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Da kommst du auf die Welt mit einem komplexen angeborenen Herzfehler und kassierst danach direkt die zweite chronische Erkrankung. Seit 1994 lebt Anke mit zwei Krankheiten, die das Leben nicht immer einfach machen, aber auf eine ganz eigene Weise schön. Geschichten aus dem wahren Leben, deutschen Krankenhäusern und ein Einblick in ihre Gedanken.Ein Buch, das nicht nur Betroffenen und Angehörigen Mut machen , sondern auf diese Erkrankungen aufmerksam machen soll.Wusstest du schon? Eins von einhundert Kindern kommt mit einem Herzfehler zur Welt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Die Autorin Anke Trebing ist seit 1994 Kämpferin gegen zwei chronische Erkrankungen. Bereits seit Geburt leidet sie unter einem Herzfehler und Pulmonaler Hypertonie.
Beide Krankheiten sind als lebensverkürzend und nicht heilbar eingeordnet. Trotzdem lässt Anke sich das Leben nicht mies machen.
Sie lebt jeden Tag nach dem Motto: Das Leben ist immer lebenswert!
Mehr Infos und einen Einblick in das tägliche Leben erhältst du unter:
Instagram: ankes_herz
Facebook: Ankes Herz
Eins von einhundert Kindern kommt in Deutschlandmit einem Herzfehler zur Welt
1. Auflage 2020Copyright © 2020 Anke Trebing,c/o AutorenServices.deBirkenallee 24, 36037 Fulda
Idee und Text: Anke TrebingLektorat: Maren Keller, kontext-kassel.deCover-/Umschlaggestaltung: Patrick HuhnE-Book-Formatierung: Constanze Kramer, www.coverboutique.dePorträt Anke Trebing im Innenteil: Rebecca Lehmann
Herstellung und Verlag: Nova MD GmbH, Vachendorf
Alle Rechte vorbehalten. Das vorliegende Werk darf weder in seiner Gesamtheit noch in seinen Teilen ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Rechteinhaber in welcher Form auch immer veröffentlicht werden. Das betrifft insbesondere jedoch nicht ausschließlich elektronische, mechanische, physische, audiovisuelle oder anderweitige Reproduktion oder Speicherung und/oder Übertragung des Werkes sowie Übersetzungen. Davon ausgenommen sind kurze Auszüge, die zum Zwecke der Rezension entnommen werden.
Vorwort
Alles begann lila
Die Narbe – der größte Gewinn im Kampf
Erholsame Pause wünsch ich dir
Willkommen zurück!
Intensivleben
Stationsleben
Vorurteile? Nein, danke.
Das Leben danach
Plötzlich gesund! Ein Scherz?
Gratis Specialeffects
Blutmangel – du kannst Leben retten
Hallo Schönheitsideal
Medikamentenbingo
Achtung Kontrolle
Die Top 10
Normalität geht nicht
Hallo Nachbar
Krankenhaus-Must-have
Jetzt gibt’s Antworten, denkst du?
Vier Wochen später
Todesangst
Akzeptieren
Alltagsleben
Wie geht’s weiter?
Was ich Eltern rate
Mein Gepäck
Was du wissen musst
Ende
Danke
Stell dir vor, du kommst auf die Welt und bekommst direkt das Bonusheft für Scheiße überreicht. Darin kannst du dein ganzes Leben lang fleißig neue Stempel sammeln. Ich sehe das so ähnlich wie bei den Bonusapps der Krankenkassen. Nur leider bekommst du keine attraktiven Prämien ausgezahlt. Am Ende hast du einfach nur fleißig Stempel gesammelt. Herzlichen Glückwunsch.
Ungefähr so ist es bei mir gewesen. Oder besser gesagt so wird es immer laufen, denn ich kam mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt und entwickelte recht zügig Pulmonale Hypertonie (Lungenhochdruck). War sowas wie ein Jackpot für mein Bonusheft, denn ich hatte ja direkt zwei Stempel gesammelt.
Herz und Lunge. Das passt super zusammen. So wie Ketchup und Mayo, Eis und Strand, Sonne und Mond. Ist nur leider nicht so toll. Aber na ja, ich konnte mich ja auf meine ganz eigene Art der attraktiven Prämie aus meinem Bonusheft für Scheiße freuen.
