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»Optimismus bedeutet: ein realistischer Blick auf die Herausforderungen – und dann tun, was möglich ist« – Der neue Bestseller von Dirk Steffens. »Ein inspirierender, sehr persönlicher Streifzug.« HÖRZU
Krisen sind gefühlt überall. Aber deshalb den Weltuntergang herbeireden? Kommt für den preisgekrönten Wissenschaftsjournalisten und hoffnungslosen Optimisten Dirk Steffens nicht infrage. Er ist überzeugt: Die Menschheit hat mehr Lösungen als Probleme. In seinem inspirierenden Streifzug durch das, was wir glauben, was wir wissen und was wir können, zeigt er: Gerade in schwierigen Zeiten gibt es zum Optimismus keine vernünftige Alternative. Und: Statt den Kopf in den Sand zu stecken, lieber Blumen in die Zukunft werfen!
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2025
Optimismus ist ein Lebensthema für Dirk Steffens. Der bekannte Wissenschaftsjournalist, Moderator für Natursendungen (GEO, Terra-X), Podcaster (Kettenreaktion) und Autor mehrerer Bestseller zu den Themen Natur und Umwelt hat nicht immer nur mit schönen Bildern und Nachrichten zu tun. Im Gegenteil, er sorgt sich um die Überlebensfähigkeit der Menschheit auf diesem Planeten. Aber deshalb den Kopf in den Sand stecken? Kommt für Dirk Steffens nicht infrage. In diesem Buch begründet er, warum – und was ihm Kraft gibt. Warum Optimismus die einzig vernünftige Möglichkeit ist, auf Krisen zu reagieren. In drei Schritten und anhand inspirierender Beispiele zeigt er, dass allein eine optimistische Haltung und, damit einhergehend, positive Erzählungen uns dazu bringen, Verantwortung anzunehmen, gemeinsam zu handeln und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Denn: Die Zukunft wird so sein, wie wir heute über sie sprechen.
Dirk Steffens ist einer der bekanntesten und renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands, spezialisiert auf Umwelt- und Naturthemen. Der Dokumentarfilmer, TV-Moderator und Buchautor arbeitet seit 2022 für die Film- und Print-Redaktionen von GEO. Das gemeinsam mit Fritz Habekuß veröffentlichte Buch Über Leben wurde 2020 ebenso zum Bestseller wie im Folgejahr Projekt Zukunft. Gemeinsam mit Marlene Göring veröffentlichte er zudem Eat it! über den Zusammenhang zwischen Ernährung und Ökologie. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter das Bundesverdienstkreuz, der Heinz Sielmann Ehrenpreis, der Walter-Scheel-Preis, die Goldene Kamera und der Deutsche Fernsehpreis. Die Universität Bayreuth verlieh ihm zudem die Ehrendoktorwürde für Geowissenschaften. 2024 wurde er vom Club der Optimisten als »Optimist des Jahres« ausgezeichnet.
www.penguin-verlag.de
Dirk Steffens
Ein ziemlich wissenschaftlicher Blick in die Zukunft
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Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-33969-2V001
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Für Sabine
»Unser größter Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern immer wieder aufzustehen.«
Nelson Mandela
»Wie nach dem Krieg«, sagt der alte Mann, »da war auch alles kaputt.« Meine Hilfe lehnt er ab, geht ächzend in die Knie, obwohl ihm das offensichtlich wehtut. Dann hockt er krumm auf dem fleckigen Teppich, lächelt gequält. Neben meiner Familie kauert er auf dem schmutzigen Boden vor dem Klo. »Außer Betrieb« verkündet das Schild auf der Tür, das leider zu spät aufgehängt wurde – der umherwabernde Gestank ist einer der Gründe dafür, warum die Stimmung an Bord, nun ja, echt scheiße ist.
