so eine, wie Sie sie haben. Das habe ich alles selbst geschrieben und habe das alles tippen lassen. Der Hauptgrund: weil ich in Deutsch so schlecht war. Das Leben war lehrreich. Ich habe inzwischen gewusst, d und t, b und p, wenn man es verdoppelt, dann bekommt man das raus, d oder t. Das habe ich ein Leben lang gehabt. Und in der Schule war ich schlecht, weil ich mehr zur Arbeit herangezogen wurde als Zeit zum Lernen war. Aber dieses Schreiben habe ich ein Leben lang im Kopf gehabt.

Hier habe ich so ein ganz kleines Heftchen, da habe ich so Stichworte drin, und jedes Stichwort ist eine abgeschlossene Geschichte.“ Fast entschuldigend fügte Herr Lich hinzu: „Sie dürfen das Alter immer nicht vergessen – auch ich war mal jung.

Es soll ja im Grunde genommen zum Ausdruck kommen, dass ich von zu Hause weg bin, zur See gefahren bin, dann Vater wurde und somit an Land blieb, beim Sägewerk angefangen und vieles andere gemacht habe.“

Zu der Möglichkeit, sein Leben jemandem erzählen zu dürfen, der wirklich interessiert ist und auch zuhört, erklärte Herr Lich:

„Manchmal muss ich auch ein bisschen komisch klingen. Ich darf endlich mal wieder wer sein. Du bist doch zu Hause, als Rentner, nichts wert, und dabei bin ich stolz auf das Geleistete. Wenn du was erzählen willst: ‚Ach, das haben wir schon gehört.‘ Die winken ab, einschließlich meiner Frau. Da ist mir wieder etwas eingefallen, dass ich mich unterhalten will, im Grunde nur des Unterhaltens wegen. Die bremst sofort: ‚Das hast du mir schon erzählt. Das hast du schon 1000mal erzählt.‘“

Zu Letzterem ist zu sagen, dass der Historiker, Alexander v. Plato, der selbst Hunderte Interviews mit Zeitzeugen geführt hat, eine andere Meinung dazu hat. Seiner Erfahrung nach gibt es Gründe dafür, dass die Erzähler, Zeitzeugen und Befragten ihre Geschichte, manchmal auch mit bisher noch nicht er-wähnten Zusatzinformationen, mehrfach zum Besten geben. Erstens ist es möglich, dass gewisse Begebenheiten in ihrem Leben für sie besonders wichtig waren und daher öfter thematisiert werden. Zweitens hatten sie vielleicht damit schon bei ihrer Zuhörerschaft „Erfolg“ und ernteten für ihren Beitrag Interesse und einen gewissen „Beifall“. Drittens wird von den Erzählern leicht vergessen, dass sie manche Episoden schon mehrfach berichtet haben. Und deshalb tauchen sie im Gespräch dann noch weitere Male auf.

Fakt ist, dass, wie gerade erläutert, auch die Tatsache, dass manche Erlebnisse von den Autobiographen mehrfach erzählt werden, einen wichtigen Aussagewert hat.

TEIL I

Kindheit und Familie

Mein Vater war Kommunist, mein Großvater Sozialdemokrat

Mein Vater ist 1903 geboren, er ist genau rein gewachsen in die gesellschaftlichen Umbrüche. Die Propaganda war ja schon zu Beginn unheimlich.

Und mein Vater war von Anfang an Kommunist und konnte ja auch den Mund nicht halten. Es gab ja die Blutnacht in Altona1. Da ist einer dieser berühmten Männer dabei gewesen. Mein Vater hat da mit demonstriert, ist noch geflüchtet, als die Jagd auf ihn machten, auf die Gruppe, die da demonstriert hatte. In der ersten Zeit sind die Kommunisten ja noch auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Meine Eltern waren ja da schon zusammen. Dann hat sie seinen Laden mit aufrechterhalten, als mein Vater im KZ war. Und als sie im Gefängnis war, hat er ihren Laden mit aufrechterhalten.

Meinen Vater haben sie im Krieg nicht in ein Vernichtungslager, sondern als Zwischenstation, nach Fuhlsbüttel gebracht, ins KZ Fuhlsbüttel. Da haben sie ihn schikaniert. Er hat mal eine Geschichte erzählt, da habe ich erst viel später angefangen, die zu glauben, durch das Fernsehen. Und jetzt bringen sie das auch immer wieder. Draußen, im Hof, stand einer und hinter ihm, in der offenen Tür stand einer, der sagte: „Hoch da!“ Er sollte sich an den Gitterstäben am Fenster hochziehen. Aus Schikane. Und dann hat der andere da unten geschossen. Dann hat er wieder zu meinem Vater gesagt: „Hoch oder ich schieß‘ dich ab!“ Dann haben die das so lange mit ihm gemacht, bis ihm das egal war und er vor lauter Schwäche nicht mehr konnte und einfach liegen geblieben ist.

Der Wachmann hat geschossen, aber nicht gezielt, sonst hätten sie ihn ja treffen müssen, mit einer MP. Schikane! Dann haben sie ihm gesagt, ich weiß nicht genau, was da noch war, irgendwas mit einer Zahnbürste, er sollte irgendwas schrubben, was nicht zu schrubben war und so groß war. Wenn du einen Fußboden bohnerst, dann bleibt er in der Mitte so schön, wie er ist, blank, aber rundherum wird er immer dunkler, weil zu viel liegen bleibt. Du kommst mit der Maschine nicht ganz dahin, die Borsten sind immer so ein Stück weg davon. Da gab es doch diese großen Maschinen. Dann haben die gesagt: „Wenn du das mit der Maschine nicht raus kriegst, dann nimmst du die Zahnbürste.“ Da haben die sich wieder über ihn lustig gemacht, auch, weil er klein war. Die haben ihn dort ziemlich gebrochen. Und je älter er wurde und je mehr er das an uns abgeben, erzählen konnte, ohne dass wir das überhaupt begreifen konnten, desto schlimmer wurde sein Asthma. Das ist mir erst später aufgefallen, in der Erinnerung.

Und im Hafen, das soll man nicht für möglich halten, da war mindestens die Hälfte seiner Kumpel Kommunisten, die kriegten alle weniger bezahlt. Die einen gingen da nur in Schale und kriegten die Kohle. Und die anderen machten die Arbeit wie die Tiere.

Mein Opa war SPD-Mann, ist mit einem goldenen Kranz von der SPD beerdigt worden, weil er so lange in der Partei war, mit 87 oder 89 Jahren ist er gestorben. Das war mein eigentlicher Held. Der hatte den Ersten Weltkrieg mitgemacht, in Verdun. Im Sommer hat er im Zirkus gearbeitet und im Winter in der Kneipe. Irgendwann ist er aus dem Trapez gefallen und sein Arm ist krumm geblieben. Dann ist er während des Ersten Weltkrieges als Sanitäter eingezogen worden, mit Pferd und Wagen und dem roten Kreuz auf weißem Untergrund. Er musste den Wagen fahren und andere mussten die Leichen drauf tun oder ähnliches, was man eben mit Pferd und Wagen machen konnte.

