Himmelskörper am Rande der Welt - Jón Kalman Stefánsson - E-Book

Himmelskörper am Rande der Welt E-Book

Jón Kalman Stefánsson

0,0
21,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Wahrheit sagen oder die retten, die man liebt? Aufgewühlt schreibt Pfarrer Pétur einen Brief an seine Tochter und schildert, was seine kleine isländische Gemeinde erschüttert: In den Westfjorden werden 1615 über dreißig gestrandete Walfänger gemeuchelt. Wie nur, fragt Pétur, können gute Menschen so grausam, so barbarisch sein? »Himmelskörper am Rande der Welt« spricht aus einer fernen Zeit zu unserer Gegenwart – über Liebe, Menschlichkeit und die Verantwortung, die wir füreinander tragen. In einer von Leidenschaft und Neugier geprägten Epoche ringt ein Pfarrer mit dem Glauben – und muss entscheiden, ob er der Macht oder der Wahrheit dient. »Der isländische Dickens.« Irish Examiner

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.de/literatur

((bei fremdsprachigem Autor:))

Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig

Die isländische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Himintunglyfir heimsins ystu brún bei Benedikt, Reykjavík.

Diese Übersetzung wurde mit einem Stipendium des Icelandic Literature Centers gefördert.

((Darunter das erste der beiden Logos einfügen: www.islit.is/en/grants/logo/))

© Jón Kalman Stefánsson, 2024

Published by agreement with Copenhagen Literary Agency ApS, Copenhagen

© Piper Verlag GmbH, München 2026

Covergestaltung: Cornelia Niere, München

Coverabbildung: Matheo JBT / Unsplash

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Zitat

Wir sind überall, und hier ist der Zweifel:Läuft der Wind schneller als ein Geist, und wohin wendet sich dein Weg?

Meyjarhóll, Anno Domini 1615, im Monat Oktober

Ich taste umher auf der Suche nach einem festen Halt, den es vielleicht nirgends gibt, außer bei Dóróthea und meinem guten Jósep!

Von ansteckendem Lachen und herzbedrückender Trauer

Mein Liebes, …

Ist es Flucht, Trost, eine Klageschrift, oder mit anderen Worten: Läuft der Wind geschwinder als ein Pferd?

Wie und wohin schlängelt deines Lebens Bahn:Als ich zum ersten Mal nach Brúnisandur kam

Der Segen des Herrn; wo Engländer sich in Teufel verwandeln

Lieben oder züchtigen; da sitzt der Zweifel

Versuch zu verstehen, weshalb ich mich mit einer widerspenstigen Feder hinsetze.Anstatt mich Gott dem Herrn anzuempfehlen.In dieser Nacht der Zeit

Ein wenig von einem bösen Menschen, desto mehr jedoch über das Allerwichtigste: Tausend Küsse, wie der kleine Guðmundur zu uns kam und von der herzensreinen Saffó

Die, die über die Zeit bestimmt, ich selbst bestimme wenig, doch alles endet beim Herrn

Der äußerste Rand der Welt:Sommerwärme im Skagafjörður, Þingvellir, ein stumpfes Henkersbeil, ein Lächeln und mein Exil am Schwarzen Meer

Das Schwert schlägt zu, es droht, doch am Ende ist es die Feder, die hier in der Menschenwelt das Urteil fällt

Woher stürzen sie;aus alldem bin ich zusammengefügt – schließlich etwas über die Härte der Rute

Und alles hört auf zu sein

Maria Mater: Ritt von einem Hof zu einem anderen

Was geschah und was mein Denken kontaminiert

Wir zergliedern uns, lösen uns auf

Portentis ac prodigiis quod amor: Ich werde dich ewig lieben, selbst wenn du es vielleicht nicht verdienst

Und sie küssten meine Augen

Als alles begann

Möge dich die Ferne verschlingen;dann ritt ich los

Ohne dich gibt es mich nicht

Vieles sah ich, vielleicht nicht nur Gutes – dann erblickte ich ein Auge

Und gleichwohl war ich …

Der Kopf hier, der Körper da – darauf entschwand er

Der grimmigste Soldat Bischof Jón Arasons begegnet seinem Schicksal

Angst, Wehklage und die hässlichen Geschwister

Ich bin der, der vergebens wünscht, zu Stein zu werden

Wenn du mich einmal ansehen solltest, wie ich dich manchmal sie ansehen sah, weißt du, was dann geschieht?

Diese Schläge sind sanfte Streiche verglichen mit dem Kummer, dich zu verlieren

Worauf richtest du dein Begehren jetzt? Das allein war mein Anliegen

Keine weiteren Täuschungen, dieweil die Nacht vorüber ist, und der Tag ebenfalls

Über eine Nase in Form eines Fragezeichens, Sehnsucht nach dem Wasser, das niemals floss,und uns, die wir auf dem Weg ins Dunkel sindDoch bitte nicht gleich, wenn’s geht?

Wie viel Sonnenschein brauchen wir?

Der Frühlingsbote naht

Angstschreie dringen aus einem Grab, der Herr aber prüft deine Denkungsart

Glück, Fröhlichkeit und was ich nicht begreife

In der Natur des Lebens liegt es, sich nach dem Licht zu strecken, wir aber ziehen in die Finsternis

Barmherzigkeit möchte ich, doch mein Herz ist ein Spielball

Zu unterliegen, darin besteht wohl mein Leben; doch sagte ich nicht, es sei Zeit vergangen?

Eine Nase wie ein Fragezeichen, Kopernikus und gefährliche Fragen; darauf verliere ich den Überblick, noch eine Abschweifung

Oh, nun trägt es mich auf eine weitere Reise …

Du kanntest die Liebe der Frauen:Über Spinnen und einen hochgewachsenen Bischof, der uns neueste Kunde von den Sternen brachte

Oft wird viel über das gesagt, was sich nie zugetragen hat: Rechenkunst, Glück und schwere Anschuldigungen in Strandir

Was wird aus unserem Leben?

Du verstehst nun also …

Das Messer und die Wahrheit, die weiterleben muss

Die Wahrheit, ein Laufschaf mit einer deutschen Nachricht sowie ein von bösen Geistern verfasstes Gedicht

Du hast an dem Zug teilgenommen, ja, ich ging, doch was ist Wahrheit, was Gerechtigkeit?

Jetzt darfst du mich zerstücken

Je weniger du über die Dunkelheit schreibst,desto mehr verschlingt sie

Tu, worin du am besten bist

Ich begreife nicht, warum wir nicht sinken; etwas über das, was zwischen Gott und dem Menschen steht

Was lachhaft ist

Sandvík

Schlechte Menschen und solche, die nicht versagen dürfen

Geh nicht, denn an deine Stelle tritt das Dunkel, das Sehnsucht heißt

Und vielleicht bin ich der in Leinen Gekleidete, herbeigerufen, um den Tod vom Leben abzuwenden

Was geschieht nun, da die Zeit zurückgekehrt ist?

Eine Schlange in der Brust, kein Herz: Die wahre Geschichte

Du tötest und wirst zu einem anderen

Du hast jetzt deine Aufgabe erfüllt

Wo Worte stecken bleiben – ich habe geredet

Und diese Welt ist hier?

Die Barmherzigkeit, die dein Herz streichelt

Solus peccator

Es wurde Nacht, und selbst die Mäuse schliefen

Lass mich die Katze sein, vielleicht erwartet mich der Teufel

Christus, der Hurensohn und die Metze;leidvoll trauere ich um dich!

Nein, sag nichts

Vorbild seinauf einem geheimnisvollen Planeten

Wir begreifen nicht viel; und wessen Werkzeug werde ich als Nächstes?

Ist es der Teufel, der uns zu hoffen eingibt;dann schlug sie mich

Was älter ist als die Berge; doch dann stürzen wir beide

Ich weiß nicht, woher es kommt, doch Gottes Finger taut den Frost

Der Herr ist im Sonnenschein, wieso sollte es schwierig sein?

Ist die Wahrheit wichtiger als die Liebe?Das sind die Fragen

Von dem geheimnisvollen Planeten

Dort wird man im Grase finden

Namensverzeichnis

Brúnisandur

Meyjarhóll

Ás

Hof

Brekka

Sel

Ystakot

Vatn

Sæból

Die Welt außerhalb Brúnisandurs

Hrafsneyri im Arnarfjörðar

Ögur am Ísafjarðardjúp

Strandir

Ausländer

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Zitat

Die Geschichte sagt viel

aber nie die ganze Geschichte

hinter der Leinwand sehe ich nicht die Menge

den Henker und den Strick

Úlfur Úlfur, Zwei Planeten

Die Literatur verändert die Welt, die gewesene ebenso wie die kommende. Darum suche hier keine Tatsachen, sondern die Wahrheit.

Wir sind überall, und hier ist der Zweifel:Läuft der Wind schneller als ein Geist, und wohin wendet sich dein Weg?

