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Bis heute bleibt rätselhaft, warum es zum Ausbruch einer Schizophrenie im Leben eines Menschen kommen kann. Zahlreiche Mythen ranken sich um diese Geisteskrankheit. Man kann sie bis heute noch nicht befriedigend erklären. In dieser wahren Geschichte, dieser Biografie, wird aufgezeigt, was passiert, wenn man sich in (s)einer geschaffenen Welt im Kopf verliert. Aus dem anfänglich angenehmen Wolkenkuckucksheim im Verstand, in welches man sich in Notzeiten zurückzog, kann ein finsterer Ort werden, von dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Ich litt nicht nur an merkwürdigen Vorstellungen wie religiösem Wahn, sondern auch an Allmachtsfantasien und sehr großer Angst. Wie diese Krankheit entstehen kann und wie man mit ihr kämpft, wird hier beschreiben. Auch der Gott der Bibel hat ein Wort mitzureden.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der Autor, Jahrgang 1976, lebt in Bayern. Er machte eine technische Ausbildung und arbeitete jahrelang in diesem Beruf. Eine schwere psychische Krankheit, die schon in jungen Jahren auftrat, zwang ihn dazu, Fragen zu stellen. Wer ist Gott? Könnte Gott mir helfen? Wie kann ich bewirken, dass Gott mich akzeptiert?
Antworten fand er in der Bibel und im christlichen Glauben, letztendlich bei Jesus Christus selber. Nachdem der Autor seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, hatte er seine Arbeit ins Internet verlagert, wo er mehrere Blogs und ein Forum betrieb. Er nutzte die sozialen Medien, um den christlichen Glauben dort zu verbreiten. Zur Zeit sucht er nach neuen Aufgaben.
Über den Autor
Vorwort
Vater trinkt und Gott ist streng
Stephen King und der Grey
Zusammen und doch nicht eins
Eine Psychose bahnt sich an
Husten
Auf der Suche nach Gott
Besuch von Gott?
Auf göttlicher Mission
Verdammnis
Vom Land in die Stadt
Endstation Psychiatrie
Die Wende
Heute
Flucht aus dem Wolkenkuckucksheim
Ratschläge für Schizophrenie-Kranke
Jesus kam, uns zu erlösen, preiset den Herrn
Bonus: Linkliste
26 Und sie fuhren in das Gebiet der Gadarener, das Galiläa gegenüberliegt. 27 Und als er ans Land gestiegen war, kam ihm ein Besessener aus der Stadt entgegen, der seit langer Zeit Dämonen hatte und keine Kleider mehr trug und sich auch in keinem Haus aufhielt, sondern in den Gräbern. 28 Als er aber Jesus sah, schrie er, warf sich vor ihm nieder und sprach mit lauter Stimme: Was habe ich mit dir zu tun,4 Jesus, du Sohn Gottes, des Höchsten? Ich bitte dich, quäle mich nicht! 29 Denn Er hatte dem unreinen Geist geboten, von dem Menschen auszufahren; denn der hatte ihn schon lange Zeit in seiner Gewalt, und man hatte ihn mit Ketten gebunden und mit Fußfesseln verwahrt, aber er zerriß die Fesseln und wurde von dem Dämon in die Einöde getrieben. 30 Jesus aber fragte ihn und sprach: Wie heißt du? Er sprach: Legion! Denn viele Dämonen waren in ihn gefahren. 31 Und er bat ihn, er möge ihnen nicht befehlen, in den Abgrund zu fahren. 32 Es war aber dort eine große Schweineherde an dem Berg zur Weide, und sie baten ihn, daß er ihnen erlaube, in jene zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. 33 Da fuhren die Dämonen von dem Menschen aus und fuhren in die Schweine, und die Herde stürzte sich den Abhang hinunter in den See und ertrank. 34 Als aber die Hirten sahen, was geschehen war, flohen sie und gingen hin und verkündeten es in der Stadt und auf dem Land. 35 Da gingen sie hinaus, um zu sehen, was geschehen war, und kamen zu Jesus und fanden den Menschen, von dem die Dämonen ausgefahren waren, bekleidet und vernünftig zu den Füßen Jesu sitzen, und sie fürchteten sich. 36 Die aber, welche es gesehen hatten, erzählten ihnen auch, wie der Besessene gerettet worden war. 37 Da bat ihn die ganze Volksmenge aus der umliegenden Gegend der Gadarener, von ihnen wegzugehen; denn es hatte sie eine große Furcht ergriffen. Er aber stieg in das Schiff und kehrte zurück. 38 Der Mann aber, von dem die Dämonen ausgefahren waren, bat ihn, daß er bei ihm bleiben dürfe. Aber Jesus entließ ihn und sprach: 39 Kehre zurück in dein Haus und erzähle, was Gott dir Großes getan hat! Und er ging und verkündigte in der ganzen Stadt, was Jesus ihm Großes getan hatte.
