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Kinsi" verkörperte alles, was die Sportwelt liebt. Sie war jung, hübsch und erfolgreich. Doch dann kommt völlig unerwartet der Absturz: Christa Kinshofer wird aus der Deutschen Skimannschaft gefeuert. Jetzt spricht sie zum ersten Mal über die wahren Hintergründe, die Macht der Funktionäre und die Intrigen in der Sportwelt. Und über ihr zweites Leben als erfolgreiche Businessfrau.
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2010
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Redaktion: Caroline Kazianka, München
Umschlaggestaltung: Melanie Madeddu, München Umschlagabbildung: Coverfotos und Foto auf der Buchrückseite © Sammy Minkoff, Eching
Satz: HJR, Manfred Zech, Landsberg am Lech
ISBN Print 978-3-86882-528-2
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-207-8
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-230-6
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.mvg-verlag.de
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Vorwort von Franz Beckenbauer
Vorwort von Peter Landstorfer
Kapitel 1 – Blitzlichtgewitter
Kapitel 2 – Jugendtraum
Kapitel 3 – Ein wichtiger Sieg
Kapitel 4 – Weihnachten am 18.12.1978 – der Beginn einer unglaublichen Serie
Kapitel 5 – Von Miesbach/Oberbayern nach Lake Placid/State of New York – der lange Weg zu den Ringen
Kapitel 6 – Der Bruch
Kapitel 7 – Dem Fortschritt hinterher
Kapitel 8 – Anfang vom Ende
Kapitel 9 – Kippstangen kippen Karriere
Kapitel 10 – Neue Hoffnung Holland
Kapitel 11 – Den FIS-Punkten hinterher
Kapitel 12 – Aus den Träumen zurück in den Fiat Ritmo
Kapitel 13 – Europacup, ich bin wieder da
Kapitel 14 – Lex Kinshofer, Teil 2
Kapitel 15 – Mein schwerer Gang zu denen, die mich aufgefangen haben
Kapitel 16 – Bahn frei für das Comeback
Kapitel 17 – Olympia 1988 – zwei Medaillen, drei Siege
Kapitel 18 – Das Wichtigste im Leben
Kapitel 19 – Und was macht Christa Kinshofer heute?
Epilog
Bildteil
Lebenslauf
Christas skisportliche Erfolge
Danksagung
Bildnachweis
Liebe Christa,
Helden werden nicht gewürfelt – ich glaube, du hättest keinen besseren Titel für dein neues Buch finden können. Dieser Titel spiegelt so treffend deine Einstellung zum Sport wider, mit der du es geschafft hast, eine so einzigartige sportliche Karriere zu durchlaufen. Jeder Spitzensportler muss auf seinem Weg zum Ziel Rückschläge hinnehmen, denn eine sportliche Karriere ohne Rückschläge kann es wohl nicht geben.
Dein sportlicher Werdegang verlief allerdings so, dass du als junge Sportlerin sehr früh große Erfolge, ja Welterfolge feiern konntest. Aber dann kam der große Absturz, der für dich jedoch nicht ein Signal zur Aufgabe, sondern für einen Neuanfang war. Der absolute Glaube an dich selbst hat dich erneut zum großen Sieger werden lassen. Ich bewundere bis heute, wie du damals deinen Weg zurück an die Spitze geplant hast und ihn auch konsequent gegangen bist. Du hast bewiesen, dass man durch Kampfgeist, Selbstbewusstsein, Technik, Mut, Kondition, Taktik und Toleranz alles erreichen kann, was man sich selbst zum Ziel gesetzt hat. Dabei hast du aber, liebe Christa, und das ist gerade das Faszinierende an dir, deine Lockerheit und Leichtigkeit nie verloren.
Sicherlich ist das eigene Ich auf so einem Weg der schwierigste Gegner. Gegen einen sportlichen Konkurrenten zu verlieren ist hart. Aber das ist das Leben, und das ist auch der Sinn des Sports. Viel härter ist es jedoch, gegen sich selbst zu verlieren, erkennen zu müssen, dass man die Ziele, die man sich gesetzt hat, nicht erreichen kann. Bei dir war es anders. Du hast immer zielstrebig das verfolgt, was du dir vorgenommen hast.
In der Mannschaft durfte ich selbst oft und immer wieder gegenseitige Motivation, Hilfe, Kameradschaft und Verständnis erfahren. So habe ich in meinem Leben viele und auch große Ziele erreicht. Für dich als Einzelsportlerin war das bedeutend schwieriger. Du hast dir und der gesamten Sportwelt gezeigt, dass man Ziele, die man sich gesteckt hat, auch erreichen kann – wenn man nur genügend Kraft und Energie aufbringt. Und genau diese Erfahrungen gibst du heute in deinen Vorträgen und durch dein vielseitiges Engagement an zahlreiche Menschen weiter. Gerade in der heutigen Zeit müssen viele Menschen in den verschiedensten Berufen wirtschaftliche und finanzielle Tiefschläge hinnehmen. Durch deine Lebensphilosophie zeigst du den Menschen, dass man alles erreichen kann, wenn man sich selbst nicht aufgibt – auch wenn es oft schwerfällt. Du hilfst damit sicherlich vielen, über Krisen hinwegzukommen und das Leben neu zu gestalten. Darüber hinaus unterstützt du auch diejenigen Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können. Deine Arbeit für soziale Zwecke ist bewundernswert. Durch deine Golf-Einladungsturniere hast du beispielsweise auch meiner Stiftung schon große finanzielle Hilfen zukommen lassen können. Dafür danke ich dir an dieser Stelle ganz besonders.