Meyjarhóll, Anno Domini 1615, im Monat Oktober

Liebes, über den ganzen Tag ist der Herbststurm mit heftigem Regen kalt auf uns arme und sündige Seelen hier in Brúnisandur niedergegangen, ein so dichter, dunkler, entsetzlicher Regen, dass dieser Oktobertag eher dem dunkelsten Wintertage glich, wenn es kein Tageslicht mehr gibt; derart finster war dieser Tag, als habe uns der gütige, barmherzige Gott gänzlich aufgegeben und uns wehrlos der Teufelei des Bösen überlassen, der immerwährend, unermüdlich und heimtückisch unseren Blick zu täuschen, unseren Verstand zu verwirren und uns in die Irre zu führen versucht; seine Überzeugungskraft und seine Hinterlist sind ohnbegrenzt, der Mensch aber seiner Natur nach leicht zu narren, manches Mal sogar willentlich bereit, den verdorbenen Einflüsterungen Gehör zu leihen und es sich in dieser schweren Welt leichter zu machen. Den Versuchungen nachzugeben, bleibt das Fleisch doch immer Fleisch, und dorthinein finden der Böse und seine Gefolgschaft leichten Einschlupf – wehrlos sind wir ohne die schützende Hand des Herrn.

Nun wird es bald Abend.

Ja, nun kommt in dem Unwetter draußen bald der Abend, und niemand getraut sich mehr vor die Tür, sofern es nicht um Leben und Tod geht. Dieses düstere Herbstwetter sieht sehr meinem ersten Sturm hier in Brúnisandur gleich. Das war vor sechs Jahren, denn alles vergeht, und die Zeit trägt uns ohn’ Unterlass dem Jüngsten Gericht entgegen.

 

Ich hielt mich damals, vor sechs Jahren, seit fast einem Monat in Brúnisandur auf, es war Anfang September. Wie du weißt, kennt dieser Monat ruhige Tage, so tief und still, als würde Gott uns lauschen, doch kennt er auch wilde Stürme. In dem Unwetter damals sanken draußen vor der hiesigen Küste drei englische Dogger; uns blieb nicht viel anderes übrig, als zuzusehen, wie die Wogen ihre Planken zerschmetterten, die Wehrufe der Ertrinkenden zu hören und für ihr Seelenheil zu beten. Für die Seelen dieser armen Männer, die ein halbes Jahr zuvor aus ihrer Heimat aufgebrochen waren, Frauen, Kinder und Freunde zurückgelassen und es nun versäumt hatten, rechtzeitig mit den meisten anderen Booten die Heimreise anzutreten, zu lange hatten sie gewartet und endigten darum unter unseren Augen ihr Leben in der kalten See Islands. Es schmerzte, sie sterben zu sehen, schließlich kannten wir manche von ihnen gar mit Namen. Es schmerzte so sehr, dass einige hier von Brúnisandur, darunter auch ich, versuchten, ihnen mit unseren Booten zur Rettung zu eilen, doch waren bereits fast alle ertrunken.

Damals wollten wir alles Menschenmögliche tun, um das Leben von Ausländern zu retten, selbst unser eigenes aufs Spiel setzen. Das erschien uns als unsere selbstverständliche Schuldigkeit. Heute, meine Liebe, sind wohl andere Zeiten aufgezogen: Anstatt alles daranzusetzen, den Schiffbrüchigen zu helfen, die fernab ihres Vaterlands all ihrer Schiffe verlustig gingen, sollen wir gegen sie ziehen und sie erschlagen. Im Namen des Königs. Und des Allmächtigen.

Mag sein, dass ich mich hinsetze und dir schreibe, weil sich alles verändert zu haben scheint. Weil ich um unsere Seelen und gleichermaßen um das Leben zahlreicher Menschen fürchte. Weil mich Furcht befällt, der Teufel versuche, mit der Stimme Gottes zu uns zu sprechen, uns mit Hass zu erfüllen, mit Feindseligkeit und mit einem Verlangen nach finsteren Taten. Mich ängstigt vor dem Hass. Zuweilen kann ihn nichts anderes überwinden als Worte.

Ich taste umher auf der Suche nach einem festen Halt, den es vielleicht nirgends gibt, außer bei Dóróthea und meinem guten Jósep!

Ja, Liebes, ich kam hierher im August Anno Domini 1609. Dem Monat wieder einsetzender Abenddämmerung. Entsandt und auf Geheiß des hochgewachsenen, weisen Bischofs von Skálholt, Oddur Einarsson. Wie ich später erfuhr, war mir mein Ruf vorausgeeilt, oder vielmehr Gerüchte über mein Leben und Gebaren, über meine Jahre in Dalir etwa, den Tälern im Westen, später in Strandir im Norden und über den Grund, aus dem ich fast zwei Jahre in England geweilt, was mein Betreib dort gewesen. Einiges von dem umherschwirrenden Gerede schnappte ich auf, nachdem ich einige Zeit hier verbracht, und erkannte längst nicht alles wieder, manchmal nur weniges, einige Male so gut wie nichts davon – doch wer kennt sich schon selbst?

Zu meinem Erstaunen hießen mich die meisten der Bewohner von Brúnisandur wohlwollend willkommen, vielleicht hatten sie sich, halbwegs außerhalb der Welt lebend, keiner bedeutenderen Sendung vonseiten des Bischofs versehen; selbst die strenge, wortkarge Dóróthea, die mir zur Hand gehen sollte, so wie sie meinem Vorgänger, Séra Sigurður, in drei Dezennien beigestanden, empfing mich mit einer solchen Wärme, dass ich sogleich vermeinte, sie schon mein ganzes Leben lang zu kennen, und hat …

Nein, halt, das ist nicht richtig.

Ich weiß nicht, was mir einfällt, die Dinge nicht so zu schildern, wie sie sich zutrugen. Wozu schreiben, wenn du mir nicht trauen kannst? Woher fließt uns Kraft zu, wenn nicht aus der Wahrheit?

 

Dóróthea hatte Séra Sigurður gedient, der dreißig Jahre und fünf darüber hinaus der Hirte des Kirchspiels in Brúnisandur gewesen, aber ein halbes Jahr vor meiner Ankunft in das Licht des Herrn eingetreten war. Er sei dermaßen alt und gebrechlich gewesen, auch wirr im Geiste, dass sie nicht sicher sei, ob er gleich verstanden hätte, dass er gestorben war, erklärte mir Dóróthea später. Sie war im mächtigen Arnarfjörður geboren und aufgewachsen, an Kraft den meisten Männern übermächtig, um weniges älter als ich, etwas gröblichen Aussehens mit ihrem flächigen Gesicht, erlaube ich mir zu sagen, so massig und stark, dass sie mich sogleich an einen verwitterten Felsen denken ließ, wenn nicht gar an eine Trollfrau, die Gott aus ihrer Urzeitlichkeit und ihren Trollkünsten erlöst und in ein raues Leben unter Menschen versetzt hat. Mitunter vermeinte ich, etwas von einer uralten Sinnesart an ihr wahrzunehmen, und der Allerhöchste stehe denen bei, die etwas gegen die im Schilde führen, denen Dóróthea nahe ist. So wie es meinem lieben Jósep von Ás ergangen ist, einem in Brúnisandur angesehenen Mann, Erbauer der Kirche, die hier seit fünfzehn Jahren steht, einem gottesfürchtigen und guten Bauern.

Jósep kommt nicht selten zu mir, sowohl in die Kirche, die er als sein Eigen oder vielmehr als seiner Obhut überantwortet betrachtet, als auch hierher ins Haus, Letzteres jedoch stets ein wenig zögerlich. Früh schon ist mir eine gewisse Ungewogenheit Dórótheas gegen Jósep aufgefallen; es änderte sich etwas in ihrer Stimme und in ihrem flächigen Gesicht, wenn sie seinen Namen nannte. Beides verdunkelte sich, möchte ich sagen. Dieser Eindruck bestätigte sich, als ich erfuhr, dass Jósep den Pastor Sigurður noch in seinen letzten Lebenstagen grollend aufgesucht hat, weil der arme alte Mann, bereits so siech, dass er kaum noch lebendig war, vergessen hatte, die Kirchentür zu schließen. Mit der Folge, dass Schnee in die Kirche geweht worden war, weit hinein bis zum Chor, was das schöne alte Altarbild in Gefahr gebracht hatte, welches sich seit Langem im Besitz der Kirchen von Brúnisandur befand. Jósep fiel, ohne zu klopfen, mit einem Schwall von Worten über die Schneewehen ins Haus ein und schleuderte Dórótheens Tochter Alexandra unziemliche Ausdrücke entgegen. Diese ging auf ihr zwanzigstes Lebensjahr zu und war von einem solchen Liebreiz, dass die Welt dort, wo sie in Erscheinung trat, sogleich besser wurde, doch konnte sie auch standhafte Entschlossenheit an den Tag legen, wenn es nottat. So trat sie denn auch Jósep entgegen und forderte ihn auf, das Haus zu verlassen, da der Pfarrer krank sei und keinerlei Störung vertrage; Jósep sei doch wohl Manns genug, den Schnee selbst aus der Kirche zu schaufeln. Sofern sie nicht gar Anstalten machte, den guten Jósep zur Türe hinauszuschieben; darüber aber verlor der ohnedies schon Aufgebrachte vollends die Beherrschung und stieß das Mädchen brüsk zurück, sicher heftiger, als er beabsichtigt hatte, doch mit dem Ergebnis, dass sie stürzte und eine Schramme im Gesicht davontrug. Dóróthea hatte das Poltern des Besuchers vernommen und erschien just in dem Moment, in dem Jósep Alexandra zu Boden stieß. Doch weh dem, der sich erlaubt, im Beisein Dórótheens gegen Alexandra laut zu werden! Ehe er sich’s versah, fühlte sich Jósep vom Boden emporgerissen, als wöge er nicht mehr als ein Kleinkind, und flog dann in hohem Bogen aus dem Haus – die Tür gleich mit, behaupteten einige und wollten damit sagen, dass Dóróthea sich nicht die Mühe gemacht habe, sie vorher zu öffnen.

