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Werte, Lebensweise und Philosophie der Liebesgeneration, Blumenkinder, Hippies oder psychedelischen Evolution. Eine zusammenhängende Darstellung einer vielfältigen Bewegung in der Hippiezeit von 1964 bis 1967.
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Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2015
Hippiephilosophie
© John C. Mileahed 2014, 2015
erste vollständige Auflage
Impressum
© John C. Mileahed 2014, 2015
Verfasser: John C. Mileahed
Umschlagsgestaltung u. Bilder: John C. Mileahed
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback:
978-3-7323-6022-2
ISBN Hardcover:
978-3-7323-6023-9
ISBN e-Book:
978-3-7323-6024-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiographie, detaillierte biographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel A: Inhaltsvorschau
Kapitel G: Grundwerte der Hippiephilosophie
Gliederung
(1) Formen, Normen und Konventionen auflösen. Individualität
(2) Übersetzung mystisch beschriebener Inhalte in soziale und psychologische
(3) Spiele der Gesellschaft („games of society”)
(4) Auslöser und Beschleuniger des Wandels
(5) Wandel des Zwischenmenschlichen -
(6) Liebe
(7) Gewaltlosigkeit. Positive Einstellung
(8) Lebensbejahung statt strenger Lehren,
(9) Treibenlassen („drift”)
(10) Alle sind eins
(11) Mach dein Ding & überwind dein Ego
(12) „Der Weg ist das Ziel”
(13) Freiheit
(14) Schamanen
Kapitel E: Hippiesakramente LSD und Hanf.
Kapitel F: Politische Ideologie und Dogmatik überwinden, um Hippie zu werden
Kapitel J: Liebe und Sexualität
Kapitel I: Die Liebesgeneration “The Love Generation”
Kapitel K: Nachspann
„Wovon leben?” „Was tun?”
Literaturhinweise
Kapitel A: Inhaltsvorschau
Sollten dargestellte Werte der Hippiezeit 1964 bis 1967 besser oder idyllischer geraten, als es im wirklichen Leben war, umso besser, dann wird Fortschritt angeregt. ^^
A Übersicht (du steckst grad mittendrin!)
B Vorwort (bla)
- C (literarischer Vorspann) und D enteilen als Kondensationskerne künftiger Bücher gerade dem Schwerefeld dieses Buches
G Beschreibung der Hippiephilosophie und Vergleich mit Vorläufern
(1) Formen, Normen und Konventionen auflösen. Individualität
(2) Übersetzung mystisch beschriebener Inhalte in soziale und psychologische
(2 a) Ein Totenbuch wird zur Beschreibung von Meditation und Trip
(2 b) Vergleich Mystik und Philosophie
(2 c) karmische Spiele werden zu Spielen der Gesellschaft
(3) Spiele der Gesellschaft („games of society”)
(3 a) Spielchen überwinden „no game playing” -> neue Lebensweisen
(3 b) Spielchen überwinden „no game playing” -> neue Gemeinschaften
(3 c) Spielchen überwinden „no game playing” -> neue Beziehungsformen zwischen Mann und Frau
(4) Auslöser und Beschleuniger des Wandels
(5) Wandel des Zwischenmenschlichen - Geselliges Leben statt einsiedelnde Suche
(6) Liebe
(7) Gewaltlosigkeit. Positive Einstellung.
(8) Lebensbejahung statt strenger Lehren, Theorie -> reales Leben
(9) Treibenlassen
(a) Festivals
(b) Reisen
(c) Acid and Weed. Trips und Gras.
(d) Musik
(e) Treibenlassen bei Liebe und Sex
(f) Zahlreiche spirituelle und philosophische Strömungen halfen den Suchern, Antworten zu finden.
(10) Alle sind eins
(11) Mach dein Ding & überwind dein Ego - Do your thing & overcome your ego
(12) „Der Weg ist das Ziel”
(13) Freiheit
(14) Schamanen
E Kapitel über die beiden Hippiesakramente LSD und Hanf
F Politische Ideologie und Dogmatik überwinden, um Hippie zu werden
- Kapitel H hat sich in eine Oortsche Wolke außerhalb des Sonnensystems dieses Buches abgesetzt
J Kapitel Liebe und Sexualität
I Kapitel „Die Liebesgeneration“ („The Love Generation”)
K Nachspann „Wovon leben?” „Was tun?”
Ziel ist es, alle für eine funktionierende kreative Gemeinschaft nötigen Werte zu benennen und den nötigen Zusammenhang herzustellen.
So ließe sich jederzeit eine Hippiebewegung neu begründen.
«Understanding the hippie phenomenon is the key to laying the groundwork for the new movement. As we examine various aspects of the hippy movement, keep in mind that the influence of these aspects is ongoing. Like a stone tossed into a pond, the big splash is followed by ripples that spread through society over time.
It’s my contention that the impact of the hippies was so great, that now, almost two generations later, we are still integrating it into our collective psyche.» (Hippies from A to Z, p 9)
Die ausgelösten Wellen laufen weiter, ziehen immer größere Kreise. Wie bei einer Religion wird die Wirkung der Hippies mit der Zeit weiter wachsen. Entscheidend ist, das Hippiephänomen zu verstehen, so wie es war, deformierende Verdrängung unbequemer Werte durch machthabende Ideologie zu überwinden.
«But I hope it will also serve as a catalyst for others to explore further the influence of hippies upon society and help lay the foundation for the new hippy movements to come.» (Hippies from A to Z, p 10)
Dazu möge dieses Buch einen Beitrag leisten.
Danksagung:
Ich danke Schneewittchen und Freigeist für das Prüflesen einiger Buchkapitel. Ihre Rückmeldungen haben mir sehr geholfen.
Kapitel G: Grundwerte der Hippiephilosophie
«The key to growth is the introduction of higher dimensions of consciousness into our awareness» (Lao Tzu)
Auf zwei Wegen können wir uns dem Thema „Werte und Philosophie der Hippies” nähern. Der eine ist behutsame Entwicklung der Gedanken, die aus dem Nichts oder geringer Voraussetzung nachvollziehbar eine geistige Welt aufbaut, wie in einem Gespräch mit Fremden. Für manche Leser ist dies der Königsweg; so erschließt sich ihnen Neues. Ein Gedanke baut auf dem anderen auf; nie wird etwas unbekanntes vorausgesetzt. Zum Lernen ist dies der natürliche Ablauf.
Anderen Lesern mit mehr Kenntnis des Themas ist dieser Weg langweilig, weil viel Bekanntes wiederholt wird. Mein Anliegen ist nicht, zu schreiben, was bekannt ist, sondern herauszuarbeiten, was vergessen und verdrängt ist, oder selten jemand, teils noch niemand, dargelegt hat: Je neuer, desto besser. Allmähliche Näherung an das Thema rückt die aus logischen Gründen zentrale Fragen, mit denen dieses Kapitel beginnen müßte: „Warum Hippiephilosophie?”, „Was ist Hippiephilosophie?” vom Anfang, der ersten Textzeile, irgendwo inmitten des Kapitels. Der Schritt vom Bekannten zum Unbekannten verdrängt die der Sache innewohnende Struktur; Übersicht und Ähnlichkeiten gehen verloren, oder ergeben langweilige Wiederholungen im Text.
Kundigen Lesern entspräche eine sachliche Gliederung, die Übersicht schafft, ähnliche Beschaffenheit nebeneinanderstellt, Vergleiche und gezielten Sprung zu Einzelfragen fördert. Für längere Beschäftigung mit dem Thema ist dies besser; ebenso läßt sich neue Information einfacher einarbeiten; aus Sicht der Ergänzbarkeit um neue Fakten ist dies der „natürlichere” Weg.
Dieses Buch bemüht sich, von beidem etwas zu bieten. Hoffen wir, es wird statt „nichts Halbes und nichts Ganzes” eher eine Vielfalt, aus der sich das Ganze ergibt. ;-) In diesem Sinne kommen wir zur Einführung. Im nächsten Teil des Kapitels folgt die Gliederung, mit der eine Systematik der Gedanken entsteht, wie ich sie nirgends fand, anhand von Quellen, eigener Erfahrung und Nachdenken selbst herausgearbeitet habe. Ebenso sind manche Argumentation (besonders in Kapitel J und F) und verdeutlichte Zusammenhänge ein Ergebnis meiner Beschäftigung mit dem Thema.
