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Hermann Papst (1902 bis 1981) ist eine der farbigen und universell begabten deutschen Erfinderpersönlichkeiten des vorigen Jahrhunderts. Der Verfasser schildert in anschaulicher Weise Lebensweg und Werk dieses erfolgreichen Ingenieurs und Unternehmers, der mit seinem Außenläufermotor und den Papst-Lüftern weltweit bekannt geworden ist. Hermann Papst, auf dessen Namen hunderte von Patente laufen - von Verbesserungen an Lautsprechern, über einen neuartigen Dieselmotor bis hin zu einem vielfach nutzbaren Luftschiffsystem. Darüber hinaus hat er auch zu volkswirtschaftlichen Fragen in einer bis heute gültigen Form Stellung genommen.
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Veröffentlichungsjahr: 2013
Leben und Werk eines Erfinders
Friedemann Maurer
Hermann Papst ist ohne Zweifel eine der farbigen und universell begabten deutschen Erfinderpersönlichkeiten des vorigen Jahrhunderts, dessen breit gefächertes Lebenswerk es verdient, im Zusammenhang dargestellt und für die Nachwelt bewahrt zu werden. Insgesamt lassen sich rund eintausend innovative technische Konzepte aus seiner „Denkwerkstatt“ nachweisen. Allein über zweihundert deutsche Patente lauten auf seinen Namen. Die Zahl der korrespondierenden Auslandspatente liegt bei vierhundert. Weit über zweihundert Patentanmeldungen hat Hermann Papst in den schwierigen Jahren der Weimarer Zeit und des Dritten Reiches aus Kostengründen nicht weiterverfolgen können. Das hervorstechende Merkmal seines Forschens und Erfindens bildet die Intensität und Unbeirrbarkeit, mit der er gegen alle Widrigkeiten der Zeiten seine Ideen und Projekte verfolgt; Ideen und Projekte, deren Ursprünge sich in der Regel bereits im Suchen und Denken des Schülers, Studenten und Berufsanfängers finden.
Der Weg von Hermann Papst belegt einmal mehr jene Erkenntnisse von Wilhelm Ostwald, dem deutschen Nobelpreisträger für Chemie des Jahres 1909, zur Entfaltung naturwissenschaftlicher und technischer Kreativität. Ostwald, dessen umfassende Privatbibliothek Hermann Papst im Alter erworben hat, untersucht exemplarisch Lebensläufe bedeutender Naturforscher und Erfinder und weist nach, daß sich herausragende Begabungen dieser Art bereits in früher Jugend ankündigen. Diese Begabungen äußern sich vor allem in der Originalität des Denkens. Originalität bedeutet für Ostwald, „die Fähigkeit, sich selbst etwas einfallen zu lassen, was über die Aufnahme des Dargebotenen hinausgeht“, und stellt damit für ihn die wichtigste Eigenschaft dar, die den bedeutenden Forscher und Erfinder ausmacht.
Der Erfinder und Unternehmer Hermann Papst besitzt diese Originalität und die Leidenschaft, seine Gedanken und Erkenntnisse radikal, d.h. an die Wurzel gehend, zu verfolgen und in innovative technische Lösungen umzusetzen. Daß der Wohlstand unserer Gesellschaften auf der Kreativität weniger, auf dem Erkenntnisstreben, dem Wagemut und der charismatischen Kraft von Wissenschaftlern, Erfindern und Unternehmern gründet, gehört zu den Botschaften, die dieses Buch vermitteln will. Leben und Leistung von Hermann Papst können als eindrückliches Beispiel dafür gelten, daß Fortschritt und Wohlstand ursächlich auf die Anstrengungen und Begabungen einzelner Menschen zurückgehen.
Erinnerung daran ist nötig, weil Fortschritt und Wohlstand vergeßlich machen. Denn allzu leicht werden die Verbindungen zu deren Wurzeln gekappt und die Bilder menschlicher Entbehrungen und Leistungen getilgt, durch die diese vermeintlich fraglos gegebenen gesellschaftlichen Zustände erst möglich geworden sind. Eine Gesellschaft, die sich ihrer Geschichte und der Erinnerung an die Menschen, auf deren Werk und Wirken unsere Gegenwart aufbaut, beraubt, diese verdrängt oder leugnet, verliert Urteilsfähigkeit und Augenmaß für die Bedingungen, unter denen sich die erlangten Güter sichern und überhaupt erst schätzen lernen lassen. Mehr noch: Eine solche Gesellschaft gefährdet ihre eigene Zukunft.
Friedemann Maurer
Der Einzelne im Mahlstrom der Geschichte- Zu den Wurzeln des modernen Wirtschaftshandelns und des Erfindergeistes
You can't repeat the past, heißt es in Scott Fitzgeralds Großem Gatsby. Dann blickt der Held auf das andere Ufer und in seine Vergangenheit, und ein „grün schimmerndes Licht“ leuchtet herüber gleich einer letzten Erinnerung.
Was uns im Blick auf Vergangenes im eigenen Leben oft genug schwerfällt, weil wir im reißenden Strom der Ereignisse Zurückliegendes aus der Helle des Bewusstseins verlieren und erst wieder in anstrengender „Erinnerungsarbeit“, wie Sigmund Freud sagt, vor unser geistiges Auge - in der Regel verfälscht, interpretiert, unvollständig - bringen können, erscheint für ein fremdes Leben doppelt schwer, ja fast unmöglich. Und dennoch gilt die Anstrengung der Nachgeborenen stets aufs Neue dem Leben, dem Wirken und dem über den Tod hinaus Bleibenden der Menschen, die vor uns waren.
Menschen machen Geschichte
Die Anstrengung der Biographieforschung gilt wohl dem Lebensweg und dem Schicksal des einzelnen Menschen, doch konzentriert eine solche Beschreibung und Analyse gleich einem Vergrößerungsglas den tiefenscharfen Blick in den Gang, den Geist, die Kräfteverhältnisse und die Aura früherer Zeiten. Nachgerade sind es immer Individuen, welche die Schrittfolge der Zivilisation, deren Aufstieg wie deren Zerstörung oder Verfall, vorgeben. Insofern trifft Hegels Wort, daß „Männer Geschichte machen“, unvermindert zu.
