"Herr Lemke, übernehmen Sie!" - Helmut Hafner - E-Book

"Herr Lemke, übernehmen Sie!" E-Book

Helmut Hafner

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Beschreibung

Willi Lemke galt fast zwanzig Jahre als Inbegriff des Fußballmanagers. Mit seinen späteren Missionen als Bildungssenator und UN-Sonderberater verbindet sein Lebenswerk zwei der wichtigsten Bereiche der Gesellschaft – den Sport und die Politik. Dieses Buch bietet Innenansichten aus den Schaltzentralen beider Bereiche. Und zeichnet die Entwicklungslinien, Erfolge und Niederlagen eines Menschen nach, der als Flüchtlingskind an der Ostsee geboren wurde und zu einem bedeutenden Zeitzeugen von sechzig Jahren deutscher Politik und internationaler Sportgeschichte geworden ist.

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Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Helmut Hafner, Ralf Lorenzen

„Herr Lemke, übernehmen Sie!“

Trotz intensiver Recherche konnte nicht in allen Fällen die Urheberschaft an den Abbildungen ermittelt werden. Der Verlag bittet um entsprechende Hinweise, um ggfs. berechtigte Ansprüche abgelten zu können.

Der Verlag behält sich das Text-und Data-Mining nach §44b UrhG vor,

was hiermit Dritten ohne Zustimmung des Verlages untersagt ist.

1. Auflage 2024

© edition einwurf GmbH , Rastede

Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:

ISBN 978-3-89684-719-5 (Print)

ISBN 978-3-89684-720-1 (Epub)

Coverfoto: Thomas Grziwa

Satz und Gestaltung:

Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen

Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk weder komplett noch teilweise vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

www.edition-einwurf.de

Helmut Hafner, Ralf Lorenzen

„Herr Lemke,übernehmen Sie!“

Willi Lemke – zwischenPolitik und Fußball

Inhalt

Warm-up

Der Weg zu Werder

Kindheit: Der Lauf beginnt

Schulzeit: Vorbilder und erste Dämpfer

Universität (1): Notstandsolympiade und innerdeutscher Sportverkehr

Universität (2): Linke Kneipenforschung und Krach mit der DKP

KGB: Agenten-Abenteuer mit Beigeschmack

SPD: Als Sekretär bei jedem Ortsverein zu Hause

Skatrunde: Von der Idee zum Konzept

Ein Leben in Grün-Weiß

Der Geldbeschaffer: Gute Drähte in die Wirtschaft

Der Vorreiter: Neue Chancen im Fernsehen

Der Lobbyist: VIP-Logen im Weserstadion

Der Diener (1): Alles für den Trainer

Der Diener (2): Rollenspiele in der Werder-Familie

Der Sparkommissar (1): Rudi Völler und die Vize-Jahre

Der Sparkommissar (2): Rune Bratseth und die Meisterjahre

Der Sparkommissar (3): Klaus Allofs und der Europapokal

Abteilung Attacke: Lieblingsfeind Uli Hoeneß

Der Verlassene: Ohne Otto nix los

Im Aufsichtsrat: Vom Double zur Enttäuschung

Wieder in der Politik

Der Senator – im Laufschritt durch das schwerste Amt

Bei der UNO: Mr. Willi und das große Rad der Sportpolitik

Finale

Dank

Die Autoren

„Wir brauchen keine Papiere, wir brauchen Taten.“

Willi Lemke zu Timothy Shriver, Neffe von John F. Kennedy und Schwager von Arnold Schwarzenegger

WARM-UP

Im Frühjahr 2021 wurden die Gespräche mit Willi Lemke düsterer. Über die Erinnerungen an die hellen Tage mit seinem Verein, dem SV Werder Bremen, legte sich der bedrohliche Schatten jener Horrorfigur, die Fußballfans als Abstiegsgespenst kennen. Fast genau vierzig Jahre, nach denen das Gründungsmitglied der Bundesliga nach dem bis dahin einzigen Jahr im Unterhaus wieder aufstieg und kurz darauf einen jungen SPD-Parteisekretär namens Willi Lemke zum Manager machte, drohte erneut der Absturz in die Zweitklassigkeit. Das war an und für sich – wie Lemkes großes Vorbild Uwe Seeler sagen würde – nichts Neues. 2020 hatte sich Werder ähnlich wie 2016 am letzten Spieltag aus einer noch bedrohlicheren Situation befreit. Aber diesmal gesellte sich zur sportlichen die wirtschaftliche Überlebensangst. Pandemiebedingte Einnahmeausfälle, teure Spielerverpflichtungen und geplatzte Verkäufe haben dazu geführt, dass die Liquidität nur durch einen vom Land Bremen abgesicherten Bankkredit sowie eine Mittelstandsanleihe sichergestellt werden kann. Auch wenn Lemke bis zum letzten Moment an die sportliche Rettung glaubte – die Schuldenkrise löste bei ihm große Ängste um das Überleben des Klubs aus.

Aus sportlichen Fragen hat er sich als Manager und Aufsichtsrat stets herausgehalten, aber die Wirtschaftsdaten waren sein ureigenes Feld, für das er einen klaren Rahmen abgesteckt hat: Nur das Geld ausgeben, das man einnimmt. Eine Grundhaltung, die den ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt einst zu dem Kompliment verleitete, Lemke sei der lebende Beweis dafür, dass Sozialdemokraten mit Geld umgehen können. Als Aufsichtsratschef aber brachte ihm diese Überzeugung den Vorwurf ein, er würde den Verein kaputtsparen.

Auf diesem Feld fühlte er sich im Frühjahr 2021 nun herausgefordert, seine Nachfolger in der Geschäftsführung und im Aufsichtsrat öffentlich zu kritisieren. Und damit trug er in die viel beschworene Werder-Familie, die er einst mitgeprägt hatte, eine Menge Unruhe.

Der SV Werder Bremen ist nicht der einzige „Verein“, dessen Aufstieg und Fall Willi Lemke in führender Position begleitete. Als er in den 1970er-Jahren die Wahlkämpfe der Bremer SPD organisierte, waren Ergebnisse weit oberhalb der 40 Prozent normal. In den zwei Bürgerschaftswahlen 1975 und 1979, für deren Organisation Willi Lemke verantwortlich war, gewann die SPD die absolute Mehrheit der Sitze. Dreißig Jahre später, zu seinen Zeiten als Bildungs- und Innensenator, lagen die Ergebnisse schon deutlich darunter. Und bei der Bürgerschaftswahl im Jahr 2019 war die SPD in der Wählergunst auf knapp 25 Prozent geschrumpft. Die letzte Phase des Niedergangs seiner Partei erlebte er zwar nur noch als einfaches Mitglied, sie berührte ihn aber nicht weniger als der fußballerische Abstieg Werders.

Diese beiden Entwicklungen machen Willi Lemke zu einem bedeutenden Zeitzeugen von über 50 Jahren bundesrepublikanischer Geschichte. In seiner Person und in seinem Lebenswerk verbanden sich zwei der wichtigsten Bereiche der Gesellschaft – der Sport und die Politik. Lemke hat über Jahrzehnte in den Maschinenräumen des Profifußballs und der Partei- sowie Regierungspolitik an wesentlichen Stellschrauben gedreht. So viele unterschiedliche Tätigkeiten er ausgeübt, so viele Ämter er bekleidet hat – im Kern war Lemke immer Sportpolitiker. Von der Organisation einer Notstandsolympiade als Protestform 1968 in Hamburg bis zum Aufbau zahlreicher Hilfsprojekte als UN-Sonderberater für den Sport von 2008 bis 2016 – immer hat er das gesellschaftspolitische Potenzial des Sports gesehen und genutzt.