Viele wichtige Leitsätze unseres Lebens entstammen der Hippiephilosophie, meist ohne daß uns dies bewußt ist. „Sei Du selbst.” (Be yourself) „Nimm es locker.” (Be cool) „Mach Dein Ding.” oder „Geh deinen Weg.” (Do your thing) „Leb nicht nach den Regeln anderer.” (overcoming „games of society”)
Dies könnte eine Erfolgsmeldung sein und Beschäftigung mit dem Ursprung und Zusammenhang der Werte weniger vordringlich, wenn nicht die Gesellschaft von heute stressender, genormter und kommerzieller wäre als in den 1960ern, als Hippiephilosophie als Werkzeug der Befreiung aus Streß, Norm, Kommerz und anderen Verirrungen der technischen Zivilisation, aber auch als Ausweg aus vielen anderen Problemen entstand, die den Menschen seit Urzeiten in Glück und Freiheit beschränken. Der Zusammenhang dieser Werte ist weitgehend vergessen, ebenso die Methoden, als deren Teil sie erst sinnvoll nutzbar sind. Zum Überfluß ist der ursprüngliche Sinn der Ideensplitter auch noch meist entstellt. Sie werden vielfach so egoistisch benutzt, daß es einem Blumenkind wehtut.
Viele meinen, frei zu sein, obwohl sie in unzähligen verinnerlichten Normen gefangen sind. „Ich tu doch was ich will”, „Ich leb doch wie ich mag” werden sie sagen, innerlich aber oft tief unzufrieden sein mit ihrem Ich und ihrem Leben. Bereits ihr Ich, ihr Ego steht ihnen selbst im Wege; ihr vermeintlich freigewähltes Leben ergibt sich aus Normen, Zwängen, äußeren Umständen und ihren eigenen Entscheidungen, mehr von Ängsten geprägt, wie der um die Zukunft, als dem Bedarf ihrer Seele. Außerdem sind viele Menschen heute zutiefst indoktriniert, siehe Kapitel J und F.
Hippies stellten dieses Ich in Frage, schmolzen das Ego ab, es zu verändern, mehr Verbundenheit, Liebe und Glück zu erreichen. Um dies tun zu können, mußten zunächst die Normen, Kategorien und Tabus der Gesellschaft abgelegt werden, denn ein freier Zustand kann innerhalb von Zwängen nicht entstehen. Wer sich selbst „schwächt”, solange er unter Druck steht, handelt wie jemand, der in Krieg und Gefecht Waffe und Schutzanzug ablegt, aber weiter am Gefecht teilnimmt - und sich damit zerstört. Daher steht Verlassen des Schlachtfeldes, das unser Leben in Wettbewerb und sozialem Druck in übetragenen Sinne ist, ganz am Anfang. Beend den Krieg der Konkurrenz, schließ Frieden.
Nachdem die Formen, Kategorien und Tabus abgelegt wurden, sind Wettbewerb, Konkurrenz, ob um Geld, Ansehen, soziale Achtung, Balz um Partner, und viele andere mehr, aufzugeben. Dies nannten Hippies „Spiele”, „Spielchen”, oder „Spiele der Gesellschaft”. Unser eigenes Handeln und Streben war Teil solcher Spielchen, mit denen wir uns selbst versklavten, bis wir sie erkennen und aufgeben. Nun ist das Ich erst frei, sich selbst zu befragen, zu verändern; jetzt kann das Ego abgeschmolzen werden.
Ein vereinzeltes, geändertes Ich ergibt noch kein glückliches Gesellschaftsleben: es braucht andere, die mitmachen, dieses Leben mit dir teilen. Nächster Schritt ist daher, solches Gemeinschaftsleben mit anderen Suchern aufzubauen. Erst danach kann die Beziehung zur Normgesellschaft abgebrochen werden, in den Worten von Timothy Leary: „Turn on, tune in, drop out.”
Die ersten Schritte das Verlassen von Normen und Spielchens, gehören zur Phase des „Turn on”. Das ist ein bißchen vereinfacht dargestellt, denn um ein „Turn on” erleben zu können, muß man sich ja innerlich bereits in mehrfacher Hinsicht losgesagt haben, was einem inneren „drop out” entspräche. Aufgeben der Normen war ja Voraussetzung für den Ausstieg aus „Spielchen”. Die zweite Stufe der Gemeinschaftsbildung ist das „tune in”. Lebt man glücklich als Blumenkind, soll erst das äußere, vollständige „drop out” erfolgen; die Krücke darf erst wegwerfen, wer sicher ohne sie gehen kann.
Dies war ein grober Abriß der Befreiung, wie sie Hippies entwickelt haben. Hippiewerte können ganz natürlich aus dem Leben selbst gefolgert werden, aus der Tatsache, daß wir leben, und Leben unser kostbarstes und einzig unersetzliches Gut ist. Das habe ich im Kapitel über Liebe und Sexualität ausführlich getan und mag es hier nicht wiederholen.
Grundlegende Werte dabei sind Liebe, Gewaltlosigkeit und Anteilnahme, und zwar für alle Menschen, alles Leben, ohne Einschränkung. (Kategorien, mit denen Liebe und Anteilnahme oft eingeschränkt werden, hatten die Hippies ja abgelegt - siehe oben.) Liebe, Gewaltlosigkeit und Anteilnahme gelten nicht nur für alle Menschen, darüber hinaus alles Leben, Erde und die Welt an sich, sondern auch in allen Lebensbereichen. Ausdrücklich eingeschlossen sind Verzicht auf psychische Gewalt oder Druck. Anteilnahme hat viele Formen, auch aktives Einsetzen und Helfen. Liebe gilt umfassend, in vielerlei Hinsicht, auch der sinnlichen. Gewaltlosigkeit gilt umfassend.
Für den Einstieg mag das reichen. Zu viele Einzelheiten würden hier verwirren, Zusammenhänge und Struktur des Gedankengebäudes verschleiern. Auch fehlt es an Belegen. Dies habe ich euch erzählt. Na und? Jeder vermag etwas anderes zu erzählen. Woher weißt du, ob meine Darstellung gilt? Nur Originalquellen können das beweisen. Wie andere Kapitel nachweisen, sind sogar Zeitzeugen keine Garantie für eine richtige Darstellung. Erarbeiten wir also alles richtig anhand originaler Stimmen. Vergiß meine Einführung. Wie Wittgenstein in seinem berühmten Traktat, zum Ärger mancher Leser, nach dem Entwickeln seiner Philosophie im letzten Abschnitt sinngemäß schrieb: „Dies war nur eine Leiter. Nachdem Du, liebe Leserin und lieber Leser, so weit emporgestiegen seid, könnt ihr die Leiter wegwerfen.”
Gliederung
Warum Hippiephilosophie?
Die Hippiephilosophie ist positiv und voller Liebe, etwas, das in unsrer Welt schmerzlich fehlt.
«We must spread the word, because so much of the hippy philosophy is positive and loving, something sorely lacking in today’s world. Many people find the hippie message of freedom, tolerance, love and peace a threat to the status quo.» (Skip Stone, Hippies from A to Z, p9)
Freiheit und Toleranz sind Eigenschaften, die von Dir ausgehen sollten; die Welt ist voller Ideologien, die für sich Toleranz und die Freiheit fordern, die Freiheit anderer intolerant zu unterdrücken. Die Botschaft von positiver Einstellung, Liebe, Freiheit und Toleranz gilt es zu verbreiten.
Hippiephilosophie zu entwickeln und verbreiten war Aufgabe der vom Soziologen Yablonsky genannten geistigen Oberschicht der „Hohepriester”:
«Work is also part of the high priest’s daily existence. It may simply be the work of role-modeling… They interprete and analyze hippie philosophy. They interact with other learned men, teaching them and learning about their views.» (The Hippie Trip, kurz: [THT] p 30)
Die ursprünglichen Werte und ihr Zusammenhang sind weitgehend verschollen. Wer sie versteht, die Arbeit der Hippiepriester - Analyse, Deutung, Lehre und Rollenformung - auszuführen vermag, hat die Aufgabe und Pflicht, dies zu tun, die Fackel hochzuhalten, damit eine neue Generation Blumenkinder sie aufgreifen und das verheißene bessere Leben erreichen kann.