Wie gesagt: Sei es in der Form der biographie romancee oder, wie im vorliegenden Fall, der biographie documentaire, das Leben eines Menschen zu beschreiben, ist ein methodisch wie sachlich schwieriges Unterfangen. Natürlich läßt sich aus dem Abstand, den ein abgeschlossenes Lebenswerk dem historischen Betrachter bietet, die Spur eines Menschen aus objektiven, materialisierten Zeugnissen seines Handelns und Denkens, die für die Nachwelt erhalten und zugänglich geblieben sind, verfolgen und rekonstruieren. Auch das Umfeld und die bezeugte Wirkung auf andere Menschen spiegeln Aura und Individualität einer geschichtlichen Persönlichkeit wider. Es gehört zum Wesen nicht nur der hochentwickelten Schriftkulturen, sondern schon der frühen, überwiegend durch mündliche Überlieferung gekennzeichneten Gemeinschaften, daß sie ihr Selbstverständnis, ihre innere und äußere Stabilität, ihre Überlebens- und Fortschrittsfähigkeit gerade durch die ständige geschichtliche Reflexion sichern. Durch den Blick zurück, durch die kritische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen der Vergangenheit und mit den prägenden Gestalten der Generationen vor uns wird der eigene Standort überhaupt erst grundgelegt und erfolgversprechende Orientierung in die Zukunft möglich.
Innovative Ideen brauchen eine Kultur der Erinnerung
Das kreative Potential einer Gesellschaft, aber auch die Sensibilität für soziale und individuelle Rechte und Freiheiten von Menschen basieren wesentlich auf einer Kultur der Erinnerung. Nur wer sich erinnern kann, ist im Stande zu lernen. Denn Lernen heißt, aus Kenntnis und Analyse des Alten und Gewohnten Neues und Besseres zu finden. Revolutionäre, innovatorische Leistungen gehen in aller Regel von Menschen aus, die in diesem Sinne zu lernen vermögen. Die sprichwörtlichen „göttlichen Funken“ in Wissenschaft und Technik entzünden sich an der dialektischen Kraft, das Bisherige in seiner Beschränkung und Unvollkommenheit zu erfassen und durch Anderes, Vollkommeneres und Besseres zu überholen. Denn eine creatio e nihilo, eine Schöpfung aus dem buchstäblichen Nichts, kennt die evolutionäre Geschichte der menschlichen Kultur und Zivilisation nicht - ganz im Gegensatz zum Schöpfungsbericht der Bibel.
Jeder Mensch ist immer in eine bestimmte Zeit, einen bestimmten Raum und eine bestimmte Familie hineingeboren, die ihn im Guten wie im Schlechten prägen, fordern und fördern. Keiner baut seine Existenz von einem neutralen Nullpunkt her auf, sondern findet sein Geschick oder sein Schicksal dadurch, daß er ohne eigenes Zutun an einer besonderen Stelle im Strom des geschichtlichen Lebens auftaucht. So gilt für alle: Unda fert nec regitur. Die Woge des Lebensstroms trägt und reißt uns mit, ob wir wollen oder nicht. Um im Dasein erfolgreich und glücklich zu sein, kommt es vor allem darauf an, daß wir die Strömung geschickt und mit Ausdauer für unsere eigene Lebensfahrt nutzen.
Protestantische Ethik, Wirtschaft und Technik
Es mag zunächst verwundern, daß ausgerechnet Otto von Bismarck, der Schmied des Deutschen Reiches und einer der imposantesten Machtpolitiker der neueren europäischen Geschichte, die lateinische Sentenz Unda fert nec regitur zum demütigen und weisen Motto seines politischen Handelns und Denkens erkoren hat. Mit diesem Bekenntnis fällt
Licht auf die innere Prägung Bismarcks durch das Luthertum und den festen Glauben an einen göttlichen Heilsplan beziehungsweise an die Fügung jedes einzelnen Lebens durch höhere Bestimmung; übrigens eine Prägung, die für den Menschen des Industriezeitalters im Dunstkreis der reformierten Länder allgemein als gültig angesehen werden kann.
Allerdings entspringt aus dieser Bestimmung keineswegs eine lähmende fatalistische Grundhaltung, vielmehr liegt in ihr die unabweisbare Forderung, sich in ständiger Auseinandersetzung mit dem je eigenen Geschick zu bewähren und als wahrer Christ zu beweisen. In der bürgerlichen Gesellschaft der europäischen Moderne hat sich mit der Aufklärungsphilosophie eine Arbeitsethik und Leistungsorientierung heraus gebildet, die weit über den von Max Weber in seiner epochemachenden Untersuchung „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904/5) beschriebenen Rahmen hinausgeht. Bekanntlich hat Weber mit seiner These von der „innerweltlichen Askese des Protestantismus“ den empirischen Hintergrund für den Zusammenhang der industriellen Entwicklung mit einer bisher nicht gekannten Fortschritts- und Leistungsgesinnung in Europa und in Nordamerika geliefert.1
Der Aufbruch der westlichen Welt in eine durch Arbeitsteilung, Professionalität, Forschungs- und Leistungsgesinnung, Internationalisierung von Geldwirtschaft, Handel und Verkehr gekennzeichnete Gesellschaft wird vor allem von den Pionieren der reformatorischen Länder vorangetrieben; in Frankreich und in der Welschschweiz von den calvinistischen Hugenotten, in England und Nordamerika von den Puritanern und verwandten Freikirchen. Auch in Deutschland und in der Deutschschweiz bewirken die protestantischen Kräfte den Aufbau der modernen Wirtschafts-, Verwaltungs- und Bildungssysteme und schaffen einen Sog für entsprechende Reformprozesse selbst im katholischen Habsburgerreich unter Joseph II., dem vom Geist der Aufklärung erfaßten Sohn und Nachfolger der Kaiserin Maria Theresia. Die protestantischen Territorien Deutschlands wie Sachsen, Württemberg oder die evangelischen Teile Badens erleben durch die pietistische Bewegung eine innere Formierung der Menschen auf spezifische Arbeits- und Leistungstugenden, d. h. auf die eigentlichen „industriösen“ Verhaltensweisen wie Fleiß, Ausdauer, Sparsamkeit und Gehorsam als Formen der Werktagsheiligung.
Geistige Wurzeln bürgerlicher Leistungstugenden
Diese Geburt der modernen Industrie und die Entstehung von Handel und pragmatischer Wissenschaft aus dem Geist der Reformation spiegelt die Äußerung eines Besuchers von Elberfeld, Wuppertal und Barmen, in dem damals der junge Fabrikantensohn Friedrich Engels (1820 bis 1895) lebt, mit den Worten: „Alles ist Kirche und Handel, Mission und Eisenbahn, Bibel und Dampfmaschine.“2 - Wenn man die Wurzel der neuzeitlichen Industrie-, Dienstleistungs- und Wissenschaftsgesellschaft mit ihrem Massenwohlstand, ihrer demokratischen Verfassung und großzügigen sozialen Sicherungssystemen sucht, dann liegt sie in der von der reformatorischen Lehre eingeforderten Verantwortung des einzelnen Menschen, sich in unmittelbarer Beziehung zu Gott zu begreifen und im Glauben um einen gnädigen Gott zu ringen.
