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Der Weg des Patienten Dietmar Wolfgang Pritzlaff von 1963 bis 2016. Der Patient und seine Krankheiten. Der Weg zum physisch und psychisch Kranken. Durch Höhen und Tiefen, Erfolge und Missgeschicke, Glück und Enttäuschungen auf dem Weg zum Gesunden, der nie mehr ganz gesund werden kann. Die "kranke" Gesellschaft, insbesondere desinteressierte Ärzte und überlastetes Pflegepersonal, falsche Diagnosen und einem Herzmord. Eine Leidensgeschichte voller Enttäuschungen, Hoffnungen und Rückschlägen. Der hoffnungsvolle Patient in der "kranken" Gesellschaft. Ein Tagebuch erlittener Krankheiten, schmerzhaften OPs und hoffnungsvollen und gescheiterten Therapien. Schmerzen und Schreien, Thriller und Drama und dem Willen weiterzumachen. Ein kranker "Thriller" mit unbekanntem Ausgang.
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Titel:
HERZMORD – Der Patient Dietmar Wolfgang Pritzlaff
ISBN:
978-3-9650-8749-1
Auflage 1 / Oktober 2018
© Foto: Charly, Köln
Autor:
Dietmar Wolfgang Pritzlaff (Alle Rechte dem Autor vorbehalten.)
geb. in Altena/Westf., schreibt Romane, Kurzgeschichten, Lyrik, Haiku, Songtexte,
Theaterstücke, Hörspiele, Essays und Drehbücher, journalistische Texte
www.diwop.de
www.liesmichnet.de
Verlag:
@ 2018 • dwp –Dietmar Wolfgang Pritzlaff • veröffentlicht von: feiyr.com
© Coverbild: „DIE BEDROHUNG“ von Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln
Sand-Dispersion-Lacke-Gips-Telexschnipsel- und Klebstoffe auf Holz - 49,5 x 52 cm
© Text und Satz: Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln
Ein Buch über Krankheiten? Also ein Sachbuch? Ein Buch von Ärzten und Krankenhäusern? Ein Ärzteführer? Ein Buch von einem Patienten und seinen Leiden? Ach, du liebe Güte! Kann das interessieren? Ich hoffe doch.
Im Internet gibt es nur vereinzelte Berichte und Leidensgeschichten zu einer Krankheit und einer Person. Ich würde gerne mal solche Lebens-Krankheits-Geschichten von anderen Schreibern lesen, so in ihrer Gesamtheit, aber das hat noch kaum einer gemacht. Ich schreibe mal dieses Buch als Beispiel-Lektüre. Vielleicht gibt es Kranke, die ihre gesamte Geschichte auch über Jahre erzählen wollen und sich nicht trauten oder keinen Verlag fanden. Gut, dass es heute so einfache wie geniale Lösungen gibt. Man schreibt und veröffentlicht einfach selbst und ruckzuck ist ein Buch digital erwerblich.
Ob es wirklich jemanden interessiert? Egal. Ich muss es erst Mal für mich aufschreiben und dann endlich loslassen. Warum nicht in Form eines eBooks?
Ich war bis heute ca. 700 Male bei Ärzten, Zahnärzten, Therapeuten, Gutachtern, Betriebsärzten und in Krankenhäusern. Ist das viel? So auf das ganze bisherige Leben gesehen? Ich bin jetzt 55 Jahre alt und denke, das ist schon eine stattliche Summe, die da zusammengekommen ist bis heute. Nicht mit eingerechnet sind die längeren Aufenthalte in Krankenhäusern. Diese sind dabei nur einmal erwähnt. Krankgeschrieben war ich auch für ca. 700 Tage. Über 2 Jahre krankgeschrieben? Puh...
Da gab es so viel Ärger mit Schwestern und Pflegern, falschen Medikamentengaben, Lügen, Verfehlungen und Fehlern von Ärzten. Ja, das muss ich mir alles von der Seele schreiben und wer weiß, ob sich nicht der eine oder andere in den Geschichten wiederfinden kann, sich identifizieren kann. Vielleicht hilft es anderen weiter in ihrem Leben.
Ich hoffe, man verliert nicht gänzlich den guten Glauben an die „Götter in Weiß“ durch mein hier vorliegendes Buch. Aber ich muss einige unter diesen Göttern, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind, einfach von ihren vergoldeten, unantastbaren Thronen zerren.
Außerdem hoffe ich, dass man nach der Lektüre dieser wahren Geschichten, meiner Geschichten, Ärzte mit anderen Augen sieht und auch mal was nachfragt und etwas distanziert betrachtet und nicht alles glaubt, was uns von diesen Göttern versprochen wird.
Es sind schließlich auch nur Menschen, die geschworen haben, nach bestem Wissen und Gewissen, Leben zu erhalten, zu retten, zu hegen und zu pflegen, womit auch immer und nach Möglichkeiten, mit neuesten Erkenntnissen und Techniken. Aber eben auch immer mit menschlichem Versagen.
Nach diesem Buch wissen Sie mehr. Viel Spaß und Spannung beim Lesen!
Ich kam 1963 im Wonnemonat Mai zur Welt. Im Städtischen Krankenhaus in Altena. Ja, das gab es noch. Irgendwann in den 1980er Jahren hatten wir sogar mal zwei Krankenhäuser. Heute gibt es keines mehr in Altena. Die Kranken müssen in die Krankenhäuser nach Iserlohn oder Lüdenscheid gebracht werden oder sich hinschleppen. Je nachdem.
Im Jahr 1963 wurde der US-Präsident John F. Kennedy ermordet. Es gab Flugzeugabstürze und einen Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Bali. Ein Erdbeben der Stärke 6,0 in Skopje, dem damaligen Jugoslawien, forderte 1.100 Tote. Ein neuer Papst wurde gewählt, Kanzler Adenauer dankte ab und in den USA lief Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel“ in den Kinos an.
Meine Geburt war für meine Mutter alles andere als schön, locker und leicht. Ich sollte als drittes Kind durch den engen Geburtskanal gequetscht werden, aber ich wollte nicht.
Man sieht ja auch hinterher so zerknautscht aus. Das macht keinen guten Eindruck und der erste Eindruck zählt doch!
Nach meinen älteren Schwestern und deren „Flutsch-und-raus-Geburten“, einer Fehlgeburt, vielleicht hätte es ein Bruder werden sollen, war ich nun das dritte Pritzlaff-Baby, das auf die Welt losgelassen werden sollte.