Von ansteckendem Lachen und herzbedrückender Trauer

Als ich nach Brúnisandur kam, hielt sich die liebreizende Alexandra nicht mehr dort auf. Sie war in den südlich gelegenen Arnarfjörður gezogen, genauer gesagt nach Hrafnseyri, wo seit einiger Zeit Kolbeinn Svansson als Pfarrer amtete.

Ich kannte Kolbeinn flüchtig aus unserer gemeinsamen Studienzeit am Bischofssitz in Hólar, doch nach dem Ende der dortigen Ausbildung trennten sich unsere Lebenswege. Ich verblieb noch zwei weitere Jahre in Hólar, wo ich Séra Arngrímur bei seinen wichtigen Forschungen und Schriften assistierte. Ermuntert und unterstützt von Bischof Guðbrandur, ging ich danach an die Universität von Kopenhagen. Kolbeinn hingegen, wenige Jahre älter als ich, erhielt bald eine Pfarrstelle, zunächst auf Snæfellsnes und im Anschluss eben auf Hrafnseyri im Arnarfjörður.

Kolbeinn war nie ein guter Student, wurde dafür des Öfteren von Séra Arngrímur getadelt und erhielt wohl auch so manchen Schlag mit dessen Stock, wenn er im Unterricht einschlief oder sich bei der Konjugation lateinischer Verben verhaspelte und ins Stottern geriet. Doch hat er ein so sonniges Gemüt, dass man ihn einfach mögen muss, zumal er mit der klarsten Gesangsstimme begabt ist, die ich je gehört habe. Wir, seine Mitschüler, haben Kolbeinn oft angehalten, in der großen Kirche von Hólar für uns zu singen, und manchmal gesellte sich der Bischof trotz seiner drückenden Lasten und Pflichten dazu.

Kolbeinns Frau Ólöf, welche die zum Haushalt von Hrafnseyri Gehörenden wegen des warmen Lichts, das sie um sich verbreitete, bald ihre milde Sonne nannten, war gesegneten Leibes, als sie in den Arnarfjörður kamen, und wenige Monate später brachte sie einen Jungen zur Welt, der auf den Namen seines Vaters getauft ward. Es muss ein herrlicher Anblick gewesen sein, als im Frühjahr darauf der kleine Kolbeinn, sich am Finger seines Vaters haltend, zum ersten Mal über den Hofplatz von Hrafnseyri auf seine Mutter zutappte. Mit einem so fröhlichen und stolzen Gesichtchen, dass die älteren Leute auf dem Hof ganz gerührt waren. Welche Augenblicke der Herr uns doch vergönnt!

Wahrlich, Gott gibt sie, doch er nimmt sie auch wieder.

Kurz bevor ich nach Brúnisandur kam, wurden beide, Ólöf, wieder in Umständen, und der kleine Kolbeinn, der gerade das zweite Lebensjahr vollendet hatte, mit einer schlimmen Krankheit bettlägerig. Kolbeinn der Ältere betete Tag und Nacht für sie, wollte nirgends als bei ihnen sein, sie beide fieberglühend in seinen Armen haltend, und sang alle Psalmen, deren er kundig war, rief den Herrn an und seinen gesalbten Sohn – doch was der Herr geschrieben hat, das geschieht, und wir vermögen kein Jota daran zu ändern.

Zuerst verstarb der kleine Kolbeinn, den Finger seines Vaters haltend wie an jenem Frühlingstag, an dem er Laufen gelernt und alles zum Guten gestanden hatte; nur einen halben Tag hernach entschlief seine Mutter, die milde Sonne, und mit ihr das ungeborene Leben. Kolbeinn blieb allein zurück, vollkommen untröstlich, eine einzige blutende Wunde, das Licht und der Lebenswille dahin.

Die Trauer lähmte ihn so sehr, dass er weder schlief noch Nahrung zu sich nahm. Wie seiner Sinne beraubt, lag er in seinem Bett, die Kleidung des Sohns und der Mutter im Arm, und starrte ins Ohngefähre, reagierte auf nichts, weshalb die Leute auf dem Hof ebenso wie viele in der Gemeinde um sein Leben fürchteten.

Doch unendlich und tiefer als alle Meere ist die Weisheit des Herrn. Alles, was geschieht, ist sein Wille, und darum behaupten manche, unsere profunde Trauer darüber, wie er die Welt regiere, welche entschlafen und welche leben, entstehe aus Sünde; der Teufel bediene sich der Trauer, um uns zu versuchen, mit Gott und seinen Ratschlüssen zu hadern, zu bekritteln, gar zu verurteilen, wie er auf Erden waltet.

Dabei ist nichts reiner als die Trauer über den Verlust eines Kindes und seiner Mutter, die dir des Lebens Freude bedeutet haben.

Die Trauer beugt mein Herz, dichtete Pfarrer Jón Þorsteinsson, als sein kleiner Sohn dahinschied. Das Herz Kolbeinns beugte sie so ganz und gar, dass sein Weiterleben ohnmöglich schien – weswegen die Hausleute in Hrafnseyri letztendlich keinen Rat wussten, als nach Dórótheen zu schicken, die jeder im Arnarfjörður kennt und schätzt. Ein junger Hirte wurde hierher abgesandt mit der Schreckensnachricht, dass Kolbeinn Frau und Sohn verloren habe, seither weder äße noch trinke und auch seit zwei Wochen nicht mehr schlafe, kaum ein Wort von sich gebe und im Begriff stehe, sich in einen Schatten zu verwandeln. Man wisse nicht, was zu raten und zu tun sei, und wende sich deshalb verzweifelt an Dóróthea, die doch alles wisse und sich auf alles verstehe.

Der Hirtenjunge traf gegen Abend hier ein und begab sich früh am nächsten Morgen auf den Heimweg zum Arnarfjörður, doch nicht allein, sondern in Alexandras Begleitung. Beide mit Pferden von Meyjarhóll versehen, und so erreichten sie Hrafnseyri gegen Abend. Alexandra begab sich sogleich zu Kolbeinn, der im Bett der Eheleute lag, und wies alle anderen hinaus.

Der Schöpfer hat Alexandra mit einer wunderschönen, weichen, wehen, doch herrlich sanften Gesangsstimme begabt, und Dórótheas Absicht war, ihre Tochter möge mit ihrem Gesang Kolbeinns Stimme wiedererwecken, denn sofern überhaupt etwas, dann weckt schöner Gesang den Lebenswillen bei denen, die von Natur aus mit einem starken Lebenswillen ausgestattet sind. Die ganze lange Nacht hindurch saß Alexandra bei Kolbeinn und sang für ihn von der Freude zu leben, von Kummer, Schönheit, von der Herrlichkeit Gottes und seiner Engel, vom Heiland, der den Tod überwand und unsere Sünden hinfortnahm. Sie sang alle Lieder, die sie kannte, so manches uralte darunter. Sie sang den ganzen Abend lang, die ganze Nacht hindurch, und ihr Gesang vermochte es am Ende nicht allein, Kolbeinn in seiner finsteren Trauer zu erreichen und seinen Lebenswillen wiederzuerwecken; denn in diesem Sommer, sechs Jahre danach, erhielten Dóróthea und ich ihre älteste Tochter Þorgerður zur Pflege und Aufzucht. Þorgerður, die ein derart ansteckendes Lachen hat, dass der kleine Guðmundur meist mit Bauchschmerzen vom Lachen einschläft.

