Herumtreiber - Hilarion H. Hartmann - E-Book

Herumtreiber E-Book

Hilarion H. Hartmann

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Beschreibung

Humorvoll und selbstkritisch schildert der Autor seine tiefgreifenden Erfahrungen in den linksradikalen, alternativen, psychotherapeutischen und spirituellen Subkulturen der 60er bis 90er Jahre als Aussteiger, Revoluzzer, Globetrotter, Sinnsucher, Künstler, Unternehmer und Weiberheld. Ein bunter Flickenteppich unzähliger Reisen, Projekte, Workshops, Liebesabenteuer, Träume, Erkenntnisse, Irrtümer, Wandlungen und Wunder auf dem Weg zu sich selbst. – Kann Spuren von Humanismus, Marxismus, Anarchismus, Existentialismus und Buddhismus enthalten! Er spielt mit Genuss und Genugtuung die Rolle des Systemverweigerers in der 68er Protestkultur. Er sucht Unterschlupf in den cannabisgeschwängerten Freiräumen der Alternativszene und findet in tiefster Krise Hilfe in den kathartischen Kuschelseminaren der Psychotherapiebewegung. Er reitet auf den himmelstürmenden Wellenkämmen des Esoterikbooms, begibt sich bei den Sufis und Buddhisten auf den spirituellen Weg und flüchtet in seiner Not immer wieder in die Arme, Schöße und Herzen der Frauen.

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Seitenzahl: 594

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGZell/MoselBrandenburg 17, D-56856 Zell/MoselTel 06542/5151 Fax 06542/61158Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-926-2Ausstattung: Stefanie ThurTitelfoto: privat

Hilarion H. Hartmann

Herumtreiber

Die abenteuerlichen WeltAnschauungen eines unverbesserlichen Achtundsechzigers

Biografischer Schelmenroman

Rhein-Mosel-Verlag

Auf denn –lasst uns gehen in die Irre,allwo allein die Wahrheit ist,die Weisheit, die Erlösungund das Leben.

B. Traven

Vorschau

Bis hierhin war alles gut: in wohliger Allverbundenheit wohlbehütet im wohltemperierten Fruchtwasser. Doch dann diese sich allmählich steigernde Unruhe, der wachsende Druck, der ganze Kosmos scheint sich in Krämpfen zu winden – und auf dem Höhepunkt dieses Gewaltaktes zusammengepresst mit dem Kopf voran durch den engen Geburtskanal hinausgequetscht wie Zahnpasta aus der Tube in grellste Helligkeit trotz geschlossener und verklebter Augen und zugezogener Gardinen.

Sein inneres Auge sieht alles: sein winziger Körper in den Händen der uralten aus dem Ruhestand zurückgerufenen Hebamme; neben ihr – mit tiefliegenden Augen, hervorstehenden Wangenknochen und Zahnlücken – das gelblich blasse Gesicht seiner Großmutter, die ihrer Tochter mit einem feuchten Tuch die Stirne kühlt. In dieses von Tuberkulose gezeichnete Antlitz und in die schmerzverzerrten Züge der Gebärenden scheint alles Leid der Welt eingeschrieben zu sein.

Mit einem Blick hat sein geistiges Auge das dualistische Wesen der irdischen Realität erfasst. Ein erster existenzieller Zwiespalt tut sich auf (noch ist sein Körper mit dem Organismus der Mutter verbunden, noch hat er keinen Atemzug getan): vor oder zurück? rein oder raus? Ein Aspekt seiner Seele wünscht sich zurück in den Schoß; ein anderer beharrt darauf, dass eine Rückkehr in den Mutterleib von der Natur nicht vorgesehen ist. Bleibt nur die Flucht nach vorne, die Chance, das Wunder der Schöpfung aus der irdischen Perspektive zu erleben. Aber sein ganzes Leben lang wird ihn die Sehn-Sucht nach der Vereinigung mit dem Mutterschoß wieder und wieder in die Arme der Frauen treiben, auf dass ihm, wenn auch jeweils nur für eine kurze Zeit, die wenige Zentimeter tiefe Rückkehr in das verlorene Paradies vergönnt sei.

Sein inneres Auge wendet den Blick, dringt durch verblichene Blümchentapete ins Freie, sieht aus der Vogelperspektive einen sich langsam entfernenden, von Backsteingebäuden umgebenen kopfsteingepflasterten Hof mit dem Misthaufen, in dem ein paar Hühner scharren, in der Mitte. Schon kann er das ganze Dorf überblicken, eingerahmt von Rübenäckern, Weizenfeldern, Wiesen und Sümpfen, die von Bombentrichtern durchsetzt sind. Im näheren Umkreis tauchen im Osten die bizarren Ruinen der Leunawerke auf, südlich davon die hoch aufragende rußgeschwärzte Brikettfabrik von Beuna, und im Norden blasen die Schlote des Bunawerks ihren grauen Rauch in die schwüle Sommerluft.

Sein Augenmerk richtet sich jetzt auf die sich über mehrere Kilometer im Südwesten erstreckende Kraterlandschaft des Braunkohletagebaus von Kayna. Er beamt sich zu einem der gigantischen Schaufelradbagger hinüber und findet dort in der dreckstarrenden, rostigen Baggerführerkabine seinen Vater vor, der mit Hilfe diverser Räder und Hebel das rumpelnde und kreischende eiserne Ungetüm zu bändigen versucht, damit es seinem sozialistischen Auftrag gemäß im Akkordtempo die mehrere Meter dicke Erdschicht über dem Kohleflöz wegschaufelt. Beim Anblick dieses Mannes mit schwarzem Schweiß auf der Stirn, sichtlich gestresst von Hitze, Gerüttel, Motorenlärm und Benzingestank, wird er von Entsetzen und Mitgefühl ergriffen. Solch einer Schinderei möchte er sich in seinem späteren Leben nicht aussetzen müssen!

Eine komplexe Abfolge assoziativer Bilder und fragmentarischer Szenen entfaltet sich in seiner mit rasanter Geschwindigkeit in die Zukunft vorauseilenden Seele. Er sieht sich satt und zufrieden an der warmen, weichen, wonnespendenden Mutterbrust. Doch schon kippt das Bild, kommt die Kehrseite der Medaille zum Vorschein, empfängt er die mütterlichen Streicheleinheiten in Form von Ohrfeigen, Stockschlägen und hysterischem Gekeife. Die liebende Mutter, die strafende Mutter, die leidende Mutter – ein traumatisierendes Wechselbad der Gefühle. In der Familie fehlt es ihm an Geborgenheit und Harmonie, vermisst er Ermutigung, Anerkennung und Entfaltungsmöglichkeit. Ganz früh schon beginnt das Drama von Verletztsein, Empörung, Absonderung und Flucht.

Gegen Ende seines zehnten Lebensjahres der unfreiwillige Wechsel von Ost nach West. In der DDR lebte er im Reich des Guten, und die BRD gehörte zum Reich des Bösen. Nun ist es plötzlich genau umgekehrt, der Goldene Westen verteufelt den Roten Osten. Was ist richtig, was falsch? Er lernt: alles ist relativ, es kommt immer auf den Standpunkt an.

Im Westen wütet das Wirtschaftswunder. Ihm widerstrebt die einseitige Betonung des Materiellen in der aufblühenden Leistungs- und Konsumgesellschaft. Er erlebt Egoismus, Konkurrenz und ökonomischen Wildwuchs anstelle von Teilen, Solidarität und Planung. Er sieht Arme und Reiche und stellt fest, dass die Reichen die Spielregeln bestimmen. Gewinner bleiben Gewinner und Verlierer Verlierer. Seine Anteilnahme gehört den Schwachen und Unterdrückten. Er nimmt wahr, wie der zwanghaft auf Profit ausgerichtete kapitalistische Wirtschaftsapparat zu irreparablen Schäden an der Natur führt, und tritt mit dreizehn Jahren einer Naturschutzgruppe bei. Er ist mit so vielem nicht einverstanden. Die satte Selbstzufriedenheit seiner Mitmenschen, ihre Fortschrittsgläubigkeit und Obrigkeitshörigkeit, ihr Komfort- und Anspruchsdenken. Verschwendung, Luxus, Kitsch, Schein, Verblendung, Mode und Schnulzen widern ihn an. Schon als Jugendlicher kritisiert er die vorherrschende unhistorische Sichtweise der gesellschaftlichen Entwicklung, die nicht hinterfragt, wie alles zu dem geworden ist, was es ist, und die nicht fragt, was einmal daraus werden wird, wenn alle so weiter machen. Er möchte anders sein, sich nicht anpassen, gegen den Strom schwimmen, über den Tellerrand blicken, die Welt verbessern.

Der Film reißt ab. Aus dem Off erklingt ein anschwellendes Sirren, und eine weibliche Stimme spricht:

DuwillstdeineeigenenWegegehen

diewahrenZusammenhängeverstehen

dichnichtanRegelnundVorschriftenbinden

wennsseinmussselberdasRadneuerfinden.

DerStatusQuoerscheintdirbanal

dasStrebenderMitmenschentrivial.

GewöhnlicheRollensinddirzuklein

dumöchtestjemandBesonderessein.

DuwillstdichdemSystementziehen

gegendenMainstreamrebellieren

dichflüchteninNischenundUtopien

undtausendRollenausprobieren.

DuwillstaufAbenteuerreisen

alsWeltenbummlerdichbeweisen

inBildernundLiederndieschöneWelt

undihreWunderpreisen.

WillstdieerhabenstenLorbeernerringen

derleidendenMenschheitdieRettungbringen

wieFaustuserkennenwasdieseWelt

imInnerstenwohlzusammenhält.

