Hören – Wagen – Staunen - Gerhard Proß - E-Book

Hören – Wagen – Staunen E-Book

Gerhard Proß

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Beschreibung

Gottes Führung zu vertrauen ist ein Abenteuer. Gerhard Proß lässt die Lesenden auf fesselnde Weise an seinem Lebensabenteuer teilhaben. Offen und ehrlich schildert er den Prozess, Gottes Wegführung zu erkennen, seine Bedenken, aber auch seine wagemutigen Entscheidungen. Durch eine selten zu findende Verknüpfung von Leben und Lehre wird das Buch über das Biografische hinaus zum praktischen Lehrbuch, weil konkrete Hilfestellungen gegeben werden, wie wir lernen können, für das eigene Leben der Führung Gottes zu vertrauen, die Stimme des guten Hirten besser von den anderen Stimmen zu unterscheiden, und wachsam zu werden für die Gefahren, die auf diesem Weg lauern. Sein Beispiel zeigt: Gott gebraucht gewöhnliche Menschen für außergewöhnliche Taten. Seine Lehre macht Mut: Auch ich kann mich im vertrauenden Hören auf die Stimme Gottes auf den Weg machen – und das eigene Abenteuer beginnt. | Wolfgang Kemper In diesem Buch verbinden sich zwei ganz wesentliche Aspekte. Zunächst das große Thema der Einheit unter den Christen. Gerhard Proß ist ein Brückenbauer, der seit Jahrzehnten quer über konfessionelle Grenzen hinweg zusammenruft. Große Bewegungen wie „Miteinander für Europa“ und jüngst „Deutschland betet gemeinsam“ wären undenkbarohne sein treues Wirken. Zum zweiten beschreibt dieses Buch auf persönliche und zutiefst nahbare Weise, wie sich die Führung Gottesim Leben konkret gestaltet. Hier kann man spüren und erleben, was passiert, wenn man nach dem Willen des Höchsten sucht und ihm folgt. Weil beide Themen von bleibender Relevanz sind, ist dieses Buch eine wichtige Ermutigung. | Dr. Johannes Hartl

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dieses Buch widme ich meiner Frau Margarete,

die sich auf das gemeinsame Abenteuer der Führung Gottes

eingelassen hat und mir das wichtigste Gegenüber

in allen Höhen und Tiefen dieser

Lebensreise ist.

Einleitung

Hören-wagen-staunen

Vom Abenteuer, sich auf die Führung Gottes einzulassen

Mit diesem Buch lade ich dazu ein, sich mit mir auf das Abenteuer einer spannenden Reise einzulassen. Von den ersten zaghaften Versuchen, den Willen Gottes für mein Leben zu verstehen, bis hin zu sehr klaren Führungen Gottes, möchte ich den Leser auf eine Reise mitnehmen. Sie möchte Mut machen, die kleinen und die größeren Fingerzeige Gottes im eigenen Leben zu verstehen.

Ich kann nur staunen über die Führungen Gottes. Er führte mich zu einem Leben mit einer Reichweite und Kompetenz, wie ich mir dies in den kühnsten Träumen nicht ausgedacht hätte. Mit Worten aus Psalm 18 kann ich sagen. „Er führte mich hinaus ins Weite!“ (Ps 18,20) Dabei habe ich gelernt, eigene Vorstellungen, Pläne und Beschränkungen loszulassen, auch Karriere-Absichten hintenan zu stellen, um Gott ganz zur Verfügung zu stehen. Auch wenn ich auf manches verzichte, komme ich nicht zu kurz, sondern mein Leben kommt zur optimalen Entfaltung.

Ich werde sehr offen schildern, welche inneren Haltungen auf dieser abenteuerlichen Reise gefragt sein werden: Gott zu vertrauen, die Bereitschaft, auf seine Stimme zu hören und dem Gehörten (nach Prüfung) zu vertrauen, Mut, Gehorsam, Hingabe und Freiheit. Doch trotz aller Herausforderungen, die damit verbunden sind, wird mir immer mehr deutlich, dass die Gnade Gottes das Entscheidende ist.

Auf dieser spannenden Reise sind mir manche Erkenntnisse zugewachsen, die vor allem in der zweiten Hälfte des Buches im Blick auf das Thema Einheit unter Christen entfaltet werden. In diesen für unsere Kirche und Gesellschaft herausfordernden Erkenntnissen scheinen mir Umrisse einer künftigen Gestalt der Kirche sichtbar zu werden.

Es ist meine Hoffnung, dass der Funke überspringt und die Leserinnen und Leser inspiriert werden, für das eigene Leben der Führung Gottes zu vertrauen, die Stimme des guten Hirten zu hören und es immer neu zu wagen, sich darauf einzulassen. Deshalb berichte ich von den tastenden Schritten des Anfangs, von der Entfaltung der Hörfähigkeit im Laufe der Jahre, den eigenen kritischen Fragen und der stets neuen Reflexion.

Gerhard ProßEsslingen, im Dezember 2021

Vorwort

Gerhard Proß hat uns mit „hören – wagen – staunen“ ein sehr persönliches und zugleich ein abenteuerliches Buch geschenkt. Was er beschreibt, ist ein Abenteuer der eigenen Art, das Abenteuer der Führung Gottes.

Von Führungen Gottes zu sprechen, mag manchen Leser misstrauisch machen. Doch was Gerhard Proß aus seinem Leben erzählt sind keine spektakulären Ereignisse und keine absonderliche Mystik. Ähnliches kann jeder Christ, der stille wird, in sich und in die Zeit hineinhorcht, leise oder auch deutlicher erfahren, und als Führung Gottes verstehen, wenn er diese Erfahrung im Licht der Bibel deutet, sie im Gespräch mit anderen prüft und dabei auch den Verstand zu Wort kommen lässt. Was Gerhard Proß erzählt, steht in bester evangelikal-protestantischer Tradition und ist auch katholische Tradition. Papst Franziskus empfiehlt sie im Anschluss an Ignatius von Loyola, wenn er rät zu hören, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt (Offb 2,6 u. a.). In diesem Sinn kann Karl Rahner sagen: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.“

Gerhard Proß lässt uns hineinschauen in seine persönliche Lebens- und Abenteurergeschichte im Christlichen Verein junger Menschen (CVJM), ein Bund von weltweit über 60 Millionen junger Menschen, der aus der protestantisch evangelikalen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts kommt. Je mehr ich mich damit befasste, habe ich erstaunliche Parallelen entdeckt mit der Nachblüte der etwa 100 Jahre späteren katholischer Jugendbewegung, in die ich nach dem Zweiten Weltkrieg im Bund Neudeutschland hineingewachsen bin. Das Logo mit dem Christusmonogramm ist fast identisch, und die ganzheitliche neue Lebensgestaltung in Christus war und ist auch für uns das maßgebende Lebens-Programm. Jesus Christus ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

So war es kein Zufall, sondern Fügung und Führung, dass evangelische Gemeinschaften und Bewegungen mit den nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstandenen neueren katholischen Geistlichen Bewegungen geschwisterlich zusammenfanden und die Bewegung Miteinander für Europa ins Leben riefen. In diesem Kontext durfte ich Gerhard Proß kennen und schätzen lernen. Ich kam mehr von der Theologie und von der Erfahrung theologischer ökumenischer Dialoge her. Sie müssen sein, wenn Ökumene ehrlich sein will. Aber voran kommt Ökumene nur, wenn die Dialogpartner von der Einheit, die sie schon jetzt in Christus verbindet, Zeugnis geben und wenn sie innerlich vom Feuer dieser Einheit brennen. Solche geistliche Ökumene ist das Herz aller Ökumene.

Die unterschiedlichen Frömmigkeitsstile, die sich da begegnen, können sich gegenseitig bereichern, und sie tun es gerade dann, wenn sie nicht zu einem Einheitsbrei zusammengebraut werden. Gerhard Proß zitiert Chiara Lubich: „Die Partitur wird im Himmel geschrieben.“ Doch schon jetzt klingt von der Partitur des Himmels Musik des Künftigen. So begibt sich Gerhard Proß in den spannenden Schlusskapiteln auf Spurensuche einer künftigen Gestalt der Kirche. Dass wir in einem tiefgreifenden Wandel der Zeit leben, in dem sich vieles, auch viele Ausdrucksformen des Glaubens, ändern, ist schon heute mit Händen zu greifen. Doch ein ausgetüfteltes Strategieprogramm kann niemand vorlegen. Die künftige Gestalt der Kirche zeigt sich erst in Umrissen. Was Gott vorhat ist weit mehr und wohl auch recht verschieden von dem, was wir uns in unseren Kirchenträumen ausmalen können.

Überzeugend fand ich vor allem die unlösbare spannungsvolle Einheit von Institution und Charisma. Beide sind kein Gegensatz, denn auch der durch Handauflegung und Gebet begründeten Institution eignet eine charismatische Dimension. Es geht um ein Zusammenspiel aller Charismen, das von keiner Stelle, sei es zentralistisch oder einer selbst ernannten Basis, eigenmächtig in die Hand genommen werden kann. Die Regie führt der Geist Gottes. Ansprechend fand ich darum das biblische Bild der Kirche als einem Netz mit vielen untereinander verbundenen Knoten. Das könnte, so auch mein Traum, das Bild der künftigen ökumenischen Einheit sein.

Wirklichkeit wird dieser Traum nur werden, wenn wir mit dem ernst machen, was Gerhard Proß unter der Überschrift „Baut Zions!“ beschreibt: Die Kirche als Ort der Gegenwart Gottes und Haus des Gebets. Wenn wir Kirche so verstehen, dann werden wir erleben: Das Abenteuer und die Überraschungen sind nicht zu Ende. Wir werden uns immer wieder die Augen reiben und staunen, was der Herr Wunderbares unter uns tut, damit alle eins seien (Joh 17,21).