Ich habe dein neues Buch mit großem Interesse und Spannung gelesen. Jeder, der es liest, wird erkennen, dass man Ziele nicht vorgesetzt bekommt, man muss sie sich erarbeiten. Du hast durch deinen Lebensweg gezeigt, dass Helden nicht gewürfelt werden, sondern man nur durch harte Arbeit zum Helden werden kann. Und genau das hast du geschafft – aber immer mit einem Lächeln. Du hast trotz der Rückschläge nie dein sonniges Gemüt verloren. Du hattest immer und für jeden ein Lächeln, auch in schlechten Zeiten. Für mich warst du immer die blonde Gazelle des Skisports. Jetzt bist du aber auch die blonde Gazelle des Lebens, die mit ihrer Erfahrung und ihrem Lächeln alle Situationen des Lebens meistert.
Viel Glück und Erfolg mit deinem neuen Buch wünscht dir
dein
Franz Beckenbauer
Liebe Christa,
als junger Jurastudent habe ich viele Vorlesungen deinetwegen versäumt. Keine Angst, ich bin dir nicht böse, ganz im Gegenteil, du warst die optimale Bereicherung für das trockene Jurastudium. Immer wenn ein Weltcuprennen mit dir im Fernsehen übertragen wurde, habe ich in meinem Stundenplan so manche Vorlesung gestrichen. Ich saß dann an vielen Vormittagen statt vor dem Professor vor dem Fernsehgerät und habe dich für deine Erfolge, deine Ausstrahlung und deinen Mut bewundert. Es dauerte allerdings noch viele Jahre, bis ich die große Skisportlerin Christa Kinshofer persönlich kennenlernen durfte. Als deine liebe Schwester Bärbel mich damals fragte, ob ich zu deiner Geburtstagsfeier nach Rosenheim mitgehen wolle, war ich begeistert und dachte: Ich werde einer dreifachen Olympiamedaillengewinnerin gegenüberstehen. Die Christa Kinshofer, die ich nur von den Fernsehübertragungen kenne, wird mir bald die Hand schütteln.
Ich war wirklich aufgeregt und gespannt, wie diese Begegnung verlaufen würde. War Christa Kinshofer eher die unnahbare Prominente oder die natürliche Sportlerin, wie ich sie bei den Fernsehübertragungen erlebt hatte? Schon nach ein paar Minuten wurde meine Frage beantwortet. Du bist auf mich zugegangen, hast mich mit deiner natürlichen Ausstrahlung, deiner Herzlichkeit, deinem Lächeln und deinen Augen in den Bann gezogen. Vom ersten Moment an wusste ich: Diese Christa Kinshofer ist ein einmaliger Mensch – und an dieser Meinung hat sich auch bis heute nichts geändert. In all den Jahren, die wir uns nun kennen, habe ich sehr viele schöne Stunden mit dir und deiner Familie verbringen dürfen. Als du mir letztes Jahr erzählt hast, dass du ein Buch über dein Leben schreiben willst, war ich sofort begeistert. Da ich nicht nur als Rechtsanwalt, sondern auch als Regisseur, Schauspieler und Theaterschriftsteller sehr aktiv tätig bin, war mein erster Gedanke, dass deine Lebensgeschichte im Grunde alles hat, was ein Stoff für ein Theaterstück braucht. Es gibt so viel Dramatik, so viel Schicksal, so viel Freude und auch Leid in deinem Leben, dass es ein Theaterschriftsteller nicht besser erfinden könnte. Es hat mich daher wahnsinnig gefreut, als du mich gefragt hast, ob ich dir bei deinem Buch behilflich sein kann. Ich habe die Stunden genossen, in denen du mir deine Erlebnisse, deine Hochs und Tiefs im Leben erzählt hast, und es war für mich eine große Freude, das in diesem Buch umzusetzen. Ich jedenfalls danke dir von Herzen für dein Vertrauen, das du mir und meiner Arbeit entgegengebracht hast. Ich kann mich gut erinnern, dass ich in der Zeitschrift Bunte einmal die Überschrift gelesen habe: »Christa Kinshofer – wer sie kennt, wird glücklich«, und ich bin glücklich, dass ich dich kenne.
Mit den besten Wünschen,
dein Peter Landstorfer
»Christa – hallo … hallo, Christa … Frau Kinshofer, bitte hierher … noch ein Blick in die Kamera, bitte noch einmal … lächeln … bitte, Frau Kinshofer, bitte hierher zu mir … Bitte einmal im Profil … Danke, danke, Frau Kinshofer … Noch einmal lächeln ... nach links schauen … bitte direkt in die Kamera.«
Vor mir ein langer roter Teppich. Sportlerin des Jahres, die größte Auszeichnung im Leben eines Athleten. Fotografen und Journalisten drängen sich in die erste Reihe. Jeder will ein Siegerlächeln ergattern. Blitzlicht, überall Blitzlichter. Das Surren der Kameras ist wie eine nie enden wollende Melodie. Fünf Weltcupsiege in einer Saison. Eine Riesenslalomspezialistin, ein neuer Skistar. Christa Kinshofer ist einfach unschlagbar. Deutschland hat seine neue Heldin. Ganz Deutschland ist stolz auf die Sportlerin des Jahres – Kinsi Superstar! Immer wieder diese Blitzlichter, immer wieder das Klicken. Die Flugzeugturbinen des Learjets surren und machen mich unbeschreiblich stolz. Die Sportlerin des Jahres ist nicht mit dem Auto gekommen, sie wurde mit dem Flugzeug abgeholt. Ihre Landung wurde von einer Traube von Journalisten und Fotografen erwartet. Plötzlich habe ich wieder die Stimme des Stadionsprechers bei den Olympischen Spielen im Kopf:
»Ladies and gentlemen, second place … winner of the silver medal … representing the Federal Republic of Germany … Mesdames et Messieurs, médaille d’argent représentant la République fédérale d’Allemagne: Christa Kinshofer …«
Millionen von Fernsehzuschauern auf der ganzen Welt waren dabei. Silber für Deutschland, Silber für FRG, für Westdeutschland. Christa Kinshofer hat für Deutschland eine olympische Medaille geholt.