12 Stunden Qual im Krankenhaus. Kommt das Balg oder nicht? Hin und Her. Aber der kleine Scheißer, also ich, wollte einfach nicht an dem gewünschten Sonntag, den 05.05.1963 zur Welt kommen. Also wurde ich ein Montagskind. Das merkt man noch heute. Ich überlegte es mir viel zu spät und kam dann endlich 8 Minuten nach 01.00 Uhr nachts doch noch zur Welt. Ein Stier halt. Immer seinen sturen Kopf durchsetzen wollen.
Wahrscheinlich war es mir schön warm in Mutters Bauch. Ich wurde gut versorgt und behütet. Warum sollte ich da raus? Lieber noch eine Weile rumgetragen werden, das Bindegewebe weiten und wie wild unter Mutters Rippen treten, wenn es mir mal wieder zu langweilig wurde. Ich brauchte wohl mehr Beinfreiheit, aber die Rippen habe ich meiner Mutter dabei wundgetreten. Die Ärmste! Ich hätte „ordentlich gewirtschaftet“ im Mutterbauch und alle hätten angenommen, dass Zwillinge unterwegs wären. Waren sie aber nicht. Nur ich. Ätsch! Überraschung.
Ich war zwei Wochen übertragen. Das Fruchtwasser soll gestunken haben wie ... wie... zum Kotzen halt. Habe ich daher meinen Hang zu eher muffigeren menschlichen Gerüchen, als zu süßen Parfums? Oder ist das schon ein Fetisch? Lieber getragenes Leder, als blumig-frisches Seidenhemdchen. Lieber einen drei Tage nicht gewaschenen Kerl, als eine von Seife, Deo und Creme verschmierte „Husche“.
Ich soll 4,5 Kilogramm schwer gewesen sein. Ein dicker Junge. Mein Vater soll gleich ausgerufen haben: „Der Junge hat ein richtiges Schweinsgenick.“ Ich soll ausgesehen haben, wie ein nacktes Spanferkel mit einem Specknacken ausgerüstet. Gute Voraussetzungen also für ein Leben nach „dem Wurf“: Gleich auf den Grill damit!
Der kleine Specknacken hatte beim Rausklettern Mutters Steiß angebrochen. Fast zwei Jahre konnte meine arme Mutter nicht richtig sitzen. Immer nur mit Schmerzen. Aua!
Es sollte noch schlimmer kommen. Die Nachgeburt kam nicht richtig raus. Soll heißen, etwas blieb drin in meiner Mutter. Wie wird die Nachgeburt gemessen? In Zentimetern, Litern oder Tonnen? Jedenfalls löste diese weitere Misere eine Kettenreaktion an schlimmen Symptomen in meiner Mutter aus.
Fieberschübe, Eiter in den Brüsten, an den Finger- und Zehennägeln. Ein Arzt operierte die Brust meine Mutter zuhause im Bett. Was damals alles noch möglich war?
Der Rücken tat ihr weh. Man nahm sogar an, dass eine Lungenentzündung der Verursacher war. Das war aber falscher Alarm.
Durch die Verunreinigung von Eiter und Entzündungen, konnte mich meine Mutter nicht stillen. Ich war dazu verdonnert worden, ein Flaschenkind zu werden. Ich habe aber nie an der Flasche gehangen. So alkoholtechnisch, meine ich.
Ich habe nie an Mutters Brust gesaugt. Heul... Schluchz... Schnief... Vielleicht ein Zeichen dafür, dass ich noch heute auf dicke Titten abfahre und sie einfach geil finde. Wahrscheinlich, weil ich als Baby nicht an Brüste rangekommen bin. Ich schaue mir die dicken Dinger gerne an, was einige meiner schwulen Freunde irritiert.
Ich soll 56 cm gemessen und durch die Übertragung ganz verschrumpelte Finger gehabt haben. Irgendjemand muss sie wohl danach wieder glattgezogen haben. In meiner Kindheit waren sie nicht mehr schrumpelig, höchstens nach dem Baden oder Schwimmen. Und nun bin ich schon in dem Alter, in der die Haut wieder schrumpelig wird. Was für ein Scheiß!
Ich hatte schwarzes volles Haar von Anfang an. Ich fing also nicht mit einer Glatze an, sondern eher mit einer Mähne. Wie ein kleines Teufelchen, beschrieben in dem Roman „Rosemaries Baby“. Aber das Zeichen, die 6 6 6 aus dem Film „Das Omen“ sucht man in meinem Haaransatz vergeblich. Dafür begann die Glatzenbildung schon mit 28 Jahren.
Jetzt hatte mein Vater den ersehnten Stammhalter. Denkste! Ich halte lieber selber „sehnige Stämme“ in Händen, als den Familiennamen an Enkel und Urenkel weiterzugeben. Ein Schuss in den Ofen sozusagen. Alles umsonst. Aber das sollte alles erst viel später Thema werden.
Jetzt hieß es erst Mal viel saufen, aus der Flasche, essen und wachsen und ordentlich die Windeln vollscheißen. Die waren 1963 noch aus Stoff und wurden nicht einfach so weggeschmissen. Die wurden gewaschen und wiederbenutzt. Wieviel Scheiß die Mütter damals aushalten mussten!? Ausgekocht und gewaschen und gekocht und gewaschen... denn die Pampers kamen erst 1973 nach Deutschland, da war ich dann schon raus aus der größten Scheiße.
In unserer Waschküche stand noch ein alter Waschzuber, der mit Kohle geheizt wurde, und darin wurde Wäsche gewaschen. Das alte Wasch- oder Rubbelbrett habe ich heute noch als Andenken an diese Zeiten in meiner Wohnung stehen.
1967 war ich vier Jahre alt und bekam die Masern. Woher kamen die „Biester“? Also, aus dem Kindergarten hatte ich sie nicht. Ich war nur drei Wochen im Kindergarten. Ich wollte nicht eingesperrt sein und rebellierte. Ich wehrte mich, doch meine Mutter meinte ich müsse und schleppte mich wortwörtlich hinter sich her zum Kindergarten. Nach drei Wochen hatte auch meine Mutter die Schnauze voll von dem täglichen Zieh- und Schlepp-Theater und ich brauchte nicht mehr in den mir verhassten Kinderknast.
Ich denke mal, die Masern kamen von meinen Schwestern. Sie hatten sie aus der Schule mitgebracht und dann ging es bei uns zuhause rund. Natürlich steckten wir uns alle drei nacheinander und voneinander an.