Ein Kind, das fest den Finger seines Vaters umklammerte, darf nicht leben, es stirbt und wird wieder zu Staub, damit ein anderes mit einem so ansteckenden Lachen, dass es einen kitzelnden Schmetterling in deinem Bauch flattern lässt, geboren werden kann.

Nichts begreifen wir, allwissend ist der Herr.

Mein Liebes, …

… der Sturzregen geht weiter auf die Erde nieder, als seien alle Schleusentore des Himmels geöffnet, und es wird bald Abend. Darauf wird der dunkle Abend zur Nacht werden. Ich befürchte, nach ihr werden dunkle Tage anbrechen.

Alle sind wir Nachfahren Kains, der seinen Bruder erschlug – dieser Gedanke kommt mir zuweilen in den Sinn, ohne dass ich mich seiner erwehren könnte. Wir alle entstammen einem Mord, einem Mörder. Steht infolgedessen nicht zu befürchten, dass Güte und Milde und Gerechtigkeit, die Jesus Christus uns zu lehren versuchte, Mühe haben werden, uns auf den rechten Weg zu führen?

Was erwartet einen jeden von uns anderes als der Tod?

Denn allein das wissen wir mit Gewissheit, dass der Herr uns am Ende aus unserem Leben abberufen wird, einfache Pfarrer wie Bischöfe, Landstreicher wie Könige, und dann wird es zu spät sein, sein Leben zu ändern, dann ist es zu spät, um ein guter Mensch zu werden, zu spät, um ein Leben zu führen, das Anlass bietet, uns zu vermissen.

Ist es Flucht, Trost, eine Klageschrift, oder mit anderen Worten: Läuft der Wind geschwinder als ein Pferd?

Eben bat ich Dóróthea zu mir herein und las ihr vor, was ich hier – das meiste ohne nachzudenken – zu Papier gebracht habe. Selten habe ich so schnell geschrieben, obgleich ich innerlich suchte und tastete, vielleicht aber auch gerade deswegen. Das, was da kam, strömte von irgendwo aus meinem Inneren. Ich schrieb ohne Zögern, bis ich zum Vermissen kam.

Ein Wort, bei dem ich stets innehalte.

Da stockte ich zum ersten Mal.

Und holte Dóróthea, die selbstredend wusste, dass ich gerade schrieb. Besser als andere weiß sie, dass mir die Feder mindestens das halbe Leben bedeutet. Dass ich mich lange Zeit damit befasse und vieles andere versäume, lange Tage und dunkle wie helle Abende. Dass ich Wörter mit solchem Eifer festhalte, als wäre ich nirgends zuhause als in ihnen. Vieles, was ich niederschreibe, gewiss das meiste, führe ich auf Bestellung dieses oder jenes aus, Gesetzesbücher, Dichtwerke, diverse wissenschaftliche Traktate und Annalen, Übersetzungen verschiedener Stoffe, doch zuweilen auch unbedeutende eigene Überlegungen, in den Wind geschrieben selbstredend, notiert auf dem fließenden Wasser der Zeit. Außerdem Berichtetes oder Selbsterlebtes, sodann etliche Briefe an verschiedene Adressaten sowohl hierzulande als auch im Ausland. So obliegt es mir, die Fragen von Landfremden zu Island zu beantworten, sei es zu Eiderdaunen, Narwalzähnen, treibendem Meereis, Feuer speienden Bergen Schwefelminen, die freilich alle erschöpft sind, oder zu Elfen und verborgenem Volk, zu unseren Königssagas, den bedeutenden Vorzeitsagas oder den alten Götter- und Eddaliedern. Die allermeisten dieser Korrespondenzen kamen durch die Vermittlung meiner Freunde zustande, des gelehrten Pfarrers Arngrímur Jónsson und des hochgewachsenen und klugen Bischofs von Skálholt, Oddur. Denn viele Gelehrte in anderen Ländern haben Arngrímurs illustre Schrift Brevis commentarius de Islandia gelesen, die vor gut zwanzig Jahren im Druck erschien, und unlängst seine vor fünf Jahren publizierte Crymogæa, diese erlesene Kostbarkeit, wie ich ohne Zögern sage und schreibe (all ihren verderblichen Druckfehlern zum Trotz, mit denen ich schwacher Mensch nicht aufhören kann, meinen lieben Arngrímur sehr zu seinem Verdruss zu triezen und zu tribulieren). Diese Schriften haben nicht wenigen ausländischen Autoritäten die Augen für den großen Schatz geöffnet, den wir Isländer mit unseren Sagas und Poemen besitzen, und infolgedessen haben einige von ihnen sich entweder an Arngrímur oder den Bischof gewandt, um Erkundigungen einzuziehen über Island, seine natürliche Beschaffenheit, Geschichte und Sitten. Da beide aber in Permanenz mit Aufgaben überladen sind, haben sie besagte Gelehrte mitunter an mich verwiesen und ihnen versichert, ich sei gleichermaßen befähigt, all ihre Fragen zu beantworten. Und so hat es sich ergeben, dass ich seit meiner Ankunft in Brúnisandur mit nicht weniger als zwölf gelehrten Männern aus fünf Ländern Briefe wechselte.

 

Doch etwas diesem hier Vergleichbares habe ich, versteht sich, noch niemals geschrieben, weshalb Dóróthea, nachdem ich es ihr vorgelesen, die Frage an mich gerichtet: Und was will der Pastor mit diesem Geschreibsel?

Was ich will?

Natürlich weiß ich das. Und sie weiß es auch. Oder zumindest ist mir bekannt, was mich antrieb. Allein, ich weiß noch nicht, zu welchem Ende es hinauskömmt. Welche Worte mir frommen und wovon ich berichten soll, dieweil das Unwetter über uns hängt und alles in der Menschenwelt zum Stillstand bringt.

Ich vermute, sie fragt, um mich zu schärfen.

 

Wenige Menschen, höchstwahrscheinlich nicht einer, hat mir derart Kopfzerbrechen bereitet wie Dóróthea, und noch immer stellt sie mich vor Überraschungen.

Was ich mit diesem Schreiben bezwecke?

Mir war natürlich bewusst, dass hinter dieser einen Frage weitere steckten.

Weswegen ich diese Stunde wähle, um dir zu schreiben, Liebes.

Dóróthea kennt mich dermaßen gut, dass sie sogleich wusste, wer der Empfänger dieser Zeilen sein muss. Und sie ist sonder Zweifel besser darüber im Bilde, was ich mir dabei gedacht, als ich selbst. Sie kennt meine Gedanken und mein Gemüt. Sie weiß, welche Befürchtungen ich hege. Hingegen bin ich mir – und das lässt mich zaudern – keineswegs sicher, ob das Geschriebene eine Flucht ist, ein Ausweichen, eine Sehnsucht, eine Klageschrift, der Versuch, Einfluss zu nehmen auf das, was uns nach dem Sturm erwartet, oder …

 

An dieser Stelle riss der Faden, dieweil der kleine Guðmundur zu mir hereinstürmte, wissbegierig wie immer, und mir eine Reihe wichtiger Fragen stellte: Ist der Wind, fragte er, geschwinder als ein Pferd? Rennt er schneller als ein Geist? Wird er nie müde? Wieso sehen wir ihn nicht, obwohl er gerade überall ist und versucht, mich umzupusten?

Allesamt ausgezeichnete Fragen, auf die wir gemeinsam gute Antworten zu finden versuchten. Danach trollte er sich wieder, und ich könnte fortfahren. Doch womit und, ja, wohin?

 

Sag ihr, wie alles begann, half mir Dóróthea, indes du noch versuchst, die Richtungen auszumachen. Berichte von deinen ersten Tagen hier auf Brúnisandur. Sag, woher du kamst. Du denkst am besten, indem du schreibst. Lass dich von der Feder leiten.

 

Wie alles begann? Alles?

Ich weiß nicht, was alles ist.

Folge aber, wie es meine Übung und Gewohnheit ist, Dórótheens Rat. Lasse die Feder führen. Ich kam also vor sechs Jahren nach Brúnisandur.

