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Die packende Biografie einer starken Frau der "Generation Kriegskind", die Depression und Selbstablehnung überwindet, ihren wahren Wert entdeckt und heute ein gefragtes Senior-Model ist. Im eisigen Januar 1945 kommt Friederike Garbe in Breslau zur Welt. Nur einen Tag später muss ihre verwitwete Mutter mit Friederike vor den anrückenden Sowjets fliehen. Nach monatelanger Odyssee landen sie in Lübeck, wo Friederike eine harte Kindheit ohne Liebe und Geborgenheit erlebt. Als sie mit achtzehn ihren Mann Günter kennenlernt, scheint endlich alles gut zu werden. Doch Friederike plagen Depressionen, sie fühlt sich wertlos und ungeliebt. Ihre Ängste ertränkt sie in Alkohol. Zwei Suizidversuche scheitern. Der Wendepunkt kommt, als Friederike dem begegnet, der ihr bedingungslose Liebe und einen unveräußerlichen Wert zuspricht: Jesus Christus. Ein Weg der Heilung beginnt, auf dem Friederike sogar anderen helfen kann. Schließlich erfüllt sie sich einen Kindheitstraum und gründet das "Agape Haus" in Lübeck, wo Findelkinder und Menschen in Not ein neues Zuhause finden. 2012 erlangt Friederike Garbe durch einen Auftritt bei "Wer wird Millionär?" größere Bekanntheit. Seit sie mit sechzig entdeckt wurde, arbeitet sie als erfolgreiches Senior-Model.
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Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2022
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FRIEDERIKE GARBE | ANDREA SPECHT
Flüchtlingskind, Findelmutter, Senior-Model
Ich widme dieses Buch – im Einverständnis mit meinem Mann – Menschen, die in für sie ausweglos scheinenden Lebenssituationen einen Hoffnungsstrahl erfassen und erste Schritte zu Neuem wagen.
Die verwendeten Bibelzitate sind folgenden Übersetzungen entnommen: Epheser 2,10: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe © 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten. Psalm 127,1; Jesaja 58,6-7.12: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Die Schilderung der Umstände und Situationen meines Lebens entspricht meiner Perspektive, meinen Erinnerungen und Erfahrungen und muss nicht die Ansichten oder das Erleben Dritter widerspiegeln. Die Erzählungen meiner Flucht als Säugling stützen sich auf die CD, die meine Mutter in den letzten Jahren ihres Lebens für ihre Kinder und Enkel aufgenommen hat.
Zum Schutz von Persönlichkeitsrechten wurden einige Namen geändert.
© 2022 Brunnen Verlag GmbH, Gießen
Lektorat: Konstanze von der Pahlen
Umschlagfoto: Mauritius Images
Umschlaggestaltung: Jonathan Maul
ISBN Buch: 978-3-7655-3718-9
ISBN eBook: 978-3-7655-7637-9
www.brunnen-verlag.de
Friederike Garbes packende und lesenswerte Biographie zeigt, was möglich ist, wenn man sich seiner Vergangenheit stellt und mutig den Fügungen des Lebens öffnet. Ihr Leben beweist, welche positiven Früchte aus einem facettenreichen Lebensschicksal entstehen können. Zusammen mit ihrem Mann hat sie in Lübeck einen Ort geschaffen, an dem nach Geborgenheit und Schutz suchende Menschen – gerade auch Frauen und ihre Kinder – Zuflucht finden können. Durch ihr Wirken konnte ein Haus des Lebens entstehen, in dem die Botschaft „Jeder Mensch ist von Anfang an wertvoll“ voller Überzeugung gelebt wird.
Dr. Emanuel Prinz zu Salm,
Vorstand STIFTUNG JA ZUM LEBEN
Friederike Garbe erzählt packend und ehrlich, wie ihre Seele nach Entwurzelung und Jahren ohne Liebe heil wurde. Wie Gott sie an der Hand nahm und ihr Leben zum Segen für Babys und Mütter in Not werden ließ. Ein Buch voller Strahlkraft, das zeigt, was für großartige Dinge Gott auch heute noch tut!
Stefan Pahl, Leiter von leben-begegnen.de (Marburger Kreis,
CROSSOVER, Deutschlandpilgert)
Hoffnung beginnt ganz unten. Davon erzählt Friederike Garbes Lebensweg auf authentische und beeindruckende Weise. Ihre tiefe Liebe zum Leben und zu den Menschen verbreitet Zuversicht. Ein Buch, in dem die Nächstenliebe Geschichte schreibt und dem Leben die Hand reicht.
Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland
„Die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“ Das ist das Motto, das ich Friederike Garbe über ihre Biografie schreiben möchte. Als Freund des Hauses, als ärztlicher Betreuer ihrer Babyklappenkinder, als Vorleser für ihren geliebten Ehemann Günter hatte ich das Privileg, oft in dem Haus zu Gast zu sein, in dem Friederike Herrin und erste Dienerin ist: ein Haus der gelebten Liebe für Menschen in Not: Kinder mit oder ohne Mütter, Obdachlose, Drogenkranke, Arme, Ehemann Günter mit Halbseiten- und Sprachlähmung …
Friederike erkannte nach stürmischem Lebensbeginn mit hohen Höhen und tiefen Tiefen, wie unendlich geliebt und begnadet sie ist, und verschenkt seitdem diesen großen Schatz in Fülle weiter.
Aus ihrer Lebensgeschichte ist ein wirklich tolles Buch entstanden, das man nicht gerne aus der Hand legt, bis man es zu Ende gelesen hat.
