Hilflos - Von den Eltern vernachlässigt - vom Nachbarn missbraucht - Marianne Marsh - E-Book
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Hilflos - Von den Eltern vernachlässigt - vom Nachbarn missbraucht E-Book

Marianne Marsh

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Beschreibung

"Meine kleine Dame" - so wurde Marianne noch nie genannt. In einem lieblosen und gewalttätigen Elternhaus aufgewachsen, findet die Achtjährige bei dem Mann von nebenan endlich die Geborgenheit, nach der sie sich immer gesehnt hat. Doch der Schein trügt, denn der Nachbar verfolgt einen Plan. Nach und nach erschleicht er sich Mariannes Vertrauen und drängt sich ihr immer wieder körperlich auf. Das kleine Mädchen ist gefangen in einem Tumult aus Angst, Hoffnung und emotionaler Abhängigkeit. Dem Missbrauch über Jahre hinweg hilflos ausgeliefert, wird Marianne mit 13 zum ersten Mal schwanger. Aus Angst und Scham verschweigt sie den Namen des Vaters und gibt ihre Tochter zur Adoption frei. Erst als sie drei Jahre später erneut ein Kind erwartet und ihr Vater sie vor Wut halbtot schlägt, wagt Marianne schließlich die Flucht ...

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber Toni MaguireTitelImpressumDankePrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Epilog

Über dieses Buch

»Meine kleine Dame« – so wurde Marianne noch nie genannt. In einem lieblosen und gewalttätigen Elternhaus aufgewachsen, findet die Achtjährige bei dem Mann von nebenan endlich die Geborgenheit, nach der sie sich immer gesehnt hat. Doch der Schein trügt, denn der Nachbar verfolgt einen Plan. Nach und nach erschleicht er sich Mariannes Vertrauen und drängt sich ihr immer wieder körperlich auf. Das kleine Mädchen ist gefangen in einem Tumult aus Angst, Hoffnung und emotionaler Abhängigkeit. Dem Missbrauch über Jahre hinweg hilflos ausgeliefert, wird Marianne mit 13 zum ersten Mal schwanger. Aus Angst und Scham verschweigt sie den Namen des Vaters und gibt ihre Tochter zur Adoption frei. Erst als sie drei Jahre später erneut ein Kind erwartet und ihr Vater sie vor Wut halbtot schlägt, wagt Marianne schließlich die Flucht …

Über Toni Maguire

In ihren Memoires »Kein Wort zu Mami« und »Was hast du getan, Papa« erzählt Toni Maguire ihre eigene erschütternde Geschichte als kleines Mädchen, dessen Kindheit vom eigenen Vater zerstört wurde. Heute arbeitet Toni als Autorin mit anderen Missbrauchsopfern zusammen, die ihre Geschichten ebenfalls zu Papier bringen wollen.

Marianne Marshmit Toni Maguire

HILFLOS

Von den Eltern vernachlässigt –vom Nachbarn missbraucht

Aus dem Englischen von Usch Pilz

BASTEI ENTERTAINMENT

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Digitalausgabe

Für die Originalausgabe:

© Copyright 2009 by Marianne Marsh und Toni Maguire

Originalausgabe: »Helpless«

Erste deutsche Ausgabe:

© Copyright 2011 by Weltbild GmbH & Co. KG, Augsburg

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Die Rechte an der Nutzung der deutschen Übersetzung von Usch Pilz liegen bei Weltbild GmbH & Co. KG, Augsburg

Umschlaggestaltung: Jeannine Schmelzer unter Verwendung eines Motives © iStockphoto: EricVega

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-6347-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Danke

Ich danke meinem Mann für die Ermutigung und Unterstützung bei der Entstehung dieses Buches, aber noch viel mehr dafür, dass er mir Geborgenheit, Sicherheit, Glück und Liebe schenkt.

Ein herzlicher Dank geht auch an meine Söhne für ihre Unterstützung und ihr Verständnis und dafür, dass sie mein Leben mit Glück erfüllen. Ich bin sehr stolz darauf, was für Männer sie geworden sind.

Auch meiner Schwester und ihrer Familie möchte ich danken, der alten und der neuen, hier und im Ausland – sie wissen, wer gemeint ist. Ich danke jedem Einzelnen von euch dafür, dass ihr immer da seid.

Ich danke meinen Töchtern für das Geschenk, dass ich sie kennenlernen und wieder in den Armen halten durfte.

Ein Dank geht auch an Toni, ohne die ich meine Geschichte nie hätte aufschreiben können.

Und an Barbara und Harper Collins, die mir dieses Buch ermöglicht haben.

Prolog

Der Mann hatte schon vor meiner Geburt nach einem kleinen Mädchen wie mir gesucht.

Nach einem ganz besonderen kleinen Mädchen, sagte er, nach einem, das Liebe brauchte.

Er suchte die Bekanntschaft junger Ehepaare, beobachtete, wie sie Eltern wurden, und lächelte mit heimlicher Freude, wenn er gebeten wurde, Taufpate zu sein.

»Er kann sehr gut mit Kindern umgehen«, sagten seine ahnungslosen Freunde.

Er heiratete, als ich noch ein Baby war, von dem er nichts wusste, und zog auch in Erwägung, seine Neigung an seiner eigenen kleinen Tochter auszuleben. Doch seine Frau hatte gelernt, in seine Seele zu sehen, und sie schützte ihre Kinder vor ihm.

Heimlich verfolgten mich seine Blicke, wenn ich auf dem Weg zur Schule und wieder nach Hause die schmale Landstraße entlangging. Er sah die Anzeichen der Verwahrlosung und wusste, dass ich diejenige war – diejenige, auf die er gewartet hatte.

Fortan trank er sein Bier in dem Pub, in dem mein Vater Stammgast war, und freundete sich mit ihm an.

Der Mann hörte sich das Gejammer an – schlechte Bezahlung, kleine hungrige Mäuler zu stopfen – und empfahl meinem Vater eine freie Stelle, von der er erfahren hatte. Auch ein halbwegs geräumiges Haus gehörte mit dazu.

Nicht der Rede wert, sagte er zu meinem Vater. Es sei ihm ein Vergnügen, helfen zu können.

»Was für ein feiner Mann«, sagten die Leute; seine Frau könne sich glücklich schätzen. Und welch ein Segen für meine Eltern, ihn kennengelernt zu haben.

Er war jedermanns Freund, vergaß nie die Geburtstage der Ehefrauen und brachte kleine Geschenke für die Kinder mit.

Ein gern gesehener Besucher war er, der Lieblingsonkel, dem man vertraute.

Und immer hatte er Süßigkeiten im Handschuhfach seines Wagens.

Ich war sieben, als ich ihn zum ersten Mal sah. Diesen Mann, der mich seine kleine Dame nannte.

