Heute nicht, Dämon! - Marc Bidersek - E-Book

Heute nicht, Dämon! E-Book

Marc Bidersek

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Beschreibung

Der autobiografsche Roman "Heute nicht, Dämon!" von Marc Bidersek erzählt die Geschichte des namenlosen Protagonisten, der in jungen Jahren gegen seine Alkoholsucht ankämpfte, einen Marathon lief und beruflich erfolgreich wurde. Als er jedoch auf Stella trifft, scheint das Glück perfekt zu sein. Sie verloben sich und planen eine Familie zusammen. Doch dann der Schock: Stella ist schwanger von einem anderen Mann. Das Leben des Protagonisten gerät erneut aus den Fugen, und er muss sich erneut gegen seine Dämonen stellen. Die Angst vor einem Rückfall in die Alkoholsucht droht ihn zu überwältigen, aber er kämpft weiter gegen seine inneren Dämonen an. "Heute nicht, Dämon!" ist ein bewegender Roman über Liebe, Verlust und den Kampf gegen die eigenen inneren Dämonen. Marc Bidersek gelingt es, die Gedanken- und Gefühlswelt seines Protagonisten eindringlich darzustellen und die Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt zu nehmen. Ein Roman, der zum Nachdenken anregt und zeigt, dass es möglich ist, auch in den dunkelsten Momenten des Lebens wieder ans Licht zu gelangen.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Heute nicht, Dämon!

Marc Bidersek

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2023 Marc Bidersek

Umschlaggestaltung: Marina Rudolph

Lektorat, Korrektorat: Renate Jung

Buchsatz und Layout: Verena Blumenfeld

Publishing: Angela Zigann

Verlag & Druck:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

ISBN (Paperback): 978-3-347-90799-7

ISBN (eBook): 978-3-347-90801-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Heute nicht,

DÄMON!

Meine packende, wahre Geschichte zwischen Selbstzerstörung, Hoffnung und bedingungsloser Liebe.

Marc Bidersek

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Urheberrechte

Titelblatt

Kapitel 1: Neuanfang

Kapitel 2: Die Offenbarung

Kapitel 3: Déjà-vu

Kapitel 4: Die Karten der Madame Mangala

Kapitel 5: Keine Zeit für Zärtlichkeit

Kapitel 6: Als Michael Jackson zu mir nach Hause kam

Kapitel 7: Wer bin ich und wie viele?

Kapitel 8: Alles auf Anfang

Kapitel 9: Raue Endlosigkeit

Kapitel 10: Katerstimmung

Kapitel 11: Küstenfeuer

Kapitel 12: Sturmumtost

Kapitel 13: Heimkehr

Heute nicht, Dämon!

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1: Neuanfang

Kapitel 13: Heimkehr

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Kapitel 1

Neuanfang

Was hatten wir nicht für schöne Zeiten erlebt, damals, als alles anfing und wir uns in der Firma kennenlernten.

Ich war 43, sie gerade einmal 27. Ich möchte betonen, dass ich eigentlich nicht der Typ bin, der wesentlich jüngeren Frauen hinterherschaut, aber bei Stella entwickelte sich das irgendwie ganz natürlich.

Im Jahr 2020 hatte ich nach langer Zeit als Freelancer eine Stelle im Außendienst als klinischer Anwendungsspezialist in einer Firma für Medizintechnik angefangen und betreute nun Herzpatienten. Mein eigenes Herz versetzte diese Tätigkeit dann allerdings schnell in Unruhe, denn über meine Arbeit in dem Unternehmen lernte ich Stella kennen, die dort im medizinischen Innendienst die eingehenden Unterlagen prüfte und schon seit einiger Zeit in dem Unternehmen arbeitete. Es dauerte nicht sehr lange, bis wir miteinander in Kontakt kamen. Ja, ich weiß. »Never fuck the Company.« Ich kenne diese Regel. Aber wir waren uns auf Anhieb derart sympathisch, dass wir uns nur einen Tag nach unserem ersten Gespräch bereits auf Facebook Nachrichten schrieben – bis tief in die Nacht hinein ging das so.

Sie ist von der Biostruktur her der »blaue Typ«. Hier spielt das Großhirn eine tragende Rolle. Bei der Biostruktur, das habe ich in einem medizinischen Fachblatt gelesen, unterscheidet die Forschung drei verschiedene Bereiche im Gehirn: den blauen, den roten und den grünen. Der blaue Typ neigt zu planendem und vorausschauendem Handeln, ist bedächtig und analytisch – eine Eigenschaft, die ich bei Frauen grundsätzlich sehr schätze. Ich konnte damals noch nicht ahnen, dass sich Stellas blauer Typ später einmal zu meinen Ungunsten auswirken könnte.