Und die Nazis später, so verrückt die waren, aber die deutsche Bürokratie klappte von vorne bis hinten, ob Krieg war oder nicht. Nach dem Krieg haben die Engländer meinen Vater an die Seite genommen und ihn dann befragt. Und denn hat er ihnen klar gemacht, er sei Kommunist. Er hat noch Glück gehabt - es sind ja auch immer nur Bruchstücke bei mir als Kind angekommen -, denn beim Blutsonntag in Altona ist er gerade noch weg gekommen. In meiner und seiner Größe kannst du schnell irgendwo durchflutschen.

Die Geschäfte meiner Eltern

Die beiden haben mit Rohprodukten gehandelt, die nannte man so. Andere sagen „Plünnenhöker“. Und die Edelmetalle wurden für den Krieg gebraucht, es wurde alles gebraucht. Und wenn der Waggon voll war, gab es das Geld, und zwar nicht wenig. Sie brauchten die Unterlagen von der Eisenbahn nur vorzulegen, dann kriegten sie Geld.

Mein Vater hatte da einen Laden und meine Mutter auf der anderen Seite. Dann waren das noch die Altbauten mit einem erhöhten Souterrain. Da guckte der Keller so weit aus der Erde. Und die Leute haben da auch gewohnt und Geschäfte gehabt. Das gibt es heute noch in Hamburg.

Die haben sich kennengelernt, weil irgendeiner von den beiden vom anderen etwas gebraucht hat und rüber gegangen ist.

Eines Tages hat meine Mutter in Hamburg, auf dem Hannoverschen Bahnhof, den kennt heute keiner mehr, der ist weg, das ist heute der Lohseplatz, der Hafen hat sich ja völlig verändert, und da war ein Stück Rangierbahnhof, gesehen, dass an ihrem Waggon ein Kaffeewaggon angekoppelt war. Da gibt es dann so einen Kasten mit Maschendraht, etwa 30 cm x 30 cm x 3 cm, das machtest du auf und dann kam der ausgefüllte Zettel da rein. Und diesen Zettel hat sie ausgetauscht und dem Rangiermeister gesagt: „Ich muss den Waggon wieder raus haben.“ Und dann hat er den Kaffeewaggon raus geschoben, weil sie die Zettel ja vertauscht hatte. Da hat sie in Hammerbrook und in Hamm und überall – wir kamen ja aus Hammerbrook – und in Horn bis nach Billstedt, da hat sie den grünen Kaffee verkauft. Und in der Pfanne haben sie den geröstet. Und ganz Hammerbrook und halb Hamburg rochen nach Kaffee. Die Gestapo ist dahinter gekommen. Kaffee musste doch importiert werden, und das Geld ging doch in den Krieg, und das war doch für die „Herren“ bestimmt. Dann hat der eine den anderen verpetzt, bis das doch bei Grete wieder ankam. Daraufhin kam sie für ein Jahr ins Gefängnis. Da hat sie noch Glück gehabt, denn sie hat Beziehungen gehabt, zu bestimmten Leuten. Die hätte auch, wenn das schlimm geworden wäre, ins KZ gebracht werden können.

Aus welchem Grund – das haben die Eltern mir erzählt, da war ich noch Schüler, aber schon letzte Klasse, das war kurz, bevor ich abgehauen bin. Als Witz wollten sie das um die Weihnachtszeit erzählen: „Hein, du wärst beinahe im Knast geboren.“ „Wieso das denn?“ Dann haben sie mir das erzählt: „Da war mal ein ganzer Waggon Kaffee, dafür bin ich in den Knast gekommen….“ Sie ist am 14. Dezember 1941 entlassen worden. Da gab es in Hamburg die Weihnachtsamnestie, und daraufhin hat man meine Mutter entlassen, so dass sie draussen entbinden konnte, und am 16. Dezember bin ich geboren worden.

Die Weihnachtsamnestie in Hamburg bekamen alle, die nur noch einen Rest zu verbüßen und dazu leichte Strafen haben, nur noch einen Rest an Tagen oder Wochen. Normalerweise werden sie erst ab dem 20. Dezember entlassen. Meine Mutter wurde eine Woche vorher entlassen, weil sie hochschwanger war

Baby Heinrich mit seinen Eltern 1942 in Waltershof

Meine ersten Lebensjahre

Meine Kindheit war keine besonders schöne. Ich bin im Kriegsjahr 1941 geboren und verbrachte meine ersten beiden Lebensjahre mit meinen Eltern in Hamburg, wo auch die beiderseitigen Großeltern lebten. Mutter und Vater lebten in Hammerbrook, in der Süderkaistraße, der eine auf dieser Ecke, der andere auf der Ecke, die haben sich mit Leuten und mit Ware ausgeholfen. So haben die sich überhaupt kennen gelernt. Die Süderkaistraße kennt heute kein Mensch mehr. Ich bin also gebürtiger Hamburger.

Dann kam der Tag, der das Leben meiner Eltern total veränderte. Ich selbst war noch zu jung, um mich irgendwie daran zu erinnern. Nur aus den Erzählungen der damals Erwachsenen weiß ich von dem fürchterlichen „Feuersturm“, der in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 19432 – von Phosphorbrandbomben entfacht – einen großen Teil der Stadt und das Leben von nahezu 40.000 Menschen vernichtete sowie zahllosen weiteren das Zuhause nahm.

Viele Menschen sind damals in ihrer Verzweiflung zum Bahnhof gelaufen und haben sich mühsam in einen der übervollen Züge gezwängt, nur, um wegzukommen aus der weitgehend zerstörten Stadt.

Flucht aus Hamburg

Auch meine Eltern flüchteten mit mir während der großen Angriffe zum Hamburger Hauptbahnhof und konnten sich gerade noch in einen total überfüllten Zug Richtung Sylt hinein quetschen, mit mir, einigen weiteren Angehörigen sowie mehreren unserer Nachbarn.

Das haben mir meine Eltern später erzählt: Der Zug war so voll, die Leute hingen teilweise in der Luft und konnten sich nur fest klammern. Dieser in Hamburg gestartete Zug fuhr Richtung Westerland und hielt plötzlich in Husum. Dort war die Fahrt zu Ende und die Leute stiegen aus.Vielleicht wurde auch ausgerufen: „Hier ist Halt!“ Und alle, die ausstiegen, gingen in Richtung Ausgang und Richtung Stadt.

Manche von denen wurden abgefangen und kamen dann in die ehemalige Kaserne oder Barackenlager der „Kompis“3. Das habe ich später gehört. In dem Barackenlager waren früher Soldaten drin gewesen, das war am Flughafen Husum.

Da gingen die meisten Leute hin, die in Husum ausgestiegen waren.

Aber mein Vater ging mit uns in eine andere Richtung, die Böschung runter, über ein Feld. Da fing das Feld an und dahinter die Schrebergärten, später wurde das alles bebaut. Das war für meine Eltern und mich und auch für unsere ausgebombten Begleiter im Nachhinein ein Glücksfall, denn sie kamen zu einer Siedlung mit mehreren kleinen Häusern, von denen eines seit längerer Zeit unbewohnt war. Eine alte Frau hatte dort viele Jahre allein gelebt und war nach einem Krankenhausaufenthalt in eine soziale Einrichtung gebracht worden. In den Wirren der Zeit hatte sich bisher niemand um das verlassene Haus gekümmert. Das Haus war offen. Und das hat Mutter uns erzählt, weil ich auch anfing zu fragen immer, nachher, als ich älter wurde. Und dann hat unser Vater gesagt: „Dat hebbt se für uns hier hinstellt‘! Rin hier!“

Und da ist mein Vater mit uns und mit dem Ehepaar rein gegangen. Die kannten sich, meine Eltern und die. Und wir sind hier in die eine Tür rein gegangen, und die Bekannten in die andere Tür. Das andere Ehepaar ist ruckzuck wieder verschwunden. Da hat mein Vater die Mittelwände raus gerissen und hat das ganze Haus besetzt, hat nie gezahlt. Das war in Rödemis.