Professor Dr. med. Axel Fenner, ehem. Direktor der Klinik für Neonatologie der Medizinischen Universität Lübeck
Friederike Garbe, die Ausnahmefrau, stand schon einige Male vor meiner Kamera. Doch ich schätze sie nicht nur als Model, sondern viel mehr auch als Mensch! Was sie in ihrem Leben erlebt hat, erschüttert, berührt und begeistert mich. Friederike ist eine Kämpferin im positivsten Sinne, trotz aller Herausforderungen wohlwollend und dem Leben zugewandt. Ihre Geschichte fesselt! Lebenskunst par excellence.
Axel Baur, Fotograf
Mitternachtswehen
Ballast auf der Flucht
Ende der Odyssee
Lübeck
Geliebte Großmutter
Hass gesät
Geborgenheit am großen Tisch
Stadtleben
Herr Garbe
Hochzeitsglocken
Enttäuschte Erwartungen
Versagt
Auf der Suche nach Liebe
Ohne Lebensmut
Wendepunkt
In Günters Tempo
Sprung ins kalte Wasser
Heil werden
Versöhnung
Das Haus in der Mengstraße
Abschied
Zwangsversteigerung
Am seidenen Faden
Ein Traum
Haus des Lebens
Einschlafen ohne Angst vor morgen
Agape – weil du bist
Immer wieder hoffen
Meike
Mutter und Tochter
Babyklappe
Herzlich willkommen, Anna!
Vor der Kamera
Wird Friederike Garbe Millionär?
Günters langsamer Abschied
Die schönsten Ehejahre
In Glanz und Pracht
Das Agape-Haus in neuen Händen
Dank
Die Autorinnen
„Lassen Sie das mal hier, Frau Pottag. Es wird sowieso nicht überleben.“
Verständnislos sah meine Mutter die Ärztin an, die eben wieder in den kahlen Kreißsaal gekommen war. Das warme Bündel Mensch, das vor wenigen Minuten das Licht der Welt erblickt hatte, hielt Mutter fest an sich gedrückt. Dann schaute sie auf das winzige Mädchen mit seinem noch zerknautschten Gesichtchen, das ruhig schlief: auf mich, die kleine Friederike.
Eigentlich hätte ich ein Fritz werden sollen, nach meinem Vater und Großvater. Wie sehr hatte die Familie sich nach der ersten Tochter nun einen Jungen gewünscht, einen Stammhalter. Doch ich war ein Mädchen geworden. Nie würde das Kleine seinen Vater kennenlernen, schoss es Mutter durch den Kopf. Noch wusste es nichts vom Krieg, der seit viereinhalb Jahren Verwüstung und Tod über Europa brachte, und nichts von den Russen, die vor den Toren Breslaus standen und die gesamte Bevölkerung zur Flucht zwangen.
Erst vor wenigen Stunden – meine Mutter, meine Oma und meine Schwester waren gerade dabei gewesen, das Nötigste für die bevorstehende Flucht zu packen – hatten die Wehen eingesetzt. Mitten in der Nacht. Meine Mutter war verzweifelt. Warum gerade jetzt? So würden sie den Trecker eines Bekannten verpassen, auf dem sie hätten mitfahren können, um Breslau zu entkommen. Doch Oma munterte meine Mutter auf: „Lass nur, Erna. Du wirst später einmal froh sein, dass du dieses Kind hast.“
Schnell versuchte Mutter, ein Taxi zu bekommen, doch ohne Erfolg. Alles, was Räder hatte, war gerade dabei, Breslau zu verlassen. So rief sie den Maschinenmeister der väterlichen Firma an, der kurz darauf in die Betriebsgarage eilte, wo er nur noch einen dreirädrigen Pritschenwagen vorfand. Alle anderen Fahrzeuge waren weg – offensichtlich von Verzweifelten entwendet, die Zugang zum Betriebsgelände hatten.
Durch die klirrende Januarkälte, bei minus 18 Grad und dichtem Schneefall, brachte der hilfsbereite Maschinenmeister meine Mutter mit dem Pritschenwagen ins Südsanatorium, Breslaus Frauenklinik. Dick in Decken eingemummelt saß sie auf dem Beifahrersitz und krümmte sich immer wieder zusammen, wenn eine Wehe über sie hinwegrollte. So gut es ging, füllte sie ihre Lungen mit der eisigen Luft der Fahrerkabine und versuchte, mit dem Schmerz zu atmen.
Die Frontscheibe des Wagens beschlug alle paar Atemzüge aufs Neue, die Scheibenwischer waren festgefroren. Immer wieder wischte der Maschinenmeister mit der bloßen Hand von innen über die Scheibe oder lehnte sich aus dem heruntergekurbelten Fenster, um freie Sicht nach vorn zu haben. Durch das Schneetreiben und die überfüllten Straßen war ohnehin kaum ein Durchkommen. Meter um Meter schlichen sie vorwärts.
Auf halbem Weg sammelten sie die Hebamme ein, die Mutter während der Schwangerschaft begleitet hatte. Sie würde auch bei der Entbindung im Krankenhaus dabei sein; so war es üblich. Allerdings fand die erfahrene Geburtshelferin nur noch hinten auf der Ladefläche Platz. Geduckt kauerte sie sich in eine Ecke und presste sich mit zusammengekniffenen Augen den hochgestellten Mantelkragen ans Kinn, um die eisige Kälte von sich fernzuhalten. Dicke Flocken wirbelten vom Himmel und schon bald war die Hebamme von einer weißen Schneeschicht bepudert.
Mutter blickte regungslos auf das, was der Lichtkegel des Wagens vor ihnen aufscheinen ließ. Ihre Gedanken rasten im Kreis und nur der grelle Schmerz der Wehen, die nun in immer kürzeren Abständen kamen, zwang sie, sich auf das Atmen und die bevorstehende Geburt zu konzentrieren. Gerade rechtzeitig schafften sie es in die Klinik. Eine Viertelstunde später, morgens um sechs Uhr, war ich da.