Was war das für ein Mist? Unsere Körperchen randvoll mit Hitze vom Fieber. Wir mussten im Bett liegen und fühlten uns schlecht und matt und waren zu überhaupt nichts zu gebrauchen. Wir lagen in unserem durch Holzjalousien abgedunkelten Kinderzimmer, weil die Augen so lichtempfindlich waren und vegetierten den lieben langen Tag qualvoll vor uns hin. Drei Blagen im Halbdunkel. Von der Außenwelt abgeschnitten. In unserem gemeinsamen Kinderzimmer. Meine älteste Schwester in einem Einzelbett. Meine jüngere Schwester oben und ich unten im Stockbett. Kinder-Einzelzimmer „de luxe“ waren damals nicht üblich.
Man wollte sich ausgiebig kratzen und durfte nicht. Meine Mutter hatte uns sämtliche Kratzereien verboten. Aber sämtliche Verbote wurden über den Haufen geschmissen, wenn unsere Mutter aus dem Zimmer ging. Dann ging die wilde Kratzerei los. Wir konnten nicht anders. Auch die von ihr ausgemalten Horrorszenarien wie Löcher in der Haut oder schlimme Narben, die zurückbleiben würden, wenn wir uns kratzten, ließen uns nicht davon abhalten.
Unsere Hausärztin kam ins Haus und konnte auch so gar nichts anderes machen, als unsere ausgewachsene Krankheit zu bewundern.
Wir hatten Schnupfen, Husten, Halsschmerzen und ordentlich Fieber. Weil durch Masern noch Schlimmeres, wie Mittelohr- Lungen- und Gehirn-Entzündung entstehen können, mussten wir viel trinken, obwohl mit den Halsschmerzen jeder Schluck zur Tortur wurde. Dem Fieber rückte man mit Wadenwickel zu Leibe. Außerdem schluckten wir Paracetamol gegen Schmerzen und um etwas das hohe Fieber zu senken. Das war es eigentlich schon. Den Rest musste man aushalten. Über drei Wochen ging die ganze Chose über die Bühne und zerrte an Mutters Nerven und an unseren Leibern.
Heute gibt es für alles so wunderbare Impfungen. Die Kinder müssen nicht mehr durch diese Kinderkrankheiten durch und sind vor Ansteckung geschützt. Was für ein Fortschritt!
Im Winter 1968, ich war 5 Jahre alt, schneite es wie wild in Altena im Sauerland. Unsere Straße wies damals noch 5 Häuser eine große Schrägwiese, Schrebergärten und Wald auf. Heute ist alles von vorne bis hinten zugebaut.
Die schräge Wiese hatte den Namen Schäfchenwiese erhalten, weil im Sommer auf dieser Wiese ein paar Schafe eines Kleinbauern, der in der Nähe wohnte, angepflockt weideten.
Im Winter konnte man herrlich auf dieser Wiese Schlittenfahren. Und das taten wir Blagen auch. Die Wiese war nicht allzu schräg. Das erleichterte den Wiederanstieg für eine nächste Abfahrt. Aber man bekam genug Schwung für eine Rutschpartie.
Die Wiese hatte zu unserer Straße hin einen Steilabhang. Ein bis zwei Meter nix schräg, sondern eine steile Abbruchkante.
Mein Vater und ich im Schnee. Superspaßig. Wir machten Schneeballschlachten, bauten Schneemänner, ließen uns in den Schnee fallen und machten einen Schneeengel und natürlich fuhren wir mit dem Schlitten. Ein paar Male saß mein Vater mit auf dem Schlitten und hielt mich fest. Der eisige Wind pfiff uns um die Ohren und wieder ging es bergab.
Dann saß ich alleine auf dem Schlitten und sollte versuchen zu lenken. Wenn ich bemerken sollte, dass der Schlitten nicht dahinfuhr wo ich wollte, dann sollte ich abspringen.
Die Fahrt begann erst ziemlich langsam. Dann gab Papa mir einen Schubs und los ging es jetzt in zügiger Fahrt. Hei, wie machte das Spaß. Ich hielt mich mit meinen behandschuhten Händen an den Holzrippen des Schlittens fest, mit den Füßen oberhalb der Kufen abgestützt und der Abhang kam immer näher auf mich zu. Von hinten hörte ich meinen Vater schreien: „Spring ab, spring ab...“. Aber ich sprang nicht ab. Mutig ließ ich den Abhang immer näherkommen. Meine Fahrt sollte niemals enden.
Ein Telefonmast stand genau in der Mitte der Wiese an unserer Straße. Ja, damals waren die Telefonstrippen noch nicht unterirdisch verlegt und ich steuerte genau auf diesen Masten und den Abhang zu. Was heißt ich steuerte? Nein, mein Schlitten steuerte mich. Ich kannte mich noch nicht so aus mit dem lenken. Füßchen in den Schnee und abgebremst... Nö, das kam für mich nicht in Frage. Ich genoss die Schlittenfahrt in vollen Zügen. Dann der Abhang... Mein Schlitten machte einen Luftsprung mit mir und mein Kopf traf genau den Telefonmasten. Wie sich jeder vorstellen kann, der Mast war stärker als mein kleiner Kindernürsel. Es machte erst Zisch durch die Luft, ein kurzer Flug und dann RUMS! Mit dem Kopf vor den Mast. Stier halt. Bis zum Schluss hatte ich den Schlitten fest im Griff und er mich. Jetzt kam ich zwischen Schlitten und Telefonmast zum Liegen. Augenblicke später war mein Vater zur Stelle, hob mich auf und trug mich schnurstracks nach Hause. Das waren ja nur ein paar Meter.
Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen. Mir war schwindlig und mir war zum Erbrechen schlecht. Laute Geräusche waren die Hölle. Sofort rumorte es wieder in meiner Bumsrübe, also meinem Schädel. In den Armen und Beinen hatte ich keine Kraft mehr. Das Balancegefühl war völlig im Eimer.
Unser Hausarzt wurde gerufen und stellte eine mittelschwere Gehirnerschütterung fest. Bettruhe und viel trinken, war sein Rezept. Ein paar Schmerztabletten. Das war alles. Ich musste zuhause liegen bleiben, mich langweilen und abwarten bis sich meine angeschlagenen Hirnwindungen wieder entknotet hatten. Ein paar Tage war ich wie weggetreten und sah nur aufblitzende Pünktchen vor meinen Augen.
Zur Belohnung und zum Trost bekam ich ein gelbgrünes Plastikkrokodil geschenkt. Wow... Mein Flug vor den Telefonmast hatte sich mächtig gelohnt. Ich baute den größten Mist und bekam noch Spielzeug? Ich sollte vielleicht nochmal... Lieber nicht! Aber das Krokodil liebte ich heiß und innig und hat mich später immer an den Unfall erinnert.