Gerhard Proß sei herzlicher Dank dafür, dass er uns seine durch Höhen und Tiefen gehende Hoffnungsgeschichte erzählt und uns eingeladen hat, trotz allem Zuversicht und Mut zu haben, mitzumachen, zu hören, zu wagen und zu staunen, was in unserer Adventssituation schon heute und morgen bei Gott möglich ist.

Kardinal Walter KasperRom, im Advent 2021

Prolog

„Flieg, Adler, flieg!“

„Flieg, Adler, flieg!“ Mitten im Gebetsabend eines Leiterwochenendes des CVJM Esslingen bekam ein Mitglied des Teams diesen prophetischen Impuls. Es war ein Ruf an mich, der meinem Leben eine völlig neue Perspektive gab.

Doch zunächst standen diese wenigen Worte, als deutliche Aufforderung formuliert, einfach markant im Raum. Verbunden wurden sie mit der Erklärung, dass meine Heimat nach wie vor im CVJM Esslingen sein sollte, mein Dienst mich jedoch in die Weite führen würde und Esslingen nicht mehr mein Aufgabenfeld wäre. Wir als CVJM-Gemeinschaft tasteten uns an dieses Wort heran. Mir war klar, dass darin eine gewaltige Dynamik liegen konnte, die meinem Dienst eine neue Richtung geben würde, wenn es denn wirklich ein prophetisches Wort als Ausdruck des Willens Gottes war.

Zu diesem Zeitpunkt war ich 57 Jahre alt, und zusammen mit den Verantwortlichen des CVJM Esslingen lagen genügend Perspektiven und Aufgaben für die nächsten Jahre vor uns. Dazu kamen die deutschland- und europaweiten Aufgaben.

War dieser Ruf erneut eine Aufforderung, das Bisherige zu lassen und die Segel neu zu setzen, um zu neuen Ufern aufzubrechen? Schon oft wurde mein Leben durch solche Worte gelenkt. Schon oft ließ ich mich von Gott rufen und locken, mutig in neues Land zu gehen.

Doch diesmal zögerte ich. Der Ruf, ins Weite zu gehen, schreckte mich nicht. Im Gegenteil. Ich liebe das Abenteuer und gehe gern mutig in Neues. Außerdem war das Neue nicht so neu. Nahezu 50 % meiner Zeit investierte ich bereits in die Dienste vieler christlicher Netzwerke und geistlicher Bewegungen. Aber war es richtig, die Aufgaben in Esslingen zum jetzigen Zeitpunkt loszulassen und mich ganz auf die andere Ebene zu konzentrieren? Wir waren mitten in dem Prozess, ein großes, neues Gebäude für den CVJM zu planen und damit eine neue Phase im CVJM zu gestalten. War es richtig, zu diesem Zeitpunkt weiterzugehen? Und wer sollte künftig meinen Dienst finanzieren?

Im Nachdenken und Beten leuchteten verschiedene Stationen meines Lebens vor meinem inneren Auge auf. Ich konnte nur staunen über die Wegführung Gottes in meinem Leben. Manchmal war sie sehr deutlich und klar, manchmal eher zart anklopfend, und ich hatte tastend und suchend nach dem Weg gefragt. Schon oft mutete mir Gott zu, Dinge loszulassen und ganz auf ihn zu vertrauen. War es nicht immer so, dass mein Leben dadurch reicher und weiter wurde? Warum nur zögerte ich dieses Mal?

Ich werde exemplarisch einige Stationen der spannenden Geschichte von Gottes Führungen bis zu diesem Zeitpunkt beschreiben, um dann diese Frage zu beantworten und anschließend die Leserinnen und Leser in den dadurch eingeleiteten neuen Abschnitt des Abenteuers der Führung Gottes in meinem Leben hineinzunehmen.

I. Tastende Schritte

1. Der erste Ruf

Ob ich im Konfirmandenunterricht alles erfasste, wage ich zu bezweifeln. Pfarrer Spellenberg aus Neubulach verstand es jedenfalls, nicht nur Inhalte zu vermitteln, sondern zu uns eine Beziehung aufzubauen und uns einen Bezug zum Glauben zu vermitteln. So wurde für mich die Konfirmation wirklich zu einer Confirmatio, zu einem Festmachen und Befestigen des Glaubens.

Eine Konfirmandenstunde sollte jedoch für mein Leben eine besondere Bedeutung erhalten. An diesem Tag war ein Indianermissionar im Unterricht und erzählte von seiner Arbeit. Ich weiß nicht mehr, was er erzählte, aber ich erfuhr in dieser Stunde einen Ruf Gottes, einen Ruf in die Mission. So tief wie dieser Ruf in mein Herz fiel, war es mit Sicherheit nicht nur Karl-May-Romantik eines 13-jährigen. Über dieses innere Erleben sprach ich mit niemandem, und doch wusste ich in meinem Herzen und mit meinem Verstand sehr klar und nachhaltig um diesen Ruf Gottes.

Doch wie sollte die missionarische Berufung ins Leben kommen? Zwei Jahre später wurde in der Kirchengemeinde ein Jungscharleiter gesucht, weil der bisherige zur Bundeswehr gehen musste. Mein gleichaltriger Freund wurde angefragt und erzählte mir davon. Sofort war die Frage in mir, ob das nicht eine gute Chance wäre, die missionarische Berufung im heimatlichen Umfeld auszuprobieren. So erklärte auch ich meine Bereitschaft, und zusammen mit einem weiteren Freund starteten wir zu dritt. Meinen beiden Freunden war die Sache nach wenigen Wochen zu anstrengend, und plötzlich war ich allein als Jungscharleiter.

Vermutlich war ich trotz Mitarbeiterschulung kein wirklich geeigneter Jungscharleiter. Auf jeden Fall fühlte ich mich häufig überfordert. Und dennoch staune ich, welche Beziehung selbst über Jahrzehnte zu einer ganzen Reihe dieser Jungscharler geblieben ist. So manch einer hat mir im Laufe der Jahre versichert, wie wichtig diese Jungschar-Zeit für ihn und seinen Glauben gewesen ist.

Die Mitarbeit in der Jugendarbeit wurde für mich neben meinem Engagement im Posaunenchor zu einer tragenden Säule meiner Jugendzeit. Nachdem ich die Jungschar eine längere Zeit allein geleitet hatte, kam Karl-Heinz als zweiter Mitarbeiter hinzu. Jeden Freitagabend trafen wir uns mit anderen Gruppenleitern zu einem Jugend- bzw. Mitarbeiterkreis. Im Anschluss wurde das Wochenende gemeinsam geplant und verbracht. Die Leitung der Jungschar am Sonntagnachmittag wurde für mich mit der Zeit jedoch zu einer zunehmenden Belastung, zumal mir mit 18 Jahren, den Führerschein in der Tasche und ein eigenes Auto besitzend, die Welt offenstand und ich am Sonntagnachmittag eher Lust auf Ausflüge hatte.

Nach meiner kaufmännischen Lehre war ich zwei Jahre lang im Verkauf tätig und führte die Lohnbuchhaltung der Firma. Eine Kollegin mit Erfahrung und Weitblick riet mir, dass es jetzt für mich gut wäre, das Dorf im Schwarzwald zu verlassen, um berufliche Erfahrungen zu sammeln und meinen Horizont zu weiten. Das leuchtete mir ein, und so schaute ich mich nach einer neuen Stelle um.

Eine Parkettfabrik in Bodelshausen bei Tübingen suchte einen Kaufmann. Ich wurde zu einem ersten Vorstellungsgespräch eingeladen. Das Gespräch mit dem Prokuristen und einem weiteren Mitarbeiter der Firma verlief erfolgversprechend. Nach Beendigung des offiziellen Gesprächs fragte mich der Mitarbeiter, ob wir uns nicht kennen. Sehr rasch fanden wir heraus, dass wir beide bei einer landesweiten Jungschar-Mitarbeiterschulung gewesen waren. Neben der fachlichen Seite öffnete sich so bereits beim ersten Bewerbungsgespräch eine persönliche Tür. Zwei Wochen später wurde ich zum finalen Gespräch mit dem Chef der Firma eingeladen, konnte meine Gehaltsvorstellungen realisieren und durfte mit der Unterstützung der Firma bei der Zimmersuche rechnen.

Nicht schlecht gestaunt habe ich jedoch über die Schlussfrage in diesem Anstellungsgespräch: ob ich bereit wäre, im örtlichen CVJM in der Jugendarbeit mitzuwirken. Mein Ja war durchaus verhalten. Nach drei bis vier Jahren Jungschar-Arbeit und der damit verbundenen Last sah ich in dem beruflichen Wechsel durchaus auch die Chance, diese Aufgabe mit einem triftigen Grund abgeben zu können. Ich war in einer Lebensphase, in der ich die Welt erobern wollte und durchaus die eine oder andere kritische Frage im Blick auf meinen Glauben in mir aufgestiegen war.

Die Jungschar in Neubulach konnte ich abgeben, aber Gott ließ mich nicht los. Im Gegenteil. Ich wurde in einen sehr lebendigen CVJM hineingenommen, mein Glaube erhielt neuen Schwung und so manche Vertiefung. Die Woche über war ich in den Bezügen des CVJM in Bodelshausen verankert und am Wochenende mit den Freunden aus Neubulach unterwegs. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich die CVJM-Arbeit nicht. Sie überzeugte mich und vor allem meinen Freund Robert Rentschler jedoch sehr. Deshalb entstand nach einiger Zeit der Gedanke, in unserem Heimatort Neubulach ebenfalls einen CVJM zu gründen. Gespräche mit dem Pfarrer, mit Kirchengemeinderäten und mit den Mitarbeitenden in der Jugendarbeit wurden geführt. Die junge Generation war dafür und die Älteren unterstützten die CVJM-Gründung wohlwollend und auch ganz praktisch.

