Herbert Grönemeyer. 100 Seiten - Wieland Schwanebeck - E-Book

Herbert Grönemeyer. 100 Seiten E-Book

Wieland Schwanebeck

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Beschreibung

Virtuoser Sänger und aufmerksamer Beobachter »Herbert Grönemeyer nimmt die Deutschen in die Pflicht und schmeichelt zugleich der deutschen Seele. Diesen Widerspruch gilt es auszuhalten.« »Flugzeuge im Bauch«, »Was soll das«, »Zeit, dass sich was dreht«: Herbert Grönemeyer prägt mit seinen Liedern und seinen umjubelten Tourneen seit Jahrzehnten die deutschsprachige Popmusik. Doch wie wurde aus dem bekanntesten Bochumer unser aller Mit-»Mensch«? Wieland Schwanebeck geht dem Phänomen Grönemeyer auf den Grund, analysiert seine Songs und würdigt ihn als einen aufmerksamen Beobachter des Zeitgeschehens. Mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wieland Schwanebeck

Herbert Grönemeyer. 100 Seiten

Reclam

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

 

RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 962482

2. Auflage

2025 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: zero-media.net, München

Bildnachweis siehe Anhang

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2025

RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-962482-2

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-020791-8

reclam.de | [email protected]

Inhalt

Playlist zum Buch

Naturgewalt: Herbert und ich

Zur Faust geballt: Die Anfänge

Druckvoll gelallt: Wie die Lieder entstehen

Lautstark beschallt: Die 1980er Jahre

Was keiner schnallt: Lob der Unverständlichkeit

Mehr Sinngehalt: Die 1990er Jahre

Stabil verknallt: Grönemeyer und wir

Als Lichtgestalt: Die 2000er Jahre

Für Jung und Alt: Die Konzerte

Lektüretipps

Diskographie

Auflösung

Bildnachweis

Über den Autor

Über dieses Buch

Leseprobe aus Reinhard Mey. 100 Seiten

»Die Mauern meiner Zeit« – Prolog

Zum Autor

Über dieses Buch

Playlist zum Buch

Ich habe es nicht darauf abgesehen, Skeptiker zu Grönemeyer zu ›bekehren‹ (so etwas kann, wenn überhaupt, nur die Musik leisten). Aber ich traue es jedem zu, spät im Leben noch den Weg nach Grönland zu finden. Schließlich landen viele seiner Songs, und das ist ein wiederkehrender Refrain in diesem Buch, erst beim zweiten oder dritten Hören so richtig im Ohr. Ein paar Lieblingstitel, auf die das besonders zutrifft und auf die ich in den folgenden Kapiteln näher eingehe, können Sie in einer eigenen Playlist zum Buch nachhören. Diese finden Sie unter reclam.de/herbert-groenemeyer-100-seiten.

Naturgewalt: Herbert und ich

Sommer 2002. Ich bin frischgebackener Abiturient, die Fußballnationalmannschaft hat sich in Japan und Südkorea zur Vizeweltmeisterschaft gerumpelt, und Gerhard Schröder macht Wahlkampf in Gummistiefeln. Schuld ist das Wasser. Es steigt. Etliche Dörfer in Bayern und Sachsen müssen evakuiert werden, die Energieversorgung ist vielerorts unterbrochen, es gibt »Sandsack-Logistik-Zentren«. Der Elbpegel steigt so hoch, dass sich meine Heimatstadt Meißen in eine geteilte Stadt verwandelt und die Brücken gesperrt werden.