Seit er und ich das letzte Mal miteinander gesprochen haben, sind viele Jahre vergangen. Aber noch immer sind die Erinnerungen so tief in meinem Gedächtnis verwurzelt und so klar, als wäre alles, was geschah, erst gestern passiert.

Kapitel 1

»Erzähl uns eine Geschichte«, baten meine Kinder mich oft.

»Womit soll ich beginnen?«, fragte ich, wenn ich das zerlesene Lieblingsbuch zur Hand nahm.

»Mit dem Anfang natürlich, Mum.« Und ich schlug pflichtschuldig die erste Seite auf.

»Es war einmal …«, fing ich an.

Aber da es sich nun um meine eigene Geschichte handelt und weil mehr Jahre hinter mir als vor mir liegen, stellt sich erst recht die Frage: Womit fange ich an?

Die Geschichte, die ich am liebsten in den hintersten Winkel meines Gedächtnisses verbannen möchte, die mich in meinen Träumen verfolgt – sie begann, als ich sieben Jahre alt war.

Dabei fing im Grunde alles bereits mit meiner Zeugung an. Vielleicht sogar schon früher. Aber erst als ich mit einem beidseitig mit kleiner, ordentlicher Schrift beschriebenen Blatt Kanzleipapier in der Küche saß, konnte ich akzeptieren, dass die Zeit, mich meiner Vergangenheit zu stellen, gekommen war.

Aber wo beginnen?

Ganz am Anfang, Marianne, antwortete meine innere Stimme. An deinem Anfang. Denn du musst dich an die Jahre davor erinnern, um verstehen zu können, was passiert ist. Und so habe ich es gemacht.

In der Zeit, in der ich noch zu Hause wohnte, erzählte mir meine Mutter an jedem einzelnen meiner Geburtstage – noch bevor ich eine Karte gelesen oder ein Geschenk bekommen hatte –, dass der Tag, an dem ich geboren wurde, ein Regentag gewesen sei.

Das waren keine gewöhnlichen Schauer, sagte sie immer, sondern wahre Fluten, die gegen die Fassade prasselten und die Feldwege in Schlammwüsten verwandelten.

Die Dachrinnen, aus denen mein Vater nie die welken Blätter entfernte, liefen über. Regenwasser floss an der Hauswand hinab und strömte gurgelnd zu den Kanalisationsschächten, die das viele Wasser längst nicht mehr aufnehmen konnten. Im Laufe der Jahre hatten sich an der Fassade moosgrüne Flecken gebildet und innen an den Zimmerwänden große Schimmelflächen. Auch das lag an den verstopften Dachrinnen.

In den frühen Morgenstunden, noch bevor die Hähne des Farmers lautstark den Tag begrüßt hatten, beschloss ich wohl, das Licht der Welt zu erblicken. Stechende Schmerzen rissen meine Mutter aus dem Schlaf. Ihr Nachthemd war feucht, und sie wusste, dass ich nun bald kommen würde. Plötzlich hatte sie schreckliche Angst.

Sie rüttelte meinen Vater wach. Erbost über meine Rücksichtslosigkeit zog er sich hastig an, stopfte die Hosenbeine in die klobigen Arbeitsstiefel, befestigte die Fahrradklammern und verließ eilig das Haus, um die Hebamme zu holen.

Meine Mutter hörte noch die Worte »Weiberzeug« und »nichts für einen Mann«. Dann schlug die Haustür zu, und sie war mit ihren Schmerzen und ihrer Angst allein.

Ihr schien es, als dauerte es Stunden, doch nach kaum zwanzig Minuten, wie sie letztendlich immer zugeben musste, stand die Hebamme an ihrem Bett.

Die kleine gedrungene Frau übernahm umgehend das Kommando und versuchte, meine Mutter zu beruhigen, indem sie ihr sagte, sie habe bereits Hunderten von Kindern auf die Welt geholfen. Nach einer flüchtigen Untersuchung bestätigte sie meine bevorstehende Ankunft.

»Und weißt du, was sie dann sagte?«, fragte meine Mutter jedes Mal an dieser Stelle ihrer Erzählung. Pflichtschuldig schüttelte ich dann den Kopf und spielte das Spiel mit.

»Sie sagte, sie könne erst etwas tun, wenn die Wehen in kürzeren Abständen kämen, und dass«, hier holte meine Mutter immer tief Luft, um den folgenden Worten mehr Bedeutung zu verleihen, »ich dann einfach nur pressen müsse! Anschließend fragte sie, wo die sauberen Handtücher seien, um die sie gebeten hätte.«

Immer folgte dann die Schilderung des langen, schmerzerfüllten Tages.

Mit missbilligenden »Ts-Ts«-Lauten quittierte die Hebamme die Tatsache, dass mein verkaterter Vater vergessen hatte, ihr all die Dinge herauszulegen, die sie ihm aufgezählt hatte. Doch mit der Hilfe meiner Mutter fand sie schließlich, was sie brauchte.

Als Nächstes nötigte sie eine Nachbarin dazu, herüberzukommen. Sie sollte helfen, wenn es schließlich so weit war. Doch bis dahin gab es wenig zu tun. Meine Mutter hörte, wie die beiden unten redeten, wie zahllose Tassen Tee gekocht und Tratschgeschichten ausgetauscht wurden. Im Laufe des Tages brachte man ihr gelegentlich etwas zu trinken und wischte ihr mit einem kalten Lappen übers Gesicht. Doch die meiste Zeit blieb sie sich selbst überlassen.

»Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen«, waren die Worte der Hebamme, die meine Mutter natürlich nicht beruhigten, geschweige denn trösteten. Dann ging die Frau wieder hinunter und setzte sich an das gerade entfachte Feuer.

Manchmal fragte ich mich, ob es tatsächlich sein konnte, dass sich meine Mutter so genau an alle Einzelheiten erinnerte. Aber sie versicherte mir stets, dass alles wirklich so gewesen sei.

Den ganzen Tag über lag sie mit hochgelegten Beinen und gespreizten Knien auf dem Rücken. Mit vor Angst und Schmerz feuchten Händen krallte sie sich in das zerwühlte Bettlaken. Und während sie vom Bett aus zusah, wie das Wasser über die Fensterscheiben strömte, wurde ihr Körper von unvorstellbar schlimmeren Schmerzen gemartert.

Ihre Kehle brannte von den Schreien, die sie nicht zurückhalten konnte. Sie war triefnass. Das Haar klebte ihr an der Kopfhaut, der Schweiß lief ihr übers Gesicht, tropfte ihr vom Kinn.

Mehr als alles andere wollte sie jemanden bei sich haben, der sie liebte; jemanden, der ihre Hand hielt, ihr den Schweiß von der Stirn wischte und ihr sagte, alles werde gut. Aber nur die Hebamme schaute hin und wieder herein.