Doch in all den Jahren ist der Ruf aus dem Konfirmandenunterricht, dass ich in die Mission gehen sollte, stets in meinem Bewusstsein geblieben. Dieser Impuls hatte mir zwar den Weg in die evangelische Jugendarbeit geebnet, aber einen Weg in die Mission konnte ich nicht erkennen. Dabei gab es in unmittelbarer Nähe von meinem Heimatort die Liebenzeller Mission. Ich wusste darum und war als Kind viele Jahre in einer Jungschar, die von ihr betreut wurde. So dankbar ich für die Erfahrungen dieser Jungschar war, so wenig hatte es mich als Jugendlichen dorthin gezogen; der Frömmigkeitsstil war nicht der meine. Ich liebte die intellektuelle Auseinandersetzung. Für mein Denken war es kein Problem, den biblischen Schöpfungsbericht und die Evolutionstheorie zusammenzubringen. Ein derartiger Brückenschlag war zur damaligen Zeit dort jedoch nicht denkbar und deshalb ist mir der Gedanke, auf die Missionsschule in Bad Liebenzell zu gehen, überhaupt nicht in den Sinn gekommen.

Aber der Ruf Gottes hatte sich tief in mein Herz und in meine Gedanken eingegraben. Deshalb blieb ich innerlich auf der Suche nach offenen Türen, um diesem Ruf entsprechen zu können. Weil sich das Bild des Missionars in mir nicht verdichtete, gingen meine Gedanken eher in Richtung Entwicklungshelfer. Ich schaute bei den entsprechenden Organisationen, ob ich mit meiner beruflichen Qualifikation dafür geeignet wäre. Doch leider suchten sie keine Kaufleute, wohl aber Personen mit einem Studium der Betriebswirtschaft. Mein Freund Emil war nebenberuflich dabei, an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Tübingen Betriebswirtschaft zu studieren. Ich hatte nicht so sehr das Bedürfnis, Betriebswirtschaft zu studieren, aber wenn dies der Weg war, um dem Ruf Gottes entsprechen zu können, war ich durchaus bereit dazu. Also bewarb ich mich ebenfalls um einen Studienplatz, wurde angenommen und studierte an drei Abenden und samstags Betriebswirtschaft – neben Beruf, Posaunenchor und Jungenschaft im CVJM. Je mehr ich mich in das Studium vertiefte, desto mehr Freude machte es mir.

2. Verkaufe alles, was du hast…

Meine kaufmännische Arbeit im Vertrieb der Parkettfirma machte mir Freude. Die Beziehungen zu den Kolleginnen und Kollegen waren gut. Aber ein neues Produkt bereitete Schwierigkeiten. Die Firma versuchte beim Fertigparkett die Nase vorn zu haben und entwickelte sehr schöne Produkte. Allerdings waren sie technisch nicht vollständig ausgereift, weshalb es immer wieder Reklamationen gab. Meist waren es Verlegefehler, die dazu führten, dass der Parkettboden sich hob. Meine Aufgabe war es dann, Parkettlegern und Hobby-Heimwerkern zu erklären, wie man ihn richtig verlegt und dass nicht das Parkett das Problem war, sondern ihre mangelnde Sorgfalt. Das konnte ich auch mit einer gewissen Überzeugung tun, denn ich hatte bei mir zu Hause, bei Freunden und Bekannten, genügend dieser Parkettböden selbst verlegt, ohne dass einer Probleme bereitet hätte.

Was mir jedoch Probleme bereitete war die Tatsache, dass der Chef bei Großhändlern kulant war und große Mengen zurücknahm, die ich dann wieder an einzelne Parkettleger verkaufen durfte. Je länger dieser Zustand andauerte, desto unzufriedener wurde ich. Die Atmosphäre zwischen Belegschaft und Chef verschlechterte sich deutlich. So beschloss ich, weiterzuziehen und mir eine neue Firma zu suchen, idealerweise direkt in Tübingen, um die Fahrt zum Studium zu verkürzen.

Ich wurde fündig und fand eine interessante Firma in der Holzbranche. Auch meine Gehaltsvorstellungen mit einer 50-prozentigen Steigerung gegenüber dem bisherigen Gehalt konnte ich realisieren. Eigentlich war im Vorstellungsgespräch alles klar, und ich bin nicht der Mann des langen Zögerns. Doch diesmal erbat ich mir eine Woche Bedenkzeit. Warum, wurde mir erst später klar.

Ich fuhr zurück zu meinem Freund und Kollegen Emil. Ihn wollte ich als ersten informieren und mit ihm auch den Übergang in der Jugendarbeit besprechen. Emil hörte zu, besann sich einen Moment und fragte mich dann: „Gerhard, das hört sich sehr stimmig an. Aber könnte es sein, dass du Hauptamtlicher in der Jugendarbeit werden solltest und dein Weg ins Johanneum nach Wuppertal führt?“

Die Frage überraschte und verblüffte mich. Daran hatte ich mit keinem Gedanken gedacht. Der Jugendreferent im Bezirk Tübingen kam vom Johanneum. Ich schätzte ihn und seine gute theologische Fundierung sehr. Die Frage stieß also sehr wohl auf positive Resonanz, obwohl ich noch viel zu wenig über diese Ausbildungsstätte wusste. Ich versprach, diese Frage ernsthaft zu prüfen und machte mich umgehend an die Klärung.

Informationen über das Johanneum (eine seminaristisch theologische Ausbildungsstätte in Wuppertal 1) zu erhalten war nicht schwierig. Ein Gespräch mit dem Jugendreferenten war Mut machend. Außerdem sprach ich mit Freunden und war an jenem Wochenende im Bernhäuser Forst, einem Bildungszentrum des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg. Dort traf ich Fritz Gaiser, einen früheren Dozenten im Johanneum und damals für das Bildungszentrum zuständig. Alle Gespräche waren positiv, keiner riet mir ab, aber alle waren zurückhaltend und betonten, dass ich selbst Klarheit erhalten sollte. Das war für mich sehr einleuchtend, doch wie konnte ich zur persönlichen Klarheit kommen? Gab es einen Hinweis von Gott? Ich konnte keinen erkennen. Natürlich erinnerte ich mich sofort an den Ruf im Konfirmandenunterricht. Nur weil dieser Ruf so lebendig in mir war, fiel der Vorschlag mit dem Johanneum in mir auf ein offenes Herz. Allerdings sprach ich mit den Freunden und Beratern nicht über diese Berufungserfahrung, denn darin ging es ja um einen Ruf in die Mission, und hier ging es um Jugendarbeit in Deutschland.

Wie konnte ich den Willen Gottes und seine Absicht für mein Leben erkennen? Ich wusste es nicht. Keiner konnte es mir sagen. Es blieb ein letzter Abend, bevor die Woche Bedenkzeit vorbei war. Ich nahm mir vor, diesen Abend fragend und hörend im Gebet zu verbringen und hoffte, dass in mir am Ende des Abends Klarheit entstehen würde. Ich versicherte Gott meine Bereitschaft, seinen Willen zu tun, ganz gleich ob in der hauptamtlichen Jugendarbeit oder im kaufmännischen Bereich oder in der Entwicklungshilfe. Dann bat ich Gott, mir seinen Willen zu zeigen. Ich hatte jedoch keine Ahnung, wie das funktionieren sollte. Also betete ich, Gott möge mich beim Aufschlagen der Bibel so führen, dass ich Klarheit über seine Führung erhalten würde. Ich schlug die Bibel auf und landete bei 1. Samuel 9, der Geschichte von Saul, der die Eselin seines Vaters sucht und dabei von Samuel zum König gesalbt wird. Bei mir machte es sofort „klick“. In der Jungschar hatten wir ein Bibelquiz mit der Frage: Wer suchte eine Eselin und fand ein Königreich? Sofort musste ich denken: Diese Bibelstelle passt haargenau auf meine Frage. Ich suche eine neue Stelle und erhalte stattdessen ein „Königreich“, ich darf im Reich Gottes arbeiten.

Nach einigen Minuten des Überlegens war mir jedoch klar, dass die Bibelstelle zwar Positives in mir ausgelöst hatte und als Antwort auf meine Frage gedeutet werden konnte, aber ich wusste auch, dass dies allein nicht durchtragen würde. Also sagte ich dem himmlischen Vater, dass er mich ja sehr gut kennt und weiß, dass mein kritischer Verstand dies als Zufall einsortieren wird. Ich bat erneut um eine klare und deutliche Bestätigung, öffnete die Bibel erneut und landete bei der Geschichte vom reichen Jüngling. Diesmal hat es nicht „klick“ gemacht, sondern ich spürte, dass mich dieser Text auf einer sehr tiefen Ebene berührte und zu mir sprach. „Eins fehlt dir. Verkaufe alles, was du hast … und komm, folge mir nach!“ (Mk 10,21).

Ich hatte nicht viel zu verkaufen. Und doch waren die Finanzen ein entscheidender Knackpunkt. Für mich war immer klar, dass ich eines Tages eine eigene Firma betreiben wollte, gemäß dem Motto, das einer meiner Kollegen mir immer wieder sagte: „Und ist der Handel noch so klein, er bringt doch mehr als Arbeit ein“. Gut zu verdienen war mir wichtig, und das jetzt vorliegende Angebot mit einer 50-prozentigen Gehaltssteigerung machte es mir nicht leicht, drei Jahre ganz auf Gehalt zu verzichten. Mir war auch sehr schnell klar, dass die mühsam angesparten 5.000,– DM nur mit einem sparsamen Lebensstil zur Finanzierung der Ausbildung und der nächsten drei Jahre reichen würden. Auch hatte ich von keiner Seite finanzielle Unterstützung zu erwarten, denn mein Vater war bereits verstorben, und die kleine Rente meiner Mutter reichte nicht weit.