Vergangenes Jahr, im Sommer 1944, war die deutsche Ostfront zusammengebrochen und die deutschen und ihre verbündeten Truppen waren zum Rückzug gezwungen worden. Wenig später hatte die Wehrmachtsführung Breslau zur Festung erklärt, zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, der von den Streitkräften besonders hartnäckig verteidigt und bis zuletzt nicht aufgegeben werden sollte.
Nun spürte man jeden Tag an der zunehmenden Spannung, dass der Krieg sehr bald auch hier, mitten in der Hauptstadt Schlesiens, wüten würde. Die Rote Armee rückte täglich näher und just an diesem 21. Januar 1945, als ich zur Welt kam, wurden alle Männer Breslaus zum Kampf dienstverpflichtet.
Erst einen Tag zuvor hatte man die Frauen und Kinder aufgerufen, aus der Stadt zu fliehen. Panik brach aus, denn nichts und niemand war auf eine Evakuierung vorbereitet. Die Bahnhöfe quollen über von Menschen, die einen Platz in einem der seltenen Züge ergattern wollten. Nur wenige besaßen ein eigenes Fluchtfahrzeug oder hatten sich eine Mitfahrgelegenheit beschaffen können. So wurde angeordnet, dass die Bevölkerung zu Fuß in Trecks – mit Handwagen, manchmal auch mit einem Pferdegespann und wenigen Habseligkeiten – Breslau verlassen sollte.
Natürlich war meine Mutter von den Strapazen der Geburt sehr geschwächt und hätte sich unbedingt schonen müssen. Doch an Ausruhen war nicht zu denken. Ihre Fluchtmöglichkeit war dahin, doch weg mussten wir trotzdem. Also begann sie vom Sanatorium aus, alle möglichen Stellen abzutelefonieren. Da ihr Vater ein angesehener Mann in der Stadt gewesen war, schenkte man ihr Gehör. Sie erfuhr, dass am nächsten Tag ein Bahntransport mit Demenzkranken aus dem Diakonissenkrankenhaus in Richtung Westen abfahren würde. Mutter setzte durch, dass nicht nur sie, ihr Baby und meine vier Jahre alte Schwester Hannelore mitkommen konnten, sondern auch meine Großmutter.
Als die Ärztin das hörte, war sie entsetzt. Die Überlebenschancen des Neugeborenen in diesem unerbittlichen Winter waren extrem gering. Das wusste auch meine Mutter. Dennoch sagte sie voller Überzeugung: „Jetzt habe ich sie bekommen, nun nehme ich sie auch mit!“
So entkamen wir dank der Bekanntheit meines Großvaters, Mutters Beharrlichkeit und nicht zuletzt der Tatsache, dass sie einen Ausweis als Rotkreuzschwester hatte, dem Schicksal eines gefahrvollen Fußmarsches auf einem der Flüchtlingstrecks. Tausende Menschen, besonders Kinder und Alte, ließen auf diesen Märschen im erbarmungslosen Winter 1944/45 ihr Leben. Viele erfroren, verhungerten, waren zu schwach oder zu krank, um Schritt halten zu können.
Nicht selten kam es auch vor, dass Trecks von der nachrückenden Roten Armee angegriffen wurden und unter Beschuss gerieten. Entlang der Wege, die die Trecks genommen hatten, fanden sich bald viele Tote, die von den Fliehenden zurückgelassen werden mussten.
Das von Kirschbäumen umgebene Anwesen unserer Familie, in das meine betuchte Oma eingeheiratet hatte, würde ich nie zu Gesicht bekommen. Hier hatte meine Mutter die bisherigen 25 Jahre ihres Lebens verbracht und hier war auch meine Schwester aufgewachsen. Mein Großvater, Fritz Weishaupt, ein Pharmazeut, der erfolgreich eine eigene Schmerztablette entwickelt hatte, war erst vor wenigen Monaten einer schweren Krebserkrankung erlegen. Sein geheimes Tablettenrezept hatte er mit ins Grab genommen. Die Ära der Familie Weishaupt in Breslau würde nun zu Ende gehen.
Weinend schloss Großmutter die Tür hinter sich zu und machte sich mit ihrer Enkelin und so viel Gepäck, wie sie tragen konnten, auf den Weg zu uns in die Klinik. Meine Schwester hatte gegen die Kälte zwei Mäntel und zwei Hosen an, noch dazu ihren bis oben vollgestopften Rucksack auf dem Rücken. Er war so schwer, dass sie sich kaum halten konnte. Vom Krankenhaus aus brachen wir gemeinsam auf zum Bahnhof.
Immer noch waren die Hallen und Bahnsteige voller Menschen, die hofften, irgendwo mitfahren zu können. Mütter mit Kindern auf dem Schoß saßen mit Sack und Pack auf den Stufen der großen überdachten Verkehrshalle, die Alten mit leerem Blick daneben. Menschen diskutierten verzweifelt mit den Beamten am Fahrkartenschalter. Panik lag spürbar in der Luft.
Von hallenden Lautsprecheransagen begleitet, kämpfte sich unser kleiner Tross durch das Gewühl, um zum Gleis zu gelangen, von dem aus der Krankenzug abfahren sollte. Hier trafen wir unsere Bedienstete, die den Kinderwagen herbeigeschafft und ihn bis oben hin mit sechsunddreißig Mullwindeln, einer Daunendecke und einem Stillkissen beladen hatte. Außerdem hatte sie noch einige Taschen mit Lebensmitteln für uns gepackt. Sogleich legte Mutter mich in den Kinderwagen. Meine Wangen waren von der Kälte schon bläulich gefroren.