Im Zeitraffer rauschen weitere Durchlaufstationen seines Lebens vorbei. Angetrieben von der Geltungssucht seines gekränkten Egos stößt er in immer neue Räume vor. Er strampelt sich ab auf der Suche nach seinem Seelenheil, nach seinem Platz und seiner Rolle. Innerlich zerrissen im Spannungsfeld von Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn orientiert er sich an geistigen Leuchttürmen, seien es Künstler, Philosophen, Gurus oder Revolutionäre. Ein bisschen Robin Hood, ein bisschen Hermann Hesse, ein bisschen Don Juan, ein bisschen Don Quichotte. Er spielt mit Genuss und Genugtuung die Rolle des Systemverweigerers in der 68er Protestkultur. Er sucht Unterschlupf in den cannabisgeschwängerten Freiräumen der Alternativszene und findet in tiefster Krise Hilfe in den kathartischen Kuschelseminaren der Psychotherapiebewegung. Er reitet auf den himmelstürmenden Wellenkämmen des Esoterikbooms, begibt sich bei den Sufis und Buddhisten auf den spirituellen Weg und flüchtet in seiner Not immer wieder in die Arme, Schöße und Herzen der Frauen. Er ist der ewige Zweifler und Skeptiker, der kritische Beobachter und Außenseiter, der nie ganz dazugehört. Er ist der einsame Wolf, der Rufer in der Wüste, der Prophet im eigenen Land und der Hansdampf in allen Gassen – von allen Musen geritten, von allen Teufeln geküsst und von allen guten Geistern verlassen.

Unversehens wird der Frischgeborene an den Beinchen hochgehoben und eine schwielige Pranke platscht auf sein Hinterteil. Ein heißer Schmerz flutet die Wirbelsäule empor, beziehungsweise hinab, weil er kopfüber hängt. Sein Mund öffnet sich, seine Lunge dehnt sich, er spuckt, die Atemwege werden frei für seinen ersten Schrei. Mit dem Schrei schwindet alles dahin, was ihn bisher ausgemacht hat, sein hellsichtiger Vorausblick auf das vor ihm liegende Schicksalsgefüge versinkt im Nebel des Vergessens. Die Bilder erlöschen, das Programm stürzt ab, seine Bewusstseinszentrale zieht um, wandert aus dem Herzen in den Kopf. Als er seiner Mutter an die Brust gelegt wird, fängt alles bei Null an. Nur der Schrei bleibt – sein Leben lang.

Stallgeruch

Erste Dekade (1946 – 1956). Ich wuchs in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, in einem Dorf 30 km westlich von Leipzig inmitten einer Industrieregion unter den historischen Bedingungen der Nachkriegszeit in ärmlichen Verhältnissen auf. Meine Eltern gaben mir den Vornamen Helmut. Die miserablen Lebensbedingungen, in die ich am 5. Juli 1946 als zweites von vier Kindern hineingeboren wurde, habe ich in dem Buch KurtsGeschichten (erschienen 2002 bei Sachsenbuch) anschaulich beschrieben.

In der Wohnung, zirka dreißig Quadratmeter in einem ehemaligen Kuhstall, gab es keinen Wasseranschluss und daraus folgend keine Spüle, kein Waschbecken, keine Toilette, kein Bad. Zum Hausrat gehörten weder Kühlschrank noch Staubsauger noch Wasserkocher, geschweige denn Spülmaschine, Tiefkühltruhe, Mikrowelle oder Elektroherd mit computergesteuertem Glaskeramikkochfeld unter chromblitzender Dunstabzugshaube! Die etwa fünfzehn Quadratmeter große Wohnküche, in der sich das häusliche Familienleben abspielte, war nur mit den allernötigsten und elementarsten Einrichtungsgegenständen ausgestattet: ein robuster Tisch, umgeben von vier einfachen Stühlen und einer Holzbank, ein von Kurt getischlerter geräumiger Küchenschrank, daneben in die Ecke gequetscht eine Chaiselongue und darüber ein Bord mit einer Riesenkiste von Radio, Marke Stassfurt.

Der wichtigste und gewichtigste Einrichtungsgegenstand war der große alte auf vier Beinen stehende Küchenherd. Dieser Herd, der mit Holz und Braunkohlebriketts befeuert wurde, war die einzige Wärmequelle in der ganzen Wohnung und hatte zusätzlich noch vielerlei Funktionen: Er war Kochstelle, Backofen und Waschplatz; auf einer Leine über dem Herd wurde Wäsche getrocknet. An langen Winterabenden verkrochen wir Kinder uns auf die Ofenbank zwischen Herd und Wand und lauschten den Märchen, die Mutter uns erzählte, während sie strickte oder Socken stopfte. Der Herd war das Herz unseres Zuhauses und das Zentrum von Mariannes Herrschaftsbereich, wo sie von früh bis spät schaltete und waltete, ob sie nun Windeln wusch, Nudelteig trocknete oder die Soße vom Kaninchenbraten abschmeckte.

Um auch die beiden Schlafräume nebenan ein wenig warm zu bekommen, wurde der Herd an besonders kalten Tagen so kräftig eingeheizt, daß die Platte glühte und die Küche bis zum Ersticken überheizt war. Über Nacht erlosch dann das Feuer, und der neue Tag empfing uns mit wunderschönen Eisblumen auf den Fensterscheiben, die erst im Laufe des Vormittags allmählich wegtauten, wenn sich in der Wohnung erneut die Wärme des Ofens ausbreitete.

In den hintersten Raum, den Schlafraum von uns drei Jungs, gelangte man durch das schmale Schlafzimmer der Eltern, wo auch Christinas Kinderbettchen stand. Aber nur sehr wenig von der Wärme in der Küche breitete sich bis dorthin aus, während von unten durch die Ritzen zwischen den groben Balken der Diele eisige Kälte kroch. Durch die unverputzten Ziegelwände drang so viel Nässe ein, dass sich an einigen Stellen weißer und grüner Schimmel ausbreitete. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit verklumpten und verfaulten die Daunen in den Federbetten, und ein muffiger Geruch lag in der kalten Luft, die wir Kinder nachts atmeten. Kein Wunder, dass bei einer Untersuchung in der Poliklinik Schatten auf meiner Lunge festgestellt wurden.

Wie hilfreich wäre in dieser Situation ein kleiner elektrischer Heizlüfter oder eine Heizsonne gewesen. Die einzigen Vertreter des Elektrozeitalters in unserer Wohnung waren indes drei Deckenlampen, ein Bügeleisen und das Radio. Das Fehlen eines Telefons – es gab ja auch keinen öffentlichen Fernsprecher im Dorf – hatte in der Sichtweise meiner Mutter einen Vorteil: weil man kein Telefon hatte, ging man sich öfter besuchen, und einen Nachteil: weil man vorher nicht anrufen konnte, wusste man nie, ob man jemand antrifft. So ging man eben auf gut Glück hin. Wenn wir die Oma in Beuna besuchten, hatte sie immer ein Stückchen Kuchen für uns, als ob sie geahnt hätte, dass wir kommen. Und wenn uns einer besuchen kam, hat Mutter schnell Malzkaffee gekocht und Bemmen geschmiert.

Und wie war das mit der Toilette? In normalen Zeiten gingen wir auf ein primitives Plumpsklo, das wenige Schritte von unserer Wohnungstür entfernt über den Hof zu erreichen war. Wenn man die graue Holztür mit dem ausgesägten Herz öffnete, stand man vor einer hölzernen Sitzbank mit einem runden Loch, das von einem Holzdeckel verschlossen wurde, daneben lag ein Stapel in handliche Stücke geschnittenen Zeitungspapiers. Beim Aufsuchen dieses Örtchens wurde ich, ohne noch den Deckel angehoben zu haben, von einem Ekelgefühl befallen, ob des Gestanks und der widerlichen großen Fliegenlarven, die in der warmen Jahreszeit im Kot wimmelten. In besonders kalten Winternächten, oder wenn gerade ein Wolkenbruch niederging und wir nicht hinausgehen konnten, benutzten wir für unsere großen und kleinen Geschäfte den sogenannten Dreckeimer, der in einem winzigen Kabuff neben der Wohnküche untergebracht war.

Wie mein Vater gegen die Stubenfliegen, die eine rechte Plage waren, zu Felde zog, erzählt er folgendermaßen: Die Küche war immer voller Fliegen, das schwirrte und summte den ganzen Tag. Wenn sie in der Ofenecke an der Wand saßen, war alles schwarz. Dagegen musste man was unternehmen. Ich habe mir ein Mittel besorgt, das nannte sich Fliegentod, und das wurde mit so einer Art Luftpumpe versprüht. Vorher musste die ganze Wohnung luftdicht verschlossen werden. Als ich dann anfing zu sprühen, wurden die Fliegen erst richtig wild und sausten herum wie besessen. Ich bin dann schnell raus gerannt, um Luft zu schnappen, und als ich wieder reinkam, lagen die Fliegen alle auf dem Boden. Die waren aber nur betäubt. Die Mutter hat sie dann aufgekehrt und weggeschafft.

Ein Nachmittag im April, sagen wir 1952. Draußen ist es nasskalt, und wir Kinder haben uns in den einzigen trockenen und warmen Raum zurückgezogen, der uns zur Verfügung steht, die Wohnküche, in der unsere Mutter gerade aus Gemüseresten, trockenem Brot, ein paar Wurstenden und viel Knoblauch eine Suppe zubereitet, während sie parallel dazu in einem Zinkbottich voll dampfender Kochwäsche rührt und nebenbei grüne Heringe ausnimmt, um Bratheringe herzustellen. Wir Jungs haben auf dem frisch gebohnerten Holzfußboden unsere Spielsachen ausgebreitet. In der Ecke des Zimmers steht ein halbverschlossener Karton, aus dem es ununterbrochen piepst; es sind erst wenige Tage alte Küken, die wegen der nächtlichen Kälte aus dem Hühnerstall in die Wohnung umquartiert worden sind.

Als Kurt nach der Frühschicht auf dem Bagger und weiteren vier Stunden Arbeit in Lenzens Stellmacherei nach Hause kommt, empfangen ihn in der Küche außer dem Kindergeplärr und der gestressten, missmutigen Ehefrau die Gerüche von Kochwäsche, Knoblauchsuppe, Kükenkot, Bohnerwachs, ausgenommenen Heringen und Schweiß. Mutter wechselt gerade Christinas vollgeschissene Windel, und Klaus sitzt auf dem Töpfchen – welch unbeschreibliche Duftkomposition! – Na, eben: Stallgeruch.