Die Kinder weinen. Der Zug ist hoffnungslos überfüllt, das Personal überfordert, die Fahrgäste sind gereizt. Die Aussicht, die Nacht irgendwo auf den Geleisen zu verbringen, wird von einem sarkastischen Witz immer mehr zu einer konkreten Möglichkeit. Verspätet sind wir auch, natürlich. Unser Zug wurde umgeleitet, immerhin eine Gelegenheit, die Geografiekenntnisse der Kinder zu erweitern, allerdings lähmen Hunger und Durst ihr Interesse an unbekannten Städten.
Ab und zu künden verzerrte Durchsagen vom fortschreitenden Verfall: Die Klimaanlage streikt, das Bordbistro ist geschlossen, die Toiletten sind verstopft. Auch die Trassen, auf denen das Zugwrack rollt, sind marode, defekte Signalanlagen, kaputte Weichen und die Verspätungen vorausfahrender Züge verzögern die Weiterfahrt. Das Schreckgespenst namens »Schienenersatzverkehr« spukt umher. »Wir bitten um Ihr Verständnis«, fleht die Stimme aus dem Lautsprecher, als sie auch noch die Schließung der letzten Toilette verkünden muss. Aber dafür ist es zu spät. Verständnislos rumpeln wir und das stinkende Pannenklo weiter durch ein verzweifeltes Land.
Ich fahre die Strecke Hamburg–München regelmäßig, und wenn da was schiefgeht, ist das nur ein kleines Problem für mich, aber ein gewaltiges für das ganze Land. Denn meine Geschichte ist mehr als eine persönliche Anekdote, mit der ich mich auf Partys wohlfeil entrüsten kann. Zustimmung garantiert, ein paar müde Lacher und dann bringt noch jemand einen Bahnwitz, der aber nicht gut ankommt. Haha! Nicht gut ankommt! Sie verstehen?
Hier ist der Haken. Die Anekdote existiert in unzähligen Varianten, weil solche Sachen jeden Tag passieren. Eine Bahnpanne ist inzwischen so alltäglich, dass sie zu einem Running Gag geworden ist, den man gar nicht mehr auserzählen, sondern nur noch andeuten muss, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Wenn ich einen Vortrag halte und mir gerade kein besseres Intro einfällt, sage ich manchmal zum Publikum: »Schön, dass ich da bin, denn damit konnte wirklich niemand rechnen: Es brauchte dafür den Urknall, vier Milliarden Jahre Evolution und einen pünktlichen Zug der Deutschen Bahn.« Nicht besonders originell, zugegeben, aber ein verlässlicher Schmunzler, denn mit hoher Wahrscheinlichkeit sitzen ein paar Bahnkunden im Publikum. Schließlich steigen in Deutschland jeden Tag ungefähr zwanzig Millionen Fahrgäste in irgendeinen Zug. Und sehr, sehr viele davon steigen frustriert wieder aus.
Dann erzählen all diese frustrierten Menschen ihre eigenen kleinen Bahnanekdoten, genauso wie ich es tue. Sie erzählen sie zu Hause bei der Familie, bei der Arbeit, auf einer Party, im Sportverein, in der Pommesbude, im Urlaub, einfach überall. Wenn Millionen Menschen sehr oft und immer wieder sehr ähnliche Geschichten erzählen, ätzt sich die Essenz all dieser Geschichten schließlich als gefühlte Wahrheit ins kollektive Bewusstsein ein. Noch schlimmer wird es, wenn solche Fehlfunktionsberichte nicht nur vom Schienenverkehr, sondern aus vielen Lebensbereichen ins kollektive Narrativ hineinschwappen und die öffentliche Meinung fluten. »Nichts geht mehr« wird schließlich von einem individuellen Erlebnis zu einer allgemeinen Überzeugung. Sogar bei denen, die niemals Bahn fahren.