(Lukas 8,26-39)
Die Geschichte des Gadareners ist eine zeitlose Geschichte, in dem Sinne, dass sie uns auch heute etwas zu sagen hat.
Sie ähnelt meiner Geschichte. Natürlich ist meine Geschichte ein wenig anders...
Meine Geschichte ist wahr, so wie ich sie hier beschreibe. Sie spiegelt meine Erlebnisse wieder. Wenn man wahnsinnig wird, dann hält man das, was man erlebt, für die Wirklichkeit. Der menschliche Geist und der Verstand sind hoch komplex. Wir Menschen haben durch unseren Geist die erstaunlichsten Dinge vollbracht. Menschen können heute die DNA erforschen. Sie haben entdeckt, wie die kleinsten Zellen funktionieren. Sie haben es geschafft zum Mond zu fliegen und in wenigen Stunden in weit entfernte Länder zu reisen.
Der menschliche Geist kann auch träumen, wenn wir nachts schlafen. Man kann schöne Träume haben oder Albträume. Doch was ist, wenn man am helllichten Tag Albträume hat? Was ist, wenn die wahrgenommene Realität sich in einen Albtraum verwandelt, aus dem man nicht mehr entrinnen kann, weil man darin festsitzt? Was geschieht, wenn man sein selbst geschaffenes ‘Wolkenkuckucksheim’ nicht mehr verlassen kann, weil man darin gefangen ist? Wenn der Schrecken alltäglich wird?
So etwas habe ich erlebt. Ich schildere diese Geschichte aus meiner Perspektive. Der Leser mag sich vielleicht manchmal entrüstet an den Kopf fassen und sagen: „Spinnt der total? Ich würde nie so einen Unsinn glauben.“ Vielleicht können Sie es sich nicht vorstellen, wie man zu solchen Gedanken kommen kann. Aber ich möchte Ihnen versichern: Entsprechende Erfahrungen, Erlebnisse in der Kindheit, Horrorromane, teuflische Musik und Drogenmissbrauch, eine in die Brüche gegangene Beziehung und das Grundgefühl Angst sind das Rezept dafür, dass einem die Sicherungen im Gehirn und im Verstand durchknallen können.
Die Folge davon war, dass ich glaubte, Gott gesehen zu haben, und dass ich mich als kleinen Christus sah. Doch die Kräfte und Mächte, die ich anzapfte, meinten es nicht gut mit mir. Wahnsinn oder Realität? Für einen psychisch kranken Menschen ist diese Unterscheidung sehr schwer. Doch beim Wahnsinn ist manchmal nicht alles nur Einbildung. Es gibt in manchen Fällen eine reale Kraft, die Wahnsinn hervorruft und sich dahinter verbirgt. So war es bei mir. Oder doch nicht?
In den vergangenen Jahren bin ich vielen Menschen in der Psychiatrie begegnet, denen es ähnlich wie mir ging. Irgendwo und irgendwann in ihrem Leben haben sie eine falsche Abzweigung auf ihrem Weg genommen. Sie haben sich in etwas verrannt und kommen nicht mehr alleine heraus. Für diese Menschen habe ich meine verwirrende Geschichte aufgeschrieben. Es gibt einen Weg heraus. Es gibt einen Weg aus dem Wahnsinn.
(Die Namen der erwähnten Personen wurden geändert.)
Rückblende 1 – Der Schimmelreiter
Ich habe Angst. Ich bin jetzt in der ersten oder zweiten Klasse - also acht bis neun Jahre alt. Im Fernsehen läuft gerade der „Schimmelreiter“. Der Vorspann macht mir Angst. Ein vermummter, anonymer Mann reitet nachts die Deiche der Nordsee entlang. Niemand weiß, woher er kommt und niemand weiß, was er vorhat, oder wer er ist. Er ist ein Phantom ohne Gesicht. Er verbreitet Angst, wenn er auftaucht. Und niemand weiß, wo er als Nächstes erscheinen wird.