Unsere Mutter, Marianne, litt sehr unter den miserablen Wohnbedingungen und fühlte sich zudem von ihrem Ehemann zu wenig geachtet und geliebt. Die umfangreiche und mühevolle Hausarbeit verrichtete sie oft in depressiver Grundstimmung, begleitet von Gejammer und Gezeter. Ihre Zuwendung uns Kindern gegenüber schwankte ständig zwischen hingebungsvoller Mutterliebe und zornigen Gefühlsaubrüchen in Form von Schimpfen und Prügeln. Der Vater, Kurt, nach sechs Jahren Kriegseinsatz höchstwahrscheinlich schwer traumatisiert, war Tag und Nacht damit beschäftigt, seine auf sechs Köpfe anwachsende Familie mit den allernotwendigsten materiellen Gütern zu versorgen. Erziehung hieß für ihn Anpassung an überkommene Werte wie Pünktlichkeit, Sauberkeit, Fleiß und Gehorsam. Das soziale Umfeld meiner Kindheit war nicht nur tief proletarisch und bildungsfern (kein einziges Buch gab es in unserem Haushalt!), sondern es stand auch auf Grund der Verstörtheit, Unwissenheit und Überforderung der Eltern, die ohne Zweifel ihr Bestes gaben, einer gesunden Entwicklung sensibler Kinderseelen entgegen.

Ich erinnere mich nur schemenhaft dieser dunklen Zeit meiner ersten Lebensjahre und sehe mich trotzig im Abseits stehen, verletzt und unverstanden, und voll verzweifelter Sehnsucht nach Anerkennung und Geborgenheit in der Familie. Meine originellen kindlichen Verhaltensäußerungen wurden häufig negativ sanktioniert und damit die Entwicklung von Urvertrauen und positivem Selbstwertgefühl behindert. Stattdessen entstanden Selbstbilder wie: ich bin nicht gut genug, ich werde nicht geliebt – und ich war überzeugt, es müsste alles anders werden. So flüchtete ich mich in Träumereien von einer besseren Welt, und ich war der Held, der für sie kämpft. Mit sieben oder acht Jahren kletterte ich oft in die Spitze einer hohen Erle, wo sich sonst niemand hinauf traute, und versuchte mit Jodeln Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. In dieser herausgehobenen, aber einsamen Position hatte ich die bessere Übersicht und den weiteren Horizont.

Viele meiner wesentlichen Charaktereigenschaften, meiner Weltsicht und meiner Lebenseinstellung gründen in meiner Kindheit. Im Alter von vier oder fünf Monaten wäre ich beinahe verhungert, weil, wie in der Poliklinik festgestellt wurde, die Brüste meiner Mutter nur Magermilch hergaben. Mag sein, dass meine latente Angst, nicht genug zu kriegen oder zu kurz zu kommen, darin ihre Ursache hat. Beide Eltern lebten mir vor, dass Arbeit lästige Pflicht und Schinderei bedeutet – für mich im späteren Leben ein Grund, disziplinierter Arbeit aus dem Weg zu gehen und Spiel und Müßiggang den Vorzug zu geben. Diese Präferenz des Lustprinzips gegenüber dem Leistungsprinzip geht bei mir allerdings, weil mit Faulheit und Versagen assoziiert, mit erheblichen Schuldgefühlen einher. Darüber hinaus bewirken Muskelverspannungen, die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit sowie eine tiefsitzende Skepsis allem gegenüber eine chronische innere Unruhe und Unzufriedenheit. Keine guten Voraussetzungen für ein glückliches und erfolgreiches Leben – wohl aber für Rebellion, Eskapismus und Suchtverhalten. – Doch zum Glück habe ich als Reaktion auf die psychischen Belastungen in meiner Kindheit auf meinem weiteren Lebensweg viel Kreativität und Kritikfähigkeit entwickelt, und das Schicksal hat mir viele Chancen für ein außergewöhnliches, vielseitiges und selbstbestimmtes Leben zugespielt.

Waldjugend

Zweite Dekade (1956 – 1966). In meinem zweiten Lebensjahrzehnt, in dem das Familienleben in einer Flüchtlingssiedlung am Rande von Solingen – trotz meiner Tendenz mich abzuheben – für mich deutlich entspannter verlief, waren Schule und Jugendgruppe die prägendsten sozialen Bezugsrahmen. Im Humboldt-Gymnasium, das ich ab 1958 (nach der Schulgeldbefreiung) besuchte, war ich als Arbeiterkind, Flüchtling (auch noch aus Sachsen!) und Atheist in mehrfacher Hinsicht ein sozial benachteiligter und von Minderwertigkeitsgefühlen geplagter Außenseiter. Von Sexta bis Oberprima stand ich, ohne Unterstützung von zu Hause, unter einem psychisch belastenden Leistungsdruck; in Mathematik und Latein schaffte ich gerade noch ein Ausreichend im Abitur, während ich in Zeichnen und Deutsch mit einer Eins und einer Zwei zu den Besten gehörte. Im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren lernte ich von meinem Zeichenlehrer den Umgang mit Aquarellfarben und begann serienmäßig Kunstpostkarten abzumalen. Weil mir das recht gut gelang, hingen meine Bilder bald in den Wohnzimmern von Großeltern, Onkeln und Tanten.

Den größten Teil meiner Freizeit verbrachte ich von meinem dreizehnten Lebensjahr an für sechs Jahre bei der Deutschen Waldjugend, einer Jugendorganisation, die sich vorrangig dem Kennenlernen der heimischen Tier- und Pflanzenwelt sowie dem Naturschutz widmete, aber auch die Möglichkeit bot, sich dem Fahrtenleben und der Lagerfeuerromantik im Stil der Bündischen Jugend hinzugeben. Meine Liebe zur Natur und meine Begeisterung für den Gesang wurzeln in meinen Erfahrungen bei der Waldjugend. Als Gymnasiast von Anfang an für die Gruppenleitung vorgesehen, eignete ich mir die Grundkenntnisse des Gitarrenspiels an und scharte innerhalb kurzer Zeit ein knappes Dutzend junger Burschen aus unserem Wohnbezirk um mich. Kaum ein Wochenende oder Ferientag, an dem wir Waldläufer nicht in unserer grünen Kluft und ausgerüstet mit Hordentopf, Klampfe und Jagdhorn irgendwo in Wald und Flur unsere Kohten aufgebaut und bei Eichenrindentee und Rotwein unsere Fahrtenlieder geschmettert hätten. Die Waldjugend arbeitete bei ihren Waldeinsätzen mit diversen Förstern zusammen, deshalb ist es nicht verwunderlich, dass ich als Neunzehnjähriger meine ersten erotischen Erfahrungen mit der sechzehnjährigen Tochter eines Revierförsters vom Niederrhein und der zwanzigjährigen Tochter eines Oberforstmeisters aus dem Sauerland machte – noch ohne Sex im engeren Sinn. Erst im Alter von einundzwanzig Jahren erlebte ich meine (ziemlich missglückte) Entjungferung – ebenfalls mit einer Oberforstmeisterstochter.

Sexuelle Aufklärung hat in meiner Jugend nicht stattgefunden. Die Einstellung meiner Eltern zur Sexualität war von Heimlichkeit, Scham und Schuldgefühlen bestimmt. Ich hatte noch als Zwanzigjähriger keine konkrete Vorstellung davon, wie Geschlechtsverkehr funktioniert, während das Verlangen danach immer drängender wurde. Aber wie ein Mädchen kennenlernen? Nach Jungengymnasium und Jugendgruppe sollte mit der Bundeswehr die nächste Lebensetappe nur unter Männern folgen.

Den 13. August 1961, an dem in Berlin die Mauer gebaut wurde, erlebte ich bei meiner Tante Margret, der jüngsten Schwester meines Vaters, in Wales. Gerade mal fünfzehn Jahre alt, war ich mit meinem siebzehnjährigen Bruder Dieter mutig zur ersten selbstständigen Auslandsreise meines Lebens aufgebrochen. Dass unkonventionelles Reisen einmal zu meiner großen Leidenschaft werden könnte, ließ meine erste Tramptour zusammen mit meinem Freund Karlheinz im Sommer 1966 nach Paris ahnen.

Unter Gammlern in Paris

Wir stehen schon ziemlich lange mit erhobenem Daumen an einer Landstraße irgendwo zwischen Verdun und Paris, als ein 2CV, die sogenannte Ente, vor uns anhält. In diesem klapprigen Kleinwagen sitzen schon eine junge Frau und zwei Männer. Wie sollen wir da noch reinpassen, zwei lange Kerls, beide so um die Einsfünfundachtzig, dazu zwei Rucksäcke mit draufgeschnallten Schlafsäcken und zwei Gitarren? Aber siehe da, es geht! Karlheinz und ich kommen auf die Rücksitze und füllen mit zwei Gitarren und einem Rucksack auf dem Schoß die hintere Hälfte des Fahrzeugs komplett aus. Der zweite Rucksack findet im Kofferraum Platz, und vorne haben die beiden Männer die Frau so zwischen sich platziert, dass sie sie von beiden Seiten befummeln und begrabschen können. So läuft das also in Frankreich!

Die nächste Mitfahrgelegenheit versetzt uns ebenfalls in Erstaunen. Diesmal ist es ein Peugeot 404, in dem bereits vier Insassen mittleren Alters sitzen, zwei Paare, wie es scheint. Unsere Rucksäcke landen im Kofferraum, und im PKW finden vorne drei und hinten drei Personen nebst zwei Gitarren Platz. Warum die uns wohl mitgenommen haben? frage ich mich laut, und Karlheinz mit seinem trockenen Humor: Die haben wahrscheinlich gewettet, ob wir stinken.

Am nächsten Tag betreten wir in der Mittagszeit neugierig und unternehmungslustig die Seine-Brücke zwischen der Île de la Cité und dem Quartier Latin, um uns die Kathedrale Notre-Dame anzuschauen. Da erblicken wir sie plötzlich und völlig unerwartet auf dem langen Kai mitten in der Seine und am gegenüberliegenden Ufer, zusammengedrängt wie eine Kolonie von Seelöwen: Gammler, Beatniks, Hippies, Freaks und selbsternannte Existenzialisten. Sie haben sich, wie wir bald erfahren, in diesem Sommer 1966 zu Hunderten im Herzen von Paris versammelt, so wie im Jahr davor in San Francisco. Mit ihrem spektakulären Meeting wollen sie ihrer Ablehnung der westlichen Leistungs- und Konsumgesellschaft, ihrer Empörung über die Massaker der US-Army in Vietnam und ihren utopischen Träumen von einer freien und gerechten Weltordnung Ausdruck verleihen. Aber auch ihren Nonkonformismus zur Schau stellen, wobei sich ihr ausgeprägter Individualismus in dieser temporären Gemeinschaft paradoxerweise in ein Massenphänomen verwandelt.