Max Weber hat mit seiner These von der innerweltlichen Askese des Protestantismus als Grundtugend der modernen Leistungs- und Arbeitsgesellschaft zugleich das entscheidende Motiv für eine entsprechende systematische Erziehung des Menschen freigelegt. Er exemplifiziert an der calvinistischen Prädestinationslehre diesen im Kern einfachen Sachverhalt. Danach ist jeder Mensch von Gott zum ewigen Heil oder zur ewigen Verdammnis vorbestimmt. Was dies für den sozioökonomischen Haushalt und das Erziehungsdenken der an diese Lehre glaubenden Menschen bedeutete, wird beispielsweise in einer Untersuchung des früheren Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger über „Die geistigen Grundlagen der wirtschaftlichen Entwicklung Württembergs“ aus dem Jahr 1980 deutlich3, deren Erkenntnisse sich cum grano salis auf alle von den reformatorischen Kirchen geprägten Kulturen und Gesellschaften übertragen lassen und deren soziale Folgen sich in einer Art von säkularem Nachhall bis heute nachweisen lassen.
Irdischer Erfolg und künftiges Heil
Das Leistungsdenken, das Erkenntnis streben und selbst das Streben nach Wohlstand und sozialer Sicherheit, so wie es die Geschichte der westlichen Welt bestimmt, besitzt in der Prädestinationslehre in der Tat ein wichtiges Samenkorn. Kiesinger merkt zu dessen Wirkung an: „Ein solcher Glaube hätte eigentlich zu einem lähmenden Fatalismus führen müssen. Aber das Gegenteil trat ein. Wenn nicht schon Calvin selbst, so sahen doch seine späteren Anhänger im Erfolg ihrer Arbeit hinieden einen Hinweis auf ihre Erwählung zum ewigen Heil. Das bedeutet für sie den Ansporn zur strengsten und arbeitsamsten, zur rigorosesten Lebensführung und sie forderten mit dem Erfolg ihrer Arbeit ein Zeichen Gottes über ihr ewiges Geschick heraus.“4 So gilt für dieses Denken: Der Erfolg und das Glück eines Menschen im diesseitigen Leben werden gleichsam als Vorschein des künftigen, jenseitigen Heils begriffen; Gott ist mit den Arbeitsamen und Fleißigen, den demütig und andauernd um Kreativität, Leistungsfähigkeit, Wohlstand und Fortschritt Kämpfenden.
Auch wenn die kraftvolle religiöse Praxis und die alltäglichen Konventionen der reformatorischen Kirchen in der spätbürgerlichen Gesellschaft um 1900 verblaßt sind, bleibt der säkulare Nachhall in der Mentalität der Leistungselite wie in der Gesellschaft insgesamt erhalten, bildet einen festen Kern von Arbeitstugenden aus und führt zu einem Forschungsdrang auf allen Gebieten der Wissenschaft und der Technik, die sich mit einer allgemeinen Fortschrittsgläubigkeit, vaterländischem Pathos und der Sehnsucht nach nationaler Größe verschwistern. Dieses Klima bestimmt Leben und Denken des Bürgertums im Deutschen Kaiserreich und bewirkt selbst in den katholisch geprägten Zentren der Habsburgischen Doppelmonarchie eine neue geistige und soziale Orientierung unter den fortschrittlichen Kräften des Adels und Bürgertums.
Kindheit und Jugend in Aussig und Wien
Hermann Ernst Robert Papst wird in die sogenannte Gründerzeit hineingeboren, in der hegemoniales Nationalpathos, industrieller und technischer Aufschwung und ein gefährlicher Glaube an die Kraft der „schimmernden Wehr“ die wilhelminische Kaiserära genauso bestimmen wie die Habsburgische Doppelmonarchie.
Er erblickt am 13. August 1902 als ältester Sohn von Hugo Oswald Papst (1870 bis 1942) und dessen Ehefrau Else, geb. Fischer (1870 bis 1951), in Aussig an der Elbe das Licht der Welt. Hugo Papst arbeitet als Buchhalter und Prokurist in einer mechanischen Weberei, entstammt einer Familie mit handwerklicher Tradition, vor allem im Böttcher-, Schneider- und Weberberuf, die aus Lößnitz im Erzgebirge über Glauchau in Sachsen in die damals industriell aufstrebende, zu Österreich gehörende Hafenstadt an der oberen Elbe gekommen sind.
Erste Kinderjahre in Aussig
Aussig, dessen Hafen damals Hauptumschlagplatz für die nordböhmische Braunkohle war, zählt um 1900 etwa 24 000 Einwohner mit deutscher Muttersprache, zu der noch eine tschechisch sprechende Minderheit von rund siebenhundert Mitbürgern kommt. An der Bahnlinie von Prag nach Dresden gelegen, hat Aussig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufbau der bedeutenden Chemischen Werke des Österreichischen Vereins für chemische und metallurgische Produkte, anderer großer Fabriken, dem Bau eines neuen Hafens sowie der Eisenbahn- und Straßenbrücken über die Elbe, der Einrichtung eines modernen städtischen Elektrizitätswerks und einer elektrischen Straßenbahn den Rang eines rasch wachsenden Industriezentrums weit über Nordböhmen hinaus erlangt.
Aussig mit seinem Gewerbefleiß, dem Handel, dem modernen Verkehrssystem und der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichteten Straßenbeleuchtung mit Gaslaternen gibt den Rahmen für die frühen Kindheitserinnerungen von Hermann Papst. Er wächst in einer Welt voller Fortschritts Optimismus auf, mit der spürbaren Spannung zwischen Tradition und Moderne, Armut und Reichtum, mit der Erfahrung von Segen und Fluch technischer Zivilisation. Noch im Alter berichtet er von der großen Brandkatastrophe in den „Chemischen Werken“ und von der Gasexplosion in der Nähe der elterlichen Wohnung, die eine Apotheke in die Luft sprengt.
Früh bildet sich in dem sensiblen Jungen ein Gespür für die Gefahr und das Verderben durch den technischen Fortschritt aus, wenn Verantwortung und Kontrolle im Umgang mit den neuen Möglichkeiten fehlen. Zwei Weltkriege sollte er erleben, in denen eine fehlgeleitete, verblendete Menschheit sich mit Hilfe einer bis dahin unvorstellbaren technischen Perfektion mit Gas und Bomben ins Verderben stürzt und der eigenen Ausrottung nahebringt.