Es wurde Abend, und es regnete immer noch. Mutter sah ihr Spiegelbild im Fenster. Es war von Regentropfen überströmt, so als würden tausend Tränen über ihr Gesicht rinnen.

Achtzehn Stunden, nachdem ich die Fruchtblase meiner Mutter durchstoßen hatte, kamen die letzten Presswehen – meine Mutter war sicher, dass sie nicht eine einzige weitere überlebt hätte –, und endlich erblickte ich das Licht der Welt.

Als ich aus der Wärme des mütterlichen Schoßes glitt, wusste ich zum Glück nicht, wie wenig willkommen ich war. Bis ich das herausfand, vergingen einige Jahre.

Mein Vater kam erst nach der Sperrstunde nach Hause und hörte, dass sein erstes Kind ein Mädchen war.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihn sehr freute.

Kapitel 2

Meine früheste Erinnerung stammt aus einer Zeit, in der ich noch zu klein war, um längere Strecken laufen zu können. Ich saß in einem Kinderwagen. Wieder einmal spürte ich das Gerüttel und dann die plötzliche Last der Einkaufstaschen, die achtlos auf mich geworfen wurden. Ich sehnte mich danach, dass meine Mutter sich zu mir herunterbeugte, mich hochhob und in ihre warmen Arme nahm. Ich hörte die Stimmen aus den verwischten Gesichtern über mir, sah, wie sie auf mich herunterblickten, doch mich selbst konnte ich noch nicht sehen.

Mich selbst als Dreijährige, klein für mein Alter, mit strähnigem hellbraunen Haar, einem blassen Gesicht, das oft alles andere als sauber war, und runden blauen Augen, die schon jetzt die Welt mit einem zaghaften und etwas misstrauischen Blick betrachteten.

Noch wusste ich nicht, dass ich ein ungeliebtes Kind war. Zwar herzte mich niemand, niemand deckte mich fürsorglich zu und las mir eine Geschichte vor, und keiner gab mir das wunderbare Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Aber ich kannte es ja nicht anders.

Auch meine Angst konnte ich nicht in Worte fassen. Ich hätte nicht erklären können, was ich empfand, wenn mir eine Gänsehaut über die Arme kroch, wenn mein Nacken prickelte und mein Magen sich anfühlte, als flatterte ein Schwarm Motten darin umher. Aber als ich meine ersten unsicheren Schritte machte und meine ersten Worte stammelte, wusste ich, dass es der Klang der erhobenen Stimme meines Vaters war, der diese Gefühle in mir auslöste.

Kaum hatte er die Haustür geöffnet und war ins Zimmer gewankt, schrie er schon: »Warum starrst du mich so an?«

Anfangs verstand ich die Worte noch nicht, spürte aber den Zorn. Ich machte den Mund auf und stieß ein lautes Geheul aus, was dazu führte, dass er mich so lange weiter anschrie, bis meine Mutter mich genervt aus seinem Blickfeld entfernte. Später lernte ich, mich von dem Augenblick an, in dem er mit seiner Präsenz den Raum erfüllte, klein zu machen und still zu sein – oder besser noch unsichtbar.

Das Zuhause, in dem ich meine ersten sieben Lebensjahre verbrachte, war eines von sechs kleinen Häuschen, die in einer Reihe standen. Durch die Eingangstür trat man direkt ins Wohnzimmer, von wo aus eine schmale Treppe zu den Schlafzimmern hinaufführte. Im Elternschlafzimmer war gerade genügend Platz für ein Doppelbett und eine Kommode. Mein Zimmer mit dem kahlen Verputz und dem rissigen braunen Linoleumboden war kaum größer als ein Schrank. Als einziges Möbelstück stand darin ein kleines Bett, an der Wand gegenüber dem Fenster ohne Gardinen. Auf dem zerschlissenen Bettzeug lag anstelle einer Decke ein Stapel alter Mäntel und Jacken.

Das Häuschen gehörte zu der Farm, auf der mein Vater arbeitete, und wie bei vielen Landarbeitern war die freie Unterkunft ein Teil der Entlohnung.

Der Farmer, ein altmodischer und streitlustiger Mann, wollte von steigenden Lebenshaltungskosten nichts hören und speiste seine unzufriedenen Arbeiter mit einem Hungerlohn ab. »Schließlich wohnen sie hier doch umsonst«, verteidigte er sich. Leider war er auch der Ansicht, dass eine mietfreie Bleibe ihm als Hausbesitzer keinerlei Instandhaltungskosten verursachen dürfe. So war das Häuschen während der Wintermonate kalt und feucht. Weder die zusammengerollten Zeitungen unten an den Türen noch die an den verrotteten Fensterrahmen befestigten Plastikfolien hielten die eisige Zugluft ab, die in die Ohren und Nasen biss und ihre kalten Finger um bloße Beinchen krallte. Zitternd drängten wir uns am Feuer zusammen. Vorn leidlich warm, aber mit eiskaltem Rücken, kauerten wir an dem armseligen rußgeschwärzten Rost, auf dem feuchte Scheite qualmten.

Wenn sich der Himmel verdunkelte und der Eisregen dafür sorgte, dass ich nicht draußen spielen konnte, verbrachte ich die Tage in dem winzigen Wohnzimmer, das auch als Küche, Esszimmer und zu den seltenen Gelegenheiten, an denen eine Zinkwanne darin auftauchte, als Badezimmer diente. Möbliert war es mit altem Plunder, den die Großeltern beider Seiten aussortiert hatten. Ich erinnere mich an ein hässliches, kastanienbraunes Sofa mit durchgesessenen Federn, die sich schon beinahe durch den abgeschabten und verschossenen Bezugsstoff bohrten, an einen hölzernen Esstisch mit vier zusammengewürfelten, wackeligen unbequemen Stühlen und an eine zerkratzte Kommode, auf der sich Töpfe und andere Küchenutensilien stapelten. Im Wohnzimmer gab es kein einziges Stück, das für Gemütlichkeit oder Wohnlichkeit gesorgt hätte – es war ein trostloser dunkler Raum in einem trostlosen kleinen Haus.

Drei Türen hatte es insgesamt: Eine befand sich an der Treppe, die zu den Schlafzimmern führte. Durch die zweite gelangte man zum Garten hinter dem Haus, wo die Wäsche und die schmutzigen Töpfe gewaschen wurden. Die dritte, die Haustür, führte für meine Mutter anscheinend nirgendwo hin. Denn abgesehen von gelegentlichen Gängen zu den Geschäften, wo sie Lebensmittel und ein paar andere Dinge des täglichen Bedarfs kaufte, gab es für sie offenbar kaum ein Leben außerhalb dieser vier Wände.