Nichts geht mehr auf der Schiene, auch nicht im ganzen Land, weil die Straßen löchrig sind, die Brücken brüchig und die Verwaltung ineffizient. Die Schulden wachsen, die Wirtschaft lahmt, die Politik dreht frei, in den Schulen fehlt Klopapier, Land und Welt stehen am Abgrund. So empfinden es derzeit viele Menschen. Ein Schnauze-voll-Gefühl schreit nach Reformen, die, statt schonend mit chirurgischem Besteck, radikal mit der Kettensäge herausschneiden, was uns lähmt. Ganz offensichtlich fragen sich viele Menschen quer durch alle Parteien gerade, was in unserem schönen Vorzeigeland passiert ist, warum gefühlt nichts mehr klappt. In einem Interview mit der Zeit hat der Psychologe und Meinungsforscher Stephan Grünewald das so ausgedrückt: »Wir beobachten bei allen eine große Diskrepanz zwischen einem stetig wachsenden Problemberg und einer ebenso stetig schwindenden Hoffnung, dass die politischen Parteien die Probleme in den Griff bekommen.«
»Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.« Wenn die Hoffnung schwindet, taucht ständig dieses leidige Zitat von Heinrich Heine in Gesprächen auf. Ich habe inzwischen aufgehört mitzuzählen, wie oft ich es pro Monat hören muss. Der Satz hängt bei Diskussionen in der Luft wie ein zäher Furz und erstickt konstruktive Ideen. Sorgenvolle Schlaflosigkeit und panische Angst vorm Niedergang sind keine guten Berater.
Ein bisschen Besonnenheit, ein bisschen entspanntes Nachdenken und genaues Hinsehen wären wahrscheinlich besser, damit wir auf der Flucht vor unseren Sorgen nicht aus Versehen Richtung Abgrund losrennen. Die gesamte Menschheitsgeschichte ist schließlich gespickt mit Momenten, in denen disruptive Änderungswünsche über die Vernunft gesiegt haben. Verzweiflung trieb Suchende immer wieder in die Arme wirrer Propheten, brutaler Diktatoren, gewissenloser Populisten oder naiver Weltverbesserer. Es ist sicher keine Panikmache, Besorgnis darüber zu äußern, ob so etwas in unserer von Polykrisen geschüttelten Jetzt-Welt wieder passieren könnte – oder vielleicht gerade schon passiert. Aber den Untergang bereits als fait accompli, als unumkehrbare Tatsache, zu betrachten, ist in einem Land, in dem wir so frei, so gesund und so wohlhabend wie niemals zuvor leben, dann doch ziemlich idiotisch. Also würzen wir die fade Untergangssuppe doch mal mit ein bisschen Optimismus.
Optimist zu sein, bedeutet nicht, naiv zu sein. Ganz objektiv betrachtet ist es durchaus möglich, dass Deutschlands beste Zeiten vorbei sind, dass sogar die ganze Menschheit sich selbst aus dem Spiel des Lebens nimmt. Klimakrise, Artensterben, Bodenverlust und einige andere Risiken und Nebenwirkungen unserer Zivilisationsgeschichte haben das Potenzial, die menschliche Erfolgsstory abrupt zu beenden. Die verläuft nämlich beunruhigend asynchron: Unsere sozialen Fähigkeiten entwickeln sich deutlich langsamer als unsere technischen. Das im Homo sapiens verbaute Hirnmodell unterscheidet sich in Aufbau und Funktionsweise nicht grundlegend von dem des Neandertalers. Allerdings gehen wir inzwischen nicht mehr mit Keulen, sondern mit Hyperschallraketen aufeinander los. Die Vorstellung, unzivilisierte Typen mit den Instinkten von Höhlenmenschen könnten auf rote Knöpfe drücken, die Atom- und Cyberkriege auslösen, kann auch eigentlich robuste Persönlichkeiten in Angst und Schrecken versetzen.