„Hast du mein schwarzes Kostüm und die Feldpostbriefe von Fritz eingepackt?“, erkundigte sich Mutter bei Großmutter. Noch vom Krankenhaus aus hatte meine Mutter Anweisungen gegeben, was sie unbedingt auf die Flucht mitnehmen sollte. Meine nicht allzu pragmatisch veranlagte Oma hatte ja allein zu Ende packen müssen. Sie nickte. „Ja, das Kostüm ist im Rucksack.“ „Und die Feldpostbriefe von Fritz?“, hakte Mutter alarmiert nach. Großmutter zuckte mit den Schultern. Die hatte sie in der ganzen Hektik doch tatsächlich vergessen.
Mutters Augen wurden schmal. Sie musste all ihre verbliebene Kraft zusammennehmen, um ihren Ärger und die Enttäuschung zurückzuhalten. Wieso war Hedwig Weishaupt nur so vergesslich und schusselig! Die Briefe ihres geliebten, gefallenen Fritz hatte sie unbedingt retten wollen! Doch nun war es zu spät. Der Zug würde in wenigen Minuten abfahren. Erna Pottag blieb nur noch der Ehering als greifbare Erinnerung an ihren Mann, den sie vor wenigen Jahren in einer schlichten Kriegstrauung geheiratet und mit dem sie nie ein Alltagsleben geteilt hatte. Bis auf seine wenigen Urlaubsbesuche von der Front in ihrem Elternhaus hatten sie sich fast nicht gesehen. Doch immerhin hatte sie noch zwei Bilder von ihm, die sie immer bei sich trug. Diese würde sie hüten wie einen Schatz.
Eilig trat der Zugführer auf uns zu und drängte uns zum Einsteigen. Die Demenzkranken waren bereits in ihren Abteilen, nun sollten wir hinein, bevor der Ansturm der anderen kam, die noch einen Platz ergattert hatten. Mit immer noch düsterem Gesicht kletterte meine Mutter in den Waggon. Dahinter meine Schwester und ich. Großmutter und die Bedienstete hievten den Kinderwagen durch die Tür. Meiner Mutter wurde eine Sitzbank so zurechtgemacht, dass sie sich als Wöchnerin hinlegen konnte. Oma platzierte sich mit dem Kinderwagen im Mittelgang und ließ ihn nicht mehr los.
Bald füllte sich das Abteil um uns herum, bis dicht an dicht Menschen saßen, sich Koffer türmten und verstörte Kinder weinten. Auf der gegenüberliegenden Gangseite saß eine Frau mit ihren Kindern, die anscheinend nur ein Netz voller Obst dabeihatte. „Haben Sie nur so wenig mitgenommen?“, fragte meine Mutter erstaunt. „Ja, der Führer hat gesagt, die Wunderwaffe kommt“, gab die Frau zuversichtlich zurück. „Dann sind wir in zwei, drei Tagen wieder zu Hause.“
Betreten sahen die anderen Mitreisenden beiseite oder nestelten an ihren Siebensachen herum. Keiner sagte etwas. Die meisten hatten den Glauben an die Kriegspropaganda längst verloren. Dann ertönte ein Pfiff, es quietschte und ruckelte und der Zug fuhr schnaufend ab. Durch die Fenster beobachteten die Passagiere, wie Häuserfronten und altbekannte Gebäude Breslaus vorbeizogen. Wehmut lag in ihren Blicken. Sie ahnten, dass sie ihre Heimat womöglich für immer verließen. Was würde sie erwarten? Wie lange würde diese Reise dauern? Wohin würde sie sie führen?
Am 23. Januar 1945, einen Tag nachdem wir Breslau verlassen hatten, begann die Rote Armee, Brückenköpfe südwestlich der Stadt zu errichten – strategische militärische Stellungen an der Oder, die sich an der Grenze von deutschem und russischem Territorium befanden. Nicht viel später fingen die Russen an, die Festung Breslau einzukesseln. Wir waren gerade noch rechtzeitig davongekommen.
Unser Zug bewegte sich im Schneckentempo. Doch wir waren aus Breslau heraus. Unser erklärtes Ziel war das brandenburgische Meyenburg, ein kleines Städtchen in der Ostprignitz, wo ein Bekannter meines Großvaters ein Schützenhaus hatte, in dem wir unterkommen könnten. Meine Mutter hatte meiner Schwester Hannelore vorsorglich ein Schild umgehängt mit ihrem Namen und dem Ziel unserer Flucht. Auch am Kinderwagen, in dem ich immer noch lag, waren mehrere solcher Schilder angebracht.
Da bei Mutter aufgrund der Strapazen der Milcheinschuss ausgeblieben war, bekam ich Fläschchen mit angerührtem Milchpulver. Zufrieden trank ich auf dem Arm meiner Oma und schlief danach weich gebettet auf dem großen Stapel von Stoffwindeln im Kinderwagen ein. In eines der unteren Mulltücher war ein Brillant eingewickelt, den niemand dort vermutete. Ich war die unwissende Schatzhüterin. Irgendwann würden wir dieses kostbare Schmuckstück in Zeiten der Not eintauschen.
Nach zwei Tagen erreichte unser Krankenzug Liegnitz, 70 Kilometer westlich von Breslau, wohin die Demenzkranken verlegt wurden. Auch wir mussten aus unserem Wagen aussteigen und uns nach einer nächsten Fahrtmöglichkeit umsehen. Hier hörten wir von einem sogenannten Hotel, in dem wir übergangsweise unterkommen konnten. Es glich eher einer Stallung. Meine Großmutter brach in Tränen aus und stand hilflos herum, während meine Mutter immer schwächer wurde und glühte. Sie fieberte stark. Sie konnte eine Hebamme ausfindig machen, die höchst alarmiert war und sofort veranlasste, dass meine Mutter mit Blaulicht in ein Krankenhaus gebracht wurde – wir anderen fuhren alle mit. Sie hätte uns mit der hilflosen Großmutter nicht allein zurücklassen können.