Ich muss gleich los. Meine Eltern sind noch verheiratet, aber zuhause kriselt es schon. Mein Vater trinkt und trinkt. Es liegen Ärger und Aggressionen in der Luft. Meine Eltern streiten sich ständig. Beide scheinen an mir zu zerren, und jeder will mich auf seine Seite ziehen. Ich soll für einen der beiden Partei ergreifen, aber ich kann nicht. Ich liebe meine Mutter und meinen Vater und kann nicht einen gegen den anderen eintauschen.
Eigentlich stehen aber mein Vater und sein Alkoholismus im Vordergrund. Obwohl niemand darüber spricht, ahne ich doch, dass in unserer Familie etwas nicht stimmt. Weil mein Vater mal sehr nett ist und dann wieder total verletzend, wenn er trinkt, weiß ich nicht, woran ich bei ihm bin. Er ist auch ablehnend meiner Mutter und mir gegenüber, wenn er stark betrunken ist. Und so versuche ich es ihm recht zu machen, damit er ruhig bleibt.
Ich versuche ein guter Sohn zu sein, der nicht negativ auffällt. Ich will Anerkennung und Wertschätzung von meinem Vater, aber er trinkt meistens mit seinen Freunden am Küchentisch und beachtet mich nicht groß. Ich ziehe mich dann häufig zurück und spiele Lego in meiner eigenen Fantasiewelt. Hier habe ich das Sagen. Hier bin ich der Held. Die Situation, die ich real nicht meistern kann, löse ich in meiner Welt. Dort werde ich von vielen Feinden bedrängt, aber ich komme rechtzeitig aus brenzligen Situationen heraus. Ich vernichte den Feind und bekomme die Frau, die mich so liebt wie ich bin – ein Held.
In der realen Welt bin ich kein Held. Ich bin ein Waschlappen. Ich bin feige und wage es nicht, meinem Vater die Stirn zu bieten. Und ich habe Angst. Angst vor meinem Zuhause und Angst vor dem Schimmelreiter, der draußen in der Nacht herumreitet. Ich musste schon viel zu früh erwachsen werden. Daher musste ich mit der Angst, die ich hatte, alleine fertig werden.
Es ist ein Herbstabend. Es ist schon früh dunkel, und dort draußen ist Nebel. Meine Aufgabe in der Familie ist es, Milch zu holen. Jeden Abend begebe ich mich auf den Weg zu einem Bauern. Er wohnt einige Häuser weit entfernt von uns. Ich gehe jeden Abend dorthin und lasse mir die frisch gemolkene Milch in eine Milchkanne füllen. Der Bauer verlangt jedes Mal achtzig Pfennig, die ich ihm aushändigen werde, wenn ich da bin. Doch der Weg durch die Dunkelheit vom Elternhaus zum Bauernhof ist das Schlimmste für mich. Ich habe Angst vor dem Namenlosen. So wie der Schimmelreiter jeden Abend im Fernsehen reitet und Furcht verbreitet, fühle ich mich bedroht und verfolgt von einem namenlosen, anonymen Wesen. Die Fremdheit und das Ungewisse und eine bedrohliche, dunkle Gestalt, die eine Maske trägt und von der niemand weiß, welches Gesicht darunter liegt, machen mir zu schaffen. Während ich durch die schwarze Nacht gehe, fühle ich mich verfolgt. Jedes Geräusch lässt mich aufhorchen. Anfang des Weges gehe ich. Ich habe unbeschreibliche Angst. Die Angst wird stärker. Am Ende des Weges renne ich. Endlich, sehnlich erwartet, trete ich in das gedämpfte Licht des Stalls. Die Bäuerin gießt mir Milch in die Kanne. Dann ist die Angst wieder da. Ich muss wieder hinaus in die Dunkelheit und in den Nebel. Ist das Namenlose, Gesichtslose noch da draußen? Wieder gehe ich, zum Schluss renne ich. Ich kann mit niemandem über diese Angst reden. Niemand kommt mit, ich muss ganz alleine da durch.
Rückblende 2 – Gott ist streng
Ich bin in die Schule gekommen und ca. sieben Jahre alt. Es macht mir keinen Spaß dort. Wir haben einmal in der Woche einen Gottesdienst für Schüler. Er ist langweilig. Ich verstehe nicht, was dort genau vor sich geht. Alles ist geheimnisvoll. Gott ist geheimnisvoll. Ich höre, dass man es Gott recht machen muss, wenn man ihm gefallen will. Gott ist streng. Wer nicht alles gibt, was er kann und hat, kann nicht in den Himmel kommen.