Das Schulzeugnis der Evangelischen Volksschule Aussig vom 8. Juli 1909 weist für Hermann, der offenkundig das Herzblatt der Mutter ist, einen herausragend konstanten Leistungsstand für alle vier Zeugnisquartale aus. In allen Fächern erreicht er die Note sehr gut. Lediglich im Fach „Gesang“ wird sein Können mit der Note „gut“ bewertet.
Elternhaus und Herkommen
Der Vater von Hermann Papst wird als militärisch stramm, sportlich, diszipliniert und überaus gewissenhaft geschildert. Preußisch in seiner Lebens- und Berufsauffassung, wirkt er in der örtlichen Gemeinde als Kirchengemeinderat und gehört einem Männerchor an. Ganz anders sind Herkommen, Wesen und Interessen der Mutter, die aus Thüringen stammt. Sie hat Vorfahren im Pfarramt, Schuldienst und mittelständischem Unternehmertum. Sie besucht ein Internat, in dem sie ihre künstlerischen Begabungen für das Zeichnen, Malen, Schnitzen und Töpfern
Hugo und Else Papst mit den Söhnen Hermann (rechts), Fritz und Hans um 1916
entfalten kann. Als Ehefrau und Mutter setzt sie diese Fähigkeiten nicht nur in der Familie, sondern auch im Umfeld immer wieder wirkungsvoll ein. Das tolerante, künstlerisch orientierte Wesen der Mutter und deren bildungsbürgerliche Herkunft spiegelt sich in der Persönlichkeit des Sohnes Hermann wohl stärker als der in sich gekehrte Lebensernst des Vaters. Man denkt unwillkürlich an Johann Wolfgang von Goethes geflügeltes Wort über den Einfluß von dessen Eltern auf die eigene Persönlichkeit und die ererbte Veranlagung. So kommentiert Goethe den elterlichen Einfluß mit dem Vers: Vom Vater hab´ ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur, die Lust zu fabulieren.
Offensichtlich hat Hermann die ihn lebenslang kennzeichnende intellektuelle Neugier, seine Experimentierlust, seine Kreativität, die Lust mit Zeichenstift und Feder umzugehen, überhaupt seine „musische Ader“, aber auch seine Intellektualität und seinen festen Glauben an die Lösbarkeit politischer, sozialer und wissenschaftlicher Probleme allein mit Mitteln der Vernunft eher dem mütterlichen Erbe und Vorbild zu verdanken.
Die Zwillingsbrüder Fritz und Hans
Auf Hermann folgen zwei Jahre später, also 1904, die Zwillingsbrüder Fritz und Hans. Hans erlernt den Beruf des Maschinen-schlossers. Fritz absolviert eine Lehre als Koch, steigt zum Küchenchef auf und schafft sich eine ausgesprochene Vertrauensstellung bei dem feinen und traditionsreichen Wiener Spezialgeschäft für Kaffee, Tee, Schokolade und Marmelade von Julius Meinl am Graben. Schon damals ist Julius Meinl durch seine Geschäftsphilosophie, die sich durch höchste Qualitätsansprüche bei Waren und Dienstleistungen auszeichnet, zu einer Legende geworden. Fritz Papst hat es im Wiener Verständnis also durchaus zu etwas gebracht. In seinen letzten zehn Lebensjahren bis zu seinem Tod 1966 leitet er das große Zweigwerk der Papst-Motoren GmbH & Co KG im südbadischen Herbolzheim und ist seinem Bruder Hermann ein wichtiger Mitarbeiter.
Obwohl fachfremd, gewinnt er durch seine joviale und direkte Art die Herzen der Mitarbeiter und führt in unnachahmlich patriarchalischer Weise gleich einem kleinen Serenissimus von Herbolzheim die Geschäfte mit erstaunlichem Erfolg. Wohl in nostalgischer Erinnerung an die „Goldenen Wiener Jahre“ bei Julius Meinl, dessen Marillenmarmelade er besonders liebt, läßt der auch bei der zweiten Unternehmergeneration Papst überaus wohlgelittene Onkel Fritz in Herbolzheim zweiunddreißig Marillenbäume pflanzen. Sie gedeihen im milden Klima der oberrheinischen Tiefebene prachtvoll und halten ihm das geliebte Bild der Marillenkulturen in der Wachau auch in der Fremde lebendig.
Hans, der andere Zwillingsbruder, hat - wohl vom Vorbild des älteren Bruders Hermann geleitet - einen handwerklich technischen Ausbildungsweg gewählt. Er tritt, ohne daß er wissen konnte, daß Hermann später in derselben Stadt im Schwarzwald seinen Lebens- und Berufsmittelpunkt haben würde, eine Stelle als Maschinenschlosser bei der Firma Gebrüder Heinemann in St. Georgen an. Dort stirbt er gerade zwanzigjährig an einem Blinddarmdurchbruch.
Hermann Papst (rechts) mit Eltern und Brüdern im Alter von zweiundzwanzig Jahren
Tragischer Tod von Hans
Die Ursache des frühen Todes von Hans Papst ist durchaus denkwürdig, steht sie doch mit dem in jener Zeit in St. Georgen wie im Umland verbreiteten Volksbrauch des „Säcklestreckens“ in Verbindung. So ist es bei Taufgesellschaften üblich, daß die Altersgenossen und Freunde des Vaters und des Taufpaten, des „Götte“, heimlich die Türen und Ausgänge des Hauses, in dem die Taufgesellschaft tafelt, verrammeln und mit einem an einen Stock gebundenen Säckchen mit Geschenken für den Täufling ans Fenster klopfen, in das dann im Gegenzug etwas von den Getränken und Speisen gelegt werden muß. Mit diesem zum Teil recht derb gehandhabten Geschenk- und „Heischebrauch“ wollen sich die nicht geladenen Gäste ihren Anteil an den Genüssen des Festmahls verschaffen. Selbstverständlich bleiben in aller Regel die männlichen Teilnehmer der Taufgesellschaft nicht tatenlos, sondern jagen den „Säcklestreckern“ nach und versuchen, sie dingfest zu machen. Wer erwischt wird, hat nichts zu lachen; denn er wird unter Triumphgeheul zur Taufgesellschaft gebracht, auf einem Stuhl festgebunden und zum Spott mit Heidelbeermus gefüttert. Denn mit diesem Gsälz, wie Marmelade im Schwarzwald heißt, verschmieren sich die Betroffenen zwangsläufig noch zusätzlich im Gesicht.
Hans Papst kommt in diese mißliche Lage und wird an diesem Tag in Ermangelung von Heidelbeermus mit einer beachtlichen Menge von erntefrischen Kirschen, im Alemannischen „Kriese“ genannt, gefüttert. Da er die Steine mitschlucken muß und - nach der Erinnerung einer Zeitzeugin - offensichtlich noch Wasser getrunken hat, entzündet sich der Blinddarm und vereitert in den folgenden Tagen. Dessen Perforation führt zum Tod. Von der Familie kann seinerzeit nur die Mutter aus dem fernen Wien zum Begräbnis von Hans Papst nach St. Georgen kommen.