Ich bin eher der »grüne Typ«. Bei mir stehen Erfahrungen, Instinkte und Gefühle im Vordergrund. Verantwortlich dafür ist das Stammhirn. Zunächst fand ich Stella nur hinreißend und konnte es kaum erwarten, bis wir uns endlich außerhalb der Arbeit privat treffen würden.

Dann war es endlich soweit. Wir verabredeten uns an einem neutralen Ort, ungefähr gleich weit von unseren Wohnorten entfernt. Da unser Date im Oktober 2020 stattfand und mitten in die Corona-Zeit fiel, begrüßten wir uns auf einem Parkplatz im nordrhein-westfälischen Dormagen erst einmal vorschriftsmäßig mit Maske. Beinahe symbolisch ließen wir diese aber sehr schnell fallen und gingen in einem American Diner, im Centro Oberhausen, essen. Wir mussten uns gar nicht erst kennenlernen, wir waren sofort vertraut miteinander. Sie verstand, was ich sagte. Ich verstand, was sie sagte. Es gab keine Kommunikationsschwierigkeiten.

Ich war fasziniert. Eine intelligente, ausgesprochen attraktive Frau, die sich für mich und mein Leben interessierte! Ich hatte schon gedacht, so etwas gäbe es überhaupt nicht mehr. Und auch Stella schien großen Gefallen an mir zu finden, jedenfalls sah sie mich an, als sei ich ihr ganz persönlicher Sechser im Lotto. Und da war noch etwas anderes. Etwas, das tiefer ging als unser vertrauliches Gespräch. Mir ist es fast ein bisschen peinlich, das zuzugeben, aber wir fühlten uns auch körperlich sofort zueinander hingezogen.

Wir aßen gar nicht mehr auf, sondern fuhren in den Landschaftspark Duisburg-Nord. Während des romantischen Spaziergangs bei Mondschein wollte ich unbedingt ihre Hand halten, um mich meines Gefühls der Verbundenheit zu vergewissern, fand anfangs jedoch nicht den Mut dazu. Später, als ich sie zu ihrem Wagen zurückgefahren hatte, saßen wir noch eine Zeitlang in meinem Auto. Ich legte behutsam meine Hand auf ihr Knie, und unsere Hände berührten sich zum ersten Mal. Dann küsste sie mich, sehr zart-vorsichtig – und es gab kein Halten mehr.

Mehr möchte ich hier nicht verraten.

Wir wurden sofort ein Paar. Es war die berühmte Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte schon einmal davon gehört, es aber immer für ein Gerücht gehalten. Oder für Einbildung oder etwas Ähnliches. Aber nun hatte es mich selbst erwischt. Wie ein Donnerschlag. Nach nur drei Wochen machten wir zusammen unseren ersten Urlaub und besuchten ihren Vater in einer Reha-Klinik in Damp an der Ostsee, wo wir ein paar romantische Tage miteinander verbrachten.

Abgesehen von meiner Verliebtheit hatte Stella noch in einem weiteren sehr wichtigen Punkt in meinem Leben gewonnen: Sie verstand sich ausgesprochen gut mit meinem damals achtjährigen Sohn Ben, den sie nach kurzer Zeit kennenlernte. Er stammt aus einer früheren Beziehung und wächst bei mir auf. Sie ging stets sehr liebevoll mit ihm um, auch er schien sich gut mit ihr zu verstehen und begann sich nach anfänglicher Scheu zu öffnen. Er vertraute ihr und mochte sie von Herzen gern.

Schnell reifte der Plan, eine Familie zu gründen und für immer zusammen zu bleiben. Zu schnell, finden Sie?

Wie viel Glück braucht man, um sich für ein gemeinsames Leben zu entscheiden? Es war alles vorhanden: Liebe, ein großartiges Verhältnis zu meinem Sohn, Zärtlichkeit, Leidenschaft, Vertrauen, unbegrenzte Zuneigung.

Nur ein Traum wollte sich in der nächsten Zeit nicht erfüllen. Wir wünschten uns ein gemeinsames Kind – und zwar so schnell wie möglich. Schon lange hatte sie sich ein Baby gewünscht, und ihre Überzeugung, in mir den passenden Vater und Partner gefunden zu haben, bestärkte mich natürlich noch mehr in meinem Entschluss, mein Leben mit ihr zu teilen. Ich wollte sie heiraten – meine Traumfrau, die Liebe meines Lebens.

