Himmel über Ost und West - Renate Gerda Maschmeier - E-Book

Himmel über Ost und West E-Book

Renate Gerda Maschmeier

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Beschreibung

Beginnend mit dem Jahr 1920 erzählt die Autorin in diesem Buch kleine wahre und fiktive Geschichten aus dem Land ihrer Vorfahren in Pommern und Westpreußen. Vom Alltag innerhalb der Familie mütterlicherseits mit Aufenthalten in Schneidemühl, Flatow und Berlin. Und dann 1945 die Vertreibung aus ihrer Heimat Pommern. Ferner vom geschichtlichen Nachweis über Westpreußen, dem Geburtsland des Vaters. Kurz vor Kriegsende 1945 wird dieser als Soldat an der Ostfront durch einen Granatsplitter schwer verwundet. Der letzte Zug aus Ostpreußen kommend, bringt Richard in Richtung Westen Deutschlands, in das nächste größere Lazarett - nach Rinteln an der Weser. Berlin war ausgebombt, ebenso Magdeburg, Braunschweig und Hannover. Granatsplitter hatten ihm sein linkes Bein zerschmettert. Um sein Leben zu retten, blieb ihm als einziger Ausweg die Amputation des Beines bis zum Oberschenkel. aber Richard war ein Kämpfer und überlebte. Inzwischen hatte er erfahren, dass er Vater eines Sohnes geworden war und seine Familie die Flucht überstanden hatte. Frohen Mutes begibt er sich kurz vor Weihnachten 1945 nach seiner Genesung mit zwei Gehhilfen auf die Suche nach einer Bleibe für sich und seine kleine Familie. Es war nicht einfach. gerade in Rinteln gab es schon so viele Vertriebene und Flüchtlinge. Alle wollten das Gleiche: Ein neues zu Hause!

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kurzbeschreibung:

Mit diesem Buch stellt die Autorin eine Hommage an das Land ihrer Vorfahren in Pommern und Westpreußen dar.

Geschichten, die laut Erzählungen und Erinnerungen aus der Sicht eines Kindes basieren. Manche Begebenheiten sind vom Zeitpunkt anders dargestellt.

So könnte es gewesen sein:

Kleine wahre und fiktive Geschichten ab 1920, beginnend mit dem Alltag innerhalb der Familie mütterlicherseits und dann 1945 die Vertreibung aus ihrer Heimat Pommern.

Ferner vom geschichtlichen Nachweis über Westpreußen, dem Geburtsland des Vaters Richard.

Vor Kriegsende im Mai 1945 wird dieser in Ostpreußen als Soldat schwer verwundet. Mit schweren Verletzungen durch einen Granatsplitter bringt man ihn mit dem letzten Zug in das nächste größte Lazarett im Westen Deutschlands, nach Rinteln an der Weser.

Ein halbes Jahr später begibt er sich nach der Genesung einer Beinamputation voller Optimismus mit Hilfe von Gehhilfen auf die Suche nach einem neuen Zuhause.

Flucht und Vertreibung aus Westpreußen / Pommern bis Rinteln im Weserbergland(Kartenübersicht aus dem Jahre 1938 aus Privatbesitz)

Pommernlied

1. Wenn in stiller Stunde Träume mich umwehen

Bringen frohe Kunde Geister ungesehen,

reden von dem Lande meiner Heimat mir,

hellem Meeresstrande, düsterem Waldrevier.

2. Weiße Segel fliegen auf der blauen See,

weiße Möwen wiegen sich in blauer Höhn,

blaue Wälder krönen weißer Dünen Sand;

Pommernland, mein Sehnen ist dir zugewandt!

3. Aus der Ferne wendet sich zu dir mein Sinn,

aus der Ferne sendet trauten Gruß er hin;

traget, laue Winde, meinen Gruß und Sang,

wehet leis und linde treuer Liebe Klang!

4. Bist ja doch das eine auf der ganzen Welt,

bist ja mein, ich deine, treu dir zugesellt;

kannst ja doch von allen, die ich je gesehen,

mir allein gefallen, Pommernland, so schön!