Nach 1 Wochen war ich wieder wohlauf und konnte wieder aufrecht sitzen und auch schon stehen. Immer mal wieder gehorchten mir meine kleinen Beine nicht so, wie ich es wollte, aber es ging voran.
Und ich wollte, dass es voranging. Ich war schließlich 5 Jahre alt, verdammt nochmal. Ich musste doch wieder in die Welt hinaus und spielen und spielen und weitere Abenteuer bestehen.
An die ersten drei Polio-Schluckimpfungen in 1964 bis 1966 kann ich mich nicht erinnern. Aber an die Auffrischung in 1968. Es war ein großer Saal, ein Schulraum in der Grundschule Rahmede in Altena. Sehr viele kleine Kinder in einer Reihe hintereinanderstehend wurden abgefertigt. Medizin auf Zuckerstückchen, Mäulchen auf und rein mit der Impfe. Es hätte ruhig noch mehr Zucker geben können, denn die Impflösung schmeckte auch noch durch das Zuckerstückchen hindurch bitter, aber noch erträglich. Was sein muss, musste eben sein.
Die Kampagne der Regierung in Radio, TV und Zeitungen lautete: „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam!“ Der Slogan tat sein Werk und alle Eltern schleppten ihre Blagen zur Impfung. Damals noch mit Lebend-Impfstoff, der abgeschwächte Erreger enthielt.
Ich bekam weitere Impfungen gegen Diphterie, Keuchhusten und Tetanus (Wundstarrkrampf). Diese Impfungen waren aber kein Zuckerschlecken. Eine Spritze in den Oberarm. Die Spritze stach und der Einstich brannte den ganzen Impftag lang.
So impftechnisch ausgerüstet konnte es schon bald wieder auf die Spielwiesen der Welt gehen, ohne von irgendwelchen hässlichen Viren in Beschlag genommen zu werden.
Ich zog mal wieder das Unglück an. Als Montagskind keine große Überraschung.
Ich war 5 Jahre alt im Jahr 1968 und spielte an einem sonnigen Sommertag mit einem älteren und schon größeren Mädchen aus der Nachbarschaft. Sie hatte schon ein großes Fahrrad. Ich gurkte noch auf meinem Kinderfahrrad rum.
Ich liebäugelte die ganze Zeit mit ihrem großen Fahrrad und drängte sie dazu unsere Fahrräder gegeneinander einzutauschen.
Gesagt, getan und schon saß ich irgendwie auf dem Sitz, nur mit den Zehenspitzen konnte ich die Pedale treten. Daran waren wohl meine noch zu kurzen Beinchen schuld.
Erst fuhren wir nur auf unserer geraden und ebenerdigen Straße dem Finkenweg hin und her. Das ging also schon mal. Ich hatte zwar einige Schwierigkeiten das große Rad zu handhaben, aber egal. Muss gehen. Ich wollte ja unbedingt.
Wir fuhren den leicht ansteigenden Starenweg, der auf dem Finkenweg endete, hinauf um von oben einen besseren Anlauf für die Abfahrt zu haben. Kleines Wendemanöver und dann ging es mit ordentlich Fahrt wieder die Straße hinab. Diese Straße war damals noch nicht geteert. Man hatte sie neu geschoben und sie war noch eine Schotterstraße mit tiefen Schlaglöchern.
Hui, wie der Fahrtwind in den Ohren pfiff und RUMS kam das Vorderrad in das tiefe Schlagloch, mit einem gehörigen RUCK stellte sich der Lenker quer, ich verlor den Halt und flog in hohem Bogen über den Lenker auf den Schotterweg und schrammte noch mindestens drei Meter über den Schotter mit dem Gesicht, den Händen, der Schulter und den Knien.
Was tun?
Erstmal nichts. Ich konnte gar nichts tun. Ich lag einfach nur da und... Dachte ich was? Nein, ich glaube, ich dachte an nichts. Ich hatte nur Gefühle. Schmerzen überall. Ich blieb erstmal einfach nur liegen und brüllte und heulte wie am Spieß.
Andere Kinder die unseren Fahrradquatsch mit Soße, blutiger Soße, beigewohnt hatten, fassten sich ein Herz und liefen so schnell sie konnten zu meiner Mutter. Sie schellten und meine Mutter öffnete und war ganz erstaunt, dass es nicht ihr kleiner Dietmar war.
„Frau Pritzlaff, kommen sie schnell, der Dietmar liegt auf der Straße.“
„Dann soll er doch aufstehen“, sagte meine Mutter.
„Der kann nicht aufstehen, der ist mit dem Fahrrad gestürzt.“
Jetzt erst wurde meine Mutter hellhörig, schlüpfte in ihr Straßenschuhwerk, schnappte sich den Hausschlüssel und lief den Kindern nach, die ihr den Weg zum blutigen Dietmar wiesen. Und ich blutete gewaltig, wie meine Mutter mir erzählte. Ich konnte mich nicht aufrappeln und lag wohl immer noch im Dreck.
„Zicke, zicke, zacke, jeder hat ne’ Macke. Ne’ große oder kleine, jeder Mensch hat seine.“
Ich hatte jetzt meine zweite Macke weg. Wieder eine Gehirnerschütterung, aber eine leichtere. Dafür hatte ich kaum noch ein Gesicht im Gesicht.
Meine Mutter hob mich auf und trug mich auf ihren Armen. Meine offenen blutigen Schürfwunden an sich gedrückt, bluteten ihre Schürze und Pullover voll. Eine Hälfte meines Gesichts war nur noch eine blutige Masse. Sämtliche Haut war auf der linken Gesichtshälfte verschwunden. Kleine Steinchen hatten sich in und unter das blutige Fleisch gedrückt. Die untere Lippe war futsch oder war einfach weggeschabt. Meine Nase stand etwas schief und ist bis heute schief in meinem „fast makellosen Antlitz“ (hi, hi).
Meine Mutter erzählt noch heute von meinem Unfall. Sie hätte mich nicht mehr erkannt, so schlimm soll ich ausgesehen haben. Wie Frankensteins Monster. Ein völlig zermatschtes Gesicht.