Mutters Leben hing an einem seidenen Faden, Kindbettfieber war lebensbedrohlich. Gott sei Dank konnte ihr in der Klinik noch rechtzeitig geholfen werden und sie bekam ein Antibiotikum. So verbrachten wir die Nacht in der Klinik.
Von nun an hieß es täglich zu schauen, ob wir einen Platz in den wenigen Zügen ergattern konnten, die uns unserem Ziel näher bringen würden, oder wo wir an unvermuteten Endstationen Unterschlupf finden und etwas zu essen bekommen konnten. Nicht selten schliefen wir auf Bahnsteigen, wo es zumindest teilweise ein schützendes Dach gab. Manchmal konnten wir bei Leuten ein paar Nahrungsmittel kaufen oder eintauschen, manche nahmen uns sogar über Nacht auf und versorgten uns liebevoll.
Meine Mutter war eine Kämpferin und setzte sich, obwohl noch körperlich geschwächt, beharrlich und mit einer unglaublichen Stärke für ihre Familie ein. Meine Großmutter dagegen, die noch nie auf sich selbst gestellt gewesen war, brach oft in Tränen aus. Die Situation, die ständig so ausweglos erschien, überforderte sie. Meine Schwester klammerte sich meistens zitternd an meine Mutter und war ebenfalls immerzu in Tränen aufgelöst.
Ich war natürlich noch zu klein, um zu verstehen, was hier vor sich ging. Dennoch nahm ich unterbewusst wohl alles wahr, was an Bedrohung und Angst um mich herum geschah. Besonders auch, dass ich eine zusätzliche Last war – ein hilfloses, bedürftiges Bündel, das kaum Überlebenschancen hatte –, brannte sich tief in meine kleine Kinderseele ein. Ich war zu viel und es gab buchstäblich keinen Platz für mich. Manchmal, wenn es im Abteil zu eng war für den Kinderwagen, reiste ich verstaut im Gepäcknetz des überfüllten Zuges mit. Ich weinte viel und schrie nächtelang.
Während der Schwangerschaft hatte meine Mutter erfahren, dass Fritz, mein Vater, an der Front gefallen war. Ihr geliebter Fritz. Von Trauer und Zukunftsängsten umgetrieben, verfiel Mutter in eine unglaubliche Nervosität und begann, die Nächte durchzustricken. Irgendwie musste sie den Schmerz bewältigen, ihn wegstricken. Mit dieser inneren Unruhe war ich zur Welt gekommen und schrie sie nun lauthals aus mir heraus. Es war die Oma, die sich immer wieder liebevoll um mich kümmerte, mir Trost, Wärme und Geborgenheit schenkte.
Lange konnten wir nirgendwo bleiben. Die Rote Armee rückte nach und kam immer näher. Die Konzentrationslager an der jetzigen Front waren aufgelöst worden. Durch die Straßen von Plagwitz, wo wir zwischendurch Unterschlupf bei zwei gutherzigen Witwen gefunden hatten, marschierten barfuß, in meterlangen Schlangen, entlassene, ausgemergelte Häftlinge in ihren gestreiften Hemden. Die beiden älteren Frauen bereiteten heiße Getränke zu und reichten sie den ehemaligen KZ-Insassen durch die Fenster nach draußen. Ein furchtbarer, verstörender Anblick für die Frauen, die bislang nur Gerüchte über solche Lager gehört hatten. Da die Russen die Camps leer vorfinden sollten, waren die Häftlinge auf diese todbringenden Märsche durch die eisige Kälte geschickt worden.
Auch wir mussten nun schnell weiter. So brachte uns eine der Witwen kurz darauf zum Bahnhof und half uns, einen Zug nach Görlitz zu bekommen. Von hier schlugen wir uns weiter durch bis Dresden, wo Lilo lebte, die Verlobte meines Onkels Kurt, der im Afrikafeldzug gekämpft hatte. Mit Tränen in den Augen berichtete sie uns, dass er inzwischen in amerikanischer Gefangenschaft war. Wir waren erschüttert. Inzwischen lagen drei Wochen zehrende Flucht hinter uns. Ausgelaugt hofften wir, dass wir vielleicht bei Lilo bleiben könnten. Doch schon nach den ersten Tagen wurden wir eindringlich gewarnt: „Ihr müsst schnell wieder weg, in Dresden passiert bald etwas. Seit Tagen gibt es hier Aufklärungsflüge.“
Alarmiert versuchte Mutter an drei aufeinanderfolgenden Tagen, einen Zug für uns zu finden. Ohne Erfolg. Doch schließlich gelang es ihr und so standen wir am 13. Februar wieder mit Kinderwagen, Sack und Pack am Bahnhof. Lilo begleitete uns, um uns zu versabschieden. Mit einem Zettel, auf den Lilo Kurts Postadresse in den USA notiert hatte, setzte sich meine Familie mit mir in den Waggon und winkte der jungen Frau aus dem Fenster zu, bis sie nicht mehr zu sehen war.
Nach nur zwanzig Kilometern kam der Zug abrupt zum Stehen. „Alle aussteigen!“, hieß es. „Fliegeralarm!“ An einer kleinen Bahnstation mitten im Nirgendwo mussten wir die Waggons verlassen und wieder auf dem eisigen Bahnsteig campieren. Bei Einbruch der Dunkelheit hörten wir plötzlich ein fürchterliches Dröhnen über unseren Köpfen. „Bomber!“, rief meine Mutter entsetzt. Alle starrten in die Richtung, in die die Kampfflugzeuge steuerten: Das bislang vom Krieg verschonte Elbflorenz wurde angegriffen.
