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»'Shame on' alles, was uns beschämt und bedrückt, was uns klein hält oder die Sprache verschlägt!« Lisa Ortgies Wenn wir Frauen in unserer Lebensmitte jedes weitere Jahr feiern, statt auf graue Haare zu warten, werden ungeahnte Kräfte frei! Jetzt beginnen die verheißungsvollsten Jahre! Wir haben die Rushhour überlebt, sind klüger geworden und haben die ersten Tiefschläge hinter uns gelassen. Warum schleicht sich dann bei Frauen jenseits der fünfzig trotzdem so oft diese große Verzagtheit ein? Es ist an der Zeit, den Neustart im Job, in der Liebe und in Freundschaften zu wagen! Lisa Ortgies sagt "Scheiß drauf"! Jetzt ist der Moment, die Person zu sein, die wir schon immer sein wollten. Selbstironisch, messerscharf und wortgewandt resümiert sie, wieso Hitzewallungen nicht gelöscht werden müssen und die Menopause das Tor zur großen Freiheit ist, warum Frauen ein Dasein als Projektionsfläche führen und weshalb wir (oft) keine Ahnung haben, was in uns steckt. Ganz nach dem Motto: Mit 30 wusste ich, was ich will, mit 40 wusste ich, was ich kann und mit 50 weiß ich, wer ich bin! Das humorvolle Stimmungsbild einer Generation emanzipierter Frauen in der zweiten Lebenshälfte.
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Seitenzahl: 444
Veröffentlichungsjahr: 2024
Lisa Ortgies
Liebe, Wut und Leben für Fortgeschrittene
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Wenn wir Frauen in unserer Lebensmitte jedes weitere Jahr feiern, statt auf graue Haare zu warten, werden ungeahnte Kräfte frei! Wir haben die Rushhour des Lebens überlebt und die ersten Tiefschläge hinter uns gelassen – jetzt ist der Moment, die Person zu sein, die wir schon immer sein wollten.
Selbstironisch, messerscharf und wortgewandt resümiert Lisa Ortgies, wieso Hitzewallungen nicht gelöscht werden müssen, warum Frauen ein Dasein als Projektionsfläche führen und weshalb wir (oft) keine Ahnung haben, was in uns steckt.
Das humorvolle und einfühlsame Stimmungsbild einer Generation emanzipierter Frauen in der zweiten Lebenshälfte.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
1 Bin ich älter?
Now or never?
Wollen wir zusammen springen?
Alterslose Tante Hille
Alte weiße Frauen?
Jung gegen alt? Oder umgekehrt?
Ich bin meine eigene Zielgruppe
Wie läuft die denn rum?
2 Bin ich mein Körper?
Der Weg ins Wasser
Schamscrawling
Instascham und Botoxstolz
Lächellähmung und andere Lügen
Kältetote Fettzellen
Gemacht oder nicht gemacht – das ist hier die Frage …
Woman on Crossfire oder: Ich bin mehr als meine Hormone
Serpentinen und Selbstwahrnehmung
Schachtelkranz und Torschlusspanik
How to set women on fire
Chiacracker oder Cremant
Die überfällige Revolution
Eva macht’s vor
Sind das die Wechseljahre oder: Ist das Leben ein Arschloch?
Wutmamis oder: Naschen am Büfett
3 Bin ich wütend?
Who run the world? Girls?
Robbis Wutmonster
Ausflippen
Lächeln gegen Wutfalten
Diss-Tracks und Mad Women
Fake-Lächeln und Emotionsarbeit
Wutdeckel und Surface Acting
Emotionsarbeit in der Economy Class
Willkommen im Deutsche-Bahn-Wutraum
Spaß beiseite
Ab in die Ecke
Breathe, Baby!
Die Klügere gibt lieber nicht nach
Von den Alten Wut lernen
MILWs – Mothers I’d like to see wrestling
MeToo Retro
Ob ich ohne Uniform auch so sexy aussehe?
Grab him by the balls
Denn sie wissen nicht, was sie tun?
Noch nicht quitt
Wo geht man denn heute so hin?
Der Schwanz in meinem Rücken
Weibliche Patriarchen
Die Eier der Chrissie Hynde
4 Sollte ich Arbeit loswerden?
Lieblosstrategien
Verhaltensstarre und Putzreflexe
Magische Wäschekörbe und Elternrache
Wäsche im Ofen und nächtliche Küchenorgien
Wellnesswochenenden gegen die Wut
Curling Mom am Livestandort
5 Sollte ich mehr Kohle sehen?
Nobelpreiswürdige Lücken
Wünschen kann man sich alles
Paralleluniversum Landfrauen
Nicht gelebtes Leben
Abgesichert. Für den Todesfall
Tradwives essen Blattgold
6 Will ich Männer verstehen?
Die Verwandlung des Mike Tyson
Zwischen Selbstentwertung und Manosphere
Beschämte Männlichkeit
Gefühlsverlust und Panikattacken
Männer, die sich selbst verstehen
7 Kann ich lieben?
»Ei, ei, ei, was seh ich da? …«
Lex Barker am Wählscheibentelefon
Mein Gorilla
»Gender Fun Gap«
Magic Mike
Fifty Shades of Men
Love Fomo
Lernen vom Ex
Alle möglichen Lieben und warum eine nicht (annähernd) alles kann
Verliebt, verlobt, verheiratet, getrennt, nicht entliebt, weiter verheiratet?
Simone
Geheime Innenwelten
Liebe durch Neugier
Geheimnisse unter Paartherapeut:innen
Riskantes Geständnis
Plötzlich die Grätsche
Dating-Burn-out
Nackte Kanonen
Guilty Pleasures
Kleiner Exkurs zu Lust und Macht
Abgerissene Träume und Metamorphosen
»Wofür brauchst du mich in deinem Leben?«
8 Kann ich loslassen?
Warum ich Fotorückblicke hasse
Unfall in Zeitlupe
Rosa Neuronen
Boxen am Boden
Gelöschte Paaridentität
Stumme Bilder
Unsichtbare Mutter
Eine, die mit Stöpseln im Ohr auf einem Elektroroller Schlangen fährt, im Takt zu Murder on the Dancefloor von Sophie Ellis-Bextor, die mit der Tür ins eigene Haus fällt, weil sie sich beim Aufschließen auf Augenhöhe mit dem Türschloss begibt und das Ding plötzlich nachgibt, die nach dem Reinstolpern von der gegenüberliegenden Wand abgefangen wird, den Mantel zu Boden gleiten lässt, beim Versuch, die Stiefel im Stehen auszuziehen, fast lang hinschlägt, dann auf Socken Richtung Küche tänzelt, inklusive einer riskanten Drehung im Flur; die schließlich den Kühlschrank aufreißt, eine Packung vegane Mortadella und ein Glas Cornichons findet, beides öffnet, ungefähr fünf Gürkchen mit zwei Fingern rausfischt, jedes mit einer Mortadellascheibe umwickelt und diese Minirouladen verschlingt, ohne abzubeißen; eine Frau, die zuschaut, wie sich eine Aspirin plus C in einem Glas mit Diätcola auflöst, und mit dieser Mischung die Gurkenreste runterspült, danach die Musik aus ihren Stöpseln bis zum Anschlag aufdreht, den Tisch in der Wohnküche zur Seite schiebt, um mehr Platz zu haben, und dann ungefähr zwei Stunden über das Parkett gleitet, hüpft und stampft, schließlich ins Bett fällt, mit dem Kopf in den Kissen die Kontaktlinsen rausfummelt, nahezu bewusstlos einschläft und nach dem Aufwachen erst mal ein paar Freundinnen abtelefoniert, um zu rekonstruieren, was in der Nacht zuvor alles so passiert ist. Weil sie mit einem ausgewachsenen selbst verschuldeten Filmriss zu kämpfen hat.
Auf welches Alter schätzen Sie diese Person?
Ich würde auf eine Städterin ohne Kinder in der ausgedehnten Adoleszenzphase zwischen Mitte 20 und Mitte 30 tippen. Einziger Hinweis auf eine andere Alterskohorte wäre vielleicht der Song, ein Tanzhit aus der Zeit der Jahrtausendwende.
Murder on the Dancefloor zählt zu meinen Lieblingsstücken aus dieser Zeit, mit einem festen Platz auf meiner persönlichen Everlasting-Party-Playlist, ein Song, der mich schon auf allen möglichen Tanzflächen zu Höchstleistungen angespornt hat.
An diesem Morgen, in der Blüte meiner spätpubertären Jahre mit 57, hatte ich einen Muskelkater und einen milden Hangover, dank Aspirin. Aufgewacht war ich von einem Krampf in einer meiner Tanzwaden.