Dieses Buch präsentiert Innenansichten aus den Schaltzentralen von Sport und Politik. Es versucht aber auch anhand des Wirkens von Willi Lemke Entwicklungslinien nachzuzeichnen und Brüche zu markieren. Dabei wird deutlich: Als extrem fleißiger, findiger und flexibler Organisator, als Dienstleister, der Gelegenheiten früher erkannte und nutzte als andere, als Macher, der andere mitzureißen verstand, hat Willi Lemke die Dinge stets vorangetrieben. „Männi“ nannten ihn die Spieler und meinten damit eigentlich nur seinen Job des Managers. In dem Wort schwingt aber auch das „Manische“ seines Charakters mit, das Getriebene und Antreibende.

Obwohl er stets zu jenen gehörte, die möglichst viele der sozialen Utopien der 68er verwirklichen wollten, stand Lemke vor allem für den Macher-Typ in den Jahrzehnten nach 1980, in denen der sozialliberale Reformeifer erlahmte und gleichzeitig Sport und Politik immer mehr den Gesetzen einer marktliberal definierten Wirtschaftlichkeit unterworfen wurden.

Der Rückblick in Lemkes erste Lebensjahre als Flüchtlings- und Nachkriegskind zeigt fast idealtypisch, wie sich die „Ihr sollt es einmal besser haben“-Generation im Kampf mit einer rauen, oft abweisenden Umwelt die Durchsetzungsfähigkeit antrainierte, die sie später, als die Zeit reif war, in Spitzenpositionen von Wirtschaft, Politik, Kultur und Sport brachte. Hauptsächlich von ihren Müttern waren sie mit dem nötigen Ehrgeiz für den gesellschaftlichen Aufstieg ausgestattet worden. Natürlich geht niemand in seinen Sozialisationsbedingungen auf, schon gar nicht eine so ausgeprägte Persönlichkeit wie Willi Lemke. Aber es ist dennoch aufschlussreich zu verfolgen, wie er als Jüngster von drei Brüdern mutig und entschlossen seinen Weg ging, um die bescheidenen Verhältnisse seiner Kindheit hinter sich zu lassen. Auch über Irrwege, Fehler und Niederlagen – berufliche und persönliche – hat uns Willi Lemke vier Jahre lang offen Auskunft gegeben. Oft sind es gerade diese, aus denen große Leistungen hervorgehen. An einer lupenreinen Erfolgsstory hatten die Autoren wie der Porträtierte genauso wenig Interesse wie an einer Anekdotensammlung.

Willi Lemke war ein leidenschaftlicher Erzähler. Einige seiner amüsanten Geschichten aus der Werder-Zeit sind schon anderswo erwähnt worden. Sie tauchen auch hier noch einmal auf, sofern sie uns zum Verständnis seiner Person und des Zeitgeschehens wichtig erschienen. Oft bekommen sie im Kontext der Lebensgeschichte eine neue Bedeutung. Ebenso berichtet dieses Buch aber auch über viele weitere, weitgehend unbekannte Geschehnisse. Das Ziel unserer Arbeit war, Willi Lemkes Zeit als Werder-Manager, auf die sein Leben oft reduziert wird, in neuem Licht erscheinen zu lassen.

Als wir die Gespräche für dieses Buch beendeten, bereitete sich Werder gerade auf seine zweite Saison nach dem Wiederaufstieg vor. Drei Tage später war nichts mehr so wie vorher.

DER WEG ZU WERDER

Kindheit: Der Lauf beginnt

Willi Lemke vergaß nie einen Ausspruch seines Bruders Dietrich, den er als Kind immer wieder mal gehört hat. „Engenänder, Engenänder, Rumm Bumm, Bumm, Angt.“ Damit hat Dietrich offensichtlich die Bombennächte in Stettin und ein besonders dramatisches Erlebnis verarbeitet. Es geschah am 3. Mai 1945. Ella Lemke und ihre beiden Söhne Eckhard und Dietrich, sieben und neun Jahre alt, saßen am Strand in der Lübecker Bucht. Drei Kilometer von ihnen entfernt lagen das Passagierschiff Cap Arcona und der Frachter Thielbek. „Plötzlich kamen britische Tiefflieger und griffen die Schiffe an“, erinnert sich Dietrich Lemke. „Die Menschen sprangen in Panik über Bord und wurden im Wasser unter MG-Feuer genommen. Das war so nah am Ufer, dass man als guter Schwimmer hätte hinüberschwimmen können. Meine Mutter hat uns dann weggeholt. ‚Das ist nichts für eure Augen‘, hat sie gesagt.“ Von den Passagieren der Schiffe wussten die Engländer nichts: Es waren keine Soldaten und SS-Größen, die sich nach Norwegen absetzen wollten, wie sie meinten, sondern etwa 7.500 evakuierte KZ-Häftlinge, vor allem aus dem Konzentrationslager Neuengamme. Mehr als 7000 von ihnen überlebten die Bombardierung nicht. „Die Erinnerungen haben sich so tief eingebrannt“, sagte Dietrich Lemke achtzig Jahre später in seinem Reihenhaus in Hamburg-Wandsbek, „dass ich bis heute nicht davon erzählen kann, ohne dass sie mich übermannen“.

Als die Flüchtlingsfamilie Lemke gut fünfzehn Monate nach dem einschneidenden Erlebnis noch einen Zuwachs bekam, nannten die Eltern ihn ganz bewusst Wilfried: Der den Frieden will. Er sei „sicher nicht geplant“, gewesen, meinte Willi Lemke, „denn wer wollte in dieser Zeit schon ein Kind in die Welt setzen?“. In seinen ersten Erinnerungen wurde nicht mehr gebombt und geschossen, sondern gegackert und geflattert. Beherzt packte seine Mutter allabendlich zu, wenn sie die Hühner reinholte, um sie vor Kälte und Füchsen zu schützen. Sie warf die Hühner auf ein Gestell über den Köpfen von Eltern und Kindern. Das laute Flügelschlagen und das Gegacker der Hühner saß Willi Lemke sein Leben lang im Körper. „Meine Mutter war eine ‚taffe‘ Frau“, sagt Bruder Dietrich. „Wie alle Frauen, die ihre Familie ohne den Ernährer, der an der Front war, durch den Krieg bringen mussten.“ So zupackend, wie sie die Hühner versorgt hat, so resolut hat sie auch immer für die Kinder gekämpft.

Die Familie Lemke stammt aus dem Bauerndorf Damerow im Landkreis Schlawe. Damerow gehörte bis 1945 zur preußischen Provinz Pommern. Heute ist der Ort polnisch und heißt Dąbrowa. Er liegt nördlich der Europastraße 28, die von Stettin nach Danzig führt. Der älteste Vorfahr, der aus Berichten der Familie Lemke bekannt ist, war ein Friedrich Lemke, der um 1800 in Damerow geboren wurde. Dietrich Lemke vermutet, dass er ein sogenannter Freibauer war, also nicht in Leibeigenschaft lebte. Bereits 1732 soll es in Damerow allerdings schon einen Freischulzen mit dem gleichen Namen gegeben haben. Der Freischulze hatte in Pommern keine Abgaben zu zahlen und war der Vorsitzende des Dorfgerichts. Dieses urteilte nach deutschem Recht über kleinere Vergehen und Streitigkeiten. Der älteste Urahn in der mütterlichen Linie war Carl Gutzmann, der um 1810 in Birkenfeld im Kreis Schlawe – also ebenfalls in Pommern – geboren wurde und dort als Hofmeister arbeitete. Die Großeltern von Willi Lemke zogen aus Damerow und Landeshut nach Stettin an der Ostsee, dem heutigen Szczecin. Dort lernten sich Hans Lemke und Ella Kohls kennen und heirateten. Und dort wurden auch die Kinder Dietrich und Eckhard geboren.