Mein Vater war zur Arbeit. Wir hatten noch gar kein Auto. Wer konnte auf die Schnelle helfen? Meine Mutter schellte bei einem Nachbarn im Nebenhaus. Ein Herr Wunderle. Der hatte zwar ein Auto und wollte meiner Mutter und mir auch helfen, konnte aber kein Blut sehen, dann würde ihm schlecht. Ab ins Auto und mich mit einer Wolldecke zugedeckt, damit der arme Fahrer beim Anblick meiner Matschfresse nicht noch vor die Ecke fuhr. Ab ging es in Windeseile ins Krankenhaus. In das Krankenhaus in dem ich zur Welt gekommen war. Vorübergehender Aufenthalt Nummer 2 also.
In den damaligen Krankenhäusern gab es noch keine speziellen Kinderstationen, wie heute. Ich musste in einem Männer-Mehrbettzimmer liegen. Fünf alte Männer und ich, das Blag mit 5 Jahren. Die alten Herren machten mir schreckliche Angst. Sie gaben Geräusche von sich, die ich bisher nicht vernommen hatte. Zum Beispiel schnarchten einige in der Nacht. Furzten wann immer sie wollten laut durchs Zimmer und der entsetzliche Gestank drang dann auch zu mir. So rochen wohl alte Menschen.
Mein Gesicht war zu einem Ballon angeschwollen. Ein Auge war fast zugequollen und die Schulter, Hände und Knie schmerzten. Ich ließ meinen Schmerzensschreien freien Lauf. Ich wollte nach Hause und die alten Herren nicht um mich haben. Aber das ging nicht, und dann kam die Stunde des Abschieds von meiner Mutter. Sie wollte am nächsten Tag und dann jeden Tag wieder zu mir kommen. Ich sollte schön brav sein.
Wie soll man denn bitteschön in dieser Atmosphäre schön brav sein, wenn die Schmerzen unerträglich sind und die Tränen einfach so liefen wie sie wollten?
Ständig hallten laute Zurufe der Herren durch das Zimmer in die Richtung meines Bettchens. Die Herren fühlten sich in ihrer Genesung und in ihrer Ruhe gestört. Sie wollten, dass ich endlich die Schnauze hielt. Mein Geschrei und Geheule gingen ihnen auf die Nerven.
Eine Krankenschwester, meine liebe, nette Krankenschwester Ingrid kümmerte sich verständnisvoll und intensiv um mich. Sie war es auch, die mit den älteren Herren schimpfte und um ein bisschen mehr Rücksicht für den Kleinen Scheißer Dietmar kämpfte. Sie setzte sich an mein Bett und lenkte mich mit kindlichen Späßen von meinen Dauerschmerzen ab. Ein Segen, dass es diese Frau in diesem Krankenhaus gab.
Eine ganze Woche musste ich im Krankenhaus und in diesem mir verhassten Männerzimmer bleiben. Endlich gingen die schrecklichen Schwellungen zurück. Über der Augenbraue musste genäht werden und ist bis heute eine kleine Narbe zurückgeblieben. Außer dieser kleinen feinen Narbe hat sich mein Gesicht im Laufe der nächsten Zeit wieder eingekriegt. Es hatte wohl keine Lust auf Beulen und Dellen und glättete sich wieder.
Durch den ganzen Dreck in den Wunden und Steinchen unter der Haut bekam ich gleich die nächste Tetanusspritze. Sicher ist sicher. Von diesem Krankenhausaufenthalt hatte ich die Schnauze voll und wollte nie mehr hinein. Es sollte anders kommen.
Im Herbst 1968 spielte ich mal wieder im nahen Wald.
„Oh, was für eine wunderschöne dicke Raupe“, entfuhr es mir. Natürlich musste ich sofort dieses lustig schwarzrote „Ding“ mitnehmen. Ich wollte sie zuhause aufwachsen lassen. Noch ahnte ich nicht, was bald losgehen sollte.
Noch unterwegs auf dem nach Hause Weg begannen meine Hände zu brennen. Die fette Raupe ließ ich frei und lief nach Hause.
Ich bekam einen Ausschlag, der sich gewaschen hatte. Juckende Pickel wuchsen in Windeseile zu dicken Pusteln heran. Kratzen war mal wieder verboten, aber ich musste einfach.
Ich wurde zum Hautarzt geschleppt und mit Salbe und Puder versorgt. Auch zum Mitnehmen.
Zuhause wollte es die nächsten Tage nicht aufhören zu jucken und ich kratze mir natürlich wie wild die Pickel auf. Ganz allmählich verging die Allergie und ich lernte daraus: Nicht alles was kunterbunt rumkrabbelt in die Hand zu nehmen.
Was muss man in jungen Jahren schon alles mitmachen? Gerade raus aus dem Krankenhaus, eine halbes Jahr Ruhe und im Frühjahr 1969 schon wieder rein ins Krankenhaus.
Meine zwei Jahre ältere Schwester Vera und ich hatten vier, fünf Mal im Jahr Halsschmerzen mit Mandelentzündungen gehabt. Vereiterte Mandeln waren nicht schön, nicht schön anzusehen und überhaupt nicht schön zu ertragen. Das konnte so nicht weitergehen. Ab zum Arzt und der schickte uns zwei Kleinen mit Mutter ins Krankenhaus. Nicht schon wieder? Doch, aber dieses Mal zu Zweit. Wir bekamen sogar ein Zimmer mit 2 Betten.
Schnipp und schnapp und schon waren die Mandeln ab. Oder raus. Ich hatte außerdem noch eine Vergrößerung der Rachenmandel, ein Polyp. Nein, die echten Polypen in der Nase hatte ich damals nicht. Die hatte ich erst später. Damals spielte sich alles im Hals ab.
Nach unseren Operationen lagen wir gemeinsam im Zimmer und flennten vor Schmerzen. Schon Spuckeschlucken bereitete Halsschmerzen. Wir bekamen mehrmals am Tag eine Gummi-Halskrause mit Eisstücken darin um den Hals gelegt. Das kühlte nicht lange und schon fühlte man wieder den ganzen Schmerz. Zu essen bekamen wir erst Mal nur flüssigen Brei, alle möglichen Suppen und auch Puddingsuppe. Die war wirklich lecker, aber dieses verdammte Wund-Schlucken...
Das einzig richtig Gute an dieser Zeit war die Tatsache, dass wir so viel Eis wie wir wollten essen, schlecken und lecken konnten. Das schmeckte gut, kühlte die rötlichen Schwellungen im Hals und dämmte die Schmerzen ein.
Nachts war mir unheimlich in dem Krankenhauszimmer. Vom Gang her drangen immer wieder unbekannte Geräusche ins Zimmer. Klappern, Schritte, leises Murmeln.