Glückwünsche, Händeschütteln, Blitzlichter und immer wieder lächeln, lächeln, lächeln. Alles ist wie ein Traum. Aber es ist kein Traum, es ist die Wirklichkeit. Nein, es ist nicht mehr die Wirklichkeit – es ist nur noch die Vergangenheit.
Der Learjet von damals ist einem gebrauchten Fiat Ritmo gewichen. Der lange rote Teppich für die Sportlerin des Jahres ist abgelöst von der schwarzen Teerdecke der Landstraße, die mich in dieser Nacht im November 1985 von Rosenheim nach Vaduz in Liechtenstein führt. Immer wieder strahlen mir Lichter entgegen, doch es sind keine Blitzlichter, es sind die Scheinwerfer der entgegenkommenden Fahrzeuge. Diese Lichter machen mich nicht glücklich wie einst die Blitzlichter, sie machen mich müde und traurig. Der Einzige, der in dieser Nacht mit mir gesprochen hat, ist der Tankwart einer Tankstelle, und er wollte nicht wissen, wann ich Zeit hätte für den nächsten Pressetermin. Er hat nur höflich gefragt, ob er das Wasser der Scheibenwaschanlage auffüllen und den Ölstand kontrollieren soll, während das Benzin in den Tank läuft. Es ist 2.30 Uhr morgens, und ich sitze in meinem kleinen Auto. Es ist stockfinstere Nacht. Auf dem umgeklappten Vordersitz neben mir liegt mein Skisack mit zwölf Paar Skiern. Ich muss pünktlich sein. Die Straßen sind noch schneefrei. Hoffentlich brauche ich später keine Ketten. Ernst Zwinger, mein Coach im Niederlande-Team, wird ärgerlich, wenn ich mich verspäte. Um 6.30 Uhr muss ich in Vaduz sein. Die Autobahn zum Arlbergtunnel füllt sich langsam mit Schnee, doch ich werde es schaffen. Ich muss pünktlich in Liechtenstein ankommen, und dann geht es weiter zu den nächsten Skirennen. Die Aufholjagd nach FIS-Punkten bei internationalen FIS-Rennen kann dann beginnen. Ich habe ein ungutes Gefühl. Schon wenn ich daran denke, wie schwierig es sein wird, mit den letzten Startnummern im »Club der Punktelosen« zu starten. Die Torrichter werden wieder hinter mir die Torstangen abräumen – ein schlimmes, demütigendes Gefühl für einen einstigen Skistar. Immer wieder schweifen meine Gedanken zurück in meine Vergangenheit. Ich höre das Klicken der Blitzlichter und Surren der Kameras. Aber nein, es ist nicht das Surren der Kameras, es ist nur der Scheibenwischer des Fiat Ritmo, der fleißig und unaufhörlich versucht, mir freie Sicht in diesem immer stärker werdenden Schneetreiben zu verschaffen.
Was habe ich nur falsch gemacht? Wie kann man so hoch fliegen und plötzlich so tief abstürzen? War ich zu überheblich? Habe ich mir zu viel auf mich und meinen Erfolg eingebildet? Oder hat mich der Erfolg blind gemacht und zu etwas verleitet, was ich niemals hätte tun dürfen? Nein, sicher nicht. Ich habe doch nur die Wahrheit gesagt. Es kann doch kein Fehler sein, die Wahrheit zu sagen – oder doch? Im Grunde habe ich doch nur das gesagt, was sich alle anderen in der Mannschaft gedacht haben. Es ist nun mal Tatsache, dass wir die Kippstangentechnik verschlafen haben. Wir hätten anders trainieren müssen. Unser Trainer hätte uns anders trainieren, anders auf die Rennen vorbereiten müssen. Es ist die Wahrheit, aber gerade diese Wahrheit wurde mir zum Verhängnis.