5. Jetzt bin ich im Wandern, bin bald hier, bald dort.

Doch aus allen andern treibt es mich immer fort:

Bis in dir ich wieder finde meine Ruh,

send ich meine Lieder dir, o Heimat, zu!

von Adolf Pompe

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Wie alles begann

Pommern

Hermann

Martha

Kapitel 2 – Dorfschule

Volksschule

Landeskunde und Natur

Kapitel 3 - Badefreuden

Naturschönheiten

Am Badesee

Kapitel 4 - Lebensunterhalt

Pilze

Brot backen

Kartoffelernte

Garten und Tiere

Schlachte- und Wurste Fest

Pommersche Gänse

Kapitel 5 – Besinnliche Zeit

Vorweihnachtszeit

Weihnachtsabend

Kapitel 6 - Festlichkeiten

Hochzeitsfeier……

Kapitel 7 - Großstadtgeflüster

Die Schwestern

Lehrstelle als Hausmädchen…

Freundschaft

Berlin – Mai 1939

Kapitel 8 – Unruhige Zeiten

In Stellung

Hochzeit

Ein Brief von der Ostfront-1942

1943 –Arbeitseinsatz der Frauen

Heimaturlaub

Taufe

Kapitel 9 – Kampf ins Ungewisse

Freud und Leid

Flucht und Vertreibung aus der Heimat

Ungewisse Zukunft

Kapitel 10 – Westpreußen

Westpreußen – das Land meiner Vorfahren

Richard jun

Kapitel 11 – Ostfront

Ostfront a 1941

Ostpreußen ab 1943

1945 - Der letzte Zug

Kapitel 12– Frieden

Reservelazarett

Kapitel 13 – Neue Heimat

Auf Wohnungssuche

1945 – Flüchtlingslager

Neue Heimat

Jetzt komme ich ins Spiel

Kapitel 14 – Es geht aufwärts

Exten – im Poll

Laubenkolonie in Hannover

Hattendorf

Kapitel 15 – Alte Heimat

Busfahrten nach Polen in die alte Heimat

Kapitel 16 – alte Rezepte

Oma Marthas Rezepte aus Pommern.………….ab

Familien im Kreis Flatow

Martha Rost, geb.Schulz, * am 24.11.1889 in Dorotheenhof, Kreis Flatow (meine spätere Großmutter)

+ am 26.06.1953 in Pasewalk, verh. mit

Hermann Rost, geb. am 18.03.1887 in Adamshof, Kreis Flatow, (mein späterer Großvater)

+ Okt.1966 in Exten/Rinteln

(2 Söhne, 2 Töchter):

Ältester Sohn:

Willi, geb. 1912? in Sypniewo/Flatow, + gefallen 1943 - Ostfront, verh. mit Olga Strohschein aus Kietz (2 Söhne: Gert und Eckhard).

Jüngster Sohn:

Siegfried, geb. 30.01.1915 in Dorothenhof/Flatow, + 1944 in Warschau, verh. mit Margarete Sadkowiak, (1 Sohn: Kurt).

Älteste Tochter:

Hildegard, geb. 01.11.1916 in Dorotheenhof, verh. mit Benno Regutzki, Berlin, 1 Sohn, 1 Tochter

Jüngste Tochter:

Gerda (meine Mutter), geb. 19.08.1920 in Louisenhof, verh.am 13.10.1943 mit Richard Krenz (mein Vater), geb. 18.06.1917 in Wirsitz bei Witzleben.

Beide haben 2 Söhne, Zwillinge *23.12.1944 in Seedorf, (1 Sohn verst. am 27.12.1944), 1 Tochter (Autorin), geb. 01.09.1947 in Rinteln

Emma Radtke, geb. Schulz (Schwester von Martha)

verh. mit Witwer August Radtke (2 Mädchen aus 1. Ehe), wohnhaft in Berlin

Familien im Kreis Wirsitz / Westpeussen

Richard (sen.), Bernhard Krenz (mein späterer Großvater), geb.am 20.08.1888 in Schubin.(jetzt Polen) verst.1949 in Farpen (bei Wismar), verh. mit 1. Frau - Therese, geb. Neumann, (meine Großmutter) geb. 10.03.1893, verst. 05.04.1920 in Witzleben.