Wie und wohin schlängelt deines Lebens Bahn:Als ich zum ersten Mal nach Brúnisandur kam

Durch Gottes Gnade und Milde war es mir vergönnt, schon vierzig Winter in dieser Welt zu leben, deren Licht ich in Hólar erblickt, wo meine junge Mutter den Schutz Bischof Guðbrandurs gesucht, des bedeutendsten Mannes der Insel, Heerkönig des Herrn, Anhänger und Freund ihres früh verstorbenen Vaters – mein eigener Vater ist mir unbekannt. Doch dank der Liebe, die der Bischof für meinen Großvater hegte und nach dessen Ableben auf meine Mutter übertrug, wuchs ich nicht allein unter seinem Schutz auf, gleichsam wie ein jüngerer Bruder seiner beiden Töchter, der tatkräftigen Halldóra und Kristín, sondern genoss auch, was den meisten verwehrt bleibt, nämlich meine Wissbegier auf das richten zu dürfen, was mich zu wissen dürstete. Anfangs in der Schule zu Hólar, später dann in Kopenhagen, wo ich gut sechs Jahre weilte. Im Frühjahr 1601 kehrte ich nach Island heim und folgte im Sommer dem Bischof zusammen mit Halldóra und weiterer Mannschaft aus Hólar zur Versammlung nach Þingvellir, da man mich in letzter Minute ersatzweise zum Thingschreiber bestellt hatte, nachdem Arngrímur erkrankt war. Es war dies meine erste Reise zu diesem bedeutenden Ort, und sie wurde zu einer schicksalsträchtigen, was ich wohl erst acht Jahre später in vollem Umfang ersah, als ich Ende August 1609 mit Reit- und Handpferd hierher nach Brúnisandur gelangte, um etwa die gleiche Zeit, da Arngrímurs Crymogæa in Hamburg erschien.

Den Winter davor und auch den folgenden Sommer hatte ich in Hólar verbracht und dem Bischof in seiner umfangreichen Tätigkeit als Herausgeber von Büchern, Arngrímur bei seinen wichtigen Forschungen und Schriften assistiert, nachdem ich mich zwei Jahre in England aufgehalten hatte. Die Überfahrt dorthin hatte ich auf dem Schiff meines lieben John bewerkstelligt, wo wir innige Freundschaftsbande knüpften. Obdach fand ich im Wechsel in seinem Haus, das sich damals in Trauer befand, da Johns Gemahlin und ihr jüngstes Kind kurz vor unserer Ankunft von einer Seuche aus dem Leben gerissen worden waren, und im Haus Christopher Adams’, seines Zeichens Professor an der berühmten Universität zu Cambridge. Durch das Interesse, das dieser eifrige und kluge Epikureer an der altnordischen Sprache und unseren Vorzeitsagas gefasst hatte, war er mit Bischof Oddur und Arngrímur bekannt geworden. Fisch aus Island, getrocknet von John, aß er dreimal die Woche und spülte ihn mit einer reichlichen Menge englischen Bieres hinunter. Ich überbrachte ihm als Präsent von Oddur einen Welpen, eine hübsche, kleine Hündin, und saß unzählige Stunden mit ihm zusammen, unterrichtete ihn in unserer isländischen Sprache, belehrte ihn über unsere Geschichte und Literatur.

Über meinen Englandaufenthalt und nicht zuletzt die Ursach dazu hat man sich genugsam das Maul zerrissen, und ich will dergleichen hier nicht wiederholen, zumal das meiste davon verzerrt oder höchlich übertrieben ist. Auch fehlt mir am heutigen Abend oder in der Nacht die Zeit, um auszumalen, wie es dazu gekommen. Es mag also genügen, dass ich auf Vorschlag oder Geheiß beider Bischöfe nach England entsandt ward, teils um dem verehrten Herrn Professor behilflich zu sein, teils um mich und meine geringfügige Reputation zu retten, wenn nicht gar mein Leben.

Doch genug davon!

Denn nach Brúnisandur war ich gekommen, im August vor sechs Jahren.

 

Ich kannte niemanden, niemand kannte mich. Höchstens gerüchteweise oder durch Klatschgeschichten. Mit zwei Pferden kam ich, da Halldóra mich Unwürdigen in ihrer Großmut und Liebenswürdigkeit mit zwei guten Rössern aus der Herde des Bischofssitzes versehen hatte, auf dass ich vor die Bewohner von Brúnisandur nicht wie ein dahergelaufener Bettler treten müsse. Ich ritt die braune Stute Kúla und führte den Schecken Ljósi als Packpferd mit, das meine Kisten trug. Ich suchte mir einen Weg über die Hinstaheiði, den einzigen Zugang nach Brúnisandur auf dem Landweg. Diese Hochheide erreicht eine beträchtliche Höhe und weist grobbrockige Geröllfelder auf, die sich mit feuchten Senken abwechseln. Besonders war ich vor kleinen Moortümpeln dort oben gewarnt worden, die zur Sommerszeit tückisch sein können, gerade für Reiter, da sie nicht selten mit einer dünnen, wurzellosen Pflanzendecke überwachsen sind. Brechen Mensch oder Tier durch diesen Bewuchs, versinken sie und werden von Treibsand verschluckt!

Man steigt von dieser Heide auf schmalem Pfad wieder ins Tal, der einem gewaltig großen Fels geradezu anklebt und an seiner schmalsten Stelle als Háskastígur oder Gefahrensteig bekannt ist. Es geht die Überlieferung, dort seien fünfzehn Menschen abgestürzt und hätten auf spitzem Geröll dreißig Klafter tiefer ihre Seelen ausgehaucht. Da sie nachlässig waren oder nicht Zeit fanden, an der alten kleinen Kapelle am höchsten Punkt der Hochheide niederzuknien, den Allmächtigen um sicheres Geleit zu bitten und im Anschluss über das kleine Marienbildnis zu streichen, das dort oben steht, kaum größer als ein Finger. Kein Mensch kennt sein Alter.

Wer die Gefahrenstelle jedoch lebendigen Leibes meistert, wird mit einem schönen Anblick belohnt, da sich Brúnisandur vor seinem Auge hinbreitet wie eine zum Meer hin sich öffnende grüne Umarmung. Zur Linken sieht man bei klarem Wetter den Dampf der heißen Quellen im Reykjadalur aufsteigen.

Es war schon spät am Abend, als ich hier in Meyjarhóll auf den Hofplatz ritt. Meine schweren Kisten auf dem Packpferd gefüllt mit Büchern, Manuskripten und Unmengen Papier, doch wenigen Kleidern, wie Dóróthea feststellte, als sie, meine Einsprüche missachtend, ablud und mein gesamtes Hab und Gut ins Vorderhaus trug, zuvor die Wohnung Séra Sigurðurs, jetzt meine Schreibstube und mein Asyl vor dem Treiben und Lärmen der Welt. Die Kisten wogen schwer, doch Dóróthea trug sie leicht. So wenige Kleider, sagte sie, als sie die Deckel hochklappte und sich den Inhalt besah. Ich zuckte die Schultern, und mehr redeten wir kaum an jenem Abend, da sie von Natur aus wortkarg ist und ich rechtschaffen müde war und mir überdies diverse Knoten das Herz einschnürten.

Wenig wurde auch am nächsten Morgen gesprochen, als ich den Rest meiner Kisten auspackte und mich so einzurichten versuchte, als hätte ich hier eine Zuflucht und ein Zuhause. Dóróthea brachte mir früh am Morgen einen Brei aus Engelwurz und Rentierflechte mit Blaubeeren vom Meyjarhóll, dem Hügel, der dem Hof Schutz und Namen verleiht. Der Brei schmeckte gut und war nahrhaft. Von sich aus sagte Dóróthea nichts und antwortete nur einsilbig, als sei sie unwillig, sich mit mir zu unterhalten. Ich hoffte, ihre Schweigsamkeit möge nicht von einer Feindseligkeit gegen mich, sondern aus ihrem Wesen herrühren; vielleicht beobachtete sie mich auch nur, um sich ein Bild zu machen, wes Geistes Kind ich war. Letzteres fand später seine Bestätigung, insofern Mutter und Tochter abgesprochen hatten, solle Dóróthea der neue Pfarrer ganz und gar nicht zusagen und sie nicht die geringste Lust verspüren, ihre Tage mit ihm zuzubringen, dann würde sie zu Alexandra und Kolbeinn in den Arnarfjörður umsiedeln. Das hätte sie tatsächlich vollbracht, ohne sich mit mir zu unterreden, und mich mutterseelenallein auf Meyjarhóll zurückgelassen, was einigen Schaden angerichtet hätte. Doch glücklicherweise zog sie nicht ihres Weges.

Anstatt mich sogleich zu bemühen, mit den Leuten Bekanntschaft zu schließen, verbrachte ich meine ersten Tage wie ein Einsiedler. Ich versicherte mir selbst, es sei zuvörderst wichtig, meine neue Umgebung und die örtlichen Gegebenheiten kennenzulernen, obgleich der eigentliche Grund wohl darin bestand, dass ich mit mir allein sein und Muße finden wollte, um mich mit meinen Gedanken zu beschäftigen, mein Inneres zu ergründen und zu beklagen, ein Herz zu besitzen, welches zuweilen einem Stoß Holz gleicht, der in einem einzigen Augenblick aufflammen und zu einem lodernden Brand werden kann. Ein Herz, welches mir wenig gehorcht und sich kaum um das schert, was ich mir vornehme, nämlich ein frommes, tugendhaftes Leben zu führen, mich in meine Studien, meine Lektüren und Schriften zu vertiefen, den Menschen zu dienen und sie mit meinem Wissen auf einen besseren Weg zu führen. Ich stapfte umher und dachte bei mir: Jæja, Pétur, hierher wurdest du gesandt, so gut wie aus der Welt. Und was stellst du nun an, wie und wohin schlängelt deines Lebens Bahn?