Die ansässigen Nachbarn beäugten uns neue Bewohner recht misstrauisch und nahmen uns nicht gerade herzlich auf. Auch wunderten sie sich wohl, was die Städter bei ihnen wollten. Vielleicht hatten sie noch gar keine Kenntnis von dem schrecklichen Bombenangriff in der weit entfernten Metropole.

Die Großeltern väterlicherseits fanden eine „Bleibe“ in der Stadt Husum, Woldsenstr. 59. Wir Kinder waren im Krieg verteilt. Dort, in der Woldsenstraße, wuchs ich, der kleine Hein, wie ich meist genannt wurde, während der nächsten Jahre vorwiegend auf, denn für meine Familie wurde es in dem kleinen Haus in Rödemis bald zu eng.

Fünf Brüder wurden in kurzen Abständen nacheinander geboren. Ich kann mich an meine Mutter eigentlich nur als schwangere Frau erinnern.

Da meine drei älteren Halbschwestern aus der ersten Ehe meiner Mutter nach und nach aus dem Haus gingen, ich jedoch anderseits inzwischen eine Hilfe bedeutete, wurde ich ins Elternhaus zurückgeholt. Nur ab und zu, wenn mir alles zu viel wurde, flüchtete ich mich für kurze Zeit wieder zu den Großeltern.

Dort habe ich auch meinen einzigen wirklichen Freund kennen gelernt, denn in der Schule, die ich in Rödemis besuchte, fühlte ich mich nie richtig wohl.

Vater bekommt als Erster einen LkW

Die LKWs, sowohl die großen als auch die kleinen, waren alle von den Nazis konfisziert worden. Mein Vater war der Erste nach dem Krieg, der einen LKW und die Zulassung für einen Fuhrbetrieb von den Tommys4 bekommen hat, weil er zwei Jahre nachweislich als politischer Gefangener im KZ gewesen war.5 Das wussten die ja. Die Leute wurden ja alle durchleuchtet. Das hat Mutter alles erzählt. Nun galt es, nach dem Krieg herauszufinden: Wer war ein Nazi? Alle Erwachsenen mussten ja um den „Persilschein“6 kämpfen.

Mein Vater bekam einen Opel Blitz, später kaufte er einen Pritschenwagen mit Plane dazu, einen Ford mit 3,5 t, dazu einen Hänger und verdiente viel Geld. Und er machte für die erste Wahl, die in Deutschland stattfand, Werbung für die

Kommunisten. Dafür hätte er sich auch aufhängen lassen und dafür war er ja auch während der Naziherrschaft im Gefängnis gewesen. Er hat sich in Hamburg mit Thälmann und mit anderen Leuten politisch betätigt, als Kommunist. Opa war von Anfang an für die SPD und ist ja deshalb mit einem großen, goldenen Kranz von der SPD beerdigt worden

Opa hatte vor unserer Flucht nach Husum in der Hamburger Innenstadt gewohnt, wo früher Spielzeug-Rasch war, das war parallel zur Mönckebergstraße, dann ging man so eine kleine Straße rein und kam in der Mönckebergstraße raus. Da oben, im 4. Stock, hat er gewohnt. Und mein Vater hat für Opa den Käsehandel, den der hatte, betrieben. Die Käselaibe kamen abends immer alle in eine Salzlake. Und morgens musste er die wieder schrubben, da hatte sich was abgesetzt. Und damit fuhr er mit einem großen Wagen und einem Hund davor los zum Geschäft. Das war üblich. Das war ein viereckiger Wagen, so ein Bollerwagen, aber die Bollerwagen nannten wir Bollerwagen, weil die plötzlich Gummiräder hatten. Die anderen hatten ja Holzräder, wie die großen Pferdewagen.

Wir haben beobachtet: alles was kam - vom Postboten bis zum Bäcker -, fuhr mit dem Wagen durch die Gegend, mit dem Pferdewagen. Der Müll wurde abgeholt, der Inhalt der Toilette wurde abgeholt.

Im Grunde genommen waren die Bollerwagen Pferdewagen in Miniausführung. Und der Opa hat, glaube ich, nie gearbeitet. Der war auch Vorsitzender seiner Zeit fürs ambulante Gewerbe, wo du einen Gewerbeschein brauchst, zum Beispiel die Leute vom Hamburger Dom, die brauchen so etwas.

Meine Oma, die Mutter meines Vaters, ist in Minden in einem Jahrmarktswagen geboren worden. In der Zeit waren ihre Eltern schon mit Schmalzgebäck und solchen Sachen unterwegs.

Ein anderer, ein Onkel oder ein Bruder, den nannten sie den „Doktor“, der hat nämlich auf dem Boden des Mietshauses, in dem er gewohnt hat, eine „Bonschenfabrikation“7 gehabt. Das hat er von der Wohnung aus gemacht, auf dem Herd. Auf dem Dom verkaufte er dann diese Handstöcke, diese glasierten Bonschen und solche Sachen. Das war schon eine Familie mit ambulantem Gewerbe.

Opa und Oma väterlicherseits, bei denen ich groß geworden bin. Die waren vor dem Ersten Weltkrieg Schausteller. Oma stammt aus Hamburg und Opa aus Bremen. Opa hatte 18 Geschwister. Trotzdem ist seine Mutter sehr alt geworden.

Heinrich mit acht Jahren

Fremd im eigenen Dorf

In Rödemis gab es ja das von mir schon erwähnte Barackenlager, in dem nur Flüchtlinge wohnten. Denen begegneten die Einheimischen noch viel misstrauischer als uns Ausgebombten. Ich legte daher immer Wert auf den Hinweis, dass ich nicht zu den „Barackenleuten“ gehörte, sondern aus dem großen Hamburg komme.

Trotzdem empfand ich mich selbst stets als Fremder im Dorf. Das rührte wohl auch daher, dass ich kaum Zeit zum Spielen hatte, denn zu Hause wurde meine Arbeitskraft dringend gebraucht – beim Betreuen meiner kleinen Geschwister, bei der Arbeit im großen Garten, der zwar für die Ernährung unserer Großfamilie sorgte, aber auch immer gepflegt werden musste, was einen hohen Arbeitsaufwand bedeutete. Immerhin war das ein Hektar Land.

„Ich mache mit meinem Bruder, was ich will!“

Wir hatten die ganze Hütte voller Kinder. Erst wurde ich geboren, dann kam Rudolf, dann kam Jürgen und dann kam Günther. Nachdem dann die kleine Hildegard im Babyalter verstorben war, kam lange Zeit nichts, und dann kamen Peter und Arthur.