Uns satt zu bekommen, was niemals leicht war, schien fast die gesamte Zeit meiner Mutter zu beanspruchen. Mein Vater, der zur Haushaltskasse nur beisteuerte, was er nicht im Pub vertrank, erwartete jeden Abend eine warme Mahlzeit. Ganz gleich, wann er nach Hause kam – wenn das Essen nicht binnen Minuten vor ihm auf dem Tisch stand, erfüllte sein wütendes Gebrüll den Raum, und seine Fäuste ballten sich vor Zorn.

Er war ein chronischer Trinker, ein Alkoholiker, wie es heute heißt. Meine Mutter wusste nie, ob er nach der Arbeit direkt in den Pub gehen oder erst zum Essen nach Hause kommen und danach im Pub trinken würde, bis seine Taschen leer waren.

Weil er kurz vor dem Zahltag stets nach dem restlichen Haushaltsgeld suchte, bemühte sich meine Mutter, kleine Beträge zu verstecken, sodass sie immer wenigstens Brot und Milch kaufen konnte. Doch das übermächtige Verlangen nach einem Drink schien meinem Vater zu einem geradezu unheimlichen Scharfsinn zu verhelfen. Und so fand er das neue Versteck, in dem meine Mutter die wenigen Münzen verborgen hatte, meist schon nach wenigen Stunden.

An solchen Tagen war die Anspannung im Raum oft mit Händen greifbar. Er schlürfte seinen Tee und schaufelte das Essen in sich hinein, während seine Blicke umherschossen und meine Mutter ihn nervös aus der Ferne beobachtete. Vielleicht betete sie, dass seine Laune sich bessern und er dieses eine Mal zu Hause bleiben würde.

Aber das passierte nur selten.

Manchmal fragte er mit einem Lächeln nach dem Geld, manchmal mit einer Grimasse, und hin und wieder drohte er. Aber gleichgültig, wie er die Frage stellte – meine Mutter wusste, dass sie es mit einer Forderung zu tun hatte und nicht mit einer Bitte.

Ihre Erklärung, es sei kein Geld mehr da, wurde stets nur mit einem düsteren Blick quittiert.

»Du bist eine verdammte Lügnerin«, war seine übliche Antwort. »Und jetzt gib mir das Geld, wenn du weißt, was gut für dich ist.«

Mein kleiner Körper bebte vor Angst. Ich rutschte lautlos vom Stuhl und versteckte mich hinter dem Sofa. Die Hände auf die Ohren gedrückt, die Augen fest geschlossen, versuchte ich, nicht zu sehen und zu hören, was geschah. Trotzdem drangen die Geräusche zu mir durch: wie sein Stuhl unwirsch zurückgeschoben wurde, wie seine Füße in den schweren Arbeitsstiefeln durch den Raum stapften. Das Getöse, mit dem die Töpfe zu Boden krachten, und das Geklapper, mit dem der Inhalt der Kommodenschubladen ausgekippt wurde.

In die Geräusche mischte sich das wütende Geschrei meines Vaters. »Wo hast du es versteckt, du Schlampe?« Dazu die schwachen Proteste meiner Mutter. »Es ist nichts mehr da.« Bald hallte der Raum vom Lärm seiner Suche und ihren flehentlichen Bitten wider.

Das Wutgebrüll wurde lauter, und schließlich folgte das unverkennbare Geräusch von Fäusten, die auf einen Körper prallten. Das Schluchzen meiner Mutter, das Poltern schwerer Füße auf den Holzdielen und am Ende sein Triumphschrei. Er hatte die Beute gefunden.

»Da, du nutzlose Schlampe! Ich wusste doch, dass du es vor mir versteckst.«

Wieder hatten die Verlockungen des Pubs die Oberhand behalten. Sie riefen meinen Vater wie der Gesang der Sirenen und ließen ihn die Not seiner Familie vergessen.

Wenn das Knallen der Haustür seinen Abgang verkündete, nahm ich die Hände von den Ohren, öffnete die Augen, löste mich aus meiner Erstarrung und kam zögernd hinter dem Sofa hervorgekrochen. Jedes Mal, wenn ich meine Mutter dann so elend und in sich zusammengesunken dasitzen sah, hatte ich einen Kloß in der Kehle.

Auf ihrem Gesicht zeichnete sich manchmal schon der rote Abdruck seiner Hand ab. Ich sah ein wenig verschmiertes Blut in ihrem Mundwinkel und die Lippen, die bereits anschwollen. An ihrem Arm bildete sich ein Bluterguss. Während ihr Blick über das Chaos ringsum schweifte, rannen ihr Tränen der Verzweiflung übers Gesicht. Instinktiv wollte ich zu ihr laufen und sie trösten. Manchmal, wenn ihr die Kraft fehlte, mich fortzuschieben, ließ sie zu, dass ich mich an ihr Knie schmiegte. Doch meist traf mich, wenn ich nur das Wort »Mum« sagte, ein so frustrierter und von Groll erfüllter Blick, dass ich zurückwich.

»Was willst du, Marianne? Kannst du mich nicht einmal in Ruhe lassen?«

In diesem Alter konnte ich ihr noch nicht mit Worten sagen, dass ich mich sicher fühlen wollte, dass ich mich danach sehnte, auf ihren Schoß klettern zu dürfen, in die Arme genommen zu werden und zu hören, dass alles gut werden würde.

Stattdessen ließ die Ablehnung, die ich spürte, mir dicke Tränen über die Wangen kullern, und ich weinte meinen Kummer laut hinaus.

Meist wich dann der Ärger auf ihren Zügen einer Mischung aus dem Anflug eines schlechten Gewissens, aus Ungeduld und Resignation.

»Ach, hör schon auf mit dem Geheul! Schließlich ist er ja nicht auf dich losgegangen. Komm, ich wische dir die Tränen ab.« Dann wühlte sie in ihrer Tasche nach dem schmuddeligen Lappen, der als Taschentuch diente, und trocknete damit hastig meine Tränen. »Du weißt doch, dass du nichts dafür kannst, Marianne.«

Diese kurzen Momente ruppiger mütterlicher Zuwendung trösteten mich ein wenig. Doch ich glaubte immer noch, dass sie so böse war, sei irgendwie meine Schuld. Außer mir war ja niemand da.

Wenn das Geld nicht einmal mehr für das Notwendigste an Essen reichte, musste meine Mutter darauf hoffen, dass man sie anschreiben ließ, ihr etwas lieh, oder – schlimmer noch – sie musste um Almosen bitten.