2. Frau: Anna Elisabeth, geb. Neumann, *16.03.1886 in Zahn, verst. 28.08.1963 in Exten/Rinteln.

2 Söhne (von 1. Frau): Willi und Richard (mein Vater)

1 Tochter: Margarete (von 1. Frau), geb. am 05.04.1920 in Witzleben, verw. Gora, 2. Mann: Heinrich. Netzlaff,

1 Sohn: Horst, 1 Tochter: Helga aus 1.Ehe

(Lenchen) Helene geb. Hübner,Alwin Wunsch, keine Kinder

Berta Berlinski, geb. Neumann, Mutter von Helene und Schwester von Therese und Anna Krenz

--

Kapitel 1

Wie alles begann

Pommern

Das historische Pommern, das Land meiner Vorfahren, ist eine Provinz zwischen zwei Küsten.

Als ideale Landschaft entdeckt man die weißen sonnigen Gestaden der Ostsee und die zahllosen langen, kurzen und buchtenreichen Seeufer im Süden.

Hier findet man das harmonische Verhältnis von Land und Stadt, umgeben von herrlicher Natur und lieblicher Idylle.

Die Pommersche Seenplatte ist eine durch die Eiszeit geprägte Landschaft, aus Moränenhügeln und Hunderte von kleinen und großen Seen.

Bereits seit Jahrhunderten kann man auf slawische Vorfahren zurückblicken. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Name: Pommern slawischer Herkunft ist und etwa so viel wie „Land am Meer“ bedeutet.

Im Laufe der „Zeit“ schmolzen als „Pomeranzen“ eingewanderte Niedersachsen, Friesen, und Westfalen zusammen.

Das Symbol dieser Verschmelzung ist die pommersche Fahne. Die Umgangssprache war Plattdeutsch

Als Gerda, Martha Rost (meine Mutter) im Jahre 1920 als Jüngste von vier Kindern in Louisenhof/ Kreis Flatow in Pommern geboren wurde, war gerade die neue Landesgrenze Wirklichkeit geworden. Nach dem Versailler Vertrag hatte der Kreis über ein Drittel an Landesfläche und Menschen an Polen verloren. Ohne Rücksicht auf politische Beziehungen wurde ein Teil des Ganzen abgetrennt..

Die Bezirkshauptstadt war Schneidemühl (heute Pila). Mit einer großen Demonstration kämpften die Bürger aus Schneidemühl gegen eine Teilung und es gelang ihnen, dass alles so blieb wie es war: Deutsch.

Somit wurde Schneidemühl nach dem Versailler Vertrag von 1919 drei Jahre später die Hauptstadt der neu entstandenen Provinz:

Grenzmark Posen-Westpreußen.

Die neue Hauptstadt wurde Kultur- und Verwaltungszentrum der Region

Flatow-Grenzmark - 1935 Blick über den Stadt See zur Försterei Augustenhain

Hermann

1887 – das Geburtsjahr von Hermann Rost, meinem späteren Großvater.

Zusammen mit drei weiteren Geschwistern wuchs er in Adamshof, einem kleinen pommerschen Dorf in der Nähe vom Gut Sypniewo, im Domenicum Flatow auf.

Schon während seiner Schulzeit interessierte er sich für Martha Neumann, einem Mädchen aus dem Nachbardorf Dorotheenhof.

Noch bevor der 1. Weltkrieg in Europa tobte, schlossen Hermann und Martha im Jahre 1910 den Bund fürs Leben.

Bis zu dem Zeitpunkt lebten sie erst bei Hermanns Eltern in Adamshof, Inzwischen war der älteste Sohn Willi geboren und Martha war wieder „Guter Hoffnung“. Dann begann der Krieg und Hermann gehörte im Jahre 1914 zu den ersten Soldaten, die eingezogen wurden. Sein Ziel war die Ostfront.