Was kennzeichnet Hippiephilosophie?
Grundwerte wie umfassende Liebe, Gewaltlosigkeit, Überwindung von Spielchen, Normen und Gegensätzen, Änderung von Selbst und Bewußtsein. Daraus ergibt sich eine Zeitspanne von 1964 (dem Erscheinen von The Psychedelic Experience von Timothy Leary, Ralph Metzner und Richard Alpert, heute bekannt als Ram Dass) bis 1967 (als Yablonsky seine soziologische Untersuchung The Hippie Trip schrieb, erschienen Januar 1968). Vorher und nachher galten diese Werte nicht als Grundlage von Leben und Denken. 1968 wurden sie sehr rasch sehr heftig verletzt.
Ken Kesey hat selbst von sich gesagt, er sei „zu jung, um ein Beatnik zu sein, aber zu alt für einen Hippie”. Mit Neil Cassady, einem Beatnik aus Kerouacs „On the Road”, der 1964 zeitweise den Bus der „Merry Pranksters” bei ihrer berühmten Fahrt durch die USA fuhr, stand die Gruppe zwischen den Beats und den Hippies, die viel von ihnen übernahmen: bunt bemalte Busse, Stroboskope, Acid-Test-Konzerte. Ihre legendäre Busfahrt zeigte 1964 den Augenblick des Übergangs von Beatnik- zu Hippielementen. 1968 fand in vielen westlichen Ländern die bekannte „Studentenrevolution” statt. Ein Vergleich der Grundwerte wird zeigen, daß damit die Hippiezeit beendet ist, wenn wir die ursprünglichen Werte als Grundlage nehmen. Für mich sind Hippies Menschen, die jene Werte teilen, die sich in den Originalquellen der Zeit ausdrücken. Diese Quellen sind verläßlicher als spätere Äußerung von Zeitzeugen, da diese ihre Ansichten in der Zwischenzeit oft stark verändert hatten.
«What legacies has the hippie experience left on the American scene? At the worst, we may inherit from the three years of excitement and youthful promise merely a shift in forms of commercial exploitation.» ([VfTLG], Deborah & Leonard Wolf, Voices From The Love Generation, S. 269)
Quellen der Zeit (Januar 1968) fassen die Hippieära zeitlich genauso: drei Jahre, endend im Winter 1967/68.
«The emotional climate of the street is gray, with the promise of grayer to come. After an autumn made turbulent by police raids, the Haight-Ashbury is now, in midwinter (January 1968), unrecognizable as the same place that gleamed and glistened with the promise of love and hope in the spring of 1967. The new look of the Haight may
be encapsuled in one word: tougher. The kids are tougher, the kicks are tougher and the problems are tougher.» (VfTLG, S. 267)
Auch musikalisch wird 1964 als der Anfang empfunden.
«Maggie: ‘Yeah, and I watched the hippie thing start… Joan Baez was already very in. He started singing his folk music, his city folk music – [the themes were] current, which was something strange in itself, because it was Right Now, instead of Awhile Back.’
‘So you think that 1964 was the first stirrings of the hippie [movement]?’
Maggie: ‘Yeah’» (VfTLG, S. 85)
Warum (etwas so „trockenes” wie) Philosophie?
Es gilt, Werte nicht nur aufzuzählen, sondern ihren Zusammenhang zu verstehen, das aus ihnen errichtete Denkgebäude, also Philosophie. Wichtig ist, wie es funktionierte, in Leben und Praxis umgesetzt wurde, und worin es sich von anderen Philosophien unterscheidet. Dies wollen wir in der Gliederung aus den Zeitdokumenten erschließen.
Philosophische Fragen waren für viele Hippies auch ein wichtiger Ausgangspunkt.
«I heard the scenes of a sophisticated philosophy based on scholarly study and meditation that would conceivably extricate twentieth-century man from the spiritual ravages of the Great Society, overkill, and the super-mechanical world.» (THT p 22)
Zu dieser Szene und dem Zitat gehört auch das Thema Sexualität (in einem folgenden Kapitel). Verschiedene Quellen unterstreichen das hohe geistige Niveau.
«There, thousands of similar minded young people sat up all night discussing metaphysics, the illusory nature of the ‚straight’ world, and the coming revolution in American consciousness and politics we all felt was coming. Here in this self dubbed ‚Himalayas of the New World,’ midnight oil burned in mountain cabins and attic apartments of the town below.» (http://www.alternet.org/drugs/133256/skinny_dipping_in_reality%3A_the_great_hippy_lsd_enlightenment_search_party/)
Weit mehr als „akademische” Philosophie waren am Wandel eine bunte Vielfalt an Formen der Literatur, des Geistes und alle Lebensbereiche synästhetisch (->LSD) beteiligt. Psychologen wie Freud oder Jung, Schriftsteller wie Hesse, Huxley, Kerouac und viele andere gaben ebenso Anstöße wie fernöstliche oder örtliche, z.B. indianische Überlieferung.
«Most of the hippies I hung with in Boulder followed the contemporary literary scene, had read Hesse, Joyce and Mann, Hobbes, Faulkner, Freud, Jung, Huxley, and had a passing knowledge of such things as Zen and Sufism. Not to mention an expanded consciousness.» (http://www.alternet.org/drugs/-133256/skinny_dipping_in_reality%3A_the_great_hippy_lsd_-enlightenment_search_party/)
Ständiger Wandel und innere Entwicklung sind selbst ein Ziel. „Der Weg ist das Ziel” wußte bereits der Zen. Der Weg der Blumenkinder verheißt Befreiung und Glück durch Selbstveränderung und Überwinden aller hindernden Norm, was ein ständiger Prozeß des Wandels ist. „Was sich nicht wandelt, ist tot.”
Staunen über die Wunder, unermeßliche Schönheit des Lebens, unschuldig wie ein Kind und zugleich weise wie ein Abgeklärter die Welt sinnlich und anteilnehmend mit jedem Augenblick neu entdecken. Das Leben ist eine Reise. Stillstand widerspräche Reisen und Lebendigsein. Tabus und Verbote werden wie das Ego abgeschmolzen; besonders jene tiefliegenden, derer wir uns kaum bewußt sind, und jene, die uns eingehämmert werden.
Hippiewerte waren und sind Grundlage für dauerndes inneres Wachsen. Teilweise sind sie vergessen, außer Mode, andere verloren Zusammenhang und kreative Neuheit, als sie zur neuen Konvention wurden. Manche sind tabu und verdrängt. Laßt uns die ursprünglichen Hippiewerte untersuchen und verstehen, die so viel raschen wandel ermöglichten, und ihren Zusammenhang wiederherstellen.
Zwischen 1964 und 1967 machten die ‚Hippies’, in ihrer Zeit oft auch ‚Love Generation’, ‚psychedelische Revolution’ und ‚Blumenkinder’ genannt, u.a. die in dieser Übersicht gezeigten Durchbrüche.
Vor die Wahl gestellt, entweder einen durchgehenden Text zu haben, aber ohne inhaltliche Übersicht, weil es zu viele Einzelpunkte gibt, oder eine Übersicht ohne zusammenhängenden Text, habe ich mich je nach Fall verschieden entschieden. Die meisten Punkte sind hier übersichtlicher und nummeriert, aber nicht als durchgehender Text aufgeführt. Dies ist sinnvoll, wenn viele Punkte Ähnlichkeiten aufweisen. In der Gliederung stehen sie nebeneinander, man kann von einem Punkt zum anderen springen; ein Text hätte unnötige Wiederholungen bei weniger Übersichtlichkeit.
Die wichtigsten Fragen erhielten dagegen eigene Kapitel mit durchgehendem Text, weil genaue Argumentation hier viel wichtiger ist als Gliederung und Übersicht. Da es nur wenige Themen sind mit geringer Schnittmenge, entfällt hier das Problem von Ähnlichkeiten und Wiederholungen. Außerdem ist bei neuer oder brisanter Fragestellung leichte Lesbarkeit entscheidend.
Ein gemischter Ansatz hat den Vorteil, daß für jeden etwas dabei ist. Unter den ‚Heads’ von heute stellte ich zuweilen eine geringe Aufmerksamkeitsspanne fest bei Gesprächen. Oft sind sie erst begeistert, bis sie mitten in meinem Gedankengang ermüden. Da tut Abwechslung gut! Nicht gescheut habe ich mich, auch literarische Exkurse einzustreuen.