Beim Anblick dieser originellen und sympathischen Typen dehnt sich meine Brust, und meine Augen weiten sich. Der Text eines alten Landstreicherliedes kommt mir in den Sinn: Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht, Fürsten in Lumpen und Loden … Auch Karlheinz fühlt sich von diesen Außenseitern und Aussteigern magisch angezogen.

Ohne zu zögern steigen wir – die Gitarre auf dem Rücken, ein halbes Baguette, Camenbert und Tomaten in der Umhängetasche – die Stufen zum Kai hinunter. Allerdings fühlen wir uns am Anfang unter all diesen exotischen Figuren wie ungebetene Zaungäste oder wie Zoobesucher. Unterschiedlichste Sprachfetzen dringen an unsere Ohren: Englisch, Französisch, Spanisch, Holländisch, Schwedisch, Arabisch und andere. Die Männer sind in der Mehrzahl. Zerschlissene Bluejeans und Militärparkas, lange Haare, lange Bärte, auf Jacken und Shirts die zeitgemäßen Slogans und Symbole der Protestkultur: love and peace, make love not war, flower power, black power, rote Sterne und Friedenstauben. Selbstbewusste und begehrenswert gutaussehende Hippiemädchen in farbenfrohen wallenden Gewändern lächeln uns Grünschnäbeln (in unseren schwarzen Fahrten-Anoraks!) belustigt entgegen. Bluesige Klänge von Gitarren, Flöten und Bongos mischen sich in das Stimmengewirr. Eine sonnengebräunte Italienerin mit freiem Oberkörper räkelt sich in den Armen eines blondlockigen Hünen, dergleichen haben wir in Good-Old-Germany in der Öffentlichkeit noch nie zu Gesicht bekommen. Rotweinflaschen kreisen und Joints zirkulieren, zum ersten Mal in meinem Leben rieche ich den Duft von Marihuana.

An einer freien Stelle nahe dem Wasser setzen Karlheinz und ich uns in den Schatten einer Trauerweide und packen unsere Gitarren aus. Ich traue mich zunächst nicht, mit dem Spielen loszulegen, weil mir unsere bestenfalls lagerfeuertauglichen Schrummschrumm-Akkorde in dieser Umgebung peinlich sind. Aber Karlheinz stimmt beherzt Blowing in the Wind an. Danach singen wir noch Hey, Mister Tambourine Man, ebenfalls von Bob Dylan, den wir beide sehr verehren. Als wir den Song beendet haben, tritt eine junge Frau, so etwa in meinem Alter, an uns heran: I like your music! – Ein unbekannter Akzent, mollige Figur, dreckige weiße Jeans, braune Lederjacke, kurze dunkelblonde Haare mit hellblonden Spitzen, dicke Brillengläser, einen Schlafsack unter dem linken, ein großes rotes Buch unter dem rechten Arm (ein Wörterbuch Französisch-Serbokroatisch aus dem 19. Jahrhundert). – I am Suzie!

Sie lässt uns wissen, dass sie vor ein paar Monaten, an ihrem 21. Geburtstag, aus Jugoslawien aufgebrochen ist, um dem sozialistischen Mief ihres Heimatlandes zu entkommen und im ach so freien Westen ein neues Leben anzufangen. Dann zeigt sie uns einige ihrer Zeichnungen, die sie für ein paar Francs auf der Straße verkauft, auf DIN-A3-Blätter mit farbigen Filzstiften gekonnt hingekritzelte Mädchenporträts mit langem Hals, Schmollmund, Sommersprossen und von struppigen Haaren halb verdeckten großen traurigen Augen.

Von dieser ersten Begegnung an bis zu unserer Abreise aus Paris bildeten Karlheinz und ich mit Suzie eine unzertrennliche Gemeinschaft. Als die Sonne hinter den achtstöckigen Häusern am Seine-Ufer versank, führte Suzie uns an den Ort, an dem sie die Nächte verbrachte und lud uns ein, mit ihr dort zu übernachten (denn am Seine-Ufer würde es nachts sehr ungemütlich, weil alle drei oder vier Stunden die Flics mit erhobenen Gummiknüppeln alle aufscheuchen würden, die sich dort zum Schlafen niedergelegt hatten). Suzies Geheimplatz war ein kleiner Park am Fuße von Notre-Dame, wo ein flaches, aber dichtes Ligustergebüsch Schutz vor den Blicken der Touristen und Polizisten bot. Dort verkrochen wir uns nach Einbruch der Dunkelheit. Gleich am ersten Abend kamen Suzie und ich uns näher, kuschelten uns aneinander und küssten uns ausgiebig. Doch sobald mein sexuelles Verlangen mich bewog, ihre zarten kleinen Brüste zu berühren, schob sie meine Hände freundlich aber bestimmt von sich weg.

Am nächsten Morgen gesellten wir uns wieder zu den Gammlern, um unsere Annäherungsversuche zu vertiefen, fühlten wir doch eine starke innere Affinität zu ihnen. Auch wir wollten Idealisten, Lebenskünstler, Revoluzzer, Weltverbesserer, Intellektuelle und Romantiker sein. Wir genossen die Zeit unseres Zusammenseins am Seine-Ufer lesend, schreibend, malend, diskutierend und musizierend. Oder ruhend auf dem Schlafsack ausgestreckt, von der Julisonne liebkost, dem Plätschern der Wellen lauschend und uns an einem ganz neuen Lebensgefühl berauschend. Ich hatte den Faust als Reiselektüre ausgewählt, weil mir mein Deutschlehrer im Hinblick auf das im Herbst anstehende Abitur dazu geraten hatte. Außerdem hatte ich Werke von Nietzsche, Dostojewski und Hesse in meinem Rucksack verstaut. Suzie war wie ich von Sartre und Camus begeistert und brachte mir en passant die Lyrik Allen Ginsbergs, des Poeten der Beat-Generation, nahe.

Unsere Gespräche umkreisten existenzialistische Themen, ebenso wie die existenzielle Frage, wo man im Zentrum von Paris bequem und billig duschen kann (die Antwort darauf wurde allerdings auf den Sanktnimmerleinstag verschoben!). So verbrachten wir in den folgenden Tagen viele Stunden in der Herde der Nonkonformisten und hegten in uns das Gefühl dazuzugehören.

Im Laufe des Samstagabends breitet sich auf dem von uns okkupierten Seine-Kai so etwas wie Party-Stimmung aus. Kerzen und Fackeln brennen, Lachen und Rufe gellen, und eine Schar musikalischer Amateure improvisiert unter dem Einfluss von Marihuana auf Gitarren, Flöten, Trommeln und Rasseln minimalistische Klangteppiche, die auch ohne Droge psychodelische Feelings auslösen. Karlheinz auf der Maultrommel und ich auf der Mundharmonika stimmen in die Jam-Session ein. Suzie tanzt, wie auch einige andere unserer neuen Freunde, in sich versunken zu den trancigen Grooves. Mitten im Geschehen bietet mir eine dunkelhaarige Schönheit einen Haschischkeks an, und ich kann, weil ich cool erscheinen möchte, nicht nein sagen. Auch beim Leeren der wandernden Rotweinflaschen zeige ich mich kooperativ.

Eine halbe Stunde später setzt allmählich die Wirkung der Droge ein. Ich spüre das Bedürfnis, mich aus dem Trubel auszuklinken und setze mich ein paar Schritte entfernt auf einen Steinklotz am Ufer und werde, während Fluss und Stadt wie mit einem Weichzeichner verfremdet vor meinen Augen verschwimmen, zunehmend von der grandiosen Erkenntnis überflutet: Alles fließt! – Mir ist so leicht ums Herz, und ich gebe mich ganz diesem ozeanischen Glücksgefühl hin, als plötzlich hinter mir eine männliche Stimme näselt: Please allow me to introduce myself. Ich fahre herum und starre in das Antlitz von – Mick Jagger! Sympathy for the Devil ist doch noch gar nicht geschrieben, stottere ich. Wie gerät etwas Zukünftiges in die gegenwärtige Realität (gibt es die überhaupt)?! Ehe ich das Mysterium enträtseln und ehe ich mich vergewissern kann, ob die anderen Stones auch anwesend sind, verwandelt sich mein flüchtiger Gast, wie bei einem Vexierbild oder einer Überblendung, in eine schlanke, hellhäutige, nur mit einem knappen Bikini bekleidete Frau. Das bleiche Gesicht halb Katze, halb Mensch. Sind das Ohren oder Hörner? Dieser durchbohrende Blick aus Augen wie Dolchen! Doch auch diese Vision löst sich abrupt auf und vor meinen inneren Augen tanzen in allen Farben schillernde Lichtpunkte. Dazu ertönt in meinem Kopf erst ein geheimnisvolles Sirren wie Sirenengesang und dann eine weibliche Stimme, die mir irgendwie bekannt vorkommt und in theatralischem Tonfall verkündet:

Duhastmichgerufen?Nein,tatestdunicht.

Dochwillstduerfahren,werzudirspricht?

Sovielsollstduwissen,ichbittesehr:

aufErdennenntmanmichLuziFair.

IchbinauchalsweiseAltebekannt

werdeMephistoundJunkergenannt

undbinalsSibylle,alsAnima

alsdieLeibhaftigefürdichda.

Objungoderalt,obheißoderkalt

invielfacherneuerterWechselgestalt

werdeichungerufenerscheinen

mitdeinerSeelemichzuvereinen.

WerddichaufhimmlischeGipfelbegleiten

oderinhöllischeSchlündegeleiten

WissemeinFreund,eswirdkommenderTag

dannschließenwirbeideeinenVertrag!

Dann kommt nichts mehr. Ein beißender Zündholzgeruch liegt in der Luft. Verwirrt und aufgewühlt, aber dank Tetrahydrocannabinol in euphorischer Grundstimmung, versuche ich, das Gehörte irgendwie einzuordnen, kann mich aber nicht konzentrieren. Als ich meinen Kopf wende, um nach meinen Gefährten Ausschau zu halten, springt neben mir ein kleiner schwarzer Hund auf, der wohl schon eine Weile zu meinen Füßen gelegen hat. Ich blicke zu den anderen hinüber, die, in Gespräche oder Schweigen vertieft, im flackernden Schein nur noch weniger Kerzen auf den Pflastersteinen festgewachsen sind, und stiere nacheinander in ihre Gesichter. Da kauert Merlin und zieht sich ein Pfeifchen rein, dort haben Cäsar und Cleopatra ein Stelldichein. Die Hexe Baba Jaga gestikuliert mit Händen und Füßen, während die Jungfrau von Orleans von zwei jungen Burschen daran gehindert wird, sich in die Seine zu stürzen. Alle sind sie da: Schneewittchen und Prinz Eisenherz, Till Eulenspiegel und Robin Hood, Karl Marx und Rosa Luxemburg, Charly Chaplin, Heine, Goethe und der Alte Fritz mit seiner Flöte.