»Solange wir die Kippstangentechnik nicht beherrschen, werden wir unseren Konkurrentinnen immer hinterherfahren«, schießen mir Gesprächsfetzen durch den Kopf. Jetzt fahre ich auch hinterher. Aber nicht mehr den Konkurrentinnen im Weltcup, sondern den Lkws, die vor mir fahren und die ich nicht überholen kann, weil mein kleiner Fiat das nicht schafft. Also bleibe ich, wo ich bin, und fahre hinterher. Genauso, wie ich jetzt den FIS-Punkten hinterherfahren muss. War es wirklich die richtige Entscheidung, für die Niederlande zu starten? Wäre es nicht vielleicht besser gewesen, meine Karriere ganz einfach zu beenden? Viele, auch meine Familie, hatten mir dazu geraten … aber nein! Eine Karriere beendet man ganz oben und nicht ganz unten. Ich bin sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich werde und will es schaffen, wieder ganz nach oben zu kommen. Ich werde mir selbst und allen anderen zeigen, was man erreichen kann, wenn man es wirklich will. Die Landstraße geht jetzt leicht bergab. Ich setze den Blinker und überhole endlich diesen Lkw, der schon so lange vor mir hergefahren ist und mir mit seinen Reifen den Schneematsch entgegengeschleudert hat. Jetzt habe ich endlich wieder freie Fahrt. Ja, ich habe wieder freie Fahrt. Doch ich weiß, dass ich im Skizirkus noch lange hinterherfahren muss. Aber eines Tages werde ich auch hier wieder freie Fahrt haben. Im Radio läuft gerade eines meiner Lieblingslieder, das irgendwie auch für mich zum Motto geworden ist: I Will Survive von Gloria Gaynor. Ich singe immer wieder aus voller Kehle mit: »I will survive … I will survive …«
Es ist jetzt kurz nach fünf Uhr. Mein Zeitplan funktioniert, und ich werde pünktlich in Vaduz sein. Ich werde auch pünktlich am Start stehen und wie schon so oft in den letzten Wochen und Monaten eine ganz hohe Startnummer haben. Beim letzten Rennen musste ich sie sogar selbst mit einem Filzstift auf das Startnummerntrikot schreiben, weil alle gedruckten Startnummern bereits vergeben waren. Sie werden auch bei diesem Rennen wieder hinter mir die Torstangen zusammenräumen. Und an die 100 Rennläuferinnen werden bereits im Ziel sein, wenn Christa Kinshofer oben am Start steht. Manchmal habe ich Angst. Aber dann überkommt mich wieder eine unglaubliche Zuversicht: »Du schaffst das!« Ich bin sicher, dass eines Tages aus dem Scheinwerferlicht der Fahrzeuge, die mir jetzt auf der Straße nach Vaduz entgegenkommen, wieder das Blitzlichtgewitter von einst wird. Ich werde wieder ganz unten anfangen wie damals als kleines Mädchen in Miesbach …
In den Bergen ist Skifahren Pflichtfach, selbst wenn man noch nicht zur Schule geht. Dieser Grundsatz galt auch in unserer Familie. Hinter unserem Elternhaus in Miesbach war der sogenannte Schweinsteigerhang. Mein erster Trainer und mein großes Vorbild war, wie es sich für ein kleines Mädchen mit vier Jahren gehört, mein großer Bruder Klaus. Er war zwei Jahre älter als ich und ein fantastischer Skifahrer. Normalerweise sind kleine Schwestern eher ein unangenehmes Anhängsel für ältere Brüder. Bei meinem Bruder Klaus war das jedoch nicht so. Er war derjenige, der mir zum ersten Mal Skier angezogen hat und mich den Haushang hat hinunterfahren lassen. Bei einem meiner ersten Stürze, so erzählt er heute noch mit großer Freude, bin ich sogar aus den Skischuhen herausgerutscht. Aber das hat mir als Kind nichts ausgemacht. Im Gegenteil – ich hatte so den ersten richtigen Kontakt mit dem Schnee, der in meinem Leben noch eine so große Rolle spielen sollte. Was ich selbstverständlich damals noch nicht ahnen konnte.
Sicherlich hat die Vorbildfunktion meines großen Bruders dazu beigetragen, dass sich in mir so eine Leidenschaft und ein enormer Ehrgeiz entwickelt haben. Ich war wahnsinnig stolz, wenn ich Klaus zu seinen Rennen begleiten durfte. Mit fünf Jahren dann, im Jahr 1966, hat mich mein Vater im Skiclub Miesbach als offizielles Mitglied angemeldet. Nun durfte ich zusammen mit meinem Bruder im Skiclub trainieren. Mein großer Bruder hat meine Drohung, dass ich ihn eines Tages überholen werde, damals noch mit einem leisen und souveränen Lächeln quittiert, aber das sollte sich bald ändern. Ich trainierte im Skiclub mit wachsender Begeisterung, was mit den ersten Siegen in Kinderclubrennen belohnt wurde. Neben dem Skifahren interessierte ich mich allerdings auch noch für Ballett und Eiskunstlauf. Für ein Mädchen in meinem damaligen Alter war das ganz normal. Ich schwärmte für das Ballett, mich hatten schon immer diese Leichtigkeit und die absolute Körperbeherrschung fasziniert. Meine damalige Ballettlehrerin erklärte mir immer wieder, dass, je leichter und anmutiger die Bewegung einer Tänzerin erschien, diese umso härter und komplexer trainiert hatte. Vieles, was im Leben ganz leicht und locker aussieht, muss durch viel harte Arbeit und Training erarbeitet werden. Erst viel später sollte ich den Sinn dieser Aussage richtig verstehen.
Eiskunstlauf war neben Ballett und Skifahren meine dritte große Leidenschaft. Beinahe hätte es deswegen sogar mit meiner Skikarriere nicht geklappt, weil mir der Axel so gut gelang. Mit acht Jahren schaffte ich als kleine Eiskunstläuferin nämlich diesen schwierigen Sprung, den sogenannten Königssprung im Eiskunstlauf, derart gut, dass er mir zum Titel bei den Bambini-Meisterschaften verhalf.
Dies blieb dann jedoch der einzige Titel als Eiskunstläuferin, denn Skifahren war mir schon damals doch um einiges lieber. Mit elf Jahren wurde ich schließlich vom Deutschen Skiverband (DSV) entdeckt, und damit war der wesentliche Grundstein für meine Skikarriere gelegt. Ich trainierte von Anfang an selbstständig und sehr gerne. Die Teilnahme an den Rennen war für mich allerdings die größte Freude und auch Herausforderung. Ich war geradezu hungrig nach Rennen. Diese Begeisterung dafür war ganz allein in mir gewachsen, ohne irgendeinen Zwang oder Leistungsdruck vonseiten meiner Eltern. Meine Mutter und mein Vater haben mich jedoch stets unterstützt, mich hilfreich begleitet und für mich gesorgt – zum Beispiel bei meiner Ausrüstung. Als erfolgreicher Ingenieur hat mein Vater sich immer Gedanken darüber gemacht, wie er meine Ausrüstung verbessern könnte. Ich weiß noch gut, dass mein Vater meine ersten richtigen Skischuhe mit Fiberglas verstärkt hat, damit ich in ihnen einen besseren Halt finden konnte. Die Skischuhe waren aus Leder gefertigt, und eine Richtführung im Skischuh gab es zu dieser Zeit noch nicht. Stolz trug ich damals den ersten selbst gebauten »Kinshofer Rennskischuh«.