Niemand hätte nach diesem unerwarteten, tragischen Tod gedacht, daß die als Industriestandort aufblühende Stadt im Schwarzwald dereinst auch zur Schicksalsstation würde für den älteren Bruder Hermann, der an diesem Ort sein Lebenswerk als Ingenieur, Erfinder und Unternehmer vollbringen sollte. Auch Fritz Papst, über dessen Her- bolzheimer Jahre wir vorstehend berichtet haben, vollendet sein Leben in des Wortes wahrer Bedeutung im Dunstkreis des St. Georgener Stammhauses des Unternehmens von Hermann Papst.
Daß die Brüder Hermann, Hans und Fritz Papst, jeder auf eigene Weise, von ihrem Schicksal von Wien dereinst nach St. Georgen im Schwarzwald geführt würden, ist ihnen wahrlich nicht an der Wiege gesungen worden. Doch wir wollen dem Gang der Ereignisse nicht vorgreifen.
Wien als kulturelle und soziale Herausforderung
1910 - Hermann Papst ist gerade acht Jahre alt - gerät die Aussiger Weberei, bei der sein Vater eine gute Stellung als Handlungsbevollmächtigter erreicht hat, unversehens in Konkurs. Ohne Frage, dies bedeutet Not und Bedrängnis für die junge Familie. Doch wie mancher Abbruch, wie manche Niederlage erst zur Möglichkeit für einen neuen Aufbruch wird, trägt der notwendige Abschied von Aussig die Chance zur glücklichen Wende in sich. Nicht von ungefähr heißt es in der Bibel in den Sprüchen 16,9: Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.
Hugo Papst muß sich neue Arbeit suchen und findet schließlich in Wien eine Anstellung als Prokurist. Die Familie zieht in eine Mietwohnung in der Gunoldstraße 3 in Wien-Döbling im XIX. Bezirk. Im Bannkreis dieser Weltstadt mit ihrem pulsierenden Leben, den Straßenbahnen, Fiakern, Kraftdroschken, den Kaffeehäusern, Parks, Museen, Konzert- und Theatersälen, den vielfältigen Ausstellungen, aber auch inmitten spürbarer politischer Spannungen und offener Konflikte, die der Niedergang der Habsburger Monarchie, das Aufkommen radikaler linker wie rechter Strömungen, die Not und die Hungerjahre der Zeit des Ersten Weltkrieges mit sich bringen, erleben die drei Brüder Papst ihre Kinder- und Jugendjahre, die formative years, wie die Entwicklungspsychologie sagt.
Wien wirkt um die Jahrhundertwende wie ein Magnet für die überbevölkerten Agrargebiete Böhmens und Mährens, aber auch aus Ungarn, Ostgalizien, Bosnien und aus der Slowakei strömen Menschen in die Donaumetropole. Die statistischen Daten jener Zeit geben in trockenen Zahlen die Dynamik der Zuwanderung wieder. Über die Hälfte der Gesamteinwohnerzahl von Wien sind um 1890 Zuwanderer. Einen Eindruck von der Zusammenballung von Menschen vermittelt das rasante Ansteigen der Einwohnerzahl. 1870 werden in Wien und den Vororten 650 000 Einwohner gezählt, 1890 zählt man eine Zivilbevölkerung von fast 1,4 Millionen Einwohnern, die wiederum zehn Jahre später bereits auf die Zahl von 1,7 Millionen gewachsen ist, wobei fast 27 000 Militärpersonen nicht mitgerechnet sind. In einem knappen halben Jahrhundert hat sich die Einwohnerzahl von Wien nahezu verdreifacht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Zweimillionengrenze bereits überschritten.
Eine Historikerin fasst die Situation im Wien des fin de siecle mit den knappen Worten zusammen: „Jene Zeit war voll krasser Gegensätze, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gegeben hat. Während die Ringstraße als glänzende städtebauliche Leistung entstand, drängten sich Obdachlose in den Wärmestuben; während die Aristokratie durch neue Adelsernennungen Zuwachs und Aufschwung erfuhr, herrschte knapp daneben bitterste Armut. Dem strengen bürgerlichen Moralkodex stand eine steigende Zahl unehelicher Geburten gegenüber.“1
Natürlich sind die tiefgreifenden Veränderungen Wiens zwischen 1890 und 1920 im wesentlichen Folgen der Industrialisierung, dennoch kann man den Wandel zur typischen Industriestadt nicht erkennen. So überwiegen bis in die 1920er Jahre Mittel- und Kleinbetriebe. Überhaupt entwickelt sich der innere Kern der Stadt, die Ringstraße und die entern Gründ - enter ist das Wiener Dialektwort für „jenseits“ und verweist auf die außerhalb der vornehmen Ringstraßenkultur liegenden Wohngegenden - zu einer modernen europäischen Metropole dank der imposanten Bautätigkeit stilprägender Architekten wie Otto Wagner, Josef Hoffmann, Adolf Loos, Friedrich Ohman, um nur einige Namen zu nennen. Für Groß-Wien bildet sich geradezu ein Sog für innovatorische Branchen, die sich mit Hilfe ausländischen Kapitals in Wien niederlassen. Es wächst mit wuchtigerer Dynamik als andere Wirtschaftsregionen.
Technik als frühes Faszinosum
Wien ist in jenen Jahren fraglos eine der Metropolen der Kunst, der Musik, der Wissenschaft und der modernen Technik und bietet ein überaus vielfältiges Anregungsmilieu für den heranwachsenden Hermann Papst, der trotz der bescheidenen ökonomischen Situation seines Elternhauses, eine außerordentlich sorgfältige Berufsvorbereitung erfährt. Das beherrschende Interesse bereits dieser frühen Jahre gilt der Naturwissenschaft und der Technik, die sein Denken und Handeln besetzt und ihn völlig in Bann schlägt. Schon der Fünfjährige erwirbt in Aussig von seinem Taschengeld einen Magneten und findet heraus, daß es magnetische und unmagnetische Metalle gibt.