Eines Tages passierte folgendes: Ich hatte wieder mal so einen Aufwasch, ist ja klar. Allein der Kartoffeltopf war so ein Ding! Und dann sagte ich zu meinem Bruder: „Du kannst da mal mit anfassen, immer nur ich stehe hier, und Ihr seid dauernd in der Walachei.“ „Du kannst mich am Arsch lecken!“ Er ist gleich weg gelaufen, ich hinterher, und im Rausgehen hat er wohl einen Persil-Knüppel von der Wand genommen, den du bei der Wäsche immer brauchtest. Du kannst ja nicht in das heiße Wasser greifen. Den kriegtest du damals dazu, wenn du eine große Packung kauftest oder zwei. Und dann musste man die Wäsche noch mit der Bürste schrubben. Die hat gearbeitet, die Frau, meine Mutter: die ist morgens als Erste aufgestanden und abends als Letzte ins Bett gefallen.

Dann hat mein Bruder den wohl von der Wand genommen, und als ich ihn schon fast erreicht hatte, haut er mir mit dem Knüppel vor die Schienbeine, dass ich vor Schmerzen stehen bleiben musste, und er war weg. Da war ich so wütend auf ihn und habe ihn gesucht. Dann habe ich ihn gefunden und saß auf ihm drauf und neben mir lag ein Feldstein. Und den wollte ich ihm gerade ins Gesicht schlagen. Auf einmal haute mir einer einen in die Schnauze, ich hinten runter, guckte: Es war Fräulein Stark, eine 65-jährige Lehrerin, immer in Schwarz, wie eine Nonne. Die hatte, nachdem sie in Rente gegangen war, hinter uns neu gebaut. Und die sagte zu mir: „Das kannst du nicht machen!“ „Ich mache mit meinem Bruder, was ICH will!“

Inzwischen war ich aufgestanden, weil sie mich hochgezogen hatte, und mein Bruder wand sich da raus, und weg war er. Das Schlimme war: die beiden Alten kamen abends nach Hause, und immer wurde denn gefragt: „Was war los?“ Das war die Frage: „Was war los?“ (lacht) „Der hat mich geschlagen!“ Ich hatte ihm erst ein paar rein gehauen. „Wieso prügelst du auf den Kleinen?“ Der Alte natürlich! Da will ich ihm das erzählen, da sagt er: „Hör‘ ich das nochmal, prügele ich dich! Das ist kein Gegner, so ein Kleiner!“ Ich kam gar nicht dazu zu sagen, warum, wieso, weshalb.

Wissen Sie, was Glück ist? Wenn so ein Kleiner wie ich, der ewig auf dem Tisch abwaschen muss, teilweise die Nase fast nicht rüber bekommt, endlich einen neuen Tisch zum Ausziehen bekommt. Da waren die Schubladen, die Schüsseln. Die dicken Tischbeine waren hier halbiert, und wie eine Schublade konntest du das raus ziehen. Und dann waren da die großen Schüsseln drin. Jetzt konnte ich vernünftig abwaschen.

Mein Opa und die Honiggeschichte

Ich habe ein paar Mal Glück gehabt. Mein Vater, weil er so ein Kleiner war und mein Opa, mein Held, mit seinen 1,90 m und 140 kg, das habe ich alles von meiner Oma gehört, und meinen Vater nannte man „den Sänger von der Altstadt,“ am Dovenfleet, und meinen Opa nannte man „den Schläger“.

Ich als erstgeborener Junge heiße Heinrich-Rudolf, weil mein Opa Heinrich hieß. Und mein Bruder, Rudolf-Heinrich, heißt nach meinem Vater. Und mein Vater ist dann mal kontrolliert worden durch irgendwas oder für irgendwas, das hat er uns mal erzählt. Dann hat man ihn nach dem Namen gefragt, da hat er „Rudolf“ gesagt. „Ach, Adolf!“ Da war mein Vater beleidigt, den hat er aber fertig gemacht.

Vom Opa habe ich immer geschwärmt, der nahm mich ja mit zum Angeln und dies und das. Ich war nur sein Schatten. Opa war mein Held. Der war immer außergewöhnlich lieb – bis auf einmal. Und zwar brachte Opa ein Glas Honig mit. Das war eine Gesindeküche, in einer Riesenvilla. Die hatten also mehrere große Zimmer, mit hohen Decken. Und Opa stellte das Glas Honig ganz nach oben. Ich hatte gar nicht gesehen, dass er gekommen war. Er kam, man konnte von hinten rein kommen, kam rein, da war das Waschbecken, und da haben wir uns gewaschen, mit kaltem Wasser. Und der Alte, da war er mit mir rigoros: „Aus dir soll ein Kerl werden, stell‘ dich nicht so an! Beim Militär wirst du auch nicht anders behandelt!“ Und ich habe gezittert und gefroren.

Und Opa mit seinem Kaiser-Wilhelm-Bart, der war 1875 geboren, und ein strammer Kaiser-Wilhelm-Fan. Und nachher kam er in den Ersten Weltkrieg, dann machte er beim „Volkssturm“ den Zweiten Weltkrieg mit. Er war im Ersten Weltkrieg in Belgien, Sédan, gewesen. Und als der Krieg zu Ende war, ist er mit Pferd und Wagen zurückgekommen.

Er hatte mal den Arm gebrochen. Ich dachte immer, er hätte was mit der Hand, weil die Hand so lose runter hing, wenn er ging. Aber der Ellbogen war nicht richtig gemacht worden. Auf jeden Fall bekam er den Arm nicht gerade. Und denn ist er mit Pferd und Wagen mit dem roten Kreuz – weißer Untergrund und rotes Kreuz – unterwegs gewesen, und damit ist er denn von Belgien nach Hause gefahren, nach Hamburg, hat das abgestellt und gesagt: „Ich bin nicht für den Krieg!“ Und das Pferd haben sie dort erschlagen und in Stücke geschnitten, weil Hamburg so gehungert hat.

Und mein Vater ist 1903 geboren und war in der Lehre bei Döling, Rohr- und Kupferschmied, am Hafen, und sagte uns während des Essens immer solche Sprüche, weil wir meist das Gemüse auf den Tellerrand gelegt haben, statt es zu essen. Da hat er gesagt: „Ihr habt noch nie gehungert. Wir sind in der Seifenfabrik gewesen, die Knochen, das stank und lebte von Maden, da sind wir hin und haben noch versucht, einen Rest Fleisch aus den Knochen zu pulen.“ Das haben wir natürlich alles nicht geglaubt. Aber das war so.

Was hat mein Vater immer gesagt? „Hein, du bist kein Kasper! Bevor was losgeht, haust du dem anderen eine rein, hinterher kannst du dich immer noch entschuldigen!“ Er ist nämlich von seinem Opa erzogen worden. Mit Prügel. Aber es hat auch nicht viel genützt, und wissen Sie warum? Vadder war nachher im Hafen als Schauermann. Und so ein Kleiner, wenn der nicht die Leistung bringt wie die anderen sie bringen, dann jagen die ihn von Bord, Punkt 1. Punkt 2: Mich haben sie auf dem Schiff „Hein Vierkant“ genannt. Ich war mal ein ganz stolzer Kerl!