Meine Kindheit und frühe Jugend fanden im Wesentlichen zwischen Torstangen statt. Bereits damals war jedes Rennen für mich eine neue Herausforderung und jeder Sieg der Start zu einem neuen Ziel. Schon bald setzte ich meine Ziele sehr hoch, und der Traum der großen Skikarriere wuchs in mir heran. Ich bin meinem Vater vor allem auch dafür dankbar, dass er mir schon früh beigebracht hat, erst dann ein neues Ziel ins Auge zu fassen, wenn man das alte Ziel erreicht hat. Schritt für Schritt, von Rennen zu Rennen, von Sieg zu Sieg. Und ganz in der Ferne steht das große Traumziel – Olympia. Aber bis dahin war es noch ein sehr weiter und harter Weg.
Meinen ersten richtigen Kontakt mit olympischen Belangen hatte ich im Sommer 1972 vor den Olympischen Spielen in München. Denn unser Skiclub Miesbach hatte einen Kilometer Fackellauf zugeteilt bekommen, und mein Bruder Klaus und ich gehörten zu den ausgewählten Kindern, die das olympische Feuer auf diesem Kilometer für einen kurzen Moment tragen durften. Das olympische Feuer in meinen Händen zu haben war für mich ein bis heute unvergessliches Erlebnis. Das olympische Feuer wurde aber nicht nur in München entzündet, sondern auch im Herzen der kleinen Christa Kinshofer.
Skifahren wurde immer mehr zum Mittelpunkt meines gesamten Lebens. Nachdem mich die Talentsucher des DSV bei einem Rennen der deutschen Schülermannschaft entdeckt hatten, erhielt ich mit nur zwölf Jahren die Möglichkeit, an Testrennen des DSV teilzunehmen. Auch das machte mir großen Spaß, und von Rennen zu Rennen wurde ich sicherer und konnte durch zahlreiche gute Platzierungen so viele Punkte sammeln, dass ich mit Traudl Hächer und Regine Mösenlechner als damals jüngste Skiläuferin mit 13 Jahren von der Schülermannschaft in die Deutsche Nationalmannschaft aufgenommen wurde. Der damalige Cheftrainer Klaus Mayr war der Meinung, dass man junge Talente möglichst früh an die internationale Weltspitze heranführen sollte. Manche kritisierten dies, weil sie uns für zu jung hielten. Mir war das egal, denn das erste Ziel für den Einstieg in eine Profikarriere als Skiläuferin war erreicht!
Von diesem Moment an ging alles Schlag auf Schlag: Statt in meiner Vereinsmannschaft im Skiclub Miesbach trainierte ich plötzlich in der Deutschen Nationalmannschaft, und aus Clubmeisterschaften wurden Weltcuprennen. Mit 14 Jahren stand mein erstes Weltcuprennen in Bad Gastein an. Unsere Mannschaft wohnte nicht mehr in Clubheimen oder Sportstätten, nein, jetzt residierten wir als junge Skirennläuferinnen im luxuriösen »Hotel Elisabeth« in Bad Gastein, in dem sogar schon Kaiserin Elisabeth übernachtet hatte. Wir wurden zuvorkommend bedient und fühlten uns selbst fast wie Sissi. Wir lernten das Flair der großen Welt kennen. Es waren alle Nationen versammelt, wir begegneten interessanten Menschen und hörten alle Sprachen der Welt. All diese neuen Eindrücke machten es mir schwer, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren – auf meinen geplanten Start im Weltcupslalom und in der Weltcupabfahrt der Damen. Mein erstes Weltcuprennen stand also direkt bevor, und meine Nervosität wuchs ins Unermessliche. Oder war es doch eher die Vorfreude auf den ersten Schritt auf die internationale Bühne, die für mich bald die Welt bedeuten sollte? Ich weiß es nicht mehr genau, aber wahrscheinlich war es die Mischung aus beidem, die mich die Nacht vor dem Rennen wachliegen ließ. Immer wieder ging mir der Satz meiner Mutter durch den Kopf: »Geht nicht gibt’s nicht.«
Große Hoffnungen durfte ich mir allerdings nicht machen, denn ich hatte die Nummer 48, also eine relativ hohe Startnummer. Und normalerweise ist eine hohe Startnummer für einen Rennläufer ein Nachteil, da die Piste nach jedem Läufer schlechter wird. Doch bei dieser Abfahrt war es anders. Da es die ganze Nacht und den Vormittag über geschneit hatte, war die Piste komplett mit Neuschnee bedeckt. Die ersten Läuferinnen hatten große Probleme, weil der Neuschnee auf der Strecke wie eine Bremse wirkte. Mit jeder Läuferin wurde jedoch immer mehr Schnee aus der Piste geräumt, sodass die Rennstrecke immer schneller wurde. Mein Trainer Klaus Mayr motivierte mich am Start noch einmal: »Christa, das ist deine Chance. Gib Gas. Vergiss die Nervosität, und starte richtig durch. Wenn du gut durchkommst, kannst du unter die ersten 15 fahren. Los! Das ist deine Chance!« Meine Nervosität war wie verflogen, ich wollte diese Chance unbedingt nutzen, und wieder hörte ich meine Mutter sagen: »Geht nicht gibt’s nicht.«
Ich kam gut aus dem Starthaus. Bereits nach den ersten Toren merkte ich, dass die Piste schnell war. In der Ideallinie befand sich kaum noch Neuschnee. Also konnte ich richtig angreifen. Mir war klar, dass das mein erstes großes Weltcuprennen war. Ich kämpfte mich von Tor zu Tor, wurde immer sicherer und spürte, dass ich genügend Kraft hatte, um das Tempo bis unten durchzustehen. Noch wenige Tore, dann das Ziel. Im Ziel galt mein erster Blick natürlich der Stadionanzeige. Ich hatte es tatsächlich geschafft – der zwölfte Platz und zugleich die beste Zeit der deutschen Läuferinnen. Bad Gastein wurde damit zum Grundstein für meine Karriere als Profiskiläuferin. Diesem Rennen folgten weitere Weltcuprennen, in denen ich gute Platzierungen unter den ersten 15 erreichte, sodass ich sehr bald über den B-Kader in den A-Kader der Nationalmannschaft vorrückte. Meine Leistungen wurden immer besser, sie wurden konstant, und meine Trainer waren mit mir mehr als zufrieden.