Homo sapiens könnte in die selbst gegrabenen Gruben fallen. Der Punkt ist: Er könnte. Er muss aber nicht. Um nicht zu fallen, sollte jeder Schritt, den wir Richtung Zukunft machen, wohlgesetzt sein. Unser Blick sollte dabei nicht nur auf den fernen Horizont, sondern auch auf das gerichtet sein, was unmittelbar vor unseren Füßen liegt. Wir müssen auch auf die kleinen Dinge achten. Schließlich stolpern Wanderer nicht über Berge, sondern über einen der vielen Steine, die mitten auf dem Weg liegen.
Soll heißen: Es sind nicht allein die großen, weltanschaulichen und religiösen Fragen, die Kriege und die Wirtschaftskrisen, die den Meinungsbildungsprozess lenken, also verantwortlich dafür sind, was Sie und ich für richtig oder falsch halten. Aus einem Staats- wird noch kein Wutbürger, nur weil er nicht damit einverstanden ist, dass Deutschland zu den Unterzeichnernationen des Pariser Klimaabkommens gehört. Sehr wahrscheinlich prägen kumulative Erfahrungen, also die vielen kleinen Alltagserlebnisse, unsere Überzeugungen, Befürchtungen und Hoffnungen viel stärker als die abstrakten Megathemen, die tagtäglich durch die Newsfeeds, TV-Nachrichten und Talkshows fluten. Da hört man interessiert zu und kann am nächsten Stammtisch vielleicht auch mit dem ein oder anderen Wissensbrocken brillieren. Doch wenn wir in den hellen Momenten unserer Existenz die eigene Kompetenz realistisch beurteilen, müssen wir zugeben: Oft verstehen wir nur Bahnhof, wenn es um die finanzpolitischen Folgen der Klima-Cop-29-Beschlüsse von Baku geht oder um die juristischen Hürden, die das internationale Handelsrecht bei der Verhängung von Sonderzöllen für subventionierte chinesische Photovoltaik-Anlagen aufstellt. Und wer kann schon einschätzen, welchen Einfluss der schwindende Albedo-Effekt des antarktischen Schelfeises auf die Erderwärmung hat und welche klimapolitischen Schlussfolgerungen Deutschland daraus ziehen sollte?
Sehr viele Themen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft übersteigen unseren Horizont. Wir haben nicht wirklich eine Ahnung davon, was die Welt im Innersten zusammenhält, weil zu viele Themen gleichzeitig auf uns einstürzen und viele davon sehr komplex sind. Gleichzeitig müssen wir aber ständig alles Mögliche beurteilen, ständig Stellung beziehen. Wir sollen bei Diskussionen unsere Meinung sagen, die Fragen unserer Kinder beantworten und zur Wahl gehen. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Entscheidungen auf Grundlage der begrenzten Erfahrungen und Erkenntnisse zu treffen, die wir »unser Leben« nennen. Gefühlte Realität, das ist die Summe unserer alltäglichen Erfahrungen. Daraus resultieren viele Fehleinschätzungen, die in der WYSIATI-Regel zusammengefasst sind. What you see is all there is. Den wissenschaftlichen Überbau dazu hat Nobelpreisträger Daniel Kahneman geliefert: Wir urteilen auf der Basis der Ereignisse, die wir sehen respektive kennen, und ignorieren jene, die uns unbekannt sind. Und wenn wir in unserem echten Leben öfter mit verstopften ICE-Toiletten, Staus und Handy-Funklöchern konfrontiert werden, beeinflusst das eben die Ergebnisse der nächsten Bundestagswahl. Das klingt banal und nimmt der Welt auch viel von dem Zauber, den das Mysterium der Macht auf uns ausübt, aber jetzt mal ehrlich: Spiegeln Sie Ihre Wahlentscheidung eher an der makroökonomischen Theorie des Neukeynesianismus oder an der schlichten Frage, wie teuer die Butter im Supermarkt gerade ist?
Genau.