Zu meinen Schmerzen kam auch noch Schiss vor der Nacht in mein Bettchen gehüpft und ich hüpfte dann zu meiner Schwester Vera ins Bett und genoss ihre Wärme und ihr Dasein in diesen trüben Frühjahrstagen. Was hätte ich nur ohne sie gemacht?
Wieder dauerte es eine ganze Woche, dann durften wir endlich wieder nach Hause. Spielen. Hurra!
Wieso muss man, musste ich, alles hintereinander kriegen?
Im Sommer 1969 schwoll mein Hals zu. Die Ohrspeicheldrüsen waren entzündet und wurden dick und dicker. Der Mumps oder auch Ziegenpeter genannt, hatte zugeschlagen. Eine Virusinfektion welche so schmerzhaft war, wenn man nur den Kopf zu drehen versuchte. Dicke Wangen sehen dabei aus, als ob man einen richtigen Fresskopp hatte. Natürlich hatte auch ich diese sogenannten Hamsterbacken. Dick und geschwollen. Die Ohren schmerzten ebenso. Kopf- und Gliederschmerzen musste ich ertragen. Wenn ich mich umdrehen wollte, schmerzte es in den Gliedern und sogar auf der Haut.
Ich bekam Fieber bis fast 40 Grad. Mama machte mal wieder Wadenwickel und ich bekam fiebersenkende Tabletten. Um den Hals wurde ein dicker Schal gewickelt. Wärme linderte ein wenig die Beschwerden.
Ziegenpeter hört sich so fröhlich an. Nichts war mit Fröhlichkeit. 2 Wochen vergingen die Schmerzen kaum und ich litt mal wieder Höllenqualen. Essen wollte ich nichts mehr. Sprechen wollte ich auch nicht. Alles tat weh. Aua!
Wenn einer anfängt mit dem Mist, dann hatten es auch gleich die anderen. Die Anderen waren mal wieder meine Schwestern. Sie durften sich auch mit dem ungeliebten Ziegenpeter auseinandersetzen.
Jetzt konnte die Schule kommen. Ich wurde nach den Sommerferien 1969 eingeschult.
Ich fehlte in meinem ersten Schuljahr gleich 10 Tage mit Entschuldigung. Denn schon wieder hatte unsere Familie eine Kinderkrankheit zu überstehen. Die Krankheiten hörten wirklich nicht auf.
Im Frühjahr 1970 juckten uns Blagen die Windpocken. Rote Punkte am ganzen Körper. Meine Schwestern und ich waren konterminiert.
Ich bekam hohes Fieber, mir war schlecht, hatte Husten und Halsschmerzen. Ich hatte diese juckenden Dinger auch am Gaumen im Mund.
Ich lag mal wieder flach und durfte nicht kratzen. Es juckte aber doch so schrecklich und ich kratzte trotzdem. Die Pickel platzten auf und aus ihnen lief dann ein Sekret, das schnell weitere Entzündungen auslöste. Was für ein Scheiß!
Gegen das hohe Fieber gab es mal wieder ein paar fiebersenkende Tabletten. Man sollte kühl liegen und dafür sorgen, dass die Haut gekühlt wird. Wadenwickel und feuchte Handtücher auf den Körper gelegt. Fingernägel wurden kurz geschnitten, um mich am Kratzen zu hindern. Lotionen zur Kühlung der Haut und danach schmierte meine Mutter Zinksalbe auf unsere Pickel am ganzen Körper. Und Puder, immer wieder Puder, für die nässenden aufgeplatzten Pickel. Die Pickel sollten abtrocknen und eine Kruste bilden, aber genau zu diesem Zeitpunkt juckten sie am meisten. Das war doch Folterei!
Die Betten wurden ständig abgezogen und der Puder flog durch die ganze Bude. Sechs lange Wochen steckte sich einer vom anderen an und gab es an den nächsten weiter. Sechs lange Wochen ging das, bis die Familie die Windpocken endlich besiegt hatte und alle Kinder die Pocken, das Jucken und das Kratzen loswurden.
Mit der Schule 1970, ich war 7 Jahre alt, fing alles an. Ich war schon ein hyperaktives Kind, aber die Schule machte aus mir ein nervöses Hemd und ich flatterte wild im Schulwind. Tagsüber dat bisken Hirn in der Schule verbiegen, obwohl ich lieber in Wäldern, Wiesen und Auen spielen hätte wollen, grub sich unter die Haut. Nach außen ein eifriges, lernbegieriges Kind und innen drin tobte die Nervosität. Die Zeit spielte eine große Rolle. Die Schulzeit wurde von Jahr zu Jahr immer länger.
Irgendwann machte es „Klick“, oder besser noch „Tick“ und dann hatte ich meine nächste Macke weg. Erst nur ab und zu, drückte etwas Unbekanntes unter meine Augenbraue. Um dieses Gefühl loszuwerden verzog ich für Sekunden nur das Gesicht auf der rechten Hälfte, kniff das rechte Auge zu und spannte die Augenbraue an. Kurze Zeit später war der Druck verflogen und ich entspannte wieder die Gesichtshälfte.
Allerdings häuften sich diese Gesichtsverziehungen. Immer öfters in immer kürzeren Abständen. Der Augenbrauendruck, machte mich „wahnsinnig“.
Meine Mutter und ich wieder zu unserem Hausarzt. Kurze Brauenbeschau und der Arzt sagte: „Ihr Sohn hat einen Tick.“
Wat dat denn? Das bekommen schon mal die „Kröten“, in dem Alter. Das geht von allein weg und das muss von alleine weggehen. Das war also der Trick mit dem Tick? Einfach nicht beachten.
Wie jetzt? Meine Mutter oder ich? Beide. Keiner sollte mich auf meinen Tick ansprechen und ich sollte versuchen ihn nicht zu bemerken. Von dem Druck der sich unter der Augenbraue aufbaute hatte ich erzählte, aber alles sei nur Quatsch mit Soße, einfach an was anderes Denken.
So macht man das also. Ganz einfach vergessen und dann vergeht der Tick. Ich konnte machen was ich wollte, der Tick blieb hartnäckig und setzte sich fest. Mal mehr, mal weniger, aber er blieb und keiner wollte mehr über den Tick reden. Den gibt es ja nicht. Und doch war er da. Er störte mich unglaublich. Ich wollte ihn wegdenken, aber dachte dabei an ihn, also verhielt er sich dementsprechend. Ein treuer Tick halt. Das wurde manchmal zum Gesichtsverziehungswettbewerb.