Martha beschloss mit ihrem erstgeborenen Sohn zu ihren Eltern zu ziehen, zurück in ihr Heimatdorf Dorotheenhof. Der 2. Sohn: Siegfried kam dann dort im Januar 1915 zur Welt. Endlich bekam Hermann Weihnachtsurlaub am Ende des Jahres, welcher leider nicht ohne Folgen blieb: Im November 1916 erblickte ein kleines Mädchen mit dem Namen Hildegard das Licht der Welt. Zusammen mit den drei kleinen Kindern wohnten sie nun auf engstem Raum zusammen. Aber Martha war zuversichtlich. Sie hoffte, dass der Krieg bald zu Ende sei und ihr „Hermännchen“, wie sie ihn liebevoll nannte, bald wieder gesund nach Hause kommen würde.

Der Krieg war 1918 beendet und Hermann hatte unversehrt den Krieg überstanden. 18

Wieder zu Hause, erfuhr er von der Möglichkeit, dass Bauern auf verschiedene Domänen umsiedeln konnten. Um diesen Bauern wieder eine neue Heimat zu geben, war dieses nur durch eine Aufteilung der großen Güter möglich.

So entschied Hermann sich für den Ort „Louisenhof“, westlich von Flatow.

Neben einem Rest Gut entstanden dort noch zwölf weitere Siedlungen.

Ein Wohnhaus mit Stall unter einem Dach und dahinter in Reichweite eine Scheune.

Die Siedler kamen aus den verschiedensten Gegenden. Wobei die meisten durch den 1. Weltkrieg schon eine Vertreibung erlebt hatten.

Obwohl Hermann gelernter Stellmacher war, entschied sich das Ehepaar für die Landwirtschaft in dem Ort Louisenhof. Sie freuten sich auf die Zukunft in ihrer neuen Heimat.

Große Reichtümer besaßen sie nicht, das hatte der Krieg ihnen zu Nichte gemacht.

Aber sie wurden mit Inventar ausgestattet, das für die Landwirtschaft benötigt wurde. Dazu gehörten einige Geräte zum Bearbeiten des Ackers, und jeder Bauer erhielt zwei Pferde, drei Rinder, drei Ferkel und eine Milchkuh. Nicht zu vergessen Saat, Futtergetreide und Kartoffeln.

Es gibt den Spruch: Aller Anfang ist schwer. Das hörte sich alles gut an, aber hier entsprach er nicht ganz den Vorstellungen.

Hermann hatte sich von allem mehr versprochen. Die Nahrungsmittel waren knapp und reichten für sie als Familie mit drei Kindern kaum aus.

Oft musste die schwere Arbeit mit großen Hungergefühlen vollbracht werden. Es war die Zeit der Inflation von 1920 bis 1923 und man half sich schlecht und recht über die Zeit hinweg.

Im Jahre 1920 hatte sich die Familie um ein weiteres Mädchen mit dem Namen: „Gerda“ vergrößert.

Gerda zählte als Jüngste in der Familie und zusammen mit den Eltern: Martha und Hermann, sowie den Brüdern Willi und Siegfried, und der Schwester Hildegard, bildeten sie alle zusammen eine Großfamilie. Etwas, was zu damaliger Zeit nichts Ungewöhnliches war.

Jetzt galt es für Hermann, seine sechsköpfige Familie zu ernähren, was sich mit der knappen Milch von nur einer Kuh als schwierig erwies. Hühner, Gänse und Enten würde er noch anschaffen müssen, aber das Geld war knapp.

Das alles waren für Hermann Sorgen und ein Grund, sich um ein neues, besseres Zuhause zu bemühen.

Über Verwandte erfuhr er von einem landwirtschaftlichen Anwesen, das sich unweit von Marthas Heimatort Dorotheenhof befand: die Domäne Seedorf. Dort erhoffte er sich bessere Zeiten für die Zukunft und somit wurde beschlossen, noch bevor Gerda eingeschult wurde, dass die ganze Familie von Louisenhof in das Dorf Seedorf zog.