Soweit es sich nachvollziehen ließ, war der Abend zunächst fröhlich, aber gesetzt verlaufen, ein Pop-up-Dinner für einen guten Zweck, bei dem ich ein paar nette neue Leute kennengelernt hatte. Irgendjemand hatte vorgeschlagen, noch weiterzuziehen, in einen Klub in der Nähe, wo ich möglicherweise das Durchschnittsalter etwas angehoben habe, aber hey, Tanzen verbindet die Generationen.
Etwas aus dem Ruder gelaufen ist das Ganze, als eine Runde Tequila bestellt wurde. Und dann noch eine … Tequilarunden gehören eigentlich zum kulturellen Vermächtnis der 90er-Jahre, und ich habe das Zeug damals schon nicht vertragen. Immerhin waren hier keine gleichaltrigen Zeugen dabei.
Ichbin wirklich nicht stolz darauf, mit 57 Jahren noch einmal in einem Klub abgestürzt zu sein, das wäre ja auch lächerlich, zumal ich mir mit so einer Nacht selbst schade, weil viel Alkohol und wenig Schlaf den Alterungsprozess nachweislich beschleunigen.
Andererseits steht ausgiebiges Tanzen und Lachen sowie anregendes Socialising ganz oben auf der Liste der Expertentipps, wenn man den Alterungsprozess verlangsamen möchte.
Ich beschließe, dass die letzten drei Punkte dreifach zählen. Denn ich fühlte mich an dem besagten Morgen insgesamt wunderbar, trotz Watte im Hirn und Krampf im Bein und obwohl mir nach und nach ein paar Momente einfielen, die ich im Selbstgespräch mit »Ach du Scheiße!« kommentieren musste.
Meine Stimmung war trotzdem deutlich besser als nach vergleichbaren Nächten mit Anfang 30, damals hätte ich den größten Teil des Restwochenendes mit Grübeleien darüber verbracht, was ich alles angestellt oder wer mich in welchen peinlichen Momenten gesehen haben könnte.
Heute habe ich sehr viel weniger Energie und Zeit für Selbstzweifel.
»Schlimm?«, fragte ich mein Spiegelbild und zupfte mir die blau schimmernden Kontaktlinsenreste vom Gesicht, auf denen ich offenbar eingeschlafen war. Und mein Spiegelbild antwortete: »Scheiß drauf!« Zumal es schwierig bis unmöglich ist, sich für etwas zu schämen, an das man sich kaum erinnert.
Ich musste über mich selbst schmunzeln und kichern, während ich die Klamotten vom Boden einsammelte, die Küche aufräumte und im Kühlschrank auf ein offenes Gurkenglas stieß, in dem rosa Wurstreste schwammen.
Zum ersten Mal, seit ich mit Teenagern unter einem Dach wohnte, freute ich mich über Partyspuren. Meine eigenen. Und ich beschloss, zukünftig ein Ritual daraus zu machen.
Um die Popheld:innen meiner Jugend für mich sprechen zu lassen: Time After Time (Cyndi Lauper) I Wanna Dance with Somebody (Whitney Houston), Footloose (Kenny Loggins), Becauseit Smells Like Teen Spirit (Nirvana), I’m So Excited, I just can’t hide it. I’m about to lose control and I think, I like it (The Pointer Sisters) und überhaupt, It’s My Life, it’s now or never, I ain’t gonna live forever (Bon Jovi).
Klingt banal, aber das habe ich erst Ü-50 wirklich verstanden, umso mehr kann ich solche Abende als späte Partynudel genießen.
Man verstehe mich bitte nicht falsch – um nichts in der Welt möchte ich zurück in meine Jugendjahre mit den Zweifeln und den Schamattacken und allem, was mit der Fähigkeit zur Fortpflanzung zusammenhängt. (Auch wenn ich gern dieselben Fehler noch mal machen würde. Nur bewusster.) Es gibt nichts Bedauernswerteres als Middle-Ager, die 30 Jahre später dort weitermachen, wo sie vor der Familiengründung aufgehört haben. Ich bin heute auf viele Arten ein anderer Mensch: klüger, ruhiger, größer, mitfühlender, und ich bin dabei, diesen typisch weiblichen Glaubenssatz abzuschütteln, wonach Selbstlob stinkt. In den letzten Jahrzehnten habe ich mich aber auch selbst aus dem Blick verloren und einen Teil meines Wesens in den Keller geschickt, der sich an einem Abend wie dem beschriebenen endlich wieder ans Licht wagte.
Ich fühle mich heute unbeschwerter, freier – jünger womöglich?
Die Forschung stützt diesen Eindruck, tatsächlich scheint die Zeit für uns zu arbeiten, denn von Generation zu Generation verjüngt sich die menschliche Spezies biologisch um fünf bis acht Jahre, weiß die Altersexpertin Ursula Staudinger. Auch ohne Botox und Hyaluron. Die Jahre zwischen 60 und 80 könne man demnach der mittleren Lebensphase zuschlagen. Das würde bedeuten, ich wäre noch nicht mal in der Lebensmitte angekommen.1
Der Genetiker Steve Horvath hat entdeckt, dass unsere individuelle biologische Uhr sogar Kapriolen schlägt und sich rückwärtsdrehen kann, auch wenn wir in stressigen Zeiten, bei Krankheit oder Trennung beschleunigt altern. Aber wenn Horvath recht hat, dann ist es egal, wie weit unsere persönliche Uhr in diesen Krisenzeiten vorspult. Sobald wir aus dem Sumpf auftauchen und wieder ins Gleichgewicht kommen, im Idealfall gereifter und lebenshungriger als zuvor, können wir die verlorene Zeit nicht nur wettmachen, sondern kriegen sogar noch einen Bonus obendrauf. Ich finde es tröstlich (und fair), dass wir nach durchgestandenen Krisen und Schmerzen unter Umständen mit einem biologischen Verjüngungsschub belohnt werden und trotzdem nicht auf wichtige Erfahrungen und eine neu gewonnene Gefühlstiefe verzichten müssen. Vielleicht funktioniert das eine auch gar nicht ohne das andere? Das wäre dann die biologische Variante eines positiven Karmas.
Einen Schritt vor, zwei zurück – wenn Entspannung, Albernheit, neue Menschen und viel Liebe helfen, das biologische Alter zurückzuspulen, dann müsste ich jetzt deutlich jünger sein als vor zehn Jahren.
Was nicht heißt, dass ich auch nur auf ein einziges von den 58 Jahren verzichten möchte, mag es manchmal noch so beschissen gelaufen sein. Ich genieße die Freiheit neuer Lebensumstände, in denen ich niemanden fragen muss, ob, wen oder wie viele Leute ich spontan einladen darf. Die mir erlauben, die Wohnküche stundenlang mit meinen Lieblingspodcasts zu beschallen oder mitten in der Nacht in eine Tanzfläche zu verwandeln. Ich umarme meinen Körper, der mich auf sechs Kontinente begleitet, diverse mitgeschleppte Viren wieder abgeschüttelt, der zwei Kinder ausgebrütet, mehrere Fehlgeburten und einen Infarkt überstanden hat. Der mit anderen mitschwingt, der Nähe so sehr mag und der meinen Bauchnabel zum Lächeln bringt, wenn ich in gutem Essen (bei Gelegenheit auch in Cocktails) schwelge. Der mir beigebracht hat, ihn besser zu lesen, auch wenn er dabei manchmal etwas brachial vorgegangen ist.
Ich feiere mein Hirn, das alle möglichen neuen Verzweigungen willkommen heißt, das sich an meiner Melancholie wärmt und immer noch neue Synapsen raushaut, die Kopf und Körper versöhnen und mich zuweilen sogar mit dem Rest des Universums connecten. Ich bewege mich mit großer Neugier und kribbelndem Wagemut auf die nächste 0 zu, and it feels like Walkin’ On Sunshine (Katrina & The Waves). Nicht immer, aber immer öfter.
Blöderweise stehe ich mit dieser Vorfreude ziemlich allein da. Seit die 58 voll sind, werde ich regelmäßig nach meinen Gefühlen angesichts der nächsten runden Zahl gefragt, meistens ist mein Gegenüber im selben Alter und verzweifelt genug, um sich von mir irgendeine blendende Idee zu erhoffen, wie sie die 60 möglichst würdevoll ignorieren könnte. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Nächste vorschlägt, dass wir zusammen aus dem Fenster springen.