Auf jeden Fall war mein Vater später Decksmann, der immer sagte oder vor allem Handzeichen gab für: „Hoch, runter, stopp, weiter raus, weiter rein,“, weil der Kranführer ja nicht in die Schiffsluke gucken kann.

Mein Vater wurde manchmal auch provoziert. Ob das wegen seiner geringen Körpergröße war? Der hat sich aber sofort gewehrt. Jedenfalls war unser Nachbar in Rödemis ein Bäcker, ein jüngerer Mann, athletischer Typ. Ich weiß nicht, was der hatte, ob das um seine Frau ging oder was das war. Mein Vater bot ihm an, ich denke, ich höre nicht richtig: „Komm‘ rüber, ich haue dir eine in die Schnauze oder ich hüpfe über den Zaun, wenn du den Mund nochmal aufmachst!“

Die Honiggeschichte wollte ich noch etwas ergänzen. Auf dem Regal stand nun der Honigtopf, den mein Opa mitgebracht hatte. Ich habe das Glas genommen, und das ist mir mehr oder weniger entgegen gefallen. Nun war ich voll gekleckert, ich sollte aber den Honigtopf reinbringen. Und denn habe ich natürlich geleckt und geleckt und geleckt und gewaschen, denn bin ich rein gekommen, habe den Topf auf den Tisch gestellt und im selben Moment hat Opa mir eine rein gehauen, ich hing in der Garderobe. Hinter der Tür war die Garderobe. Und Oma schrie auf. Opa meinte: „Ich habe dir gesagt, geht nich‘ dabei! Egal, was du erzählst: Du gehst nich‘ dabei, habe ich gesagt.“ Da war ich froh, dass ich in der Garderobe gehangen habe, da ist das meiste in den aufgehängten Klamotten kleben geblieben. Der hörte ja nicht wieder auf, der Alte! Aber ich habe das nicht als furchtbar angesehen, sondern: Was mich nicht tot macht, macht mich stark.Wenn ich als „Zwerg“ auf dem Schiff Schwäche gezeigt hätte, dann hätte ich Spießrutenlaufen machen müssen.

Das war bei der Bundeswehr auch. Ich komm‘ da rein, irgendwer sagt irgend etwas „Zwergiges“ oder irgendwas Dummes. Da habe ich ihn gleich geschnappt, über‘n Tisch, und mit dem Kopf an den Blechschrank gedrückt. Ich fragte: „Jungs, is‘ noch was? Hat einer Probleme mit mir?“ Da war Ruhe. Dann haben sie nachher alle gesagt, ich sei wie ein Terrier.

„Hein im Glück“

Wenn Sie sich weiter mit mir unterhalten, wird Ihnen aufgehen, dass ich „Hans im Glück“ bin, ein Leben lang. Das war schon gut, vor allem nach dem Krieg, als keiner was hatte. Allerdings leide ich heute noch darunter, obwohl Mutter schon lange tot ist: ich hätte gerne mal mit ihr geschmust, wäre gerne gestreichelt worden und ich hätte gerne mal gehört: „Du bist mein Schatz! Ich liebe dich!“, was auch immer, oder: „Ich bin froh, dass ich dich habe, weil du mich so unterstützt.“ Nichts! Der Jürgen kippt den Aufbau vom Küchenschrank um, weil er von oben ein Band holen wollte. Zum Glück sind die Müllmänner da. Ich sagte: „Könnt Ihr mir schnell mal helfen?“ Die hatten wohl meine Panik gesehen. Da hatte Jürgen natürlich alles mit raus gerissen, Teller und Tassen… Und den Aufbau haben die dahin gestellt und im selben Moment kommt Mutter. Es war Sommer, ich habe nur eine Badehose an, und: „Was ist hier los?“ Mutter hat sich aufgeregt! Und als ich an ihr vorbei will, ich wusste, die prügelt, da haut sie mir mit der flachen Hand auf den Rücken, auf den Sonnenbrand. Dann haben die Männer gesagt:

„Grete, das tut doch nicht nötig.“ „Das geht dich gar nichts an, sonst kriegst du auch noch eine rein!“ Das war meine Mutter! Das hat sie zu den Müllmännern gesagt.

Und was ist da auf der Strecke geblieben? Alle „Jungs“ schimpfen jetzt, im Alter, wenn man sich telefonisch unterhält, über dieselben Sachen: keine Liebe, keine Zuwendung, kein Nix. Es war auch keine Zeit. Die fingen ja in Rödemis bei Null an. Wenn Obst und Gemüse reif wurde, in unserem Garten, dann musste das auch gleich eingekocht oder auf dem Markt verkauft werden.

Meine Mutter war unheimlich fähig. Irgendwann kam sie nach Hause mit den Ausgehklamotten der englischen Soldaten, u. a. Mäntel von den Tommys. Deshalb bin ich aufmerksam geworden, ich war ja immer in der Nähe, hatte immer Elefantenohren, wenn zwei Erwachsene da waren. Und dann fragte mein Vater: „Wat schleppst du denn doa an?“ „Das kann ich gebrauchen.“ „Wat mokst du damit?“ „Du wirst dich überraschen lassen müssen.“ Da habe ich mich gewundert, dass der Alte ruhig geblieben ist. Aber den Alten haben wir geliebt, meine Güte!

Da hat sich meine Mutter nachts hingesetzt und hat aus den Uniformen Kleidung genäht, für die Kinder. Das war doch so eine Art Stoff, der ähnlich war wie Filz. Daraus wurden die Hosen gemacht und aus diesem Trenchcoat schneiderte sie kurze Jacken. Und dann hat sie uns vier Jungen hingestellt, wir hatten die Sachen an und hat uns fotografiert. Das Bild habe ich leider nicht mehr, dafür aber ein anderes.

Vier Brüder: Jürgen, Rudolf, Heinrich und Günther

„Liebesbeweise“ meiner Mutter

Meine Mutter achtete darauf, dass mein Vater immer chic in Schale ging, sein Bärtchen, die schwarzen Haare, blaue Augen, das haben wir als Kinder immer schon beobachtet, wie die Weiber hinter ihm her waren. Und nach dem Krieg, das erste Geld nach dem Krieg, hat meine Mutter mit Medikamenten verdient. Die hatte Beziehungen in Hamburg zu Penicillin. Das hat sie dann teuer verkauft oder getauscht unter bestimmten Umständen.

Mein Vater hatte also einen beigefarbenen Anzug, einen blauen Anzug und diesen Anzug, der musste immer vom Schneider gemacht werden. Dann die Schuhe!

Da habe ich mich mal beklagt, da kriegte ich Stiefel. Das erste Mal selbst gemachte, Hand gemachte Stiefel. Dann kriegte ich eine Lederhose. Das war ihr „Liebesbeweis“. Das hat meine jetzige Frau mir klar gemacht, warum ich so beschenkt worden bin. Ich hatte das erste Fahrtenmesser, das erste Fahrrad, die ersten Schuhe, die erste Lederhose. Sie hat mir das auf ihre Weise gezeigt. Ich darf nicht mehr über meine Mutter schimpfen, sagt meine Frau, aber ich glaube, sie hat auch recht.