Hans und Ella Lemke waren sich am gemeinsamen Arbeitsplatz begegnet, bei der National-Versicherung. Sie war Versicherungskauffrau, er Versicherungskaufmann. Gleich zu Beginn des Krieges hatte das junge Paar eine Trennung zu bewältigen. Hans Lemke wurde als Soldat eingezogen, kam als Zahlmeister auf einen Lazarettzug und war an vielen Fronten unterwegs. Seine Einheit musste sich nicht nur um die Verwundeten kümmern, sondern während der Fahrten auch für Nahrung sorgen. Das hieß: Kühe, Schweine und Geflügel wurden dort geholt, wo man sie fand. „Ich habe nie verstanden, wie unser Vater das so viele Jahre lang ausgehalten hat“, erzählt Dietrich Lemke. „Immer mit schwer Verwundeten zusammen sein, von denen viele das Krankenhaus in der Heimat nicht erreichten, sondern auf dem Weg verstarben.“ Geholfen habe da offensichtlich Vaters Geige. „Wenn der Zug fuhr, hat er an den Betten der Verwundeten Geige gespielt. Dafür brauchte er keine Noten.“

Als 1943 die Bombenangriffe auf Stettin zunahmen, dabei auch die Wohnung der Lemkes ausgebombt wurde und die russische Armee immer näher rückte, wurde die Familie nach Heinrichshof bei Gartz an der Oder evakuiert. Vater Hans kam nur selten auf kurzen Urlauben in das kleine Dorf. Einmal kehrte die Familie nach Stettin zurück, um in dem zurückgelassenen Garten Obst und Gemüse zu ernten. Dort erlebten die Kinder den Bombenhagel und dann auch, wie eine Bombe auf das eigene Haus fiel. „Das ist alles eingebrannt in die grauen Zellen“, erzählt Dietrich. „Die Schreie, das Jammern, das Beten – ich habe das noch immer im Ohr.“

Auch die ruhigen Tage in Heinrichshof waren nicht immer einfach. Die evakuierten Kinder wurden von den Dorfkindern geschnitten, die Schule war wegen der Fliegerangriffe geschlossen. „Wir haben mit einem russischen Gefangenen und einer polnischen Magd zusammengehockt“, erzählt Dietrich. Wie für die meisten anderen Flüchtlinge sollte sich die Erfahrung der Ausgrenzung und Ablehnung für die Lemke-Brüder nach Kriegsende über Jahre hinaus wiederholen.

Im Februar 1945 wurde auch Heinrichshof geräumt. Auf einem Pferdewagen ging es auf die Flucht in Richtung Westen. In einer Turnhalle, in der sie ein paar Tage untergebracht waren, hörten Ella und ihre beiden Söhne Donnergrollen. „Das sind die Russen, das sind die Russen“, wurde um sie herum getuschelt, aber Mutter Lemke beruhigte Eckhard und Dietrich: „Das ist nur ein Gewitter.“ Zu Fuß ging es weiter Richtung Westen, da tauchte wie aus dem Nichts Vater Lemke auf. Er hatte in seiner Einheit erfahren, dass seine Familie in der Turnhalle gewesen war, war aufs Rad gesprungen und die Strecke abgefahren. Nachdem er sie gefunden hatte, kehrte er zu seinem Lazarettzug zurück und entschied mit der restlichen Besatzung, sich zu den Engländern durchzuschlagen, um so der russischen Gefangenschaft zu entgehen.

Als die Familie Haffkrug erreichte, war Hans Lemke wieder unter den Seinen. Kurz darauf wurde er abgeführt und kam nach Eutin in englische Gefangenschaft. Mit seiner Frau verabredete er, sich an einer bestimmten Stelle zu treffen, wenn der Kontakt wieder möglich sei. Zwei Tage später bekam Ella die Nachricht, dass ihr Mann die Familie unterbringen konnte. Hans Lemke hatte die britische Militärverwaltung davon überzeugt, dass sie beim Aufbau der Verwaltung von seinen Kompetenzen profitieren würde. Dabei verkaufte er sein Organisationstalent so überzeugend, dass er sogar die Bedingung stellen konnte, für seine Familie sorgen zu dürfen.

Ella Lemke wurde mit den beiden Söhnen Eckhard und Dietrich und anderen Kindern auf einem Gutshof in Obersteenrade untergebracht. „Der Gutsherr hatte eine große Villa, aber wir mussten uns mit 17 Personen ein Zimmer von 20 Quadratmetern teilen“, sagt Dietrich Lemke. Dennoch waren die Flüchtlinge froh, ein Dach über dem Kopf und die Gelegenheit zum Kochen zu haben. Für die bescheidenen Lebensmittel sorgte die Landwirtschaft. Vater Hans machte sich bei den Engländern nützlich und bekam öfter Freigang, sodass er sich um die Familie kümmern konnte. Von einem verstorbenen Kameraden hatte er ein Pferd geerbt, das er nun auf den Bauernhof brachte. Damit verbesserte sich die Situation der Familie erheblich. Bald konnten die Lemkes dort in ein kleines Häuschen ziehen, mit zwei Zimmern, Küche und angrenzendem Schweinestall.

Als Vater Hans endgültig aus der Gefangenschaft entlassen worden war, arbeitete er als Knecht in der Landwirtschaft. Für diese Tätigkeit war er nicht sonderlich begabt. Schon am ersten Arbeitstag wurde er von einem Pferd mit dem Namen Else getreten und brach sich drei Rippen. Kaum genesen, fiel ihm ein Traktorrad auf den Fuß. Dabei brach er sich zwei Zehen und war wieder arbeitsunfähig. Nachdem er gesundheitlich wiederhergestellt worden war, rackerte er noch weitere anderthalb Jahre. Und die Familie war froh, denn das Landleben sorgte für ausreichend Nahrung. „Viele wissen heute nicht mehr, wie oft es in der Nachkriegszeit Hungersnöte gab“, sagt Dietrich Lemke. Zur Familie gehörten inzwischen eigene Hühner, Kaninchen und zwei Schweine: Heinrich I. und Heinrich II. Vom Bauern gab es Milch und bisweilen ein gutes Wort. Und für die Liebe war auch Platz. Am 19. August 1946 erblickte Wilfried Lemke bei einer Hebamme in Pönitz in Ostholstein das Licht der Welt.

Noch im selben Jahr fand der Vater bei seinem alten Arbeitgeber, der National-Versicherung, wieder Arbeit. Damit Hans Lemke seinen neuen Arbeitsplatz in Lübeck, dem Sitz der „National“, mit dem Fahrrad besser erreichen konnte, zog die Familie nach Dänischburg, ganz nahe bei Lübeck. Hier lebten die Lemkes in einer sogenannten Deputatarbeiter-Wohnung: So hießen damals die Unterkünfte für jene Landarbeiter, die hauptsächlich in Naturalien ausbezahlt wurden. Es gab ein Plumpsklo vor den Ställen, das sich die Familie mit einer anderen Flüchtlingsfamilie teilen musste. Die oft bedrückende Armut wurde durch sogenannte Care-Pakete erheblich aufgelockert, die Tante Helen aus den USA den Lemkes schickte. Die Ankunft der Pakete wurde in der Familie so heiß ersehnt und freudig zelebriert, dass auch Jahre später noch davon erzählt wurde. Dann konnte sich der kleine Wilfried Tante Helen nur als Engel vorstellen.

Der zweijährige Wilfried mit Mutter Ella (Sammlung Willi Lemke)

1947 stand erneut ein Umzug an, diesmal nach Lübeck-Marli. Es gab wieder zwei Zimmer, aber diesmal ohne Küche, dafür mit einem kleinen Garten für Gemüseanbau. Und auch Hühner durften wieder gehalten werden. Einmal brütete die Henne im Wohnzimmer unter dem Schreibtisch zehn Eier aus. Wilfried erlebte die jungen Hühner als Teil der Familie. Seine großen Brüder mussten sich da schon außerhalb der Wohnung behaupten, wo das gesellschaftliche Klima für Geflüchtete nach wie vor rau war. „Wir waren die, die den Einheimischen die Wohnungen wegnahmen und die Jobs streitig machten“, schildert Dietrich die Gegebenheiten. „Wir waren unliebsame Mitesser, nervtötende Konkurrenz um knappe Güter. Kurz und gut: Ein Flüchtling ist einer, der nicht auf Augenhöhe ist – zu keiner Zeit, in keiner Rolle, in keiner Situation.“

Mitte 1948 kam der nächste Umzug. Vater Hans hatte von einem Ehepaar gehört, das nach Amerika auswandern wollte. Es bewohnte eine komplett möblierte Wohnung mit zwei Zimmern und Küche im dritten Stock und einer Toilette im Keller. Die National-Versicherung half mit einem Kredit, und so konnte die Familie diese Wohnung in der Chasotstraße in Lübeck übernehmen. Solch luxuriöse Wohnverhältnisse waren neu für die Familie Lemke. Willi Lemke dachte immer gerne daran zurück, wie glücklich er und seine Brüder über die neue Wohnsituation waren. Willi hatte bis dahin noch nie eine richtige Toilette gesehen.