Trotzdem bin ich interessiert. Wir haben auch Religionsunterricht, den der Pfarrer unseres Dorfes hält. Er erzählt uns von den Heiligen und von Gott. Als ich einmal eine Frage über 'Gott' stelle, weist mich der Pfarrer zurecht: „Für Dich ist das immer noch der `liebe Gott´“, sagt er.
Einmal erklärt der Pfarrer, wie man in den Himmel kommt. Er ruft einen Schüler auf und stellt ihn an die Tafel: Arthur. Er erklärt, dass Arthur in seinem Leben gute und böse Dinge tut. Er macht eine Liste an der Tafel. Für jede gute Tat, die Arthur tut, bekommt er einen Strich auf der linken Seite. Für jede böse Tat einen Strich auf der rechten Seite. Die Tafel ist voll von Strichen. Der Pfarrer sagt, dass am Schluss abgerechnet wird. Gibt es mehr gute Taten als schlechte, kommt Arthur in den Himmel. Gibt es aber mehr schlechte Taten als gute, kommt er in die Hölle. So verläuft Gottes Gericht am Ende der Tage, vor Gottes Thron. Arthur hat es gerade noch geschafft, wie es den Strichen auf der Tafel zu entnehmen ist.
Ich bezweifle, dass ich das schaffe. Irgendwie weiß ich, dass ich nicht so viele gute Taten vorweisen kann, und ich glaubte irgendwie auch, dass man nur als Heiliger, der sich sehr, sehr anstrengt und schließlich für Jesus stirbt, in den Himmel kommen kann. Diese ungeheuren Anstrengungen der Heiligen, die im Unterricht beschrieben werden, können ja nur die wenigsten Menschen aufbringen. Alle anderen werden vor der Himmelstür abgewiesen.
Die Schule macht mir keinen Spaß. Alles hier ist so streng und grau und ich kann mit niemandem reden, was zuhause vor sich geht. Ich muss einfach dorthin, ob es mir gefällt oder nicht. Das quält mich. Wie kann ich es Gott recht machen? Interessiert er sich für mich? Muss ich wie Jesus am Kreuz sterben? Mag mich Gott überhaupt?
Vater trinkt und Gott ist streng
Wie passen alle Rückblenden zusammen? Um jetzt etwas Ordnung in die Geschichte zu bringen, beginne ich von vorn. Ich kam am 18.11.1976 auf die Welt.
Mein Vater erzählte mir die Geschichte öfter: Als meine Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde, kam ich durch Kaiserschnitt zu früh auf die Welt. Direkt nach meiner Geburt kam ich in den Brutkasten.
Mein Vater, der gehört hatte, dass meine Mutter im Krankenhaus entbunden hatte, beschloss, erst mal richtig zu feiern. Als er sich mit seinem Freund auf den Weg zum Krankenhaus machte, besuchten sie aus Versehen das falsche Krankenhaus. So etwas kann eigentlich nur meinem Vater passieren. Noch heute muss ich lachen, wenn er davon erzählt und er lacht dann auch.
Wir wohnten damals noch in dem Ort, in dem mein Großvater drei Häuser gebaut hatte. Eines gehörte meinen Großeltern, das andere meiner Tante und eines meinem Vater, meiner Mutter und mir. Hier wuchs ich auf. Mein Vater arbeitete in der Zimmerei meines Onkels und meine Mutter arbeitete in einer Bank als Putzfrau. Daher war es klar, dass ich in den Kindergarten gehen musste, weil beide Elternteile berufstätig waren.
Die Ferien verbrachte ich hauptsächlich bei meinen Großeltern mit meinen vielen Cousinen. Die Ferien waren immer schön. Wir schauten das Ferienprogramm. Wir lagen sonnenbadend im Garten und machten viele Spiele wie z. B. Stadt-Land-Fluss, Begriffe-raten und Verstecken. Diese Ferien sind mir in schöner Erinnerung geblieben. Auch meine Kindergartenzeit war schön. Wenn wir Enkelkinder bei Oma und Opa waren, kümmerten sie sich gut um uns. Aber viel weiß ich nicht mehr davon, erinnere mich nur noch gut an schöne Sommer, Grillen mit den Nachbarn und schöne Weihnachtsfeste, bei denen man sich auf die Geschenke freute. Ich erinnere mich auch an Schlittenfahrten im Winter und einen Dackel, der uns gehörte und der den Fußball mit der Schnauze führen konnte.