Oft vergißt er darüber Zeit und Raum. Einmal handelt er sich als Dreizehnjähriger bei allfälligen mündlichen Prüfungen im Geschichtsunterricht eine schlechte Note ein, weil er unter der Bank in eine seine Aufmerksamkeit vollkommen absorbierende Tätigkeit verstrickt ist. Er hatte vor dem Beginn des Unterrichts für einen Heller von einem der zahllosen Kleinhändler, den „Greißlern“, des damaligen Wien, eine nicht mehr funktionierende elektrische Klingel erworben, deren Funktionsweise er gleich auf den Grund gehen will. Um den Magnetismus zu „sehen“, muß er viele hundert Windungen, mit denen der glänzende Kupferdraht um die Spule des Funkeninduktors gelegt ist, abwickeln. Durch das Freilegen der Spule hofft er zu erkennen, wie der Strom den Metallkern magnetisch macht. Er erinnert sich noch in späten Jahren an die Not mit dem immer ungefügiger werdenden Drahtgespinst, das den Freiraum unter der Bank auszufüllen beginnt, und an die unerwartet witzige Schlagzeile, die auf einer aus Zeitungspapier bestehenden Isolationsschicht um den Metallkern, prangt: „Auch Küssen ist eine Kunst und will gelernt sein“. Eine Erkenntnis, die damals seitab seines Interesses liegt und beileibe nicht mit der gewonnenen Einsicht, daß der Magnetismus nicht sichtbar ist, konkurrieren kann.
In diesen Jahren, in denen Hermann die Grinzinger Realschule besucht, baut er einen Morseapparat und als zu Anfang des Ersten Weltkriegs der Rundfunk aufkommt, bastelt er sich (1914) einen einfachen Rundfunkempfänger.
Elektrische Uhr und Motorfahrrad
Mit siebzehn Jahren nutzt er die „Grippeferien“, zu denen sich die von ihm damals besuchte Höhere Fachschule für Elektrotechnik des Technologischen Gewerbemuseums entschließen muß, um eine elektrische Pendeluhr zu konstruieren und in drei Wochen in einer TGM-Werkstatt zu bauen. Hierfür erhält er sein erstes Patent. In einem handschriftlichen Text, den Hermann Papsts ältester Sohn Hans-Dieter als Zwanzigjähriger zum fünfzigsten Geburtstag niedergeschrieben und den der Vater als „Betroffener“ mit etlichen Korrekturen versehen hat, heißt es für diese Jahre der Adoleszenz summarisch: „Als junger Mann schon lebt Hermann Papst in seiner Welt der Technik. Für Musik und Sport hat er wenig Zeit. Ihn reizt es, das Wesen und die Gesetze der Natur kennenzulernen. Auf diesem Gebiet ist er vielseitig. Er beschäftigt sich nicht nur mit Magnetismus und Elektrizität, auch die Schwerkraft und mechanische, elektroakustische, wärmetechnische und optische Probleme nehmen ihn in Beschlag.“
Konstruktionszeichnung der patentierten elektrischen Uhr von 1919
Als Beispiel für die bereits in den Jugendjahren hervortretende innovatorische Kraft, die technische und handwerkliche Begabung und das Selbstvertrauen, sich komplexen Aufgaben zu stellen, sei der Bau eines Motorfahrrads während einer anstellungslosen Phase in jenen schwierigen Jahren erwähnt. Der wohl zwanzigjährige Hermann Papst baut zusammen mit einem Freund in dessen väterlicher Werkstatt ein Motorfahrrad mit selbsterdachter Wälzfederung, die im praktischen Gebrauch nicht überbeansprucht werden kann. Ausgestattet wird das Gefährt mit einem regelbaren Filmflächenvergaser, eine für die damalige Zeit sensationelle Lösung. Allerdings brechen Gabeln und Rahmen des alten Fahrrradgestells, an dem die beiden Freunde ihre Entwicklung erproben, des spröden Materials wegen gleich mehrfach. Doch das Motorfahrrad, für das sie sieben neue Kolben anfertigen, funktioniert und wird für den Straßenverkehr amtlich zugelassen. Der Einzylinder-Zweitakt-Motor verfügt über den selbst entwickelten, fein zerstäubenden Vergaser, für den Hermann Papst später - und zwar am 24. Februar 1925 - sogar ein Patent des Österreichischen Patentamtes erhält. Kein Zweifel: Hermann Papst hätte in seinen ersten Anfängen als Konstrukteur das Motorfahrrad oder wie wir heute sagen: das Mofa - erfunden, wenn nicht ein anderer, von dem er damals wohl nichts wußte, eine ähnliche Konstruktion schon erprobt gehabt hätte.
Das von Hermann Papst 1923 gebaute Motorfahrrad mit selbsterdachter Wälzfederung war amtlich zum Verkehr zugelassen. Es wurde bei einer Fahrt über die Treppen des Parlaments in Wien einer extremen Belastungsprobe unterzogen.
Der gelernte Schlosser Johann Puch (1862 bis 1914), einer der Gründer-väter der heutigen österreichischen Steyr-Daimler-Puch AG, hat 1899 die „Erste Steiermärkische Fahrrad-Fabriks-Aktien-Gesellschaft“ in Graz gegründet und begonnen, kleine Verbrennungsmotoren herzustellen, die er später in rahmenverstärkte Fahrräder einbaut. Puch ist im Gegensatz zu Hermann Papst nicht auf alte Fahrradrahmen angewiesen, läßt deswegen die Rahmen von vornherein beträchtlich versteifen und für höhere Belastungen auslegen. Puch hat nicht nur etliche Jahre vor Hermann Papst die ersten Mofas gefertigt, sondern sie zum epochemachenden Motorrad weiterentwickelt. Johann Puch erobert damit ein Feld, auf dem seine Maschinen durch zahlreiche, aufsehenerregende sportliche Erfolge zu einem Mythos der vom Motor faszinierten Gesellschaft werden.
Von der Realschule ins Technologische Gewerbemuseum
Das Fundament für den späteren Erfolg von Hermann Papst als Ingenieur und Erfinder liegt fraglos in einer seinen geistigen Interessen und den technischen Erfordernissen entsprechenden Schulbildung und Berufsvorbereitung. Er besucht im Anschluß an die obligatorische fünfjährige Volksschule die Grinzinger Realschule bis zur mittleren Reife. Unvergeßlich ist Hermann Papst der Umzug der bis 1914 im Gebäude der Bürgerschule in der Grinzinger Straße untergebrachten Realschule in einen eigenen Bau in der Krottenbachstraße. Eine Klasse mit älteren Schülern übernimmt den Transport des Naturalienkabinetts mit einem menschlichen Skelett, den ausgestopften Vögeln, präparierten Schlangen, Schmetterlingskasten und anderen Demonstrationsobjekten. Ohne die Begleitung der Lehrer abzuwarten, formieren die Schüler mit dem Träger des Skeletts voran einen Prozessionszug und steuern über einen ausgiebigen Umweg durch das ganze Quartier unter dem Hallo der mitziehenden gesamten Schülerschaft und dem Staunen der Passanten den neuen Standort an.