Inzwischen ging der Wiederaufbau von Hamburg schnell voran. Die National-Versicherung beschloss, dort wieder verstärkt aktiv zu werden, und ordnete Hans Lemke 1949 in die Hansestadt ab. In Hamburg-Altona bezog die Familie einen Neubau, den die Versicherung ausschließlich für ihre Angestellten hatte errichten lassen. Zum ersten Mal hatte die Familie nun eine Wohnung mit integrierter Toilette. Man musste nicht mehr wie zuletzt vier Etagen tiefer in den Keller. Beengt ging es aber immer noch zu. Die Jungs teilten sich ein kleines Zimmer mit acht Quadratmetern: Stockbett, Schreibtisch mit Stuhl und Ausziehcouch.

Hans Lemke sorgte mit seinem Fleiß und seinem Organisationstalent dafür, dass sich die Lebensverhältnisse nach und nach besserten. In den eigenen vier Wänden spielte er neben der dominanten Mutter jedoch keine große Rolle. Er war stets viel unterwegs: Von Hamburg aus fuhr er als Schadensregulierer weite Strecken über Land. Als Wilfried größer wurde, durfte er seinen Vater öfter auf den Touren nach Ostfriesland begleiten und bekam mit, wie dieser ganz scharf zwischen denen trennte, die ihn „bescheißen“ wollten und den Ehrlichen, denen er zu ihrem Recht verhalf. Aus diesen Erfahrungen habe er einiges mitgenommen, meinte der Sohn und verwies darauf, dass er bei der Scheidung eines mit ihm befreundeten Ehepaares erfolgreiche Vermittlungsarbeit geleistet habe.

„Mein Vater war sehr gesellig und sozial und bei den Leuten sehr beliebt“, berichtete Willi Lemke. Wenn dieser in die kleine Wohnung nach Altona zurückkam, brachte er neben leckeren Kuchen auch jede Menge Geschichten mit. Und oft kramte er die Geige wieder hervor, mit der er die Kranken im Lazarettzug getröstet hatte. Die älteren Söhne bekamen eine Flöte beziehungsweise eine Mundharmonika in die Hand gedrückt. Dann wurde geübt, um vor den Wohnungstüren der Nachbarn zu spielen. Meistens machten sie auf, die Jungs kriegten einen Lolli, der Vater einen Schnaps. „Das war ein Ritual, das ihm sehr wichtig war“, sagt Dietrich Lemke, der bis heute gern Akkordeon und Gitarre spielt. An Willi Lemke ist das musische Talent des Vaters vorbeigegangen – in Altona war er noch zu jung, um ein vollwertiges Mitglied der Hans Lemke-Combo zu sein. Es gab genug andere Gelegenheiten, sich im Kreise der Familie wohlzufühlen.

Wenn Wilfried draußen mit seinem Freund Peter durch das immer noch kaputte Altona stromerte, begegneten ihnen die ersten Vorboten des Wirtschaftswunders. In der Stresemannstraße entdeckten sie einmal einen wunderschönen offenen Sportwagen, darin saß eine elegante Dame. So etwas hatten sie noch nie gesehen. „Ich war von diesem Auto und der

Wilfried mit den Brüdern Eckhard (links) und Dietrich (Sammlung Willi Lemke)

Familie Lemke bei der Zeitungslektüre (Sammlung Willi Lemke)

Das Leben wird behaglicher (Sammlung Willi Lemke)

Frau geblendet“, staunte Lemke noch 70 Jahre später; offenbar habe ihn die Dame charmant und sympathisch gefunden. Sie öffnete die Wagentür und schmeichelte ihm. „Du bist aber ein Süßer“, sagte sie und drückte ihm ein 50-Pfennigstück in die Hand. Da die Dame nicht ungerecht sein wollte, fasste sie in ihre Manteltasche und schenkte auch Peter etwas Kleingeld. Der überredete Wilfried später zu einem Tausch: sein vieles Kleingeld gegen Wilfrieds 50-Pfennig-Stück. Wilfried willigte ein und merkte erst später: Das war ein schlechtes Geschäft.

Als Hans Lemke genug davon hatte, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kolleginnen und Kollegen der „National“ zu leben, folgte Mitte der 1950er-Jahre der nächste Umzug. Er führte die Familie in eine kleine Neubauwohnung in der Kulmer Gasse 3 im östlich der Alster gelegenen Stadtteil Dulsberg. Diesen Stadtteil hatte in den 1920er-Jahren der Oberbaudirektor Fritz Schumacher, ein gebürtiger Bremer, als Arbeitersiedlung konzipiert. Zwar war Dulsberg im Zweiten Weltkrieg stark durch Brandbomben zerstört worden, die Fassaden der Gebäude jedoch sind zu weiten Teilen erhalten geblieben, sodass man das Viertel nach den alten Plänen wiederaufbauen konnte.

Die drei Söhne teilten sich nun ein elf Quadratmeter großes Zimmer. Da standen sie vor der Wahl: Entweder sich permanent die Köpfe einschlagen oder sich vertragen. Die Lemke-Brüder vertrugen sich. Meistens. Die beiden Großen liebten ihren kleinen Bruder, nahmen ihn oft in den Arm und ließen ihn von der Marmeladenstulle abbeißen. Untereinander allerdings mussten die Großen dann doch irgendwann auskämpfen, wer der Stärkere war. Eckhard haute Dietrich öfter mal eine runter, und der meldete sich schließlich im Boxclub an. „Dann kam es zum Showdown im Wohnzimmer“, erzählte Dietrich Lemke. „Eckhard flog in den Sessel und der krachte auseinander“. Doch als Wilfried zu den Eltern rannte und ihnen von dem Vorfall erzählte, hielten die Großen schnell wieder zusammen und beschlossen, dass der Kleine lernen müsse, nicht zu petzen. Der eine hielt ihn fest und der andere versohlte ihm den Hintern. Damals empfand Willi Lemke das als gerechte Strafe. Auch Vater und Mutter bedienten sich hin und wieder des „Auskloppers“, des Teppichklopfers, um ihren Anweisungen Nachdruck zu verleihen.

So oft sie auch drinnen miteinander stritten – draußen passten die Lemke-Brüder stets aufeinander auf. Und das war auch nötig, denn Flüchtlinge waren immer noch nicht gut gelitten und konnten fies verhauen werden. Bis Anfang der 1950er-Jahre gehörte Dulsberg zum Stadtteil Barmbek, dessen Jugend von den Bewohnern der vornehmeren Stadtteile als „basch“ betitelt wurde, was etwa so viel wie rüpelhaft bedeutete. Das war für Dietrich noch ein Grund mehr, mit dem Boxen weiterzumachen, jetzt in einem Boxclub im benachbarten Wandsbek. „Ein älterer Junge wollte sich vor den Mädchen aufspielen und hat mir unter Gelächter den Arm umgedreht und mich getreten. Da habe ich mir gesagt: Du musst dich besser wehren können.“ Weil sein Vater das Boxen als zu grob und proletenhaft empfand, fing Dietrich zusätzlich mit Judo an. Das sollte ihm später unverhofft zugutekommen. „Als ich in die USA ging, war Judo die soziale Eintrittskarte für mich“, erzählt er.