An einem langen Wochenende mit mehreren gleich alten Frauen schleicht sich trotz Yoga und Disco früher oder später der ein oder andere Talk ein über Winkfleisch, Hängelider, Nasolabialfalten und Ähnliches. Der nächste Schritt ist oft ein vielstimmiges Lamento über diverse Verfallserscheinungen, das die Funktion hat, jeder einzelnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein ist. Mit ihren Selbstzweifeln. Im Idealfall sind sich alle einig, und das Thema wird gewechselt, um den Abend nicht kippen zu lassen. Weshalb ich immer so früh wie möglich mit einer Runde Komplimente für alle dazwischengrätsche in der Hoffnung, dass sich andere anschließen und am Ende jede mit einem Selbstwertbooster und leicht beschwipst ins Bett fallen kann.
Es gibt aber leider immer wieder Fälle, in denen es weitere Mühen erfordert, Einzelne bei Laune zu halten. Egal, was man als Vorzug oder Einzigartigkeit heranzieht, alles fällt in ein Fass ohne Boden oder wird verbal geschreddert. Auf einen Satz wie »Du hast so sinnliche Rundungen« folgt, leicht beleidigt: »Danke, mit etwas Übergewicht bleibt die Haut ja auch länger straff. Aber am Ende setzen sich doch die Falten durch. Da brauche ich mir nur meine Mutter anzuschauen.« Den anderen Frauen gehen nach und nach die Argumente und irgendwann auch die Komplimente aus, Resignation macht sich breit.
Bis ein Mann auftaucht. In diesem Fall ein wesentlich älterer Mann: Typ »Irgendwann-mal-Surfer-gewesen-aber-danach-zu-viele-Drogen«, eine schüttere, weiße Poppertolle, die Haut ist nur unwesentlich heller als die geflochtenen Lederarmbänder an den Gelenken. Der Mann ist erfahren und einfühlsam genug, um die Teenagerfrage »Wie alt würdest du mich schätzen?« möglichst diplomatisch zu beantworten. Das kurze Zögern, das er braucht, um auszurechnen, wie viele Jahre er vom offensichtlichen Alter abziehen muss, damit das Ergebnis nicht zu unrealistisch ausfällt, wirkt authentisch: »48!« Treffer. Ein breites Lächeln hellt das Gesicht der Fragerin auf. Dass sie nach dem Kompliment fragen musste, kann die Freude nicht trüben. Der Abend ist gerettet. Ach was – der ganze Rest des Kurzurlaubs.
Ich will solche Begegnungen nicht überbewerten, aber solange Frauen irgendeinem dahergelaufenen höflichen, alten weißen Mann mehr glauben als einer ganzen Truppe von Freundinnen, kommen wir in Sachen Empowerment keinen Zentimeter weiter.
Wieso hängt unser Selbstwert überhaupt an einer Zahl? Warum und wie hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass wir nicht so alt aussehen dürfen, wie wir sind? Wieso lächeln so viele Frauen trotz der versteckten Beleidigung hinter dem beliebten »Kompliment«: »Für dein Alter siehst du doch noch sehr gut aus.« Aha. Und ohne die Abgrenzung zum eigentlichen Alter – sehen wir noch mal wie aus?
Eine höflich verpackte Altersdiskriminierung ist kein Kompliment.
Trotzdem bin auch ich jahrelang darauf hereingefallen. Bis mir einfiel, dass es mal eine Zeit gab, in der jedes weitere Jahr eine spannende Verheißung war. Und ich mich fragte, wann und warum sich das geändert hat.
In meiner Kindheit gab es diese eine Tante, keine echte Verwandte, die scheinbar alterslos durch unsere Kleinstadt schwebte, meistens in pastellfarbenen, sichtbar teuren Jackie-Kennedy-Kleidern, Typ »Späte Doris Day« und ebenso überschwänglich und gesprächig. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie nicht mehr zu den Abendeinladungen in ihrem Freundeskreis, dafür tauchte sie unregelmäßig und unangemeldet zum Kaffeetrinken auf. Es klang wie fröhliches Plätschern, wenn sie alle Gerüchte und Verfehlungen unserer Kleinstadtoberschicht durchkonjugierte – bei denen ich sowieso nicht folgen konnte. Stattdessen starrte ich sie an, fasziniert von der langen Perlenkette, der goldenen Brille, der straff gespannten Haut über den ausgeprägten Wangenknochen, die nur rund um den kirschroten Mund einen feinen Strahlenkranz bildete. Was mich aber noch mehr fesselte, war der Widerspruch zwischen dem, was ich wusste, und dem, was ich sah. Tante Hille musste deutlich älter sein als meine Mutter, denn sie hatte erwachsene Kinder, die schon lange aus dem Haus waren. Zu diesem angenommenen Alter passten die hellbraunen Flecken auf ihren Händen und Unterarmen, ihr gekräuseltes Dekolleté und die Weitsichtbrillengläser mit den großen Augen dahinter. Was nicht dazu passte, waren die weißblonden Haare, die glatte Haut über Stirn und Wangen und am Hals. Dort war sie glatter als meine Mutter, und ihr Mund zeigte bei jedem Thema dasselbe mädchenhafte Lächeln.
Ich war in einem Alter, in dem man sich gelegentlich für eine Weile zu den Erwachsenen setzen musste, um ein paar Auskünfte zu geben, über die Schule, Lehrkörper oder andere Eltern, bevor man weiterspielen durfte. Es kam der Tag, an dem dieser Teil des Nachmittags erledigt war, ich aber sitzen blieb und über dieser einen Frage brütete, von der ich ahnte, dass sie nicht erwünscht war. Ohne zu wissen, warum. Meine Mutter konnte erkennen, wie sich die Frage in meinem Kopf formte, und versuchte in letzter Sekunde durch einen strengen Blick zu verhindern, dass ich damit rausplatzte. Zu spät. »Tante Hille, wie alt bist du eigentlich?« Ich weiß nicht mehr genau, was danach gesagt wurde, es war auf jeden Fall keine Zahl dabei. Zunächst mal dauerte es sehr lange, bis überhaupt jemand sprach, und ich erinnere mich, dass meine Mutter in dieser Zeit leicht panisch zwischen mir und Tante Hille hin und her schaute, während sie tomatenrot anlief. Die Kaffeetafel wurde danach relativ schnell aufgelöst, und mir wurde klar, dass ich unbeabsichtigt auf eine Mine getreten war. Ohne mir einer Schuld bewusst zu sein.
An das Gespräch mit meiner Mutter danach kann ich mich noch recht gut erinnern – die eindringliche und aufgeregte Art, mit der sie mir erklärte, dass man eine Frau nie und unter keinen Umständen direkt nach ihrem Alter fragen dürfe. Es sei denn, es handelt sich um die eigene Oma.
Jahre später erfuhr ich, dass Tante Hille eine für damalige Verhältnisse erstaunliche Anzahl von Schönheits-OPs hinter sich hatte und ihr wahres Alter eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Stadt war. Es gab nur indirekte Hinweise, wie die aus einem Gerichtsprozess, den Tante Hille gegen einen Bauern angestrengt hatte, dessen Hund sie in den Oberschenkel gebissen hatte. Sie hatte nicht nur Schmerzensgeld, sondern auch Schadensersatz für die große Narbe verlangt und wurde vom Richter darauf hingewiesen, dass eine solche Narbe in ihrem Alter keinen Schaden darstelle, weil sich niemand mehr für ihre Beine interessiere. Damals machte sich ein wenig Schadenfreude breit. Erstens, weil nun als rechtlich abgesegnet galt, dass sie älteren Semesters war, und zweitens, weil sie diese Tatsache jahrzehntelang verleugnet hatte.
Für mich als Kind war das ganze Gewese und Herumgedruckse schwer zu verstehen, weil es, seit ich zählen konnte, nichts Wichtigeres gab, als möglichst schnell älter zu werden. In Kindergarten und Schule war das Alter sogar ganz entscheidend für den Platz in der Hackordnung. Mit jedem weiteren Jahr konnte ich auf etwas mehr Respekt und eigene (weil jüngere) Untergebene hoffen. Ich bemerkte nun aber, dass diese Rangfolge sich offenbar umkehrte, wenn man älter wurde, und dass diese Umkehr seltsamerweise nur für Frauen galt – ein Schlüsselmoment für meine Wahrnehmung der Kategorie »Alter«.
Tatsächlich bestätigt auch die Forschung, dass die Bewertung von Alter eine Frage der Sozialisation sei. Kinder seien als solche unbelastet, eine Geringschätzung älterer Menschen würde genauso erlernt wie jede andere Form der Diskriminierung.2
Wann fühle ich mich also wie alt? In einem neuen Sommerkleid vorm Spiegel bin ich maximal Mitte 30. Vertieft in einen assoziativen und blitzschnellen Gedankenaustausch fühle ich mich alterslos und schwebeleicht. Auf einem Spinning Bike, beschallt mit markerschütternden Powerbeats, umgeben von Anfang 20-Jährigen, schätze ich mich selbst auf weit über 60. Auf der vollen Tanzfläche bei einer Privatparty bin ich wieder 17 Jahre alt. Ich bin alle Alter, die ich bis hierher durchlebt habe, alle füllen mich aus, das wären zusammengerechnet 5208 Jahre.