Ein kleines Dorf, umgeben von Wäldern und Seen, das seinem Namen alle Ehre machte. Ein Ort mit etwa 352 Einwohner (173 männlich und 179 weiblich). Die Bevölkerung wohnte in 73 Haushaltungen und es lebten im Durchschnitt 7,5 Einwohner in jedem Haus.

Zu der Gemeinde Seedorf gehörten noch weitere kleine Dörfer wie: Dorotheenhof und Adamshof um einige zu nennen.

Sie alle gehörten zum Gut Sypniewo im Landkreis Flatow, „Grenzmark Posen-Westpreußen“.

Die Kreisstadt war Flatow und auch diese lag eingebettet zwischen Wäldern und fünf Seen. Schaut man sich die Karte an, kann man noch weitere 42 größere und kleinere Seen erkennen.

Somit war es nicht verwunderlich, dass der Poststempel den Spruch enthielt:

„Flatow, die Stadt an Wäldern und Seen“.

Aber alle Orte hatten eines gemeinsam: Sie bildeten mit wenigen Häusern eine Einheit, idyllisch umgeben von Seen und viel Wald, sie waren mit der Natur in Einklang.

Einen Vorteil sah Hermann durch den Umzug: Er war gelernter Stellmacher und in dem neuen Wohnort ergaben sich für ihn mehrere berufliche Möglichkeiten, das voll und ganz auszuschöpfen.

Schon seine Großväter väterlicher- und mütterlicherseits waren gelernte Stellmacher und so sah er es als seine Pflicht an, diesen Beruf an seine Söhne Willi und Siegfried weiter zu geben.

Beide arbeiteten nach Vollendung der Schulzeit bei dem Vater in der kleinen Werkstatt. Erst als Lehrlinge, hier strebten sie dann dem Beruf des Gesellen zu.

Für Hermann gab es nichts Schöneres, als mit jenen Dingen zu arbeiten, welches die Natur vorgab. Er liebte seinen Beruf und die Verarbeitung mit Naturmaterialien, dem Holz. Eigentlich nicht verwunderlich, zumal es Holz in der Umgebung des kleinen Ortes reichlich gab.

Zu der Zeit gab es schon die ersten Einrichtungen zur Stromversorgung. Das Interesse hierfür wurde vor allem von größeren Gemeinden und den Besitzern größerer Güter angenommen. Die elektrischen Einrichtungen waren im Verhältnis zu den heutigen Einrichtungen noch recht einfach. Hermann und die meisten Bewohner des Ortes standen dieser Neuerung skeptisch gegenüber und blieben vorerst der guten alten Petroleumlampe treu.

Der Hauptgrund dafür aber waren für Hermann damals mit Sicherheit die recht hohen Anschluss Gebühren. Doch die Entwicklung ließ sich nicht aufhalten und nach und nach genossen immer mehr die Vorteile der Elektrizität. Somit zogen immer mehr Glühlampen in die Häuser ein und bis zum Beginn des 2. Weltkrieges war die Elektrizität nicht mehr weg zu denken.

Wir schreiben das Jahr 1926

Gerda hatte Langeweile, ihre Schwester Hildegard war in der Schule.

„Eigentlich“, dachte sie für sich, „könnte ich dem Vater in der Werkstatt mal einen kleinen Besuch abstatten.“

Bereits vor der großen Holztür hörte sie schon das vertraute, laute Hämmern und Sägen.

Schnell hielt sie sich die Ohren zu und betrat die kleine Werkstatt. Der Vater schaute auf. Er war allein im Raum. Wie er seine Jüngste erblickte, ging ein Lächeln über sein Gesicht.

„Na, Mariellchen, willst du mir helfen?“

Gerda liebte ihren Vater und mochte es, wenn er sie so ansprach.

Interessiert schaute sie zu, wie er einen Schubkarren bearbeitete, dem das Rad abgefallen war.

Schon immer mochte sie den Geruch von Holz und staunte jedes Mal, wenn ein Wagenrad, Spatenstiel, eine Leiter oder ein Schubkarren vom Vater repariert oder neu hergestellt wurde.