Den Heiratsantrag machte ich ihr an einem romantischen Abend im November 2021 in Maria Laach in der Vulkaneifel. Sie war überglücklich und nahm meinen Antrag ohne Zögern an. Dieser Moment, in dem ich ihr den Ring an den Finger steckte, machte mich zum glücklichsten Mann auf der Welt. Nur leider klappte es nicht. Das mit dem Baby, meine ich. So oft wir es auch versuchten. Anfangs nahmen wir es noch mit Humor. Bald aber schon etwas weniger.

Schließlich zogen wir auch eine künstliche Befruchtung in Betracht. Wir wünschten uns so sehr ein gemeinsames Kind. Ich konnte es kaum erwarten, wieder Vater zu werden und mit der großartigsten Frau auf der Welt eine Familie zu gründen.

Ganz gleich, ob es nun ein Junge oder ein Mädchen sein würde. Weder Stella noch ich hatten diesbezüglich irgendeine Priorität. Obwohl ich glaube, dass sie sich insgeheim ein Mädchen wünschte. Auch Ben wünschte sich ein Geschwisterchen, und eine richtige Familie hätte er auch verdient.

Wir führten ein Leben zwischen unendlicher Liebe, Hoffnung auf gemeinsamen Nachwuchs und Schwangerschaftstests. Von denen einer dann eines Tages nicht funktionierte. Das Ding, also der Test, zeigte weder im positiven noch im negativen Bereich irgendeine Reaktion. Zufälligerweise planten wir an jenem Tag Anfang September einen Ausflug nach Venlo, einer kleinen niederländischen Stadt an der Maas. Stella meinte, sie wolle dort noch schnell einen weiteren Schwangerschaftstest kaufen. Ich hatte nichts dagegen, ganz im Gegenteil, denn schließlich war ich genauso aufgeregt und neugierig wie sie.

Wir kehrten in einem Restaurant ein, und Stella verschwand auf die Toilette. Ich wartete nervös an unserem Tisch und versuchte, mich mit dem wunderschönen Ausblick auf die Maas etwas abzulenken. In wenigen Minuten würde es sich entscheiden. Vater. Mutter. Ein Kind. Oder auch nicht.

Als Stella von der Toilette zurückkam, konnte ich zunächst an ihrem Gesichtsausdruck nichts ablesen. Keine Enttäuschung, aber auch keine Freude. Hatte etwa auch dieser Test nicht funktioniert? Sie setzte sich mir gegenüber und sah mich an. Man hätte die Spannung mit einem Messer schneiden können. Ich wartete aufgeregt, dass sie zu sprechen anfing. Was würde sie sagen? »Schatz, wir haben es geschafft und bekommen ein Baby«, oder: »Liebling, leider hat es wieder nicht geklappt.«

Nach ungefähr dreißig Sekunden des Zögerns und des Schweigens sagte Stella merkwürdig tonlos: »Der Test war positiv. Ich bekomme ein Kind.«

Ich war fassungslos vor Freude und hätte sie am liebsten auf der Stelle gepackt, in die Arme genommen und gleich hier auf der Terrasse des Restaurants herumgewirbelt. Das schien mir aber doch etwas zu übertrieben. Also nahm ich zärtlich ihre Hand, wie ich es immer tat, streichelte sie und meinte: »Das ist doch wundervoll, darauf haben wir jetzt so lange gewartet. Ich freue mich so sehr, mein Schatz.«

Was auch stimmte. Eine unaussprechliche Freude erfüllte mich, ich fühlte mich wie berauscht, obwohl ich keinen einzigen Tropfen getrunken hatte. Blitzschnell schossen vor meinem Auge Bilder der Zukunft vorbei. Bilder, in denen wir gemeinsam mit Ben und seiner Schwester oder seinem Bruder als glückliche Familie ein wunderschönes Leben führen würden.

Alle meine Wünsche schienen hier, an diesem Nachmittag in Venlo, in Erfüllung gegangen zu sein. Ich weinte vor Freude und Glück.