Beide Erkrankungen sind unheilbar, lediglich verbessern kann man sie. Allerdings nicht zu vergleichen mit dem Zustand gesunder Menschen. Mit verbessern meine ich eher, überhaupt ein Leben zu ermöglichen, die Lebenserwartung zu erhöhen und die Lebensqualität zu verbessern. Es bedeutet also, dass ich meine Erkrankungen nie loswerde. Das ganz Besondere ist außerdem, dass sie als lebensverkürzend gelten. Wie ich dazu stehe und was es mit mir macht, werde ich unter anderem in diesem Buch schildern.
Du denkst, das Leben mit zwei chronischen Erkrankungen ist total für die Müllhalde? Da muss ich dich leider enttäuschen. Zugegeben, mein Leben ist speziell und sehr ereignisreich und es kostet oft viel Kraft, aber dennoch ist das Leben immer lebenswert, egal ob mit oder ohne Erkrankungen.
Das Wichtigste, das ich in meinem Leben wohl gelernt habe, ist, dass es niemals eine Option ist, einfach aufzugeben. Dass sich das Kämpfen lohnt und dass man nicht immer zu einhundert Prozent auf andere Menschen hören sollte.
Vertraue dir selbst, traue dir etwas zu und achte auf dich.
Natürlich kam ich nur durch mein ganz persönliches Bonusheft zu einigen dieser Erkenntnisse. Jedes Ereignis prägt mich bis heute. Bis heute heißt übrigens knapp sechsundzwanzig Jahre lang. Was wiederum auch direkt zeigt, dass das Leben mit chronischer Erkrankung nicht von heute auf morgen vorbei sein muss. Dass man gelegentlich eine höhere Lebenserwartung erreichen kann als zunächst angenommen.
Beide meiner Erkrankungen sind natürlich ein ernstes Thema. Etwas, was vielleicht in unserer Gesellschaft gar nicht so bekannt ist. Ich möchte aufklären, Mut machen und Raum zum Denken geben. Aber wie du vielleicht in diesem Vorwort schon feststellst, nehme ich mich und meine Krankheiten manchmal etwas auf die Schippe. Ganz ehrlich, ohne Spaß geht’s nicht.
Das Leben ist schon ernst genug.
Zu Beginn möchte ich außerdem darauf hinweisen, dass ich in diesem Buch meine eigenen Erfahrungen schildere. Es ist also kein Buch für den angehenden Medizinstudenten und kein Leitfaden, der sich einfach auf jeden Menschen mit Herzfehler anwenden lässt. Darum möchte ich auch noch mal ausdrücklich darauf hinweisen, nicht einfach alles nachzumachen, sondern auf den eignen Körper und Gesundheitszustand achtzugeben. Ich verzichte in meinem Buch ganz bewusst, so gut es eben irgendwie geht, auf irgendwelches Fachbegriffsblabla. Die Lust am Lesen soll dir nicht vergehen. Wikipedia wird also nicht benötigt.
Außerdem übernehme ich keine Gewähr dafür, dass meine Tipps und meine Ansichtsweise immer und überall korrekt sind. Bitte, liebe Leserin oder lieber Leser, sei mir deswegen nicht böse, wenn wir nicht immer eine Meinung haben.
Nun wünsche ich dir viel Freude an meinem Buch. Ich hoffe, dass du kein Mitleid mit meiner Geschichte hast, sondern viele positive Dinge entdecken kannst, denn das ist es, was ich vermitteln möchte.
Tada, da war ich also. Ganze zwei Wochen zu spät. Das war allerdings nicht das Problem, denn schnell stellte man fest: „Hey, mit der stimmt was nicht.“
Ich gab keine lauten Schreigeräusche von mir und noch dazu war ich lila. Wie lila weiß ich nicht. Ich war ja gerade erst geboren und habe keinerlei Erinnerungen an diese Momente. Aus Erzählungen meiner Mama stelle ich mir mich ungefähr so lila vor wie die Kuh einer berühmten Schokoladenmarke. Ich schätze, dass das ziemlich übertrieben ist. Aber mal ehrlich, woran denkst du zuerst bei der Farbe Lila?