In der Kopfebene liefen die ganz praktischen Fragen der Finanzierung ab. Aber auf der Herzebene hatte mich dieses Wort als Reden Gottes sehr persönlich getroffen. Ich wusste mit großer innerer Gewissheit, was ich zu tun hatte. Deshalb brauchte ich keine weiteren Überlegungen mehr, sondern sagte am nächsten Tag die neue Stelle ab. Meine Frage zu Beginn des Abends war, welches der Wille Gottes sei. Als dieser für mich klar war, war es keine Frage, dass ich ihn auch umsetzen wollte. Ich habe an jenem Abend den Text sicherlich nicht in der Tiefe erfasst, wenn es dort von dem reichen jungen Mann heißt: „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb“ (Mk 10,21). Aber ich spürte etwas von dem Blick und der Liebe Jesu und ich wollte meine persönliche Lebensgeschichte anders weiterschreiben als der reiche Jüngling, der betrübt davon ging.

Nachdem die innere Entscheidung gefallen war, galt es die äußeren Schritte zu gehen. Der Jugendreferent war erfreut über meine Entscheidung und nahm mich mit zu einem Vorstellungsgespräch ins Johanneum. Vom Inneren her war für mich alles klar, aber äußerlich gab es eine Herausforderung. Die Entscheidung über eine Aufnahme ins Johanneum fällten Vorstand und Mitgliederversammlung jeweils im Mai. Da das Studium jedoch bereits im September begann und ich ein Vierteljahr Kündigungszeit zum Quartalsende hatte, musste ich bis zum 31. März kündigen. Was wäre, wenn die Verantwortlichen im Johanneum bei mir keine Berufung in den hauptamtlichen Verkündigungsdienst erkennen würden? Im Vertrauen, mich nicht verhört zu haben, kündigte ich meine Arbeitsstelle und stellte alle Weichen Richtung theologische Ausbildung. Die Freude war groß, als die Zusage aus dem Johanneum eintraf. „Verkaufe, was du hast“, bedeutete bei mir dann in erster Linie, mein Auto zu verkaufen, dessen Unterhalt für mich im Johanneum zu teuer gewesen wäre. Überrascht wurde ich von einer Spende aus dem Kirchengemeinderat, der meine Entscheidung auf diesem Weg unterstützte. So erlebte ich eine völlig unerwartete Versorgung, die später von der Bundesregierung noch getoppt wurde: In der Mitte der Ausbildung beschloss die damalige sozialliberale Koalition das BAföG, und so war meine Finanzierung gesichert. Ich musste nur einen Teil des Ersparten in die Ausbildung investieren und staunte, wie sehr mich Gott versorgte. Für mich wurde deutlich: Gott ist gut und sorgt für mich.

Es folgten drei Jahre der theologischen Ausbildung im Johanneum, die mir sehr viel bedeuten und die ich auf keinen Fall missen möchte. Hier erhielt ich eine fundierte theologische Ausbildung, die mir das Handwerkszeug für die kommenden Jahrzehnte an die Hand gab. Doch nicht nur der Intellekt wurde betont; es ging um eine ganzheitliche Ausbildung, die auch den persönlichen Glauben vertiefte und den Charakter durch das gemeinsame Leben reifen ließ.

Die Fülle positiver Erfahrungen und Erkenntnisse im Johanneum kann an dieser Stelle nicht entfaltet werden. Aber eine kleine Erkenntnis am Einsegnungswochenende möchte ich doch noch schildern. Über dem Ordinationswochenende stand die Losung aus Lukas 9,62. „Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ So mancher Redner griff das Wort auf und schlug einen „theologischen Salto“, um zu rechtfertigen, trotz dieses Satzes auf die Jahre der theologischen Ausbildung zurückblicken zu dürfen. Für mich erschloss sich dieses Wort in einer völlig anderen, viel tieferen Ebene. Ich sah mich gegen Ende der Ausbildung immer wieder vor der Zeitung sitzen und die Stellenanzeigen im betriebswirtschaftlichen Bereich studieren. Eigentlich war mein Blick ja nach vorn gerichtet, und ich freute mich auf die Stelle im CVJM Kirchheim/Teck. Und doch blickte ich immer wieder zurück und schaute mit einem Auge auf die Gehaltsvorstellungen, die ich jetzt als Betriebswirt hätte. So wurde dieses Wort für mich zu einer sehr dichten Predigt, ohne dass auch nur einer der Redner darauf eingegangen wäre, nicht zurückzublicken zum alten Beruf und zu fragen, was geworden wäre, wenn …

3. Durch Gottes Augen geleitet

Feierliche Klänge begleiteten uns in die Kirche. Der Posaunenchor umrahmte den Gottesdienst in der Stadtkirche in Neubulach mit strahlenden Klängen. Meine Frau Margarete und ich saßen voller Freude vor dem Traualtar und warteten freudig darauf, einander vor Gott und der Gemeinde das Ja-Wort zu geben und Gottes Segen für unsere Ehe zu empfangen. Als Trauspruch wählten wir Psalm 32,8: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.“

Dieser Trauspruch war Ausdruck unserer Haltung und unserer Bitte. Wir wollten unseren gemeinsamen Lebensweg dem Willen Gottes entsprechend führen. Wir waren bereit, seinen Weg zu gehen und baten darum, dass er uns führt und leitet und dass wir seine Führung verstehen und begreifen. Das Bild von der „Augenleitung“ hatte uns in besonderer Weise angesprochen. Als Verliebte wussten wir sehr genau, was es bedeutet, durch die Augen des anderen geleitet zu werden, die Wünsche von den Augen abzulesen und schon durch den Blickkontakt Freude zu empfinden. Natürlich war uns bewusst, dass die Augenleitung Gottes anders aussehen würde als die eines verliebten Paares. Aber wir wollten gerne in „Blickkontakt“ mit Gott kommen und bei unseren Entscheidungen bewusst nach seinem Willen und seinen Weisungen fragen. Dass wir in der Bibel Antwort finden würden, das war unsere Überzeugung und unsere Erfahrung und sollte auch für die Zukunft unser Orientierungsrahmen sein.

Pfarrer Spellenberg entfaltete unsern Trauspruch in schöner Weise. Sicherlich wäre die Traupredigt bei mir längst in Vergessenheit geraten, wenn er lediglich diesen Vers ausgelegt hätte. Doch dann sprach er plötzlich auch über den folgenden Vers: „Seid nicht wie Rosse und Maultiere, denen man den Zaum ins Gebiss legen muss“. Trotz Hochzeitsaufregung ging mir dieser Vers unter die Haut. Hatten wir uns bei der Auswahl des Trautextes nur auf den einen Vers konzentriert und nicht weiter gelesen? Jedenfalls war mitten in der schönen Hochzeitszeremonie eine ernsthafte Ermahnung zu hören, die ich nicht vergessen sollte.

Uns war klar, dass das Fragen nach den Weisungen Gottes stets all unsere Sinne in Anspruch nehmen würde. Wir erwarteten kein Schriftstück vom Himmel mit den Weisungen für die nächsten Schritte. In der Fülle der täglichen Entscheidungen waren unser Verstand und die Orientierung an den Ordnungen Gottes gefragt.

4. Den Verstand gebrauchen

Besonders bei Weichenstellungen und an Weggabelungen war es uns wichtig, auf die Weisungen Gottes zu achten und unseren Verstand zu gebrauchen. Wo konnten wir Spuren entdecken, die uns Orientierung gaben, um der Spur Gottes für unser Leben zu folgen? Bei der Entscheidung für meine erste Stelle nach der theologischen Ausbildung verdichteten sich die Überlegungen und die Spuren Gottes in Richtung CVJM Kirchheim/Teck. Anhand einer Reihe von Kriterien, die mir für meinen Dienst wichtig waren, und Faktoren, die einen gemeinsamen Wohn- und Arbeitsort zusammen mit Margarete und ihren beruflichen Schritten ermöglichten, fiel die Wahl auf Kirchheim. Es war, als ob wir nur 1 + 1 zusammenzählen müssten und das Ergebnis lag auf der Hand. Es folgten fünf sehr schöne Jahre mit einer erstaunlich positiven Entwicklung in der Jugendarbeit, der Geburt unseres Sohnes und einem tragfähigen Beziehungsnetz im CVJM und im Kirchenbezirk.

Eines Tages erreichte mich die Anfrage, in den Kirchenbezirk Tübingen zu wechseln und dort die Jugendarbeit zu verantworten. Wie sollte ich mit dieser Anfrage umgehen? Es ging mir sehr gut in Kirchheim/Teck und ich durfte Früchte meiner Arbeit sehen. Es bestand also kein Anlass für einen Stellenwechsel. Doch auch die neue Aufgabe lockte mich. Welche Prüfkriterien konnten mir helfen? Wie konnte die „Augenleitung“ Gottes, die uns in der Traupredigt zugesagt wurde, jetzt konkret aussehen? Ich versuchte den Blickkontakt zu Gott herzustellen, aber weder mit meinen Augen noch mit meinen Ohren oder anderen Sinnen konnte ich eine Weisung Gottes erkennen.