Ich hasste es, neben ihr zu stehen und sie Ausreden stottern zu hören. Denn ich wusste nur zu gut, dass weder die Ladenbesitzerin noch die Kundinnen in der Reihe hinter uns ihre Geschichten glaubten. Angesichts der Blicke voller Mitleid und Verachtung überkam mich eine Welle von Scham, und ich fragte mich, ob die geflüsterten Bemerkungen etwas mit uns zu tun hatten. Ich sah, wie sich die Wangen meiner Mutter vor Verlegenheit und Scham röteten, wenn auch ihr bewusst wurde, dass man ihr die Erklärungen nicht abnahm.

Beim Metzger kauften wir nur die billigsten Stücke. Ein Brocken Lammnacken konnte eine ganze Woche lang reichen, wenn man für den Geschmack einen dicken Markknochen hinzufügte. Mit großen Kartoffelportionen und anderem Gemüse, das jeweils gerade günstig war, ließ sich daraus ein nahrhafter Eintopf bereiten, der dann Abend für Abend auf den Tisch kam.

Es gab eine Zeit, die noch schlimmer war. Mein Vater kam dann kaum noch nach Hause. Wenn er schließlich doch erschien, war er unrasiert, und seine Augen waren blutunterlaufen. Der Gestank des Pubs, diese Mischung aus Alkohol, Zigaretten und abgestandenem Schweiß klebte an ihm, und die Lohntüte war leer.

Dann musste meine Mutter beim Metzger um Knochen mit ein paar Fleischresten daran betteln, die normalerweise die wohlhabenden guten Kunden für ihre Hunde bekamen. Mitleidig betrachtete der Metzger die verhärmten Züge meiner Mutter und mein kleines blasses Gesicht. »Sie brauchen die Knochen nötiger als die verhätschelten Fidos und Rovers«, sagte er und steckte noch ein paar fettige Klumpen, die er von besseren Stücken abgeschnitten hatte, mit in die Tüte. »Das kostet nichts, gute Frau.« Achselzuckend wehrte er ihre beschämten Dankesworte ab. Seine Freundlichkeit schien meiner Mutter jedes Mal peinlicher zu sein, als wenn er wie üblich recht schroff gewesen wäre.

In jenen Zeiten schwammen noch mehr Kartoffeln und Kohlblätter und noch weniger Fleischstücke in unserem Eintopf. Shepards Pie wurde zu Kartoffelpüree mit Soße, und anstelle von Butter und Marmelade hatten wir schmieriges weißes Schmalz auf dem Brot.

»Wir müssen das Fleisch für deinen Vater übrig lassen«, sagte Mutter immer, wenn sie mir Kohl und blasse Kartoffelstücke in einer talgigen Brühe auf den Teller schöpfte.

Ich betrachtete dann jedes Mal den leeren Stuhl meines Vaters und den Platz, der für ihn gedeckt war, und überlegte, ob er wohl nach Hause kommen würde, wenn ich im Bett lag.

Kapitel 3

Die Auseinandersetzungen zwischen meinen Eltern eskalierten. Auch ich bekam hin und wieder Knüffe und Schläge ab, und bald ließ mich schon der Klang der erhobenen Stimme meines Vaters vor Angst beben.

Mitte der Fünfzigerjahre schossen in einigen Teilen von Essex Fabriken wie Pilze aus dem Boden. Dort wurden die unterschiedlichsten Produkte hergestellt – von Yardley Parfüm bis zu Personenwagen und Traktoren der Marke Ford –, und jedes Mal, wenn eine neue Fabrik ihre Tore öffnete, verdüsterte sich die Laune meines Vaters. Er bejammerte die Tatsache, dass nun Wohnsiedlungen die einst grünen landwirtschaftlichen Flächen bedeckten und die Farmarbeiter um ihre Arbeit brachten. Über die Fabrikarbeiter grinste er höhnisch und schimpfte über die Zahl glänzender neuer Autos, die ihn mit Dreck bespritzten, wenn er die Landstraßen entlangradelte.

Die Besuche im Pub schienen seinen Groll noch anzustacheln, und er kam oft so angespannt wie eine Stahlfeder nach Hause. Der kleinste Anlass genügte, um seinen Jähzorn überschäumen zu lassen. Ob es sich nun um eine eingebildete Beleidigung im Pub handelte, ob er das Gefühl hatte, meine Mutter zeige nicht genügend Verständnis oder ob ich an dem Platz saß, wo er gerade sitzen wollte – jeder einzelne genügte für einen heftigen Anfall von Raserei. Bei diesen Gelegenheiten schien ihn die Fähigkeit, zusammenhängende Sätze zu bilden, abhanden gekommen zu sein. Nur mit Gebrüll und fliegenden Fäusten konnte er sich noch mitteilen. Sein Kopf wurde knallrot, seine Augen schweiften streitlustig durch den Raum und suchten nach etwas, woran er seine Wut auslassen konnte. Immer hoffte ich dann voller Angst, dass sein Blick nicht auf mich fallen würde.

Oft lag ich zusammengerollt in einer Ecke und versuchte, mich so klein und unsichtbar zu machen wie irgend möglich.

Wenn ich mit fest geschlossenen Augen in meinem Versteck kauerte oder vor Angst zitternd im Bett lag, hörte ich das Gebrüll und die Schreie und erkannte das Geräusch von Schlägen. Doch erst als ich vier Jahre alt war, sah ich zum ersten Mal tatsächlich mit eigenen Augen, wie mein Vater meine Mutter verprügelte.

Das Abendessen war schon seit einer Stunde fertig, und sie hatte unsere Portionen bereits herausgeschöpft, als die Tür knallend gegen die Wand krachte. Mein Vater wankte mit zornrotem Kopf herein. Er beugte sich über den Tisch und stützte schwankend die Hände auf. Während er seine Wut hervorspie, schlug uns der saure Gestank seines Bieratems ins Gesicht. Sein unbändiger Zorn speiste sich aus der Verbitterung über die besser bezahlten Fabrikarbeiter, die seit Neuestem in seiner Stammkneipe einkehrten.

»Diese verdammten Großmäuler! Was glauben die eigentlich, wer sie sind? Halten sich für etwas Besseres. Keine Ahnung von ehrlicher Arbeit und noch feucht hinter den Ohren. Verdammte kleine Stinker, glauben, sie wüssten alles besser. Wisst ihr, was sie gesagt haben?«

Ich spürte, wie meine Mutter verzweifelt nach Worten suchte, mit denen sie ihn beruhigen konnte. Weil ihr jedoch nichts Passendes einfallen wollte, blieb sie lieber still.

Hilflos sah sie ihn an, während die wuttriefenden Worte aus seinem zornverzerrten Mund quollen. Worte, die ich noch nicht verstand. Doch ich spürte den Hass und bebte vor Angst.