Bei meiner Abschlussuntersuchung stellte man komische Herzgeräusche fest. Meine Herzgeräusche waren etwas aus dem Takt geraten und irgendwie untypisch für ein neugeborenes Kind, also ging es für meine Eltern und mich flott in das örtliche Klinikum nach Kassel zur Untersuchung. In meinem Geburtskrankenhaus gab es leider keine Spezialstation für lilafarbene Kinder wie mich. Man konnte also nicht wirklich beantworten, was mit mir los war. Vielleicht war ich auch einfach nur zu speziell. Sollten doch die Kardiologen mal lieber ein Auge auf mich werfen, die wissen bestimmt weiter.
Im Klinikum untersuchte mich ein Kardiologe, der eher wenig Mitgefühl hatte, denn unsanft teilte er meinen Eltern mit, dass ich womöglich schon die nächsten Tage sterben könnte. Es war aber nun mal, wie es war. Oder besser gesagt: er war nun mal, wie er eben war. Nicht zu ändern.
Er sprach auf jeden Fall ohne viele Fachbegriffe und war sehr direkt. Eigentlich eine gute Sache, nur stellte er nicht wirklich eine abschließende Diagnose. Helfen konnte er mir auch nicht. Nun gut, nachdem er mehrfach wiederholt hatte, wie schwer krank ich denn nun sei und ich quasi jede Minute abkratzen könne, erzählte er meinen Eltern endlich, dass ich an dem Herzfehler Fallot’sche Tetralogie litte. Allerdings könne er für mich nichts tun und meine Eltern müssten sich eine Fachklinik aussuchen. Meine Eltern entschieden sich für das Universitätsklinikum in Göttingen, wo wir schon ein paar Tage später das erste Mal zu Besuch waren.
In Göttingen folgte dann wieder einmal der Rundum-Check, der schon damals fast zum Alltag gehörte, und brachte eine Überraschung. Der Arzt hatte leider eine Fehldiagnose gestellt. Es kam noch dicker für mich. Da hatte ich mal wieder den Jackpot in Sachen Chronische Erkrankungen erwischt. Quasi einen Sechser im Lotto.
Ich hatte eine Pulmonalatresie mit Ventrikelseptumsdefekt und multifunktionaler Lungendurchblutung im Gepäck. Sprich: „Herzlichen Glückwunsch. Ihr Kind leidet an einerchronischen Erkrankung, aus der sich ganz bald eine zweite ergeben wird.“ Das ist sicher genau das, was sich Eltern nach der Geburt ihres Kindes erhoffen.
Was das für meine Eltern zu bedeuten hatte und wie die Gefühle nach der Diagnose waren, kann selbst ich nur erahnen. Ich wünsche niemandem, dass er eine solche Situation erleben muss. Ich wünsche nicht annähernd dieses Gefühl und diese pure Verzweiflung. Ich vermute, dass sich jeder ein Bild machen kann, wie unerträglich der Schmerz sein muss. Vielleicht bist du selbst ja auch ein Elternteil eines herzkranken Kindes.
Meine Eltern sollten mich nun zu weiteren Untersuchungen im Krankenhaus lassen. Zu Hause würde ich womöglich keinen weiteren Tag überleben.
Man entschied sich dafür und da folgte auch schon mein erster langer Krankenhausaufenthalt und meine erste Herzkatheteruntersuchung. Meine ganze eigene Art der Premiere. In der Herzkatheteruntersuchung stellte man fest, dass mir die wichtigste Arterie zur Lunge fehlte. Ich besaß lediglich ein paar andere kleine Blutgefäße aus der Zeit in Mamas Bauch. Das ist erstmal nicht typisch für eine Pulmonalatresie, manchmal liegt auch nur ein Verschluss zur Lungenstrohmbahn vor. Grundsätzlich musste man den Herzfehler per Operation korrigieren, da ich so das Erwachsenenalter nicht erreichen würde. Zu diesem Zeitpunkt konnte man mich noch nicht operieren, sodass meine Eltern die Wahl hatten zwischen: ein paar Jahre zu warten oder mit mir in eine Klinik in England zu gehen, wo die Ärzte diese Operationen schon an Neugeborenen ausführten. Bitte sei nicht überrascht, wieso diese Operationen heute vorgenommen werden können, wir befinden uns im Jahr 1994 und die Medizin macht glücklicherweise dauerhafte Fortschritte. Meine Eltern entschieden sich gegen die Behandlung in England und vertrauten auf meine Ärzte in Göttingen.
Nun hieß es, irgendwie durchzuhalten und zu überleben, bis ich endlich operiert werden konnte.
Und dann war es im März 1998 soweit.