Was meine jetzige Altersphase prägt, ist die Tatsache, dass ich aus mir selbst heraus selten bis gar nicht an mein Alter denke, ganz im Gegensatz zu meiner Umgebung, die sich ständig darauf bezieht. Wenn ich mein Alter spüre, dann oft als Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung.
Ich brenne für digitale Formate und bin auf allen Plattformen, trotzdem wird die digitale Zukunft meines Arbeitgebers an mir vorbeigeplant. Ich fühle mich so alt wie die Schönheitsindustrie, wenn mich die Kosmetikerin ungefragt auf meine verschwimmenden Konturen hinweist. Oder so alt wie meine Mutter, wenn meine Kinder mir ungeduldig das Handy entreißen, weil sie es lieber selbst machen, statt mir eine neue Funktion zu zeigen. Aber diese Empfindung beschäftigt mich nur in diesen Momenten und nie länger als fünf Minuten, bis ich den Impuls habe, beide Mittelfinger auszustrecken (was ich manchmal auch heimlich mache, mit den Händen in der Tasche), und denke: Jetzt erst recht. Denn wer auch immer mir mit Ageism kommt, einem Phänomen, für das es im Deutschen noch keine griffige Übersetzung gibt (»Altersfeindlichkeit«?), ich weiß: Der andere ist auf jeden Fall im Unrecht. Und abgesehen von meinem Doppelstinkefinger vertraue ich gern auf meine Neugier, meinen Humor und meinen Riecher für Amüsantes.
Bei der letzten Shoppingtour vor einem gemeinsamen Urlaub habe ich eine halbe Stunde an einer Kasse verbracht, die eigentlich keine war, denn es gab nur eine Kiste, in die meine Kinder die zu bezahlenden Klamotten warfen, trotzdem erschien auf dem Bildschirm daneben ein Preis. Ich habe dieses Gerät angestarrt wie Catweazle (wer kennt noch die britische Kinderserie?) die erste Glühlampe seines Lebens und war hingerissen. Auch wenn ich dem angezeigten Gesamtpreis nicht trauen wollte, denn … Wie soll das funktionieren? Sensoren, eine Kamera, Radar? Also habe ich unterschiedliche Klamottenhaufen zusammengestellt und jedes Mal mit dem Handytaschenrechner überprüft, ob die Summe stimmt. Während sich hinter mir eine Schlange bildete und meine Kinder vergeblich versuchten, mich von diesem fantastischen Spielzeug wegzuziehen. Irgendwann ist eine freundliche Verkäuferin eingeschritten, aber bis dahin hatte ich jede Menge Spaß.
War das, in der Sprache meiner Kinder, »cringe«? Wenn es mir nicht peinlich war, warum sollte meine Begeisterung dann irgendjemand anderen peinlich berühren? Ich betrachte mich in dieser Szene nicht als ältere Frau, die nicht mehr klarkommt, sondern als eine Touristin aus der Provinz. Die ich auch ein wenig bin, mit einer ländlichen Herkunft. Die Einordnung als Landei beispielsweise sagt sehr viel mehr über mich aus als mein Geburtsdatum. Trotzdem werde ich überall und dauernd auf mein Alter verwiesen, mehr als in allen Dekaden zuvor, Tendenz steigend. Es ist so, als würde jemand diese goldenen Zahlen-Heliumballons, 6 und 0, Monat um Monat größer aufblasen, und alle anderen Lisas verschwänden dahinter – die Mutter, die Journalistin, die Geliebte oder Freundin.
Dabei ist Alter für mich weder eine Identität noch ein Zustand, aber es wird ein Gefühl daraus, wenn ich wahrnehme, wie andere mir eine Alterskategorie überstülpen, manchmal ohne etwas zu sagen, mit einem taxierenden Blick auf meine bunten Strümpfe, zum Beispiel. Kein schönes Gefühl, denn in diesem Taxieren schwingt eine deutlich sichtbare Bewertung mit, die sehr viel über die Haltung des Betrachters zum Alter aussagt. Und damit zu seiner Selbstwahrnehmung. Und eigentlich müsste ich an dieser Stelle »die Betrachterin« schreiben.
Manche Frauen, die mit den Wechseljahren hadern und bis dahin einen gewissen Pegel an ungelebtem Leben aufgestaut haben, entwickeln mir gegenüber zuweilen Aggressionen out of nowhere. Ich würde nie behaupten, ich könne niemanden wütend machen, im Gegenteil, aber diese Aggrovibes tauchen auch bei Frauen auf, mit denen ich kaum Kontakt habe. Es ist nur eine Vermutung, aber mein Gespür sagt mir, dass ich in ihren Augen nicht genug leide, an Hitzewallungen, an meinen Speck- oder Stirnfalten, an irgendwelchen Selbstzweifeln oder Horrorszenarien fürs Alter. Kommt mal eine diesbezügliche Nachfrage, dann ist sie oft im Krankenschwester-Wir verfasst, gern mit einem etwas passiv-aggressiven Lacher untermalt, und eigentlich handelt es sich nicht um eine Frage: »Aus dem Bikinialter sind wir mal langsam raus, oder?« oder »Die sind einfach schneller. Da müssen wir nicht mehr mithalten, oder?«
Ich lasse mich nur ungern für eine Alters-Sisterhood vereinnahmen, vor allem, wenn in den Jahrzehnten davor keine Rede war von Schulterschluss.
Auf eine Art bin ich in ihren Augen wohl unsolidarisch, wenn ich nicht denselben inneren Druck verspüre, der Frauen dazu zu zwingen scheint, sich ständig mit ihrem 30-jährigen Ich zu vergleichen. Als gäbe es kein Leben nach den Wechseljahren. Als wären die nicht eigentlich ein Geschenk.
Wie viel anstrengender muss doch das Leben sein ohne diese Zäsur, liebe Männer, wenn die Fruchtbarkeit bleibt und sich weitere Jahrzehnte immer wieder die Frage stellt: Kann ich nicht vielleicht doch noch mal von vorn anfangen? Oder die Familiengründung weiter und weiter rausgeschoben wird, denn die Welt ist ja voller großartiger Optionen. Bis sie es nicht mehr ist, weil die Libido plötzlich störanfälliger wird oder im Job ein »Millennial« von rechts überholt.
Ich kenne keine Frau in meinem Alter, die ihre Regel ernsthaft vermisst – die Schmerzen, die Flecken, die Dreckslaune. Auch nicht die Geburtsschmerzen, die Säuglingszeit, die vollen Windeln, die entzündeten Stillbrüste, durchwachte Nächte, erst wegen des Babygeschreis, dann kommen die Teenager nachts nicht nach Hause. Kurz: Ohne die kulturellen, patriarchalen und schulmedizinischen Narrative über Verlust und Verfall wären die Wechseljahre nichts Geringeres als eine lang ersehnte Befreiung. Das Nestbauhormon Östrogen lässt nach und hilft uns, das Empty Nest auf der Suche nach neuen Abenteuern hinter uns zu lassen. Dafür brennt das Testosteron noch lichterloh, und wenn andere uns plötzlich angriffslustig finden, heißt das nichts anderes, als dass wir endlich aufhören, auf alles und jeden Rücksicht zu nehmen.
Vielleicht knüpfen wir wieder an – bei dem furchtlosen und lebenshungrigen Mädchen, das wir vor der Pubertät waren: Wir können uns endlich wieder auf uns selbst fokussieren, Experimente wagen.
Seit der Kapitalismus und die Schönheitsindustrie ihn kapern konnten, hat der Begriff leider an Macht eingebüßt, aber wenn man Empowerment an seinen psychologischen Wurzeln packt, kann er am besten beschreiben, was als Ältere auf uns wartet. Und was wir erwarten können, nachdem wir es jahrzehntelang aus eigener Kraft versucht haben. Empowerment bedeutet, sich aus Abhängigkeit und Bevormundung zu befreien, für eigene Vorstellungen und Wünsche einzustehen, sich selbst zu ermächtigen, aber auch, dass andere ihre Privilegien abgeben. Und damit meine ich nicht andere Frauen. Wenn wir zwischen den Geschlechtern halbe-halbe gemacht haben, können wir das noch mal diskutieren.