Erinnerungen an besonders aufwühlende Ereignisse laufen im Kopf manchmal zu Musik ab. Vielleicht ein Zeichen, dass uns das Kino mit seinen Zeitraffersequenzen verdorben hat – die kommen nie ohne Soundtrack aus. Vielleicht liegt es in diesem Fall auch an den vielen Jahresrückblicken, die noch folgen sollen. Einige unterlegen die Bilder der Hochwasserkatastrophe mit einem Lied, das am 5. August 2002 veröffentlicht wird, kurz bevor die schlimmsten Regengüsse niedergehen: »Mensch« von Herbert Grönemeyer. Zeilen wie »Nach der Ebbe kommt die Flut« könnten schnell einen zynischen Beigeschmack bekommen, doch das Lied hat in diesem Sommer eine andere Wirkung. Es bringt Trost und Zuspruch. »Und der Mensch heißt Mensch / Weil er irrt und weil er kämpft.« Der das singt, der weiß, wovon er singt – und seine Botschaft wird gehört. Im Jahr 2002 ist »Mensch« acht Wochen lang der meistgespielte Titel im deutschen Radio; kurz darauf meldet der Evangelische Pressedienst, das Lied werde in Gottesdiensten eingesetzt. Grönemeyer spielt es noch heute in jedem seiner Konzerte, und dass es mittlerweile im Deutsch- und Religionsunterricht behandelt wird, hat ihm auch nichts anhaben können.

Wie viele andere, die bis dahin nicht an die sängerische Naturgewalt von Herbert Grönemeyer geglaubt hatten, ihn nun aber plötzlich mit den entfesselten Naturgewalten überblendeten, kam ich im Jahr 2002 nicht an »Mensch« vorbei, auch dann nicht, als das letzte Sandsack-Logistik-Zentrum wieder geschlossen worden war. Ich dürfte nicht der Einzige gewesen sein, der Grönemeyer über diese besondere Platte noch einmal neu kennenlernte, genauer gesagt: überhaupt richtig kennenlernte. Zu Grönemeyer hatte ich bis dahin eigentlich kein Verhältnis, hatte Pop und Rock in meiner Schulzeit fast komplett links liegengelassen und mir vor allem deutschsprachige Musik vom Leib gehalten, so gut es ging. Mit den meisten deutschen Rockstars kann ich bis heute nichts anfangen. Ich habe dann immer gleich Udo Lindenberg vor Augen, der sehr sympathisch ist, aber so viel gewollte Coolness ausstrahlt, als hätte ihn sich ein Kindergartenkind beim Kostümverleih zusammengebastelt. Lederjacke, Sonnenbrille, Hut, ein bisschen zu viel von allem.

Nach der Flutkatastrophe trat ich meinen Zivildienst an und saß als Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes monatelang viel hinter dem Lenkrad. Das Kassettendeck im Auto war defekt, eigene Tapes ließen sich also nicht abspielen, und da es einem die Kolleginnen übelnahmen, wenn man ihre Radiosender verstellte, schluckte ich meinen Stolz herunter und hörte den von öden Jingles und Comedy-Einlagen umrahmten Radiopop. Viele Hits der Stunde kamen und gingen, P!nk und Robbie Williams gaben sich die Klinke in die Hand, doch Herbert Grönemeyer blieb – immer wieder »Mensch«, später die vom selben Album nachgeschobenen Singles »Der Weg« und »Demo (Letzter Tag)«, die in letzter Minute mit auf die Platte gepackte Nummer mit dem dauerprovisorischen Titel.

Und so wurde ich im Auto allmählich zum Grönemeyer-Fan, erschloss mir seine älteren Platten, besuchte mein erstes Konzert. Alteingesessene Fans hätten vielleicht die Nase gerümpft, wie es nicht zu vermeiden ist, wenn Idole nochmals an Beliebtheit zulegen und sozusagen gentrifiziert werden. Für die Ureinwohner wird dann der Platz knapp. Grönemeyer in dieser Zeit zu entdecken, war keine Pionierleistung, er stand schon seit ungefähr zwei Jahrzehnten an der Spitze. Echo, Goldene Kamera, Comet, Grimme-Preis, World Music Award? Hatte er bereits. Nummer-1-Alben, Kinoerfolge, ausverkaufte Tourneen? Been there, done that. Trotzdem freue ich mich immer noch über den Zeitpunkt meiner ersten richtigen Grönemeyer-Begegnung, denn vom einsamen Gipfel Mensch aus überblickt man sehr gut das Davor und das Danach.