Je bunter, desto besser! Dies ist ein Hippiebuch! Wenn bunte Stoffe, nach jetziger Mode gerne Knotenbatik, für Blumenkinder stehen, dann auch buntgemischte Texte. Wooow! Schon wieder schlagen meine Sätze Purzelbäume; mitten im Sachthema tanzen die Wörter, und mir entfahren Sätze wie dieser. Schon dräut trockenes Sachbuch. Die Gliederung beginnt.
(1) Formen, Normen und Konventionen auflösen. Individualität
Formen, Normen, Konventionen und Tabus der Gesellschaften wurden abgelehnt und aufgelöst. Sie sollten ersetzt werden durch eine Philosophie der Liebe zu allen Menschen, die niemanden ausschließt und natürlichere Lebensformen. Wichtig zum besseren Verständnis und Vermeiden von Widersprüchen ist es, zu unterscheiden zwischen künstlichen Normen, die aufzulösen sind, und natürlichen Lebensstrukturen, die das Leben bereichern, zu erhalten oder aufzubauen sind.1
«That’s what a tribe is: people that are taking care of each other for real. Who care about each other. Who are mutually responsible for each other. Lovingly. Willingly.» (Lenore Kandel, Voices from the Love Generation, L. & D. Wolf, S. 32-33)
Wichtig ist dabei die Suche nach natürlichem Leben, wie in Stämmen aller Zeiten. Nachdem alle künstlichen Formen der heutigen Gesellschaft aufgelöst wurden, wird ein natürliches Stammesleben aufgenommen, in dem es auf Liebe und Gegenseitigkeit gründende Strukturen gibt, eine bessere Art von Formen. Deshalb suchten die Blumenkinder nach Lehrmeistern in aller Welt von Gurus in Asien bis Schamanen weltweit. Der Weg begann jedoch mit Befreiung von Normen einer künstlichen und voreingenommenen Gesellschaft.
«The Hippy movement was called the counterculture because it rejected the prevailing social norms.» (Skip Stone, Hippies from A to Z)
Normen wurden weniger kämpferisch in der Gesellschaft gebrochen, wie es Rebellen täten, sondern man kehrte der normierten Welt friedfertig den Rücken, frei, positiv und glücklich zu leben, ohne böse Gedanken, die Rebellen hätten. Wie Nelson Mandela sagte (lange nach den Hippies, aber weise Worte in ihrem Geiste):
«As I walked out the door toward the gate that would lead to my freedom, I knew if I didn’t leave my bitterness and hatred behind, I’d still be in prison.» (Nelson Mandela)
Wer zürnt, sucht und findet Streit, hält sich selbst gefangen. (An den Hochschulen haben sich inzwischen Interessensgruppen breitgemacht, die sich auf das Streitsuchen professionell spezialisiert haben.)
Ziel ist, offener zu werden, mehr wahrzunehmen, sich zu ändern.
«We’re an exploring community trying to find what’s the healthiest way. We exemplify change, and the only thing you can do when you come in contact with it is change.» (Ron, VfTLG, S. 230-1)
Mit dem Bewußtsein ändert sich das Leben. Hippies fanden neue Wege, sich aus den Fesseln vorgegebener Normen zu lösen, ein positiver Mensch zu werden, der sich wie andere mit Liebe annimmt, ihr Bewußtsein zu weiten, sich selbst zu finden, so eigene Individualität zu entwickeln. Statt mit Regel und Vorschriften waren sie so mit einer tieferen Realität im Einklang, mit zeitlosen menschlicher Wahrheit.
«Hippie society attempts to be tuned-in to and resonant with a deeper reality, or cosmic consciousness of Man that is the pure framework for all societies.» (THT p 24)
Nicht nur einzelne Hippies, ihre Gemeinschaft selbst sucht nach Einklang mit tieferen Schichten der Wirklichkeit, kosmischem Bewußtsein und allgemeinen Grundlagen aller Gesellschaften. Ideologien und Normen bewirken das Gegenteil.
Anstelle von Regeln trat Individualität. „Mach dein Ding.”
Das war ein weiter Fortschritt gegenüber strengen Gesellschaften mit vielen Regeln. In moderner Zeit drücken zunehmend Ideologien Regeln auf. In Asien waren zur Hippiezeit Regeln noch sehr streng: Großfamilien lebten in einem Raum ohne Privatsphäre, ohne Raum für Individualität; nichts geschah ohne öffentliche Aufsicht; der Freiraum des Individuums war verschwindend gering.
Sich selbst zu suchen ist nur ein erster Schritt; wie wir sehen, gehört zu den Werten der Philosophie auch, das Ego zu überwinden, Egoismus, egozentrische Sicht. Auch das ‚eigene Ding’ sollte nicht ichbezogen bleiben. Aktiver Einsatz für andere folgt aus Werten wie Liebe.
In häretischen Lehren wie dem ‚crazy wisdom’ gab es ähnliche Ansätze, Normen zu brechen, die aber Lehre waren, nicht alle Lebensbereiche durchdrangen und umformten. Regelbrechung geht auch nicht so weit wie das fröhliche Abschmelzen, Überwinden und Vergessen von Normen bei den Hippies. Wer Regeln bricht, bestätigt sie indirekt durch den Akt des Brechens. Hier waren die Hippies weiter.
«Crazy Wisdom was brought to Boulder in early 1971 by Chogyam Trungpa Rinpoche, a remarkable Chinese/Tibetan guru whose confrontational, unpredictable teaching style was smart, and controversial.» (http://www.alternet.org/drugs/133-256/skinny_dipping_in_reality%3A_the_great_hippy_lsd_enlightenment_search_party/)
Völlig formenfrei zu leben war der nächste Schritt; zwar schockierten sie unfreiwillig mit ihrem unbefangenen, freizügigen Leben, aber Blumeninder waren positiv, Prediger der Liebe zu allen Menschen, Leben überhaupt, Erde und All: alle sind eins, eine psychedelische Erfahrung ebenso wie meditative Weisheit. Die Love Generation der psychedelischen Revolution spielte nicht mit Formen, um sie zu brechen, wie die ‚verrückte Weisheit’, sondern ließ Formen unbeachtet hinter sich. Regelverletzer sind noch Teil des Systems. Viel ‚gefährlicher’ sind dem System die, welche es einfach still ignorieren und ohne Konfrontation verlassen.
«Rinpoche was both an enlightened teacher and an intentional charlatan, which if you think about it, is exactly in the spirit of crazy wisdom. He never doubted for a moment that all who came within his presence benefited from the experience. I remember an occasion when he arrived in town dead broke, though already with a couple of followers. ‚The Rinp’ was invited to dinner at the Pygmy Farm, an early commune in Boulder. Upon leaving, Rinpoche gave the commune members a bill for his attendance. Which makes perfect sense when you consider that Crazy Wisdom forces change through confronting convention at every turn and by any means available.» (http://www.alternet.org/drugs/133256/skinny_dipping_in_reality%3A_the_great_hippy_lsd_enlightenment_search_party/)
Die Anregungen fielen auf fruchtbaren, weil regelfreien, Boden. Die meisten bedurften keiner solchen Lehre; Ablehnung aller Formen lag in der Luft.
«a 15-year-old boy from Beverly Hills, California, stated, ‚I couldn’t stand the ideals of society, its customs and traditions.’» (THT p 348)
«I dropped-out because society sucks» (THT p 349)
Die Sprecher der Bewegung hatten mit den Formen der Gesellschaft ebenso gebrochen wie herbeiströmende Jugendliche:
«the high priest is philosophically totally dropped out off the larger society» (THT p 31)
Sie lehnen ihre Gesetze, Politik, Kriege, unnatürlichen Ansichten und Verhaltensweisen zu Sexualität und Erziehung ab. Die Hohenpriester haben sich geistig von der Plastikgesellschaft losgesagt und fördern eine andere Lebensweise.
«They disagree with its laws, its politics, its wars, and its unnatural view and practice of sex, child-rearing, and education. In brief, the high priests spiritually disengaged from the ‘plastic society’ and are fostering another mode of existence.» (THT p 31)
Alle haben eigene, individuelle Gründe, die Gesellschaft abzulehnen, stimmen aber in verblüffend vielen Grundwerten überein, die hier herausgearbeitet werden.