Insofern ist die Sache mit der Selbstermächtigung leider nicht unabhängig von gesellschaftspolitischen Fortschritten (zurzeit eher Rückschritten) und deshalb ein Work-in-Progress. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, immer wieder von vorn anfangen zu müssen. Nachdem mir in jedem Lebensalter ein anderes Frauen-Stereotyp übergestülpt wurde – von der Teenieschlampe über die junge »fuckable« Emanze bis zur Übermutti oder Rabenmutter –, bin ich jetzt also bei der alten weißen Frau angelangt, die bitte mal Platz machen soll.
Die Rolle als Projektionsfläche ist offenbar eine Lebensaufgabe, man gewöhnt sich daran. Neu ist allerdings, dass sich jetzt auch Frauen auf mich einschießen, denen es aber nicht um den Inhalt meiner Äußerungen geht (was schwer in Ordnung ist), sondern darum, dass ich mich überhaupt noch äußere.
Früher wurde mir bei vielen Konferenzen über den Mund gefahren, manchmal gab es Abmahnungen von männlichen Vorgesetzten von wegen, »was der jungen Kollegin einfallen würde«. In einem ähnlichen Ton fliegt es mir heute, mehr als 30 Jahre später, vielstimmig um die Ohren, denn dank der Kommentar- und Nachrichtenfunktionen sitze ich mit Tausenden an einem Konferenztisch. Früher sollte ich die Klappe halten, weil ich zu jung war, heute bin ich zu alt für eine qualifizierte Meinung. Oder zu emotional. Dieselben Machtspielchen wie eh und je, das hat auch etwas Verlässliches. Die harmlosen Kommentare der »Millennials« finde ich sogar lustig, der hier könnte von meinen Kindern sein: »Ist ja gut, Oma, leg dich wieder hin.«
In einer überalterten Gesellschaft wird die Jugend nicht nur gefeiert, weil sie in der Minderheit ist, sondern auch, weil sie den Markt beherrscht. Gemäß der kapitalistischen Logik, dass ein limitiertes Angebot die Nachfrage und den Wert steigere. Davon profitieren durchaus auch ein paar weniger kreative junge Köpfe, denen qua Alter grundsätzlich digitale Visionen unterstellt werden. Obwohl sie unter Umständen auch nicht mehr können, als durch die Kanäle zu scrollen.
Aus eigener Erfahrung in der besonders alterssensiblen Medienbranche kann ich sagen, dass die Ideen und Sichtweisen einer Person unter 30 doppelt schwer wiegen. Die Kompetenzzuschreibung bei allen Produkten, die im Netz laufen sollen (und da das analoge Fernsehen stirbt, also zukünftig generell), orientiert sich am Geburtsjahrgang.
Was nicht unbedingt heißt, dass die Jungen von diesen Zuschreibungen auch profitieren. An den Schalthebeln sitzt nach wie vor die patriarchal organisierte Mehrheit der sogenannten Generation X und Boomer, die damit auch über Geld und Ressourcen entscheidet. Auch Frauen meiner Alterskohorte werden dabei manchmal zu Erfüllungsgehilfinnen. Die junge Kollegin und New-Work-Expertin Ronja Ebeling erklärte es mir in einem Generationengespräch so: »Ihr älteren Frauen predigt uns immer, wir sollen Jobs und Geld einfordern und anders als ihr von Anfang an auf unsere Work-Life-Balance achten. Und wenn wir dann tatsächlich auf euch hören und uns durchsetzen, dann findet ihr das maßlos und unverschämt.«
Vielleicht bleibt den »Millennials« am Ende nichts anderes übrig, als zu warten, bis diese Masse an Menschen in Rente geht. Oder ein eigenes Unternehmen zu gründen und selbst Investor:innengelder einzusammeln.
Die Machtinhaber nehmen den »Zwang zur Verjüngung« also nicht zum Anlass, den Jüngeren auch Geld und Einfluss zu überlassen, nutzen aber gern die Gelegenheit, um weniger mächtige Mitglieder ihrer eigenen Generation auszusortieren. Was sich vielleicht am sinnvollsten erklären lässt mit der eigenen Angst vorm Alter. Möglicherweise steckt dahinter auch die Illusion, dass man in einer altersfeindlichen Gesellschaft die eigene Amtsenthebung länger hinauszögern könne, wenn man vorher möglichst viele Gleichaltrige an die Luft setzt. In der Medienbranche bevorzugt man Frauen, weil sie sich als Freelancerinnen und Teilzeitkräfte (#Vereinbarkeit) sowieso ganz unten in der Hierarchie drängeln.
Noch wahrscheinlicher ist es, dass den Entscheider:innen gar nicht klar ist, dass sie die eigene Zielgruppengrenze schon längst nach oben überschritten haben. Whatever. Vielleicht können die Jungen auch in Ruhe abwarten, bis sich die Alten machttechnisch gegenseitig kannibalisiert haben. Oder, ganz verrückt, man tut sich über alle angeblichen Altersgrenzen hinweg für ein Projekt zusammen, und die Aufgaben und das Geld werden entsprechend der Kompetenz, dem Zeiteinsatz und dem Talent verteilt …?
Möglicherweise machen Alters- und Zielgruppendefinitionen überhaupt keinen Sinn. Es ist die Mutter aller Vorurteile, zu behaupten, dass alle Mitglieder einer Gruppe, die ein Merkmal teilen, grundsätzlich homogen seien. Sind alle People of Colour gleich oder auch nur ähnlich? Alle lesbischen Frauen? Alle Menschen mit einem körperlichen Handicap? Genau das wird aber älteren Menschen unterstellt und als Untergruppe vor allem älteren Frauen. Tatsächlich sind 60-Jährige beispielsweise ihren Wünschen, ihrer Lebenssituation und ihrer Erfahrung nach aber zum Beispiel sehr viel unterschiedlicher als 16-Jährige.
Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für sogenannte Generationenlabels. Willkürlich erdacht und festgelegt werden sie von Menschen, die eine solche Sortierung als Grundlage für ihren Job brauchen – also Marketing- und PR-Profis. Um für ein Unternehmen eine Zielgruppe zu definieren, müssen sie Eigenschaften und Zuschreibungen mitliefern und auf dieser Basis eine passende Verkaufsstrategie entwickeln. Mit individuellen Menschen hat das nichts zu tun.
Genauso wenig wie die altersgefärbte Berichterstattung in den Medien, wo sich gern mal eine Kluft auftut, die eigentlich nicht vorhanden ist. Konflikte zwischen den Generationen eignen sich aber wunderbar fürs Clickbaiting …
Mit meinen fast 60 Jahren habe ich eine Vorliebe für Silent Disco, Brettspiele, veganes vietnamesisches Essen, Souvenirtassen der Royal Family, Haikos, Big Bang Theory, handgeschriebene Karten und digitale Kunst. Mit wem könnte ich eine gemeinsame Zielgruppe bilden? Ach, und ich werde wahrscheinlich bis weit über 70 arbeiten. Wie viele Menschen wird es dann geben, mit denen ich diese Merkmale teile?
Viel bedeutsamer für die Identität und die Wahrnehmung eines Menschen als sein oder ihr Alter ist die gesellschaftliche Schicht, aus der er oder sie kommt, das Geschlecht, die Gene, die geografische Verortung, die Herkunftsfamilie – all das formt unser Wesen, unsere Sehnsüchte, unseren Ausdruck und vor allem unseren Lebensalltag. Sehr viel mehr als das Datum auf der Geburtsurkunde. Wie wir das Alter erleben, hängt davon ab, wie wir darüber denken. Wer Stereotype über das Altern verinnerlicht, wer sich also die Unterstellungen des Ageism aneignet, ist weniger offen und motiviert für Veränderungen und neue Lernprozesse. Das hat eine Studie der Universität von Toronto nachgewiesen.3
Wenn wir eine Altersgruppe verlassen, verändert sich lediglich die Zahl, wir lassen keine Eigenschaften, Erfahrungen oder Wünsche in einer Dekade zurück und fangen in der nächsten von vorn an. Im Gegenteil – wir tragen alle Altersphasen unseres Lebens in uns, als Erinnerung, als Wissen und in den Spuren an und in unserem Körper. In den Worten von Chaka Khan: »I’m every woman. It’s all in me.«
Ein 50. Geburtstag auf dem Land. Nach Corona war ich länger nicht mehr auf einer Party gewesen und packte mein aktuelles Lieblingskleid in den Koffer, geschnitten wie ein Kimono und mit einer abstrakten japanischen Landschaft in Braun- und Grüntönen. Dazu die passenden grünen Strümpfe und meine goldenen Stiefel. Meine Partystiefel. Als ich mich so meiner Mutter und einer anderen Verwandten präsentierte, erntete ich von meiner Mutter ein euphorisches Kompliment. Meine Verwandte betrachtete mich sehr lange von oben bis unten, mit einem leicht mitleidigen Lächeln, und sagte: »So würde mich Stefan nicht mitnehmen …«
In diesem Satz steckten sehr viele Informationen und Fragen.