Um 1900 werden die sogenannten „Staatlichen Gewerbeschulen“ in Österreich entsprechend der steigenden Anforderungen in der industriellen Praxis und des technologischen Fortschritts aufgebaut und systematisch nach gewerblichen und technischen Grundrichtungen differenziert. Modellhaften Rang für diese Entwicklung in Österreich genießt das 1879 gegründete Wiener Technologische Gewerbemuseum, dessen Konzeption bis zum heutigen Tag ihren didaktischen Überzeugungswert keineswegs verloren hat. Hermann Papst hat lebenslang von diesen Jahren am Technologischen Gewerbemuseum geschwärmt und verdankt seinen damaligen Lehrern wichtige Impulse für sein späteres Forschen und Arbeiten.
Zur didaktischen Konzeption des TGM
Die Intentionen und Zielsetzungen, die zur Gründung des TGM führen, liegen in einem damals wie heute bahnbrechenden Programm der Gründer, nämlich in der methodischen Integration von Forschung, Versuch und Lehre durch die Verknüpfung von technischen Versuchsanstalten, Forschungslaboratorien, musealen Sammlungen mit den Elementen des theoretischen Unterrichts und den praktischen Erfordernissen von Verwaltung, Gewerbe und Industrie. Lehrende wie Studierende des TGM, die strenger Auslese unterworfen werden, sollen aus dem gegebenen Stand der technischen Entwicklung anwendungsbezogen und auf die Bedürfnisse des Marktes orientiert lernen, forschen und entwickeln. Die vorhandene technische Lösung ist der Ausgangspunkt, von dem her das Bessere, Perfektere, das Neue und Andere gefunden werden soll. Aus der musealen Aufbereitung von Kulturgut, technischem Gerät, von Maschinen und Fertigungsweisen, so die Idee des TGM, ergibt sich die sinnvolle Präsentation und Erläuterung des wissenschaftlichen und technischen Entwicklungsstandes. Zugleich erwachsen hieraus Ansätze für Ideen, Hypothesen, Versuche oder Adaptionen, die zur Verbesserung und Weiterentwicklung technischer Produkte beitragen.
Das TGM akzentuiert mit seiner anwendungsorientierten, pragmatischen Konzeption einen produktiven Gegensatz zur damals einsetzenden, praxisfernen Akademisierung der Technischen Hochschulen, die sich einer zum Teil blutleeren Grundlagenforschung verschreiben und versteht sich ganz bewußt als Instrument einer modernen Wirtschaftsförderung. Theoretisch gehobene Tätigkeiten, wie die von Ingenieuren und Konstrukteuren, benötigen ohnehin ein souveränes Wissen von dem, was bereits entwickelt ist, um wissen zu können, was man noch weiter entwickeln kann oder muß.
Philosophisch gesprochen, geht es um die Einsicht in die Normativität des Faktischen, die uns vor allem der Philosoph Wilhelm Dilthey bewußt gemacht hat. Diltheys Lehrsatz, wonach man erst „durch das Beschreiben dessen, was ist, wissen kann, was sein soll“, gilt nicht nur für die geisteswissenschaftlich-hermeneutischen Disziplinen, sondern genauso für den evolutionären Fortschritt in den Naturwissenschaften und in der Technik. Nicht umsonst sagt der deutsche Physiker Pascual Jordan zu Beginn des vorigen Jahrhunderts: „Im modernen Leben ist die Technik der einzige Bereich geblieben, in dem noch nie die absurde Vorstellung aufkam, das Über-Bord-Werfen von Tradition sei ein Weg zum Fortschritt.“
Das Technologische Gewerbemuseum Wien stellt eine ebenso originelle wie über die Zeiten hinweg gültige reformpädagogische Berufsbildungskonzeption dar. Zunächst als private Einrichtung des Niederösterreichischen Gewerbevereins durch die Initiative von Wilhelm Franz Exner (1840 bis 1931) nach dem Vorbild des Pariser Conservatoire des arts et metiers gegründet, wird es 1905 verstaatlicht. Exner, der ursprünglich Ordinarius und mehrfach Rektor an der Wiener Hochschule für Bodenkultur ist, dem Abgeordnetenhaus des Reichsrates angehört und 1905 in das Herrenhaus gewählt wird, gilt als der entscheidende Kopf und Motor der österreichischen Gewerbeförderung in der letzten Epoche der Habsburger Monarchie. Mit der Gründung des Technologischen Gewerbemuseums als Höherer Lehranstalt, den Technischen Versuchsanstalten und der Technisch-Gewerblichen Zentralbibliothek demonstriert er schon vor einem Jahrhundert, daß ein leistungsfähiges Bildungswesen neben Arbeit und Kapital der dritte wichtige Strukturfaktor einer stabilen, zukunftsfähigen Volkswirtschaft ist.2
Exner formuliert 1929 am Ende seines arbeitsreichen Lebens die Gründungsidee des TGM mit folgenden Sätzen: „Mein organisatorischer Hauptgedanke beruht auf der Zusammenfassung des theoretischen Unterrichts mit der praktischen Untersuchung, mit dem Anschauungsunterricht und dem Versuchswesen für jede Gruppe verwandt industrieller Betätigungen, der eine bestimmte Sektion des Instituts dienen sollte. Dabei mußte der theoretische Unterricht auf der jeweils erreichten Höhe der Anwendung der Wissenschaften auf das Lehrgebäude stehen und die Werkstätteneinrichtungen mit den modernsten und daher für diese Zeit mustergültigen Arbeitsbehelfen eingerichtet sein. Entscheidend für die Wirksamkeit der betreffenden Sektion war nebst der sachlichen Einrichtung die Gewinnung jener persönlichen Kräfte, die durch ihre Qualifikation als Fachleute die beste Wirksamkeit versprechen durften und sich mit idealem Eifer der Anstalt zu widmen geneigt waren.“3
Geistiger Aufbruch trotz innerer und äußerer Not
Wie gesagt, Hermann Papst besucht das Technologische Gewerbemuseum, dessen Hauptgebäude der stattliche neoklassizistische Bau der ehemaligen Siglschen Lokomotivfabrik im IX. Bezirk in der Währingerstraße 59 darstellt. Das Ausbildungsangebot umfaßt damals Fortbildungs- und Meisterkurse für die verschiedenen Bau- und Technikberufe, Niedere und Höhere Fachschulen für Bau- und Möbeltischlerei, für das Brauereiwesen, für Maschinenbau und Elektrotechnik. Entsprechend der
Neubau des Technologischen Gewerbemuseums in Wien, Wexstr. 19-23 (Zustand um 2000)
wirtschaftlichen Entwicklung wandeln sich die Ausbildungsangebote und die Schwerpunkte der Versuchsanstalten, Prüfstationen, Laboratorien und praktischen Kurse ständig. Die Basistechnologien im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sind durch den Aufstieg und Höhenflug der technischen Physik, der angewandten Chemie, des Maschinen- und Werkzeugbaus, vor allem aber durch die Elektrotechnik geprägt. Deswegen spielen die einschlägigen, dem TGM assoziierten Staatlichen Versuchsanstalten für chemisch-technische Materialuntersuchung, für Bau- und Maschinenmaterial, für Werkzeugmaschinen und Werkzeuge, für mechanisch-technische Messungen und dann vor allem für Radiotechnik eine zentrale Rolle für die Verbindung von praxisorientierter Entwicklungstätigkeit, Unterricht und Ausbildung.