Dann bemerkte ich, dass Stella merkwürdig still geblieben war und meine Freude nur bedingt zu teilen schien. Wieder streichelte ich ihre Hand und fragte vorsichtig: »Freust du dich denn gar nicht, mein Schatz?«

Sie sah mir nicht direkt in die Augen, sondern starrte angespannt auf die schneeweiße Tischdecke. »Doch … ja … irgendwie schon«, stammelte sie. »Ich weiß nicht … da wünscht man sich die ganze Zeit so ein Ergebnis – und wenn es dann da ist, haut es einen völlig um. Ich glaube, ich muss mich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, Mutter zu werden. Aber doch, natürlich, ich freue mich auch.«

Ich konnte ihre Reaktion sehr gut nachvollziehen. Schließlich hatten wir es so oft probiert und waren immer wieder enttäuscht worden. Natürlich musste sie diese Erkenntnis erst einmal verdauen. Später würde sie sich genauso freuen wie ich, da war ich mir sicher. Doch wahre Begeisterung wollte an diesem Nachmittag bei ihr nicht mehr aufkommen.

Während wir zu unserem Wagen zurückgingen und die letzten Sonnenstrahlen des Tages genossen, blieb sie plötzlich stehen und sagte: »Vielleicht sollten wir das Ergebnis meines Frauenarztes abwarten. So ein Test kann doch auch mal ein falsches Ergebnis anzeigen. Wahrscheinlich kann ich mich deswegen noch nicht ganz so sehr freuen. Ich habe ein bisschen Angst, dass sich am Ende doch noch herausstellt, dass der Test gesponnen hat.«

Auch das konnte ich verstehen. Ja, wir hatten in den vergangenen Monaten so einiges an Ernüchterungen erlebt, was eine mögliche Schwangerschaft anging. Stella hatte Recht, wie so oft. Erst wenn der Arzt die Schwangerschaft bestätigen würde, stand das richtige Ergebnis zu 100 Prozent fest.

Trotzdem konnte ich nicht aufhören, mich auf unser weiteres Leben zu freuen. Denn irgendwie war ich mir sicher, dass es mit der Schwangerschaft endlich geklappt hatte. Ich vertraute hier völlig meinem Instinkt, der mich in meinem Leben selten im Stich gelassen hatte.

Tja, und was soll ich sagen? Der Arzt bestätigte das Ergebnis des Tests und gratulierte Stella zu ihrer Schwangerschaft und dem baldigen Muttersein.

Und wieder blieb sie merkwürdig still, während ich vor lauter Freude am liebsten getanzt und gesungen hätte. Zum Glück fiel mir noch rechtzeitig ein, dass ich beides nicht kann. Ich wollte uns beiden die Peinlichkeit ersparen, und Stella sollte sich nicht fremdschämen müssen.

Manchmal sind Frauen in ihrer Gefühlswelt eben reichlich undurchschaubar, sagte ich mir und nahm ihre Reaktion hin.

Wenn ich nachts neben ihr lag, konnte ich mein Glück kaum fassen und malte mir unser künftiges Leben in den schönsten Farben aus. Dieses Kind würde mit all der Liebe aufwachsen, derer ich fähig war, das fühlte ich immer wieder. So war es auch bei Ben gewesen. Auch für dieses Kind würde ich da sein, würde es wickeln, baden, füttern, halten – und von Herzen lieben. Einfach Vater sein.

Mit solchen Gedanken schlief ich damals ein, drei Nächte lang. Und fühlte mich erfüllt und zufrieden.

Dann, am vierten Tag – ich war gerade dabei, mir im Geiste auszumalen, wie ich das neue Kinderzimmer einrichten wollte – kam Stella hinzu und meinte, sie hätte etwas sehr Wichtiges mit mir zu besprechen. Ob ich ein paar Minuten Zeit für sie hätte? Natürlich hatte ich die. Nicht nur ein paar Minuten, alle Zeit der Welt, dachte ich.

Nachdem wir uns hingesetzt hatten, sagte sie zunächst nichts. Das kannte ich ja nun schon, also ließ ich ihr Zeit.

Kapitel 2

Die Offenbarung

In dieser Stille ließ sie das Fallbeil hinabsausen. Exakt und mörderisch.

Stella sagte: »Ich weiß nicht, wer der Vater ist.« Und brach in Tränen aus.

Glauben Sie mir: Nichts ist schlimmer, als beim Planen eines Kinderzimmers zu erfahren, dass man möglicherweise gar nicht der Vater des Babys ist. Mir riss es komplett den Boden unter den Füßen weg. Und das passiert mir eigentlich nicht so oft. Das heißt: nicht mehr.

Ich weiß, es gibt genug Beziehungskomödien im Kino oder im Fernsehen mit diesem Inhalt, alles sehr unterhaltsam und amüsant anzuschauen, wenn man nicht betroffen ist – aber so lustig fühlte es sich bei mir nun wirklich nicht an.