Hein als Junge mit seiner Lederhose

Zum Beispiel hatten wir ein Stückchen weiter weg ja dieses Barackenlager. Da waren die aus dem Osten - Polen genannt, aber das waren ja Ostpreußen, das wurde nachher erst Polen. Und um mit denen nicht verwechselt zu werden, habe ich immer gesagt, wenn einer gefragt hat: „Wo kummst du her, wat bist du für einen?“ „Heinrich Lich, in Hamburg geboren, ‘n Utgebombten.“ Da warst du eine ganze Klasse besser. So war das doch. Die anderen waren Flüchtlinge, und wir waren Ausgebombte. Jetzt haben wir Kinder ja getobt und jetzt hatte ich plötzlich ein Fahrtenmesser. „Zeig‘ mal,“, das ging durch alle Hände. Die Hose habe ich so lange getragen, dann konnte man sie umschlagen, an der Seite war geflochten, so zusammen gebunden, geschnürt, dann habe ich die Bänder da raus gezogen, damit die Beine noch da durch passten, die passenden Hosenträger dazu.

Das erste Fahrrad, das musst du dir mal vorstellen, da gab es überhaupt wenige, und dann waren das solche Klapperkisten. Und dann haben die Mägde, um die Milchkannen da reinhängen zu können, sind sie dann mit diesen Fahrrädern zur Meierei geschoben. Und ich habe gemerkt, damit kannst du Anerkennung gewinnen… Als ich meinen Meister hatte, bekam ich die neue Wohnung. Nachher, als ich den anderen Job hatte, bekam ich ein Haus und ein großes Auto, wahrscheinlich auch mit Berechtigung.

Meine Mutter und der „Udel“

Ich habe mich auch mal für meine Mutter geschämt.Wenn du von Husum nach Rödemis wolltest, musstest du unter dem Bahnhof durch einen Tunnel gehen, wo solche Bügel waren. Oben waren die Bahnsteige, ein Stückchen weiter war der eigentliche Bahnhof, du musstest aber immer erst da durchgehen. Und du solltest da nicht Rad fahren. Aber links und rechts waren Abläufe, und da liefen immer Ratten längs, denn auf der anderen Seite, noch in der Husumer Gegend, hatten die wilde Müllhaufen hin gekippt. Und die Ratten liefen da immer rein, weil das feucht und dunkel war. Auf der anderen Seite ging es dann ein bisschen hoch. Und da waren die Lampen, die mit dem Gitter davor, eine auf der Seite, eine hier, aber bei 100 Metern kannst du das vergessen. Da siehst du die Lampe nicht, sondern nur die Tunnelöffnung. Du konntest nichts sehen, außer, wenn dir einer entgegen kam und es noch taghell war. Dann konntest du da hinten einen Schatten sehen.

Und Mutter ist da, trotz des Verbotes, mit dem Fahrrad gefahren, weil sie Angst vor den Ratten hatte, und ich trabte neben ihr her. Und dann erschreckte ich mich, weil da ein „Udel“8 steht. Die sind ja damals noch in Blau gelaufen, die Polizisten, mit silbernen Knöpfen. Der machte die Lampe an, die haben ja Grün, Rot und Weiß, das konnte man verschieben. Der machte jedenfalls die rote Lampe an, hielt sie an und sagte: „Grete, jetzt habe ich dich erwischt!“ Und sie dachte, er macht Spaß und meinte: „Ich bin so schlecht zu Fuß und froh, dass ich ein Fahrrad habe und dann heißt das immer, hier sollen Ratten sein.“ „Nee, jetzt bezahlst du fünf Mark.“ Sie stellte das Rad an der Wand ab oder hielt es mit einer Hand. Es kann auch sein, dass sie zu mir sagte: „Halt mal fest!“ Ich weiß das gar nicht mehr, weil ich denke, was kommt denn jetzt? Mutter fängt an, wütend zu werden, weil ihr nicht gefiel, was der Polizist zu ihr sagte. Ich merkte das, ich kannte meine Mutter ja. Und der „Udel“ hatte ja erst so einen lieblichen Ton gehabt und plötzlich wurde er dienstlich. Auf jeden Fall, springt meine Mutter dem Polizisten vor die Brust und haut ihm rechts und links welche in die Schnauze, mit dem Handrücken, wie sie das mit uns auch gemacht hat, wenn ihr was nicht passte: „Das hat ein Nachspiel!“ „Du kannst mich mal! Du Idiot!“ Also, ich kriegte so einen Kopf, bin erst mal weg gelaufen Jetzt habe ich gedacht, die sperren sie ein. Das haben wir immer gedacht, wenn irgendwas war, dann geht man gleich in den „Knast“. Dass es noch ein Gericht gibt, das wusste man als Kind nicht (lacht).Was ist dabei raus gekommen? Ich weiß es nicht, ob sie dafür eine Strafe bezahlt hat!

Das hat sie später gar nicht erzählt, aber ich habe das meinem Vater erzählt. Da meinte er: „Damit musst du rechnen! Bei Grete musst du mit allem rechnen!“

Ich bin mit meiner Mutter nie mehr losgefahren. Der Polizist hat mich später wieder erkannt. Das erzähle ich in der nächsten Geschichte.

„Ich habe hier eine Bombe!“

Weil wir gerade bei der Polizei sind: Wir haben doch so viel Platz gehabt, weil das Grundstück so groß war. Und meine Eltern haben dort einen Schrotthandel eröffnet. Deswegen hat Mutter doch gesagt: „Wenn Ihr Schrott findet, macht mal Reklame, das kriegen wir bezahlt.“ Wir waren die Reklameträger. Und dann brachten die größeren Jungs alles aus den Gräben mit, weil die Soldaten doch alles weg geschmissen haben, als nachher die „Tommys“ kamen.

Für alles, was sie brachten, kriegten sie ein paar Pfennige von meiner Mutter. Das war der Herr K., der Großhändler, für den der Schrott war. Deswegen kannte man sich. Und den LKW, den Vater ja als Erster in Husum von den Tommys bekommen hat, weil er ja die zwei Jahre in Fuhlsbüttel, im KZ, als politisch verfolgter Kommunist gewesen ist, den konnte man gut für den Schrotthandel gebrauchen.

Dann habe ich meine Eltern gefragt, das haben die Jungs gehört, die Jüngeren, ich war von den sechs Jungs ja der Älteste, aber der Kleinste: „Mutter, wenn wir Metall mitbringen, kriegen wir das auch bezahlt?“ „Natürlich. Wenn die anderen Jungs Geld von mir kriegen, dann könnt Ihr das auch kriegen.“ Gut. Dann fanden wir mal im Graben eine Jacke und einen Gürtel, so eine Trommel, in der die Gasmaske drin war, oder einen Stahlhelm. Irgendwo hast du immer was gefunden.