Alltagsfrust prägt unser Denken in nicht unerheblichem Maße, und das ist gefährlich, weil er nur einen zufälligen kleinen Ausschnitt aus der unendlichen Realität erfasst. Wir sollten daher unseren subjektiven Wahrnehmungen und Emotionen misstrauen und sie nicht ungeprüft zur Grundlage unserer Entscheidungen machen. Das kann zu krassen Fehlurteilen führen und die Welt dann auch tatsächlich schlechter machen. In der Soziologie ist das als Thomas-Theorem wohlbekannt: »Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real.« Aus gefühlten Problemen werden echte, etwa wenn Ihnen, nur weil Ihnen einmal ein Fahrrad geklaut worden ist und Sie ab und zu True Crime Podcasts hören, von den manipulativen Algorithmen bei Google, Instagram, TikTok, Facebook, X oder Telegram ständig Meldungen präsentiert werden, die den Eindruck erwecken, unser Land leide unter einer beispiellosen Kriminalitätswelle. Stimmt zwar nicht, seit Anfang der 1990er Jahre ist die Gesamtkriminalität bei uns kontinuierlich gesunken, kann aber zu der ganz realen Konsequenz führen, dass Sie bei der nächsten Wahl für eine Partei stimmen, die unsere Freiheit mit strengeren Gesetzen und mehr Polizei einschränken will.
Unsere Entscheidungen basieren auf den wenigen Fakten, die wir kennen, allein das ist schon sehr limitierend. Aber während wir diese wenigen Fakten beurteilen und zu einem Meinungsbild ausmalen, wird es noch schlimmer. Denn für diesen Vorgang ist ein gewisses Maß an Intelligenz unverzichtbar. Und genau das ist für die meisten von uns ein Problem. Wir halten uns selbst für schlauer und kompetenter, als wir sind. Bitte nicht falsch verstehen: Der Durchschnittsmensch ist tatsächlich erfreulich intelligent. Es gehört aber zu den grundlegenden Erkenntnissen der Sozialpsychologie, dass die Mehrheit der Menschen sich für überdurchschnittlich intelligent hält. Eine Mehrheit, die sich für überdurchschnittlich hält, das ist ein statistischer Treppenwitz, aber Hunderte Studien belegen eine solide, weltweite Tendenz zur Selbstüberschätzung. Unter dem Above-Average-Effekt, auch »eingebildete Überlegenheit« genannt, leiden dabei vor allem Männer. Sie schätzten ihren eigenen IQ bei einer Studie aus dem Jahr 1992 im Durchschnitt um fünf Punkte zu hoch ein. Dieser Effekt wurde seither in zig weiteren Untersuchungen immer wieder bestätigt, die auch zeigen: Die männliche Selbstüberschätzung tritt kulturübergreifend in vielen Ländern auf und zeigt sich bei Personen besonders stark, die besonders maskulin auftreten. Wen wundert’s? Frauen sind insgesamt etwas bescheidener, aber beide Geschlechter sind nicht wirklich gut darin, sich selbst korrekt einzuordnen. Diese wissenschaftliche Erkenntnis mag zwar ernüchternd sein, wer sich selbst jedoch ab und zu zur Bescheidenheit ermahnt und Selbstzweifel nicht verdrängt, sondern zulässt, kann das händeln.
Schwieriger zu verdauen ist die Einsicht, wie vertrackt die Sache mit der Metakognition, also der Selbstbeurteilung, tatsächlich ist. Denn um zu beurteilen, ob ich in irgendetwas begabt bin, muss ich genau darin begabt sein, weil ich sonst gar nicht beurteilen kann, ob ich begabt bin. Bin ich aber unbegabt, fehlen mir die Fähigkeiten, die notwendig sind, um meine Unbegabung zu erkennen, denn dafür müsste ich ja begabt sein, was ziemlich paradox klingt, aber zu dem Schluss führt: Nur wenn ich unbegabt bin, kann ich nicht erkennen, wie unbegabt ich bin, und halte mich deshalb für begabt. Kurz gesagt: Je dümmer, desto selbstbewusster. Das ist der berühmte Dunning-Kruger-Effekt. Ein Selbstbeurteilungs-Bias, den David Dunning und Justin Kruger 1999 wissenschaftlich untersucht haben und dem wir alle in unserem Leben schon begegnet sind. Sei es in Gestalt des völlig untalentierten Chefs, der sich selbst für den Größten hält und absurderweise dank genau dieser Fehleinschätzung Chef geworden ist, oder sei es in Person der sehr talentierten Kollegin, die nie aufgestiegen ist, eben weil sie intelligent genug ist, um ihre eigenen Grenzen zu erkennen, und deshalb an sich zweifelt. »Ich weiß, dass ich nichts weiß«, gilt nicht umsonst als einer der klügsten Sätze der Philosophiegeschichte.