Es war die Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945, in der es unzählige Bomben auf Dresden hagelte und eine Zerstörung und ein Massensterben unvorstellbaren Ausmaßes angerichtet wurden. Nach den Sprengbomben wurden Brandbomben abgeworfen, deren Feuersturm die sächsische Stadt binnen kürzester Zeit in Schutt und Asche legte. Dresden brannte lichterloh.
Meiner Mutter und meiner Großmutter, die den fürchterlichen Angriff mit weit aufgerissenen Augen aus der Ferne beobachteten, gefror das Blut in den Adern. Was für ein schreckliches Szenario! So knapp waren wir dem Tod entronnen! Sie zitterten am ganzen Leib. Meine vierjährige Schwester, die wieder in den Mantel meiner Mutter gewickelt auf der Erde lag, übergab sich die ganze Nacht. Nichts konnte sie mehr beruhigen.
Wie wir später erfahren sollten, kam auch Lilo, die wir noch wenige Stunden zuvor verabschiedet hatten, bei diesem Bombardement ums Leben.
Nur einen Tag später, am 15. Februar 1945, entbrannte zwischen der Roten Armee und der deutschen Wehrmacht eine heftige Schlacht um Breslau. Bald war auch unsere Heimatstadt größtenteils dem Erdboden gleichgemacht, gerade mal ein Drittel der Häuser stand noch. Auch das großzügige Anwesen meiner Vorfahren war nur noch ein Trümmerberg, die Kirschbäume niedergebrannt. Nun waren wir wirklich heimatlos. Nie wieder würden wir zurückkehren.
Der Krieg folgte uns weiter dicht auf den Fersen. Fortwährend hörte man davon, dass Flüchtlingstrecks unter Beschuss der nachrückenden Roten Armee gerieten, dass Menschen brutal behandelt, vergewaltigt oder ermordet wurden. Immer deutlicher zeichnete sich ab, dass die deutsche Wehrmacht dabei war, den Krieg zu verlieren, auch wenn die Kriegspropaganda weiterhin zum Durchhalten aufrief. Verzweifelt schürte sie Hoffnung, um die Tatsache der baldigen Niederlage zu vertuschen und die einsetzende Panik der Bevölkerung hinauszuzögern.
Schließlich kamen wir tatsächlich in Meyenburg in der Ostprignitz an. Es war unwirklich und doch konnten wir hier wie geplant eine kleine Einliegerwohnung im Schützenhaus beziehen. Meine Großmutter atmete auf und kümmerte sich erleichtert um den Haushalt. Doch auch hier warnte man uns bald, dass „der Russe“ nicht mehr weit sei. Eilends ließ meine Mutter mich dort von Diakonissen nottaufen, das Donnergrollen des Krieges nur noch acht Kilometer von uns entfernt.
Durch die zufällige Begegnung mit einem Arzt, der meine Mutter noch aus ihrer Ausbildung kannte, erhielten wir die Möglichkeit, mit einem Lazarettzug in Richtung Lübeck aufzubrechen und so der heranrückenden Front zu entfliehen. Doch Oma war nicht zu bewegen. „Ich bleibe. Hier gehe ich nicht mehr weg!“, stieß sie stoisch hervor. Sie wollte und konnte nicht mehr.
Erst als sie sah, wie Mutter entschlossen das Gepäck auf einen Handkarren lud, den sie im Schuppen neben dem Schützenhaus gefunden hatte, und Anstalten machte, auch ohne sie abzureisen – das hätte Mutter natürlich nie wirklich getan –, holte Oma rasch die Stoffwindeln von der Leine, die noch im Regen hingen, und warf sie zusammen mit ihren Habseligkeiten auf den Bollerwagen. Dann machten wir uns auf zum Bahnhof.
Wieder waren wir also unterwegs. In langsamen Etappen näherten wir uns Schleswig-Holstein. Immer wieder blieb der Zug stehen, manchmal auch mehrere Tage lang, weil die Strecken vor uns von anderen Lazarettzügen verstopft waren.
In Herrnburg, Schleswig-Holstein, machten wir wieder einmal unfreiwillig Station. Eilig stieg meine Mutter mit ihrem Pelzmantel und ihren Puschen aus unserem Waggon, um im Wärterhäuschen ein Milchfläschchen für mich zuzubereiten; im Zug selbst war kein heißes Wasser zu bekommen. Der Diensthabende war sehr entgegenkommend und stellte Mutter seine kleine Teeküche zur Verfügung. Er gab ihr auch den Hinweis, dass nebenan ein Bäcker sei, wo sie möglicherweise Brot bekommen könne. Doch der Bäcker war gerade erst von Russen geplündert worden. Also stieg Mutter wieder in den wartenden Zug ein und gab mir die Flasche.
Einige Stunden später machte sie sich erneut auf den Weg und fragte beim Bäcker nach etwas Essbarem. Doch wieder war kein Brot da und so kehrte Mutter mit leeren Händen zum Bahnsteig zurück. Dort musste sie entsetzt feststellen, dass von unserem Zug weit und breit nichts zu sehen war. Blanke Panik ergriff meine Mutter. Ihre Kinder waren doch im Zug!
Nach einigen Schrecksekunden fasste sie sich und rannte zum Bahnwärter. „Die Eisenbahn ist ohne mich weitergefahren! Meine Kinder!“, stieß sie atemlos hervor. „Der Zug hat Einfahrt nach Lübeck“, erklärte ihr der Wärter gelassen. „Sie können ihm zu Fuß hinterher. Aber nicht an den Schienen entlang, die verzweigen sich zu oft. Am besten am Russenlager vorbei und dann über die Landstraße nach Lübeck.“ Mit einem Blick auf Mutters Kleidung fügte er hinzu: „Nur den Pelzmantel, den sind Sie dann los, den werden die Russen Ihnen abknöpfen.“
Mit laut pochendem Herzen lief Mutter auf die Straße, wo sie auf eine andere Krankenschwester traf, die noch ihre charakteristische Haube trug. Sie hatte ebenfalls den Zug verpasst. Gemeinsam eilten die beiden in die Richtung, in die der Bahnwärter sie gewiesen hatte.