Mit der Aufnahme in die Nationalmannschaft im Jahr 1975 änderte sich mein komplettes Privatleben. Ich musste mich nunmehr entscheiden, wie meine schulische Ausbildung weitergehen sollte. Da gab es für mich nur einen Wunsch: das Skigymnasium Christophorus in Berchtesgaden. Es war vom damaligen Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes, Helmut Weinbuch, Vater des Weltmeisters in der nordischen Kombination, Hermann Weinbuch, und Stefan Gauer, der das Gymnasium bis 1999 auch leitete, erst fünf Jahre zuvor, also 1970, gegründet worden. Das Skigymnasium Christophorus zählt noch heute zu den besten Talentschmieden für junge Spitzensportler. Georg Hackl, Armin Bittner, Peter Schlickenrieder, Evi Sachenbacher, Hilde Gerg und nicht zuletzt Maria Riesch sind nur einige der großen Namen, die in diesem Gymnasium zu Spitzensportlern herangewachsen sind. Ich war glücklich und stolz, diese Schule besuchen zu dürfen, und war mir auch bewusst, dass mein Traum von einer Karriere als Spitzensportlerin nur in Erfüllung gehen konnte, wenn ich mein ganzes Leben darauf abstellte. Das bedeutete, dass vor allem meine schulische Ausbildung und die Möglichkeit des Trainings zu vereinbaren waren. Dies gelang mir in dieser Schule. Nun begann für mich ein Leben zwischen Büchern und Torstangen, zwischen Schulbank und Skipiste. Die Anforderungen und Belastungen im Internat waren groß, aber durchaus machbar. Der Alltag war geprägt von Lernen und Trainieren. Im Sommer stand Konditionstraining und ab Oktober Training im Schnee auf dem Stundenplan. Die Rennsaison begann im November und ging bis Ende März. Im November hatten wir in Berchtesgaden oft zu wenig Schnee, um trainieren zu können. Dann ging es schon frühmorgens los in Richtung Gletscher. Unsere Trainer waren beinhart, und für uns hieß das: um 6.30 Uhr aufstehen, um sieben Uhr Frühstück und dann in den Bus Richtung Gletscher. Oft war es neblig und kalt, aber das machte uns nichts aus. Denn wir alle hatten nur ein Ziel vor Augen: in die Weltspitze aufzusteigen.
Durch den strengen Trainings- und Schulplan vergingen die Wochen wie im Flug. Und die Wochenenden waren dazu da, um Wäsche zu waschen und ein bisschen Freizeit zu genießen. Doch sie vergingen schnell, ja oftmals zu schnell. Es blieb kaum Zeit, um Freunde zu besuchen oder auszugehen. Gerne wäre ich ab und zu zum Tanzen gegangen, aber bis ich mich versah, war das Wochenende schon wieder vorbei, und es hieß Koffer packen und ab nach Berchtesgaden.
Neben dem harten körperlichen Training war selbstverständlich auch die richtige Ernährung von entscheidender Bedeutung für den Erfolg. Ich aß überwiegend Reis, mageres Fleisch und natürlich viel Gemüse. Und meine Mutter war für mein ganz besonderes »Doping« zuständig. Sie hatte eine gute Verbindung zu einer kleinen Bäckerei in Miesbach, deren Bäcker auf Dinkelzwieback schwor. Seiner Meinung nach war Dinkel für den Körper gut verträglich und förderte die Konzentration. Also besorgte mir meine Mutter immer meinen Dinkelzwieback, der dann bei der Abreise nie in meinem Koffer fehlte. Ob bei einem Weltcuprennen oder den Olympischen Spiele – vor dem Start aß ich zum Frühstück immer meinen Dinkelzwieback aus der kleinen Bäckerei in Miesbach.
Wichtig war natürlich auch das mentale Training. Schon damals habe ich mich nach einem anstrengenden Tag – einem Trainings- oder Renntag – durch autogenes Training entspannt. Für mich war es wichtig, Ruhe und innere Gelassenheit zu finden, um mich wieder auf neue Aufgaben und Ziele konzentrieren zu können. So konnte ich meine Reserven aktivieren und neue Kräfte aufbauen. Neben dem technischen und dem Konditionstraining habe ich mich stets auch durch mentale Übungen wie beispielsweise Wärme-, Atem- und Schwereübungen auf die Rennen vorbereitet. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Die Gedanken fliegen wie Vogelschwärme um deinen Kopf. Das kannst du nicht verhindern, aber du kannst verhindern, dass sie Nester bauen in deinem Haar. Lass die Vögel fliegen.«
Diesem Sprichwort folgend, gelang es mir fast immer, mich ganz auf meinen Körper zu konzentrieren und nicht zu unwichtigen Dingen abzuschweifen. Natürlich durfte auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Ich war zwar eingebettet in ein perfektes System aus Schule, Sport und Familie. Aber in der Schule lernte ich viele Gleichgesinnte kennen, und wir hatten neben allem Training und Wettkampf auch immer wieder unseren Spaß und fanden ab und zu Zeit für den einen oder anderen Jugendstreich. Eigentlich fehlte mir nichts. Ich war mir bewusst, dass ich zu den auserwählten Skiläuferinnen gehörte und alle, seien es meine Eltern, meine Trainer oder auch meine Freunde, große Hoffnungen in mich setzten. Doch dieser Druck belastete mich nicht allzu sehr. Für mich gab es nur ein Ziel: Ich wollte zur Weltspitze der Skiläuferinnen gehören. Das war mein Jugendtraum!