Das war wie mit Tinnitus, der da ist und den man nicht beachten soll. Manchmal gelingt es, aber oftmals auch nicht. Der Tick blieb.
Erst im dritten Schuljahr verschwand er allmählich. Nicht von heute auf morgen, von jetzt auf gleich, sondern ganz sacht, ganz langsam, wie in Zeitlupe. Ich brauchte nicht mehr kräftig das Auge zu kneifen, nur noch leicht und der Druck unter der Braue, der angeblich gar nicht existierte, wurde schwächer und schwächer und war eines schönen Tages wirklich nicht mehr zu spüren. Kein Druck mehr, kein Augenzucken, keine Gesichtsverziehung... 3 lange Jahre Tick waren endgültig vorbei.
Vielleicht ist aus dieser Zeit die Beweglichkeit meiner Augenbrauen zurückgeblieben. Ich kann seitdem jede Braue unabhängig voneinander hochziehen und wieder „fallen“ lassen. Augenbrauen-Akrobatik pur!
Schon vor der Schule hatte ich angefangen Nägel zu kauen. Also keine richtigen Nägel, sondern meine eigenen Fingernägel. Aber mit der Schulzeit wurde es immer intensiver und nachhaltiger. Es begann als ich 7 Jahre alt war im Jahr 1970, also das Jahr mit dem Tick.
Was sollte ich auch anderes machen, wenn es mal wieder hieß „nur zuhören“. Ich konnte besser denken, wenn ich an meinen Fingernägeln kaute.
Zuerst waren es wirklich nur die Fingernägel. Die mussten ja doch irgendwann geschnitten werden, also ab damit, zwischen den Schneidezähnen zermalmt und dann schmeckten die Biester auch noch irgendwie.
Die Fingernägel waren ab. Mehr abbeißen ging nicht mehr. Aber die Ränder unter dem Nagel, also die Haut die gerne mal wulstig wird beim Zurückschieben. Daran biss ich mich fest, wenn der Nagel nicht mehr war. Oft riss ich mir die Hautfetzen ab und kleine Blutstropfen rannen. Schnell hatte ich auch an Blut Gefallen gefunden und saugte die kleinen Wunden leer.
Noch später waren es die Fingerkuppen, die es mir angetan hatten. Die wurden blutig gebissen. Das rohe Fleisch kam zum Vorschein und ich machte auch dann noch nicht halt. Die kleinen blutigen Fleischstückchen schmeckten nach Rost, nach Eisen. Und das Blut saugte ich wieder in mich hinein. Wieviel Blut kann man trinken ohne als Vampir zu gelten?
Was hat meine Mutter alles angestellt, um mich vom Fingernägelkauen abzuhalten. Erst schmierte sie Senf auf alle Fingernägel. Angetrocknet musste ich erst Mal diese Senfkruste mit den Zähnen runterkratzen und dann... mmmhhh... wieder leckere Nägel abbeißen. Auch der schärfste Löwensenf ließ mich völlig kalt. Besser noch: Ich liebte so langsam aber sicher die Senfschärfe und verlangte nach mehr. Das war wohl etwas kontraproduktiv. Auch heute noch liebe ich die „scharfen Sachen“, wie Senf, Chilisoße und Peperoni.
Dann kaufte meine Mutter ein Anti-Fingernagelkau-Lack in der Apotheke. Ich bekam die Fingernägel mit dem Lack bestrichen. Der musste erst trocknen und dann... Kaute ich natürlich an den Fingernägeln. Aber – i-bah – was war das? Eklig, bitter und sauer zugleich. Das erste Mal hätte ich kotzen können. Meine Mutter hoffte schon auf Erfolg. Aber auch an die Bitterkeit konnte ich mich gewöhnen. Allerdings schmeckte das Zeug einfach Scheiße. Also erst Mal die Vorarbeit geleistet und den Lack mit den Zähnen runtergekratzt und dann wieder meine geliebten Nägel in den Hals. Herrlich!
Pflaster um jeden Finger geklebt und ich durfte nicht an die Pflaster gehen. Bin ich aber doch und schon war wieder ein Nagel futsch. Mit einem Trick konnte ich ein paar Tage lang meine Eltern hinters Licht führen. Pflaster angehoben, weggelegt und den Nagel bearbeitet, dann die Pflasterhülle wieder auf die Fingerkuppe gesteckt und angedrückt.
Eine neue Taktik wurde ausgedacht um mir meine Leidenschaft zu nehmen. Meine Eltern und meine beiden Schwestern sagten mir immer mal wieder, wie eklig meine bekauten Fingerkuppen aussehen würden. Ich würde ganz bestimmt keine Freundin bekommen. Die würde sich davor schütteln. Aber wollte ich eine Freundin überhaupt?
Ich wurde nervös, also kaute ich. Ich dachte nach, also kaute ich. Es gab ein Problem, erst Mal kauen. Wie stellt man das nur ab?
Irgendwann gaben meine Eltern und auch meine Schwestern auf. Und ich durfte kauen, bis der Arzt kam. Aber der kam deswegen nicht. Also kaute ich weiter.
Bei Klassenarbeiten musste so mancher Finger dran glauben. Zwischendurch blutete ich mal wieder und wickelte mir Tempotaschentücher um die arg mitgenommenen blutigen Finger. Bis zur Abgabe der Klassenarbeit hatte ich dann drei Taschentücher um die Finger gebunden.
Erst Mitte 20 hörte ich wirklich mit dem Fingernägelkauen auf. Mit 23 Jahren wurde ich Hausmeister und gleichzeitig Haus- und Hof-Künstler Altenas in der Stadtgalerie Altena.
Vielleicht war es der Publikumsverkehr bei Ausstellungseröffnungen, oder dass ich angefangen hatte Theater zu spielen, kurzum mit 26 Jahren hatte ich plötzlich wieder Fingernägel. Allerdings dürfen die Nägel nicht viel länger sein als die Fingerkuppen. Dann könnte es sein, dass ich wieder zum Untier werde und meine Nägel fresse. Also werden die Nägel ganz kurz geschnitten.
Auch dürfen keine Spelzen an den Nägeln oder Hautenden am Nagelbett überstehen. Die fordern mich zum rumfummeln und abknibbeln auf. Noch heute! Deshalb müssen die Nägel gefeilt werden. Aber, ich ließ wirklich das Nägelkauen sein.
Meine Fingerkuppen sind dicke Wülste und die Nägel wachsen ziemlich platt und nicht gewölbt hervor. Durch die vielen Nagelbettentzündungen wachsen sie nun Mal nicht mehr anders. Damit muss ich eben leben.