 

Ganze Tage durchmaß ich die Gegend von der Küste bis zu den Bergen, durchwanderte Täler, umrundete Ljósavatn, den See in der Mitte des Fjordtals, nicht groß, aber tief und voller Fische. Ebenso gefiel es mir, das Ufer der Küste abzuschreiten, einen breiten Sandstrand vor dem offenen Meer. Die Brandung kann sehr heftig sein, und die Landung mit einem Boot gefahrvoll. Die Brúnisandur umschließenden Berge sind hoch und steil, voller Geröll von Erdrutschen und durchfurcht von zahllosen Bächen, oberhalb breiten sich grasbewachsene Heiden aus. Es ist eine von der Natur begünstigte Gegend, obgleich sie so fern der Welt zu liegen scheint, sie ist recht grün und hält etliche natürliche Schätze bereit. So liegen nicht weit vor ihrer Küste ergiebige Fischgründe, doch können das Ausrudern und Anlanden wegen der Brandung gefährlich sein. Aus den Klippenbändern der Berge lassen sich Eier und Vögel entnehmen, Fische schwimmen im See und den beiden Flüssen, sowohl in dem, der gleich hier fließt, als auch in jenem, der aus dem See auf kürzestem Weg ins Meer mündet. Dazu reift gegen Ende des Sommers eine Fülle von Beeren.

Dies alles entdeckte und sah ich auf den Wanderungen meiner ersten Tage, bekleidet mit dem schwarzen Umhang, den mir holländische Seeleute in Strandir als Dank dafür, dass ich in meiner Predigt ihnen wohlgefällige Worte für ihre Schiffsgenossen gefunden, geschenkt hatten.

Wenig gab ich darauf, wie ich in diesem langen, dunklen Kapuzenumhang wohl den Einwohnern von Brúnisandur erscheinen mochte. Gewiss erschraken manche derer, die meiner nach Anbruch der Dämmerung ansichtig wurden. Einige sah ich von fern bei ihren Behausungen, begab mich aber zu keinem von ihnen. Zweimal lief ich an Hof vorüber, ohne mich zu fragen, wer dort wohl wohnen mochte, das junge Paar Helga und Þorvaldur nämlich, mit dem ich vor Jahren in Þingvellir bekannt geworden war und das tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hatte. Heute gehören die beiden zu meinen vertrautesten Freunden. Wenig jedoch wusste ich damals und kannte niemanden, streifte in meinem Umhang tagelang bis zum Abend umher und erschreckte die Leute. Darüber belehrte mich Dóróthea, als sie am Abend des fünften Tages – ich saß gerade an meinem Pult und schrieb – mit einem Mal neben mir stand.

Der Pfarrer geht viel, sagte sie zunächst.

In der Tat, das tue ich. Ich möchte die Gegend kennenlernen, setzte ich hinzu, als von ihr nichts weiter kam, sie bloß neben mir stand, groß, mit ihren langen und kräftigen, herabhängenden Armen eher plump wirkend, und ihrem groben Gesicht nicht abzulesen war, welche Gedanken hinter ihrer Stirn vor sich gingen.

Die Leute sähen es gern, wenn der Herr Pfarrer sie aufsuche. Menschen können sehr tüchtig darin sein, sich allerlei dummes Zeug auszudenken. Der Pfarrer leistet derlei noch Vorschub, wenn er bei niemandem vorstellig wird und stattdessen in diesem Umhang umgeht.

Es ist ein guter Umhang, aus Holland, erwiderte ich. Ungemein kommod.

Es wird gesagt, fuhr sie recht förmlich fort, und ich behaupte nichts dergleichen, aber es wird gesagt, Ihr nähmt in der Dämmerung andere Gestalt an und säht eher einem Gespenst als einem Mann Gottes ähnlich. Manche hier brauchen Euch. Ihr seid hier, um sie anzuleiten. Aber der Pfarrer schreibt, schloss sie und beendete jedes weitere Gespräch über meine Wanderungen und die Vernachlässigung meiner Gemeindekinder.

Ich schreibe, ja, das ist richtig, sagte ich.

Und was schreibt der Pfarrer?

Ich senkte den Blick und antwortete, indem ich vorlas, was ich soeben aus einer alten Pergamenthandschrift kopiert hatte:

 

Am Abend gingen die Berserker nach Hause und waren sehr müde, wie es die Regel ist bei solchen Männern, die übermenschliche Kräfte besitzen, dass sie nämlich völlig kraftlos werden, wenn die Berserkerwut sie verlässt.

 

Ich sah auf und wollte ihr erklären, woher diese Stelle stamme, doch sie kam mir zuvor.

Es ist ihnen nicht gut bekommen.

Du kennst die Saga von den Leuten auf Eyr, fragte ich überrascht und erfreut.

Dóróthea blickte mich an. Ich bereute sogleich meinen Eifer und fürchtete, sie durch meine Unterstellung, die Saga sei ihr unbekannt, beleidigt zu haben.

Habt Ihr auch die Saga von Grettir dem Starken, fragte sie schließlich.

Ich bejahte, auch diese Saga war und ist noch immer in meinem Besitz, ich habe sie gar nicht selten abgeschrieben. Diesmal aber gab ich acht, keinen Eifer zu zeigen, um sie nicht weiter abzuschrecken.

Diese Saga habe ich noch nie gehört. Es wäre schön, wenn der Pfarrer sie mir einmal vorlesen wollte.

Ich begann, in meinen Manuskripten zu kramen, und murmelte, die Saga vom starken Grettir müsse irgendwo unter ihnen sein. Ja, hier ist sie, sagte ich und blickte freudig auf, doch da war Dóróthea verschwunden. Ich zögerte, ging dann ins Haus, und da saß sie als riesenhafter Schatten im Halbdunkel der Baðstofa und strickte Bootsstrümpfe. Eines Lichts bedurfte sie nicht, die Finger waren ihre Augen. Neben ihr ein leerer Stuhl, alt und aus Treibholz gezimmert, über dem eine Tranlampe hing. Unsicher stand ich mit dem Manuskript in der Tür, doch sie strickte weiter und sah nicht auf. Schließlich trat ich an die Lampe, entzündete sie und nahm mit der Saga auf dem Stuhl Platz. Dann begann ich vorzulesen.

Draußen regnete es an diesem Abend, regnete heftig, und ich las lange. Dóróthea saß weiterhin über ihre Handarbeit gebeugt und zeigte weiter keine Regung. Ihr grauer Schädel war ein Fels, sie selbst eine dunkle Landschaft, und die Saga vom starken, unglückseligen Grettir sank in sie ein. Nachdem ich ein gutes Stück in der Geschichte fortgeschritten und des Lesens allmählich müde wurde, sah sie kurz auf, ohne eine Masche zu verlieren, und sagte: Der Pfarrer liest schön, und die Saga ist gut. Doch an die Saga von den Leuten auf Eyr und die Saga von Brennu-Njáll reicht sie nicht heran. Das tut vielleicht keine. Lies morgen Abend weiter.

Ebendies tat ich.

Und so kam in meinem ersten Winter auf Meyjarhóll der Brauch auf und wurde seitdem ohn’ Unterbruch gepflegt, dass ich ihr alles vorlese, was ich schreibe und sie noch nicht kennt. Einschließlich der Briefe, die ich abfasse und erhalte. Sehr bald gelangte ich zu der Einsicht, dass es unnötig war, etwas von dem zu wiederholen, was Dóróthea einmal gehört hatte, ob von mir oder anderen, denn die Natur hat ihr die Gabe verliehen, sich alles ins Gedächtnis zu prägen, was sie hört, und nicht ein einziges Wort je wieder zu vergessen. Nie ist mir ein Mensch begegnet, der so viele Texte auswendig kannte wie sie, Texte in ungebundener ebenso wie gebundener Sprache, gleich ob alt oder neu, kann sie hersagen, ohne ein einziges Wörtchen auszulassen oder zu ändern.