Inzwischen ist Grönemeyer nicht mehr aus meinem Leben als Musikfan wegzudenken, meine Hörbiographie ist auch eine Herbieographie. Mit Grönemeyers Alben und Tourneen kann ich biographische Entfernungen vermessen und Punkte markieren. Einen Umzug zum Beispiel weiß ich genau zu datieren, weil am selben Tag sein Lied »Schiffsverkehr« veröffentlicht wurde. »Überholspur, kein Radar«, schallte es aus dem Radio, während ich mit der mühsam verschnürten Möbelladung die neue Adresse bei Tempo 30 ansteuerte.

Der Grönemeyer, den ich zu Beginn der 2000er Jahre kennenlernte, war weder Neuentdeckung noch Geheimtipp, sondern schon der Elder Statesman der deutschsprachigen Populärmusik, der er bis heute ist. Ein Volksidol, das immer noch das Arbeitermilieu von Bochum besingt, wo ja angeblich »das Herz noch zählt, / und nicht das große Geld«. Nach wie vor verkörpert er für viele Menschen das, was sich so schwer aussprechen und noch schwerer auf einen Nenner bringen lässt: Authentizität. »Ich habe die Authentizität stilisiert«, sagt er. Wie geht so was? Indem man nicht alle Mätzchen des Popbetriebs mitmacht oder zumindest glaubhaft Widerstand simuliert. Wenn Grönemeyer das obligatorische Best-of herausbringt, heißt es Was muss muss (2008), beim Fernsehauftritt lässt er Interviewer sachte auflaufen.

Herbert Grönemeyer präsentiert sein Best-of-Album.

Vergiss es, lass es: Small-Talk-Versuche mit Herbert Grönemeyer

Wolfgang Lippert: Wir müssen eine Wette verschieben, wegen des Nasenblutens. Hattest du schon mal Nasenbluten?

HG: Ja, mehrfach.

Wolfgang Lippert: Wie läuft die Tour?

HG: Alles läuft wunderbar.

Wolfgang Lippert: Herbert, vielen Dank.

HG: Alles klar.

Herbert Grönemeyer bei Wetten, dass..? (1993)

 

Thomas Gottschalk: Nach wie vor machst du alles richtig.

HG: Ja.

Thomas Gottschalk: Wenn nicht, sagen wir dir Bescheid.

HG: Alles klar.

Herbert Grönemeyer bei Wetten, dass..? (2007)

 

Joyce Ilg: Ich war bei Markus Lanz, kurz nachdem Sie auch da waren, also am gleichen Tag war ich in der Sendung. Das war ja diese Show, wo’s nur um Sie ging, und das hab ich mir auch ganz angeguckt. War ich auch ganz begeistert.

HG: Das ist aber nett.

Herbert Grönemeyer bei der Goldenen Kamera (2015)

Anderes Beispiel: Seitdem Grönemeyer das Ruhrgebiet hinter sich gelassen hat, deutet er es zur Mentalität um und bewahrt sich den pragmatischen Umgangston der Bochumer. Ab und zu muss man beim Hören den Ruhrpott hinzudenken, damit es sich reimt (»Zu einer betrogenen Nacht / hätt ich vielleicht nichts gesacht«), aber da ist er in guter Gesellschaft. Beim gebürtigen Frankfurter Goethe stellt man sich im Kopf auch besser vor, wie die Verse in einer hessischen Ebbelwoikneipe dargeboten werden. Dann klingt es nämlich harmonischer, »wie Himmelskräfte auf und nieder steichen / […] und sich die goldenen Eimer reichen« (Faust, 1808).

Aber da sind wir schon bei der ersten Auffälligkeit: dass fast immer nur vom Texter die Rede ist und viel seltener vom Komponisten, der grandiose Melodien erschafft und originelle Harmoniefolgen baut. Daran hängen noch ein paar andere Verkürzungen und Vorurteile: Grönemeyer kann sich nicht klar ausdrücken, kann nicht dichten, und »Grönemeyer kann nicht tanzen«, so hieß sogar mal ein gehässiger kleiner Spottgesang von Wiglaf Droste und Bela B. (»Herbert hebt Zeigefinger / Ständig / Zeigt ins Publikum / Warum?«). Und vor allem: Grönemeyer kann nicht singen! Den versteht keiner! Mach ma’ leiser! (Ein gemeiner Vorwurf gegenüber einem, dem seine Eltern als vierten Vornamen ausgerechnet das lateinische Wort für Geschrei mitgegeben haben, Clamor.)