Eines Tages habe ich, das wusste ich aber nicht, eine Granate gefunden, 10,5 cm, von der Artillerie. Später habe ich ja meinen Wehrdienst bei der Bundeswehr abgeleistet, seitdem kenne ich die ganz genau (lacht). Ich schleppe mich ab und komme nach Hause und dachte: „Das gibt Geld, Mutter!“ Und Mutter geriet gleich in Panik: „Hein, lass‘ das ganz langsam runter, langsam ablegen.“ Vater hat uns beobachtet, kommt raus und guckt sich das Ding erst mal an und sagt: „Ich hole eine Tasche und dann bringst du das zur Polizei! Aber ganz vorsichtig!“ Dann komme ich bei der Polizei rein, da war die Wache gegenüber dem Bahnhof neu errichtet worden und überhaupt hat Husum sich später ganz toll entwickelt. Und am Fenster, wenn du die Treppen hoch gehst, schiebt der das Fenster auf und fragte: „Na, Jung‘, was haben wir denn da?“ Ich antwortete: „Ich habe hier eine Bombe!“ „Du und eine Bombe! Dann komm‘ mal rein mit deiner Bombe!“ Dann komme ich da rein und rolle das Ding aus der Tasche raus, weil mir das zu schwer war, das anzuheben. Da macht der einen Satz bis an die Tür und schreit. Und schon laufen welche zusammen. Er meinte: „Jungs, Vorsicht! Das ist eine Granate. Die ist noch scharf, guckt euch das an, die ist noch bunt!“ „Das hast du gut gemacht. Geh‘ nach Hause, sag‘ deinen Eltern, das ist hier gut angekommen.“ Das war das erste Mal, dass ich überhaupt etwas mit der Polizei zu tun hatte, ich persönlich. Das andere war immer von anderen.

Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt

(Aus dem Talmud)

Der Herr K., der den Schrottgroßhandel hatte, war auch derjenige, dem der Muschelkutter gehörte. Wenn Sie mal nach Husum fahren, an der großen Ecke, hier geht es zum Hafen, da ist so ein großer Fischladen, in dem viele Touristen gut und gerne essen. Das Ganze gehörte ihm und das Nächste gehörte ihm, und da hinten wurden früher die Felle gesalzen und stanken so schön. Und im Binnenhafen lagen die Kutter nebeneinander. Dann musste die Eisenbahnbrücke hoch geklappt werden, dann konnten die nacheinander durch. Das wurde nachher verlegt, da wurde die Werft nach draußen verlegt, der Fischereihafen zur Seite verlegt, eine Fischersiedlung gebaut und anderes mehr.

Es war verboten, auf den Schiffen zu toben, aber wir haben auf den Schiffen getobt: „Wir sind die Piraten!“ Da lagen ja drei Schiffe nebeneinander. Plötzlich fiel der Junge von Herrn K. – der hatte so viele Töchter und einen Jungen, und der Junge war in meinem Alter -, der fiel ins Wasser und den kriegte ich an den Haaren zu fassen. Jetzt hatte ich mich so weit vorgebeugt, dass ich schreien musste, damit mir jemand hilft. Ich habe ihn hoch geholt, ich konnte nicht mehr, du hast an den Füßen kein Kontergewicht. Da sind die gekommen und haben mir geholfen, den Jungen da raus zu kriegen. Die Schiffe laufen doch spitz zu, und das war so dicht, so wenig Platz, er hätte sich gar nicht bewegen können, der wäre ertrunken. Er war ja schon untergegangen, aber als er wieder hoch kam, habe ich ihn fest gehalten. Jetzt wurde gepetzt, zu Hause. Meistens gehorchten wir ja, weil wir ja in der Schule und zu Hause Prügel kriegten, das war ja üblich, in der Zeit. Ich habe nichts gesagt, war alles in Ordnung.

Die Jungs petzten, und jetzt habe ich gedacht, es gibt ein Donnerwetter. „Was hast du gemacht? Du hast ihm das Leben gerettet, dem K.-Jungen?“ „Ja, Mutter!“ „Wasch‘ dir den Hals, die Hände und dann zieh‘ dich an, wir fahren nach Husum!“ Plötzlich dreht „die Olle“ durch oder was? Na gut, ich habe mich schnell fertig gemacht. Sie geht zu K., in den Laden, ins Büro, und schreit ihn an: „Jetzt kannst du glücklich sein!“ „Was heißt das, Grete, was machst du hier für einen Radau?“ „Hier, mein Junge, mein Junge hat deinem Jungen das Leben gerettet.“ „Wie hat er das denn gemacht?“ „Er hat ihn aus dem Wasser gezogen, als er zwischen die Schiffe gefallen ist.“ Der Mann brach fast zusammen, das habe ich beobachtet. „Komm‘ mal her, Junge,“, sagt er, „Ihr habt verbotenerweise auf den Kuttern gespielt, nich‘?“ „Ja,“, sagte ich und habe gewartet, was da kommt. Und da meinte er zu mir: „Eine große Tat bedarf einer großen Geste. Du weißt doch, wo das Uhrengeschäft ist. Da rufe ich jetzt an, und da suchst du dir eine Uhr aus, eine Armbanduhr. Das ist jetzt Mode. Taschenuhren nimmt man nicht mehr.“

Da bin ich da hin und habe mir meine allererste Uhr, eine Kienzle, eine viereckige, ausgesucht. Mir wäre lieber gewesen, meine Mutter hätte mal gesagt: „Hein, das hast du gut gemacht,“, egal, was ich gemacht habe. Wir haben entweder, wenn wir von ihr sprachen, Grete oder „die Alte“ gesagt. Die wurden ja alle so „bedient“.

Opa war mein Held

Ich kenne Opa nur im Anzug. Darunter trug er eine Weste mit einer quer über den Bauch hängenden Uhrenkette. Dabei paffte er dicke „Hammerstiel“-Zigarren. Den Rest von der Zigarre hat sich Opa dann in die Pfeife gestopft. Und dann kochte das da drin, dabei entstand so ein komisches Geräusch. Dass der damit noch 88 Jahre alt geworden ist…

Wenn Opa raus ging, hat er sich seine Mütze genommen, so eine flache Schlägermütze und hat seine „Salamander“-Stiefel angezogen. Wenn die Hose über dem Stiefelschacht drapiert war, dann sahen die aus wie Halbschuhe, wie Ausgehschuhe. Davon hatte er mehrere Paar, eins für den Garten, zum Angeln oder wenn er ausgehen wollte. Da gab es damals immer Hefte von „Salamander“, in dem der Salamander seine Geschichten erzählte.

An der Ecke, wo wir wohnten, war ein Friseur. Opa ging regelmäßig einmal im Monat zum Friseur und ließ sich seine Glatze und sein Gesicht rasieren. Er ging auch mit so einer Bartbinde ins Bett. Die kam so hinter die Ohren, dann hier drüber, quer unter der Nase. Da waren so Dellen drin, die Mund und Nase frei ließen. Da musste ich immer lachen, wenn ich das sah.