Nach längerem Überlegen und Beten wurde mir deutlich, dass ich jetzt einfach meinen Verstand zu gebrauchen hatte. Ich wog die Vor- und Nachteile ab, meine Frau Margarete und ich überlegten und beteten gemeinsam und kamen schließlich zu einer 60:40 Entscheidung für Tübingen – sehr zur Enttäuschung der Freunde und Wegbegleiter in Kirchheim. Doch wir hatten inneren Frieden über dieser Entscheidung, die wir nach bestem Wissen und Gewissen gefällt hatten.

5. Gott lässt Erschütterungen zu

Ich hatte große Pläne für die nächste Phase der Jugendarbeit im Kirchenbezirk Tübingen. Es war leicht, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, die Schulungen erfreuten sich großer Beliebtheit, die Freizeitarbeit florierte und der gemeinsame Ausbau eines älteren Hotels am Wörthersee zu einem Freizeitzentrum brachte einen großen Schub an Motivation und Möglichkeiten für Freizeit- und Schulungsarbeit. Darüber hinaus arbeitete ich mit bei Leiterschaftsschulungen im christlichen Lebens- und Schulungszentrum Wörnersberger Anker. Mir war es wichtig, Leiterinnen und Leiter der nächsten Generation für die Zukunft zu gewinnen, zu trainieren und zu begleiten.

Zusammen mit zwei jungen Ehepaaren, die beide in der evangelischen Jugendarbeit engagiert waren, machten wir uns mit unseren beiden Kindern auf den Weg, gemeinsames Leben einzuüben. Wir waren überzeugt, dass darin eine große Chance lag, Nachfolge konkret zu leben. Ein größeres Anwesen stand zum Verkauf, und wir waren kurz vor dem Abschluss der Vertragsvereinbarung. Zeiten des persönlichen und des gemeinsamen Gebetes begleiteten unsere Planungen. Wir waren überzeugt, in der Spur Gottes zu sein und wollten die Sache mutig angehen.

Der Tag der Entscheidung rückte heran, doch der Verkäufer hatte entgegen vorheriger Signale eine Preiserwartung, die wir nicht erfüllen konnten. In einer Krisensitzung verabschiedeten wir uns von diesem Projekt. In mir löste diese Entscheidung jedoch eine gewaltige innere Erschütterung aus. Ich war in meinen Gedanken und Gefühlen völlig aufgewühlt. Ich konnte mich an keinen Zeitpunkt erinnern, an dem ich in einem solchen inneren Zustand gewesen war. Am tiefsten bewegte mich die Frage: Konnte es sein, dass wir uns geistlich so verhört hatten? Wir hatten doch gefragt und geprüft. Wie sollte ich Gottes Wegführung künftig verstehen können?

Am nächsten Tag trafen sich die jüngeren Absolventen der Johanneumsgemeinschaft freiwillig, aber verbindlich, zu einem monatlichen Tag der Gemeinschaft und Fortbildung. Ein hochklassiger theologischer Vormittag mit Fritz Gaiser stand auf dem Programm, dazu Begegnung und Austausch unter den Kollegen. Normalerweise tat ich alles, um mir diese Tage nicht entgehen zu lassen. An diesem Morgen jedoch fühlte ich mich nicht in der Lage, teilzunehmen. Gedanken und Gefühle drehten sich nach wie vor im Kreis. Ich sagte zu Margarete, dass ich heute nicht gehen würde, weil ich sowieso nicht vernünftig denken könne und mir deshalb dieser Tag nichts bringen werde. Sie ermutigte mich jedoch sehr, hinzufahren. Vielleicht würde mir der Tag ja helfen, mich neu zu sortieren. Also fuhr ich auf ihr Anraten hin, aber meine Hoffnung war gleich null, dass sich angesichts meiner Grundstimmung durch diesen Tag etwas verändern würde. In der Mittagspause fragte mich Horst Rauscher, der Leitende Referent des CVJM Esslingen, ob ich mit ihm eine kleine Runde spazieren gehen würde. Gerne willigte ich ein. Sehr schnell ging er auf seine Motivation für dieses Gespräch ein. Er würde ins Pfarramt wechseln und fragte sich deshalb, wer sein Nachfolger werden könne. Dabei hätte ich ihm in der morgendlichen Gebetszeit vor Augen gestanden, und deshalb wolle er mit mir ins Gespräch kommen.

Von jetzt auf gleich veränderte sich mein Denken und Fühlen völlig. Der Zustand der Konfusion und Anfechtung war wie weggeblasen. Ein tiefer Friede und innere Gewissheit stellten sich ein. Ich war echt verblüfft, was in mir und mit mir vorgegangen war. Offensichtlich hatte Gott diese Erschütterung zugelassen, damit ich für seinen Ruf und seine Wegführung offen wurde. Hätte mich Horst Rauscher zwei Tage vorher gefragt, hätte ich mich bedankt und höflich abgelehnt, denn ich war überzeugt, in Tübingen gebraucht zu werden, hatte Perspektiven und Aufgaben. Außerdem hätten die Pläne des gemeinsamen Lebens einen Wechsel nach Esslingen zum damaligen Zeitpunkt unmöglich gemacht.

Im Nachhinein zeigte sich, dass die Anfrage an mich aus anstellungstechnischen Gründen viel zu früh erfolgte. Es gab noch eine monatelange Verzögerung. Aber wäre der CVJM Esslingen erst nach Klärung aller anstellungsrechtlichen Fragen mit mir ins Gespräch gekommen, wäre die Tür bei mir längst zu gewesen. In dieser Situation erfuhr ich deutlich, dass es einen Kairos (Zeitpunkt) Gottes gibt. Dennoch bewegte mich die Frage, warum Gott diesen Weg mit mir gehen musste. War ich so wenig hörbereit, weil ich zu sehr in das Projekt Gemeinsames Leben verliebt war?

Ich musste an unsere Traupredigt denken, vor allem an den Vers: „Seid nicht wie Rosse und Maultiere, denen man den Zaum ins Gebiss legen muss.“ (Ps 32,9) Musste Gott mir den Zaum ins Gebiss legen? Auf jeden Fall musste er mich erschüttern, sonst hätte ich seinen Ruf nach Esslingen nicht hören können, weil mein Kopf und mein Herz nicht hörbereit waren.

Nach fünf Jahren in Tübingen begann für mich mit dem Wechsel nach Esslingen im Herbst 1984 eine neue Phase in meinem Dienst. Leitung wahrzunehmen und Dinge zu gestalten fielen mir nicht schwer. Doch zunächst war es wichtig, diesen CVJM, seine Geschichte und Ausprägung kennenzulernen. Es galt, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam eine Vision und Perspektiven zu gewinnen. Denn sehr schnell fiel mir auf, dass es eine Fülle von Aktivitäten und eine pulsierende Jugendarbeit gab, aber eine gemeinsame geistliche Mitte fehlte, obwohl sich viele danach sehnten. Die einige Jahre zuvor gegründete Mitarbeitergemeinschaft hatte ihren ersten Schwung verloren, erreichte nur den kleineren Teil der Mitarbeiterschaft und strahlte nicht gerade viel Hoffnung aus.

Nach dem ersten Vierteljahr des Kennenlernens diente mir die Geschichte von Nehemia im Alten Testament als Blaupause. Ich analysierte Schwachstellen und nahm mir Zeit zum Nachdenken und Beten. In dieser Zeit entstand in mir eine Vision für den CVJM Esslingen. Als mir das innere Bild der Zukunft klar war, lud ich den geschäftsführenden Vorstand zusätzlich zu den gewohnten Treffen zu einem außerordentlichen Abend bei mir zu Hause ein. Mein Ziel war, aus der persönlichen Vision eine gemeinschaftliche werden zu lassen. In der Mitte dieser Vision stand eine Mitarbeitergemeinschaft, in der die Mitarbeitenden geistlich beheimatet sind, Vertiefung im Glauben erfahren, Freundschaft erleben und Impulse für ihre praktische Arbeit erhalten. Im geschäftsführenden Vorstand traf diese Vision auf offene Herzen, und wir beschlossen, im darauffolgenden Frühjahr in einer Klausur des Leitungsgremiums (Hauptausschuss) diese Vision zu teilen, sie gegebenenfalls zu modifizieren und in der Folge konkrete Ziele und Schritte zu vereinbaren. So kam es; nun ging es um die Realisierung.

Ein erster wesentlicher Schritt bestand darin, alle Kolleginnen und Kollegen mit einzubeziehen. Wir machten uns auf den Weg, mehr und mehr von einer Dienstgemeinschaft zu einer geistlichen Gemeinschaft zu werden. Gemeinsam mit dem Leiterkreis arbeiteten wir daran, dass in der Mitarbeitergemeinschaft eine neue Atmosphäre des Miteinanders, der Freude und Hoffnung entstand. Beim Mitarbeiterwochenende im Herbst 1985 durften wir an dieser Stelle einen Durchbruch erfahren. Wir erlebten die Gnade der Umkehr. Alte Querelen wurden beendet; ein Abend der Versöhnung eröffnete Perspektiven nach vorn. Wir beschlossen neue Strukturen für die Jugend-Mitarbeiterkreise, so dass ein Schwerpunkt auf lebendiger Gemeinschaft und Vertiefung des Glaubens lag. Die Kriterien für die Mitgliedschaft wurden überarbeitet und der Lebenswelt junger Menschen angepasst. Damit war ein Durchbruch gelungen, der in den folgenden Jahren Schritt für Schritt dazu führte, dass junge Mitarbeiter in eine geistliche Gemeinschaft eingeführt wurden und dort Heimat fanden.

II. Herausgefordert

1. Der Lernprozess

„Da hat sich etwas dämonisiert“, hörte ich meinen Kollegen Helmut Nicklas vom CVJM München sagen. Wir waren in einer kleinen Gruppe von leitenden CVJM-Referenten zur kollegialen Beratung zusammen. Ich hatte eben eine Situation in der seelsorgerlichen Begleitung junger Menschen geschildert, die mir rätselhaft war und bei der ich nicht so richtig wusste, welche nächsten Schritte angebracht wären. Was war der Hintergrund?