Da erfolgte meine erste Operation am offenen Herzen. Premiere Nummer zwei also.
Man bastelte alles zusammen und erweiterte die Arterien. Ich hatte Glück und überstand alles relativ gut. Nach mehreren Wochen im Krankenhaus durfte ich nach Hause.
Nach dieser Operation erfolgte dann das böse Erwachen. Mein Allgemeinzustand verschlechterte sich extrem. Ich nahm stark ab, war sehr abgemagert. Meine Sättigung sank auf rund sechzig Prozent, wodurch ich der lilafarbenen Kuh wieder ähnelte, und ich war sehr antriebslos. Ich würde sagen: Ziel verfehlt. Eigentlich sollte die Operation meinen Allgemeinzustand verbessern. Mich fit machen für das normale Leben, was da draußen auf mich wartete. Doch es sollte einfach noch nicht soweit sein. Man entschied also rasch, dass es besser wäre, mich noch einmal zu operieren. Nur leider waren die Überlebenschancen nun nochmal geringer geworden, sodass ein erhöhtes Sterberisiko vorhanden war. Eine schwere Entscheidung, besonders für meine Eltern. Unternähme man nichts, dann würde ich wohl das Grundschulalter nicht erreichen. Meine Eltern entschieden, es zu versuchen und mich um mein Leben kämpfen zu lassen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich genau da mein Dickkopf entwickelt hat, den ich noch heute besitze.
Operation Nummer zwei – oder wie ich es nenne: Level zwei – verlief schon etwas kritischer. Level zwei stand im Februar 1999 an. Die Ärzte kämpften sich über zwölf Stunden durch dieses knifflige Level. Gut. Level zwei musste ja auch herausfordernder sein als Level eins. Mal schauen, was die Ärzte so alles drauf haben. Mal schauen, wie kreativ Ärzte sind. Ich forderte den Ärzten nun wirklich nicht die reine Theorie des Medizinstudiums ab. Nein, nein, ich wollte es besonders spannend machen. Mein Leben steht nicht so auf Otto-Normal-Verbraucher-Körper. Während ich also dalag und noch absolut keinen Bock hatte, zu sterben, und die Ärzte wirklich mehr als alles taten, warteten meine Eltern gefühlte Tage vor dem Operationsbereich. Für mich ist das heute das Schlimmste an allem. Zu wissen, was meine Familie so viele Stunden, Tage und Monate wegen mir durchmachen musste. Dass wir ständig gemeinsam stark sein mussten. Dass sie keine Zeit hatten, sich mal gehen zu lassen, nur um mir das Gefühl der Stärke zu zeigen.
Nach etwas über zwölf Stunden kam dann die Nachricht, dass ich es überstanden hatte. Zumindest vorerst. Man hatte auch diesmal wieder eine Korrekturoperation vorgenommen und mir einen Conduit eingesetzt. Eines meiner Ersatzteile im Körper. Ich lebte noch, aber die nächsten Tage zeigten sich kritisch. Womöglich würde ich diese nicht überleben.
Und ja, was soll ich sagen. Die nächsten Tage sammelte ich fleißig neue Punkte in meinem Bonusheft.
Es folgten ein paar ganz neue Erfahrungen, die man mit seinem Körper machen konnte und die mir bis dahin noch völlig fremd waren.
Ich sammelte ordentlich Wasser in meiner Lunge an. Da hatte wohl mein Körper die Lunge mit der Blase verwechselt oder ordentlich Bock auf Urlaub. Ah ja, Urlaub. Das war so eine Sache. Meine Eltern versprachen mir nach meiner Operation, mit mir in einen Urlaub meiner Wahl zu fahren. Sie brachten immer fleißig Kataloge mit und ich suchte mir natürlich den Traum schlechthin aus. Mallorca. Hach, da gab es Palmen, Sand und einen riesigen Pool.
Ich tippe heute noch darauf, dass meine Eltern innerlich geschockt waren und lieber nicht mit mir ins Flugzeug gestiegen wären, sondern da eher an Ostsee gedacht hatten. Bis heute hat mir das aber niemand verraten.
Weil meinem Körper das Ganze noch nicht ausreichte, erlitt ich außerdem noch Nierenversagen und als Sahnehäubchen oben drauf Kammerflimmern. Das war wohl so spektakulär, dass ich diesen Gang zwei Mal wählte.