Mit der Zeit entwickelte sich der Weltcupteenager mehr und mehr zur Profisportlerin. Ich konnte in vielen Rennen Siege und gute Platzierungen erreichen, sodass meine Karriere stetig steil bergauf ging. Dann stand die Rennsaison 1978/79 bevor, ich war optimal vorbereitet, alle Ampeln für eine erfolgreiche Saison standen auf Grün. Doch leider kam alles anders als geplant. Denn die Ampeln zum Erfolg standen zwar auf Grün, die Ampeln der Gesundheit jedoch auf Rot. In der Vergangenheit hatte ich immer wieder leichte Probleme mit meinen Nasennebenhöhlen. Im Spätsommer 1978 wurden die Schmerzen allerdings so groß, dass ich mich einer Operation an den Nebenhöhlen unterziehen musste. Ich lag zwei Wochen in der Klinik, und leider traten erhebliche Komplikationen auf, die den gesamten Heilungsprozess stark verzögerten. Nach Wochen durfte ich zwar schließlich die Klinik verlassen, aber an ein Training war nicht zu denken. Allein der Gedanke daran, nicht an den künftigen Weltcuprennen teilnehmen zu können, machte mich fast wahnsinnig. In den letzten Jahren hatte ich alles getan, um meinen großen Traum erfüllen zu können. Ich hatte auf so viel verzichtet, mein ganzes Leben nur auf meine Karriere abgestimmt. Mein Körper war doch so gut trainiert, und ich hatte immer darauf geachtet, dass alles in Ordnung war. Und jetzt die erste große Enttäuschung. Aber ich wollte nicht aufgeben.
Daher habe ich mich mit unserem damaligen Konditionstrainer der Damenmannschaft, Heinz Mohr, in Verbindung gesetzt und ihn gebeten, mir zu helfen. Ich werde ihm nie vergessen, dass er persönlich zu mir nach Hause kam und mit mir ein Spezialtraining ausarbeitete, das meine Kondition wieder aufbauen sollte. Er war es auch, der mir geholfen hat, meine Psyche und durch mentales Training auch mein Selbstbewusstsein wieder zu stärken.
Trotz meiner Krankheit unterzog ich mich also diesem privaten Spezialtraining und begann langsam, meine Kondition wieder zu verbessern. Schritt für Schritt, Tag für Tag konnte ich Fortschritte feststellen. Aber ich war ungeduldig, wollte mehr, trainierte heimlich in den Abendstunden – mehr als der Trainingsplan vorschrieb – und bekam von meinem Körper auch prompt die Quittung serviert: Muskelschmerzen, Krämpfe, Müdigkeit … einmal brach ich in Wörnsmühl bei meinem Onkel Lenz zusammen, mein Kreislauf machte nicht mehr mit. Ich wollte einfach zu viel und musste lernen, mehr auf meinen Körper zu hören und geduldig zu sein. In der Folge hielt ich den Trainingsplan von Heinz Mohr genauestens ein und wurde schließlich dafür belohnt. Ich radelte fleißig im Wohnzimmer auf dem Hometrainer und schaute mir dabei immer und immer wieder die Folgen von Sissi an. Nach gut zwei Monaten kam dann endlich die erlösende Aussage der Ärzte: »Dein Körper ist fit, du kannst wieder in der Mannschaft mittrainieren und auch Rennen fahren.«
Das war für mich die schönste Nachricht seit Monaten und zugleich der Start für einen Wettlauf gegen die Zeit. Dieses Mal jedoch nicht auf der Piste, sondern in Bezug auf Material und Ausrüstung. Ein unterzeichneter Materialvertrag mit einem der Skiausrüstungshersteller ist Voraussetzung für jeden Skiläufer, der in eine Rennsaison starten möchte. Normalerweise kümmert sich jeder Athlet persönlich vor Beginn der Saison um diese Verträge. Doch meine Krankheit hatte es mir unmöglich gemacht, in diesem Punkt aktiv zu werden. Ich hatte somit eigentlich alles versäumt, was bisher zu tun gewesen wäre. Durch einen Anruf beim Deutschen Skiverband konnte ich wenigstens eine Fristverlängerung um 14 Tage erwirken. In dieser Zeit musste ich mich jedoch entscheiden.
Ski und Bindung waren schnell gefunden, doch der Schuh war mein großes Problem. Jeder, der selbst Ski fährt, weiß, dass eines der schlimmsten Dinge ist, wenn der Schuh drückt. Und für einen Rennläufer ist der passende Schuh natürlich besonders wichtig. Nur wenn Schuh und Fuß eine Einheit bilden, kann der Fahrer seine Technik optimal auf den Ski und damit auf die Piste übertragen. Da ich eine derjenigen Rennläuferinnen war, die das Tempo eher durch Technik auf die Piste brachten als durch Kraft, war es für mich extrem wichtig, einen optimalen Skischuh zu finden. Weil die Zeit drängte, entschloss ich mich, das zu machen, was jeder Freizeitskifahrer in so einer Situation auch getan hätte. Ich ging in ein großes Münchener Sporthaus und probierte alle Skischuhe aus dem Sortiment an. Tatsächlich fand ich ein Modell, das mir optimal passte und bei dem ich bereits im Sporthaus fühlte, dass das der richtige Skischuh für mich sein könnte. Mental bin ich zwischen den Schuhregalen mein erstes Slalomrennen gefahren, Tor für Tor – und alles passte. Doch dann warf mich die Stimme eines Verkäufers aus meinem imaginären Rennen: »Frau Kinshofer, was wollen Sie denn mit diesem Schuh, das ist doch ein Auslaufmodell!«
Normalerweise ist für jede Frau das Wort Auslaufmodell in Verbindung mit Mode und Bekleidung eine Schreckensnachricht. Doch in diesem Fall ging es nur darum, dass der Skischuh passte. Daher antwortete ich ganz knapp: »Das macht nichts. Dann machen wir eben aus dem Auslaufmodell ein Rennmodell.«
Ich nahm gleich zwei Paar mit, bezahlte 500 DM (heute rund 250 Euro) für beide und unterschrieb kurz darauf den Vertrag mit dem Hersteller. Damit war ich für die Rennsaison 1978/79 voll gerüstet.