Ich leitete im Sommer 1985 eine Freizeit mit 40 jungen Erwachsenen im damaligen Jugoslawien. Mit einem Schiff fuhren wir in der Adria von Insel zu Insel. Die Stimmung war klasse. Ein Hauch von Abenteuer war mit dabei, wenn wir nicht wussten, auf welcher Insel wir als nächstes übernachten würden. Beim Aussteigen aus dem Schiff verknackste sich Sabine, eine Teilnehmerin (Name geändert), den Knöchel. Es war schmerzhaft, aber nichts Ernsthaftes. Doch einen Tag später ging es Sabine psychisch sehr schlecht. Sie schien wie von jetzt auf gleich in eine Depression gefallen zu sein. Unsere Gesprächsversuche erreichten sie nicht. Nachdem sich auch am nächsten Tag an ihrem Zustand nichts verändert hatte, schlug ich dem Mitarbeiter-Team vor, dass wir uns einen ruhigen Ort zum Gebet suchen und für sie beten sollten. Wir kamen vom Gebet zurück und Sabine, die von unserem Gebet nichts wusste, war wie verwandelt: fröhlich, entspannt, alles in bester Ordnung. Wir waren verblüfft. Ich erinnere mich nicht, schon einmal so eine prompte Gebetserhörung erfahren zu haben. Doch leider hielt die Veränderung nur drei Tage an, danach verschlechterte sich ihr psychischer Zustand wieder.

Nach der Freizeit begleiteten meine Frau und ich Sabine seelsorgerlich. Stück für Stück öffnete sie sich, erzählte von ihren nächtlichen Albträumen und dass sie kaum mehr in der Lage sei, ihre Schule fortzusetzen, weil sie tagsüber müde und völlig „von der Rolle“ wäre, nachts jedoch aufgrund der Albträume nicht schlafen könne. Nach und nach gelang es, den Ängsten zu begegnen und die darunterliegenden Erlebnisse ans Licht zu holen. Der jahrelange sexuelle Missbrauch durch den Vater, den sie aus ihrem Bewusstsein verdrängt hatte, kam im Laufe des Seelsorgeprozesses immer deutlicher zutage. Wie tiefgreifend sexueller Missbrauch die Seele eines Menschen zerstört, wurde in erschreckender Weise deutlich.

Doch trotz der intensiven seelsorgerlichen, therapeutischen Begleitung wurde sie Nacht für Nacht von schrecklichen Fratzen bedroht und war am Ende ihrer seelischen Kräfte. Deshalb suchte ich Hilfe und brachte dieses Beispiel in die kollegiale Beratung ein. Die Antwort „da hat sich etwas dämonisiert“ war für mich jedoch nur sehr bedingt hilfreich. Damit wollte ich nichts zu tun haben. Ganz zu schweigen davon, dass allein die Begriffswahl „dämonisiert“ mit meinem Weltbild kollidierte. Aber wenn die Freunde in München damit Erfahrung hatten, war ich bereit, Brücken zu bauen. Kurze Zeit später besuchte das Mitarbeiter-Team des CVJM Jugendhauses den CVJM München. Sabine konnte mitfahren, und ich hoffte, dass telefonische Vorgespräche dazu helfen würden, dass die Freunde im CVJM München mit ihr in dieser Angelegenheit beten konnten. Leider ließ das Programm dann doch keinen Raum dafür, und so waren wir in Esslingen wieder gefragt. Auf der Suche, wer uns bei dieser Thematik helfen könnte, wurde ich an Willem van Dam verwiesen, einen holländischen Theologen und Seelsorger, der von Zeit zu Zeit für seelsorgerliche Gebete im Raum Stuttgart unterwegs war. Er war auf Gebet spezialisiert, das dämonischen Mächten Einhalt gebietet. Deshalb suchte ich bei ihm nach Terminen. Mehrfach fuhr ich mit Sabine zu ihm. Sabine hatte stets den Eindruck, dass dabei innerlich etwas in Gang kam, aber es gab keine nachhaltigen Fortschritte.

Immer mehr verdichtete sich bei uns der Eindruck, dass wir selbst gefragt seien und uns in der Gebetsseelsorge diesem Themengebiet zu stellen hätten. Wolfram Kopfermann hatte einiges zum Thema „Innere Heilung“ geschrieben, was uns sehr half, Versöhnungsprozesse zu verstehen. Im Gebet um Befreiung betraten wir für uns jedoch Neuland. Ich war sehr dankbar für einen Kollegen, der mir die Augen dafür öffnete und mich Schritt für Schritt anleitete, wie ein solches Gebet ganz praktisch aussehen könnte. Zusammen mit einem kleinen Team von Mitarbeitern beteten wir mit Sabine so manchen Abend. Bald wurden Gebetsnächte daraus.

Mir selbst wurde immer deutlicher, dass mich Gott in einen Lernprozess hineinnahm und mir die Augen für die unsichtbare Welt öffnete. Gleichzeitig wurde mir auch die Grenze meiner Kompetenz und insbesondere der geistlichen Vollmacht bewusst. Die Sehnsucht nach einer tiefen Erfüllung mit dem Heiligen Geist und auch nach der Gabe des Sprachengebets (siehe z. B. 1. Kor 12,10 + 30; 14,14 + 26-28) wurde in mir immer stärker. Allzu schnell gingen mir die Worte beim Gebet aus. Was sollte man auch eine halbe Nacht lang beten?

Endlich frei! Nach vielen Nächten des Gebetes, in denen sich zwar manches bewegte, aber keine nachhaltige Befreiung erfolgte, durfte Sabine endlich einen heilsamen Durchbruch erleben. Die dämonischen Kräfte und Mächte in ihr mussten weichen. Die einzelnen Schritte zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Sie spürte einen eklatanten Unterschied zwischen der Situation davor und danach. Sie konnte aufatmen, durchatmen und wieder schlafen, befreit von den dunklen Schatten. Der Durchbruch in ihrem Innern geschah schrittweise, aber er war gewaltig. Sie konnte jubeln, und wir haben voller Dankbarkeit in diesen Jubel mit eingestimmt. Die innere Freiheit war das eine, Schritte ins Leben zu gehen, war das andere. Es wurde deutlich, dass sie einen Schutz- und Lernraum benötigte, damit ihr Leben zur Entfaltung kommen konnte. Glücklicherweise konnten wir als CVJM sie als Mitarbeiterin in unserer Mitte integrieren. In dieser Zeit konnte sie sich stabilisieren und beruflich neu ausrichten.

Das Thema Befreiungsdienst ist seit jenem Lernprozess Teil meines Dienstes. Mir wurden die Augen geöffnet für die unsichtbare Welt, aber auch dafür, wie viele lebensfeindliche Aspekte, Haltungen oder auch Mächte die Entfaltung des Lebens behindern können. In mir entstand eine richtige Leidenschaft für das Leben. Gott ist ein Liebhaber des Lebens. Menschen zu segnen, um ihr Leben zur Entfaltung zu bringen, aber sie auch von allem zu lösen, was sie an diesem Leben hindert, wurde mir ein tiefes Anliegen und veränderte meinen Dienst.

Nachdem mir die Augen für innere Abhängigkeiten geöffnet waren, konnte ich manche Dinge im seelsorgerlichen Gespräch ansprechen und mit den Betreffenden darüber beten. Sie waren oft erstaunt, welche innere Freiheit sie nach solch einem Gebet gewannen.

Viele Gebete werden gesprochen, ohne dass wir je sehen können, was daraus entsteht. Bei diesen Gebeten war es ganz anders, weil häufig eine Reaktion im Inneren der Menschen zu erkennen war. Dies löste in mir eine gewaltige Freude aus. Mutig betete ich für weitere Menschen, bei denen ich innere Blockaden wahrnahm. Nach einem solchen Gebet für eine Person, die von dauernden Kopfschmerzen und manch anderem frei geworden war, hörte ich sehr deutlich die Mahnung von Jesus: „Darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“ (Lk 10,20). Diese Ermahnung nahm ich mir zu Herzen, um beim Zentrum des Evangeliums zu bleiben und den Bereich des Dämonischen nicht zu sehr zu betonen.

Einige Jahre später, mit genügend Abstand und Reflexionszeit, konnten wir mit der ganzen Mitarbeitergemeinschaft über einen längeren Zeitraum sehr intensiv an dieser Thematik arbeiten. Ich stellte systematisch die Fülle neutestamentlicher Texte zusammen, die sich damit befassten. Wir arbeiteten an Fragen der verschiedenen Weltbilder, insbesondere im Blick auf die unsichtbare Welt. Die Fülle an neutestamentlichen Texten zeigte uns, dass die Thematik nicht so nebensächlich ist, wie sie im Mainstream der Theologie behandelt wird. Doch das Zentrum des Evangeliums bleibt die Erlösungstat durch Jesus Christus. Je mehr die dunklen Realitäten in dieser Welt sichtbar werden, desto heller leuchtet sie.