Demnach wäre Grönemeyer ein Leidensgenosse von Troubadix, dem geknechteten Barden aus den Asterix-Geschichten (»Nein, du wirst nicht singen!«), mit dem er sich in einem Interview ironisch verglichen hat. Dieser empfindsame Gemütsmensch lebt nur für seine Musik, residiert in einem Baumhaus, also in höheren Sphären, und behauptet sich tapfer als einziger Pazifist unter prügelversessenen Großmäulern, die ihn lieber fesseln und knebeln, als seinen Gesang zu ertragen. In dieser Figur finden sich alle gängigen Vorurteile über den Sänger mit seiner brotlosen Kunst gebündelt. Einige von ihnen hat man auch Herbert Grönemeyer hin und wieder angeheftet. Wie sieht es aber mit der Begabung aus? Da scheiden sich die Geister im Fall Grönemeyer ähnlich wie an Troubadix, den seine Erfinder mit widersprüchlichen Attributen versehen haben. Manchmal wird ihm das Singen komplett verboten, manchmal darf er zumindest diskret im Hintergrund klampfen, solange er sich seine avantgardistischen Anwandlungen verkneift. Später steht Troubadix mit den Elementen im Verbund und lässt es mit seinem Gesang regnen – da sind sie wieder, unsere Naturgewalten.

Ich möchte auf den folgenden Seiten ein paar dieser Vorurteile über Herbert Grönemeyer aufgreifen und widerlegen, seinen Werdegang schildern und ein bisschen darüber nachdenken, was ihn im deutschen Popgeschäft so einzigartig macht, was seine Lieder auszeichnet und was sein Publikum bis heute an ihm begeistert. Es käme mir übergriffig vor, mich dabei im Fundus von Herbert Grönemeyers Lebenserinnerungen und gesammelten Geschichten zu bedienen, die er selbst in Interviews und Podcasts zum Besten gibt und von denen einige Eingang in das durch ihn autorisierte, von Michael Lentz verfasste Buch Grönemeyer (2024) gefunden haben. Mein Buch ist eher eine persönliche Werkschau. Im Mittelpunkt steht nicht der private Herbert Grönemeyer, sondern der Sänger, der Texter und Komponist, der Konzertreisende und die Kunstfigur.

Folgen wir also seinem inoffiziellen Wappentier, dem Eisbären, der sich im Video zu »Mensch« herumtreibt und auch als Emblem seines Labels fungiert. Es heißt Grönland, und das ist nicht nur der Titel eines besonders schönen Grönemeyer-Lieds, so könnte auch die Insel heißen, die wir zusammen abschreiten werden. Die Abschnitte, in denen ich chronologisch die Karrierestationen behandle, wechseln sich mit thematischen Kapiteln ab. Für die den Grönemeyer’schen Reimkaskaden nachempfundenen Kapitelüberschriften bitte ich um Nachsicht – ich konnte nicht anders.

Zur Faust geballt: Die Anfänge

Es gibt verschiedene Wege, um ein Interview mit Grönemeyer krachend an den Baum zu setzen. Beispielsweise indem man ihm mit oberflächlichem Small Talk kommt oder seine Verkaufszahlen mit denen von Westernhagen vergleicht. Beide Schnitzer unterlaufen Hellmuth Karasek, der Grönemeyer 1994 für Spiegel TV interviewt. Er versucht gar nicht erst zu kaschieren, dass er Grönemeyer für ein Bürgersöhnchen hält, das aus Imagegründen einen auf Kohlenpottkumpel macht. Wer nichts von ihm weiß bzw. nichts von ihm wissen will, meint oft, trotzdem ein bisschen zu wissen – zum Beispiel, dass Grönemeyer gar nicht ›wirklich‹ aus dem Ruhrpott stamme (stimmt nicht), dass er weder singen noch tanzen könne (stimmt natürlich gar nicht) und dass er eigentlich Schauspieler sei und erst auf Umwegen zur Musik gefunden habe (stimmt erst recht nicht). Schuld an letzterem Irrglauben dürften Tatort-Kommissare sein, die nach 20 Jahren Dienst an der Waffe plötzlich eigene Johnny-Cash-Tribute-Bands gründen: Schaut mal, ich kann noch mehr, als die Frau des Oberarztes zu fragen, wo sie zur Tatzeit gewesen ist.