«I don’t dig society.» (THT p 350)
Von einfacher Ablehnung gingen die Begründungen bis zur Beschreibung veralteter Normen und moralischer Widersprüche, die heute, nach 45 Jahren, noch genauso gültig sind:
«To me, dopping-out means to reject the dominant moral, economic and social values of one’s society. I dropped out bcause the values in our society have become obsolete. We are no longer a farming civilization or a society of small independant proprietors. We no longer have such rural institutions as a large and close family structure and a strict rural morality. We are a society with laws against abortion and one million illegal abortions a year, laws against pot and ten million illegal pot-smokers, etc. Our society is simply full of internal contradictions between its values and the reality of what people actually think and do. I am a drop-out because I believe that most of America lives in a world of myths. Forty percent of America is terribly poor and yet we have tried to hide this from ourselves and the world because the dominant American middle class has interests in perpetuating this myth.» (THT p 350 / 351)
Schon 14jährige haben klare Vorstellungen, was sie an der Gesellschaft abstieß und sie außerhalb ihres Elternhauses suchen.
«A 14-year-old girl from Venice, California, says, ‘It helps me tune-in to something else, more meaningful.’ She defines dropping-out as ‘dropping-out of everything that is meaningless in your life!’» (THT p 351)
Blumenkinder hatten viel Gespür, uns meist unbewußte Normung und Hemmung aufzuspüren und aufzulösen (mit den Hippiesakramenten Liebe, LSD und Hanf, Musik und frei treibendem Denken).
«One must be able to be uninhibited and relaxed from certain established modes society has laid out; to love and be loved and turn others on to loving and grooving on the world» (ThT p 359, „a nineteen-year-old girl”)
Zu den Grundwerten gehörten auch Liebe - in allen Formen von sinnlich bis allumfassend, zu jedem Menschen, Lebewesen und der Welt an sich - und natürliche Lebensweise. Viele gaben Wohlstand und geregelte Arbeit auf, suchten ein echteres und natürlicheres Leben. Stämme, Gurus und Schamanen waren Lehrmeister. Suche nach spiritueller Erleuchtung und natürlichem, einfachem Leben ließ Nähe zu einfachen Menschen traditioneller Stämme und urtümlicher Ethnien suchen. Doch damit haben wir einen latenten logischen Widerspruch, denn jene Stämme, Ethnien hatten kulturelle Strukturen, die jedoch natürlicher waren als die Massengesellschaft. Auch Gurus und Schamanen haben Formen. Das Auflösen aller Formen und die Suche nach natürlichem, ursprünglichem Leben passen dann nicht zusammen, wenn diese Formen natürlich sind. Um den Widerspruch aufzulösen, muß zwischen unnatürlichen Regeln und Formen der technischen Zivilisation und natürlichen menschlichen Universalien unterschieden werden.
Natürliche Lebensformen wiederzuentdecken war genauso wichtig wie und nächster Schritt nach dem Auflösen der Formen. Es gilt, die Natur zu schützen, die Natur der Pflanzen, Tiere und Pilze um uns, das Ökosystem des Lebens, das wir sind. Wir sind alle verbunden; wenn ein Teil leidet, dann leiden alle. Anteilnahme ist wesentlicher Teil dieser Erfahrung, aus der menschliche Anteilnahme, aber auch Naturschutz entstand. Aufmerksamkeit und Schutz gilt für äußere Natur wie innere menschliche Natur, auch die der Geschlechter.
Blumenkinder folgten dem Ruf der eigenen Seele, ihrer Eingebung, suchten bei unverdorbenen ursprünglichen Kulturen, Lehrmeistern oder Gurus. Die Dichterin Lenore Kandel, von der die Szene in Haight-Ashbury sagte, sie habe sie lieben gelehrt, berichtete, wie Frauen weibliche und Männer männliche Tätigkeiten wiederentdeckten, die unsere technische Zivilisation ihnen genommen hatte.
«I’ve always dug being a woman. One of the funny trips that’s been going down for a long time is: what’s a man, what’s a woman? We get in a very funny thing in this culture. What are the things that a man does? If a man working as an advertising executive, he doesn’t feel very much a man. he doesn’t feel very much of a man. Or at least I’ve never known one who’s felt very much of a man. So the men are being threatened, and have to go through all sorts of funny trips, » (Lenore Kandel, [VfTLG] Voices from the Love Generation, L. & D. Wolf, S. 34)
Das trifft den Kern, ist fast prophetisch. Männer standen bereits unter Druck, konnten in bürgerlichen Berufen oft wenig Männlichkeit entfalten. So war es bereits in den frühen 1960ern, vor späteren Wellen, die das Problem verschärften. Dies zu überwinden war ein - heute vergessener und verdrängter - Beweggrund der ursprünglichen Hippies. Sie rebellierten gegen eine Gesellschaft, in der Kultur bereits zusammenbrach.
«society isn’t very male-directed, really. Jobs and ways of jobs aren’t very manly. And then they go through this thing of proving their manhood … The culture is crumbling faster and faster… If you don’t want the world you’re pushed into, you have to find another world… The first place that it has to happen is inside.» (Lenore Kandel,VfTLG, 1967, S. 28)
Weiblichere Frauen und männlichere Männer waren das Ziel, ein ursprüngliches, natürliches Leben. Es war der gleiche Antrieb, der die Natur wertschätzen und zu schützen lehrte.
«I’ve known more men coming out of the Haight-Ashbury than I’ve known in a long time.» (Lenore Kandel, 1967, a.a.O.)
In einer Gesellschaft, die Männern starke Bürden und Pflichten auferlegt, rebellierten Jugendliche und versuchten Mitgefühl auszudrücken. Intuitiv ist dem Menschen angeboren, Männer in der Wahrnehmung zu benachteiligen, um so stärker, je tiefer ihr Status ist; Frauen dagegen werden bevorzugt und als hilfsbedürftig wahrgenommen. (siehe: Kultur und Geschlecht) Aus dem Lebensgefühl von Blues und Beatniks schöpften Blumenkinder eine brüderliche und geschwisterliche Wahrnehmung, die sich aus solchen Verbiegungen zu befreien suchte.
«Whenever anyone felt moved, they would sing a verse. Every blues verse about the painful changes women put men through was sung. It became a contest to see who had been most wronged by a woman, and at the same time an affirmation of our maleness that we choose to hassle with women and live to sing about it.» Melville Bishop, Hippie Picaresque: On the Road Meets the Summer of Love, 1967, geschrieben 1969/70 in Berkeley)
Doch auch im Land der Gurus trafen sie auf Streß.
«Harried husbands would often get away from the household to take a break, get advice, or confide. Whoever would turn up was made welcomed to take a seat on the cot.» (Ananda Brady, Ten Years on the Hippie Trail)
Später, im Gefolge des Feminismus ab 1968, ging dieser ursprüngliche Impuls verloren, wurde verdrängt durch Göttinnenmystik und Geschlechterverwirrung der neuen Ideologie.
Verlorenes Stammesleben wurde wiedergefunden, Beziehungen zwischen Menschen und zwischen den Geschlechtern.
«That’s what a tribe is: people that are taking care of each other for real. Who care about each other. Who are mutually responsible for each other. Lovingly. Willingly.» (Lenore Kandel, Voices from the Love Generation, L. & D. Wolf, S. 32-33)
Verlorene gegenseitige Aufgaben aus Stammesgesellschaften wurden mit neuem Blick entdeckt und gelebt. Näheres siehe Deichmohle, „Kultur und Geschlecht”.
Für die Ausbreitung dieser Liebe und Grundwerte habe ich zwei Modelle. Eines ist vage angedeutet in einer Filmkommödie von 1967: Ein Prophet der Hippiewerte schickt Anhänger aus, die Umwelt mit allumfassender (auch sinnlicher!) Liebe zu einem freien Leben zu bekehren. Als 12jähriger träumte ich eine ähnliche Bewegung herbei, baute im Geiste Gruppen und Gemeinschaften auf, die mit Liebe und psychedelischer Musik das Bewußtsein aller veränderten, sinnlich liebend zu ihrer Botschaft bekehrten; nur fand ich in Wirklichkeit leider nichts davon, weder die Menschen noch solches Leben. (Eine späte Wiederaufnahme der Idee ist der Film: „Der Name der Leute” - „The Names of Love” von 2010, nur leider mit ziemlich borniertem politischem Kampf statt Hippiewerten.)