2. Überrascht vom Heiligen Geist

Weil ich Sehnsucht nach tieferer Erfüllung mit dem Heiligen Geist hatte, bat ich die beiden Mitarbeiter, die die Gebetsnächte mit uns gestalteten und Erfahrungen mit dem Sprachengebet hatten, für mich um diese Gabe zu beten. Doch trotz meines Wunsches und meiner Bereitschaft, diese Gabe zu empfangen, geschah nichts. Es war, als ob ich in diesem Bereich zubetoniert wäre. Kaum kam eine Silbe über meine Lippen, bremste mein Verstand mich wieder aus. Wäre die Not bei Sabine nicht so groß gewesen, hätte ich längst aufgegeben, um das Sprachengebet zu bitten. Doch ich litt darunter, dass mir beim Gebet die Worte ausgingen, und gleichzeitig war es so offensichtlich, dass die Gebete bei Sabine etwas bewirkten. Ohne Gebet war sie den dämonischen Angriffen, den Fratzen und Albträumen ausgeliefert. Wenn wir beteten, bildete sich so etwas wie ein Schutzraum um sie. Also beteten wir weiter, und Stück für Stück traute ich mich, die Silben zuzulassen, die über meine Lippen kamen und die ich selber nicht verstand.

Noch bevor Sabine Befreiung erlebte, durfte ich gleich mehrere neue Erfahrungen mit dem Heiligen Geist machen. Wir führten in jenen Gebetsnächten Kreuzesmeditationen durch, indem wir uns bewusst machten, dass Jesus unser Leiden auf sich genommen hat. Der „Tausch“ am Kreuz wurde zu einem Schlüssel. Das Bibelwort „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“ (Jes 53,4) stand immer wieder im Mittelpunkt, wenn Sabine ihre Schmerzen am Kreuz ablud und Jesus um Heilung bat. Uns wurde in jenen Nächten sehr greifbar, wie Jesus mit Sabine mitlitt, Demütigung und Entwürdigung erfuhr und die zerstörerischen Mächte und Kräfte auf sich lud.

Als Folge der Kreuzesmeditationen erfuhr ich in jenen Gebetsnächten die Taufe mit dem Heiligen Geist. Plötzlich war der Heilige Geist spürbar da. Und doch war es etwas, das tiefer war als meine Gefühle. Die Gewissheit seiner Präsenz in meinem Innern war von einer neuen Qualität. Später formulierte ich, dass es das Zeugnis des Heiligen Geistes in meinem Geist war, wie es Paulus in Römer 8,16 beschreibt: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ Es war eine Erfahrung, die so viel tiefer als die meiner Gefühls- und Verstandeswelt war. Gleichzeitig bedeutete die Erfüllung mit dem Heiligen Geist für mich die Integration meiner Gefühlswelt in den Glauben. Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Glaube vor allem von Verstand und Willen geprägt. Für Gefühle gab es nicht viel Raum. Der Empfang des Heiligen Geistes in dieser Weise berührte jedoch auch meine Gefühlswelt und half mir, Verstand, Wille und Gefühle in eine gute Balance zu bringen. Allerdings ist es mir bis heute wichtig, den Heiligen Geist nicht mit unseren Gefühlen zu verwechseln.

Jene Gebetsnächte veränderten mich. Es war mir, als ob mir Jesus das Du angeboten hätte, obwohl ich ihn doch nie in der Sie-Form angesprochen hatte. Die Nähe zu Jesus und die Erkenntnis dessen, was er für mich und für alle Menschen am Kreuz getan hat, war so überwältigend, dass ich vollständig von ihm erfüllt wurde. Immer wenn ich versuche, diese Erfahrung in Worte zu fassen, spreche ich davon, dass die Taufe im Heiligen Geist in mir Intimität und Power bewirkt hat, eine ganz tiefe Intimität zu Jesus und eine neue Ausrüstung mit Vollmacht. In der Folgezeit spürte ich über viele Jahre die ständige Präsenz des Heiligen Geistes bei Tag und Nacht in mir. Es war, als ob der Heilige Geist selbst in mir betet und mich ständig zu Jesus und zum Vater zieht.

Mehr und mehr konnte ich die innere Blockade gegenüber dem Sprachengebet überwinden und wurde freier, den ungewohnten Silben und Worten in meinen Gebeten Raum zu geben. Dabei war es zu Beginn wichtig, den Mund aufzumachen und auch den Ton dazu zu geben und nicht passiv zu erwarten, dass dies automatisch geschieht. Neben dieser Form des Sprachengebets lebt in mir noch eine andere, die einen weit größeren Raum einnimmt. Es ist das ständige Gebet des Heiligen Geistes in mir als stilles Sprachengebet, bei dem sich nur innerlich etwas bewegt. Durch dieses innere Sprachengebet entsteht eine große Nähe und Unmittelbarkeit zu Jesus, weil ich fortwährend mit ihm in Kontakt bin.

Diese tiefe Erfahrung mit dem Heiligen Geist veränderte mein theologisches Denken und meine Praxis. Der Heilige Geist war aber längst vor dieser Erfahrung in meinem Leben wirksam. Schon oft durfte ich Menschen den Zugang zum Glauben eröffnen und durch meine Verkündigung trösten und ermutigen. Auch der Bereich der Heilung war mir nicht fremd. Fünf Jahre zuvor hatte ich selbst ein Heilungswunder bei einer Form des Hautkrebses erlebt. Als er zum ersten Mal auftauchte, ging ich selbstverständlich in die Klinik und wurde operiert. Beim zweiten Mal war ich zuvor auf einer charismatischen Konferenz von „Jugend mit einer Mission“ und als das Karzinom zu erkennen war, wurde mir sehr konkret der Glaube geschenkt, für Heilung zu beten. Innerhalb von wenigen Tagen war der Krebs verschwunden.

Und doch war diese Erfüllung mit dem Heiligen Geist, wie ich sie in jenen Gebetsnächten erleben durfte, von einer völlig anderen Qualität. Eine theologische Reflexion der Erfahrung war angesagt. Mein theologisches Denken wurde modifiziert. Während meiner theologischen Ausbildung hatte ich mir erlaubt, in meiner Bibel bei Apostelgeschichte 8 ein dickes Fragezeichen zu machen, ebenso in Kapitel 10 und 19. In allen drei Geschichten geht es um eine tiefe Erfahrung mit dem Heiligen Geist, die als „Fallen“ des Geistes auf die Menschen bezeichnet wird. In 1. Korinther 12,3 schreibt Paulus, dass niemand Jesus seinen Herrn nennen kann ohne den Heiligen Geist. Auch sonst betont er an vielen Stellen, dass der Heilige Geist uns gegeben wurde. Wie konnte es dann sein, dass die Menschen in Samaria zum Glauben gekommen waren und der Heilige Geist erst später ausgegossen wurde, als die Apostel die Hände auflegten? Mit meinen Fragezeichen hatte ich markiert, dass ich mit diesen Stellen und womöglich auch mit einer solchen Theologie meine Mühe hatte. Die persönliche Erfahrung der Taufe im Heiligen Geist löste diese Fragezeichen-Stellen in meiner Bibel – und in meinem Kopf – auf. Der Heilige Geist ist natürlich am Werk, wenn wir zum Glauben kommen, und er begleitet uns auf unserem Glaubensweg. Dennoch war diese Erfahrung wie ein Quantensprung in meinem Leben und seitdem durfte ich bei sehr vielen Menschen erleben, dass durch die Taufe im Heiligen Geist eine Erfahrbarkeit im Glauben geschenkt wird, die Freude, Intimität mit Gott, Hingabe und Vollmacht auslöst.

Die Taufe im Heiligen Geist kündigt Jesus selbst an, und die Jünger erfuhren sie an Pfingsten. Als das Evangelium nach Samaria kam (Apg 8) oder Menschen anderer Volksgruppen erreichte (Apg 10), kommt es zu dieser pfingstlichen Erfahrung mit dem Heiligen Geist. Doch es bleibt nicht bei der Ersterfahrung. Apostelgeschichte 4,29 beschreibt, wie die Jünger, nachdem ihnen die Predigt von Jesus Christus durch den Hohen Rat untersagt worden war, um neuen Mut beteten. Die Folge war eine neue Erfüllung mit dem Heiligen Geist (Apg 4,31). Deshalb bin ich überzeugt, dass wir immer wieder aufs Neue um die Erfüllung mit dem Heiligen Geist bitten dürfen, und mache Mut, immer wieder in das Wasser des Heiligen Geistes einzutauchen, ganz gleich, ob es sich dabei um eine erste Taufe im Geist oder um eine erneute Erfüllung handelt. Der Heilige Geist ist die Erfahrbarkeit Gottes. Genau diese Erfahrbarkeit Gottes benötigen wir so dringend.

Ein bildhafter Vergleich hat mir sehr geholfen. Mit dem Heiligen Geist ist es wie mit einem Stück Würfelzucker im Kaffee. Erst wenn wir umrühren, wird der ganze Kaffee süß. So ist der Heilige Geist seit der Taufe in uns. Aber die Erfüllung mit dem Heiligen Geist ist wie dieses „Umrühren“, so dass er uns ganz und vollständig durchdringen kann.

Die innere Auseinandersetzung mit dem Thema Heiliger Geist, aber auch die Schattenseite der positiven Erfahrung konnte ich an meinem eigenen theologischen Denken und meinen Fragen und Bedenken erkennen. Jede Betonung der guten Erfahrungen in mir löste sofort die Frage aus, ob denn das Bisherige nicht genügen würde, ob ich denn bisher ohne Heiligen Geist gewesen wäre und ohne Vollmacht. Deshalb ging ich sehr sorgfältig mit dem Reden über meine Erfahrung um. Gleichzeitig war mir natürlich klar, welche Kraft in diesem Vorgang liegt und wie sehr wir als CVJM und als Kirche genau diese Erfahrung der Erfüllung mit dem Heiligen Geist benötigen.