Später kam die Grundschulzeit. In die Grundschule ging ich nicht gerne. Zuhause hatte es schon angefangen zu kriseln. Mein Vater kam oft angeheitert von der Arbeit und trank zuhause weiter. Manchmal ging er auch in die Kneipe und kam spätabends nach Hause und begann mit meiner Mutter zu streiten. Die Stimmung zuhause war gespannt und es lag immer Aggressivität in der Luft, wenn mein Vater getrunken hatte.
Darum begann ich, mich immer mehr zurückzuziehen in mein Spielen und in meine Traumwelt. Schon seit frühester Kindheit hatten meine Eltern mir Lego-Steine geschenkt. So hatte ich eine beachtliche Sammlung, aus der ich mir Raumschiffe, Häuser und Fahrzeuge baute. Meine Eltern hatten einen Videorekorder, den ich schon früh bedienen konnte. Deshalb schaute ich mir oft Science-Fiction-Filme oder Filme mit James Bond an. Die Filmszenen übernahm ich in mein Legospiel. Hier war aber ich der Held und meisterte immer die schwierigen Situationen und bekam am Schluss die Frau. Während die bedrückende Stimmung und die Konflikte immer größer wurden, wurde meine Traumwelt immer verlockender, ihre Anziehungskraft nahm immer mehr zu. Ich wollte gerne ein Held sein. Ich wollte sein wie James Bond, der die unmöglichsten Herausforderungen bestand, den Feind besiegte und zum Schluss als Held dastand.
Meine Eltern hatten mir auch schon früh Bilderbücher und dann auch Bücher für Kinder und Jugendliche gekauft. Nachdem ich lesen gelernt hatte, tauchte ich ein in eine Welt voller Abenteuer. Meine Fantasie war groß und die Flucht in diese Traumwelt verlockend.
Doch die grausame Realität holte uns ein, als mein sonst netter Vater begann, nachts mit aggressiver Stimmung nach Hause zu kommen. Wenn er abends betrunken heimkam, wurde er so aggressiv, dass er nicht mehr vor Streit, meist verbal, zurückschreckte. Ich war damals meistens schon im Bett und hörte den Streit und das Gepolter unten im Esszimmer. Ich hatte große Angst vor dem, was dort vor sich ging, denn ich hörte nur Stimmen, Geschrei und Geschimpfe. Würde mein Vater meine Mutter angreifen? Was wäre wenn? Warum hatte ich nicht den Mut, nach unten zu gehen, um meine Mutter zu schützen? Ich war ein Feigling, kein Held. Ich hatte einfach nur große Angst.
Einmal hatte ich dann doch den Mut einzugreifen. Es war eine eigenartige Situation:
Mein Vater saß am Tisch und redete ärgerlich mit meiner Mutter. Die Stimmung war sehr angespannt. Würde er vielleicht heute wieder mit kritischen Worten auf meine Mutter losgehen, würde die Situation eskalieren? Ich hatte Angst. Dieses Mal war meine Angst vor ihm jedoch nicht so groß und ich beschloss, etwas zu unternehmen. Ich schlich bei der Dunkelheit aus dem Haus und ging zu meinem Opa. Als der Opa die Tür aufmachte, fragte er mich, was denn los sei, dass ich so spätabends noch kommen würde. Ich schilderte ihm in meiner Verzweiflung, dass mein Vater ganz komisch wäre und betrunken. Ich sagte ihm auch, dass ich Angst um meine Mutter hätte, weil Papa etwas Schlimmes tun könnte. Mein Großvater beschloss daraufhin, der Sache auf den Grund zu gehen und kam mit. Als er bei meinen Eltern ankam, fragte er, was hier los wäre und ob mein Vater gewalttätig geworden wäre. Die Eltern stritten ab, Streit gehabt zu haben, obwohl er ja wirklich stattgefunden hatte. Dann erklärte mein Opa, dass er auf meine Bitte hin gekommen wäre. Mein Vater schimpfte daraufhin mit mir und sagte, ich sei ein Verräter, ein Judas. In diesem Momente bekam ich große Angst vor meinem Vater. Hatte ich etwas falsch gemacht? War ich wirklich ein Verräter? Ich wollte doch nur meine Mutter schützen.
Am nächsten Tag wartete ich auf eine Reaktion von meinem Vater. Was würde geschehen? Nichts geschah!