In Dulsberg lebte die Familie relativ komfortabel. Da die Wohnsituation aber immer noch sehr beengt war, wurden viele Aktivitäten nach draußen verlagert. Sport wurde nun der Weg, der dem Leben der Jungs Raum gab. Lieblingssport war zunächst das Laufen: Eckhard war der schnellste, dann folgte Dietrich, und der kleine Wilfried dackelte hinterher. Viele Kinder und Jugendliche hingen nach der Schule den ganzen Tag auf der Straße herum, und so kam Eckhard irgendwann die Idee, mit der ganzen Bande von etwa zwölf Kindern um den Block Kulmer Gasse / Schwetzergasse zu laufen. „Das waren mehrere Runden, insgesamt eine Strecke von 5.000 Metern, die wir über Jahre jeden Tag gelaufen sind“, erzählte Dietrich Lemke. Eckhard war stets als Erster im Ziel und Wilfried so schnell abgehängt, dass er regelmäßig überrundet wurde. Trotz dieser Schlappen im Wettkampf mit den Größeren waren diese Runden in Dulsberg der Beginn von Willi Lemkes Leidenschaft für den Sport. Für großen Sport ist diese Gegend noch heute bekannt: Unmittelbar neben Lemkes erster Laufstrecke durchs Wohngebiet befindet sich seit 1988 ein Olympiastützpunkt, wo sich unter anderem Deutschlands Hockeynationalmannschaften und das Beachvolleyball-Duo Laura Ludwig / Kira Walkenhorst auf ihre Olympiasiege vorbereitet haben.

Willi Lemke lief noch kurz vor seinem Tod. Keine Marathons mehr, aber durch den Bremer Bürgerpark. Und auch im Alltag war er immer flott unterwegs. Ob man ihn zwischen seinem Haus in Schwachhausen und dem Weserstadion radeln oder eine Treppe zu einem seiner zahlreichen öffentlichen Auftritte hochschnellen sah: Er war immer in Eile, so als käme er auf den letzten Drücker. Was nie stimmte, denn Willi Lemke hasste Unpünktlichkeit. Ins Rennen geschickt hat ihn vor langer Zeit seine Mutter. Er beschrieb sie zwar als „Glucke“, aber nicht als eine, die auf ihren Kindern saß, weil sie es lange genug warm haben sollten. Das war in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit kein erfolgversprechendes Modell. Nein, sie war eine Mutter, die ihre Kinder mit jenem Mantra der Nachkriegszeit antrieb, mit dem eine ganze Generation unter Dampf gesetzt wurde: Sie sollten „es einmal besser haben“. Mutter Lemke ahnte früh, wie viele der tüchtigen Frauen von damals, dass für Kleinbürger wie sie der Weg nach oben nur über Bildung möglich sein würde. Für die beiden Ältesten war das Gymnasium noch nicht drin; sie mussten möglichst bald Geld verdienen und später selbst versuchen, sich hochzuarbeiten. Aber für Wilfried, den Nachzügler, war etwas anderes vorgesehen. „Der Letzte macht Abitur“, lautete das Gesetz im Hause Lemke.

Als Willi Lemke davon erzählte, zog er eine Linie von diesem frühen Ehrgeiz zu einer Begegnung in der Zeit, als er Parteisekretär der SPD war. Einmal hetzte er wieder zu einer Parteiversammlung über den Osterdeich zum Bürgerhaus Weserterrassen. Ein Parteikollege fragte, ob er „bekloppt“ sei, zu jeder Versammlung zu gehen und jeden Abend spät nach Hause zu kommen. Dem habe er deutlich gesagt: „Wenn ich das nicht mache, komme ich nicht voran.“ Lemke war überzeugt, dass man etwas erreichen kann, wenn man mehr Fleiß und Engagement hat als andere.

Schulzeit: Vorbilder und erste Dämpfer

1953 kam Wilfried Lemke in die Grundschule am Graudenzer Weg in Hamburg-Dulsberg. Dort blieb er von der ersten bis zur sechsten Klasse. Er erinnerte sich, dass die Kinder einmal sagen sollten, ob sie arm oder reich seien. Zu Hause hatte Willi mitbekommen, dass es ihnen gut ging, schließlich besaß die Familie inzwischen sogar einen VW-Käfer. „Ich fand uns reich“, beschrieb er sein damaliges Empfinden. Trotzdem – oder genau deshalb – entwickelte er früh einen Hang zur Sparsamkeit. „Ich bück‘ mich auch für zehn Pfennig“, war einer seiner Leitsätze.

Eine seiner Lehrerinnen, die ihn besonders beeindruckt hat, war Schwester Agathe. In ihrer schwarz-weißen Ordenstracht unterrichtete sie Religion. Sie brachte oft einen Wandteppich mit und hängte den an die Tafel, um mit den Figuren, die sie daran befestigte, biblische Geschichten zu erzählen und zu erklären. Ganz besonders beeindruckte Wilfried das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Diese Geschichte aus dem Lukas-Evangelium handelt von einem Mann, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho von Räubern zusammengeschlagen und ausgeraubt wird. Er bleibt schwer verletzt liegen und Reisende, darunter auch Priester, gehen achtlos an ihm vorbei. Nur ein Samariter, der einem Volk angehört, das nicht gerade hohes Ansehen genießt, hält an, steigt vom Pferd und kümmert sich um den Verletzten. Er verbindet seine Wunden, packt ihn auf sein Pferd und bringt ihn an einen Ort, an dem er versorgt werden kann. Die Moral der Geschichte: Es sind oft Menschen, die anderen helfen, von denen man es nicht erwartet. Mit ihrem Talent, Geschichte und Geschichten lebendig werden zu lassen, stärkte Schwester Agathe die soziale Ader des kleinen Wilfried. Sie hatte auch einen Samariter aus Fleisch und Blut in ihrem Bildungsangebot. Von Albert Schweitzer erzählte sie so leidenschaftlich, dass ihre Bewunderung auf Wilfried übersprang. Der deutsch-französische Arzt und Nobelpreisträger wurde zu seinem ersten Idol, dem nachzueifern er sich vornahm.

Sein erstes Schulzeugnis bekam Wilfried Lemke am 27. März 1954. Die Eltern konnten zufrieden sein mit ihrem Drittgeborenen: „Wilfrieds Haltung in der Schule ist sehr gut“, heißt es da. „Er ist ein aufmerksames und fleißiges Kind. Wilfried ist hilfsbereit und zuverlässig und fügt sich gut in die Klassengemeinschaft ein. Wilfried kann selbstständig denken und hat ein gutes Gedächtnis. Seine Beteiligung am Unterricht ist gut. Entsprechend seinen Leistungen könnte Wilfried noch sauberer arbeiten. In Zeichnen, Rechnen und Lesen ist Wilfried gut. Seine Leistungen liegen über dem Durchschnitt der Klasse.“

Wilfrieds Brüder besuchten die technische Oberschule. Die Hamburger Schulreform von 1949 hatte die Schulen in einem einheitlichen System der sogenannten „Allgemeinen Volksschule“ zusammengeführt. An die sechsjährige Grundschule schloss sich die nach drei Begabungsrichtungen differenzierte Oberschule an: die Praktische Oberschule mit drei Jahrgängen, die Technische Oberschule mit vier Jahrgängen und die Wissenschaftliche Oberschule mit sieben Jahrgängen. Der Mutter war es zwar wichtig, dass ihre Söhne nicht auf die „Töffelschule“ gingen, wie der praktische Zweig genannt wurde. Aber als es 1953 zu einer Rückkehr zum dreigliedrigen Schulsystem kam, lehnte sie Dietrichs Quereinstieg ins Gymnasium ab. „Die Mittelschule reicht“, war ihr Standpunkt. Klassenlehrer Kretschmar kam eigens zu Lemkes nach Hause, um für Dietrichs Beförderung zu werben. „Willst du aufs Gymnasium?“, fragte Ella ihren mittleren Sohn. Der sagte brav „Nein“ und das Thema war erledigt: „Sie hören doch, er will nicht.“ Beim knappen Einkommen des Vaters waren drei weitere Schuljahre nur schwer zu finanzieren. So sollte erst der jüngste Lemke Jahre später ins Bildungsrennen geschickt werden, das nach dem Sputnikschock 1957 so richtig Fahrt aufnahm. Sputnikschock nannte man die politischen und gesellschaftlichen Reaktionen in den westlichen Demokratien auf den Start des ersten sowjetischen Erdsatelliten Sputnik 1 am 4. Oktober 1957. Um die bis dahin erreichte technologische Überlegenheit gegenüber dem kommunistischen Osten zu erhalten, so die damalige Überzeugung, müsse man nun besondere Bildungsanstrengungen unternehmen.