Es dürfen nur nicht wieder irgendwelche Spelzen hervorluken. Dann kann ich auch heute noch ständig daran herumknibbeln und dann kann es auch schon mal passieren, dass ein Hautende zwischen die Zähne gerät und gekaut wird. Ich bin nun mal Fleischesser. Aber nur noch sehr selten das eigene.
Im Winter 1974 bekam ich zu Weihnachten ein Paar Kinderski geschenkt und Frau Holle hatte ein Einsehen und ließ dicke Flocken schneien. Hurra, jetzt konnten die Skier ausprobiert werden.
Kinderski waren viel kürzer als die für Erwachsene. Ich sollte ja noch lernen, also gab es erst Mal nur die kürzeren. Aber so kurz waren die Dinger gar nicht. Auf dem Weg zu der großen Ski-Wiese inmitten unseres Waldes oberhalb unserer Wohnung sollte ich mich schon mal einlaufen. Meine Eltern waren dabei und beäugten mich wie mich diese verdammten Schneebretter beherrschten. Erst nur Loipe laufen. Aber die Bretter wollten nicht an Ort und Stelle bleiben. Entweder schlossen sie sich zum Paar vorne zusammen oder ich latschte mir selbst auf den hinteren Bereich.
Irgendwie kam ich damit nicht zurecht. Die langen Skistöcke in den Händen und an den Füßen die Bretter... Ne, das war nix für mich. Die Koordination der vier Gerätschaften wollte mir nicht gelingen. Also wieder abgeschnallt und bis zur Ski-Wiese getragen. Es gab noch keine aushebelbaren Skier. Die Winterstiefel mussten richtig angeschnallt werden.
An der abschüssigen verschneiten Wiese angelangt wieder die Skier angeschnallt und ab ging die Fahrt. Aber nur 20 Meter. Unterwegs hatte sich ein Hügel Schnee gebildet und als ich ihn überfuhr verlor ich mein Gleichgewicht. Anstatt die Skistöcke sofort wegzuschmeißen, versuchte ich mich mit den Dingern zu halten, was mir aber nicht gelang. Ich rutsche immer noch und hatte schon die Skibretter vorne über Kreuz. Ich verhakelte mich mit den Stöcken im Schnee, aber da war es schon zu spät. Ich flog nach hinten – RUMS – auf den Rücken. Die Skier zu beiden Seiten verdrehten mir die Beine. Einen Stock ließ ich endlich los und der rutschte den Abhang ein Stück runter. Den anderen hatte ich noch fest in der Hand.
Ich konnte keine Luft holen. Ich rang nach Luft, japste nur noch. Ich konnte weder nach Hilfe rufen, noch Aufstehen, aber gerade das verlangten jetzt meine Eltern von mir und riefen: „Komm steh auf und gleich nochmal probieren“.
Aber der arme Junge konnte nicht aufstehen. Irgendwann so nach gefühlten 3 Stunden kamen meine Eltern zu mir und erst da bemerkten sie, dass ich gar nicht aufstehen konnte. Meine Mutter war außer sich vor Sorge. Mein Vater stellte mich wieder auf die Bretter. Ich wäre gleich wieder gerutscht, hätte er mich nicht festgehalten. Ich beugte mich etwas nach vorne und dann konnte ich wieder Luft holen. Ganz tief Luft holen. Dann war auch meinen Eltern klar, dass ich fast erstickt wäre.
Ich hatte sofort die Schnauze voll von den blöden Skiern und wollte an diesem Tag auf gar keinen Fall mehr Skilaufen. Und auch am nächsten Tag nicht und gar keinen Tag mehr. Das eine Mal reichte mir völlig. Was für ein bekloppter Sport auf Brettern und mit 2 Stöcken... Ne, das war gar nix für mich.
Ich bekam ein Jahr später Gleitschuhe geschenkt. Das war mein Ding. Kleine Rutschfläche unterm Schuh, fest angezogen. Damit konnte ich umgehen. Damit konnte ich laufen und Gas geben. Ob flachabfallende oder steile Abhänge. Da machte mir kaum einer was vor. Da ragte nix Meterlang nach vorne und hinten. Mit Gleitschuhen war ich wendig und schnell.
Wieso gibt es die Dinger heute nur bis Größe 30, maximal bis 41? Und nur für Kinder? Die würde ich wiederkaufen, wenn es sie in größere Größen geben würde. So ein Mist aber auch.
Gleitschuhe haben eine breite Lauffläche. Optimal für Schnee. Bei Eis sollte man schon besser Schlittschuhe haben. Meine Schwester Vera hatte welche und ich, 2 Jahre jüngerer Bruder, konnte ihre Schlittschuhe anziehen und hatte noch Luft für dicke Socken.
Mein Vater kam im Winter 1975 auf die glorreiche Idee auf einem kleinen Teich, dem sogenannten Kolk, mitten in seinem Jagdrevier Schlittschuh zu fahren. Der Teich wäre zugefroren und eine dicke Eisschicht würde uns tragen können. Na bestens, dann mal los.
Mit von der Partie waren meine Mutter mit den Schlittschuhen meiner ältesten Schwester Gunilla, mein Vater, der nur in Winterschuhen steckte und auf seinen Sohlen rutschen wollte und ich.
Wir fuhren nach Werdohl-Elverlingsen und latschten durch den Wald bis zum Kolkteich. Schlittschuhe angeschnallt und ab geht die Fahrt bis...
RUMS – wieder lag ich mal auf dem Rücken und japste nach Luft. So ein Mist. Schon wieder. Wieder musste mein Vater dafür sorgen, dass ich zu Luft kam. Ich ruhte mich ein wenig aus und dann wieder aufs Eis und... RUMS – da lag dann auch meine Mutter auf dem Eis. Nicht auf dem Rücken, sondern auf der Seite. Die Hüfte tat ihr weh. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte nochmals auf den Kufen zu kurven, aber wieder kam sie ins Schwanken und wäre fast wieder hingeknallte. Tippel-Schritte und sonst kein laufen, fahren oder gleiten.
Ich bekam wieder Luft und glitt wieder aufs Eis. Der Teich war wirklich dick zugefroren, also brauchte man keine Angst zu haben einzubrechen. Es hatte aber den Tag über geschneit und eine lose Pulverschneedecke bedeckte Mal mehr, mal weniger die Eisfläche. Und wieder stolperte ich und nochmals und schon wieder... konnte mich aber immer wieder fangen. Was war denn unter dem Schnee?