Wenn du fragst, warum Träume erwähnt werden: weil sie Wirklichkeit waren. Viele Kommunen und Wohngemeinschaften fanden Anhänger mit sinnlicher Liebe, sagte der Gründer der Gratisklinik in der Haight-Ashbury in einem Interview, nur leider verächtlich dargestellt nach heutiger Sicht, meist nicht zitierbar. Die Mädchen warben Mitglieder, die Sex mit den Mädchen der Gemeinschaft hatten. «The girls were young, cute and free, an irresistible combination for both hippies and nonhippies.»
Der andere Weg geht von der Erfahrung aus, daß wenige Erleuchtete überfordert sind mit Massen bedürftiger Sucher, denen sie nicht allen persönlich helfen können. Auch kommen grobe, verzerrte Bedürfnisse und Probleme mit den Suchern. Daher hatte ich (im Alter von 16 oder 17 Jahren) die Vision konzentrischer Kreise, oder einer Zwiebel; im Inneren sind die Erleuchteten, die an vertieften Fragen arbeiten. Außen sind Neue und erfahrene ‚Sozialhelfer’. Jeder Ring (jede Zwiebelschicht) hilft der nächstäußeren dabei, sich zum eigenen Stand weiter zu entwickeln. Ganz außen werden Neuankömmlinge betreut. Allmählich lernen sie, nicht nur zu verlangen, Kraft zu ziehen, sondern auch etwas für die außerhalb zu tun, gelangen dabei von Schicht zu Scheibe bis in den inneren Kreis, zur völligen Freiheit. Ohne ein solches Schichtenmodell, glaubte ich, hätten Gelüste, Suff, Drogen und Zänkereien bald eine Mischung aus Asyl und Puff aus der von hohen Idealen getragenen Gemeinschaft gemacht (befürchtete ich). Allerdings hatte ich Zweifel, ob dieses realistische Modell nicht zu formal, schlimmstensfalls sektenhaft wäre. (Fußnote [1])
Wie immer anderen diese Liebe nahegebracht wird, ihre Einsichten sind den Blumenkindern wichtiger als die Gesellschaft; daher steigen sie aus und ermöglichen etwas Neuem zu wachsen.
«I won’t throw away my philosophy to get along with society.» THT p 352)
(2) Übersetzung mystisch beschriebener Inhalte in soziale und psychologische
(2 a) Ein Totenbuch wird zur Beschreibung von Meditation und Trip
Hippies übernahmen Anregungen fernöstlicher Spiritualität, besonders aus Buddhismus und Hinduismus, indem sie mythologische Begriffe in psychologische oder gesellschaftliche Sachverhalte übersetzten. Dieses Vorgehen erläutert ein früher Hippie-Klassiker, „The Psychedelic Experience” von Timothy Leary, Ralph Metzner und Richard Alpert ([TPE]).
Jeder Trip entspricht einem Ichtod; die Rückkehr bei Abklingen pschedelischer Wirkung der Wiedergeburt. Gleiches sollte für eine erfolgreiche Meditation gelten. Oft wurden Meditation, Nachdenken über sich selbst oder die Welt, mit dem Trip als Verstärkung verbunden. Ziel ist es, auf einer höheren Erkenntnisstufe „wiedergeboren” zu werden, also von seiner Reise zurückzukehren, oder einfach neue Erkenntnisse mitzubringen. Entspricht eine Fernreise, die mit Abschied aus dem Alltag beginnt, neue Erfahrungen sammelt, um diese nach Hause zurückzutragen, nicht der Reise nach innen, mit welchen Mitteln auch immer?
Die Einzelheiten dieser Übersetzung mystischer Inhalte in soziale und psychologische werden für die weitere Darstellung der Hippiephilosophie nicht benötigt.
Stellen wir uns Hippiephilosophie als buntes Perlenband vor, das um den Hals getragen werden kann. Eine Gruppe Blumenkinder hockt am Strand unter einem Baum, fädelt Perlen auf und knüpft. Um zu verstehen, wie so eine Kette gefertigt wird, brauchen wir nur zusehen und vielleicht ein paar Perlen selbst einknüpfen. Perlen gibt es genug; sie kommen von weit her, aus allen Richtungen und Ländern. Auch Fäden sind überall erhältlich. Wir brauchen nicht in die Südsee reisen, dort zu tauchen, Muscheln suchen und öffnen; wir brauchen nicht ins ewige Eis, um ein Stück Mammutelfenbein aufzustöbern. Gewiß, unter Wasser am Korallenriff öffnet sich uns eine bunte vielfältige Welt, in der manche am liebsten jahrelang staunend betrachten würden. Aber wer keinen Hang zu Tauchen und Meereswesen hat, dürfte sich langweilen, darüber zu lesen. Die Perle ist gehoben von früheren Suchern, Vorläufern der Blumenkinder, die sie mitbrachten aus Indien, Mexiko, Tibet und vielen Ländern mehr. Wir brauchen nur das Fädeln und Knüpfen lernen. Die Perlen sind Ideen, die aus spirituellen und philosophischen Werken aller Welt aufgelesen wurden. Nun sind sie da. Zweimal auflesen gäbe uns nichts neues. Der Wandel vollzieht sich nun mit Fäden und unseren Fingern. Die Fäden und Knoten entsprechen den Zusammenhängen, die wir knüpfen, und das fertige Halsband der Hippiephilosophie. Dieser Abschnitt (2) zeigt die Methode des Perlentauchens. Wer kein Taucher ist, oder wem die Materie zu trocken ist, mag den Abschnitt überspringen und bei (3) weiterlesen.
«The scholars and observers of China, Tibet, and India went as far as their data allowed them. They lacked the findings of modern science and so their metaphors seem vague and poetic. Yet this does not negate their value.» (TPE p. 20)
Das rationalistische Denken des Westens hatte Krankheitsbilder, nicht die Erfahrungen von Suchern beschrieben. Ganze Lebensbereiche verschlossen sich so der Erkenntnis. Fündig wurden Sucher in östlichen spirituellen Werken. Dieses Wissen trugen „Blumenkinder” in unsere Gesellschaft und entwickelten es weiter.
«In translating such an esoteric text, therefore, there are two steps: one, the rendering of the original text into English; and two, the practical interpretation of the text for its uses.» (TPE p 12-13)
Aus dem tibetanischen Totenbuch wird ein Buch für Lebende, deren Bewußtseinszustände in mystischen Symbolen dargestellt seien. Die mystischen Symbole werden übersetzt in soziale oder psychologische Begriffe unserer Zivilisation. Aus Tod und Wiedergeburt des Körpers wird Abschmelzen und Wiederkehr des Ichs bei Meditation oder einem Trip.
«The esoteric meaning, as it has been interpreted in this manual, is that it is death and rebirth of the ego that is described, not the body.» (Leary, Metzner, Alpert, The Psychedelic Experience, kurz: [TPE] p 12)
So entsteht ein Leitfaden für Selbstveränderung durch „Wiedergeburten” in diesem Leben, die Schritt für Schritt auf eine höhere Stufe führen sollen. (Fußnote[2]: Eine gute Idee und Transformation. Nur fände ich eine nüchterne Darstellung hilfreicher, bei der weniger mystisches durchschimmert.)
Ereignisse, die angeblich nach dem Tode geschehen, werden als Zustände lebender Menschen gedeutet. Nach dem Ichtod geht die innere Reise über drei Zwischenstufen („den drei Bardo”) in eine neue Existenz auf hoffentlich höherer geistigen Stufe.
«Following the Tibetan model then, we distinguish three phases of the psychedelic experience. The first period (Chikhai Bardo) is that of complete transcendence - beyond words, beyond space-time, beyond self. There are no visions, no sense of self, no thoughts. There are only pure awareness and ecstatic freedom from all game involvements. The second lengthy period involves self, or external game reality (Chönyid Bardo) - in sharp exquisite clarity or in the form of hallucinations (karmic apparitions). The final period (Sidpa Bardo) involves the return to routine game reality and the self.» (TPE p 13)
Dabei werden psychedelische Halluzinationen (oder beim Meditieren aufsteigende Visionen) gleichgesetzt mit karmischen Erscheinungen der Mythologie. Was traditionellerweise beschrieben wurde als Erscheinung von Göttern, Dämonen und Reinkarnationen, wird zum Bild aus dem Unterbewußten aufsteigender Kräfte unser selbst.