Mit Sicherheit hatte Gerda das Naturell vom Vater geerbt und mit Vorliebe hielt sie sich, sooft sie konnte, immer gerne in der Natur auf.

Eine Beschäftigung, welcher der Vater sich immer gerne widmete, war das Veredeln von Obstbäumen.

Martha

Gerdas Mutter Martha (meine spätere Großmutter) war gelernte Schneiderin. Sie nähte für sich und ihre Familienangehörigen alle Kleidungsstücke selbst. Wobei ihr am meisten Freude das Nähen der Kleidung für ihre beiden Mädchen bereitete.

Da war sie sehr erfinderisch und es entstanden immer die schönsten Gewänder.

Leider konnte Gerda dem Nähen nichts abgewinnen. Wie schon erwähnt, liebte sie die Natur und hielt sich am liebsten dort draußen auf, genau wie ihr Vater.

Dafür hatte aber ihre ältere Schwester Hildegard das Talent der Mutter geerbt. Sie liebte mit Vorliebe alles, was mit Nähen und schillernden Stoffen zu tun hatte.

Kurz vor Ostern beschlossen die Eheleute, der Stadt Flatow einen Besuch abzustatten. Dem Erzählen nach, war das nicht mal eben um die Ecke, sondern eine stolze Entfernung von etwa 14 Kilometern.

Flatow war, wie die meisten Städte im deutschen Osten, schon immer eine Stadt der Handwerker und Ackerbürger. Hier trafen sich bei wöchentlichen Märkten die Handwerker, Bauern und Kaufleute der Umgebung.

Es kam nicht oft vor, dass die Eheleute in die Stadt fuhren. Sie waren Selbstversorger und fast alles, was sie zum täglichen Leben brauchten, brachte ihnen die kleine Landwirtschaft ein.

Aber zu besonderen Anlässen gab es für sie immer einen Grund, in die Stadt zu fahren, um sich dort Geräte, Stoffe, Kleidung, Schuhe und anderen Hausrat anzuschauen und gegebenenfalls auch zu kaufen.

Martha ging ihren Gedanken nach:

Es gab so einiges, was sie benötigte: Pflanzkartoffeln, Saatgut, Zucker, Salz, Gewürze und vor allem für die Ostertage eine kleine Menge Bohnenkaffee. Ihre Schwester Emma und Ehemann August hatten sich zu Besuch angesagt, und da wollte Martha ihnen eine Freude mit machen.

Sie musste noch Brot backen und natürlich den all so beliebten Sandkuchen.

Aber jetzt fuhren sie erst einmal in die Stadt und da wollte sie noch wegen einem besonderen Stoff für Hildegard schauen. Sie war schon wieder gewachsen und da brauchte sie dringend ein neues Kleid. Sie hatte an Hildegards Kleid schon einmal den Saum herausgelassen, nichts ging mehr.

Bei Gerda machte sie sich keine Gedanken. Diese trug von klein auf Hildegards Kleidung nach. Ein paar Rüschen mehr und schon sah das getragene Teil wieder aus wie neu. Für sie als Schneiderin war das kein Problem.

Willi, der Älteste brauchte auch dringend neue Schuhe. Er war jetzt in einem Alter, wo er aus allem schnell heraus wuchs. Bei dem jüngsten Sohn Siegfried war die Sohle löchrig geworden und der Sand rieselte durch die Sohle. Zum Glück konnte Hermann diese noch durch eine neue Sohle ersetzen. Überhaupt, man könnte meinen, er wäre ein „vielseitig begabter Mann“. Es gab kaum etwas, was Hermann nicht konnte, und somit besohlte und reparierte er alle Schuhe für seine Familie selbst.

Für die Kleidung war Martha zuständig, da sah sie kein Problem drin.

Inzwischen hatte Hermann seinen „Ochsen“ vor den Kastenwagen gespannt, und Martha setzte sich vorne auf den Kutscherbock neben ihren Ehemann.

Hermann nahm die Zügel in die Hand, schnalzte mit der Zunge, und schon setzte sich das gute Tier mit dem Wagen in Bewegung.