Ich fühlte mich wie ein Luftballon, aus dem plötzlich sämtliche Luft gewichen war. Es war ein Schlag in die Magengrube, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Das hatte ich nicht kommen sehen. Nicht bei Stella, oh nein, bei ihr nicht!

Manchmal liest man in Romanen, dass jemand vor Schreck erstarrt, und ich hatte das bisher immer ziemlich lächerlich gefunden, aber jetzt stellte ich fest, dass diese Beschreibung doch völlig richtig war. Denn ich wurde plötzlich ganz steif, meine Gedanken rasteten ein, während mein Herzschlag auszusetzen schien und meine Hände eiskalt wurden. Ich konnte mich nicht mehr bewegen.

Was sollte das heißen: Sie wisse nicht, wer der Vater sei? Ich natürlich, wer denn sonst?

Und während ich immer mehr zur Salzsäule erstarrte und mich vollkommen tot fühlte, erzählte mir Stella die ganze Geschichte.

Wir sehr sie sich ein Kind gewünscht hatte. Und immer verzweifelter wurde, als es bei uns nicht klappte und sie nicht mehr daran glaubte, jemals Mutter zu werden.

Dann war sie auf die Idee gekommen, dass es vielleicht doch an mir liegen könnte, obwohl alle Untersuchungen mir eine hervorragende Spermaqualität bescheinigten. Und glauben Sie mir, wir ließen es oft untersuchen. Ich erinnere mich noch gut an diese Situationen. Allein mit einem Becher in einer kleinen Kammer. Mit dem Wissen, dass alle in der Praxis wussten, was gerade dort passierte. Ich kann mir erotischere Dinge vorstellen. Aber ich zog es jedes Mal durch. Für unseren gemeinsamen Traum.

Und dann, um doch noch schwanger zu werden, vor der geplanten künstlichen Befruchtung, schlief sie mit einem anderen Mann.

Ich war fassungslos. Meine Kehle war ausgedörrt, ich konnte kaum schlucken, das Sprechen war mir fast unmöglich, dennoch fragte ich leise: »Wie konntest du das tun?« Und dann liefen mir Tränen übers Gesicht.

Noch einmal schilderte sie mir ihre ganze Verzweiflung, ihre Befürchtung, bald zu alt für eine Schwangerschaft zu sein, ihre Angst, keine Kinder zu haben.

Im Nachhinein tut es mir leid, aber in jenem Augenblick hielt ich es einfach nicht mehr aus und sagte: »Ich muss raus hier, ich brauche frische Luft.« Und ließ Stella allein sitzen.

Während meines Spazierganges konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Ich dachte immer wieder an diesen Kerl, der sie begrapscht hatte. Mit dem sie geschlafen hatte. Wer könnte es gewesen sein? »Ich weiß es nicht, aber er braucht einen Namen«, dachte ich. Ich musste ihm einen Namen geben. Welcher Name würde passen? Peter, wie Peter Pan? Oder doch lieber Justus, wie Justus Jonas von den »Drei Fragezeichen«? Es gab so viele Fragezeichen, das würde passen. Doch dann kam mir Robin – wie Robin Hood – in den Sinn, der Retter aus der Not. Ich fand, das klang passend … Robin Hood.

Ich hätte wütend werden müssen, doch ich war einfach nur traurig. Sie hatte mich einfach ersetzt, ihren Hauptgewinn, der alles für sie getan hatte. Denjenigen, der bereit war, jeden Weg mit ihr zu gehen, egal wie beschwerlich er auch sein mochte. Ausgetauscht gegen Robin Hood, den Trostpreis einer Losbude auf der Dorfkirmes. Unglaublich!

Dann kam die Unsicherheit. Wie würde jetzt alles weitergehen? Was wäre, wenn der andere Typ tatsächlich der Vater war? Würde sie sich von mir trennen? Wäre ich in der Lage, ein fremdes Kind aufzuziehen? Könnte ich ihr diesen Betrug jemals verzeihen?

Angst. Ja, Angst, alles wieder zu verlieren in meinem Leben – die gefundene Liebe, die Zärtlichkeit, das Vertrauen, die Harmonie, das Zusammensein.

Doch je länger ich umher rannte, desto stärker wurde mir bewusst, dass ich nicht bereit war, Stella einfach gehen zu lassen. Irgendwie musste es doch einen Weg geben, gemeinsam mit dieser Sache fertig zu werden. Wir liebten uns doch.