«(1) Seven Peaceful Deities with their symmetrically opposed ego traps.» (TPE p 39)
Gottheiten und Dämonen, ob wohlwollend oder zornig, werden als psychische Kräfte oder Zustände gedeutet, die sie in der Formensprache der Mystik symbolisieren sollen.
«The aim of this manual is to make available the general outline of the Tibetan book and to translate it into psychedelic English. For this reason we shall not present the detailled sequence of the lamaist hallucinations but, rather, list some apparitions commonly reported by Westerners. Following the Tibetan Thodöl, wie have classified Second Bardo visions into seven types:
1. The Source or Creator Visions
2. The Internal Flow of Archetypal Processes
…
7. ‘The Magic Theatre’» (TPE p 50-51)
Am wichtigsten ist Verarbeitung des aus dem Inneren Aufgestiegenen; in der Mythologie entsprechend der Wiedergeburt. Nur wer versteht und sich ändert, bessert Zustand und Bewußtsein. Entsprechend führt richtiges Verhalten in den drei Bardo nach der Mythologie zu einer Wiedergeburt auf höherer Stufe.
«For the most persons the second (aesthetic or hallucinatory) stage is the longest. For the initiated the first stage of illumination lasts longer. For the unprepared, the heavy game players, those who anxiously cling to their egos, and for those who take the drug in a non-supportive setting, the struggle to regain reality begins early and usually lasts to the end of their session.» (TPE p 13)
Die Sicht des Meditierenden und Erleuchtungssuchers mag anders sein als die des Psychotherapeuten, Selbsttherapeuten oder Sinnsuchers. Zur Behandlung von Problemen und zur Selbstveränderung sind die Phasen veränderter Wahrnehmung von Selbst und Welt wichtig (2.); das Einbringen der Erkenntnis in ein neues verändertes Selbst (3.); Rückkehr in einen anderen Umgang mit den Spielen der Welt ist letzteren oberstes Ziel.
Man könnte es vielleicht so deuten: Dieser Ratgeber von 1964, aus der Anfangszeit der Hippies, fußt noch stark auf Übernahmen aus einer zeitlich wie räumlich entfernten Überlieferung. Er war ein wichtiger Meilenstein der Entwicklung, steht aber am Anfang. Das Gebäude der Hippiephilosophie speiste sich aus solchen Quellen, wuchs aber zu einem neuen Bau. Ganz ähnlich waren die Anregungen nützlich, wie Trip oder Meditation gesteuert werden, aber die Entwicklung ging weiter, mit neuen Wegen der Erfahrung.
(2 b) Vergleich Mystik und Philosophie
Nach hinduistischer Vorstellung mühte sich ein Mensch lebenslang für „gutes Karma”, um nach dem Tod auf einer höheren Bewußtseinsstufe wiedergeboren zu werden. Auch der buddhistische Weg ist einer jahrzehntelanger oder lebenslanger Mühen, gefolgt von Wiedergeburt.
Der Wissenschaft zufolge haben wir nur ein Leben. Was immer Leser glauben: In jedem Fall ist die Entwicklung wesentlich rascher, seit Hippies herausfanden, sich in diesem Leben jederzeit ändern zu können, immer wieder. Jeder Trip, jede Meditation ist ein Ichtod, gefolgt der Wiedergeburt in ein neues, überarbeitetes Ich.
Ablegen von Formen (1) ist eine Vorbedingung für das Abschmelzen des Egos (den Ichtod). Abschmelzen des Egos ist Voraussetzung für Selbsterkenntnis und Wandel in einen reiferen Menschen.
(2 c) karmische Spiele werden zu Spielen der Gesellschaft
Ein wichtiger Wert fernöstlicher Mystik war, die „karmischen Spiele” zu überwinden. Blumenkinder übersetzten das in die „Spiele der Gesellschaft”. („Games of society”)
«‘Games’ are behavioral sequences defined by roles, rules, rituals, goals, strategies,, values, language, characteristic spacetime locations and characteristic patterns of movement. Any behavior not having these nine features is non-game» (TPE p 13, Fußnote)
Diese Definition gründete auf fernöstlichem Denken. Hippies haben die Spielchen später etwas anders und praktischer beschrieben.
(3) Spiele der Gesellschaft („games of society”)
(3 a) Spielchen überwinden „no game playing” -> neue Lebensweisen
Abschaffung aller Formen, Regeln, Normen war eher äußerlich. Tiefer geht das Überwinden von „Spielen”: Wir verändern uns selbst, die Art, wie wir miteinander umgehen, im nächsten Schritt die Beziehungen zwischen uns, und damit die Gemeinschaft. Die Weise, wie wir miteinander umgehen, macht Gesellschaft aus.
Spielchen sind die Art, wie wir uns geben, Rollen und Abläufe, auf die wir uns einlassen oder die wir selbst geschaffen haben. Wir befreien unser Inneres, wenn wir Spielchen aufgeben. Spiele der Gesellschaft sind keine äußeren Normen, die uns nur auferlegt wären, sondern unsere eigenen Handlungen, mit denen wir uns selbst versklaven. Wir selbst haben diese Rollen gebaut; sie sind mehr als verinnerlichte Form. Sie sind unser Strampeln um Erfolg in Arbeit und Freizeit. Den meisten sind diese Spielchen nicht einmal bewußt; sie halten sich für frei in ihrem unfreien Leben als Teil einer unfreien Gesellschaft.
«Und dann das ganze Theater mit diesen Spielchen. Die normale Borniwelt draußen, die alle in irgendwelche Spielchen verwickelt, ja, in ihnen gefangen sind, Spielchen, von deren Existenz sie noch nicht einmal eine Ahnung haben.» (Tom Wolfe, Der Electric Kool-Aid Acid Test, S. 33)
Innere Freiheit entsteht erst, wenn die Spiele aufhören. Denken wir uns einen gefangenen Delphin, der nur sein Aquarium kennt, seine Form. Der Delphin hat gelernt, immer im Quadrat zu schwimmen, weil der Beckenrand jeden Ausbruch verhindert und schmerzhaft macht. Setzt du ihn ins Meer, wird er meist weiter im gewohnten Quadrat schwimmen: die Form hat sich verinnerlicht. Der Delphin weiß nicht, daß er unfrei ist, sich die Welt außerhalb vorenthält: das ist seine Norm. Um im Aquarium zu bestehen, hat er gelernt, zu tun, was ihm Menschen wohlgesonnen macht, und zu meiden, was sie gegen ihn aufbringt. Also wird er dasselbe im Ozean tun: das sind seine Spielchen. So sind wir auch. Männer haben gelernt, sich angepaßt zu verhalten, damit FeministInnen sie nicht in den Knast stecken, sie nicht zum abwesenden Bezahl-Ex, oder als Chauvi beschimpft werden. Genauso bevormundet Feminismus Frauen, läßt sie in vermeintlicher Opferrolle strampeln, schreibt ihnen Ziele, Lebensentwürfe und Gesinnung vor; ideologische Unterdrückung trifft meist beide Seiten. Von anderen Kräften wurde in den 1950ern konditioniert, als McCarthyismus ungewohnte Einfälle als „unamerikanische Umtriebe“ verfolgte. Uns ist das oft nicht einmal bewußt, denn viele sind von Kindheit darin aufgewachsen, halten es für so normal wie der Delphin sein quadratisches Becken und seine Kunststückchen, um Menschen und sich selbst bei Laune zu halten. Geschriebene und ungeschriebene Gesetze sind die Norm; unser Verhalten, Rollenspiel, unsere Art, uns zu geben: das sind die Spielchen der Gesellschaft. Wir wissen nicht einmal, daß es Spielchen sind, aber nur, wenn wir sie vollständig ablegen, können wir uns befreien.
Ziel der Blumenkinder war, alle Spiele zu überwinden. Keiner macht sich oder andern etwas vor.
«Avoid imposing the ego game on the experience… With your ego left behind, your brain can’t go wrong.» (Leary, Metzner, Alpert, TPE p 14)
Gleicher Ansicht waren „einfache Hippies von der Straße“.