Die beide älteren Brüder machten später ihre eigenen Karrieren. Dietrich holte sein Abitur nach, wurde Lehrer, GEW-Vorsitzender und Schulrat. Sein Name ist bis heute eng mit Reformen der Hamburger Bildungslandschaft verknüpft. Eckhard entwickelte sich zu einem kreativen und erfolgreichen Zeichentrickfilmer. Er starb 1985 mit 49 Jahren.

Als Ende 1955 die Bundeswehr gegründet und wenig später die Wehrpflicht eingeführt worden war, gab es in der Familie Lemke heftige Diskussionen über das Für und Wider der Wiederbewaffnung Deutschlands. Mutter Ella, geprägt durch den CVJM und tief beeindruckt von Pastor Niemöller, einem der Mitbegründer der Deutschen Friedens-Union, argumentierte entschieden gegen die Wiederbewaffnung. Ihr ältester Sohn Eckhard unterstützte die Mutter. Dietrich dagegen wollte seinen Wehrdienst ableisten. Er nutzte die zwölf Monate beim „Bund“, um seinen Führerschein zu machen und sich auf verschiedenen Feldern fortzubilden. Heute sagt er, dass die Führerscheine der Klasse eins und zwei das einzig Sinnvolle gewesen seien, was er aus einem Jahr bei der Bundeswehr habe mitnehmen können. Während über Sinn und Unsinn der Wiederbewaffnung in der Familie viel diskutiert wurde – und auch der kleine Wilfried einiges davon mitbekam –, war die politische Einstellung des Vaters während der Nazi-Zeit fast nie ein Thema. Erst als die beiden älteren Jungen in die Pubertät gekommen waren, hat es vorsichtige Fragen gegeben. Die Antwort des Vaters, so Dietrich, sei „eher abwehrend“ gewesen: „Ihr Klugscheißer, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was es damals bedeutete, zu leben.“ Der zweieinhalb Jahre ältere Bruder Eckhard habe oft nachgefragt. Und der Vater habe dann auch eher kritisch auf seine Vergangenheit zurückgeblickt.

Während der Schulzeit bekamen alle Kinder regelmäßig Taschengeld. Dies wurde durch unterschiedliche Aktivitäten aufgestockt. Und hier bewies Wilfried erstmals sein Händchen fürs Finanzielle. Von Dietrich erbte er den Job, im Kegelklub die Kegel aufzustellen. Das war härter, als es sich anhört, und es brachte ihm jedes Mal fünf Mark und eine Cola ein. Als er älter wurde, fuhr er mit dem Rad das Hamburger Abendblatt aus. Das war eine lange Tour, bei der schwere Pakete zu den Kiosken transportiert werden mussten. Häufig fuhr sein Vater im Auto mit ihm die Tour ab. „Auf Vater konnte ich mich unglaublich verlassen“, sagte Lemke. „Ich wusste immer: Wenn ich mir irgendwo auf der Welt ein Bein breche, holt er mich mit dem Käfer ab.“

Mit Beginn der Grundschule trat Wilfried dem Dulsberger Sportclub Stern-Pfeil bei und wurde Mitglied in der Fußballmannschaft. Der nahe bei der Wohnung gelegene Sportplatz des DSC wurde sein zweites Zuhause. Fast jede freie Minute verbrachte er nun dort, schnürte seine Fußballstiefel und kickte voller Begeisterung. Seine Stärken lagen eher im Läuferischen und Kämpferischen, nicht so sehr in der feinen Ballbehandlung. Immerhin: Die 1. Herren-Mannschaft des DSC feierte in dieser Zeit den größten Erfolg ihrer Vereinsgeschichte: die Meisterschaft in der Alster-Staffel Hamburg und den damit verbundenen Aufstieg in die damalige dritthöchste deutsche Spielklasse, die Verbandsliga.

In der Zeit beim DSC kam es zu einem Erlebnis, das Lemke nachhaltig beeinflusste. Auf dem Sportplatz, der gleichzeitig als Pausenhof seiner Schule diente, trat der HSV in Bestbesetzung zu einem Freundschaftsspiel an – mitsamt den damaligen Stars Klaus Stürmer, Charly Dörfel und dem jungen Uwe Seeler. Von dem war Wilfried so begeistert, dass er sogleich Anhänger des HSV wurde. Als 14-Jähriger fuhr er Anfang Mai 1961 sogar auf eigene Faust mit dem Zug nach Brüssel, um den HSV zum Entscheidungsspiel im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister gegen den FC Barcelona (0:1) zu begleiten. Später nähte ihm seine Freundin Eva-Maria eine HSV-Fahne, die er zu jedem Heimspiel mit in die Kurve trug. Dietrich Lemke meint sich zu erinnern, dass sein Bruder als Jugendlicher sein Taschengeld teilweise damit aufbesserte, beim HSV-Konkurrenten FC St. Pauli vor dem Millerntor mit Karten zu handeln. Willi Lemke wollte das allerdings nicht bestätigen

Dass Uwe Seeler nach Albert Schweitzer zu seinem zweiten Vorbild avancierte, hängt mit einem Ereignis abseits des Fußballplatzes zusammen, das Anfang der 1960er-Jahre ganz Hamburg bewegt hat. Uwe Seeler erhielt ein Angebot von Inter Mailand, einem Klub, der damals über ähnliche Finanzmittel verfügte wie heute die Klubs der Premier League. Über eine Million Mark soll dem 20-jährigen Seeler für den Wechsel nach Italien geboten worden sein. Schließlich griff der Hamburger Theologie-Professor Helmut Thielicke mit einem offenen Brief auf der Titelseite der Bild-Zeitung in die Angelegenheit ein: „Sie stehen jetzt vor der Frage“, appellierte er an den jungen Fußballer, „ob Sie eine noch größere Chance nutzen wollen: Der Jugend unseres Volkes ein Leitbild für die Lauterkeit der Gesinnung und für den Ernst des sportlichen Spiels zu werden. Uwe, Hamburg braucht dich!“ Uwe erhörte den Ruf und wurde damit zum Inbegriff für Vereinstreue und Redlichkeit. Die Entscheidung, in Hamburg zu bleiben, wurde Seeler durch das Angebot der Firma Adidas erleichtert, ihre Vertretung für Norddeutschland zu übernehmen.

Der Brief von Thielicke, an den sich Willi Lemke sehr genau erinnern konnte, darf sicher zu den wichtigen Anregungen für sein späteres sportpolitisches Engagement gezählt werden. Und Uwe Seeler wurde später vom Idol zum freundschaftlichen Begleiter durch die Welt des Profifußballs.