Nach einer Weile hielt ein Jeep voller Soldaten neben ihnen an. Ängstlich blickten die jungen Frauen zum geöffneten Fenster. Im Wagen saßen Landsmänner, deren Einheit aufgelöst worden war, wie die weißen Armbinden an ihren Uniformen verrieten. „Wohin wollen Sie denn?“, fragten sie, da offensichtlich war, wie verstört und orientierungslos die beiden Frauen waren. „Nach Lübeck“, erwiderte meine Mutter. „Wir auch! Wir können Sie mitnehmen!“
Die beiden Krankenschwestern sahen sich erstaunt an, verständigten sich durch ein kurzes Nicken, das Angebot anzunehmen, und kletterten schließlich erleichtert auf den Geländewagen. So wurden sie das letzte Stück bis Lübeck von den Soldaten kutschiert und meiner Mutter blieb ihr warmer Pelzmantel erhalten.
In Lübeck angekommen, fragten sich die jungen Frauen zum Bahnhof durch. Doch der Zug war auch dort nicht aufzufinden! Schreckensbleich vergewisserte sich meine Mutter auf allen Bahnsteigen. Sie kannte die Zugnummer ganz genau: 656. Eine Zahl, die sie bis an ihr Lebensende nicht vergessen würde. Was jetzt? War der Zug schon wieder abgefahren, hatte er eine andere Strecke genommen?
Schließlich erfuhr Mutter, dass er nur einen Kilometer hinter Herrnburg wieder zum Halten gekommen war. So rannten die beiden Frauen die Schienen entlang wieder aus Lübeck hinaus. Ihr durch eine Kinderkrankheit verkürztes Bein ließ meine Mutter schwer hinken, was sie sonst durch Ausgleichsschuhe gut kompensieren konnte. Aber sie hatte ja immer noch ihre Puschen an. Ausgerechnet!
Da kam der Zug auch schon angerattert. Gott sei Dank! Mutter und die andere Krankenschwester sprangen zur Seite und machten durch wildes Winken auf sich aufmerksam. Als meine Oma, die schon ganz aufgelöst war, sie durchs Zugfenster erblickte, rang sie um Fassung.
Mit letzter Kraft rannten die beiden Frauen dem Zug hinterher, zurück zum Lübecker Bahnhof. Dort kletterten sie am schimpfenden Zugführer vorbei in den Waggon und Mutter stellte mit großer Erleichterung fest, dass wir alle wohlbehalten im Abteil saßen. „Ich dachte schon, ich hätte euch verloren“, keuchte sie und ließ sich mit Tränen in den Augen auf den Sitz fallen.
Durch die überfüllten Schienen blieb der Zug noch den ganzen Tag und die nächste Nacht im Bahnhof stehen. Wir Flüchtlinge konnten erst einmal in unserem schützenden Waggon bleiben. Bevor er am nächsten Tag wieder abfuhr, mussten wir raus. In die Ungewissheit, die Lübeck für uns bereithielt.
Mit uns waren zu dieser Zeit zwölf Millionen Deutsche auf der Flucht, aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien, dem Sudetenland, Siebenbürgen und anderswo. Wie wir flohen sie vor dem Krieg, waren von den Siegermächten vertrieben worden und ließen ihre Heimat hinter sich – wie es schien, für immer.
Viele Flüchtlinge sammelten sich in Nordwestdeutschland, da die Russen vom Osten her näher rückten und die Alliierten aus den anderen Richtungen vordrangen. Natürlich hatte auch hier überall der Krieg gewütet, viele Deutsche standen verwitwet, verwaist, verletzt und wohnungslos vor dem Nichts.
So waren die strandenden Flüchtlingsmassen eine große zusätzliche Last. Die meisten wurden in ländliche Regionen verteilt, die weniger von der Zerstörung betroffen waren, ein Großteil davon nach Schleswig-Holstein, das dadurch innerhalb kürzester Zeit einen enormen Bevölkerungszuwachs erlebte: Auf vier gebürtige Schleswig-Holsteiner kamen drei Flüchtlinge aus den Ostgebieten.
Auch wir waren in Lübeck gestrandet, wo unsere ungewisse, von Hunger, Kälte und Ängsten geprägte Odyssee im Mai 1945 ihr Ende nahm.
Der Krieg war vorbei. Doch wir hatten alles verloren – unsere Heimat, Freunde, unser Ansehen, unseren Besitz, den meine Familie sich über Jahrzehnte erarbeitet hatte. Hier waren wir nun Flüchtlinge, fremde Deutsche, mit Millionen anderen, die das ausgezehrte, vom Krieg geschundene Deutschland nun zusätzlich bevölkerten.
Der noch brauchbare Wohnraum war ohnehin begrenzt, jeder Fünfte in Deutschland hatte sein Dach überm Kopf verloren, die Lebensmittel und Güter des alltäglichen Lebens waren knapp. Und auch diejenigen Einheimischen, deren Häuser noch standen, hatten arge Verluste zu beklagen, hungerten, bangten oder trauerten um Männer und Söhne und sahen einer ungewissen Zukunft entgegen. Und nun war die Bevölkerung von Schleswig-Holstein durch die Flüchtlinge auch noch so rasant angewachsen. Eine Überforderung für alle.