Am nächsten Tag, es war der Sonntag, teilte Suzie uns beim Frühstück am Seine-Ufer mit, dass sie mit irgendjemandem irgendwo in der Stadt eine Verabredung habe. Sie sah nicht gerade glücklich dabei aus. Ihre Abwesenheit nahmen Karlheinz und ich zum Anlass, endlich einmal das zu tun, weswegen wir eigentlich nach Paris gekommen waren. Wir legten einen Sightseeing-Tag ein: Notre-Dame, Sacre-Coeur, die Metro, der Eiffelturm, der Louvre, der erst kürzlich eröffnete Kulturtempel Centre Pompidou, der Kaufpalast Samaritaine. Alles an einem Tag?! Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, weiß aber noch, dass wir unter Tausenden von Touristen sehr darauf bedacht waren, nicht als ihresgleichen angesehen zu werden.

Erst im letzten Tageslicht kehrten wir zum Kai der Gammler zurück. Suzie war nicht dort, und keiner hatte sie gesehen. Darauf lenkten wir unsere Schritte in Richtung unseres Schlafplatzes bei der Kathedrale. Oben auf der Brücke kam uns im Licht einer Straßenlaterne Suzie entgegen. Sie sah übel zugerichtet aus, gerötete Augen, geschwollene Lippen, ein violetter Fleck auf der linken Wange. Sie sprach kein Wort, und wir fragten nicht. Ich nahm sie behutsam in die Arme, und sie begann zu schluchzen. Tränen tropften auf meine Brust.

Die Beatnik-Szene am Seine-Ufer wurde von den Bürgern und der Obrigkeit – und auch von den gaffenden Touristen, die auf weißen Schiffen in nächster Nähe daran vorbei fuhren – nicht nur mit Argwohn beobachtet, sondern diese provokative Zusammenrottung von in ihren Augen zwielichtigen Gestalten und verkrachten Existenzen rief ihre entschiedenste Missbilligung hervor. Wie sollte es auch anders sein?! Die der sexuellen Libertinage und des marxistischen Revoluzzertums verdächtigen, Drogen konsumierenden Herumtreiber im Zentrum von Paris, das kam einem Aufruhr gleich. Und keine Spur von Anstand und Hygiene! Wo kacken die eigentlich alle hin? Besonders sauer auf die ungebetenen Gäste waren die Clochards, denn die Eindringlinge hatten sie von ihren Stammplätzen vertrieben.

Die Polizei hatte ein wachsames Auge auf das die Gemüter erregende Treiben. Mehrmals täglich patrouillierten die Flics in kleinen Trupps durch unsere Reihen. Und so mancher frisch angerauchte Joint versank in den Fluten der Seine. Dass ausgerechnet Karlheinz, Suzie und ich geschnappt und mit der Blauen Minna aufs Polizeirevier verbracht werden würden, hatten wir indes nicht für möglich gehalten. Doch genau das passierte am späten Vormittag unseres achten Tages in Paris. Ein halbes Dutzend Polizisten trampelte im Marschtempo die Treppen herunter und steuerte direkt auf uns zu. Sie hatten es auf die dolchähnlichen Fahrtenmesser abgesehen, die Karlheinz und ich, wie wir es von der Waldjugend her gewohnt waren, in schwarzen Lederscheiden am Hosengürtel trugen.

Ungefähr anderthalb Stunden dauerte die Vernehmung. – Was wolltest du mit dem Dolche, sprich? – Kartoffeln schälen, verstehst du mich?! – Nach Erfüllung diverser bürokratischer Formalitäten, konnten wir die verantwortungsbewussten Staatsdiener davon überzeugen, dass wir mit den Messern nichts Böses im Schilde führten. Man händigte sie uns sogar wieder aus mit der Auflage, sie im Rucksack verschwinden zu lassen. Bei Zuwiderhandlung drohten sie uns mit Platzverweis, will sagen, dann hätten wir Paris unverzüglich zu verlassen.

Für Karlheinz und mich war das der entscheidende Impuls zur Weiterreise. Es gab auch noch andere Gründe: Für unser schmales Reisebudget waren die täglichen Mahlzeiten bei Wimpy zu teuer, auch hatten wir uns seit mehr als einer Woche nicht gewaschen, und außerdem wollten wir noch etwas anderes von der Welt sehen, als diese Stadt mit ihrer brodelnden Geschäftigkeit und all dem Lärm und Benzingestank. Suzie schenkte mir zum Abschied eine ihrer Filzstiftzeichnungen und einen von ihr verfassten Vers: HOMO SAPIENS! YOUR LIFE WILL BE UNWIND ON THE BRINK OF THE BEDBETWEEN THE SLEEP AND THE WATER-CLOSET.

Zwei Stunden später standen wir in Fontainebleau, fünfzig Kilometer südöstlich von Paris, an der Trasse in den Süden und warteten. Wir warteten volle sieben Stunden. Es war längst dunkel geworden, ein leichter Regen fiel, und unsere Laune war auf dem Tiefstpunkt, als endlich ein Citroën DS 19 anhielt und uns in sich aufnahm. Der Fahrer, ein professeur auf dem Weg in die Sommerferien, jagte die legendäre Limousine mit Vollgas durch die Nacht. Kurz vor Sonnenaufgang erreichten wir in der Nähe von Monaco das Mittelmeer.

Mein Reisebericht wurde unter dem Titel Unter Gammlern in Paris im Solinger Tageblatt abgedruckt, wofür ich ein Honorar erhielt. Taschengeld von Seiten der Eltern gab es nicht. Daher habe ich im Laufe meiner Jugendjahre als Kegelaufsteller, Zeitungsausträger und in den Ferien als Briefträger, Bauhelfer und Fabrikarbeiter gearbeitet, um mir etwas zu verdienen.

Nina – oder: die Nordlandfahrt

Dritte Dekade (1966 – 1976). Im Oktober 1966 legte ich die sogenannte Reifeprüfung ab und im Januar 1967 trat ich meinen Wehrdienst an. Als Abiturient und Z2 (Zeitsoldat auf zwei Jahre) automatisch für die Offizierslaufbahn bestimmt, wurde ich zum Artillerie-Beobachter ausgebildet. Hier ist nicht der Platz, um über die erlittenen Strapazen und die sadistischen Schikanen der Unteroffiziere während der Grundausbildung zu berichten, oder davon, wie ich, der Fahnenjunker Hartmann, es genoss, als Geschützführer der tonnenschweren Panzerhaubitze M109 in drei Meter Höhe wie auf einen Elefanten durch das Weserbergland zu reiten.

Berichtenswert wäre eher, dass ich stark unter Einsamkeit und Liebessehnsucht litt und dass ich in meiner freien Zeit mit der Lektüre von Freud, Nietzsche, Kierkegaard, Sartre, Tolstoi und Arno Schmidt meinen geistigen Horizont erweiterte. Erwähnt werden sollte auch, wie ich an einem Maiwochenende 1968 zusammen mit dem Gefreiten Gömann von Hannover aus zum Vietnam-Tribunal nach Berlin flog (auf dem Podium: Rudi Dutschke, Erich Fried u. a.), wie ich daraufhin strafversetzt wurde und gegen meinen Status als Offiziersanwärter schriftlich mit politischer Begründung Widerspruch einlegte, dann aber doch der Einfachheit halber auf den Fähnrich-Lehrgang nach Idar-Oberstein geschickt wurde – und wie ich nach dem Ende meiner Dienstzeit als Leutnant der Reserve den Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer gestellt habe. Ungefähr zur selben Zeit bin ich aus der Kirche ausgetreten.

Zum Wintersemester 1968/69, noch vor Ende der Militärzeit, immatrikulierte ich mich für das Lehrerstudium an der Pädagogischen Hochschule Wuppertal. Von den zweitausend Mark, die ich von der Bundeswehr als Abfindung erhielt, kaufte ich im Sommer 1969 einen gebrauchten R4 und unternahm mit meinen Freunden Heinz und Hans eine zweimonatige Reise.

War es eine Heldenreise? Es war eine Heldenreise! In einem weißen R4, der schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, in achteinhalb Wochen in großem Bogen um die Ostsee. Elftausend Kilometer! – einen größeren Teil davon auf Sand- und Schotterpisten. Drei junge Männer Anfang Zwanzig. Hans, mein Waldjugendfreund, der in Freiburg Biologie studierte, Heinz, mein Bundeswehrkamerad, der in Köln Mathematik studierte, und ich, der seine ersten Semesterferien dafür ausersehen hatte, mit den beiden Freunden den Traum einer Nordlandfahrt zu verwirklichen. Ein Vorhaben, das von Abenteuerlust getragen war und angeregt von einem Lied der Bündischen Jugend: Über meiner Heimat Frühling seh ich Schwäne nordwärts fliegen. Ach, mein Herz möcht sich auf grauen Eismeerwogen wiegen.

Das wilde, in weiten Teilen von der Zivilisation noch unberührte Lappland im Norden und die verteufelte, finstere, fortschrittliche, friedliebende Sowjetunion hinter dem Eisernen Vorhang im Osten, das waren keine Reiseziele für jedermann. Die angesagten Hotspots der linksalternativen Szene Ende der Sechziger Jahre hatte ich bereits abgeklappert. Zusammen mit Hans und seinem Bruder Lutz, der als erster von uns ein Auto besaß, war ich auf Wochenendtrips in Amsterdam, Westberlin und Paris gewesen, und Istanbul sollte ein Jahr später drankommen. Wir besuchten Pfingsten 1969 auch gemeinsam das Folklorefestival auf der Burg Waldeck, auf dem die neue studentische und die alte bündische Jugendbewegung aufeinander prallten – und Barden wie Hannes Wader, Reinhard Mey, Franz-Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp ihre Klampfen zupften.