Erstens: Wurde ich auf dieses Fest mitgenommen? Ja. Folgerte daraus ein Mitbestimmungsrecht der mich Mitnehmenden in Bezug auf mein Outfit? Klares Nein. Generell gilt: Egal, in welcher Konstellation bzw. mit wem ich wo auch immer hingehe, meine Begleitung hat die Wahl zwischen hingerissen sein oder Klappe halten.
Zweitens: Meine über 90-jährige Mutter konnte sich für meine Aufmachung begeistern, weil diese aus ihrer Sicht mein Wesen abbildete. Und weil ich darin eine gute Figur machte. Aus der Perspektive der rund 40 Jahre jüngeren Verwandten überschritt ich mit meiner Aufmachung offenbar eine unsichtbare Grenze. Ich war nicht altersgerecht angezogen. Was ist ein angemessenes Outfit für eine Ende 50-Jährige? Warum schweben da welche Vorstellungen im Raum und was haben die mit mir zu tun?
Ich bin 58 und ich trage ein buntes Kleid mit bunten Strümpfen und goldenen Schuhen. Damit mache ich einen Vorschlag, wie eine Frau Ü-50 aussehen kann. Eine von vielen Millionen. Es ist wie die Antwort auf die Frage: »How to have a beach body?«: Have a body. Go to the beach. Fertig. Wer will, kann mein Outfit als Impuls betrachten, aber ich fordere damit niemanden zur ungefragten Kritik auf – egal, wie auffällig das Outfit in den Augen einfarbiger Menschen sein mag.
Ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt wenig Gedanken darüber gemacht, ob mein Aufzug irgendwie oder irgendwo unangemessen sei. Leider fiel mir, einmal darauf gebracht, auf der Party auf, dass der oder die ein:e oder andere tatsächlich irritiert zu sein schien, und ich begann mich zu fragen: Wie ziehen sich denn andere Frauen in meinem Alter an?
Meine Freundin mit der Styleberatung empfiehlt die Mode-Influencerin Grece Ghanem, über 1,6 Mio. Follower:innen, Claim: All about fashion and confidence as style has no age.
Ja,vielleicht hat Stil kein Alter, aber in diesem Fall eine perfekte Figur. Grece trägt einen weißen Bob über einem durchtrainierten Körper, für den viele 30-Jährige sehr dankbar wären und auf dem alles – bauchfreie Cardigans, ein Tupfenbikini oder ein hautenges orange glänzendes Kleid – sensationell aussieht. So wie auch bei den vielen grauhaarigen Schönheiten in den »Aging with Grace«-Accounts, die schon immer schön waren, meistens ehemalige Models mit Stupsnasen, Rehaugen und vollen Lippen, lang gestreckten Hälsen und markanten Kinnpartien. Passend dazu tragen sie fließende Kleider in Hochzeitsfarben: überall Weiß und Creme – Kleidung, Gesicht und Haare. Die Frauen sehen eigentlich aus wie 30-Jährige, die von einer KI mit ein paar Altersmerkmalen versehen wurden. Als Vorbilder sind sie genauso wenig geeignet wie die unter 20-jährigen Topmodels, denen Teenager nacheifern – weil eben nur eine Handvoll Frauen auf der Welt so aussehen. Egal in welchem Alter.
Weiter oben auf der Alterspyramide, ab 70 oder 80, finde ich grellbunte Ladys wie den US-amerikanischen Internetstar Baddie Winkle (3,1 Mio. Follower:innen, Claim: Stealing your man since 1928), die auf ihren Fotos in neonfarbenen Latexkleidern und mit lasziver Geste posiert, in den blond gefärbten Haaren stecken ebensolche neonfarbenen Haarspangen. Ein anderes Mal sieht man sie auf einem elektrischen Sitzroller in einem pinken Bikini. Ihre Hater:innen beschimpfen sie als würdelos. Ich finde: Wenn Würde etwas mit Souveränität und Selbstironie zu tun hat, dann altert diese Influencerin mehr als würdevoll.
Und schon stecke ich in einem Rabbit Hole, Insta spült mir lauter »funny old people« in die Timeline. Die sich ähnlich ulkig benehmen wie Winkle. Viele versuchen sich an den TikTok-Tänzen oder Sportchallenges ihrer Enkel:innen, meistens sind die auch tatsächlich die Creators hinter den Kanälen. Bei einem Seniorenrennen auf Bobbycars bin ich mir schließlich nicht mehr sicher, ob sich die alten Leute in den Videos wirklich freiwillig zum Affen machen oder ob manche für ein paar Stunden aus dem Pflegeheim entführt worden sind. Wer schützt diese Alten vor ihren Enkelkindern? Unter Umständen werden hier Persönlichkeitsrechte verletzt – so wie bei den Accounts, auf denen Influencereltern ihre Babys beim Kleckern, Schimpfen oder auf dem Töpfchen vorführen. In beide Richtungen, ganz am Anfang und gegen Ende eines Lebens, scheinen gezielt dokumentierte Albernheiten ein besonders breites Publikum zu finden.
Ich denke über eine Patientenverfügung nach, die festlegt, dass von mir, im besagten Alter, nur dann Aufnahmen gemacht werden dürfen, wenn zuvor per Attest eine Demenzdiagnose ausgeschlossen werden konnte.
Ich mache mir deswegen aber nicht ernsthaft Sorgen, unter anderem, weil ich in den letzten Jahren gelernt habe, dass Angst im Kern nichts anderes ist als eine Projektion in die Zukunft. Und die ist inzwischen so oft anders verlaufen als geplant, dass ich versuche, mit freudiger Erwartung nach vorn zu blicken.
Ich bin etwas älter, ja, aber vor allem bin ich lebendiger denn je. Auch weil ich mir erlaube, Wut zu zeigen, wo ich früher nach innen gegangen bin und keine Grenzen gesetzt habe. Ich muss noch einiges loswerden, sorry, aber ich glaube, ich bin nicht die Einzige, insofern ist dieses Buch auch eine Ermunterung zum gezielten Ausrasten.
Mit meinem Körper habe ich mich weitestgehend versöhnt und bin immer noch sauer auf jeden und alles, was mich von ihm ferngehalten hat. Dazu gehört, noch mal, sorry, auch der längst überfällige, aber leider überfokussierte Hype um die Wechseljahre. Nein, dies ist kein Buch über die Wechseljahre, sondern über die neue Freiheit, die auf uns wartet, wie bei jeder großen Veränderung.
Und für diese Freiheit braucht es Kraft, Zeit und Mut – drei Dinge, die im Moment noch unter Wäschebergen, mental und emotional Loads begraben werden. Bei diesen Themen bin ich alles andere als ausgesöhnt. Seit 30 Jahren beobachte ich einen mehr oder weniger schleichenden Stillstand, und so langsam reicht es mit der weiblichen Aufopferung, vor allem im Namen der Liebe. Die mit dem Alter immer größer wird, auch weil sie sich nicht immer auf einen einzigen anderen Menschen verlassen muss. Bei der Liebe berufe ich mich auf die Schwarmintelligenz und die Liebesgeschichten der vielen Frauen und Männer, Liebenden, Getrennten, Neugefundenen und Profis, die mir in den letzten Jahren so viel Wertvolles anvertraut haben.
Vielleicht werde ich doch noch Paartherapeutin, wer weiß. Oder ich hoste die erste deutsche Frauentalkshow mit einem Quotenmann, falls Geschlecht in naher Zukunft noch eine Rolle spielt. Im Moment sieht es so aus. Aber sobald Macht, Geld und Ressourcen jeweils zur Hälfte zwischen Frauen und Männern gerecht aufgeteilt sind, können wir uns alle entspannen.
Also in etwa 400 Jahren.
Bis dahin würde ich gern eine Karriere als Grand Old Schachtel ansteuern und mit diesem Buch einen ersten Aufschlag machen. Vorbilder gibt es genug, eine von ihnen hat mir das Leitmotiv für die nächste Lebensphase geschenkt. Und den roten Faden für dieses Buch.