Dass Grönemeyer nicht im Ruhrgebiet, sondern in Göttingen zur Welt kommt, stimmt. Allerdings nur, weil seine in Bochum lebenden Eltern zum dortigen Geburtshilfespezialisten überstellt worden sind. Der Göttinger Professor will sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass Hella Grönemeyer tatsächlich jedes Mal ohnmächtig wird, wenn sie sich mit dem schwangeren Bauch auf die linke Seite dreht. Das schließlich am 12. April 1956 geborene dritte Kind der Familie Grönemeyer wird Herbert Arthur Wiglev Clamor getauft, und die Eltern werden noch ab und zu mit ihm beim Experten vorstellig. Nicht, weil ihnen Herberts Gesundheitszustand Sorgen bereitet – der Jüngste entpuppt sich als agiles Kerlchen, spielt Tennis und schafft es mit den Fußballern von Victoria Bochum bis ins Finale der Schulmeisterschaften –, sondern weil ihnen seine überbordende Fröhlichkeit zu schaffen macht: »Die machten sich Sorgen, dass ich einen an der Waffel habe«, verrät er dem Spiegel.

Zu einer Gefahr für seine Mitmenschen wird der personifizierte Sonnenschein allenfalls, wenn er zur Gitarre greift. Mitschüler Claude-Oliver Rudolph, mit dem er später in Das Boot (1981) vor der Kamera stehen wird, berichtet mit einigem Schaudern, dass sich Grönemeyer durch nichts davon habe abhalten lassen, auf Klassenfahrten andauernd »Morning Has Broken« anzustimmen. Das Repertoire wächst aber schnell. Grönemeyer verehrt Randy Newman genauso wie Jim Morrison, und er schnappt im Radio Leonard Cohen und Bob Dylan auf, ohne allzu viel von den Texten zu verstehen. Mit seinen Coversongs traut er sich als Teenager sogar auf ein Folkfestival in England, wo die sprachlichen Defizite nicht weiter auffallen. Grönemeyer zufolge genügt es bei Dylan-Songs, sich durch die Strophen zu nuscheln und einigermaßen sicher auf den Endsilben zu landen – und wer den späten Dylan einmal live gesehen hat, weiß, dass das beim Original genauso funktioniert.

Grönemeyer zieht seine musikalischen Anfänge als troubadierende Nervensäge später zwar selbst ausgiebig durch den Kakao, macht sich aber als junger Sänger schnell einen Namen in der Region, indem er jedes Feuerwehrfest und jede Mucke mitnimmt. Noch vor dem Abitur erhält der musikalische Tausendsassa ein Engagement am Schauspielhaus Bochum, wirkt u. a. an der deutschen Erstaufführung von Willy Russells Beatles-Hommage John, Paul, George, Ringo … und Bert (1975) mit und wird vom Intendanten Peter Zadek zum musikalischen Leiter ernannt, mit gerade mal 19 Jahren. Ein paar Semester Jura und Musikwissenschaft bleiben folgenlos, denn mehr Zeit als im Hörsaal verbringt Grönemeyer mit Proben und Theatervorstellungen. Die unermüdliche Frohnatur am Klavier inspiriert den legendären Kabarettisten Kay Lorentz nach dem Besuch einer Vorstellung zu der Bemerkung, er habe »noch nie in seinem Leben jemanden gesehen, der so viel falsch spielt am Abend und immer noch so nett ins Publikum guckt«. In Zadeks Ensemble ist Grönemeyer der