»Sie haben sich für die neue Siedlung vormerken lassen, die bald gebaut wird. Wollen sich nun eigene Häuser kaufen. Sich etwas zu mieten, ist ihnen nicht mehr gut genug. Dabei sollte man meinen, es wäre schon genug, wenn sie in den blinkenden Blechkisten herumfahren. Die schauen auf uns herab. Auf uns! Dabei haben wir schon auf den Farmen geschuftet, als sie noch zur Schule gingen. Hypotheken nehmen sie auf, sagen sie. Schwachsinn. Ich nenne das Schulden. Das bricht ihnen das Genick. Die werden schon sehen, was sie davon haben.«

Wenn er so über die Fabrikarbeiter herzog, brach seine ganze Frustration darüber, dass er selbst nichts erreicht hatte, aus ihm heraus. Er beschuldigte meine Mutter, ihn in die Falle gelockt und zum Heiraten gezwungen zu haben. Mir warf er vor, dass ich überhaupt da war. Wenn er nicht eine Arbeit tun müsste, die uns ein Dach über dem Kopf sicherte, meinte er, würde er nun vielleicht auch in einem nagelneuen Auto durch die Gegend kutschieren, anstatt sich auf dem Fahrrad abzustrampeln.

Den Rücken an die Stuhllehne gedrückt, hörte ich das beschwichtigende Gemurmel meiner Mutter. Eilig wurde das Essen vor ihn hingestellt, frischer Tee wurde aufgebrüht und eingeschenkt, eine Scheibe Brot abgeschnitten und mit Butter bestrichen. Aber nichts konnte seinen Zorn mildern.

Finster starrte er uns an, bevor er nach der Gabel griff und das Essen in sich hineinschaufelte.

»Verdammt noch mal, Frau! Kannst du nie etwas anderes kochen als diesen scheußlichen Eintopf?«, schrie er nach dem ersten Bissen. Einen Augenblick lang dachte ich, er würde den Teller vom Tisch fegen, wie er es schon oft getan hatte. Doch eine Art Selbsterhaltungstrieb – vielleicht das Wissen, dass ansonsten kaum etwas zu essen im Haus war – hielt ihn davon ab. Stattdessen mampfte er weiter und beschimpfte meine Mutter nach jedem Happen. Dann wurde er still.

Seiner Gesichtsfarbe nach zu urteilen, hatte sich seine Wut allerdings nicht gelegt; er suchte nur nach einer weiteren Möglichkeit, meiner Mutter die Schuld an seiner tiefen Unzufriedenheit zuzuschieben. Am liebsten wäre ich aufgestanden, aber ich traute mich nicht, mich zu rühren. Auf keinen Fall wollte ich gerade jetzt seine Aufmerksamkeit auf mich lenken.

Er kratzte den Teller aus, tunkte mit einem Stück Brotrinde auch noch den letzten Tropfen Brühe auf. Dann ließ er das Besteck fallen, schob den Teller weg und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Mit einem gehässigen Blick musterte er meine Mutter von oben bis unten.

»Herrgott, wie du aussiehst! Kein Wunder, dass ich keine Lust habe, nach Hause zu kommen. Für dich muss sich ein Mann ja schämen. Dieses Haus ist ein Dreckloch. Glaubst du, hierher könnte man jemanden mitbringen? Meine alte Mutter hatte recht, als sie sagte, du wärest eine dreckige Kuh. Sie hat das Haus immer sauber gehalten, dabei musste sie vier Kinder großziehen. Aber dir, du faule Schlampe, dir ist alles egal.«

Während er sie mit Beleidigungen überschüttete, verdunkelte sich seine Gesichtsfarbe weiter. Meine Mutter wand sich unter jedem seiner Worte wie unter einem Fausthieb, doch sie versuchte nicht, sich zu verteidigen.

Plötzlich sprang mein Vater auf und stieß geräuschvoll den Stuhl fort. Meine Mutter musste geahnt haben, was als Nächstes passieren würde. Sie versuchte, zurückzuweichen, aber er war schneller. Es gelang ihr noch, die Hände vors Gesicht zu schlagen, und schon hagelte es Fausthiebe auf ihre Schultern und Arme. Tränen quollen zwischen ihren Fingern hindurch. Ich hörte sie vor Schmerzen leise stöhnen. Immer wieder flehte sie, er solle doch aufhören.

Plötzlich ließ er die Fäuste sinken.

»Ach, es ist Zeitverschwendung, dich zu schlagen. Du lernst es ja doch nicht. Schau dich doch an, Frau. Du bist ein Wrack.«

Diesmal hob er die Hand nur, um ihr den Finger mit aller Macht in die Brust zu bohren. »Sieh dir bloß deinen verdammten Unterrock an.«

Die verächtlichen Worte lenkten meinen Blick auf den Rock meiner Mutter, und ich bemerkte, dass ihr Unterrock eine Handbreit unter dem Rocksaum hervorhing.

Das Lächeln, das plötzlich auf dem Gesicht meines Vaters erschien, machte mir mehr Angst als zuvor sein düsterer Blick. Er rückte so nahe an meine Mutter heran, dass sie bis zur Wand zurücktaumelte. Die Angst ließ alle Farbe aus ihrem Gesicht weichen. Ich hörte, wie sie versuchte, seinen Namen zu sagen, hörte seinen schweren Atem. Dann sah ich, wie er seine Hand in die Tasche schob und ein Feuerzeug hervorholte. Eine schnelle Daumenbewegung, und die Flamme flackerte auf. Bevor meine Mutter auch nur ahnte, was er vorhatte, beugte er sich zu meinem Entsetzen hinab und hielt das Feuerzeug an den Spitzensaum des Unterrocks. Mit der anderen Hand drückte er gegen den Bauch meiner Mutter, sodass sie sich nicht bewegen konnte.

»Nicht!«, schrie sie. »Bitte lass mich in Ruhe.« Sie versuchte, ihn wegzustoßen, doch er drängte sie nur lachend an die Wand. Die Angst ließ mich von meinem Stuhl springen, und ich tat, was ich sie hatte tun sehen, wenn ein Funke aus dem Feuer auf die Kleider sprang, die vor dem Kamin trockneten. Ich griff nach einer alten Zeitung, drängte mich zwischen meine Eltern und schlug auf die kleine Flamme ein, die bereits am Unterrock meiner Mutter züngelte. Glucksend trat mein Vater beiseite. Meine Mutter stürzte zum Spülbecken und ließ Wasser über ihren Rock laufen. Einen Moment lang vergaß ich, wie viel Angst ich vor ihm hatte.

»Du bist böse. Du bist ein böser, böser, gemeiner Mann, Daddy!«, schrie ich und blickte auf in sein überraschtes Gesicht.

»Was glaubst du eigentlich, mit wem du sprichst?«, brüllte er mich an. »Erlaube dir bloß keine Dreistigkeiten, du unverschämter Balg. Ab ins Bett mit dir! Hörst du?«

Seine Hand krachte auf meinen Hinterkopf. Vor meinen Augen tanzten schwarze Flecken, und ich fiel fast um vor Schreck über die Wucht des Schlages. Doch ein Anflug von Selbstachtung hielt mich auf den Beinen, ließ mich aufrecht aus dem Zimmer staksen und die Treppe hinaufsteigen.