»Women may be the one group that grows more radical with age.«4
Gloria Steinem
Es sind circa 15 Meter vom Badehandtuch bis in die Wellen, vorbei an anderen Handtüchern mit Menschen in allen Formen, Farben und Zuständen. Alle sind mit ihren Klamotten, Sonnencremes, Snacks, Ballspielen, Büchern, iPhones oder mit sich selbst beschäftigt, natürlich wird niemand auf mich achten. Niemand wird registrieren, dass meine Hüften etwas breiter, das Bäuchlein etwas größer oder die blauen Äderchen etwas mehr geworden sind im Vergleich zum letzten Urlaub.
Mir ist völlig klar, dass sich all diese unbekannten Menschen nicht die Bohne für meine angeblichen Makel interessieren, geschweige denn, sie registrieren. Die kleine Schamwelle rollt nur in meinem Inneren, unsichtbar, das Gefühl ist nur für mich ganz allein real. Mein eingeschüchtertes Selbstbild blickt auf straffe, muskulöse, weil jüngere Körper und zieht einen blitzschnellen Vergleich, und noch einen, und noch einen, während ich mich immer eiliger und tapsiger aufs Wasser zubewege.
Und erst als ich, befreit von möglichen Blicken, mit kräftigen Stößen, die ich meinen kräftigen Beinen zu verdanken habe, ins offene Meer tauche, fällt mir wieder ein, seit wann dieser Gang vom Handtuch ins Wasser zu einer Qual geworden ist.
Die ersten Oberschenkeldellen waren schon da, als in meiner Jugend plötzlich für Anti-Cellulite-Cremes Werbung gemacht wurde. Sie waren mir nur vorher nie so ins Auge gefallen.
20 Jahre später versuchte ich die Schwangerschaftsstreifen wegzucremen, und nach 20 weiteren Jahren bin ich bei Anti-Aging-Produkten angelangt, von denen ständig und so viele den Markt fluten, dass ich damit jeden Quadratzentimeter meines Körpers bearbeiten könnte. Obwohl ich es besser wissen müsste, denn der ganze Schwachsinn hinter den Versprechen der Kosmetikindustrie offenbart sich schon im Begriff »Anti-Aging«. Noch (wer weiß …) gibt es vom Alterungsprozess kein Entrinnen, sodass es überhaupt nichts nutzt, anti – also gegen das – Altern zu sein. Wer der Anti-Logik konsequent folgt und strikt gegen das Altern ist, müsste den Freitod wählen. Die erfolgreichste Marketingstrategie der Schönheitsindustrie basiert aber nicht auf Logik, sondern auf Scham. Diese Industrie hat es mit millionenschwerer PR, mit gefakten Bildern und ständigen Einflüsterungen geschafft, dass wir uns, allein mit uns selbst vor einem Spiegel, betrachten und mit imaginären Gesichtern und Körpern vergleichen, ohne dass uns jemand dazu auffordert. Und uns schämen. Als würde eine Fremde zuschauen und kommentieren. Würde diese Fremde uns als reale Person begegnen und uns so behandeln wie wir uns selbst, könnten wir sie wahrscheinlich wegen Beleidigung anzeigen.
Der Weg vom Handtuch zum Wasser beginnt also schon sehr viel früher – nach dem Aufstehen und vor dem Spiegel. Meinem eher selbstbewussten Verstand ist klar, dass all die unbekannten Menschen am Strand nichts Ungewöhnliches an mir entdecken, unter anderem, weil sie gar nicht danach suchen und mich nicht mal bemerken. Was sie aber deutlich sehen könnten und woran sie womöglich hängen bleiben, ist mein seltsamer Gang zum Wasser. Bei dem ich versuche zu vermeiden, dass mein Bäuchlein zu sehr rauspoppt, die Oberschenkel zu sehr wackeln oder mein minikleines Doppelkinn von der Seite zu sehen sein könnte, mich deshalb möglichst gerade halte und dabei das Kinn nach vorn strecke. Was schon von Weitem deutlich zu sehen ist, sind also nicht irgendwelche Makel, sondern meine Unsicherheit und meine Scham.
An schlechten Urlaubstagen habe ich solche heiklen Strandmomente schon x-mal durchlebt, und deshalb weiß ich auch sehr genau, worüber Ildikó von Kürthy in ihrem neuesten Bestseller schreibt, wenn die Heldin erst gar nicht aufstehen mag von ihrem Handtuch. Aus Angst vor der Strecke bis zum Wasser. Diese Szene trifft sehr genau die Zielgruppe von Frauen Ü-50, die schon als Kind eine Erziehung und Sozialisation zur Scham durchlaufen haben. Ich bin da keine Ausnahme und fühle mich deutlich entlastet, wenn ich nicht die Einzige bin, der es so geht. Es ist aber eine zweite Frage, welche Schlüsse ich aus dieser Prägung ziehe und wie ich deren psychologische und soziologische Folgen bewerte.
Ich sitze mit Ildikó in einem Livetalk für eine Folge meines Podcasts »Lisas Paarschitt«, und das fröhliche und entspannte Gespräch über das Selbstverständnis älterer Frauen kommt etwas ins Stocken, als es ums Schämen geht. Ildikó hadert mit einem Zeitgeist, der aus ihrer Sicht die Forderung erhebt, alles an sich selbst akzeptieren zu müssen, und fordert ein Recht auf die eigene Scham: »Heutzutage muss ich mich dafür schämen, dass ich mich schäme.«5 Dass jede und jeder das Recht auf eine eigene Schamgrenze haben sollte, halte ich für selbstverständlich und eine Frage der Würde. So weit die gemeinsame Schnittmenge.
Für Ildikó ist Scham beispielsweise ein Ansporn, abzunehmen. Nur: Das Gewicht unterliegt ja (meistens) tatsächlich dem eigenen Willen. Anders als das Alter. Ein Alterungsprozess lässt sich nicht umkehren oder durch Disziplin besiegen. Das bedeutet, dass jede Veränderung an Gesicht und Körper Schamgefühle triggern kann, die sich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr intensivieren müssten – je weiter wir, naturgemäß, vom gängigen Jugend-Schönheitsideal abweichen. Ab wann wäre nach dieser Logik der Zeitpunkt erreicht, ab dem man sich nicht mehr vor die Tür trauen sollte? Ab wann käme man vielleicht sogar selbst zu dem Schluss, dass man für andere eine optische Zumutung sein könnte? Nach fünf oder zehn oder erst nach 30 oder 50 Jahren, an denen man jeden verdammten Morgen die ersten Minuten nach dem Aufstehen mit akribischen Vergleichen zu einem früheren Körper-Ich und der Suche nach weiteren Falten, Dellen, Buckeln, Altersflecken, grauen Schamhaaren (in diesem Fall ist das Wort »Scham« in Kombination mit »Haaren« treffend), frischem Bauchfett, Tränensäcken oder Schlupflidern verbracht hat?
Noch nie wurde so viel Zeit und Energie verschwendet, um sich am Ende so schlecht wie möglich zu fühlen. Wie viele Frauen verfluchen und beschimpfen sich jeden Morgen selbst, nachdem sie festgestellt haben, dass sie 200 Gramm mehr wiegen als am Tag zuvor? Das entspricht dem Gewicht eines regulären morgendlichen Stuhlgangs. Das heißt, wenn alle Morgenwaagefrauen erst auf die Toilette gingen, sähe ihr Tag vermutlich schon viel freundlicher aus. Angefangen mit dem morgendlichen Wiegeritual wird er jedoch mit jeder Stunde mehr zu ihrem Feind, denn ausgestattet mit dem ersten Dämpfer fürs Selbstwertgefühl, wird die Wahrnehmung zu einer selektiven. Es werden nur noch Defizite ins Hirn gelassen, der Ärger über sich selbst, die Scham, der negative Selbstwert – alles vermischt sich zu einem deprimierten, ängstlichen und/oder aggressiven Gemütszustand, der andere auf Distanz gehen lässt – und schon haben wir die Bestätigung dafür, dass wir nicht attraktiv sind für andere undsoweiterundsofort, und die Katze beißt sich in den Schwanz …
Geht man davon aus, dass junge Menschen Schlüsse aus dem Verhalten älterer Menschen ziehen – und ich wähle an dieser Stelle bewusst nicht den Ausdruck »lernen« –, dann hat es eine gewisse Konsequenz, dass junge Frauen heute schon lange vor der ersten Falte mit der Altersprävention beginnen.