Ella Lemke verhinderte allerdings zunächst, dass ihr Jüngster sportlich weiter in die Fußstapfen seines Idols treten konnte. Ende der 1950er-Jahre, nach seiner Aufnahme ins Gymnasium in Farmsen, meldete sie ihn vom DSC ab. Die kluge Frau wusste, wie leidenschaftlich ihr Jüngster den Fußball liebte, und sie war in Sorge, dass er durch den Sport zu sehr abgelenkt werden würde. Ihre Begründung lautete klipp und klar: „Du musst dich aufs Gymnasium konzentrieren. Dafür musst du hart arbeiten.“ Ihre Einschätzung erwies sich als richtig. „In der Schule war ich wirklich nicht sehr fleißig“, gab Lemke zu. „Ich hatte nur den Sport und in der Pubertät die Mädels im Kopf.“

Auf Vater Hans kann Wilfried sich immer verlassen (Sammlung Willi Lemke)

Der Ball wird früh zu Wilfrieds Freund (Sammlung Willi Lemke)

Uwe Seeler – hier 2010 im Gespräch mit einem der Autoren – ist nach Albert Schweitzer Lemkes zweites Kindheitsidol (Foto: Alda Maria Rühl)

Als Wilfried 1959 aufs Gymnasium in Farmsen wechselte, lebte die Familie schon vier Jahre im eigenen Haus auf einem Parzellengrundstück in Hamburg-Wandsbek. Ein Sportlehrer auf dem Gymnasium, Herr Wittkowski, war überzeugt von Wilfrieds sportlichem Talent und sagte zu ihm: „Mein Jung, du bist doch ein toller Handballer, du kommst mit in die Mannschaft, die ich trainiere.“ Der Ansage eines Lehrers wollte und konnte auch die Mutter nicht widersprechen. Als Lemke sich an diesen Lehrer erinnerte, sprach der spätere Sportmanager aus ihm: „Er sorgte dafür, dass die Talente in den Vereinssport kommen.“ Und so fand Wilfried einen neuen Verein, „Duwo 08“, diesmal im Handball, den er bald genauso leidenschaftlich spielte wie zuvor den Fußball. Ein Sportunfall verhinderte allerdings eine größere Karriere auf diesem Feld. Beim Geräteturnen stürzte er und brach sich den Unterarm. Erst meinte der Lehrer noch, dass der manchmal etwas theatralische Wilfried mal wieder eine Show abzog. Doch dann sah er, dass der Knochen rausguckte. Der Heilungsprozess zog sich Monate hin und danach war es auch mit Handball vorbei. Später bewahrte ihn dieser Unfall vor der Bundeswehr.

Schon in der Schule zeigt Wilfried, wo es langgeht (Sammlung Willi Lemke)

Trotz dieser Blessuren hat Willi Lemke eine außerordentlich glückliche Kindheit erlebt. Dabei war die Familie der stärkste Rückhalt. Die beiden großen Brüder haben ihn zwar auch oft geärgert und ihm ihre Stärke demonstriert. Aber sie haben ihm auch Geborgenheit gegeben und die Möglichkeit, viel von ihnen zu lernen. Der in großer Armut aufgewachsene deutsche Schriftsteller Jean Paul hat einmal geschrieben: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ Willi Lemke hat sich in seiner Erinnerung ein solches Paradies geschaffen.

Als Wilfried zum Jugendlichen heranwuchs, blieb für seinen sportlichen Ehrgeiz nur noch das Laufen. Das steckte ihm seit den Runden mit den Brüdern und Nachbarkindern so im Blut, dass es ihm bis zu seinen letzten Tagen schwerfiel, sich gemächlichen Schrittes fortzubewegen. Sein Schulfreund Rolf Günther, in dessen gastfreundlichem Elternhaus er oft zu Besuch war, sagte: „Die 600 Meter zu mir und zurück war Willi immer im Laufschritt unterwegs.“ Gegenbesuche im Hause Lemke gab es seltener: Ella Lemke führte dort ein strenges Regiment und passte auf, dass ja kein Schmutz reingetragen wurde und alles immer picobello blieb.

Da das Gymnasium Farmsen über keinen Sportplatz verfügte und die 100-Meter-Strecke auf dem Fußweg ausgemessen werden musste, trat Wilfried dem kleinen Walddörfer SV bei. Doch da fehlten ihm als Sprinter, der die 100 Meter schon als 16-Jähriger um die 11 Sekunden laufen konnte, schnell die richtigen Gegner. Und so wechselte er mit 18 Jahren doch noch zum HSV, dem Klub seines Vorbildes Uwe Seeler.

Da hatte er gerade einen weiteren Schulwechsel hinter sich, vom Gymnasium Farmsen zum Gymnasium Oberalster im Norden von Hamburg. Entgegen der Befürchtung der Mutter war es nämlich nicht der Sport, der Wilfried fast das Abitur gekostet hätte, sondern ein anderes Talent, das er als Pubertierender ausgebildet hatte: das des Komikers. Im Lauf der 10. Jahrgangsstufe hatte sich Wilfried zu einem regelrechten Klassenclown gemausert. Seinem Klassenkameraden Rolf Günther ist besonders ein Kellner-Sketch in Erinnerung geblieben, den die Schüler bei Freunden und Verwandten wahlweise als Lustspiel, Trauerspiel, Oper oder Ballett aufführten. „Das Publikum lag uns, vor allem Willi, laut lachend zu Füßen“, sagt er. Als sie die Nummer auch bei einer Schulaufführung brachten und Lemke dabei einen sächsischen Greis imitierte, fühlte der Lateinlehrer sich offenbar beleidigt und war nun bestrebt, den Chef-Komiker loszuwerden. Jedenfalls sah das Willi Lemke so: „Der Lateinlehrer, der gleichzeitig mein Klassenlehrer war, wollte mich wegbeißen.“ Fest steht, dass Ella Lemke gegen Ende des 10. Schuljahres von der Schulleitung zu verstehen gegeben wurde, dass für ihren Jüngsten wohl eine kaufmännische Ausbildung als Schiffsmakler besser sei, da dessen Leistungen in Latein einfach zu ungenügend seien. Ella Lemke allerdings dachte gar nicht daran, sich ihre Pläne kaputtmachen zu lassen. „Wilfried geht weiter zur Schule“, formulierte sie unmissverständlich ihren Standpunkt. „Ohne den Einsatz dieser einfachen Frau wäre meine Karriere ganz anders verlaufen“, war Lemke immer überzeugt.

Nach der 11. Klasse war Wilfrieds Zeit in Farmsen dann trotzdem beendet. Zu der Fünf in Latein war noch eine in Musik hinzugekommen und die Ehrenrunde damit unvermeidlich geworden. „Eine klare Verschwörung“, echauffierte er sich noch lange Zeit später. „Wo bekommt denn jemand eine Fünf in Musik, wenn er im Chor ist?“.

In diesem 11. Schuljahr musste Wilfried noch zwei weitere Niederlagen einstecken, von denen er sich nur langsam erholte. Die erste konnte er noch mit Sportgeist kompensieren: Er trat zur Wahl des Schulsprechers an – und verlor. An der zweiten Niederlage hatte er länger zu knabbern. Es ging dabei um Inka. Wilfried war das erste Mal richtig verknallt und bekam anfangs eindeutige Signale, dass er sich Hoffnung machen durfte. Sie hätten geknutscht „wie die Weltmeister“, so Lemke: „Ich habe mir eingebildet, dass sie mich mochte.“ Die Romanze hatte nur einen großen Haken: Inka stammte aus einer reichen Kaufmannsfamilie und vermittelte Wilfried schnell das Gefühl, dass er für ihre Eltern nicht gut genug sein könnte. „Ich traute mich kaum, sie mal mit in unser kleines Häuschen zu nehmen, obwohl ich auf unser Heim so stolz war. Das hat mich sehr traurig gemacht“. Als Inka mit einem attraktiven Jungen aus der 12. Klasse anbandelte, einem aus ihren Kreisen, warf Wilfried die Flinte noch nicht ins Korn und verlängerte sein Leiden. „Ich habe immer mal wieder angeklopft und nachgefragt, aber irgendwann war sie mal so krass, da hatte ich meine Lektion verstanden. Das hat mich lange sehr belastet und ich war mit den Gedanken ständig woanders. Vielleicht bin ich deshalb sitzen geblieben.“