Kognitive Verzerrungen nennt die Psychologie falsche Schlussfolgerungen, die entstehen, wenn persönliche Erlebnisse oder fehlgeleitete Gedankengänge zur Grundlage der eigenen Überzeugungen werden. Wenn man beispielsweise vom Kleinen aufs Große schließt, indem man verspätete Züge als Beweis dafür nimmt, mit Deutschland gehe es ganz allgemein bergab. Wer so was macht, ist kognitiv verzerrt, er denkt nicht logisch, er sitzt einem Irrtum auf. In diesem Beispiel sogar doppelt, weil die Prämisse fragwürdig ist: Wir sind zwar aufgrund unserer persönlichen Erfahrungen, der medialen Berichterstattung und des Volksvergnügens Bahn-Bashing davon überzeugt, die Züge in Deutschland seien so unpünktlich wie nie. Was ja auch stimmt. So apodiktisch und aus dem Kontext gelöst, macht die Aussage aber trotzdem nur bedingt Sinn. Weil Autopendler in Deutschland pro Jahr locker eine ganze Arbeitswoche lang im Stau stehen und Airlines die Start- und Landezeiten ihrer Flieger mit sehr viel Spielraum handhaben, ohne das direkt als Verspätung anzuzeigen, kann man mit Blick auf all diese Verkehrsträger auch durchaus zu dem Schluss gelangen: Die Bahn ist immer noch ganz okay. Wir fühlen das nur nicht, weil sie weniger pünktlich ist als früher. Also schlussfolgern wir falsch. Außerdem sind wir im Auto nicht nur im Stau, sondern mit unserem Auto selbst Teil des Stauproblems, was wir gerne ausblenden. Im Zug hingegen kann man völlig unbeteiligt auf »die Bahn« schimpfen. Das ist einfach und verleitet ebenfalls zum schiefen Urteil.
So was passiert uns leider oft. Der Bias, das systematische Fehlurteil, ist geradezu ein Wesensmerkmal des Homo-nicht-ganz-so-sapiens. Wenn man sich das einmal bewusst gemacht und den Blick für diese tückischen Denkmechanismen geschärft hat, scheint Bescheidenheit beim Urteilen über andere und anderes, ein bisschen vorsichtige Demut anstelle voreiliger Klugscheißerei, dann doch ganz vernünftig zu sein.
Es gibt leider sehr viele Bias, denen wir unterliegen können: Vielleicht wähle ich Informationen unbewusst so aus, dass sie meine eigenen Vorurteile ständig zu bestätigen scheinen (Confirmation Bias). Vielleicht stimme ich einer Meinung nur deshalb zu, weil meine Familie und meine Freunde ihr zustimmen (Conformity Bias). Oder ich übertrage meine Expertise aus einem Bereich, in dem ich mich wirklich gut auskenne, auf andere Themenfelder, wo meine Lösungsansätze dann wenig bis gar keinen Sinn machen (Overconfidence Bias). Diese Form der Selbstüberschätzung ist besonders tückisch: Regelmäßig erreichen mich »Berechnungen«, »Entwürfe« und »Modelle« von Ingenieuren, Ärztinnen oder anderen Experten, die erfolgreich und seriös in ihren eigentlichen Berufen arbeiten, sich aber völlig verrennen, wenn sie versuchen zu beweisen, wieso die Klimakrise gar nicht existiert. Oder aber sie präsentieren eine »Erfindung«, die »das mit dem Klima« reparieren könne. Wir sollten aber nicht allzu streng über den Überschätzungsirrtum anderer urteilen, denn mal Hand aufs Herz: Schlau in einem Bereich und dumm in einem anderen – das trifft eigentlich auf uns alle zu, oder? Also besser nicht allzu nassforsch rumschwadronieren.