Während meiner Kindheit war ich viel auf mich allein gestellt. Meine Eltern waren beide berufstätig. Meistens kam ich am Mittag von der Schule heim, meine Mutter machte uns etwas zu essen und ging dann bald darauf zum Putzen. Manchmal durfte ich meine Mutter auch in die Bank begleiten, aber das kam eher selten vor. Aber es war jedes Mal eine aufregende Erfahrung, wenn ich dann in dem großen Haus spielen durfte.
Wenn ich allein zuhause war, schaute ich meistens fern. Die Kinderstunde am Nachmittag guckte ich mit Begeisterung. „Captain Future“ und viele, viele andere Serien waren meine Erzieher in dieser Zeit. Manchmal besuchten mich auch Freunde aus der Schule und wir spielten in der Natur oder drinnen mit den Legos. Ich muss sagen, dass ich viele gute Freunde hatte und mit diesen machte das Spielen Spaß. Das war eine willkommene Abwechslung, bevor die Angst kam, die Angst vor dem Nachhausekommen meines Vaters. Ich fürchtete manchmal den Zeitpunkt, wenn er mit seinem orangen Mofa in den Hof herein fuhr.
Mein Vater ist kein schlechter Mensch. Unsere Beziehung war auch nicht nur schlecht. Ich liebe meinen Vater. Er ist im nüchternen Zustand gutmütig und er würde jedem sein letztes Hemd anbieten, wenn dieser in Not wäre. Mein Vater ist freigiebig und sanft. Meine Mutter und mein Vater kamen jedoch nicht miteinander klar. Meine Mutter liebte meinen Vater in betrunkenem Zustand nicht, was auch verständlich ist, und mein Vater hatte beschlossen, dem aggressiv machenden Schnaps vor allem anderen den Vorzug zu geben. Damals trank er viel Hochprozentiges. (Manche Leute können Schnaps wie Limonade trinken und werden lustig und angeheitert, und manche werden aggressiv. Ich musste in meinem späteren Leben auf die harte Tour lernen, dass ich ebenfalls keinen Schnaps trinken sollte. Wie mein Vater wurde ich auch aggressiv davon. Mehrere Male verlor ich dabei auch die Kontrolle!)
Ich war ein Kind, das schon früh lernen musste, wie ein Erwachsener zu denken und zu reagieren. Ich musste mit den Problemen umgehen können und versuchen sie zu verstehen. Außerdem wusste ich durch die angespannte Situation zuhause nicht, wie es in Familien zugeht, in denen Geborgenheit herrscht. Ich konnte davon immer nur etwas erahnen, wenn ich bei meinen Freunden war und sah, wie liebevoll diese Väter mit ihren Kindern umgingen. So etwas hatte ich nicht immer. Leider war mein Vater durch den Alkohol wankelmütig. Ich hatte einen Vater, der sich betrank, wenn er zuhause am Tisch saß oder wenn er in seiner Werkstatt arbeitete. Obwohl er mich liebte, konnte er es nie richtig zeigen. Manchmal gab es vielleicht ein Lob oder Anerkennung, aber ich litt unter einem Mangel an Zuwendung, die ich gebraucht hätte. Mein Vater konnte mich in einem Moment loben und im anderen Moment verurteilen. Schuld daran war der Alkohol.
Ich gewöhnte es mir auch an, keine Gefühle mehr zu zeigen, denn meist waren sie nicht angebracht. Oft überkamen mich Schamgefühle. Scham über die Situation und Scham über Gefühle wie Schwäche, Traurigkeit und Verzweiflung, auch über mich selber. Manchmal wenn ich weinte, wurde mir dies ebenfalls verboten, denn schon meine Großeltern hatten das Motto: „Ein Junge weint nicht!“ Dieses Denken stammte noch aus der Kriegszeit.
Alles in allem sind das jedoch ganz „normale Dinge“, wie sie in einer dysfunktionalen Familie vorherrschen. Dies habe ich jedoch erst später erfahren.
Ich wuchs also heran und wurde jemand, der sich gerne in seine Traumwelt zurückzog und vom echten Leben träumte. Irgendwann konnte ich dann auch nicht mehr weinen.