Von unserer Russland-Skandinavien-Reise von Mitte Juli bis Mitte September 1969 weiß ich viel zu erzählen, obwohl seitdem mehr als fünfzig Jahre vergangen sind, denn ich kann mich auf die Aufzeichnungen in meinem Reisetagebuch stützen. Besondere Aufmerksamkeit möchte ich einer Begegnung widmen, die sich in Moskau zutrug, wo Nina unseren Weg kreuzte. Doch davon später. Zuvor ein paar Schlaglichter auf andere unvergessliche Reisemomente. Ich beginne mit unserem zehntägigen Wildniscamp an einem kleinen See in Lappland, zwanzig Kilometer von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt. Wir hatten uns reichlich eingedeckt mit Gemüse, Reis und Mehl, verfügten noch über etliche Fleisch- und Fischkonserven aus der Sowjetunion, die wir wegen des Zwangsumtauschs in Massen eingekauft hatten, um unsere Rubel auszugeben. Wir buken jeden Tag Fladenbrot in der Bratpfanne und suchten in der Umgebung nach essbaren Wildpflanzen. Leider hatten wir keine Angelschnur dabei, um unseren Speiseplan mit Frischfisch anzureichern. Das Wasser des Sees war kristallklar, wir tranken es ungekocht und ungefiltert. Welch unbeschreiblich erquickendes Ganzheitserleben war es, unter Wasser zu schwimmen – natürlich nackt – und dabei das Wasser in sich hinein fließen zu lassen!

Als ziemlich wagemutig ist mir eine Nachtwanderung mit Hans in Erinnerung: Dreizehn Stunden unterwegs in wilder unberührter Natur! Im Dämmerlicht – nördlich des Polarkreises wird es in den Sommernächten nicht wirklich dunkel – kämpfen wir uns durch das unwegsame, teilweise sumpfige, von Sanddünen und kleinen felsigen Erhebungen aufgelockerte Terrain in östlicher Richtung voran. Wir benutzen einen Kompass, um nicht die Orientierung zu verlieren. Die Szenerie wirkt wie die Kulisse eines Gruselfilms, gespenstische Bart- und Rentierflechten an den Ästen der Kiefern, phosphoreszierende Fäulnisbakterien und Pilze an Baumleichen, aufflatternde Nachtvögel. Dann und wann schreit ein Käuzchen, oder der schauerliche Ruf des Ziegenmelkers unterbricht die Stille. Hans, der angehende Ornithologe, kennt sich mit Vogelstimmen bestens aus. Wir sind begierig darauf, Elche anzutreffen und fürchten gleichzeitig, einem Bären über den Weg zu laufen. Aber außer Tausenden blutgieriger Moskitos, die sich durch nichts davon abhalten lassen, uneingeladen zum Festschmaus bei uns einzukehren, bekommen wir keine Tiere zu Gesicht. Um uns der Mücken zu erwehren und uns auszuruhen und aufzuwärmen, machen wir kurz nach Sonnenaufgang, es muss so gegen vier Uhr sein, auf einer Anhöhe ein Feuer und genießen die Aussicht auf einen langgestreckten See, von dessen leuchtendem Wasserspiegel zauberhafte Nebelschwaden aufsteigen.

Auf dem Rückweg finden wir das Skelett eines Rentiers und nehmen das Geweih als Trophäe mit. Es wird auf der Weiterfahrt zusammen mit gekauften Rentierfellen und einem geklauten Rettungsring das Dach unseres Wagens zieren. Im zunehmenden Tageslicht beginnen wir, Kräuter in die Botanisiertrommel zu sammeln, um sie später am Lagerplatz mit Hilfe eines Bestimmungsbuches zu identifizieren. Ich presse einige der Pflanzen und klebe sie in mein Reisetagebuch. Ihre klangvollen Namen habe ich dazu geschrieben: Krähenbeere, Sumpfporst, Brachsenkraut, Eichenfarn, Kolbenbärlapp, Langblättriger Sonnentau, Bachnelkenwurz, Roter Steinbrech und viele andere.

Die Mücken waren eine wahre Plage. Sie stürzten sich wie Kamikaze-Flieger in Todesverachtung auf uns und stachen sogar durch die Blue Jeans, was dann nach einer kurzen Henkersmahlzeit meistens ihr Ende bedeutete. Am 6.8.69 schrieb ich auf ein Stück Birkenrinde: Heute ungefähr einhundert Mücken erschlagen – wenn es doch Päpste wären! Dieser Nachsatz bringt auf drastische Weise meine damalige antireligiöse Grundüberzeugung zum Ausdruck, die ich mit Heinz teilte. Wir stimmten darin überein, dass das christliche Weltbild als völlig antiquiert, irrational und antihumanistisch einzustufen sei, und dass alle Religionen in der Menschheitsgeschichte großes Unheil angerichtet haben. Auch überzeugte uns die von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest geäußerte Ansicht, dass Religion Opium fürs Volk ist, den Verstand vernebelt und die leidende Menschheit auf ein Schlaraffenland im Jenseits vertröstet, während die herrschende Klasse, ob Adel, Klerus oder Bourgeoisie, in Saus und Braus lebt. Heinz und ich hatten schon während der gemeinsamen Bundeswehrzeit unsere kirchenfeindliche Einstellung so weit kultiviert, dass wir eine Eingabe an den Petitionsausschuss des Bundestages verfasst und eingereicht hatten. Darin forderten wir, mit aus unserer Sicht schlagkräftigen Argumenten, die beiden großen Kirchen anderen religiösen Sekten gleichzustellen und ihren politischen Einfluss auf das Maß eines Kaninchenzüchtervereins zu reduzieren. Mit Verweis auf bestehende Gesetze wurde unsere Petition zurückgewiesen. Heute, da die breite Mehrheit der fortschrittsversessenen Bundesbürger vom alten Glauben abgefallen ist, im Mammon den omnipotenten Gott erkannt hat und im selbstzerstörerischen Konsumrausch die Eucharistie feiert – Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! – scheint der Konservativismus der Kirchenoberen als Hüter unverzichtbarer menschlicher Werte beinahe begrüßenswert. Zumal in Zeiten eines Papstes Franziskus, der den Kapitalismus anprangert und öffentlich verkündet, diese Wirtschaft tötet.

Doch zurück nach Lappland, nein, nach Norwegen, zum Nordkap, wohin wir, Hans, Heinz und Helmut, inzwischen weitergereist waren. Das Nordkap selber haben wir nicht betreten, wir haben es nur von Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Welt, aus im grauen Eismeer liegen sehen. Das Geld für die Überfahrt wollten wir uns sparen. Dort oben waren wir in Luftlinie dem Nordpol deutlich näher als dem Wuppertal. Vor uns lagen zweieinhalbtausend Kilometer strapaziöser Autofahrt auf der wellblechähnlichen, von vielen Fjorden durchschnittenen Schotterpiste an Norwegens Atlantikküste.

In der Nähe von Narvik machten Hans und ich eine Bergtour bis hinauf in die Gletscherregion. Beim Abstieg entdeckten wir eine Höhle mit Blick auf das Meer. In der Höhle fanden wir Spuren der Geschichte. Großdeutsche Wehrmachtsverbände hatten diesen Abschnitt, wenn ich recht informiert bin, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gehalten. Wir nahmen zwei Stahlhelme und eine 8/8-Kartusche mit; diese diente mir viele Jahre als Blumenvase. Den Wehrmachtsstahlhelm setzte ich gelegentlich bei Demonstrationen auf. Der Laderaum unseres kleinen Wagens füllte sich mehr und mehr mit Fundstücken aller Art. Auf dramatische Weise füllte er sich, wenn wir auf einer Fähre einen Fjord überquerten, was im Verlauf der Strecke sechsmal der Fall war. Jedes Mal versteckte sich einer von uns unter einem Rentierfell im Heck des Wagens. Wenn wir statt für drei nur für zwei Passagiere zahlten – Heinz, der Mathematiker, hat darüber genauestens Buch geführt – sparten wir durchschnittlich umgerechnet zwei Mark fünfzig. Doch die ein bis zwei Stunden zusammengekrümmt und schwitzend unterm Rentierfell waren alles andere als angenehm.

In Oslo übernachteten wir mitten im Stadtzentrum in unseren Schlafsäcken unter freiem Himmel. Ich schlief vor der touristinformation und erwachte gegen sechs Uhr, als ein Straßenkehrer um mich herum seinen Dienst verrichtete. Das Auto hatten wir unbeabsichtigt in einer Parkverbotszone abgestellt. Die Wiedererlangung unseres abgeschleppten Fahrzeugs kostete uns, mit einem zugedrückten Auge seitens der Ordnungshüter, fünfundsiebzig Kronen. Was uns durchaus schmerzte, weil wir doch so wenig Geld wie möglich ausgeben wollten.

In meinen Aufzeichnungen befindet sich eine umfangreiche Liste all der Dinge, beziehungsweise Dienstleistungen, die wir unterwegs geschnorrt, geklaut, heruntergehandelt, geschenkt bekommen oder auf der Straße gefunden haben – wie zum Beispiel ein frisch überfahrenes Rebhuhn, das in unserem Kochtopf landete, oder die Stockfische, die wir nördlich von Trondheim von einem Fischer geschenkt bekommen hatten. Die etwa makrelengroßen auf Holzgestellen von Wind und Sonne gedörrten Fische blieben auch nach stundenlangem Kochen noch so zäh wie Leder, und es gelang uns nur durch langwieriges Daraufherumkauen, ihnen wenigstens ein Minimum an Geschmack und Nährstoffen abzugewinnen. Man kann diese Sparsamkeit, bis zur Pfennigfuchserei, für einen albernen Spleen halten, aber sie war – gepaart mit asketischen Tendenzen bei uns Dreien – ein ökonomisches Gebot, denn uns stand nur ein schmales Budget zur Verfügung. Wir konnten froh sein, dass im Hinblick auf strikte Kostenvermeidung unsere Verhaltensdispositionen vollkommen übereinstimmten. Im Gegensatz zu anderen Bereichen, in denen sich persönliche Konflikte entzündeten, so etwa die unterschiedlichen Methoden des Zwiebelkleinschneidens, die jeder bei seiner Mutter abgeguckt hatte. Ich träumte auf der Reise einmal von einer Bratpfanne, in der Zwiebelringe brutzelten und wusste im Traum, dass wir drei es waren, die da im eigenen Saft schmorten.