Die Fahrt führte sie kilometerweit durch ein endlos langes Waldgebiet, mit Kiefernbeständen und kriechenden Wachholderbüschen.

Eine Lichtung gab die Schönheiten des Sees frei.

Dieses war für Martha und Hermann immer ein erfreulicher Anblick und sie nutzten das aus, um eine kleine Rast zu halten. Es duftete nach Moos und Heide und eine atemberaubende Stille umgab sie.

Kapitel 2

Dorfschule

Dorfschule in Seedorf 1927

Volksschule

Wir schreiben das Jahr 1927:

Gerda erwartet sehnsuchtsvoll den Tag ihrer Einschulung.

Schon früh am Morgen ist sie so aufgeregt, dass sie nur mit Mühe ihr Frühstück hinunter bekommt.

Aber sie liebte die süße Milchsuppe, die ihre Mutter schon früh für die ganze Familie gekocht hatte.

Endlich hatte sie ihren Teller bis auf den letzten Rest geleert, sie war für den großen Tag bereit.

Die Mutter hantierte noch am Ofen und legte ein paar Holzscheite auf die heiße Glut. Es war der 1. April. Draußen war es immer noch bitterkalt, und in den letzten Tagen hatte es sogar noch Nachtfröste gegeben. Seufzend hielt Martha inne, der Winter war mal wieder sehr lang und sie sehnte sich nach Frühling.

Hinter dem Haus lagerten die Kartoffelvorräte in sogenannten Kartoffelmieten. Inzwischen waren die Kartoffeln schon schrumpelig geworden und neigten sich bereits dem Ende zu. Martha wartete schon darauf, um bald die ersten Frühkartoffeln zu pflanzen.

Gerda erinnerte die Mutter, dass sie mit dem Frühstück fertig sei, wann es denn nun endlich losginge. „Gleich“, antwortete diese bestimmend, aber erst, wenn du dich gewaschen hast. Ich habe dir schon warmes Wasser in die Schüssel gegeben, es wartet nur auf dich.

Das ließ Gerda sich nicht zweimal sagen, denn wenn sie jetzt noch länger herumtrödelte, würde sie die Schule nicht mehr rechtzeitig erreichen.

Sie schnupperte an der grünen Seife und fand, dass schon allein der Duft nach würzigen Kräutern es wert war, sich zu waschen.

Im Dorf wohnt eine ältere Kräuterfrau, die bekannt für ihre gesiedeten Seifen war. Und Gerda wusste, dass die Mutter erst ein paar Tage vorher ein Stück duftende Seife von ihr erworben hatte. Im Gegenzug dankte sie der alten Dame dann mit einem neuen Kopftuch, oder nähte ihr auch schon mal eine Schürze.

Martha wollte, dass ihre jüngste Tochter Gerda an ihrem 1. Schultag besonders schön aussah, und somit bereitete es ihr eine große Freude, ihrer Jüngsten für diesen großen Tag ein neues Kleid zu nähen.

Gerda konnte ihre Freude nicht verbergen.

So eines hatte sie sich schon seit Langem gewünscht. Es sah so ähnlich aus, wie das ihrer Schwester Hildegard. Obwohl, wenn sie es länger betrachtete, hatte es ein paar Rüschen mehr, und eigentlich war es im Großen und Ganzen doch noch ein bisschen zu weit. Aber die Mutter meinte zuversichtlich, dass sie mit der Zeit schon hineinwachsen würde.

Es wurde Zeit, Gerda musste sich nun aber beeilen. Und somit widmete sie zum Schluss ihre ganze Aufmerksamkeit ihrer Haarfrisur. Diese gefiel ihr mal wieder gar nicht. Fein und dünn, wie die einzelnen Strähnen waren, konnte sie da leider nicht viel mit anfangen. Aber trotz allen Unmutes ging Gerda entschlossen zur Flurkommode und holte aus der Schublade eine Haarbürste hervor. Damit brachte sie nun ihre lichtblonde Pracht in alle Richtungen. Das klappte schon ganz gut, schließlich war sie ja auch schon über sechs Jahre alt und kam jetzt in die Schule.