Die Tränen hielt ich zurück, bis ich allein war.

Von nun an schienen sich die Streitereien oft über Tage hinzuziehen, und mein winziges Zimmer wurde mein Zufluchtsort.

Dort konnte ich mich unter dem Bettzeug, einem Berg alter Mäntel und zerrissener Laken, vergraben und es mir über die Ohren ziehen. Zitternd und mit fest zusammengekniffenen Augen versuchte ich, die Geräusche nicht zu hören, die mich so sehr ängstigten.

Aber egal, wie tief ich mich unter den Kleiderstapel wühlte – das Wutgebrüll meines Vaters drang immer zu mir durch.

»Schlampe!«, schrie er und »Hure!« Und obwohl ich den Sinn der Worte nicht verstand, ließ mich die Heftigkeit seines Zorns doch immer erschauern.

Mein Daumen fand den Weg in meinen Mund, stumme Schluchzer schüttelten meinen Körper, und meine freie Hand krallte sich in die Lumpenpuppe mit dem aufgemalten Gesicht. Immer folgte an solchen Tagen auf das schrille Flehen meiner Mutter, er möge sie in Ruhe lassen, ihr herzerweichendes Schluchzen.

Bitte lass sie aufhören, sang es wieder und wieder in meinem Kopf. Aber wenn es vorbei war, ängstigte mich die bedrückende Stille fast noch mehr.

Es gab aber auch Tage, an denen die düstere Laune meines Vaters verflog. Der finstere Blick wich einem Lächeln, und er sprach in einem freundlicheren Ton. Die Besuche im Pub, sagte er meiner Mutter dann, seien nun Vergangenheit. Er würde nach dem Abendessen zu Hause bleiben. Doch sie hatte das alles schon zu oft gehört und wusste, er würde früher oder später wieder trinken. Trotzdem hoffte sie jedes Mal aufs Neue, dass nun alles besser werden würde.

An solchen Tagen glätteten sich die Sorgenfalten ein wenig, die sich viel zu früh in das Gesicht meiner Mutter gegraben hatten, und der Korb mit dem Zubehör fürs Teppichmachen wurde hervorgeholt. Allein die selbstgemachten Läufer sorgten für ein paar Farbtupfer in unserem Heim. Sie bedeckten das kalte braune Linoleum der Böden.

Meine Eltern saßen bei diesen Gelegenheiten gemeinsam vor dem Holzfeuer und breiteten vor sich aus, was sie zum Teppichmachen brauchten. Das war nicht viel: ein Stapel abgetragener Kleider der Farmersfrau, die nur noch zu Lumpen taugten, eine Schere und ein paar alte Säcke. Meine Mutter schnitt den noch brauchbaren Stoff in lange Streifen, sortierte diese nach Farben und reichte sie meinem Vater, der sie geduldig in den Sackstoff einwebte. Auch ich wollte mich nützlich machen, hob stumm die Fetzen auf, die zu Boden gefallen waren, und steckte sie in einen anderen Sack.

Mein Vater nahm ein langes, dünnes Metallstück zur Hand, das einer überdimensionalen Häkelnadel glich. An einem Ende befand sich eine schmale Spitze, am anderen ein Haken. Mühsam fädelte er dort die Stoffstreifen ein. Dann musste er sie durch die alten Kartoffelsäcke aus Rupfen ziehen und am Ende alle Stoffstreifen verknoten. Die schwieligen Hände meines Vaters zitterten, weil er nicht getrunken hatte. Doch er arbeitete immer weiter, fertigte Teppiche in unterschiedlichen Größen an.

»Der ist für dein Zimmer, Marianne«, sagte er einmal schroff, als ein besonders buntes Stück entstanden war. »Damit du keine kalten Füße bekommst, wenn du morgens aufstehst.« Er warf mir den fertigen Läufer zu.

»Danke.« Ich freute mich nicht nur über den bunten Teppich, sondern auch über die unerwartete Aufmerksamkeit, lächelte ihn unsicher an und erhielt tatsächlich ein Lächeln als Antwort.

Stolz breitete ich meinen Schatz an diesem Abend neben meinem Bett aus, und als ich morgens aufwachte, sah ich den Teppich gleich wieder an und bewunderte die warmen Farben. Ich hatte nur den einen Wunsch, dass die gute Laune anhalten möge, dass meine Mutter weiter ein Lächeln auf den Lippen trug und die Wut mit ihren beängstigenden Geräuschen nie zurückkehren würde.

Denn dies waren die Eltern, die ich haben wollte.

Aber wieder und wieder wurde ich enttäuscht.

Kapitel 4

Das Wort »Schule« hatte ich schon gelegentlich gehört und wusste, dass ich dort mit anderen Kindern in einem Klassenzimmer sitzen, einer Lehrerin zuhören und lernen musste, wie man las und rechnete. Aber bis man mir sagte, es würde in einer Woche losgehen, hatte ich mich nie näher damit befasst.

»Du bist kein Baby mehr, Marianne«, antwortete meine Mutter ungeduldig, als ich ihr sagte, ich wolle lieber bei ihr zu Hause bleiben. »Also hör auf, dich wie eines zu benehmen. Wenn du erst mal dort bist, wird es dir schon gefallen. Du wirst Freundinnen finden, und das ist schön.«

So leicht war ich nicht zu überzeugen. Außer den seltenen Besuchen bei Vaters Verwandtschaft hatten wir kaum Kontakte nach außen; ich war immer nur mit meinen Eltern zusammen gewesen. Weil ich mich davor fürchtete, allein aus dem Haus zu müssen, folgte ich von nun an meiner Mutter auf Schritt und Tritt und versuchte, sie umzustimmen.

»Hör auf mit dem Gejammer. Du gehst und damit Schluss«, antwortete sie ungehalten, als ich meine Proteste zum x-ten Mal wiederholte. Ich wisse doch, wie beschäftigt sie sei, knurrte meine Mutter, und ich solle dankbar sein, dass sie mich jeden Tag hinbringen und abholen und mich nicht einfach in den Bus setzen würde. Den Grund, weshalb sie mich auf dem Fahrrad zur Schule fahren wollte, erwähnte sie nicht: Um die zwei Meilen bis zur Schule zu laufen, war ich noch zu klein, und der Schulbus kostete Geld.