Auch in Stockholm schonten wir unsere Reisekasse. Wir fütterten lediglich vier Tage lang eine Parkuhr und schliefen, nur ein paar Treppenstufen vom Auto entfernt, unter einer Brücke – gegenüber von Reichstag, Reichsbank und Königsschloss. Dass es eines Nachts regnete und Heinz in einer Pfütze erwachte, sei am Rande erwähnt.

In Schwedens Hauptstadt kamen wir in Kontakt mit einer rebellischen Jugend- und Alternativszene, die der deutschen um Jahre voraus war. Auf Straßen und Plätzen pulsierte ein fantasievolles, liberales und soziales Kulturleben. Vom Kinderfest mit farbig bemalten nackten Mädchen und Jungen bis zum Straßencafé, in dem Jugendliche ungestört ihre Joints rauchten, von der Demonstration für eine autofreie Innenstadt bis zum Seniorentanz im Stadtpark.

Am dritten Tag Stockholm fragten wir im Dachrestaurant eines siebenstöckigen Hotels, ob sie einen Job für uns hätten. Wir hatten Glück, zwei von uns wurden für zwei Tage als Küchenhilfe angeheuert. Als Heinz und ich am nächsten Morgen dort aufkreuzten, regnete es leider, und das Restaurant blieb geschlossen. Als Trost schenkte uns der Koch einen Stapel von zwölf luxuriösen Sandwiches vom Vortag mit Lachs, Schinken, Kaviar und anderen Delikatessen.

Ungelogen, wir waren sogar auf dem Homostrich, um unsere Reisekasse aufzufüllen. Aber als ein hellblauer Amischlitten vor uns hielt und ein älterer Mann mit rötlich aufgedunsenem Gesicht uns durch das geöffnete Seitenfenster mit gierigen Blicken aus wässrigen Schweinsäuglein musterte, rutschte uns das Herz in die Hose. Schlagartig wurde uns klar, dass das kein Job für uns war.

Die letzte Station unserer Nordlandreise war die Insel Rømø vor der Dänischen Nordseeküste. Dort errichteten wir auf einer Riedgrasinsel in dem unendlich weiten menschenleeren Strandgelände ein behagliches Lager. Hinter dem Auto stand das Zelt, aus Strandgut bauten wir uns einen Tisch und Sitzgelegenheiten, über einem gespannten Seil hingen Schlafsäcke, Rentierfelle und Wäschestücke zum Auslüften und Trocknen im Wind, eine fünf Meter lange Holzstange mit einem Reisigbesen an der Spitze ragte als Hoheitszeichen in die Höhe, ein Feuerchen flackerte, der Eintopf köchelte, und wir waren glücklich und zufrieden. Das erste Mal seit dem Wildniscamp in Lappland konnten wir wieder baden, Vögel beobachten, Natur erleben.

Doch die Natur hat mitunter auch ihre Tücken. Wir waren bei Ebbe angekommen. Gegen Abend wechselte die Tide, der Himmel bezog sich, und kräftige Böen kündigten ein Unwetter an. Mit Einbruch der Dunkelheit begann ein heftiges Gewitter um uns herum sich auszutoben. Als es vorüber war, konnten wir im Licht des Halbmondes, der ab und zu in den Löchern des Wolkenvorhangs zum Vorschein kam, sehen, wie das Meer immer näher an unseren Lagerplatz heran flutete. Wir hatten keine Ahnung, wie lange das so weitergehen würde, schliefen unruhig und guckten in Abständen immer wieder aus dem Zelt. Im ersten Morgenlicht stellten wir mit Entsetzen fest, dass das Meer unseren Lagerplatz komplett eingekreist hatte. Vom rettenden Ufer trennte uns ein mindestens achtzig Meter breiter Priel. Und das Wasser stieg immer noch. Es war nur noch eine Frage von Zentimetern, bis wir überspült werden würden. Heinz meinte, die Flut hat leider kein Glöckchen um den Hals, aber wenn die Haie von oben kommen, sollten wir den Seenotrettungsdienst verständigen. – Oder eine Versicherung bei Hapag Lloyd abschließen, meinte Hans. – Oder bei Poseidon ein gutes Wörtchen für uns einlegen, meinte ich. Das war Galgenhumor, und der war nötig. Als die Flut ihren Höhepunkt erreichte, war uns nur noch ein winziges Eiland von vielleicht zehn mal zehn Metern geblieben, auf dem wir uns trockenen Fußes bewegen konnten.

Am Ende dieses Kapitels kehre ich an den Anfang der Reise zurück. Schon beim Grenzübergang in die Sowjetunion wurden wir mit bürokratischer Schikane konfrontiert. Was wir an Obst und Gemüse mit uns führten, durften wir nicht in die SU einführen. Also aßen wir an Ort und Stelle alle Möhren, Äpfel, Apfelsinen und Bananen auf und luden die Grenzsoldaten ein, sich daran zu beteiligen.

Nach Übernachtungen in Berlin, Warschau, Minsk und Smolensk trafen wir am Abend des fünften Reisetages in Moskau ein, genau gesagt, auf dem Internationalen Campingplatz am westlichen Rand der Stadt. Gleich am nächsten Morgen, als wir gerade dabei waren, auf einer Decke unser Frühstück auszubreiten, tauchte eine junge Russin bei uns auf. Nina, einundzwanzig Jahre alt, gekleidet in eine eng anliegende grüne Bluse, die ihre perfekt geformten Brüste hervorhob, einen knielangen roten Faltenrock und Turnschuhe. Umrahmt von langen glatten dunkelbraunen Haaren erinnerte ihr Gesicht an das einer Südländerin. In leidlich gutem Englisch bot sie uns an, uns durch Moskau zu führen. Dabei machte sie uns allen Dreien schöne Augen und spielte ganz unverblümt die sexhungrige Moskowiterin. Wir hatten kaum unser Frühstück beendet, da lag Heinz – Hans und ich ließen ihm den Vortritt – mit Nina im Zelt und erlebte seinen ersten Sex mit einer Frau.

Gegen Mittag fuhren wir mit Nina in meinem R4 ins Zentrum von Moskau. Auf dem Wege lud Nina uns in ihre Wohnung in einem abbruchreifen Altbau am Arbat, dem Moskauer Künstlerviertel, ein, wo sie mit ihrer Mutter anderthalb Zimmer teilte. Ich erinnere mich vage an ein düsteres, spärlich und schäbig möbliertes Wohnschlafzimmer mit schrägem Fußboden. Wir probierten die Plinis, russische Teigtaschen, die Ninas Mutter uns servierte, und auch den Wodka in Wassergläsern lehnten wir höflicherweise nicht ab.

Danach geleitete uns Nina zum Roten Platz, dem oft im Westfernsehen gezeigten Schauplatz militärischer Machtdemonstrationen der Sowjetunion. Der von Kreml, Kaufhaus GUM und Historischem Museum umrahmte Platz war wie ausgestorben, nur am Lenin-Mausoleum vor der Kremlmauer hatte sich eine hundert Meter lange Warteschlange gebildet. Wir bewunderten die reich verzierten Zwiebeltürme der pittoresken Basilius-Kathedrale und weitere Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung. Da Nina keine offizielle Reiseführerin war, machte sie um vereinzelte Vertreter der Miliz einen großen Bogen.

Auf der Suche nach einem Musikgeschäft, in dem ich mir eine Balalaika kaufen wollte, liefen wir nördlich des Roten Platzes durch öde Straßen mit heruntergekommenen Wohngebäuden und tristen Hinterhöfen. Einen Laden mit Balalaikas fanden wir, aber es gab nur billige, musikalisch unbrauchbare Touristenware. In einer Butterbrotnaja, einer primitiven Imbissstube, ergatterten wir als Zwischenmahlzeit Margarineschnitten, verziert mit blau angelaufenen Eihälften und Sauregurken-Scheibchen. Unsere Sightseeing-Tour führte uns bis zur berühmt berüchtigten Lubjanka, einem bombastischen sechsstöckigen Verwaltungsgebäude, das seit 1920 Sitz des Sowjetischen Geheimdienstes KGB war und zahlreiche Gefängniszellen aufwies, in denen Regimegegner eingesperrt, gefoltert und ermordet wurden.

Als wir zum Auto zurückkehrten, das auf einem von Nina empfohlenen kleinen Parkplatz im Schatten der Kremlmauer stand, fanden wir das Fenster der Fahrertür aufgebrochen. Das Kofferradio von Heinz und eine Kamera nebst Fototasche von Hans (der zum Glück noch eine zweite Kamera bei sich hatte) fehlten. Nina führte uns zur nächstgelegenen Polizeistation. Wir machten eine Anzeige, was natürlich nichts brachte, denn in eine Reisegepäckversicherung hatten wir kein Geld investiert. Hans und ich hegten den Verdacht, der Diebstahl sei ein abgekartetes Spiel gewesen, Nina habe irgendwelche Komplizen zu diesem wenig frequentierten Parkplatz beordert. Heinz dagegen, ganz Kavalier, nahm sie in Schutz. Natürlich blieb die Frage unbeantwortet, ob Nina tatsächlich so ein durchtriebenes Luder gewesen ist. Erst viel später wurde uns bewusst, dass ihr eigentliches Interesse darin bestand, einen Mann aus dem westlichen Ausland zu finden, der sie heiraten und in den Westen mitnehmen würde.

Vom ersten Tag Moskau waren wir bedient. Wir hatten uns überwiegend mit Tristesse, Herrschaftsarchitektur und Kriminalität konfrontiert gesehen. Immerhin, die Basilius-Kathedrale hatte uns begeistert, auch wenn Zar Iwan der Vierte, der sie im Siebzehnten Jahrhundert erbauen ließ, den Beinamen der Schreckliche trug. Es heißt, er habe dem Baumeister die Augen ausstechen lassen, damit dieser kein zweites Bauwerk erschaffen könne, welches dieses vieltürmige kuppelreiche Prachtstück an Schönheit überträfe.