Hermann Papst lebt und studiert damals ganz im Geist dieser technikseligen Welt, die von der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und den Anfängen der Republik mit der Hunger- und Wohnungsnot, dem schrecklichen Blutzoll von Millionen und Abermillionen an Menschenleben, dem Invalidenelend, den politischen und sozialen Unruhen und einer zerrütteten Volkswirtschaft im Kern gar nicht getroffen zu sein scheint. Im Gegenteil: Die Not der äußeren Umstände, die Erfahrung der radikalen Unvernunft und der Blick in die Fratze des Bösen schaffen offensichtlich nicht nur erstaunliche Überlebenskräfte, sondern wecken mit unerwarteter Kraft die Sehnsucht nach geistigen Orientierungen, nach ausfüllendem Lernen und Arbeiten, nach Ordnung der inneren und äußeren Lebensverhältnisse. Offensichtlich lassen sich die Fragen nach dem eigentlichen Sinn des Lebens in Zeiten drückender Not weit konstruktiver lösen, als in Epochen des Überflusses und fehlender „Notwendigkeiten“, das Schicksal selbst zu gestalten oder zu wenden.
Hermann Papst betreibt in jenen schwierigen Jahren seine Ausbildung am TGM und daneben seine zusätzlichen privaten Studien und Experimente mit Ausdauer und Leidenschaft. Für diese Phase, wie für sein ganzes Leben, gilt die altrömische Lebensweisheit res severa est gaudium verum; allein eine ernsthaft verfolgte Aufgabe bringt wirkliche Freude.
Zum Einfluß der Professoren
Hermann Papst tritt 1916, mitten im ersten Weltkrieg, am TGM in die 1910 begründete Höhere Abteilung für Elektrotechnik ein, die in einer fünf Jahre dauernden Ausbildung mit theoretischem Unterricht und praktischen Übungen durchlaufen werden kann. Mit dem Abschluß- examen am TGM erwirbt er durch eine Zusatzprüfung im sprachlichen Bereich die Matura.
Er wählt diejenige Fachrichtung, die am TGM eine außerordentlich innovative Tradition besitzt. Bereits 1887 besteht dort eine Versuchsanstalt für Elektrotechnik; 1891 wird die Elektrotechnik aus der gemeinsamen Sektion mit dem Metallbau herausgelöst. Rückblickend schreibt Wilhelm Exner, der damalige Direktor und Gründer des TGM, im Jahre 1929: „Die ausgebaute Sektion für Elektroindustrie war die erste Anstalt ihrer Art auf dem Kontinent...“4 Man darf mit Fug und Recht ergänzen: Eine Ausbildungs- und Studienstätte, die völlig neue Organisationsstrukturen, ein epochales didaktisches Konzept, eine erstaunlich gute Finanzbasis sowie eine wirklich effektive Betreuungsrelation zwischen Lehrenden und Auszubildenden anzubieten hat.
Als für Hermann Papst einflussreichster Lehrer neben den Professoren Ettenreich, Wolf und Wotruba muß wohl Professor August Grau gelten, der die Versuchsanstalt für Elektrotechnik leitet. Es gehört zu Graus besonderen Verdiensten, daß er am Ende des Ersten Weltkrieges die wertvollen technischen Einrichtungen des TGM rettet. Im ersten Kriegsjahr wird eine Versuchsanstalt für Radiotechnik begründet, die 1923 zur ersten Radiosendestelle wird. Aus dem TGM meldet sich am 1. Juni 1923 feierlich der erste österreichische Rundfunksender „Radio Hekaphon“ (100 W auf Welle 600 m) im Äther. Auch die erste Radiosendung der Zweiten Österreichischen Republik nach dem Zusammenbruch 1945 sollte wegen des nicht mehr arbeitsfähigen RAVAG-Senders aus dem TGM kommen.
Vor allem dem hochkarätigen Elektrotechniker und Physiker August Grau, der von 1918 bis zu seinem Tod 1923 als Direktor des TGM wirkt, hat Hermann Papst das innovative Klima, den Freiraum zum eigenen Forschen und Experimentieren zu verdanken. So wird sein Talent nachhaltig gefördert, Arbeitskraft und Leistungsvermögen herausgefordert und entfaltet. Seine Auseinandersetzung mit der Radio-, Phono- und später mit der Fernsehtechnik haben in dieser Phase und im Vorbild der Professoren für Elektro- und Radiotechnik am TGM ihre Wurzeln. Damals entsteht die Breite seiner technischen, wohl aber auch volkswirtschaftlichen, philosophischen und humanitären Interessen. Gelernt hat er am TGM auch die Methode des technischen Arbeitern und Forschens, die systematische Aufarbeitung der Entwicklungsgeschichte von Produkten, deren Funktionsweisen zunächst einmal durchdrungen und begriffen sein müssen, um Möglichkeiten des Besseren, des Anderen oder Neuen überhaupt in den Blick nehmen zu können.
Im Abgangszeugnis des Kaiserlich-Königlichen Technologischen Gewerbemuseums in Wien vom 9. Juli 1921 erreicht Hermann Papst in der damals sehr differenzierten Notengebung wohl das Gesamturteil „befriedigend“, bei einer Skala von vier Noten - vorzüglich, befriedigend, genügend, nicht genügend -, doch treten seine Stärken und Schwächen deutlich hervor. In Sprache, Geschichte, Geographie- und Elektrochemie liegen die Noten bei „befriedigend“, in der Hochfrequenztechnik, in der Maschinenkunde und im Fachzeichnen glänzt er dagegen jeweils mit dem selten vergebenen Prädikat „vorzüglich“. Für die Leistungen im Dynamo- und Apparatebau, in Messkunde, Beleuchtungstechnik, in den Elektrotechnischen Übungen sowie im Lehrgebiet Elektrische Zentralen und Kraftanlagen erhält er durchweg „lobenswert“.
Lernen und Forschen auf eigene Faust