«The elimination of ‚game playing’ and the death of the (phony) ‚social ego’ are resonant with the hippie drive» (THT p 312)
Jeder Mensch wird behaupten, „sein Ding zu machen“, aber nur wer sich selbst erkundet und gefunden hat, tut dies wirklich. Die meisten machen, was sie von früher Kindheit an unbewußt gelernt haben, oder was ihre Ideologie ihnen einredet oder nahelegt, werden niemals ihr dem Bewußtsein unzugängliches Potential erkennen. Viele Menschen sind sich der Normen nicht bewußt, die sie antreiben und für ihren eigenen Antrieb, „ihr Ding” halten lassen, was tatsächlich auf Übernommenem fußt.
«That myth is so powerful that the people that are part of that myth are imprisoned, and they don’t know that they’re imprisoned. And you can’t get out of prison until you know that you’re imprisoned. Turning on allows you to see you’re imprisoned.» (VfTLG, S. 230-1)
Das „Do your own thing” der Hippies setzt tiefes Erkennen des wirklichen Selbst voraus.
(3 b) Spielchen überwinden „no game playing” -> neue Gemeinschaften
Brüderlichkeit statt Konkurrenz: Jeder, der diese Werte teilt, wird geschwisterlich empfangen.
Wettbewerb, Status, Moden, die üblichen Antriebe und Abläufe, sind Spiele, die einzustellen vordringliches Ziel ist.
«The cessation of all games is the goal of the psychedelic experience.» (THT p 312)
Eine riesige Last und Zeitaufwand entfällt: Kein Wettbewerb gegen andere, keine Statusspiele. Abschaffung aller Spiele, Regeln, Formen, Gewohnheiten, ermöglichte ganz neue Sozialformen.
«und dann gibt es noch die amorphe Masse hoffnungsloser Fälle. Bis - dort unten eines Tages die Sache mit der Psychedelik losging, hauptsächlich Gras und Acid. Die neue Szene ging los, und mit einem Mal schossen überall…na ja, dufte Leute aus diesem babylonischen Stimengewirr der Stämme. Leute, die wirklich eine Menge draufhatten, nur daß das von all den ewigen Gesellschaftsspielchen, die man sich da geschaffen hatte, erstickt worden war. Und mit einem Mal fanden sie einander.» (Tom Wolfe, Der Electric KOOL-AID Acid Test, S. 409)
Aus dem hoffnungslosen „Normal”zustand entrannen sie durch Ausstieg aus allen „Spielchen” wie Status und Wettbewerb in ein schöneres Leben und bessere Gemeinschaft.
«Ihr Leben transzendiert all die üblichen Spielchen wie Status … Keiner, der einmal das Wasser geteilt und am Nest teilgenommen hat, interessiert sich jemals wieder für derart banalen Wettbewerb.» (Tom Wolfe, Unter Strom, Der Electric Kool-Aid Acid Test, S. 194)
Erst die Lockung von Hippieleben, -werten, -musik, mit fröhlichen Begegnungen und verführerischem Leben ermöglichte es vielen Menschen, sich der Spielchen, deren Teil sie sind, bewußt zu werden; eine Voraussetzung, die derzeit fehlt. Einige haben in Isolation allerdings ein dumpfes Gefühl des Mangels, von erstickenden Abläufen, die sie überrollen:
«Als Mädchen in San Jose, Kalifornien, hatte sie immer das Gefühl gehabt, als hätte man all das, was wirklich sie ausgemacht hatte, unter Schichten und Aberschichten von Spielchen erstickt; Spielchen, die über ihren Kopf hinweg gespielt wurden.» (Tom Wolfe, Der Electric Kool-Aid Acid Test, S. 409)
Die neue Gemeinschaft und Treibenlassen waren Wege, neue Lebensformen zu finden.
(3 c) Spielchen überwinden „no game playing”
-> neue Beziehungsformen zwischen Mann und Frau
Eine besondere und im Leben zentrale Form von Spielchen ist Wettbewerb um Frauen, Geschlechtspartner, Balzen und Buhlen. Neben dem Überlebensinstinkt ist Sexualität tiefste Triebkraft des Lebens. Das sind die grundlegenden und hartnäckigsten Spiele des Lebens, die am meisten Kraft verschleißen. Mann wie Frau mühen sich, etwas aus sich zu machen, um anderen und sich als Mann oder Frau zu gefallen.
Von großer Tragweite war, diese Spielchen abzuschaffen, stattdessen alle geschwisterlich willkommen zu heißen, die ihre Werte teilten. (Ausführlich dargestellt und durch Quellen belegt in Kapitel J: Liebe und Sexualität)
Kein Wettbewerb um Frauen oder Männer. Auch geschlechtlich kein Bemühen um Status, Ansehen, Mode, irgendwas. Kein Neid, keine Eifersucht.
«And there is no jealousy, no hostility, and no up-tightness. Everbody is part of a oneness. It’s a unification.» (THT p 129)
Alle Konkurrenz, Karriere, Moden, alles Beeindrucken verschwinden, und damit die größte Verschwendung von Lebenszeit und Kraft. Dies ist neu, ein erheblicher Fortschritt ohne fernöstliches Analagon. (Fußnote [3] Umso peinlicher, wenn Ausdrucksmittel dieser Werte als Mode verkauft werden) Nicht einmal Eifersucht schafft Gegensätze, Feindschaft, Konkurrenten.
Überwinden von „Spielchen” zwischen den Geschlechtern ermöglichte ganz neue Beziehungsformen zwischen Mann und Frau.
«Free love made the whole love-marriage-sex-baby package obsolete.» (Skip Stone, Hippies from A to Z, p 16)
Diese Spielchen dominierten unser Leben. Um unser wirkliches Selbst zu finden, müssen wir sie abschütteln. Die erstmals verfügbare Empfängnisverhütung und freie Liebe ermöglichten neue Lebensformen, in denen Spielchen entfallen. Die Fassade dieser Spielchen, zu denen auch unsre geschlechtliche Selbstdarstellung gehört, bricht weg, wenn wir uns der Spiele bewußt werden und ohne sie leben. Das können wir uns leisten, wenn wir ohne Spielchen wie Balz und Protzen angenommen werden.
«The whole society’s based on a very egocentric form of game structure. All the games within society are ego games. Of primary importance within this society is the self-image and the image presented to others. It just becomes a very paramount thing in everybody’s life. ..
They grab onto certain concepts of masculinity and femininity which have nothing to do with what’s masculine at all… It’s just a facade. This allows the self, or ego, to dominate feelings and true expressions. So you become not really yourself, but just a kind of a shallow mirror image of some originally false idea. The games would break down if the people became aware that they are games.» (THT p 150)
Fast sämtliche Aktivitäten in der Gesellschaft sind nutzlose Spiele. Dies gilt es zu begreifen und damit aufzuhören.
«A cardinal rule of the new scene is not play ‚ego games’ and to be ‚out front’ and ‚open’ in relating to other people.» (THT p 359)
Egospiele aufzugeben und offen zu sein war Grundregel.
Das Thema bedarf eines eigenen Kapitels „J Liebe und Sexualität.”, in dem die Hippiewerte zu Liebe und Sexualität im Vergleich zu anderen Strömungen und Gesellschaften analysiert werden. Dort wird erklärt und belegt, welchen Stellenwert Balzen unter den Spielen hat und wie es überwunden werden kann.
(4) Auslöser und Beschleuniger des Wandels
Nicht viele können des Ziel durch Meditation allein erreichen. (Nach Timothy Leary schafft dies nur einer unter hunderttausend.) Mit dem Beschleuniger LSD kann es fast jeder schaffen (bei guter Vorbereitung, Betreuung und anschließender Verarbeitung, nicht durch unüberlegtes Einwerfen).
Traumdeutung, Selbstanalyse und Traumsteuern („lucid dreaming”) sind weitere Wege, diesen Prozeß zu unterstützen, die ein gewisses Maß an Wandel ermöglichen.
Das zur Hippiezeit wichtige Thema LSD und Hanf bedarf eines eigenen Kapitels. Siehe Kapitel E „Hippiesakramente”.
(5) Wandel des Zwischenmenschlichen -
Geselliges Leben statt einsiedelnde Suche