Im November begann ich schließlich langsam mit den Trainingsläufen am Gletscher. Da ich trotz meiner Genesung körperlich noch ziemlich angeschlagen war, hatte mir mein Trainer für die ersten zwei Wochen nur freies Skifahren auf den Trainingsplan gesetzt, um mich zu schonen. Ich musste mich langsam wieder an das Skifahren und die körperlichen Belastungen gewöhnen. Als Sorgenkind der Mannschaft wurde mir unser B-Kader-Coach Ludwig Sennhofer als Trainer zur Seite gestellt. Mit zwei Trainern, Heinz Mohr und Ludwig Sennhofer, und mit extremem Trainingsaufwand konnte ich meinen alten Konditions- und Leistungsstand bald wiederherstellen. Nach zwei Wochen Sonderbehandlung durfte ich dann endlich wieder mit den anderen Mädchen trainieren. Natürlich hatten sie einen großen Trainingsvorsprung, da sie den ganzen Sommer über am Gletscher gefahren waren und ein Trainingsrennen nach dem anderen absolviert hatten – während ich in der Klinik gelegen hatte und von einem Behandlungszimmer in das nächste geschoben worden war. Obwohl mein Gesundheitszustand nun wieder bestens war, war es für meine Trainer und auch für mich völlig klar, dass ich nur das schwächste Glied in der Kette der Mannschaft sein würde. Daher fand ich es auch nicht verwunderlich oder enttäuschend, dass mich beide Trainer im Rahmen der Wettkampfvorbereitungen meiner Kolleginnen zunächst als Vorläuferin eingeteilt hatten. Vorläuferinnen tragen in der Regel nicht einmal einen Rennanzug, sondern einen wattierten Skianzug, da es weder auf Aerodynamik noch auf Luftwiderstand ankommt und die Zeiten der Läufe nicht mitgestoppt werden. Man ist so eine Art Testpilotin, die den gesteckten Lauf zunächst einmal ausprobieren soll, damit die Rennläuferinnen diesen bedenkenlos und ohne Risiko mit vollem Tempo fahren können.
Also startete ich als Vorläuferin in einem der Wettkampfvorbereitungsrennen. Im Ziel angekommen, kam Ludwig Sennhofer sofort zu mir und meinte: »Wenn mich nicht alles täuscht, bist du gerade ziemlich schnell gewesen. Ich habe zwar nicht mitgestoppt, aber es sah verdammt schnell aus. Weißt du was, beim nächsten Vorlauf stoppe ich heimlich – nur so zum Spaß – mit.«
Ich ging wieder an den Start, warm eingepackt in meinen dicken wattierten Skianzug. Ludwig Sennhofer stoppte die Zeit und konnte nach meiner Zieldurchfahrt nicht glauben, was er sah. Es war Bestzeit. Umgehend informierte er die anderen Trainer, und beim nächsten Vorlauf stoppten alle die Zeit mit der offiziellen Zeitmessung mit. Das Ergebnis: wieder Bestzeit und Kopfschütteln und Verwunderung bei den Trainern. Ratlosigkeit machte sich bei den Trainern breit. War eine Nebenhöhleneiterung etwa eine optimale Rennvorbereitung? War ein Klinikaufenthalt besser als ein Sommertraining am Gletscher? Konnte man sich in zwei Wochen wirklich besser auf eine Skisaison vorbereiten als in einem monatelangen Trainingsprozess? Alles Unsinn. Es musste einen anderen Grund geben. Plötzlich hatten die Trainer eine scheinbar einleuchtende Erklärung gefunden: »Na klar, du bist ja als Vorläuferin gestartet, also hast du die beste Piste und damit auch die schnellste Zeit, ist doch logisch!« Die Folge daraus hieß: »Christa, du startest jetzt einmal als Letzte.« Aber auch dieses Mal sollte die Letzte die Erste sein – wieder Bestzeit.
Ehrlich gesagt, kann ich mir bis heute nicht erklären, warum ich nach so kurzer Zeit, nach meiner langen Krankheit mit all den psychischen Problemen damals so gut gefahren bin. Vielleicht lag es daran, dass ich im Krankenbett zwar nicht körperlich trainieren konnte, aber immer geistig auf Skiern stand. Aus Ärzten machte ich Trainer, aus Krankenschwestern Mannschaftskameradinnen. So hatte ich meine Fantasiemannschaft. Vielleicht war ich durch meine lange Abwesenheit aber auch insgesamt frischer, hungriger und gieriger als die anderen, die schon wochenlang Tag für Tag am Gletscher waren. Vielleicht war es aber auch einfach nur Glück. Denn man kann viel trainieren, viel arbeiten, alles planen und vorbereiten, aber ganz ohne Glück geht es letztendlich nicht. Und dieses Glück hatte ich.