Man sollte dich als eines der Wunder Islands vor den König bringen, hat Arngrímur im vorletzten Sommer zu ihr gesagt, als er wieder einmal bei uns weilte, um sich eine Verschnaufpause vom Schreiben zu gönnen. Zum ersten Mal hatte er desgleichen in meinem zweiten Sommer hier getan, da er Ruhe suchte von den Lasten, Zudringlichkeiten und allerhand anderen Bedrängnissen, mit denen eine derart bedeutende wie vielerlei befähigte Person gemeinhin behelligt wird. Es versteht sich von allein, welche Freude und Unterhaltung es uns bereitete, Arngrímur hier bei uns zu haben. Hochmütig mag er manchen erscheinen und nicht jedermann mag ihn, doch wir wissen um die Empfindsamkeiten des anderen, um den wehen Kern in unserem Innersten, und das verbindet uns; weswegen er die Hoffart, für die er sonst bekannt, ja, berüchtigt ist, mir gegenüber nur höchst selten an den Tag legt und ich ihn auch ohn’ Erbarmen verspotte, wenn er mir diese Seite von sich doch einmal zeigt. Es war ein großer Segen für mich, ihn hier begrüßen zu dürfen, denn die Bewohner von Brúnisandur wussten es sehr zu schätzen, dass ein derart namhafter Mann über Wochen unter ihnen weilte. Sie zeigten sich oft findig darin, mich unter irgendwelchen Vorwänden aufzusuchen, allein, um einen Blick auf meinen Gast zu erhaschen, und es trug zur Hebung meines Ansehens bei, als sie feststellten, wie gut es zwischen ihm und mir stand. Selbst bei meinem braven, scheuen Jósep wuchs meine Reputation. Arngrímur und ich feierten, dass seine hochbedeutende Schrift, Crymogæa, in Hamburg ein zweites Mal gedruckt wurde.

Ich weiß nicht, ob dir Arngrímurs Schriften bekannt sind. Crymogæa darf gewissermaßen als Fortsetzung seines scharfzüngigen und äußerst vergnüglichen Brevis commentarius de Islandia gelten, des wohl gewitztesten Buches, das je ein Isländer geschrieben. In ihm seziert Arngrímur buchstäblich den deutschen Hund Dithmar Blefken, der eine grässliche Schrift über Island und die Isländer verfasst hat, übervoll mit Verunglimpfung, Lügen, grotesken Übertreibungen und hanebüchenem Unsinn über uns und unser Land. Zu unserem allgemeinen Leidwesen wurde sein Pamphlet jedoch weit verbreitet und von Gelehrten gelesen, die ihm Glauben schenkten, sodass Island und nicht zuletzt uns allen, die wir hier leben, seither ein schändlicher Makel anhaftet. Doch da griff Arngrímur – von Bischof Guðbrandur energisch angetrieben – zur Feder und verfasste sein erstes Buch. Ich bezweifle stark, dass Blefken, dieser Erzschelm und Rufmörder, gewagt hätte, seine schandmäulige Lügenschrift in den Druck zu geben, hätte ihm geschwant, welche Riposte ihm blühen sollte. Wer sich mit Séra Arngrímur anlegt, kann sich alle weitere Mühe sparen, in Eile das eigene Grab ausheben und sich schleunigst hineinbegeben.

Unermüdlich befragte Arngrímur Dórótheen nach alten Dichtungen und männiglichen Geschichten, welche sie allesamt kannte, ja, sie kannte überdies nicht wenige Gedichte, die weder Arngrímur noch ich je gehört oder gelesen hatten, wiewohl wir beide als recht bewandert gelten, zumal wenn wir unser Wissen zusammenlegen.

Dóróthea bewahrt alles im Gedächtnis, was sie hört, dabei ist sie weder des Lesens noch des Schreibens mächtig, und es fruchtet nicht, daran etwas ändern zu wollen. Ich habe es mehr als einmal versucht. Jedes Mal, wenn sie ein geschriebenes Wort betrachte oder zu lesen sich anstrenge, sei ihr, als würden sämtliche Buchstaben in Bewegung geraten, entschuldigt sie sich, und entweder in einem heillosen Durcheinander enden oder einen völlig unsinnigen Sinn annehmen. Mitunter weiß ich mich des Eindrucks nicht zu erwehren, dies alles ginge auf einen Ratschluss Gottes zurück – ihr Unvermögen ebenso wie ihr unfehlbares Gedächtnis, die Wissbegier und Neugier auf alle möglichen Texte und nicht zuletzt der Umstand, dass ich, ständig etwas schreibend, mit all meinen Manuskripten, aus denen ich ihr immer wieder vorlese, hierher entsendet worden bin. Als sei es sein Wille, dass Dóróthea sich jeden Text, der ihr begegnet, einverleibt und unverändert in ihrem Gedächtnis bewahrt – und dies nicht allein für die Dauer ihres Erdenlebens, vielmehr soll sie mit ihnen am Jüngsten Tag erwachen, wenn alle Bücher vernichtet sind.

Dann würde der Herr Dóróthea zu sich rufen und ihr auftragen, alle Texte der Welt aufzusagen, auf dass sie bewahrt blieben, wenn auch die Nacht und das Vergessen über uns Menschen hereinbrächen und alle Bücher tilgten.

Der Segen des Herrn; wo Engländer sich in Teufel verwandeln

Doch wo war ich stehen geblieben?

Ach, gewiss, bei meinen ersten Tagen hier in Brúnisandur und dem Abend, da Dóróthea mich rechtens tadelte, nichts weiter zu tun, als von der Küste zu den Bergen und in die Täler zu spazieren, anstatt mich auf die Menschen einzulassen. Ich erwiderte nichts darauf, beschloss aber, gleich am nächsten Tag die Kinder meiner Gemeinde aufzusuchen. Der Tag brach an, und ich machte mich mit diesem fest gefassten Vorsatz auf den Weg, geriet dann jedoch unversehens ins Reykjadalur und fand mich selbst erst wieder, als ich am Ende des Tals durch den dortigen Wald streifte, überwiegend Birken, die höchsten fünfzehn oder sechzehn Ellen hoch. Schön ist es, dort im Duft des Waldes, bei Stille und Vogelgesang der Welt zu entsagen. Als ich mich endlich auf den Rückweg machte, begegnete ich bald einem Knecht des ehrenwerten Paars auf Brekka, Hákon und Katrín. Er kam zu Pferd und führte ein zweites mit sich, ich war vom Hof aus gesehen worden, wie ich mit meinem Umhang ins Tal vorgedrungen war. Da hatte es noch geregnet, war inzwischen jedoch aufgeklart mit Sonnenschein, Wärme und dem schweren Duft von Vegetation und Wachstum. Das Paar auf Brekka fand es an der Zeit, Bekanntschaft mit dem neuen Pfarrer zu machen, und hatte mir deshalb seinen Knecht gesandt.

Hákon erwartete mich vor dem Haus, ein nicht großer, doch ungemein stark gebauter Mann mit sanften braunen Augen. Ich wunderte mich, doch die Ruhe, die er ausstrahlte, zog mich sogleich in seinen Bann.

 

Als ich im Abendlicht des Augusts 1609 mit zwei Pferden hier eintraf, kannte ich keine Menschenseele, hatte mich aber bei Oddur über Brúnisandur kundig gemacht und bemüht, mir die Namen aller Höfe und Katen einzuprägen, siebzehn an der Zahl. Aus Hólar wusste ich, dass das Paar auf Brekka hohes Ansehen genoss, ihr Grundbesitz und ihre Wirtschaft waren ausgedehnt und in gutem Zustand, wie ich es auch beobachtete, als ich im Zwielicht daran vorbeiritt. Der Reitweg verläuft etwas oberhalb der Hauswiesen, man hat von dort einen guten Überblick. So erkannte ich gleich, dass dort vorbildlich gewirtschaftet und alles mit Sorgfalt, Tüchtigkeit und Geschmack eingerichtet war.

Neben dem Pfarrhof Meyjarhóll und Ás ist Brekka das einzige Gehöft in Brúnisandur, welches kein Pachthof ist und wohl so bald auch keiner wird. Hákons Familie ist länger in seinem Besitz, als Quellen und Zeugnisse zurückreichen. Zu dem Hof gehört viel gutes Land, ebenso ein großer Teil des Sees Ljósavatn und die vorüberfließende Sandá, in denen reichlich Lachse und Forellen schwimmen. Die Wiesen sind gut, werden auch trefflich gepflegt, es gibt ausgedehnte Weiden für Schafe und Sennereien im Hochland. Zu guter Letzt gehört ihnen auch ein reichlicher Teil des Reykjadalurs mitsamt seinem Wald und einer Vielzahl heißer Quellen. Mit Erlaubnis des Ehepaares auf Brekka ziehen viele Einwohner von Brúnisandur mit ihrer Wäsche dorthin oder auch mit körperlichen Gebrechen, um sich in der Sommersonne wie im grässlich kalten Winter der Wohltat des heißen Wassers zu erfreuen, denn nicht einmal die größte Kälte vermag das Wasser abzukühlen, das ohne Unterlass wie ein Segen von Gottes Hand aus der Erde aufsteigt. An einigen Stellen gar derart heiß, dass es Erde und Pflanzen verbrüht und die Berghänge kahl zurücklässt. Wer mit dem Wasser in Berührung kommt, leidet schweren Schaden, doch eignet es sich bestens, um darin Fleisch zu sieden, sodass man davon das schmackhafteste Mahl erhält.