Der Verschmähte lenkte sich außer beim Sport auf Partys ab, die besonders gern bei Freunden gefeiert wurden, deren Eltern sich gerade im Urlaub befanden. Wenn jemandem die unerlaubte Gastgeberrolle zu heiß war, ließ Lemke seine Überredungskünste spielen. Diese setzte er auch bei seinem Vater ein, der Rolf und ihn oft noch nach Mitternacht von einer Party abholte. Der Liebeskummer flaute erst ab, als er auf einer dieser Partys seine spätere Frau Eva-Maria kennenlernte. Doch so ganz ist die Zurückweisung bis heute noch nicht vergessen. Diese Kränkung, so Lemke, habe bei ihm den lange anhaltenden Wunsch ausgelöst, der „wunderbaren Tochter“ zu zeigen, welchen Fehler sie möglicherweise gemacht hat. Doch ganz egal, was letztendlich zu Wilfrieds persönlicher Bildungskatastrophe in der 11. Klasse geführt hat: Seine Überzeugung jedenfalls, dass Niederlagen einen stärker machen, hatte hier ihren Ursprung. Manchmal stand er staunend vor seiner eigenen Karriere und fragte sich, warum er beruflich sogar an seinem besten Freund Rolf vorbeiziehen konnte, wo dieser doch in der Schule viel besser gewesen war und einen größeren Schlag bei den Mädchen gehabt hatte. Seine Antwort: Weil er, Willi Lemke, in der Jugend mehr Niederlagen einstecken musste.

Nach Beendigung seines Berufslebens konnte Willi Lemke die Themen Ehrgeiz und Karriere etwas entspannter betrachten. Als Vater, erzählte er, habe er sich einmal Sorgen um die finanzielle Zukunft seines Jüngsten gemacht, weil dieser Sonderpädagoge geworden war. Er habe den Lebensstandard, den er seinen Kindern geboten hatte, als Maßstab angelegt und sich gefragt, wie sein Sohn den als Pädagoge wohl halten wolle. Inzwischen habe er diese Haltung geändert. Und so berichtete Willi Lemke stolz von der Wertschätzung, die sein Sohn in seiner Arbeit und für seine Arbeit erfährt.

Nachdem er die Versetzung in die 12. Klasse nicht geschafft hatte, beschloss Lemke, die Schule zu wechseln, um bei der Wiederholung nicht mit dem Stigma des „Sitzenbleibers“ behaftet zu sein. Auf dem Gymnasium Oberalster in Sasel steigerten sich seine Leistungen deutlich. Er profitierte nicht nur davon, dass er in ein komplett neues Umfeld gekommen war, sondern auch von den neuen Lehrkräften. Zu nennen ist vor allem eine Mathematik-Lehrerin, Frau Meyer, die den Stoff systematisch vorbereitete und ihm später zu einer Mathe-Drei im Abiturzeugnis verhalf. Auch in Latein drehte er nun auf, wie ein handschriftliches Schüler-Protokoll des Jahres 1964 für den 19. Juni verrät: „Abendmusik mit H. Thomsen (Chor, Holz- und Blechbläser, Geigen, Klavier). Vorher gibt Wilfried Lemke bei Lechner einen aus, da er morgens in Anwesenheit von Fr. Haffner den Lateinunterricht gehalten hat (sehr gut!)“.

Am wichtigsten aber waren für ihn zwei Sportlehrer, die sein Lauf-Talent auf ein neues Niveau hoben. Beide waren renommierte Mitglieder des HSV. Der eine war Studienrat Heinz Perleberg, der ab 1962 zehn Jahre lang Handballtrainer des HSV war und diesen sowohl im Hallen- als auch im Feldhandball zu den besten Mannschaften der Bundesrepublik machte. Der andere war der Referendar Jürgen Werner, ein langjähriger Mannschaftskollege von Uwe Seeler, der erst zwei Jahre vorher seine Karriere beim HSV und in der Nationalmannschaft beendet hatte. Die beiden holten Lemke zu den Leichtathleten des HSV, wo er seine Bestzeit über 100 Meter auf 10,7 Sekunden schraubte. Dies war drei Zehntelsekunden schneller als die spätere Bestzeit von Uli Hoeneß, der in seiner aktiven Fußballer-Zeit für seine Schnelligkeit bekannt war. Einen Hamburger Jugendrekord holte sich Lemke als HSV-Läufer auch, allerdings auf einer selten gelaufenen Distanz.

Die Umstände dieses Rekordlaufs sagen viel über den enormen Ehrgeiz aus, der den jungen Willi Lemke antrieb. Sein Trainer beim HSV hatte ihm kurz vorher erzählt, dass er ihn über die 100- und 200-Meter nicht zu den Jugendmeisterschaften mitnehmen würde. Vor lauter Wut lief Lemke über 300 Meter die Bombenzeit von 35,2 Sekunden. Daraufhin nominierte der Trainer ihn doch noch – allerdings für die 400-Meter-Distanz, auf der ihm bei den Meisterschaften auf den letzten 50 Metern die Puste ausging und er abgeschlagen im hinteren Feld landete. Aber immerhin konnte sich Lemke damit trösten, dass er damals an der Schule alle Rekorde von 100 bis 1000 Meter hielt und zudem unter der Leitung von Heinz Perleberg auch einen Erfolg für die Annalen des Sports errungen hat. Zum deutschen Schulstaffeltag 1965 in Hamburg reisten die besten Mannschaften aus allen Bundesländern an. Lemke trat vor 50.000 Zuschauern im Volksparkstadion für seine Schule über 4 × 100 Meter an. Auf Position 2 laufend war einer seiner Gegner der spätere Olympiateilnehmer Jochen Eigenherr. Wilfried und seine Staffelkameraden liefen das Rennen ihres Lebens, wurden deutsche Staffel-Meister und fühlten sich wie Superstars. Dazu gab es noch einen besonderen Höhepunkt: Die Siegerehrung wurde vom Bundespräsidenten Heinrich Lübke vorgenommen. Lemke war immer überzeugt, dass diese Ehrung ihn entscheidend motiviert und sein zukünftiges Leben mitbestimmt hat. Auf jeden Fall blitzte oft sein Komiker-Talent auf, wenn er den Auftritt Lübkes parodierte: „Na Jungs, womit seid ihr gekommen, mit Bus oder Bahn?“

Egal in welchem Verein – die Leichtathleten blieben bis zum Sportstudium Wilfrieds Clique und sie gaben ihm eine soziale Stabilität, wie er sie sonst nur von der Familie bekam. In dieser sportlich erfolgreichen Zeit machte er auch seine ersten Erfahrungen in der Organisation von Sportveranstaltungen. Er ließ sich zum Sportreferenten wählen und hatte die Idee, für die fünften und sechsten Klassen seiner Schule ein Handballturnier zu organisieren. Das Gymnasium Oberalster besaß zwar keinen richtigen Sportplatz, aber immerhin eine Rasenfläche neben der Turnhalle. Wilfrieds Aufgabe war es nun, diesen Platz in ein Spielfeld zu verwandeln. Er besorgte sich eine große Tüte Kreide und ein langes Messband. Dieses spannte er von Eckfahne zu Eckfahne, dann markierte er mit der Kreide händisch das Feld. Tatsächlich fand das Turnier statt, und es wurde ein großer Erfolg. Schon der 17-Jährige, so lässt sich daraus schließen, erlaubte sich keine organisatorischen Schwächen. Der Austausch mit den beiden charismatischen Sportlehrern, die gleichzeitig sportliche Leitfiguren waren, beflügelte ihn auch bei der Entwicklung dieses Talents.

Freundschaft unter Sportlern – Training für die Schulstaffel (Sammlung Willi Lemke)

Ganz große Ehre für Wilfried (mit Brille) – Bundespräsident Heinrich Lübke zeichnet im Hamburger Volksparkstadion die Sieger aus (Foto: Unbekannt)