In einer Nacht eskalierte der Streit zu Hause. Mein Vater wurde gewalttätig. Bis zu diesem Tag war es immer bei einem verbalen Streit geblieben. Dem ganzen war eine akute negative Phase zuhause vorausgegangen. Damals lag ich dann immer voller Angst in meinem Bett und hörte unten Schimpfen und Poltern. Manchmal hatten sie, also meine Eltern, über mich gesprochen. Das hatte mir zusätzliches Unbehagen bereitet, denn ich wusste nicht, was geschehen würde und warum sie über mich redeten. An diesem Abend verletzte mein Vater meine Mutter, so dass sie plötzlich in mein Zimmer kam und dann mit mir fluchtartig das Haus verließ. Mein Vater schrie hinter uns her und meine Mutter ergriff voller Panik meine Hand und wir eilten zu Bekannten meiner Eltern. Als wir dort angekommen waren, sah ich, dass meine Mutter ein blaues Auge hatte. Ich selbst war voller Angst und Scham darüber, was bei uns zuhause geschehen war. Niemand sollte eigentlich wissen, wie es bei uns zuging. In dieser Nacht schlief ich sehr schlecht und die Geschehnisse belasteten mich sehr. Am nächsten Tag feierte ein Freund von mir seinen Geburtstag. Auf dieser Feier wurde hinter meinem Rücken darüber getuschelt, was geschehen war. Es ging um mich und meine Familie. Warum hatte ich keine starke Familie?
Meine Mutter beschloss danach, sich von meinem Vater scheiden zu lassen. Es folgte eine schwierige Zeit, in der wir unser bisheriges Zuhause verlassen mussten und zu der Mutter meiner Mutter zogen. Meinen Vater sah ich danach nur noch selten.
Das Bild – Erste Erfahrung mit „Jesus“
Nach der Scheidung zogen wir, wie schon erwähnt, zu meiner Großmutter. Ich war damals in der 3. Klasse. Im Haus meiner Oma gab es mehrere Christuswinkel. Dabei handelt es sich um Ecken im Wohn- oder Esszimmer, in denen ein Kreuz und Ikonen stehen, mit Marien- , Jesus- oder Heiligenfiguren und -bildern. Dies war und ist zum Teil noch Tradition in vielen katholischen Häusern und Bauernhöfen. Das Zentrum in einem dieser Winkel bestand aus einem Bild, das das Gesicht von Jesus Christus darstellen sollte. Es zeigte ein schmerzverzerrtes Gesicht mit Wunden und Striemen. Aus diesem Bild stachen die Augen in einer besonderen Art und Weise heraus. Sie drückten eine unaussprechliche Qual aus. Um das Bild herum standen eine Marienfigur und eine Jesusikone.
Der Tradition entsprechend gab es auch im ganzen Haus verteilt Behälter, die mit Weihwasser gefüllt waren. (Weihwasser ist das Wasser, das der katholische Priester in der Osternacht segnet und welches bei Katholiken als besonderer Schutz gegen böse Einflüsse und zur Abwehr für Unglücksfälle gilt. Dieser Aberglaube ist in der katholischen Kirche immer noch stark präsent. Er ist jedoch nur eine heidnische Praktik unter vielen, die von Katholiken praktiziert wird.)
Zudem bewahrte meine Großmutter viele geweihte Gegenstände auf. Das waren z. B. Medaillen, die vor Unglück schützen sollten, gesegnete Rosenkränze, geweihte Bilder und viele andere Dinge.
Das besagte Bild zog immer wieder meine Blicke auf sich. Wenn ich das Bild ansah, hatte ich stets ein ungutes Gefühl in der Magengrube. Dieser 'Jesus' machte mir Angst. Durch das, was ich bisher in der Kirche und im Religionsunterricht gehört hatte, wusste ich, dass ich nicht gut genug für 'Jesus' war. Ich war kein Heiliger, wie sie immer beschrieben wurden, und hatte nicht viele gute Taten aufzuweisen, um in den Himmel zu kommen. Jesus würde jemanden wie mich sicherlich nicht lieben, sondern er würde mich gewiss ablehnen. Ich hatte auch Angst vor der Forderung, mein Kreuz auf mich zu nehmen und einen gewaltsamen Tod zu sterben. Nur solche Menschen, die alles für Jesus täten, würden in den Himmel kommen. So war es mir beigebracht worden. Diese Anstrengungen und das totale „sich-selbst-Verleugnen“ konnte ich niemals schaffen. Aus diesem Grund erzeugte der 'Jesus', der im Wohnzimmer vom Christuswinkel gequält herunter blickte, ein Gefühl der Schuld und der Minderwertigkeit in mir.