An anderen Stellen ist das Wasser so wohltemperiert, als habe der Allmächtige es gerade zu unserem Wohlbefinden justiert, indem er etwa einen kalten Bach herbeileitet. So ist es besonders bei dem warmen Bad bestellt, das an schönster Stelle im Windschutz eines grünen Hangs vor langer Zeit mit Steinen gestaut und ausgekleidet wurde. Es ist geräumig genug, um fünfzehn ausgewachsenen Männern Platz zu bieten, und an den Rändern gerade so tief, dass man dort so zu sitzen kommt, dass nur der Kopf herausschaut. Viele wähnen sich dort an einem Ort der Glückseligkeit. Die Badestelle ist von denen auf Brekka so angelegt, dass dasselbe Wasser nie lange im Becken verbleibt, sondern durch den Zufluss heißer und kalter Bäche beständig erneuert und niemals unrein wird, nicht einmal, wenn ganze Besatzungen englischer Dogger hineinsteigen mit all ihren Ausdünstungen und Unreinlichkeiten, nackt wie Gott sie schuf. Dann grunzen sie vor Wohlbehagen, vor Begeisterung oder dank des mitgebrachten Bieres oder Schnapses singend und johlend, steigen zu ihrer Belustigung in den heißeren Bach und wälzen sich hinterher zum Abkühlen im Gras, besonders wenn Mägde und unverheiratete Töchter der umliegenden Höfe und Katen gerade zufällig weiter oben am Hang Flechten und Kräuter pflücken oder Beeren sammeln, wiewohl wir gerade Juni und die Beeren noch zwei Monate Zeit bis zur Reife haben … Welche Neugier nacktes Fleisch doch erregen kann! Den Engländern missfällt es keineswegs, diese Zuschauerinnen zu haben. Einige von ihnen laufen, nachdem sie sich im Gras gewälzt, zu ihnen hin, von ihren Leibern steigt noch Dampf auf, als seien sie Teufel, die geradewegs aus der Hölle kämen, und die Weiber springen sodann schreiend und lachend davon, spähen dabei aber wohl zurück, um jenes im Laufen schlenkernden Glieds ansichtig zu werden, das womöglich wächst und anschwillt – worauf sie nur noch mehr kreischen und lachen und auch ihre Röcke anheben, damit sie nicht stolpern. Manche von ihnen laufen gewiss nicht so schnell, wie sie wohl vermöchten, und was soll man dazu sagen …

In dieser alten, schönen und eingefassten warmen Quelle zu baden, ist jedem erlaubt, sei er von hier, ein Reisender, der sich in die Gegend verirrt hat – ja, das kommt vor –, oder seien es ausländische Seeleute, Engländer zumeist, früher auch merklich viele Deutsche und Holländer, von denen aber nicht mehr so viele herkommen, und vereinzelte Male auch … Spanier.

Ich vermeine zu wissen, dass manche, die auf Gewinn aus sind, versucht wären, Einnahmen daraus zu beziehen, wenn sie solche Quellen und ein solches Bad besäßen. Doch wozu sollten wir das tun und mit welcher Berechtigung, fragte Katrín, als ich diesen Gedanken an jenem Tag vor sechs Jahren äußerte, und sie fuhr fort: Das heiße Wasser kommt aus der Erde wie von Gottes Hand, und schwer und irrend muss eine Seele sein, die sich berechtigt fühlt, sich an seinen Gaben zu bereichern.

Abgesehen von Dóróthea waren die Eheleute auf Brekka die Ersten, mit denen ich in Brúnisandur bekannt wurde. Sie empfingen mich mit einer Vornehmheit, die ihnen beiden angeboren ist, so verschieden sie in anderem auch sein mögen. Wie ich bereits schrieb, wurde ich sogleich von der Ruhe eingenommen, die von Hákon ausgeht und den günstigsten Einfluss auf alle und alles in seiner Nähe hat. Von Anbeginn an fühlte ich, dass er ein Mann war, mit dem ich gern nähere Bekanntschaft schlösse. Durch Halldóra und Guðbrandur wusste ich auch, dass beide Interesse am Wissen früherer Zeiten hegten und Guðbrandur in seiner umfangreichen Verlegertätigkeit unterstützt hatten, indem sie fast alle Bücher erwarben, die er drucken ließ, letztens erst sein Vísnabók, für das man ihm kaum genug danken kann. Dunkel wäre es über Island, und der Böse fände leichteren Zutritt, wenn wir Bischof Guðbrandur Þorláksson nicht hätten.

Nachdem Hákon und ich einander begrüßt, er mich willkommen geheißen und wir uns eine Weile unterhalten hatten, trat auch seine Gattin, Katrín Jónsdóttir, aus dem Haus, und das schien mir alles zu ändern. Sie grüßte mich mit einem warmen Lächeln und sah mir direkt in die Augen. Sie war etwas größer als ihr Mann, hatte üppiges, schönes, rotes Haar, hielt sich mit einer Würde, als sei sie königlicher Abstammung, und besaß eine Anmut, von der man unmöglich nicht angetan sein konnte.

 

Es trifft nicht ganz zu, dass die Eheleute auf Brekka nach Dóróthea die Ersten waren, die ich kennenlernte, denn zu der Zeit hatte mich der gute Jósep bereits zweimal aufgesucht und mir die Kirche gezeigt, die er zusammen mit seinem Vater und dessen Vater eigenhändig erbaut hatte. Beide Male blieb er für eine Weile, setzte sich zu mir oder eher oberhalb in meinen Windschatten; er war ein wenig neugierig. Besah sich alles genau, fragte mich nach Verschiedenem, wollte ein wenig plaudern, der Jósep. Und mich natürlich auf die Probe stellen und herausfinden, was für einer ich wohl sei und ob er mir seine Kirche anvertrauen könne. Bestimmt hatte er schon dies und jenes gehört, denn Jósep bekommt alles mit und ist in ständiger Sorge, dass andere nicht ebenso fromm und unerschütterlich fest im Glauben sein könnten wie er. Jósep ist ein ernsthafter Mann, streng, abgesehen von Hákon und Katrín der Einflussreichste von allen hier auf dem Sand, er besitzt das Ohr des Sýslumaðurs, des Amtmanns, der im Bezirk auch Polizist und Richter in einer Person ist, und ist ein enger Freund von Séra Reynir auf Ögur. Zuweilen schickt er Bischof Oddur einen Brief, wenn er der Meinung ist, ich sei in meinem Verhalten zu lax. Wenn er es für besonders wichtig hält, schreibt er sogar Guðbrandur. Es sind schon viele Briefe geworden, nicht weniger als ein Dutzend, möchte ich glauben. Er setzt sie auf, wenn ich seiner Meinung nach in meinen Predigten nicht glaubensstreng genug bin, die Gemeinde nicht ausreichend geißele und einschüchtere, denn Satan versucht den Menschen gewisslich, lockt ihn stets auf Abwege, und der Mensch ist seiner Natur nach wankelmütig. Ich weiß wohl, dass ich zuweilen strenger, härter sein sollte. Ich drohe nicht genug, wäge zu sehr ab. Deswegen hat auch Guðbrandur selbst mich schon unter vier Augen ermahnt, und ich habe darauf etwas erwidert, leider, hätte es besser unterlassen, auf ihn gehört und mich dem gebeugt, dem ich mich zu beugen habe. Ja, es müssten an die zwölf Briefe sein, die Jósep an Oddur geschrieben hat. Das Briefeschreiben ist eine gute Sache, du bist ganz bei dir, während du es tust, vielleicht fällt dir etwas Außergewöhnliches ein, und du übst dich darin, deine Gedanken in fest geformte Sätze zu fassen. Sei dem Jósep nicht gram, hat Oddur mir geschrieben, und das werde ich auch niemals.

Doch vielleicht ein klein wenig gemein zu ihm.

Was Gott mir hoffentlich verzeihen wird.

Lieben oder züchtigen; da sitzt der Zweifel

Was bezweckt der Pastor nun damit, fragte Dóróthea, als ich ihr eben vorlas, was ich geschrieben hatte.

Eine Antwort erwartete sie nicht, kennt mich besser. Hieß mich darum, weiterzuschreiben und die Feder diktieren zu lassen. Überlasse ihr das Denken und das Entscheiden.

Was ich selbstredend tue.

Bleibe allerdings auf der Hut, sobald es um Katrín geht. Dann fürchte ich mich vor dem, was sie aussprechen und aufwühlen könnte.

Zudem habe ich mich nicht hingesetzt, um über Katrín zu schreiben, der Gedanke stand mir fern. Gut möglich, dass mich überhaupt kein Gedanke zum Schreiben veranlasste, sondern vielmehr die Furcht vor den Ereignissen, die bereits drohend über uns schweben, denn die Schwerter sind geschliffen, und die Finsternis naht.

Ich bin, Liebes, wie gelähmt vor Furcht. Und taste deshalb so vorsichtig umher.