So machte ich mich als verantwortlicher Leiter mit unserer Gemeinschaft sensibel und doch mutig auf einen langen Weg der geistlichen Erneuerung. Zunächst führte ich persönliche Gespräche im Leitungsteam und mit einzelnen Mitarbeitenden, dann gab ich Impulse im erweiterten Leitungsteam. Referenten von außen teilten ihre geistlichen Erfahrungen mit uns. Drei Jahre später führten wir in unserem Leiterkreis mit ca. 20 Personen das „Leben im Geist-Seminar“ der Katholischen Charismatischen Erneuerung durch. Einige ließen sich bereitwillig darauf ein, andere mussten deutlich längere Wege gehen. Aber die Bereitschaft, sich auf einen Weg einzulassen, war geweckt. Ein Jahr später konnten wir mit der ganzen Mitarbeitergemeinschaft (ca. 100 Personen) ein Wochenende dem Thema „Heiliger Geist“ widmen. Es war mir wichtig, die großen Linien zu lehren, genügend Raum zum vertiefenden Gespräch zu lassen und einen Gebetsabend zu gestalten, an dem einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr persönliche Schritte im Gebet gehen und sich (neu) mit dem Heiligen Geist erfüllen lassen konnten. Die Gebetsabende auf unseren Tagungen wurden in den folgenden Jahren zu einem der Schlüssel für unseren geistlichen Weg.

Als ich Jahre später den Alpha-Kurs, einen aus der anglikanischen Kirche stammenden Glaubensgrundkurs, kennenlernte, staunte ich nicht schlecht über die Fülle an theologischen Parallelen zwischen meinem Referat beim Mitarbeiterwochenende 1990 und den Vorlagen von Alpha zum Thema Heiliger Geist. Für mich war diese Parallelität eine starke Ermutigung, zeigte sie doch denselben theologischen Duktus anhand der Heiligen Schrift.

III. Impulse der Hoffnung

1. „Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir!“

Zu Beginn meiner Tätigkeit im CVJM Esslingen wollten wir möglichst niederschwellig viele Mitarbeitende für die Mitarbeitergemeinschaft gewinnen. Nach einigen Jahren gehörte der überwiegende Teil bereits dazu. Deshalb bewegte mich die Frage sehr, wie wir wieder zu mehr Tiefgang finden konnten. Als Verantwortliche planten wir deshalb zum Jahreswechsel 1990/91 eine mehrtägige Leitertagung mit Wilhelm Bläsing, einer Gründerpersönlichkeit aus dem CVJM München. Er brachte uns seine Vision der Mitarbeitergemeinschaft als Gemeinde nahe und verwendete dafür bewusst das Wort Ekklesia, die Bezeichnung für Gemeinde im griechischen Urtext des Neuen Testamentes. Zu dieser Vision von Gemeinde gehörten Grundelemente wie das Leben mit dem Wort Gottes, Seelsorge, Leben im Heiligen Geist, den Zehnten geben etc. Für manche war das alles selbstverständlich und entsprach dem, was sie lebten. Für andere war es herausfordernd. So vereinbarten wir, einige Zeit daran zu arbeiten und diese Grundelemente einzuüben. Nach einigen Jahren wollten wir das Erlebte reflektieren und prüfen, ob daraus eine gemeinsame Überzeugung entstehen könnte.

Deshalb kamen wir zu Beginn des Jahres 1994 wieder zu einer Klausur zusammen, bei der uns Wilhelm Bläsing und Günter Philipp vom CVJM München begleiteten. Die Jahre der Einübung hatten uns geholfen, gemeinsame Grundüberzeugungen zu formulieren. Unser Ziel war jetzt, diese in die gesamte Mitarbeitergemeinschaft einzubringen. Am Gebetsabend wurden wir überrascht vom Heiligen Geist und in eine neue Dynamik geführt.

Den Umgang mit prophetischen Impulsen hatten wir längst eingeübt. Wir waren offen für persönliche Eindrücke, prüften die Worte und Bilder und nahmen diejenigen auf, die eine Resonanz in uns fanden. Anderes legten wir entspannt beiseite im Wissen, dass es manchmal nur persönliche Wünsche und Absichten, nicht aber Impulse Gottes sind.

Aus dem Gebet heraus sprach einer der Verantwortlichen mir in der großen Runde ein biblisches Wort zu. Dieser Vorgang, ein Wort für einen Einzelnen in solch einer großen Runde einzubringen, war eher ungewöhnlich. Das Wort lautete: „Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben“ (Jes 55,3). Dieses Wort als persönliche Verheißung bewegte mich in der Folgezeit sehr. Es fiel tief in mein Herz, und ich wusste, dass damit ein neues Kapitel in meiner persönlichen Lebens- und Familiengeschichte aufgeschlagen wurde. Der Lobgesang Marias stieg in mir auf und erfüllte mich mit Jubel: „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes …“ (Lk 1,47). In den folgenden Monaten und Jahren klang dieser Lobgesang, der für viele katholische Geschwister von so großer Bedeutung ist, mächtig in mir, obwohl ich bis dahin keinen persönlichen Zugang dazu hatte. Mein Verstand sagte mir allerdings, dass beide Worte viel zu groß wären, um sie persönlich nehmen zu dürfen. Gleichzeitig erzeugten sie eine solche Resonanz in mir, dass ich zutiefst darum wusste, dass Gott ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen hatte.

Doch dann erging dieses Wort aus Jesaja 55 wenige Minuten später an uns als gesamte Mitarbeitergemeinschaft. Aus der Stille und dem Gebet heraus hörten wir die biblische Verheißung mit einer großen Klarheit als konkretes Wort für uns alle:

Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. (Jes 55,3).

Diese prophetische Verheißung markierte einen Meilenstein auf unserem Weg von der Mitarbeitergemeinschaft zur Mitarbeitergemeinde und initiierte den Gründungsprozess. Jesaja 55,3 wurde zum Gründungswort der Mitarbeitergemeinde.

Weil dieses Wort so klar und eindeutig im Raum stand, legte ich über Nacht die für den nächsten Tag vorgesehene Predigt zur Seite, beschäftigte mich mit Jesaja 55,3 und schrieb darüber eine neue Predigt. Der Bibelvers sowie der biblische Zusammenhang wurden in mir sehr lebendig, und es erschien mir augenfällig, welche Parallelen zur Mitarbeitergemeinde gezogen werden konnten. So predigte ich am nächsten Morgen über Jesaja 55 und zog die Parallele zu vier der „beständigen Gnaden Davids“:

– die Gnade der Leiterschaft, denn ohne Zweifel war David ein exzellenter Leiter (Jes 55,4)

– die Gnade der Erfüllung mit dem Heiligen Geist, denn David war er gegeben und er bat darum, trotz seiner Fehltritte diese Gnade nicht zu verlieren: „Nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir“ (Ps 51,13)

– die Gnade des Lobpreises und der Anbetung, denn obwohl David nicht aus der priesterlichen oder levitischen Linie abstammte, ist er doch derjenige, dem die meisten Psalmen in der Bibel zugeschrieben werden

– die Gnade des missionarischen Dienstes, denn in V. 5 heißt es: „Völker, die dich nicht kannten, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels.“

Die Frage, wie das Wort vom Bund zu verstehen sei und ob innerhalb des neuen Bundes, den Jesus gestiftet hatte, Bundesgemeinschaften denkbar seien, forderte mein theologisches Denken heraus. In einer ersten Reflexion konnte ich jedoch eine kleine Anleihe bei Zinzendorf nehmen, wenn er in einem Lied formuliert:

Kommt, ach kommt, ihr Gnadenkinder,

und erneuert euren Bund,

schwöret unserm Überwinder

Lieb und Treu aus Herzensgrund;

Und wenn eurer Liebeskette

Festigkeit und Stärke fehlt,

o so flehet um die Wette,

bis sie Jesus wieder stählt.

(Evangelisches Kirchengesangbuch Nr. 251, 2)

Offensichtlich verstand Zinzendorf die von ihm gegründete „Herrnhuter Brüdergemeine“ als solch eine Bundesgemeinschaft innerhalb des neuen Bundes.

Als wir Jahre später im Rahmen von Miteinander für Europa mit katholischen Gemeinschaften zusammenkamen, die sich als Bundesgemeinschaften verstanden, konnten wir dieses Wort immer besser einordnen. Besonders hilfreich war für uns die Begegnung mit der Schönstatt-Bewegung, die eine ausgeprägte Bündniskultur lebt. Damals war es die Gemeinschaft Immanuel Ravensburg, die mit ihrem Selbstverständnis als Bundesgemeinschaft einen ersten Hinweis gab. Eine Gemeinschaft wird in ein Bundesverhältnis mit dem lebendigen Gott hineingerufen.

So wie die Gnadenzusage des Bundes Gottes mit seinem Volk in der Zeit nach dem Exil durch den Propheten erneuert wurde, dürfen wir dieses Wort als Zusage Gottes an die Mitarbeitergemeinde verstehen. Gott selbst schenkt diesen Gnadenraum und der Einzelne darf in dieses Bundesgeschehen eintreten.

Für uns schloss sich eine sehr intensive Phase an, in der wir die gemeinsamen Überzeugungen formulierten und sie durchaus auch kontrovers diskutierten, um sie am Ende als Grundlage für unseren weiteren Weg zu beschließen.

Es berührte mich und viele Verantwortliche innerlich sehr tief, als in der Osternacht 1995 in einer offenen Gebetszeit über 100 Mitarbeitende sehr persönlich ihren Glauben und ihre Zugehörigkeit zur neu gegründeten Mitarbeitergemeinde zum Ausdruck brachten. Als wir am Ostersonntag nach Ende der Tagung zur Verabschiedung zusammenstanden, da war die innere Verbundenheit so stark, dass kaum einer nach Hause fahren wollte, weil uns bewusst war: Wir waren dabei, als Gott etwas Neues entstehen ließ und wir dürfen dazu gehören.