Der Tag, vor dem ich mich so fürchtete, mein erster Schultag, rückte schnell näher. Außer dass mir nach dem Frühstück die Hände und das Gesicht gewaschen wurden, begann er wie jeder andere auch. Ich wurde in ein Kleid gesteckt, das ich schon ein paar Mal getragen hatte, an meine Füße kamen schwarze Gummistiefel, mein Haar wurde flüchtig mit einer Bürste bearbeitet. Erst als mir ein kleiner gebrauchter Ranzen auf den Rücken geschnallt wurde, man mich auf den Sitz hinter dem Fahrradsattel meiner Mutter hob und mir sagte, ich solle mich gut festhalten, fügte ich mich ins Unvermeidliche. Ich war auf dem Weg zur Schule.

Auf der Fahrt über die holprigen Landstraßen hielt ich mich krampfhaft an meiner Mutter fest. An der Schule angekommen, lehnte sie das rostige Fahrrad an eine Mauer und hob mich herunter. Die Mütter, die in angeregte Unterhaltungen vertieft auf dem Schulhof zusammenstanden, beachtete sie nicht. Sie ging direkt zu einer jungen Frau mit einem großen Notizbuch, die mitten in einer Gruppe von kleinen Kindern und deren Müttern stand. Offenbar die Lehrerin, die sich um die Neuankömmlinge kümmerte.

»Ich bringe meine Tochter. Ihr Name ist Marianne«, sagte meine Mutter brüsk. »Sei brav, Marianne. Tu, was deine Lehrerin dir sagt. Ich hole dich später wieder ab«, ermahnte sie mich dann, bevor sie auf dem Absatz kehrtmachte und zu ihrem Fahrrad zurückstakste. Ich starrte ihr hinterher. Mir war hundeelend, weil sie mich einfach so stehen ließ.

Als sie wegfuhr, begann meine Unterlippe zu zittern. Energisch grub ich meine Zähne hinein und kämpfte gegen die Tränen an. Auf keinen Fall wollte ich mich vor den anderen Kindern blamieren.

»Marianne«, hörte ich die Lehrerin sagen, »komm und begrüße Jean. Sie ist heute auch zum ersten Mal hier.«

Doch anstatt zu tun, was die Lehrerin, Miss Evans, verlangte, war ich so in meiner Schüchternheit gefangen, dass ich nur stehen bleiben und mich mit der grenzenlosen Verwirrung eines isolierten Einzelkindes umsehen konnte. Zum ersten Mal im Leben war ich von so vielen anderen Kindern umgeben.

Insgesamt waren etwa zwanzig Kinder da, und alle verhielten sich unterschiedlich. Einige hatten Tränen in den Augen. Andere standen in kleinen Gruppen zusammen und hielten sich nervös an ihren Ranzen fest, während die Mütter, die den Tränen fast so nahe schienen wie ihre Sprösslinge, ihnen vor dem Abschied tröstende und aufmunternde Worte zuraunten.

Ich sah zwar die jammervollen Mienen und wusste, dass sich viele jetzt genauso fühlten wie ich. Gleichzeitig entging mir aber nicht, wie diese Kinder aussahen. Sie unterschieden sich deutlich von mir.

Kein anderes Kind war so angezogen wie ich. Während ich ein verschossenes Kleid aus dem Gebrauchtwarenladen und eine an den Ellbogen geflickte Strickjacke trug, waren die anderen Kinder so sauber und adrett, dass sie fast blitzten.

Das Haar der Mädchen wurde von pastellfarbenen Bändern zusammengehalten; vornehme gestärkte Baumwollblusen waren in dunkle Faltenröckchen gesteckt. Die Füße der Mädchen zierten weiße Socken und polierte Lederschuhe. Auch die Jungen mit ihrem frisch geschnittenen kurzen Haar, in weißen Hemden, denen man noch die Falten aus dem Laden ansah, in Krawatten, Blazern und knielangen Hosen, sahen aus wie aus dem Ei gepellt.

Ich betrachtete meine dünnen nackten Beine in den Gummistiefeln, fuhr mit der Hand durch mein Haar, das meine Mutter geschnitten hatte und das mir fransig gerade bis unterhalb der Ohrläppchen hing und wollte nach Hause. Schon jetzt wusste ich, dass es mir hier nicht gefallen würde, weil ich so anders war. Freunde würde ich hier niemals finden.

Als die Glocke laut schrillte, zeigte uns die Lehrerin, wie wir uns zu etwas formieren sollten, das sie ein Krokodil nannte. Aber eigentlich handelte es sich nur um Kinderpaare, die in einer Reihe hintereinander standen. Wir folgten ihr in ein luftiges Klassenzimmer, wo wir uns an kleine Pulte setzten. Miss Evans bat uns, nacheinander laut unsere Namen zu nennen. Sie sagte, das würden wir nun jeden Morgen tun, damit sie wusste, ob jemand fehlte. Dann hakte sie jeden Namen in dem großen Buch ab, welches offenbar Klassenbuch genannt wurde.

Ich dachte, dass sie uns doch auch einfach zählen konnte, sagte aber nichts.

Dann erhielten wir Buntstifte und Papier und durften malen, was wir wollten. Ich kritzelte viele Wellenlinien und bewunderte dann die Farben auf meinem Blatt.

Während einer Pause am Vormittag bekamen wir kleine Milchflaschen, dazu weiße, mit Wachs ummantelte Strohhalme, durch die wir die Milch schlürfen konnten.

Mittags stellten wir uns wieder zu einem Krokodil auf, dann ging es zur Schulkantine. Sobald wir den letzten Bissen geschluckt hatten, schickte man uns zum Spielen hinaus. An diesem ersten Tag stand ich am Rand des Schulhofs und sah den anderen Kindern zu. Ich hoffte, dass eines von ihnen zu mir kommen, mich nach meinem Namen fragen und mich auffordern würde mitzuspielen. Aber niemand beachtete mich.

Am Nachmittag las uns die Lehrerin eine Geschichte vor. Für mich waren es nur Worte ohne Zusammenhang über Dinge, von denen ich nichts wusste. In unserem Haus gab es keine Bücher, nur Zeitungen und hin und wieder eine Frauenzeitschrift. Eine Geschichte erzählt zu bekommen, war ein Vorgang, den ich nicht verstand. Gelangweilt schaute ich aus dem Fenster. Draußen fanden sich nun langsam die Mütter meiner Klassenkameraden ein, standen auf dem Schulhof zusammen und unterhielten sich. Meine Augen hefteten sich an die Straße dahinter. Ich wartete darauf, dass die vertraute Gestalt meiner Mutter dort erschien.

Lärmend verkündete die Glocke das Ende des Schultages. Als sie verstummte, sah ich meine Mutter ihr Fahrrad durch das Tor schieben und sich, genau wie ich es in der Mittagspause getan hatte, ein Stück entfernt von den anderen hinstellen. Die Mütter wiederum beachteten sie genauso wenig wie ihre Sprösslinge mich beachtet hatten.