Die garantiert schamfreie Zeit einer Frau beschränkt sich sowieso auf die ersten 25 Jahre, denn genau genommen beginnt der biologische Alterungsprozess bereits in diesem Alter. Wir verlieren nicht nur langsam, aber sicher an Ausdauer, auch optisch machen sich die ersten Veränderungen bemerkbar. Die Haut verliert an Spannkraft – Kollagen, Elastin und Hyaluronsäure nehmen ab.6
Seit sich diese wissenschaftliche Erkenntnis auch bei TikTok und Instagram rumgesprochen hat, sieht man dort junge Frauen wie Loren Asad, 25 Jahre, Beauty-Influencerin, rund eine halbe Million Follower:innen, die Anti-Aging-Produkte ausprobieren und anpreisen, O-Ton, frei übersetzt: »Wusstet ihr, dass eure Haut ab 25 Kollagen verliert? Das neue Bounce-Booster Serum von First Aid Beauty hilft, jugendliche Haut zu erhalten und Mimikfalten zu mildern. Damit werdet ihr den ganzen Tag strahlen.« Es darf hinzugefügt werden, dass die betreffende Influencerin aussieht wie eine elfjährige isländische Elfe.
In meinem Alter brauchen die morgendlichen Knitterfalten ganz schön lange, um zu verschwinden, sodass ich manchmal noch im Aufzug, auf dem Weg zum Mittagessen, angesprochen werde: »Na, ausgeschlafen?«
Gleichaltrige mit hartnäckigen Schlaffalten können bei solchen Anekdoten mitlachen, und ich fühle mich gleich weniger allein an den Tagen, an denen ich versuche, den Badezimmerspiegel zu meiden. Und eigentlich ist mir klar, dass meine Beziehungen, meine Kinder, meine Arbeit, fehlende Zeit für mich und Stress viel mehr Einfluss auf meine Selbstwahrnehmung haben als die Zahl meiner Falten. Aber Wissen ist nicht immer fühlbar, und Selbstbeschämung ist ein sehr tief sitzendes Denkmuster, das bei jedem Scroll durch Insta getriggert wird.
Ein Besuch bei Douglas tut’s aber auch. Ich habe dort komischerweise noch nie ein Kompliment zu hören bekommen. Dabei wäre meine Vermutung, dass es ein viel geschickteres Marketing wäre, Menschen zunächst einmal zu schmeicheln, um ihnen dann etwas zu verkaufen. Wenn eine der überschminkten Fachverkäuferinnen schnellen Schrittes auf mich zueilt, obwohl ich genau weiß, wo ich meine zu teuren Cremes finde, an deren Versprechen ich so gern glaube, und eigentlich nur so schnell wie möglich wieder raus möchte, weiß ich schon, was kommt: Im nächsten Moment werde ich mit einem neuen Makel oder irgendwelchen Alterserscheinungen konfrontiert. Schon vor dem Hallo fokussiert sie eine bestimmte Stelle, sie legt den Kopf schief und setzt einen leicht mitleidigen Krankenschwesterblick auf. »Hallo, Sie brauchen wahrscheinlich etwas gegen Couperose? Wenn ich mir Ihre Wangen anschaue …« Auf diese Weise erfahre ich, was ich nie wissen wollte: Meine »Bauernröte«, die mir einen frischen Look verleiht, wie ich bisher fand, besteht offenbar aus geplatzten Äderchen unter der Haut und »braucht dringend eine grüne abdeckende Creme«. Dann kommt sie auf meinen Hals zu sprechen, der in meinem Alter eventuell bald zu Längsfalten neige. Auch dagegen gäbe es von demselben Hersteller ein fantastisches Serum. Und eine neue Augencreme für fortgeschrittene Haut. Macht zusammen 285 Euro. »Da können Sie nix falsch machen.« Meine Creme, die ich eigentlich kaufen wollte, ist noch gar nicht dabei. Das »Schnäppchen« lasse ich liegen, nicht nur wegen des absurden Preises, sondern auch, weil ich nach – zugegeben – sehr vielen Besuchen bei Douglas zum ersten Mal hinfühle, wie es mir nach so einem Verkaufsgespräch eigentlich geht: irgendwie schlecht. Zu Hause vorm Spiegel ziehe ich die Haut meiner Wangen auseinander und nehme meinen Hals unter die Lupe.
Die Verkäuferin hat mich also tatsächlich dazu gebracht, meine angeblichen Defizite aus der Nähe sehen zu wollen und mich selbst mit ihrem kritischen Blick, besser gesagt, dem der Schönheitsindustrie, zu betrachten. Für einen kurzen Augenblick denke ich darüber nach, ob ich vielleicht mit einem Makel herumrenne, der allen anderen ins Auge sticht und nur mir noch nicht aufgefallen ist. Ein Gefühl, als käme man im Restaurant von der Toilette zurück und würde erst nach dem Essen bemerken, dass ein Streifen Klopapier unterm Schuh klebt.
Anders ausgedrückt: Ich habe mich beschämen lassen. Kurz. Bevor ich vorm Spiegel den Rücken gerade mache, einiges Schöne entdecke und mich selbst anlächele: High five, gar nicht so schlecht. Es ist mein Körper, also sind wir Freunde, ich kann fantastische Sachen mit ihm anstellen, und er macht mir oft Freude. Ich habe ihm einiges an Schmerzen und unterdrückten Gefühlen und Giften zugemutet. Er hat mich erst ein einziges Mal im Stich gelassen. Und da hat er sich zu Recht gewehrt. Wir sind quitt.
Trotzdem ist das Gefühl, aus dem Nichts mit Scham geflutet zu werden, nach wie vor jederzeit abrufbar. Es braucht nicht einmal jemanden, der mit dem Finger auf mich zeigt – über die Jahrzehnte habe ich etliche Normen und Standards so weit verinnerlicht, dass ich mich selbst beschämen kann.
Ob ich auf dem Badehandtuch hocke und nicht weiß, wer mich auf dem Weg zum Wasser sehen könnte. Oder in einem Meeting, wo mir erklärt wird, dass die neue Zielgruppe bei Mitte 40 endet. Oder in der Boutique, wo man mir mit einem taxierenden Blick zu verstehen gibt, dass die Stange nur bis Größe 40 reicht. Oder wenn mich jemand ungefragt auf den Zustand meines Halses hinweist und mir anbietet, das entsprechende Foto zu löschen.
Dass inzwischen auch das Alter hinzukommt, ist neu, aber das Gefühl der Scham über alle möglichen angeblichen Makel kenne ich aus allen Lebensjahrzehnten, bis zurück in meine Kindheit, seitdem ich als Mädchen wahrgenommen wurde. Wieso wachsen deine Brüste nicht? Bist du nicht zu jung für Cellulite? Der Tamponfaden schaut raus. Lass mal deine Titten sehen. Kannst du nicht zu Hause stillen? Ist das Kind noch da drin? Trägst du noch Mini? Du traust dich was … To be continued.
Scham
Substantiv, feminin
durch das Bewusstsein, (besonders in moralischer Hinsicht) versagt zu haben, durch das Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben, ausgelöste quälende Empfindung7
»Scham ist eines der schmerzhaftesten Gefühle, zu denen der Mensch fähig ist. Und eines der mächtigsten«,8 schreibt Matthias Kreienbrink in seinem Essay in der Zeit Online. »Lange Zeit sah es so aus, als ob sie an Macht verliere«,9 aber obwohl wir uns schon im letzten Jahrhundert unter anderem von einer rigiden Sexualmoral befreit haben, sieht Kreienbrink ein Comeback des Gefühls in den sozialen Medien, wo sich neue Gesellschaften, Communitys und Subkulturen bilden: »Die Frage, welche Kleidung man trägt, welche Worte man benutzt, wer cool ist und wer nicht, all das wird durch Beschämung kreiert und durchgesetzt.«10 Durch den Overkill an perfekten Bildern und Inszenierungen auf Insta oder TikTok, durch die vielen Vorbilder, die scheinbar mühelos Follower:innen sammeln, wird es für junge Menschen zu einem Auslöser für Scham, wenn sie einfach nur dem Durchschnitt entsprechen.
Die Soziologin und Schamforscherin Brené Brown beschreibt die Scham als eine Art Netz von unerreichbaren, widersprüchlichen, konkurrierenden Erwartungen. Als eine Zwangsjacke und eine Epidemie unserer Kultur.11
Das Perfide an der Scham ist, dass es im Unterschied zur Schuld keine Option gibt, ihr zu entkommen, etwas wiedergutzumachen. Die Scham frisst sich weiter, weil sie sich nicht auf ein Fehlverhalten bezieht, das man korrigieren könnte. Die Scham bleibt, weil sie in einer erlernten Haltung zu sich selbst begründet ist und nur wechselnde Anlässe braucht, um reaktiviert zu werden.
Für Frauen bedeutet das häufig: Alles, was nicht perfekt aussieht (Gesicht, Körper, Klamotte) oder nicht perfekt läuft (Job, Beziehung, Kinder, Haushalt), kann zum Auslöser für Scham werden.