So wie der berüchtigte Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi. In seinen aktiven Zeiten war er wahrscheinlich ein ordentlicher Wissenschaftler, vielleicht sogar ein richtig guter. Möglich. Aber als er nach seiner Pensionierung Bücher wie Corona Fehlalarm? veröffentlichte und sich zum Corona-Fachmann aufspielte, obwohl er an diesem Thema in seiner aktiven Laufbahn nie gearbeitet hatte, mutierte er zum Querdenker und ließ sich auch nicht von seinen kruden Thesen abbringen, als echte Experten sie widerlegten. Bhakdi hatte sein Fachwissen aus anderen Medizinbereichen einfach auf die Corona-Forschung übertragen – ein klassischer Overconfidence Bias. Leider sind ihm zunächst viele auf den Leim gegangen. Das hat die Bekämpfung der Seuche nicht einfacher gemacht.
Der querdenkende Professor im Unruhestand hat Fake News produziert und damit die allgemeine Verunsicherung angefacht. Eine verunsicherte Gesellschaft ist gestresst, und das macht sie anfälliger für Populismus und Fehlurteile. Das war früher nicht anders als heute. Im 14. Jahrhundert etwa begann die kleine Eiszeit, eine Periode, in der die Gletscher wuchsen und die Temperaturen sanken. Ein Klimawandel. Missernten, Hungersnöte und eine Verteuerung des Lebens waren die Folge, was wiederum zu Angst und sozialer Instabilität führte. Wenn den Menschen in so einer Situation ein Sündenbock angeboten wird, der die eigene Misere scheinbar erklärt und dessen Bekämpfung einen einfachen Ausweg aus der Krise verspricht, wird die Lage kritisch. Wenn genau in diesem Moment dann auch noch ein neues Massenmedium entsteht, mit dem sich Fake News in bisher unvorstellbarer Geschwindigkeit verbreiten lassen, wird sie hochexplosiv.
Um 1450 erfand Johannes Gutenberg den Buchdruck, 1486 veröffentlichte der Dominikanermönch Heinrich Kramer den Hexenhammer. Dieses Buch gilt als der wohl einflussreichste Text zur Rechtfertigung der Hexenverfolgung. Es wurde zum Bestseller und Kramer zu einem der bedeutendsten Influencer seiner Zeit. Der Text ist eine krude Verschwörungstheorie. Kramers Wahn speiste sich, so interpretieren es viele Historiker heute, vor allem aus fanatischem Frauenhass. Sein Werk ist eine Ansammlung von so viel hanebüchenem Unsinn, dass weder Adel noch Kirche es anfangs besonders ernst nahmen. Doch die Verbreitung mittels des neuen Massenmediums Buch entwickelte eine für viele tödliche Dynamik. Kramers teuflische Fake News verbreiteten sich und durchseuchten von unten nach oben die Gesellschaft. Immer stärker wurde der Druck auf die Entscheidungsträger, doch endlich entschieden gegen die Hexen vorzugehen. Als die Kirche dann schließlich auf Kramers Kurs einschwenkte, brachen alle Dämme. Die grauenvollen Folgen: haltlose Anklagen, gegenseitige Verdächtigungen, fanatisierte Ermittler, Folter und Zehntausende Tote.
Klima- und Umweltstress führen zu Verunsicherung, Verschwörungstheorien entstehen, Probleme werden mit bestimmten Gruppen oder Ethnien verknüpft, der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, die Elite gerät unter Druck. Das erinnert irgendwie an heute. In den USA