Nennen Sie mich ruhig blöd und einfältig, aber da ich selbst in meinem Leben so manch schweren Fehler gemacht habe, bin ich durchaus bereit, auch anderen zuzugestehen, dass sie nicht immer alles richtig machen. Ich spiele mich ungern als Richter über das Verhalten anderer Menschen auf. Ich glaube, dass alle Menschen ihre persönlichen Motive für ihr Handeln haben. Stella hatte etwas getan, das mich unsagbar verletzte – aber aus ihrer Sicht hatte sie so gehandelt, wie sie es für nötig gehalten hatte. Sie wollte ihre Verzweiflung über den bisher nicht erfüllten Kinderwunsch überwinden und hatte sich noch vor der künstlichen Befruchtung für einen natürlichen Spender entschieden.

Moment!

War das jetzt eigentlich eine einmalige Sache gewesen oder doch eine richtige Affäre, bei der es mehr oder weniger zufällig zu einer Schwangerschaft gekommen war? Was genau war zwischen Stella und diesem Mann abgelaufen? Und wieder spürte ich dieses tiefe Brennen in mir. Das musste geklärt werden.

Und wieso hatte ich von all dem nichts bemerkt? Entweder war ich mit Blindheit geschlagen gewesen, oder sie hatte ihre Rolle perfekt gespielt und sich nichts anmerken lassen. Ich riss mich also zusammen und ging nach einer Stunde wieder zurück nach Hause.

Stella saß noch genau dort, wo ich sie verlassen hatte, und sah mich fragend an.

Ich wollte ihr so gerne verzeihen, aber zuerst musste ich noch ein paar Fragen stellen. Die sie mir auch beantwortete.

Nein, es war keine dauerhafte Affäre, versicherte sie mir. Oder vielleicht doch? War das tatsächlich die Wahrheit? Wie lange war Robin Hood, der Trostpreis, schon Teil ihres Lebens? Aber wollte ich das wirklich wissen? Egal!

Und ja, sie war sehr durcheinander.

»Es war der größte Fehler meines Lebens, und ich wünsche mir nichts mehr, als dass du der Vater meines Kindes bist«, sagte sie. Genau das wollte ich sein. Der Vater unseres Kindes.

Und so saßen wir da, weinten beide, schworen uns, irgendwie einen Weg aus diesem Schlamassel zu finden und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Diese Lösung konnte ein Vaterschaftstest sein. Auch ohne Test hätte ich das Kind ohne Wenn und Aber akzeptiert. Das wurde mir sehr schnell klar. Liebe kann eine sehr große Kraft sein und alles verzeihen. Meine Liebe war so groß. Größer als alles, was ich je zuvor gefühlt hatte. Und ich spürte, dass diese Situation meine Liebe noch stärker werden ließ. Wir waren schließlich verlobt, und ich hätte sie auf der Stelle geheiratet.

Ich wollte es wissen. Ich wollte es nicht wissen.

Am Ende entschied sich Stella gegen die Ungewissheit. Sie machte den Test, allerdings nicht mit mir und ohne mein Wissen, und erzählte mir erst später davon.

Diesen besagten Test konnte man schon ab der neunten Schwangerschaftswoche durchführen, nur leider nicht in Deutschland. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. In anderen europäischen Ländern sieht man das etwas lockerer. Mit 99,9-prozentiger Sicherheit lässt sich dann sagen, wer der Vater ist.

Ich war nicht der Vater, so lautete das Ergebnis. Aber ich hätte, wie gesagt, das Kind ohne Wenn und Aber akzeptiert. Robin Hood machte in diesem Fall seinem Namen alle Ehre und traf ins Schwarze. Unfassbar! Diese Erkenntnis traf mich so hart wie nichts im Leben zuvor. Alle meine Träume zerplatzten, denn dann sagte Stella, dass sie es besser fände, mit dem leiblichen Vater zusammenzuleben. Ein Kind braucht beide Eltern, meinte sie – und brach mir damit noch einmal das Herz. Ausgetauscht! Aber eine Freundschaft zwischen uns wollte sie auf jeden Fall beibehalten.

So, und das wäre jetzt die Stelle, an der wahrscheinlich jeder halbwegs vernünftige Mensch sagen würde: »Okay, es tut zwar furchtbar weh, ich wünsche dir alles Gute mit dem leiblichen Vater, aber zu mir brauchst du nicht mehr zu kommen und zu jammern. Eine Freundschaft kannst du vergessen.«