Am nächsten Tag ließen wir das Auto auf dem Campingplatz stehen, obwohl früh am Morgen ein Glaser die fehlende Scheibe aus Fensterglas rekonstruiert und eingesetzt hatte – gegen Dollars versteht sich. Per Bus und Metro (ihre palastartigen Bahnhöfe muss man gesehen haben!) geleitete uns Nina wieder in die Stadt. Wir durchschritten die Vergnügungsmeile des Gorki-Parks und wanderten weiter zur Lomonossow-Universität auf den Sperlingsbergen. Zu Füßen dieses imposanten Bauwerkes im Zuckerbäckerstil der Stalin-Ära, das zweihundertvierzig Meter tief in den Himmel ragt, hat man einen grandiosen Rundumblick. Weitere sechs der markanten Zuckerbäcker-Hochhäuser beherrschen die Silhouette der Stadt. Am anderen Ufer der Moskwa liegt das Lenin-Stadion. Heute, in spätkapitalistischen Zeiten, steht in dieser Gegend ein stahl- und glasstrotzendes Ensemble postfuturistischer Wolkenkratzer.

Viel mehr geben mein Gedächtnis und mein Notizbuch über die damaligen Moskaueindrücke nicht her – auf späteren Besuchen habe ich Moskau ausführlicher erkundet. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass wir den dritten Tag ohne Nina verbrachten und vor dem Eingang der Lenin-Bibliothek Kaugummi und Nylonhemden zum Kauf anboten. Wir verhökerten die Hemden, die wir in Berlin für fünf Mark eingekauft hatten, für zehn Rubel, das waren fünfundvierzig Mark zum offiziellen Wechselkurs, konnten aber letztlich die Rubel, die wir besaßen, nicht ausgeben. Die Hauptursache für die Rubelschwemme war der Zwangsumtausch, der für acht Tage Sowjetunion ungefähr einhundert Mark pro Person betrug. In Leningrad kaufte Hans bei einem Trödler für zwanzig Rubel eine Ikone. Immerhin! Aber weil man Ikonen nicht ausführen durfte, und weil uns andere Touristen gewarnt hatten, dass an der Russisch-Finnischen Grenze sehr streng kontrolliert wurde, bekam Hans es mit der Angst zu tun. Es lief darauf hinaus, dass er die Ikone wenige Kilometer vor der Grenze gut sichtbar an eine Kiefer am Straßenrand stellte. Gerührt nahmen wir Abschied von der unter Verwendung von reichlich Blattgold auf Holz gemalten mittelalterlichen Darstellung Mariens mit dem Jesuskinde.

Alexander Alexandrowitsch Majakowski, Eilzusteller der sowjetischen Post und aufrechter Kommunist, wird im Vorbeifahren rechter Hand am Straßenrand etwas Auffälliges in der Sonne blitzen sehen. Er wird verdutzt auf die Bremse treten, seinen Dienst-Lada zurücksetzen, aussteigen und in das von einem halogenhell strahlenden Heiligenschein umgebene Antlitz einer Dame blicken, die sich nicht nur dadurch von den Pinup-Girls in seinem Spind unterscheidet, dass sie ein Kind auf dem Arm trägt. Ihre makellose Schönheit verschlägt ihm geradezu den Atem, und er kann minutenlang die Augen nicht von ihr abwenden. Ob der Genosse Alexander Alexandrowitsch im Rahmen seiner aufreibenden Tätigkeit als Eilbote im Laufe dieses Tages den Inhalt von einer oder von zwei Flaschen selbstgebrannten Wodkas zu sich genommen hat, lässt sich nicht mehr herausfinden. Er war indessen so geblendet von der überirdischen Erscheinung dieser einsamen Jungfrau mit Kind, dass ihm keine andere Wahl blieb, als an ein Wunder zu glauben. Sein in fünfundvierzig Jahren Sowjetunion antrainierter Atheismus löste sich in Wohlgefallen auf, und er begann, mit verdrehten Augäpfeln Worte der Verzückung vor sich hin zu murmeln, ohne zu wissen, dass er betete.

Am nächsten Morgen berichtete er seinem Kollegen Wladimir Wladimirowitsch Bulgakow von seinem Erweckungserlebnis. Den anderen Genossen gegenüber verschwieg er es aus gutem Grund. Wladimir Wladimirowitsch ließ sich den Vorfall noch ein zweites Mal haarklein beschreiben und kratzte sich dabei nachdenklich hinter dem linken Ohr. Er sprach am Abend mit seiner Frau Aglaja, die noch gelegentlich in die Kirche ging, über das Erlebnis des Genossen Alexander Alexandrowitsch. Seine Frau war ohne weitere Rückfragen fest davon überzeugt, dass sie die Angelegenheit am nächsten Morgen unverzüglich dem Popen zutragen müsse. Der Pope hörte sich die Geschichte dreimal stirnrunzelnd an und erzählte sie mit vielen Ausschmückungen, denn er hatte eine gesegnete Einbildungskraft, seinem Vorgesetzten, dem Metropoliten weiter. Dieser, ein hochgebildeter Mann, schloss die wundersame Ikone in sein Nachtgebet ein und suchte am Tag darauf um eine Audienz beim Patriarchen nach. Der Patriarch war tief berührt und verlas – nach Rücksprache mit dem Geheimdienstchef – noch am selben Tag in der Isaak-Kathedrale vor zahlreichen Gläubigen ein Kommuniqué. Darin wurden die Anbetungswürdigkeit der Ikone und die Glaubhaftigkeit ihrer Wundertätigkeit bestätigt.

Kurz und gut, seine Worte entfesselten einen Pilgersturm auf das unschuldige Objekt am Straßenrand an der Trasse von Leningrad nach Helsinki, wenige Kilometer vor der schärfstens bewachten Grenze zwischen der sozialistischen Sowjetunion und dem neutralen Finnland. Aber, o weh, die von meinem Freund und Reisebegleiter Hans gestiftete Ikone war nicht mehr da! Sie war weg, spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, sie glänzte nur noch durch Abwesenheit. Dieses neue Wunder spornte erst recht den Glaubenseifer der um die wundertätige Ikone Betrogenen an und inspirierte sie zu einer ganz und gar sowjetrussischen Vorgehensweise: ein Ersatz musste gefunden werden! Und wurde gefunden. Eine x-beliebige Ikone wurde an der Stelle des verschwundenen Originals platziert und von Stund an beständig mit Gebeten, Rosenkränzen, Blumen, Kerzen und Küssen überhäuft. Die Mär von unerklärlichen Heilungen machte die Runde. Binnen eines Jahres wurde der Aufenthaltsort der Wunderikone zu einem unwiderstehlichen Anziehungspunkt für Gläubige, Geheimdienstler, Neo-Wallfahrer und Touristen aus aller Welt. Eine Kapelle wurde um das Heiligtum errichtet und wenige Jahre später durch eine Kirche mit fünf Zwiebeltürmen ersetzt. Genau genommen in der Sowjetunion ein Ding der politischen Unmöglichkeit, aber drücken wir ein Auge zu!

Und wenn du das nächste Mal auf der Straße von St. Petersburg zur russisch-finnischen Grenze unterwegs bist, halte die Augen offen, damit du die Wallfahrtskirche auf der rechten Straßenseite nicht übersiehst; es sei denn sie ist in postsowjetischer Zeit mit dem Aufblühen des Kapitalismus einer Straßenverbreiterung zum Opfer gefallen.

Die Geschichte mit Nina war aber noch nicht zu Ende. Heinz war mit ihr noch viele Jahre nach der Begegnung in Moskau in Briefkontakt. Und so erfuhr er von ihren wiederholten Versuchen, über eine Westbekanntschaft das Land verlassen zu können; so auch von der folgenden Geschichte: Nina lernte 1974 einen amerikanischen Touristen kennen, der sie heiraten wollte. Timothy Loos wurde danach aber jahrelang die erneute Einreise in die Sowjetunion verwehrt. Er setzte Himmel und Hölle in Bewegung, aber trotz Presseartikeln, Rechtsbeistands und diplomatischer Bemühungen verstrichen mehrere Jahre, ehe er Nina wieder in die Arme schließen konnte. Erst 1978 bekam er erneut ein Einreisevisum, und das Paar ließ sich unverzüglich in Moskau trauen. Jetzt stand Ninas Ausreise in die USA nichts mehr im Wege. Über diese zu Tränen rührende Geschichte wurde sogar in einem Artikel der BILDzeitung (nebst einem Foto des Paares) unter der fetten Schlagzeile HAPPY END FÜR LOVE-STORY berichtet.

Linkes Erwachen

Im Spätherbst 1968, im Namensjahr des antiautoritären und antikapitalistischen Aufbruchs in Westdeutschland, der sogenannten Studentenbewegung, hatte ich mein Studium an der Abteilung Wuppertal der Pädagogischen Hochschule Rheinland begonnen. Diese tief evangelisch eingefärbte Ausbildungsstätte für Grund- und Hauptschullehrer befand sich bis zur Gründung der Bergischen Universität oben auf der Hardt, auf dem Heiligen Berg, in direkter Nachbarschaft zur Kirchlichen Hochschule, in dem Gebäude, das heute die Justizvollzugsschule beherbergt. Wenn ich mich richtig erinnere, studierten dort zu dieser Zeit zirka fünfhundert StudentInnen. Als ich Anfang 1969 in das schuhschachtelgroße Zimmer im Studentenwohnheim der PH einzog, ahnte ich nicht, dass ich mit Unterbrechungen mehr als vierzig Jahre lang in Wuppertal leben würde.

Noch während meiner Bundeswehrzeit, als ich im Frühjahr 1968 mit einem Rekruten (der vorher schon ein Studium begonnen hatte und dem Sozialdemokratischen Hochschulbund angehörte) am Vietnam-Tribunal in Berlin teilnahm, erhielt ich den für meine politische Einstellung entscheidenden linken Kick. Im überfüllten Audimax der TU thronten auf dem Podest die führenden Köpfe der linken Protestbewegung, und Rudi Dutschkes Rede, in der er überzeugend den dialektischen Zusammenhang zwischen dem Bombenterror in Vietnam, den Profitinteressen US-amerikanischer Rüstungskonzerne und der Notwendigkeit einer Weltrevolution herausstellte, beeindruckte mich zutiefst. So trat ich denn gleich am Anfang meines Studiums in Wuppertal dem SHB bei und fand mich in einem der unzähligen für das damalige Hochschulleben typischen studentischen Diskussionszirkel wieder, in denen nicht nur der Muff von tausend Jahren unter den Talaren