Die Politik entschied, dass Geflüchtete über Zwangszuweisungen in die Häuser und Wohnungen sesshafter Deutscher einquartiert werden sollten oder in behelfsweise aufgebaute Lager. Auch wir hätten in eins dieser Flüchtlingscamps kommen sollen, aber da hatten die Behörden die Rechnung ohne die kämpferische Beharrlichkeit meiner Mutter gemacht. Nur Kriegsversehrte durften sich zum Wohnungsamt aufmachen, wo ihnen mit viel Glück eine Bleibe zugewiesen wurde.
Doch ein Lager kam für Mutter nicht infrage. Also sagte sie selbstbewusst zu dem Beamten: „Ich suche ein Quartier für zwei Erwachsene und drei Kinder.“ „Sie haben aber Mut“, konterte der Mann hinter seinem Tisch spöttisch. Das brachte Mutter auf hundert: „Ich will Ihnen mal was erzählen“, polterte sie los. „Sie sind heute aus Ihrem warmen Bett gestiegen, sitzen hier und fertigen die sogenannten unliebsamen Eindringlinge ab. Ich habe draußen einen Kinderwagen stehen. Das Kind ist ein Vierteljahr alt, und so lange bin ich unterwegs. Wenn Sie morgen wieder aus Ihrem warmen Bett in Ihre warme Dienststelle kommen, steht dieser Kinderwagen da. Was Sie dann damit machen, ist mir scheißegal!“
Der Beamte stutzte und brachte kein Wort mehr heraus. Ein älterer Herr, der auch zum Amt gehörte und den Ausbruch meiner Mutter mitbekommen hatte, ging langsam auf sie zu und sagte leise: „Gehen Sie mal ganz schnell zum Marquardplatz 3 in die zweite Etage, da sind Bombengeschädigte ausgezogen, die ein Quartier bekommen haben.“ Dankbar nickte Mutter ihm zu und rannte voller Glück los.
Bei besagter Adresse, einem herrschaftlichen Haus, ging sie durch den offenen Toreingang und stieg das Treppenhaus hinauf, wo sie aufgeregt an der Wohnungstür im zweiten Stock klingelte. Sie fühlte sich klein wie eine unliebsame Bittstellerin. Eine Frau mit Tabakpfeife im Mundwinkel öffnete. Kritisch musterte sie meine Mutter und fragte bärbeißig: „Wie viele sind Sie?“ „Zwei und zwei. Eins der Kinder ist ein Säugling.“ „Holen Sie sie“, sagte sie im Kommandoton, „und kommen Sie bald wieder.“ Mit weicherer Stimme fügte sie hinzu: „Ich mache dem Baby solange eine warme Badewanne.“
Es war nicht zu fassen! Hier im Haus war tatsächlich noch Platz für sie! Dankbar machte Mutter kehrt und stieg hastig die Treppen hinab. So schnell sie ihre Beine trugen, machte sich Erna Pottag mit der großartigen Nachricht wieder auf zu uns. Wir hatten uns, wie viele andere Gestrandete, in der Ernestinenschule am Koberg niedergelassen, bis wir wissen würden, wohin es weiterging. „Wir haben anderthalb Zimmer und Küche!“, verkündete Mutter triumphierend. „In einer herrschaftlichen Wohnung am Marquardplatz!“ Meine Oma wurde von Mutters Begeisterung kurz aus ihrer Lethargie gerissen und half, unsere wenigen Habseligkeiten eilig zusammenzuraffen.
Bis wir schließlich bei unserer neuen Wirtin außerhalb der Altstadt ankamen, war das Badewasser bereits kalt geworden. Doch die Frau holte erneut Späne und Holz hervor und wärmte es wieder auf. Für das „Pimperle“, wie sie mich von da an zärtlich nannte.
Ohne viele Worte führte sie uns in ein großes möbliertes Zimmer mit hohen Decken, großzügigen Fenstern, einem venezianischen Leuchter, Stühlen und einem Tisch. Sogar ein ausladender Balkon ging von hier ab. Neben dem großen Raum war noch ein kleines Zimmer, in dem ein Feldbett stand, und im angrenzenden Bad konnte notdürftig eine Küche eingerichtet werden. Erschöpft stellten alle die Rucksäcke und Taschen ab. Nach drei Monaten hatten wir endlich wieder ein Zuhause. Oma ließ sich wortlos auf das Feldbett fallen und schlief sofort ein.
Die Wirtin brachte uns später noch aus eigenem Antrieb, was sie entbehren konnte: Gardinen, Kerzen und einen weiteren Leuchter. Hinter ihrer mürrischen Miene und dem von der Pfeife stets nach unten verzogenen Mundwinkel verbarg sich ein weites Herz.
Als meine Oma aus ihrem erschöpften Schlaf erwachte, verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. „Was ist bloß aus uns geworden?“, schluchzte sie. Ja, sie hatte überlebt, auch ihre Tochter und die zwei Enkel waren der Gefahr des Krieges entkommen. Doch wie nur sollte sie sich auf dieses neue Leben hier einlassen? All ihre Kräfte schienen aufgezehrt. Was sie vor wenigen Wochen noch gehabt hatte und wer sie gewesen war, war ihr zwischen den Fingern zerronnen. Mit einem Mal waren sie Bittsteller, angewiesen auf die Barmherzigkeit und Großzügigkeit anderer. „Was ist bloß aus uns geworden?“, wiederholte sie wieder und wieder.
Für die erste Zeit schliefen wir improvisiert: Oma auf dem Feldbett, ich im Kinderwagen und meine Schwester auf Kissen und Decken auf dem Boden. Mutter schob sich zwei Stühle zu einer Bettstatt zusammen. Die freundliche Wirtin bot ihr bald an, im Herrenzimmer auf dem Sofa zu nächtigen. Da habe sie es bequemer.