Dann gab es nebenan einen großen Birnenbaum. Und der Birnenbaum gehörte dem Friseur. Da hat der sich bei Opa darüber beklagt, „dass die Gören die Birnen vom Baum schütteln. Dabei liegen doch unten so viele reife, die können sie alle aufsammeln. Die sind doch nicht alle schlecht.“ Daraufhin fragte Opa mich: „Hast du auch welche runter geholt?“ „Nee.“ „Hast du mit aufgesammelt?“ „Ja, die eine oder andere, wenn sie tipptopp in Ordnung war.“ Dann haben wir uns unter den Birnenbaum gestellt, da, wo der über dem Bürgersteig wuchs, und Opa haute plötzlich einfach kommentarlos mit seinem Handstock gegen den Ast, dann fielen die Birnen da runter. „So,“, sagte Opa, „jetzt sammelst du die von unten auf. Dann kann dir kein Nachbar was anhaben! Die hast du ja von unten aufgesammelt!“

Neben uns stand die gleiche Villa, wie die, in der Opa wohnte. Das waren drei oder vier gleiche Villen. Und die Parterrewohnung war so groß: vorne war die Stube, dann waren da zwei Schiebetüren in der Wand, da war ein Schlafzimmer, dann hatten die noch eine Küche und eine eigene Toilette, noch zusätzlich. Und da hinten war, neben der Küche noch eine weitere Küche, so eine Gesindeküche war das. Die hat man Opa, zusammen mit einem großen Zimmer, dazu gegeben. In diesem Zimmer waren ein Kleiderschrank, ein Doppelbett, ein Sofa, ein Ofen, ein Wäschekorb, ein Wassereimer, denn Opa wollte nicht immer in die Küche laufen. Deswegen hatte er immer einen Eimer voll Wasser da stehen, wenn er gekocht hat, oder wenn er was brauchte, hat er das da raus genommen. Sonst musste ich mit ihm immer morgens dahin, dieses eiskalte Wasser aus der Gesindeküche holen, da gab es einen Wasserhahn. Und Opa sagte: „Hein, stell‘ dich nicht an! Wasch‘ dich, mach‘ deinen Oberkörper nass!“ „Huuuuh!“ Dann hat mich Opa mit einem Schwung darunter gehalten und secht: „So, jetzt wirst du frisch. Jetzt wirst du wach! Und in Zukunft machst du das ohne mich!“ Das habe ich nicht gemacht, ich habe die Hände gewaschen und das Gesicht ein bisschen, Zähneputzen, und dann war das für mich in der Woche erledigt. Badetag war Sonntag, mit Warmwasser.

Opa nahm mich überallhin mit, zum Einkaufen in verschiedenen Geschäften. Zum Beispiel zahlte er beim Kolonialwarenhändler Wolf mit einem 100-Dollar-Schein. Dazu komme ich aber noch.

Oma und Opa haben jeden Tag mit mir Schularbeiten gemacht, egal, ob ich geheult habe, wollte oder nicht. Die waren lieb, haben mir aber auch Disziplin beigebracht.

Opa hat mir erklärt, was Lebensplanung ist und hat mir Vor- und Nachteile aufgezeigt, wenn man bestimmte Entscheidungen trifft. So fragte er mich eines Tages: „Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, wie du dein Leben gestalten willst?“ „Nein.“ „Dann fang mal an! Was möchtest du mal werden? Wo willst du mal leben? Die Welt ist groß und Rödemis zu klein, um hier etwas zu werden.“

Oder Opa fragte: „Was für eine Frau möchtest du später mal heiraten?“ Antwort: „Schön soll sie sein.“ Da meinte Opa: „Das Äußere ist wichtig, aber der Charakter ist wichtiger.“ So berichtete er mir über die Unterschiede der Menschen, insbesondere der Frauen!“

Dann riet er mir: „Beobachte die Handwerker, was sie machen und wie sie es machen.“ Und er gab mir noch folgenden Ratschlag: „Du kannst klauen, soviel du willst, aber nur mit den Augen.“

Opa wohnte in der Woldsenstraße, und ich ja auch. Parallel zur Woldsenstraße gab es eine Straße, da steht noch ein Kloster. Neben dem Kloster ist ein uralter Friedhof. Und auf diesem Friedhof ist das Grab von Theodor Storm. Dieses Grab haben Opa und ich regelmäßig besucht. Und dieses Grab war ein viereckiger Klotz, von der Straße aus auch zu sehen.Theodor Storm hat ja am Hafen gewohnt, sein Haus ist jetzt begehbar und inzwischen ein Museum. Und auf diesem alten Friedhof sind wir beide nachts mit der Taschenlampe rumgelaufen, und Opa hat mir beigebracht, wie man Würmer fängt. Da gab es Riesenwürmer, und wir wollten doch Aale fangen. Und dafür mussten wir vorher Würmer suchen. Da sind wir auch oft zu Fuß zum „Sielzug“9. Und der Sielzug war an manchen Stellen breiter und ein beliebter Angelplatz, auch für uns zum Baden.

Opa ist ungefähr um 3 oder 4 Uhr aufgestanden. Abends hatte er schon gefragt: „Hein, willst du mit?“ „Ja.“ Und dann hat er gedacht, ich werde wohl durchschlafen und das gar nicht merken. Er ist also ganz langsam aufgestanden und hat sich fertig gemacht, Brot und Kaffee in einer Thermoskanne mitgenommen. Ich rief dann: „Opa, ich will mit!“ Und dann mussten wir eben zu Fuß durch ganz Husum durch marschieren und dann hinten irgendwo raus, bis wir an das Siel kamen. Dann hat er so eine große, dicke Joppe gehabt, wo hier Taschen drin waren und da Taschen drin waren, dreiviertel lang. Dann hat er die als Erstes ausgelegt, ich habe mich da rein gerollt, ich war ein kleiner Steppke, dann habe ich mich auf die eine Seite rauf gelegt und mit der anderen Seite von der Jacke zugedeckt und habe noch geschlafen. Und Opa hat alles fertig gemacht.

Die Gräben haben als Abschluss zum Siel, damit das nicht trocken fällt, auch im Sommer nicht – gerade im Sommer nicht – einen dicken Balken. Da sind die Leute auch von einer Wiese zur anderen gelaufen. Und an dem Balken sind unten Bretter angebracht, so dass das überschüssige Wasser oben drüber weg läuft, in den Siel rein. Und da habe ich mich auf diesem Balken dem Inhalt des Grabens zugewendet. Das wimmelt ja von allem Möglichen da: Käfer, kleine Fische, ich wusste damals nicht, wie die Tiere alles heißen und was das alles war. Und ich habe ja immer gerufen, was ich da alles gesehen haben: „Guck‘ mal Opa, hier! Hast du das gesehen?“ Und dann sagte Opa eines Tages zu mir: „Pass‘ mal auf, dass du da nicht reinfällst!“ Der hatte noch gar nicht ausgesprochen, da war ich schon kopfüber ins Wasser gefallen. Da war ich so acht Jahre alt. Und der Weg dahin war so weit, wenn ich da ankam, war ich halbtot. Dann habe ich mich nach einer gewissen Zeit wieder aus der Joppe gerollt und bin aufgestanden. Opa hatte auch Weißbrot mitgenommen, Kügelchen geformt, um kleine Fische zu fangen und mit den kleinen Fischen die großen. Ich habe alles Mögliche da beobachtet, ich war unheimlich wissbegierig, und einmal habe ich gesehen, wie auf der anderen Seite eine Ente schwimmt und sieben bis acht Kleine hinterher. Plötzlich machte das immer so ein komisches Geräusch, so ein Plätschern. Da meinte Opa zu mir: „Hein, hast dat säh‘n? Dat war de Hecht.“ „Was denn, Opa?“ Da hat sich der Hecht die letzte kleine Ente geholt. „Warte mal,“, meinte Opa, „damit ist der nicht zufrieden, der kommt gleich wieder.“ Opa hatte noch nicht ausgesprochen, da hat sich der Hecht die zweite kleine Ente geholt.