Eines Tages war es dann soweit. Ich muss ungefähr 11 Jahre alt gewesen sein. Es war kurz nach der Scheidung meiner Eltern und wir lebten, wie ich glaube, schon bei der Oma. (Es kann aber auch früher gewesen sein, als wir noch bei meinem Vater lebten. Ich weiß es nicht mehr genau.) Ich lehnte jedenfalls im Sessel und musste immer wieder auf das Bild blicken. Es machte mir Angst. Trotzdem blickte ich immer wieder weg und wieder hin. Als ich wieder ängstlich auf das Bild blickte, veränderten sich plötzlich die Augen des Bildes. Die Augen des 'Jesus' hatten plötzlich einen zornigen Gesichtsausdruck und starrten mich direkt an. Sie waren weit aufgerissen und ein unbändiger Hass stand in ihnen.
Erschreckt stieß ich einen Schrei aus und zwang mich wegzublicken. Als ich weggeblickt hatte (ich dachte ich hätte eine Halluzination), schaute ich wieder hin. Doch dieser 'Jesus' starrte mich immer noch zornig an. Ich stürzte schreiend aus dem Wohnzimmer und lief in die Küche, wo meine Großmutter und meine Mutter waren. Zitternd erklärte ich ihnen was geschehen war, doch sie schienen mir nicht recht zu glauben. Meine Oma ging dann hin und nahm das Bild ab. Sie tat es in eine Schublade. Es wurde nie wieder in unserem Haus aufgehängt.
Ich wusste jetzt jedoch, dass es stimmte, dass Jesus mich nicht mochte. Die Angst vor Jesus war gewachsen. Lange danach noch konnte ich mir nicht erklären, was an diesem Tag geschehen war.
(Die Erklärung dafür fand ich später:
Es gibt in der katholischen Kirche sogenannte „Wunder“ bei denen Ikonen Blut weinen und Heiligenbilder anfangen sich zu bewegen. Diese Phänomene sind weiter verbreitet, als man denkt. In der Kirche wird dies als ein Zeichen von Gott gesehen. Doch der Gott der Bibel verbietet die Verehrung von Bildern und Statuen. Die Katholische Kirche hat sich nicht an dieses Gebot gehalten. Die sich bewegenden Bilder und Statuen sind ein Zeichen dafür, dass dämonische Mächte am Werk sind. Denn der Teufel arbeitet mit diesen Phänomen, um die Menschen mit Sichtbarem zu betören, damit sie sich daran klammern. Die Bibel nennt das Götzendienst. Wenn er sie für das Sichtbare begeistert, dann zieht es sie nicht zum Glauben an den unsichtbaren Gott. Das sich bewegende 'Jesus'-Bild scheint ein Hinweis dafür gewesen zu sein, dass ich durch den Katholizismus mit Dämonen in Kontakt kam oder dass diese durch das Bild wirkten.)
Nach der Scheidung und dem Umzug zur Großmutter hatte ich noch kurz die Grundschule im alten Ort besucht und wechselte dann auf die Hauptschule in einem anderen naheliegenden Ort. Die Zeit in der Hauptschule war schön und von kindlichen Abenteuern geprägt. Weil meine Mutter weiterhin arbeiten ging, kochte meine Oma für mich. (Sie konnte ausgezeichnet kochen!) Die Nachmittage waren davon geprägt mit mit meinen neuen Freunden zu spielen, in den Wäldern und Wiesen oder an den Baggerseen. Wir spielten Soldaten und Krieg, Cowboy und Indianer, fuhren Schlitten und Ski. Im Sommer lagen wir am Baggersee in der Sonne, badeten und sprangen in das kalte Wasser. Auch mit den Legosteinen spielten wir immer wieder mal.
Viele Abenteuer erlebte ich entweder in den spannenden Büchern, die ich mir kaufte, oder in Spielfilmen. Der Bruder eines Freundes bekam nämlich immer wieder die neuesten Filme auf VHS-Kassetten. Dabei waren auch brutale Zombie- oder Horror-Filme ab 18. Aber die Altersfreigaben beachtete eigentlich niemand von uns. So habe ich schon mit 12 Jahren den Film „Tanz der Teufel“ und viele Zombiefilme gesehen. Natürlich probierten wir auch das Zigarettenrauchen aus, was, trotzt der besten Maßnahmen die wir ergriffen, um den Geruch zu verbergen, natürlich von Mutter und Oma bemerkt wurde. Alles in allem war es eine schöne und sorgenfreie Zeit. Das Erlebnis mit dem Bild hatte ich damals schon lange verdrängt. Gott war in meinem Leben nicht mehr wichtig. Die Gottesdienstbesuche und Beichten wurden mit der Zeit immer seltener.
